Herzlich willkommen bei uns Wortkriegern @Rebecca,
ich habe deine Geschichte schon gestern gelesen gehabt, dann aber deswegen dir noch kein Feedback gegeben gehabt, weil ich erst einmal abwarten wollte, ob du auf die Kritik von Placidus und Jaylow reagierst.
Übrigens ganz kurz hier etwas Technisches: Wenn du deine Geschichte umschreiben, verbessern und korrigieren willst, findest du einen sog. Bearbeitungsbutton, der dir dann den Zugang zu Änderungsmöglichkeiten ermöglicht. So kannst du an deiner Geschichte arbeiten.
Ich kann mich vollumfänglich der Kritik, die dir Placidus geschrieben hat, anschließen und noch folgendes anfügen:
Der Brief ist insgesamt viel zu langatmig formuliert. Das Problem, wenn man einen Brief, als Plotträger in eine Geschichte einweben will ist, ähnlich wie bei der wörtlichen Rede, dass man einen geschickten Extrakt aus elementaren Aussagen und Handlung bildet, um einerseits den Briefeschreiber charakterisieren zu können, andererseits aber durch seine Aussagen die Geschichte vorantreibt.
Einen Brief eins zu eins zu zitieren ist meist deswegen nicht sinnvoll, weil kaum jemand, speziell bei hochemotionalen Dingen, konstruktiv schreibt, sondern meist ein gewisses Durcheinander an Gefühlen schildert. Ein persönlicher Brief ist halt keine Tabelle, wo solide Punkt für Punkt aufgelistet steht.
Wenn du aber hingehst und solche teils sprunghaft in einem Brief gemachten Aussagen konsequent Wort für Wort wiedergibst, läuft so ein Text für den Leser Gefahr, ihn zu langweilen.
So habe ich es bei diesem Brief empfunden. Franklin mäandert hin und her, wiederholt sich, greift nochmals eine und dann die nächste Facette des Scheiterns der Beziehung auf und bringt dabei nichts Neues. Ja, so schreiben wir sicherlich ebenfalls hochemotionale Briefe, aber eben hier packst du es ja in die Kunstform einer Kurzgeschichte. Da muss noch mehr verdichtet werden.
Ich würde also dazu raten, nochmals den Brieftext daraufhin durchzugehen, was für Aussagen Franklin im Kern machen wollte.
Da ist einmal der Hinweis, dass er sich komplett überfordert gefühlt hat in der Beziehung. Weshalb? Entweder weil die Protagonistin im zu viel war oder weil er ganz grundsätzlich Nähe und Liebe zwar zulassen, aber nicht halten kann? Das wird hier nicht so ganz klar.
Vielleicht muss es das auch nicht, aber dazu ist mir das, was Franklin schreibt viel zu analythisch, ich traue ihm also deutlich mehr sicheres Wissen über seine Person zu. Zum Teil wirken die Sätze so als spräche ein Psychologe oder Therapeut über sich selbst.
Dann aber gerät sein Brief teils wieder aus den Fugen und man merkt, dass er meint, nochmals ansetzen zu müssen. Weshalb? Wo liegen denn da seine Zweifel, nachdem er vorher so klar war?
Ich würde also nochmals gründlich überlegen, was genau er aussagen will und wie weit er selbst sich erkennt und einschätzt und ob er vielleicht an bestimmten Stellen Brüche hat oder nicht. Der Brief wirkt insoweit auf mich unrund.
Ich hoffe, du verstehst, wie ich es meine.
Jetzt folgen die Dinge, die mir beim Durchlesen aufgefallen sind:
Sie stieg aus dem Auto und lief zur Klippe, vor ihr bereitete sich das Meer aus.
vor ihr breitete sich das Meer aus. Bereiten meinst du ja nicht.
. Sie lauschte den Wellen und schaute in die Ferne.
Wenn du andeuten willst, dass sie deswegen an der Klippe steht, um sich eventuell umzubringen, dann passt dieser Satz hier nicht. Denn dann ist man aufgewühlt und das Herz läuft auf Touren und so weiter und steht dann nicht da und lauscht den Wellen. Das wäre für mich ein absolut ruhiger Moment, in dem man bei sich ist und eben nicht kurz vor einem Selbstmord steht.
Dann griff sie in ihre Hardrock Jeansjacke, die sie zusammen mit Franklin ergattert hatte in ihrer letzten Tour nach New York, und holte ein Blatt Papier heraus - ein Brief mit ihrem Namen darauf.
Mich hat wie jemand zuvor der Hinweis auf die Hardrock Jeansjacke gestört und das in zweierlei Hinsicht.
Wenn ich schreibe:
Er trug eine braune breitgerippte Cordhose dann fragst du dich als Leser: "Ja und? Wozu muss ich das jetzt wissen?" Und wenn ich dir dann nicht im Laufe des Textes dazu eine Antwort gebe, z.B. weil das die Hose war, die seine Partnerin schon immer an ihm gehasst hat oder die er zuvor aus dem Altkleidercontainer gezogen hat, dann bleibt diese anfängliche Info einfach in der Luft hängen.
Hier machst du es einerseits richtig, weil du den Kauf der besonderen Jeansjacke mit dem Glück Franklin ergattert zu haben, verbindest. Vom Grundgedanken her also schon richtig gedacht und so könnte man es auch im Prinzip machen.
Aber hier bringst du zwei Dinge zusammen, die mich auf eine völlig falsche Fährte locken. Ergattert ist so ein eher auf rein kommerzielle Ziele gerichtetes Wort und die Kombination Jeansjacke mit Franklin gibt der ganzen Beziehung und Begegnung etwas total Oberflächliches. Der Brief, der dann folgt ist aber von seinem Inhalt her tragisch zu sehen und soll auch hoch bedeutungsschwanger sein. Das passt von der Stimmung her nicht zusammen. Soll ich mir eine flippige Protagonistin vorstellen? Im Brief wird sie ganz anders beschrieben.
Sie hatte diesen Brief vor ein paar Tagen unter ihrem Kopfkissen gefunden.
Ok, aber hier frage ich mich als super neugierige Frau, wieso diese andere Frau nicht auch so neugierig ist und das Schriftstück sofort gelesen hat. Es wäre also an dieser Stelle durchaus angebracht, etwas über die Protagonistin zu sagen. Weshalb hat sie so lange gezögert? Welche Ängste haben sie davon abgehalten, früher zu lesen? Was sind ihre Gefühle?
Sie faltete den Brief nicht sofort auf,
Ich empfinde dies hier als etwas ungenau, einen Brief kann man eigentlich nicht auseinanderfalten, es sei denn, es handelt sich um diese vor 50 Jahren üblichen Luftpostbriefe, die tatsächlich nur aus einem besonders zugeschnittenen Blatt Papier bestanden und gefaltet und an den Enden geklebt versendet wurden. Sei ruhig exakter. Sie zog das Papier aus dem Umschlag und entfaltete es. Oder sie hatte von vorne herein nur das Papier in Händen und entfaltet es.
Der Wind spielte mit dem Papier, als wolle er ihr die Entscheidung abnehmen.
Ich finde dieser Satz ist dir gut gelungen. Ein schönes Bild.
Du hast mich zum Positiven verändert, doch ich werde immer der sein, zu dem ich von ihm gemacht wurde.
Hier habe ich mich gefragt, wen meint er?
"... zu dem ich von ihm gemacht wurde" wer soll das sein?
In den letzten Jahren hast du soviel für mich gegeben, dass du dich selbst dabei verloren hast.
Diese hochverdichtete psychologische Studie über sich selbst und die Protagonistin schwankt hin und her und ich weiß im Grunde genommen nicht, was er ausdrücken will. Bei mir kommt durchaus als Info an, dass er sich entschuldigt. Vermutlich für sein Verschwinden, aber entschuldigt er sich auch noch für mehr als das?
Zuerst wollte ich es nicht wahrhaben, denn was sich so gut anfühlte, konnte doch nicht schlecht sein, oder?
Schau hier. Ich möchte am liebsten ganz ketzerisch ihn fragen: Ja, was denn nun? Hat es sich nun in der Beziehung gut angefühlt oder kippte das alles irgendwann, weil es zuviel wurde. Wenn das so war, warum schreibt er das dann nicht so? Denn sonst ist er ja auch ganz dabei, jede Menge Analysen zu bringen.
Doch hat es sich für dich wirklich so gut angefühlt, wie es das für mich getan hatte?"
Auch hier komme ich nicht mit dieser Aussage klar. Für ihn hat es sich gut angefühlt? Wozu will er dann gehen? Oder will er gehen, weil er glaubt, es habe sich nicht für sie gut angefühlt? Aber wenn er so analythisch schreiben kann, wieso hat er dann nicht das Gespräch mit ihr gesucht?
Die Wohnung in der noch seine Abreise zu spüren war.
Gelungener Satz.
"Ich war feige. Nicht einmal mutig genug, dir das ins Gesicht zu sagen.
Hier kommt nichts Neues. Hier lamentiert er und genau das führt bei mir zu langer Weile.
Du hast mir die Stirn geboten, als alle anderen gegangen sind.
Aha? Jetzt frage ich mich, welchen Konflikt hatten sie denn schon in der Beziehung, dass sie ihm die Stirn bietet. Und passt das alles zusammen? Sie ist einerseits diejenige, die sich verbogen hat für ihn und dann doch die Stirn bieten.
Wenn man Figuren für eine Geschichte als Autor erschafft, kann man sicherlich frei jede Menge Eigenschaft ersinnen, um die Figuren damit auszustaffieren. Das ist ja das Faszinierende am Schreiben, dass wir unsere eigenen Welten ersinnen können.
Aber die Figuren sollen entweder wirklichkeitsnah wirken und dann kann man sich nicht freiflottierend an allen möglichen Charaktereigenschaften bedienen oder sie sollen eben verrückt sein, ja dann ist der Himmel an widersprüchlichem Verhalten nach oben offen.
Was willst du hier erreichen? Ist Franklin verrückt? Oder ist er einfach nur ein Gescheiterter, der Nähe in einer Beziehung nicht aushält und deswegen flieht?
Ich habe dich verletzt, weil mir Liebe mehr Angst gemacht hat als Einsamkeit. Und jedes Mal habe ich dich ein Stück verloren.
Vielleicht ist hier der Kern deiner Aussage?
Dann lies sie den Umschlag los. Er segelte lautlos nach unten...
Das Ende gefällt mir gut, aber bitte nicht "lies" denn das Verb kommt von "lassen", also "ließ".
Dann schreibst du an Placidus und ich erlaube mir, dazu ebenfalls zu antworten:
Deine Anmerkungen nehme ich sehr ernst und ich kann gut nachvollziehen, was du meinst. Die Geschichte existiert für mich natürlich komplett im Kopf - für die Leser aber nicht. Dass dadurch Unklarheiten entstehen, sehe ich jetzt viel deutlicher.
Das ist ein Problem, das uns allen immer mal wieder passiert und ganz besonders Anfängern. Das ist ganz normal und dem kann man begegnen, indem man einen gewissen Abstand zum Text findet.
Meist macht es sehr viel Sinn, eine fertig geschriebene Geschichte eine ganze Zeit lang ruhen zu lassen, um sie z.B. nach einem Monat wieder hervorzuholen und um folgendes damit zu tun:
Man liest sie wie ein Leser, schlüpft also in die Leserrolle und zwar des kritischen Lesers. Auf diese Weise kann man erkennen, ob man Dinge vergessen hat, zu erwähnen, weil man dachte, die seien doch ganz klar.
Tatsächlich hatte ich den Text ursprünglich länger und habe viel gekürzt, weil ich dachte, die Geschichte könnte zu lang oder langweilig wirken.
Das ist eine gute Eigenschaft, wenn es einem gelingt, den eigenen Text auf Überlänge und Langweiligkeit hin zu überprüfen. Eine Eigenschaft, die du kultivieren solltest. Sehr gut.
Wenn du magst, würde mich interessieren, ob du einen Tipp hast: Kommt dieses Gespür dafür, was für den Leser wichtig ist und was nicht, mit der Zeit?
Das Gespür kommt, aber nicht über Nacht. Du kannst es schulen und zwar sogar hier sehr gut schulen.
Indem du Geschichten liest und liest und liest und dich jedes Mal fragst, was dir gefallen hat und was nicht. Und wenn du dann sogar noch, denn darum geht es ja hier bei uns Wortkriegern, einem Autoren dazu deine Ansichten und dein Feedback gibst, merkst du, dass das Aufschreiben einer solchen Rückmeldung noch eine Ecke intensiver ist, als nur das für sich selbst Drübernachdenken. Auf diese Weise kommt man sehr nahe an dieses Gespür, was eine gute Geschichte ausmacht.
Lieben Gruß
lakita