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Der Schalter
Leise und bedacht ging sie durch die dunklen Zimmer. Ihre nackten Füße verursachten kaum einen Laut auf den kalten Fliesen. Im Wohnzimmer verweilte sie im Türrahmen und sah von einem Möbelstück zum anderen. Das hatte sie auch bei allen anderen Zimmer getan. Er war überall gewesen, jede Stelle in diesem Haus erinnerte an ihn. Ein seufzen entglitt ihren Lippen als sie sich abwand um hinunter in ihr Zimmer zu gehen. Sie hasste diesen Raum. Es dauerte ein paar Minuten bis sie die Klinke berührte um die Tür zu öffnen. Als sie diese hinter sich schloss, brannte in ihr sofort wieder dieses beklemmende Gefühl. Angst schlich durch ihren Verstand, vernebelte die Sinne, bis sie sich einbildete ein Flüstern zu hören. Mit schnellen Schritten ging sie zum Lichtschalter und drückte diesen schon fast panisch. Sofort erstrahlte die Lampe an der Decke, sie musste die Augen zusammen kneifen um nicht geblendet zu werden. Mit dem Rücken zur Wand stand sie nun in einer Ecke, ihr Blick huschte von einem Winkel zum anderen. Ihr Atem beruhigte sich allmählich. Es gibt nichts vor dem ich weglaufen müsste. Alles ist gut. Sie wiederholte den Satz einige Male stumm, dann löste sie sich von ihrem Standort und setzte sich auf ihr Bett. Dieses verabscheute sie noch mehr. Ein angewiderter Blick viel auf die Kissen und Decken, doch diese lagen nur unschuldig vor ihr, schuldlos aber nicht rein, so wie sie es sein sollten. Sie waren Zeugen, Zeugen von etwas das sie einfach vergessen, verdrängen wollte…doch konnte sie es nicht.
„Ich tue das damit du siehst was andere Männer tun wenn du mich verlässt…“
Schreie.
„Du weißt doch das ich dich Liebe, ich will dir nicht weh tun, aber ich muss es…“
Beißen, kratzen, schlagen, nichts hilft…
Schrecklähmung.
„Andere Männer bringen die Frauen danach um…“
Wimmern, weinen, Stille.
„Alles wird gut, du wirst sehen morgen früh geht es dir besser. Schlaf jetzt."
Streicheln, Abneigung, Furcht.
Stumme Tränen flossen über ihre Wange, verschwanden in den Laken, so lautlos wie sie erschienen waren. In ihrem Kopf rotierten die Gedanken, nahmen sie zurück zu jenen Erlebnissen, ließen Bilder in ihrem Kopf erscheinen, sie hörte seine Stimme, fühlte seinen Körper, schmeckte seinen Mund. Ihr Körper erbebte, angewidert von Gefühlen und Erinnerungen. Sie warf sich in die Kissen, schluchzte und versuchte alles zu verbannen, was diese Schmerzen auslöste.
Nächster Morgen.
„Ich gehe jetzt, du weißt ich werde wieder kommen…“
Kopf schütteln.
„Wir lieben uns doch noch, wir werden uns immer lieben.“
Ein Blick voll Hass und Tränen.
„Schau mich nicht so an Liebling, es wird doch alles wieder gut.“
Eine Geste zur Tür. Er geht.
Zittern, weinen, Schmerzen im ganzen Körper.
Endlich war sie eingeschlafen. Noch heute, ein Jahr nach der schrecklichsten Nacht ihres Lebens, quälten sie Alpträume und ermöglichten ihr nicht mal im Schlaf zur Ruhe zu kommen. Immer und immer wieder erlebte sie die brutale Tat, spürte das Grauen, sah ihn vor sich.
Er verfolgte sie, verfolgte ihre Familie, drohte ihr, sie und sich selbst umzubringen, wenn sie nicht zu ihm zurück kam. Monatelang lauerte er ihr überall auf. Es wollte nicht aufhören. Sie ging zur Polizei. Die Gerichtsverhandlung war erst im nächsten Jahr. Sie wurde in den Saal gebeten, machte ihre Aussage und er sah sie dabei unbeirrt an. Es waren schlimme Momente, aber sie blieb stark und am Ende wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt. Jugendstrafe, er war damals noch nicht volljährig. Er wurde abgeführt und sah ihr ein letztes Mal in die Augen, nicht verliebt sondern bösartig. Doch sie lächelte, fühlte sich befreit und wusste, nachdem sie das geschafft hatte, würde sie alles andere auch schaffen. Sie versuchte seit diesem Augenblick ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. In manchen Nächten quälten sie immer noch dieselben Alpträume, doch sie lies sich davon nicht unterkriegen. Sie hatte sich aus seinen Klauen befreit und sie würde dafür sorgen, dass er nie wieder eine solche Macht über sie erlangen würde.
„Erzählen sie mir von ihm.“
„Er war meine erste Jugendliebe, er war so aufmerksam, so zärtlich und liebevoll. Jeder mochte ihn, auch meine Familie. Ein halbes Jahr waren wir sehr glücklich. Doch dann merkte ich, dass er immer krankhafter wurde, immer eifersüchtiger und seine Liebe war fast schon wie eine Fessel die mich an ihn kettete. Dann legte sich bei ihm ein Schalter um, er schlug mich. Fast jeden Tag. Ich sagte ihm dass die Beziehung beendet sei.“
„Wie hat er darauf reagiert?“
„Er wollte es nicht wahrhaben und überredete mich jedes Mal es nochmal zu probieren, er sagte er würde sich ändern.“
„Das hat er aber natürlich nicht.“
„Nein, nie. Als ich ihm dann sagte, dass es endgültig vorbei war, passierte das, was ich vorher noch nie so erlebt hatte…“
„Keine Angst, erzählen sie ruhig.“
„Er ging auf mich los und…und…“ Sie erblasste.
„Schon gut, sie müssen heute noch nicht alles erzählen.“
„Ich glaube das ist besser.“
„Er wird bald entlassen werden, haben sie Angst?“
„Ja, sehr sogar.“ Ihr Blick zeigte den puren Hass. „Aber ich habe mir eines geschworen: Sollte er mir noch einmal zu nahe kommen, noch einmal versuchen mir etwas zu tun, sollte sich der Schalter wieder umlegen, dann stelle ich ihm den Strom ab.“

