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Der Schalter

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22.12.2008
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Der Schalter

Leise und bedacht ging sie durch die dunklen Zimmer. Ihre nackten Füße verursachten kaum einen Laut auf den kalten Fliesen. Im Wohnzimmer verweilte sie im Türrahmen und sah von einem Möbelstück zum anderen. Das hatte sie auch bei allen anderen Zimmer getan. Er war überall gewesen, jede Stelle in diesem Haus erinnerte an ihn. Ein seufzen entglitt ihren Lippen als sie sich abwand um hinunter in ihr Zimmer zu gehen. Sie hasste diesen Raum. Es dauerte ein paar Minuten bis sie die Klinke berührte um die Tür zu öffnen. Als sie diese hinter sich schloss, brannte in ihr sofort wieder dieses beklemmende Gefühl. Angst schlich durch ihren Verstand, vernebelte die Sinne, bis sie sich einbildete ein Flüstern zu hören. Mit schnellen Schritten ging sie zum Lichtschalter und drückte diesen schon fast panisch. Sofort erstrahlte die Lampe an der Decke, sie musste die Augen zusammen kneifen um nicht geblendet zu werden. Mit dem Rücken zur Wand stand sie nun in einer Ecke, ihr Blick huschte von einem Winkel zum anderen. Ihr Atem beruhigte sich allmählich. Es gibt nichts vor dem ich weglaufen müsste. Alles ist gut. Sie wiederholte den Satz einige Male stumm, dann löste sie sich von ihrem Standort und setzte sich auf ihr Bett. Dieses verabscheute sie noch mehr. Ein angewiderter Blick viel auf die Kissen und Decken, doch diese lagen nur unschuldig vor ihr, schuldlos aber nicht rein, so wie sie es sein sollten. Sie waren Zeugen, Zeugen von etwas das sie einfach vergessen, verdrängen wollte…doch konnte sie es nicht.
„Ich tue das damit du siehst was andere Männer tun wenn du mich verlässt…“
Schreie.
„Du weißt doch das ich dich Liebe, ich will dir nicht weh tun, aber ich muss es…“
Beißen, kratzen, schlagen, nichts hilft…
Schrecklähmung.
„Andere Männer bringen die Frauen danach um…“
Wimmern, weinen, Stille.
„Alles wird gut, du wirst sehen morgen früh geht es dir besser. Schlaf jetzt."
Streicheln, Abneigung, Furcht.

Stumme Tränen flossen über ihre Wange, verschwanden in den Laken, so lautlos wie sie erschienen waren. In ihrem Kopf rotierten die Gedanken, nahmen sie zurück zu jenen Erlebnissen, ließen Bilder in ihrem Kopf erscheinen, sie hörte seine Stimme, fühlte seinen Körper, schmeckte seinen Mund. Ihr Körper erbebte, angewidert von Gefühlen und Erinnerungen. Sie warf sich in die Kissen, schluchzte und versuchte alles zu verbannen, was diese Schmerzen auslöste.

Nächster Morgen.
„Ich gehe jetzt, du weißt ich werde wieder kommen…“
Kopf schütteln.
„Wir lieben uns doch noch, wir werden uns immer lieben.“
Ein Blick voll Hass und Tränen.
„Schau mich nicht so an Liebling, es wird doch alles wieder gut.“
Eine Geste zur Tür. Er geht.
Zittern, weinen, Schmerzen im ganzen Körper.

Endlich war sie eingeschlafen. Noch heute, ein Jahr nach der schrecklichsten Nacht ihres Lebens, quälten sie Alpträume und ermöglichten ihr nicht mal im Schlaf zur Ruhe zu kommen. Immer und immer wieder erlebte sie die brutale Tat, spürte das Grauen, sah ihn vor sich.

Er verfolgte sie, verfolgte ihre Familie, drohte ihr, sie und sich selbst umzubringen, wenn sie nicht zu ihm zurück kam. Monatelang lauerte er ihr überall auf. Es wollte nicht aufhören. Sie ging zur Polizei. Die Gerichtsverhandlung war erst im nächsten Jahr. Sie wurde in den Saal gebeten, machte ihre Aussage und er sah sie dabei unbeirrt an. Es waren schlimme Momente, aber sie blieb stark und am Ende wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt. Jugendstrafe, er war damals noch nicht volljährig. Er wurde abgeführt und sah ihr ein letztes Mal in die Augen, nicht verliebt sondern bösartig. Doch sie lächelte, fühlte sich befreit und wusste, nachdem sie das geschafft hatte, würde sie alles andere auch schaffen. Sie versuchte seit diesem Augenblick ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. In manchen Nächten quälten sie immer noch dieselben Alpträume, doch sie lies sich davon nicht unterkriegen. Sie hatte sich aus seinen Klauen befreit und sie würde dafür sorgen, dass er nie wieder eine solche Macht über sie erlangen würde.

„Erzählen sie mir von ihm.“
„Er war meine erste Jugendliebe, er war so aufmerksam, so zärtlich und liebevoll. Jeder mochte ihn, auch meine Familie. Ein halbes Jahr waren wir sehr glücklich. Doch dann merkte ich, dass er immer krankhafter wurde, immer eifersüchtiger und seine Liebe war fast schon wie eine Fessel die mich an ihn kettete. Dann legte sich bei ihm ein Schalter um, er schlug mich. Fast jeden Tag. Ich sagte ihm dass die Beziehung beendet sei.“
„Wie hat er darauf reagiert?“
„Er wollte es nicht wahrhaben und überredete mich jedes Mal es nochmal zu probieren, er sagte er würde sich ändern.“
„Das hat er aber natürlich nicht.“
„Nein, nie. Als ich ihm dann sagte, dass es endgültig vorbei war, passierte das, was ich vorher noch nie so erlebt hatte…“
„Keine Angst, erzählen sie ruhig.“
„Er ging auf mich los und…und…“ Sie erblasste.
„Schon gut, sie müssen heute noch nicht alles erzählen.“
„Ich glaube das ist besser.“
„Er wird bald entlassen werden, haben sie Angst?“
„Ja, sehr sogar.“ Ihr Blick zeigte den puren Hass. „Aber ich habe mir eines geschworen: Sollte er mir noch einmal zu nahe kommen, noch einmal versuchen mir etwas zu tun, sollte sich der Schalter wieder umlegen, dann stelle ich ihm den Strom ab.“

 

Hallo Alizee,

sehr aufwühlender Text über das Gewalt, Stalking und die dadurch ausgelösten Hass- und Ohnmachtsgefühle.

Überlege einmal, ob die Geschichte auch mit dem dritten Satz anfangen kann.

Vielleicht fällt mir später mehr dazu ein.

Gruß Set

 

Hallo,

lieb das du zu beiden Geschichten noch schreibst, obwohl du so viel Uzo getrunken hast :)
Ich habe festgestellt, dass es wirklich besser klingt wenn ich mit dem dritten Satz anfange, dankeschön ;)
Dann warte ich mal ab was dir noch einfällt, ich hoffe doch mehr positiv als negativ

LG
Alizee

 

Hallo Alizee,

also, jetzt habe ich doch die ersten beiden Sätze verpasst, die Set Dir schon ausgeredet hat, na ja ;)

Deine Geschichte hat mich sehr berührt, sie geht richtig unter die Haut und man kann die Angst und die Verzweiflung Deiner Prota spüren und mitfühlen.
Sehr emotional geschrieben!

Die Abneigung gegen ihr Zimmer, gegen alle Orte, wo er war, die ständige Präsenz, die sie spürt. Das alles ist sehr nachvollziehbar.
Zum Glück gibt es mittlerweile ein Anti-Stalking-Gesetz, aber ich weiß nicht, inwieweit es in der Praxis angewandt und umgesetzt wird. Ich glaube, die Polizei tut sich mancher Orts noch schwer damit. Obwohl das Problem nicht zu verharmlosen ist und Opferschutz dringend notwendig, bevor es zum Äußersten kommt.

Da packst Du ein heißes Eisen an und das ist gut so.

LG
Giraffe.

 

Hallo Giraffe,

danke für deinen Beitrag zu meiner Geschichte :)
Es ist die erste Kurzgeschichte, bei der ich mich selbst loben würde. (Obwohl das ja bekanntlich stinken soll *g*)
Du hast Recht, es ist ein heikles Thema und wird leider viel zu oft tod geschwiegen. Selbst die Opfer, gehen oft nicht zur Polizeit oder erzählen niemanden davon. Genau deswegen habe ich dieses Thema gewählt um deutlich zu machen, dass es für die Opfer kein Tabu sein sollte darüber zu reden. Im Gegenteil. Es ist schwer, aber hilfreich darüber zu sprechen. Außerdem sollte die Gesellschaft nicht weg schauen. Es gibt solche Ereignisse, sogar sehr häufig und das sollte einem klar sein.
Auch wenn das Thema nicht schön ist, freut es mich das ich es dir näher bringen konnte und das die Gefühle der Prota. nachvollziehbar und realistisch wirken.

LG
Alizee

 

hallo Alizee,

mir fällt weiter nichts ein; ist einfach gut geschrieben. Ich habe die Geschichte nun mit viel Abstand noch einnmal gelesen.
Es wäre natürlich auch interessant, warum der Täter so geprägt ist, aus welcher inneren Struktur heraus er so handelt. Da aber in unserer Gersellschaft ein großes Übergewicht an Täterpsychlologie und Täterfürsorge und Tätertherapie und und und besteht und kaum jemand dabei an die Opfer denkt oder sich gar um sie bemüht, ist es völlig legitim, wenn Du nur aus der Opferperspektive schreibst. Auch den Schluß finde ich gut; daß die Angst, die das Opfer durchgemacht hat, die fehlende Unterstützung von anderen, am Ende (endlich!!!) zu Aggression und Wut führen: "dann stelle ich ihm den Strom ab."- Das verbreitete Therapieziel und Moralgebot, "Du sollst Deinem Missetäter verzeien," ist blanker Unsinn. Ich fürchte, damit wird das Opfer nur in der Opferrolle festgehalten - bis zum nächsten Mal. Die innere Bereitschaft, sich genauso enthemmt zu wehren wie der Täter angreift, ist der eigentliche Erfolg, der sichert, daß der nächste Täter keine Chance hat. Denn bis zu dieser Stelle hat das Opfer ja durch seine Aggressionshemmung die Gewalt ermöglicht. Deswegen finde ich auch den letzten Satz gut.

Gruß Set

 

Hallo Set,

Freut mich das dir die Geschichte gefällt.
Also ich habe jetzt lange darüber nachgedacht, was du über den Täter geschrieben hast. Ich könnte die Gedanken / Gefühle des Täters schreiben, doch... ich muss dir ganz ehrlich sagen das ich zu dem Schluss kam es zu lassen. Du hast ja schon erwähnt das es viel Täterfürsorge etc. gibt. In meiner Geschichte möchte ich nur die Sicht des Opfers darstellen, dem Täter will ich überhaupt nicht so viel Aufmerksamkeit zukommen lassen, in meinen Augen hat das kein Täter verdient. Ich kann verstehen das es sicherlich interessant wäre, auch die Sicht des Täters zu beschreiben, aber ich bin dazu nicht in der Lage.

<"Du sollst Deinem Missetäter verzeien," ist blanker Unsinn. Ich fürchte, damit wird das Opfer nur in der Opferrolle festgehalten - bis zum nächsten Mal.>

Damit hast du vollkommen recht, deswegen habe ich mich bewusst dazu entschieden die Geschichte nicht damit enden zu lassen, das das Mädchen verängstigt im Selbstmitleid versinkt und nie wieder an das Licht am Ende des Tunnels glaubt. Verzeihen wird man so einem Menschen wahrscheinlich nie können, das wichtigste ist dem Täter zu zeigen das er keine Macht mehr hat.

Danke fürs lesen :)

LG
Alizee

 

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