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Der Vagabund

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24.06.2001
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Der Vagabund

Ich erinnere mich kaum mehr an den besagten Tag, als sich in meinem Leben alles ändern sollte, was bisher Bestand gehabt hatte. Es war ein warmer und sonniger Tag im Sommer, wenn ich mich recht erinnere, so glaube ich, dass es Juli gewesen ist. Aber das ist ja auch nicht wichtig. Ich ging, wie damals so oft, meiner liebsten Beschäftigung in der Freizeit nach: dem Wandern. Es wehte nur ein leichter lauer Wind über den Hügeln, der die stehende stickige Luft kaum in Schwingungen versetzen konnte und das Korn stand gleichmässig wogend auf den Feldern vor den Toren des kleinen Dorfes, das ich meine Heimat nannte. Die Sonne glühte heiß und durchdringend und brannte auf mich nieder, wie ich auf abgelegenen Pfaden dahinschritt und meine Seele baumeln ließ. Die ganze Welt sah aus, als hätte sie ein Goldschmied liebevoll aus einem Stücke gegossen, um seinen Lebenstraum zu verwirklichen. Beinahe wie im Märchen. Ich erinnere mich, dass die Grillen im Gras und im Gebüsch der kleinen Wälder zirpten, nur um zu zeigen, dass sie da sind, dass es sie gibt. Und über allem thronte der wolkenlose blaue Himmel und zeigte den Menschen, was Freiheit wirklich ist. Die frische Luft einzuatmen und in den Lungen zu spüren und zu gehen, wohin die Beine trugen. Irgendwo in der Nähe hatten Kinder ein Zeltlager aufgebaut und riefen vergnügt und heiteres Lachen wogte zu mir hinüber, wenngleich ich sie nicht sehen konnte. Mein Herz war glücklich und ich war mir sicher, dass ich das Leben genoss. Nachdem ich einen Hügel erklommen hatte, wurden die Schritte leichter und mein Gang wieder entspannter. Es war herrlich zu leben und ein Teil des Ganzen zu sein! Der Weg sollte mich inmitten der Natur um das Dorf herum und schließlich wieder hinein ins vergnügliche Getummel der Meschen führen, denen ich für einen Augenblick den Rücken zukehrte. Ich hatte das freie Feld erreicht und sah von weitem die Häuser und den Kirchturm des Dorfes, als ich einer Bewegung hinter mir gewahr wurde. Mein Kopf fuhr herum und ich wäre wohl davongerannt, wenn ich nicht zu erschrocken gewesen wäre, hier draußen auf einen weiteren Menschen zu stoßen. Doch es war nicht die Tatsache, dass sich ein weiterer Mensch in die Abgeschiedenheit verirrt hatte, die ich aufsuchen wollte, nein, der Grund, aus dem ich verharrte war, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Menschen handelte, dem man täglich auf der Straße begegnete. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Entspannt saß er auf einer grün bemalten Bank inmitten von Büschen, die alte Leinentasche neben sich gestellt und schaute an mir vorbei auf das Feld und weiter auf das Dorf hinaus. In der rechten Hand hielt er einen Füllfederhalter, ein leeres Büchlein lag auf seinem Schoß und an die Bank gelehnt stand eine Gitarre. Er erschien mir ganz in Gedanken verloren, wie er seinen schweifenden Blick so auf die friedlichen Häuser geheftet hatte. Solche Menschen nannte man Vagabunden oder Landstreicher, weil sie kein Heim und keinen Herd besaßen und man fürchtete sich vor ihnen, weil man so wenig über sie wusste. Seine Schuhe waren abgenutzt und Löcher kamen zum Vorschein, als er ein Bein über das andere legte und mich selbst dann nicht zur Kenntnis nahm, als ich stehenblieb. Wenn ich heute an diesen Augenblick zurückdenke, so frage ich mich noch immer, warum ich nicht weitergegangen, ja, warum ich nicht Reißaus genommen habe vor der verfilzten und verlausten Gestalt. Etwas fesselte mich, dass ich wohl mit Kindheitstagen verband. Ein Hauch von Geheimnis und Abenteuerlust, der Wunsch, einfach aufzubrechen und nicht wiederzukommen. Ich sehnte mich danach, ihn auf der Gitarre spielen zu hören, wie seine Finger sanft die Saiten zupften und rasch darüberstrichen und die Melodie durch unsere Lande zog, um die Harmonie zur Perfektion gedeihen zu lassen. Auch heute noch wünscht ein Teil von mir, er hätte sein Spiel gehört - Ausdruck eines Lebens in absoluter Freiheit und im Einklang mit sich selbst. Ich wollte ihn fragen, wie sein Name laute, was er dort in der Einsamkeit notiere, ob er nicht nur einmal auf der Gitarre spielen könnte, doch mein Mund blieb stumm. Gebannt stand ich so da und ich war Luft für ihn. Ich galt für ihn nicht mehr als die Bäume und Sträuscher und Büsche um ihn herum. Schien nichts Besonderes zu sein. Dies Bild werde ich nie vergessen und nie verbannen aus der Erinnerung. So ging ich weiter und wollte doch bleiben und schaute zurück als ich weiterging und mich die eigenen Füße in Sicherheit brachten. Ich wollte zurückgehen, mich an seine Seite setzen und in sein Lied einstimmen, doch etwas unterdrückte den Versuch, das stärker war als meine Willenskraft. Und wenn ich darüber nachdenke, so bin ich dankbar. Auch aus der Ferne sah der Fremde mir nicht nach, den Blick starr auf das Dorf gerichtet. Nur seine Hand bewegte sich nun und schrieb und schrieb und füllte Zeilen in seinem Notizbuch, als würde sie von einer fernen Macht gelenkt. Ich sah noch seinen Strohhut in den Büschen bis sich der Weg im Wald verlor und ich ihn nicht mehr erkannte. Mein Weg führte mich direkt nach Hause in mein trautes Heim und zu den lieben Menschen, die mich umgeben. Doch meine Gedanken blieben bei dem Vagabunden und in der Phantasie saß ich neben ihm und rauchte zufrieden Pfeife, während ich das Lied der Freiheit mit ihm sang. In der Nacht fand ich keinen Schlaf, denn kaum war ich eingeschlummert, sah ich das Bild des Vagabunden vor mir. Wie er allein auf der Gitarre spielte und auf die Nacht wartete. Und immer wieder sah ich, wie er sich auf Zehenspitzen um ein Zeltlager schlich und zu den Zelten starrte. Und wie er näher kam und die Zeltwände beinahe mit den Fingerspitzen berühren konnte, wenn er den Arm nach ihnen ausgestreckt hätte. Und wie er durch die Lüftungsschlitze die Kinder betrachtete und sich sein Gesicht in eine grinsende Fratze verwandelte, die hart war wie Stein und in der nichts Menschliches mehr aufzufinden war, so sehr man auch danach suchte. Und wie die Klinge seines Dolches im Mondenlicht glänzte und seine Finger sie liebkosten, als er den Zelten ganz nahe war. Und wie er das Messer in der Faust erhob und die Hand den Reißverschluss des ersten Zeltes ergriff und leise nach oben zog. Immer an dieser Stelle war ich erwacht und immer nach demselben schlimmen Traum. Währenddessen lag meine Frau ruhig und gleichmässig atmend neben mir im Bett und ich konnte sehen, wie sich ihr Brustkorb hob und senkte, als ich mit vor Schrecken weit geöffneten Augen neben ihr lag und am ganzen Körper schwitzte und zitterte.
Am nächsten Morgen in der Frühe zog es mich hinaus zum Weg, den ich am Tage zuvor gegangen war. Die Schatten lagen noch schwer über den Pfaden und die Wälder waren noch dunkel, Stille rings um mich herum. Von dort, wo ich das Zeltlager vermutete, kam kein Geräusch, weil es, wie ich mir sagte, noch viel zu früh am Tage sei. Auch der Fremde saß nicht mehr auf der Bank, die vom Regen, der in der Nacht gefallen war, noch feucht war und deren Farbe abblätterte. Gestern hatte ich geglaubt, sie wäre erst vor kurzem neu gestrichen worden, doch ich musste mich geirrt haben. Ich kam also näher und immer näher heran und nun konnte ich auch die ersten Geräusche von Menschen vernehmen, wie sie hinter dem Gestrüpp miteinander sprachen und sich gegenseitig begrüßten. Insgeheim war ich erleichtert, denn alles war in Ordnung und die Welt so wie ich sie am Abend zuvor verlassen hatte. Als der Waldweg eine Biegung vollzog und man nicht erspähen konnte, was dahinter lag, konnte ich die Stimmen noch deutlicher vernehmen. Doch es waren keine Kinderstimmen, sondern die von Erwachsenen. Ich lauschte angestrengt und konnte Wortfetzen erheischen, ohne deren Sinn zu verstehen. Oder ich wollte nicht verstehen. "... unglaubliches Verbrechen", "... nur für Menschen, die so etwas tun...", "... bin selber Vater...", "... bestialisch, wie ein Tier...". Ich begriff nicht, was hier vor sich ging und ich begriff es immer noch nicht, als ich beinahe mit einem parkenden Polizeiwagen zusammenstieß, der verlassen mit weit geöffneten Türen, als wäre Eile geboten gewesen, am Rand des Waldwegs stand. Dann langsam erfasste mich die grausame Wahrheit, als ich stolpernd, unsicheren Schrittes, das freie Feld erreichte und die Zelte einsam und, wie es schien verlassen, vorfand. Die Menschenmasse, die sich vor dieser Stätte versammelt hatte, stand dichtgedrängt, um einen Blick auf die geöffneten Zelte werfen zu können. Manche schluchzten und manche stießen Schreie der Verzweiflung und Empörung aus. Wenige schrien auch aus Wut. Meine Schritte brachten mich näher und ich erkannte die wie Segel im Winde wehenden Zeltwände nun deutlich. Beinahe schon zu deutlich, zu wirklichkeitsnah. Doch das war die Wirklichkeit. Niemand bemerkte mich, als ich zu den anderen trat, mit ungläubigen Augen die leblosen Beine sah, die aus einem der olivfarbenen Zelte ragten. Und wie ich die Beamten bei der Spurensuche beobachtete. Und wie man eine blutverschmierte Gitarre aus dem Unterholz barg und einen Füllfederhalter und ein kleines Notizbuch, in dem nur ein einziger Satz stand.
"Die Freiheit ist grenzenlos!"
Ich trat schwankend und hilflos um Fassung bemüht aus der Menge und begab mich auf den Heimweg. Mein Blick blieb ausdruckslos, als ich an der verblassenden Bank vorbeikam und ihr keine Beachtung schenkte. Denn mein Blick blieb auf das Dorf geheftet, das von alledem noch nichts wusste und sich noch freute auf den neuen Sommertag.

Tobias Rösch

 
W

Wernerhans

Guest

Lieber Toby,

kein schöneres Geschenk hätte mir werden können, heute morgen, als die Lektüre deiner neuen Geschichte, die ich fesselnd und spannend finde.
Wenn man schon viele Texte gelesen hat, registriert man sehr aufmerksam die eigene innere Reaktion beim Lesen. Und ich empfand bei der Lektüre dieses Textes inneres Wohlbehagen. Ich weiß nicht, ob das ein Gradmesser ist für literarische Qualität, aber für mich persönlich als Leser ist es ein wichtiger Punkt, wie ich auf einen Text reagiere.
Zunächst ist da einmal die sehr gelungene Beschreibung der Natur, die anschaulich ist, manche würden sagen, hergebrachter, konservativer Erzählstil, aber das ist dummes Zeug. Es ist ein Erzählen, bei dem die geschaute Natur selbst lebendig wird und das den Leser mit hineinführt in diese Natur.
Dann aber, und das ist das Wesentliche, wird der Leser hineingenommen in eine schwebende Beurteilung des Vagabunden. Zunächst einmal hat man da ein positives Bild, vor allem das Zubehör des Mannes, Füllfederhalter, Notizbuch, Gitarre, weisen ihn als Künstler aus, der sich vom bürgerlichen Establishment distanziert hat. Wer denkt hierbei nicht an den Taugenichts von Eichendorff.
Die eigentliche Handlung, die jetzt hier einsetzt, ist ganz geschickt auf die Traumebene verlagert. Die Vision des Verbrechens, die grauenvolle Tat, wird als Traumgesicht vorgestellt und bewahrheitet sich am folgenden Tag auf das grausamste. Sehr schön die Einblendung der Frau, deren "Brustkorb sich hebt und senkt", vielleicht das Urbild der schützenden und bewahrenden Mutter. Und dann schließlich das Folgende, das nur skizzenhaft umrissen wird, die Wortfetzen der aufgebrachten Menschen und vor allem der einzige Eintrag im Notizbuch: "Die Freiheit ist grenzenlos." Dieser Stachel sitzt. Hier denkt der Leser weiter, ob er will oder nicht, er muss denken. Eben nicht grenzenlos ist die Freiheit. Immer da hat sie die Grenze, wo das Leben anderer Unschuldiger gefährdet oder bedroht ist. Das Beispiel der Kinderschändung ist dafür das denkbar-schlimmste.
Wie gesagt, ein guter Text, spannend erzählt und ohne unnötige Verrätselung, der Sinn gut erkennbar. Ein Text, den man nicht vergisst. Ich hab den Eindruck, als sei dieser Text spontan heruntergeschrieben. Vielleicht noch ein paar Bemerkungen zu seiner sprachlichen Beschaffenheit. "Nichts Menschliches" muss man großschreiben, "Reißverschluss" hat auch noch nach der Reform des scharfe ß. Achte auf klare Zeitstruktur. Am Anfang des Textes ist es eine Erinnerung an einen Tag, der lange zurückliegt, am Ende des Textes ist von "gestern" die Rede, und man hat auch als Leser das Gefühl, als ob man mitten drin sei im Geschehen, als ob das Ganze von frischester Aktualität sei. Diese Zeitverschiebung ist vielleicht gewollt, ich weiß nicht, aber auf jeden Fall ist sie vorhanden.

Ich warte mit Spannung auf Weiteres von Dir

Mit vielen herzlichen Grüßen

Hans Werner

 

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