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Der Wanderer im Nebel

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08.06.2021
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Der Wanderer im Nebel

Wie konnte ich nur so verblendet gewesen sein, mich zu dieser vermaledeiten Anstellung überreden zu lassen? Das war einer der üblichen Gedanken von Jonas, während er einen abendlichen Spaziergang durch den kleinen Ort machte. Ein verlockend klingendes Angebot eines Arbeitgebers hatte ihn vorschnell einen Vertrag unterzeichnen lassen. Nun saß er, mit seinen gerade mal 22 Jahren, an einem Standort irgendwo im Nirgendwo fest. Bis auf eine Tankstelle und einen kleinen Tante-Emma-Laden gab es hier absolut gar nichts. Noch vor drei Monaten hätte er jeden ausgelacht, der ihm erzählt hätte, dass er freiwillig Spaziergänge unternehmen würde. Da wusste er allerdings noch nicht, was für ein Ausmaß die Langeweile annehmen würde, wenn man sich Woche für Woche in einer Wohnung aufhielt, in der so ziemlich alles an Komfort fehlte. Die möblierte Einzimmerwohnung enthielt ein altes Radio und ein Telefon. Die Leitung reichte jedoch nicht für eine befriedigende Internetverbindung, weswegen Jonas einzelne Artikel auf seinen bevorzugten Forenseiten nur mit Beharrlichkeit lesen konnte. Der Empfang mit dem Handy war auch schlecht, dieser reichte gerade so, um Textnachrichten zu versenden. Er war erleichtert, einen großen Teil seiner Musik auf der Speicherkarte zu haben.

Die ersten beiden Monate hatte er viel mit Lesen verbracht, dieser Enthusiasmus war inzwischen jedoch leider verschwunden. Natürlich könnte er die Anstellung wieder kündigen, doch was dann? Große Ersparnisse hatte er bisher noch nicht anhäufen können, und auf die schnelle eine andere Anstellung zu bekommen war nicht gerade einfach. Außerdem graute ihn vor einem weiteren Umzug. Sich zu betrinken war leider auch keine gute Option. Die einzige Kneipe des Dorfes hatte nur am Samstagabend länger offen. An einem Abend hatte er versucht die alten deutschen Schlager, die dort in dauerschleife liefen, über sich ergehen zu lassen. Diese hätte er, mit einer menge Alkohol, vielleicht ertragen können, wenn ihm die Dorfbewohner mit ihren abfälligen Kommentaren und den herablassenden Blicken nicht deutlich zu verstehen gegeben hätten, dass er nicht willkommen war.

Der Sommer neigte sich dem Ende entgegen, was unter anderem für angenehm kühle Abende sorgte. Diese luden Jonas zu abendlichen Streifzügen durch den kleinen Ort ein, auch wenn er inzwischen schon fast jede Straße und jeden interessanten Fleck kannte. Heute entschied er sich, aus dem Bauch heraus, wieder für den Weg über den Dorfanger zu der kleinen Kirche. Mit etwas Musik auf den Ohren dachte er kurz daran, wie verwundert sein Psychiater wohl gewesen wäre, wenn er von seinen freiwilligen Spaziergängen erfahren hätte. Zumindest diesen Punkt konnte er auf der Seite positiver Ereignisse vermerken, damit diese wenigstens nicht vollkommen leer war. Ein kleines Lächeln schlich sich bei dem Gedanken in sein Gesicht. Vielleicht lag es an den Einwohnern, die bei beginnender Dämmerung in ihre Häuser verschwanden, dass er sich so unbeschwert durch die Gegend bewegen konnte.

Jonas überquerte das unebene Kopfsteinpflaster des Dorfangers, um an der Kirche vorbei, zum Eingang des Friedhofes zu gelangen. Seine Bewegungen hatten sich längst an den Rhythmus der elektronischen Musik angepasst, wodurch seine Aufmerksamkeit für seine Umgebung recht begrenzt war. So war es nicht verwunderlich, dass er erschrocken einen Satz zurück machte, als ihm die Gesichter von drei Jugendlichen gewahr wurden, die ihn fragend anschauten. Diese saßen auf der Parkbank, die direkt neben der schwarz gestrichenen Pforte zum Friedhof stand. Während er seine Kopfhörer entfernte, musterte er die drei Gestalten. Im Licht der Laterne wirkten ihre Gesichter strahlend hell, was aber wohl eher an dem Kontrast zur ihrer größtenteils schwarzen Kleidung lag. Mit diesem Kleidungsstil kannte sich Jonas nicht aus, konnte allerdings erkennen, dass die Sachen überwiegend aus Samt und Spitze bestanden. Die schwarzen Haare, höchstwahrscheinlich gefärbt, waren mit viel Sorgfalt zu aufwendigen Frisuren gestaltet worden. Die schwarz bemalten Lippen sorgten, zusammen mit dem dezenten schwarz unter den Augen, für ein androgynes, erhabenes Aussehen. Die Zugehörigkeit zur schwarzen Szene, Jonas hatte solche Leute zu seiner Schulzeit Grufties genannt, war nicht von der Hand zu weisen. Eine offene Weinflasche stand vor der Bank und der Rauch einer selbstgedrehten Zigarette, die lässig im Mundwinkel des Jugendlichen hing, der auf der rechten Seite der Bank saß, wehte zu Jonas herüber.

Die Stille wurde für einige Zeit nicht gebrochen. Jonas konnte sich weder überwinden weiter zu gehen noch irgendwas zu sagen. Schließlich war es der Raucher, der von den anderen den Spitznamen Kippe erhalten hatte, der das Schweigen mit einem „Was machst Du denn nach Sonnenuntergang noch draußen?“ brach. Jonas zögerte kurz, bevor er erst ein: „Öhm… gehe nur etwas Spazieren.“ erwiderte und nach einem kurzen Zögern noch ein „Und was macht Ihr?“ hinzufügte. Mit einem breiten Grinsen, das nicht zu dem gewollt düsteren Äußeren passte, kam die Antwort zusammen mit einer ausladenden Geste: „Die Herrschaften Bordeaux, Marsala und Kippe warten auf ihre Kutsche zum jährlichen Ball der Untoten“.

Angesteckt von dem Grinsen fragte Jonas scherzhaft, an wen man sich denn wenden müsste, um ebenfalls eine Einladung zu diesem Ball zu bekommen. Prompt erhielt er von Bordeaux, dessen Gehrock dunkelrote Akzente am Kragen und an den Aufschlägen aufwies, womit er der einzige war, der etwas andersfarbiges trug, eine Antwort. Jonas müsse nur den Verkauf seiner Seele mit Blut besiegeln, dann würde er sofort eine Einladung erhalten. Alle vier mussten daraufhin lachen, was zum größten Teil der Theatralik geschuldet war, mit der Bordeaux dieses Angebot unterbreitete. Der dritte im Bunde, nach der Aufzählung von Kippe musste es sich dabei um Marsala handeln, wirkte im Vergleich zu den anderen etwas zurückhaltender. Zwar lächelte er auch, wenn die anderen herzlich lachten, vermied es allerdings, von sich aus etwas zu sagen. Der mit Spitze besetzte hohe Kragen wirkte ziemlich unbequem, verlieh ihm allerdings, zusammen mit der undefinierten Uniformjacke, eine Ausstrahlung, die ihn als Anführer der Truppe erscheinen ließ. Seine Augen, mit denen er Jonas immer wieder neugierig musterte, ließen auf einen aufmerksamen Geist schließen.

Normalerweise hatte Jonas Schwierigkeiten mit fremden ins Gespräch zu kommen oder ein Gespräch am Laufen zu halten. Die von den Dreien verwendete, ungezwungene Art der Verständigung, ein Flaxen mit sarkastischen Tendenzen, machte es Jonas allerdings leicht, im Gespräch zu bleiben. Nach einer längeren Unterhaltung über die Trostlosigkeit der Gegend, in der unter anderem auch ein Vergleich mit dem Vorhof zur Hölle gezogen wurde, von dem man ebenfalls so schnell wie möglich entkommen sollte, schaute Jonas auf die Uhr seines Handys. Verdutzt stellte er fest, dass es bereits nach 1 Uhr morgens war. Die Zeit war unerwartet schnell vergangen, was ihn dazu brachte, sich zu verabschieden. In nicht einmal fünf Stunden würde ihn sein Wecker bereits wieder aus dem Schlaf reißen. Er wünschte noch viel Spaß und wollte sich gerade abwenden, als ihm von Kippe die unerwartete Frage gestellt wurde, ob er am kommenden Wochenende Lust auf den Besuch eines verlassenen Ortes habe. Neugierig erkundigte er sich danach, ob an dieser Unternehmung etwas illegal oder gefährlich wäre, was sofort verneint wurde. Erfreut sagte er zu, am Samstag zur achtzehnten Stunde an der nördlichen Bushaltestelle aufzutauchen. Mit beschleunigtem Schritt machte er sich auf den Heimweg, auf dem sich seine Gedanken mit der Frage beschäftigten, ob das überstürzte Zusagen vielleicht keine gute Idee gewesen war.

Trotz aller Bedenken und seiner Art, die sein Psychiater mit dem einfachen Wort Menschenscheu bezeichnet hatte, begab er sich am Samstag pünktlich, kurz vor der achtzehnten Stunde, zu der nördlichsten Haltestelle des Ortes. Mit nicht viel mehr als seinen Alltagsklamotten und seinem abgetragenen Rucksack ausgerüstet, der eine Decke und eine günstige Flasche Wein enthielt, wartete er sowohl neugierig als auch ängstlich auf die Ankunft der Drei. Dabei schaute er abwechselnd immer wieder auf die Uhr seines Handys und spielte mit dem silbernen Zippo, dass ihn seine Mutter zum 18. Geburtstag geschenkt hatte. Jonas war sich nicht sicher, ob die Erleichterung oder die Nervosität stärker war, als er die drei schwarzen Gestalten erblickte, wie sie mit gemütlichen Schritten in seine Richtung liefen. Optisch hatte sich auch tagsüber nicht viel bei den Dreien verändert: aufwendige Frisuren, hauptsächlich schwarze Klamotten und auffällig bleiche Haut. Zu Jonas Überraschung blieben sie nicht an der Haltestelle stehen, um von hier aus den Bus zu nehmen, sondern schlugen den Weg in Richtung Wald ein, nachdem sie ihn im Vorbeigehen aufgefordert hatten mitzukommen. Nach einigen Schritten nahm Jonas den kleinen Trampelpfad wahr, der sie in den Wald führte.

Die Drei hatten eine ruhige, recht entspannte Art an sich, die nur gelegentlich vom lauten, gegenseitigen Necken unterbrochen wurde. Immer auf ein paar Schritte Abstand bedacht, trottete Jonas hinterher. Auch wenn er es sich nicht anmerken ließ, so verhielten sich seine Gedanken und Gefühle doch chaotisch. Ein Teil von ihm wollte die Umgebung und die Gesellschaft genießen, ein anderer zerrte panisch an seinen Nerven, um ihn zum spontanen Umdrehen zu bewegen. Ob die vielen Sitzungen beim Psychiater oder sein neu gefundener eiserner Wille dafür verantwortlich war, dass er dem Drang zur Flucht widerstehen konnte, wusste er selber nicht.

Nach einem Marsch von etwa einer Stunde, erreichten sie den alten Hof, der nur noch aus einem Bauernhaus und einer Scheune zu bestehen schien. Von der ehemaligen Umzäunung standen nur noch vereinzelte Überresten auf der verwilderten Ebene. Ein schwarzer Rabenvogel erhob sich mit einem Krächzen in die Luft, als sich ihm die Vier auf dem Weg zur Scheune zu sehr näherten. Jonas betrachtete das zweistöckige Gebäude mit einiger Skepsis. An vielen Stellen, wo sich gemauerte Wände, Fenster oder Schindeln hätten befinden sollen, klafften nur noch unförmige Löcher. Der Zustand wirkte nicht gerade sehr einladend. Seine Schritte verlangsamten sich, während er sich ausmalte, wie die Wände beim nächsten Windstoß wie ein Kartenhaus zusammenklappten. Unschlüssig blieb er vor dem Eingang stehen, als er die Türflügel sah, die neben dem Gebäude im hohen Gras lagen.

Die Drei waren bereits, ohne die Spur eines Zögerns, ins Innere gegangen. Kurz flammte das Gefühl, schnell von hier zu verschwinden, in ihm auf. Ein kurzer Gedanke an seine langweilige Wohnung vertrieb das Gefühl jedoch fast augenblicklich wieder. Nach einem tiefen Atemzug, mit dem er sich gegen die negativen Gedanken wappnen wollte, betrat er die Scheune. Die Dachkonstruktion schien, auf den ersten Blick und wider aller Befürchtungen, noch in einem guten Zustand zu sein. Die Löcher im Dach und in den Wänden sorgten, gerade zu dieser Zeit, in der das Licht langsam schwand, für eine mystische Atmosphäre. Die Drei hatten sich bereits neben den quadratischen Steinplatten niedergelassen, die sich etwa in der Mitte der Scheune befanden. Die bereits auf den Steinen vorhandenen Wachsspuren passten zu den drei Kerzen, die gerade auf den Steinen in Position gestellt wurden. Mit einer einladenden Handbewegung in Richtung Jonas wies Kippe auf den Platz neben sich.

Nach einigen schlucken aus der Weinflasche, die von Jonas in die Runde gegeben wurde, sprach dieser seine Vermutung laut aus: „Diese Scheune ist wohl eher Euer bevorzugter Treffpunkt, als ein verlassener Ort, oder?“. Mit einem leisen Kichern bestätigte Kippe, dem eine seiner selbstgedrehten unangezündet im Mundwinkel hing, dass er mit dieser Vermutung vollkommen recht hatte. Bordeaux beugte sich grinsend zu Jonas, überreichte die Weinflasche und begann anschließend mit verschwörerisch klingender Stimme zu erzählen.

Er berichtete von dem Hof, der schon seit etwa 15 Jahren keinen Eigentümer mehr hatte. Der Letzte Besitzer hatte sich aus unbekannten Gründen drüben im Haus das Leben genommen. Alle Personen die danach dieses Land erwarben scheiterten bei den Versuchen, den Hof erfolgreich zu bewirtschaften. Irgendwann gab es dann niemanden mehr, der das Land haben wollte und holte sich die Natur langsam alles wieder. So lange es möglich war würden die Drei diese Scheune auch weiterhin als abgeschiedenen Treffpunkt verwenden.

Jonas, der den Worten gelauscht hatte, zog sein Zippo hervor, öffnete dieses geschickt mit einer Hand und hielt es, mit bereits darin tanzender Flamme, Kippe entgegen. Dankbar hielt dieser die Spitze seiner Zigarette in die Flamme und zog gierig daran. „Wenn Du schon der Meister der Flamme bist“, Kippe machte eine Pause, um einen Schwall Rauch in die Luft zu Pusten, „kannst Du auch gleich unseren Kerzen Leben einhauchen.“ Nachdem der dritte Docht entzündet worden war, richtete Marsala, mit einer unerwartet tiefen Stimme, zum ersten Mal das Wort direkt an Jonas: „Erzähl uns doch mal etwas mehr von Dir. Was hast Du verbrochen oder wem hast Du ans Bein gepinkelt, dass Du Dich in unserem Dörfchen hinter dem Ende der Zivilisation verstecken musst?“. Jonas hatte sich am Vortag ein paar passende Antworten überlegt, die er salopp auf so eine Frage erwidern könnte. Leider fielen ihm jetzt, wo es drauf ankam, keine mehr ein.

Einen endlos wirkenden Augenblick lang suchte er erfolglos in seinem Hirn, bevor ein Teil von ihm die Suche aufgab. Den Blick auf das Flackern einer der Flammen gerichtet, ließ Jonas den Wortschwall, der sich in seinem Kopf anstaute, gewähren. Er berichtete in einem ruhigen, fast abwesenden Tonfall von seinen Problemen mit anderen Menschen, von den regelmäßigen Sitzungen bei seinem Psychiater und wie dieser sein bestes gab, diesen Ängsten auf den Grund zu gehen. Über sein Leben in selbstgewählter Isolation und dem Paradoxon zwischen dem Wunsch nach Gesellschaft und der Unfähigkeit die Nähe anderer Leute zu ertragen. Er endete seinen Monolog mit der Selbsterkenntnis, dass es ein Trugschluss gewesen war, mit dem Unterzeichnen eines Vertrages der lauten Stadt und dem Trott seines Alltags zu entkommen, wobei er schlussendlich nur ein Extrem gegen ein anderes getauscht hatte. Die anderen hatten ihm schweigend gelauscht und stimmten ihm, nachdem er geendet hatte, jeweils mit einem Kopfnicken zu. Marsala brach schließlich die Stille, die sich nach dem Bericht über sie gelegt hatte.

„Deiner Erkenntnis ist nichts entgegen zu bringen. Gehe dem Bestreben nach, so schnell wie möglich von diesem grausigen Ort zu entfliehen. Nicht nur, damit mehr von dem Wein für mich bleibt, denn Du hast sicher die Hälfte der Flasche alleine gelehrt, sondern damit Du hier nicht vor Langeweile eingehst oder, was noch schlechter wäre, eines Tages spurlos verschwindest. Solch passiert hier öfter als Du denkst.“ Jonas schaute auf die Flasche in seiner rechten Hand und nahm provozierend einen kleinen Schluck, bevor er sie weiterreichte.

„Verschwinden hier wirklich immer wieder Leute?“. Während Kippe auffällig intensiv den Rauch seines Glimmstängels betrachtete und Bordeaux die Weinflasche begutachtete, als wäre sie ein gerade gefundener Schatz, begann Marsala von der Legende des Wanderers im Nebel zu erzählen. Jonas bemerkte, wie er immer wieder stockte und sich Worte zurechtlegte, bevor er sie mit einer Vorsicht aussprach, als wenn ein falsches Wort sofortige Konsequenzen für ihn hätte.

Es ging um einen Mann, der mit einer hellen Laterne aus poliertem Kupfer durch die Nebel streift und verirrten Leuten den Weg weist. Jedoch kommen wohl nicht alle, denen er begegnet, auch wirklich wieder zu Hause an. Einige verschwinden einfach und werden nie wiedergesehen. Diejenigen, die vom Wanderer berichten konnten, beschrieben ihn als unscheinbaren jungen Mann, der mit dem einen Arm stets seinen langen Mantel festhält, als wenn er frieren würde, während er mit dem anderen die Laterne in die Höhe hielt. Seine Erscheinung wird immer mit einem wabernden Nebel in Verbindung gebracht, der ihn und die nähere Umgebung verhüllt. Die verirrten Personen sollen berichtet haben, dass sie nach kürzester Zeit, in der sie dem Wanderer folgten, wieder vor Ihren Wohnungen oder Häusern standen. Sogar wenn sie eindeutig mehrere Stunden Fußmarsch nach Hause gebraucht hätten. Wann immer sich jemand zum Wanderer umgedreht haben soll, um eine Frage zu stellen oder sich zu bedanken, sei dieser nicht mehr da gewesen. Nur Reste von Nebel, die sich schnell auflösten. Marsala endete mit einer Geste, die irgendwie etwas Entschuldigendes hatte, und der Behauptung, dass diese Geschichte überall in der Region gleichermaßen bekannt sei.

Jonas grinste und erwiderte mit einem übertrieben spöttischen Ton: „Und danach trinkt Rübezahl mit Frau Holle einen Tee beim Nichtgeburtstag des Hutmachers?“. Ohne eine Reaktion abzuwarten, verfiel Jonas in ein herzliches Lachen. Kurz nachdem er den Gesichtsausdruck der anderen bemerkte, erstarb seine Heiterkeit wieder. Fast schon krampfhaft starrten diese vor sich hin, während ihnen ein Unbehagen ins Gesicht geschrieben stand, wie man es von schlechten Erinnerungen kennt, die man am liebsten mit einem sofortigen Schütteln wieder loswerden möchte. Jonas war etwas verwirrt, so schlecht, dass die Drei nur noch apathisch in die Flammen schauten, war sein Spruch doch nun auch wieder nicht gewesen. Es dauerte einige Augenblicke, bis Kippe schließlich mit einem Lächeln, das nach Jonas Meinung eher ein gutes Schauspiel denn wahrer Belustigung entsprang, zu ihm herüberschaute.

„Nichts für ungut, Du hast uns da nur an etwas erinnert. Ist alles ok. Sage mal, weißt Du was der Priester sagte, als er vor einem Troll und einer Tomate stand um die beiden zu verheiraten?“ Vollkommen unvorbereitet auf diesen Stimmungsumschwung entwich Jonas nur ein „Ähh…Ne?“.

„Schade, ich nämlich auch nicht.“ Dieser Versuch eines Witzes sorgte zumindest für ein verdrehen der Augen bei den anderen, bevor diese, in spielerischer Manier, jeweils eine Faust gegen Kippe erhoben. Das Thema wurde für den Rest des Abends nicht noch einmal angesprochen. Vielmehr diskutierte die Runde über das für und wider einiger politischer Entscheidungen und deren Auswirkung auf die Zukunft. Als der Morgen zu dämmern begann, das erste Orange kroch gerade durch die Löcher der Scheune, nahmen sie dieses zum Anlass, sich wieder auf den Rückweg zu machen.

Gut gelaunt, wenn auch recht müde, verließen sie die Scheune und betraten den Wald, den ein milchig getrübter Morgennebel überzog. Nach einer Weile, die letzten Nebelfetzen wichen bereits der Wärme einer sich erhebenden Sonne, kontrolliere Jonas noch einmal seine Sachen und bemerkte das Fehlen seines Zippos. Er erkundigte sich bei den anderen, ob sie es vielleicht gesehen hätten, was einstimmig verneint wurde. So verabschiedete er sich schon mal und erwähnte die Möglichkeit, sich am Abend erneut an der Bank vor der Kirche über den Weg zu laufen. Marsala nickte ihm zu und bemerke, sich bereits von ihm abgewandt und weitergehend, dass er mit einer neuen Flasche Wein eindeutig willkommen sei. Mit leicht beschleunigten Schritten machte er wieder kehrt, wobei er leise vor sich hin schimpfte. Das Feuerzeug hatte einen sentimentalen Wert für ihn, es war das letzten Geschenke von seiner Mutter.

Auf den letzten Schritten, die ihn wieder aus dem Wald herausführten, musste Jonas seine Augen vor der blendenden Sonne abschirmen, die das Gelände des ehemaligen Bauernhofes in gleißendes Licht tauchte. Trotz dieser Einschränkung seiner Sicht, die leichte Kopfschmerzen in seinem übernächtigten Gehirn verursachte, erreichte er unbeirrt die Scheune. Nach kurzem Umschauen entdeckte er das glänzende Kleinod, wie es nur etwa einen Meter von dem Fleck entfernt, an dem er gesessen hatte, auf dem Boden lag. Es musste ihm wohl beim Aufstehen aus der Tasche gerutscht sein. Erleichtert hob er das Zippo auf, wischte die Erde ab und verstaute es wieder in seiner Hosentasche. Aus der anderen Tasche zog er sein Handy und schaute auf die Uhr. Es musste eine Ewigkeit her sein, dass er an einem Sonntag um kurz nach 6 Uhr noch immer unterwegs war. Dieser unscheinbare Ort, wenn auch schon ziemlich verfallen, hatte sich in seinen Gedanken festgesetzt und bildete eine Assoziation mit einem der angenehmsten Abende, die er in den letzten Jahren hatte. Mit einem zufriedenen Seufzer blickte er sich noch einmal um, bevor er wieder in den blendenden Sonnenschein hinaustrat.

Die Ambitionen diesen Ort zu verlassen, waren, trotz des nagenden Gedankens in seinem Hinterkopf, bald an etwas Schlaf zu gelangen, kaum vorhanden. Mit ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen stellte er sich der Sonne entgegen, um die Wärme auf seiner Haut zu genießen. Ein leises, sich rhythmisch wiederholendes Klacken von Holz auf Holz war das Einzige, dass den ansonsten perfekten Moment störte. Seiner Neugier nachgehend, oder einfach nur die Gelegenheit ergreifend, diesen Ort noch nicht verlassen zu müssen, schlenderte er dem Bauernhaus entgegen. Einer der Fensterläden im Erdgeschoss bewegte sich, trotz der angerosteten Scharniere, in der leichten Brise vor und zurück, wobei er immer, wenn er den Rahmen des halb geöffneten Fensters berührte, ein Klacken erzeugte. Jonas befestigte den Fensterladen wieder an der vorgesehenen Stelle. Zu seiner Überraschung waren die Scheiben in den Fenstern, wenn auch ziemlich dreckig, unbeschädigt. Ohne besonderen Kraftaufwand drückte er die Fenster auf, um einen neugierigen Blick in das Haus zu werfen. Aufgrund der Lichtverhältnisse konnte er, selbst durch die Abschirmung des Lichtes mit den Händen, nur wenig im inneren erkennen. Erneut nahm er sein Handy zur Hand und aktivierte die Taschenlampenfunktion. Ein kurzer Warnton machte ihn auf den niedrigen Akkustand von nur noch 15% aufmerksam. Während er sich mit der einen Hand am Fensterrahmen abstützte, hielt er das Handy ins Innere des Hauses. Seine Bemühung wurde mit der Sicht auf eine eingerichtete Küche belohnt.

Töpfe und Pfannen stapelten sich auf einer hölzernen Arbeitsplatte, Teller standen mit undefinierbaren Resten auf einem kleinen Esstisch und ein Sammelsurium unterschiedlichen Bestecks lag überall verstreut herum. Eigentlich sprach nichts dagegen, sich hier mal genauer umzuschauen, dachte sich Jonas, wobei er schon mal einen Fuß auf den Fensterrahmen stellte, um die Stabilität zu testen. Mit einem schnellen, geschickt durchgeführten, Sprung durch das Fenster, befand er sich im Inneren des Hauses. Scherben unterschiedlicher Größe, die auf den ersten Blick Überreste zerbrochener Teller zu sein schienen, knirschten unter seinen Schuhen. Außer ein paar Küchen Utensilien war nichts Interessantes in den Schränken und Schuladen zu finden, in die er hineinschaute. Mit bedachten Schritten ging er, das Licht auf den Boden gerichtet, zu dem Fadenvorhang, hinter dem sich der nächste Raum befinden müsste.

Er schob den Vorhang mit einer Hand beiseite, woraufhin sich ihm das Wohnzimmer offenbarte. Der erste Eindruck war sowohl erstaunlich als auch irritierend, denn bis auf den Staub, der in dicken Schichten überall verteilt lag und dem leicht moderigen Geruch, wirkte dieses Zimmer recht gemütlich. Die Einrichtung wirkte Antik aber nicht verfallen. Zwischen den massiven Bücherregalen befanden sich ein Sekretär und ein eindrucksvoller Vitrinen-Schrank, die alle im gleichen Farbton, dunkles Braun mit einem leichten rötlichen Schimmer, gehalten waren. Es sollte ein leichtes sein, diesen Raum in einen viel gemütlicheren Treffpunkt zu verwandeln, als es die alte Scheune je sein könnte. Bei nächster Gelegenheit würde er das den Dreien mal vorschlagen.

Die knarzenden Geräusche der Dielen, die sich unter dem Teppich befanden, der sich langsam in seine Bestandteile auflöste, erweckten bei Jonas Erinnerungen an einen alten Horrorfilm. Ein wenig belustigt durch diesen Gedanken, ging er weiter in den Raum hinein, wobei er zu einem ledernen Ohrenbackensessel kam, neben dem zwei Beistelltische mit Platten aus Marmor standen. Auf dem einen befand sich eine metallene Laterne, von leicht rötlicher Farbe, währen sich auf dem anderen etwa ein Dutzend in Leder gebundener Bücher stapelten. Langsam, um nicht zu viel Staub aufzuwirbeln, setzte er sich in den Sessel, der sich genau so bequem anfühlte, wie er es erhofft hatte. Die gestapelten Bücher machten ebenfalls einen antiken Eindruck, die ledernen Einbände wiesen weder Autor noch Titel auf. Das oberste Buch, das er mit einer Hand hochheben wollte, erwies sich als unerwartet schwer. Er brauchte beide Hände, um das Buch auf seinen Schoß zu ziehen, wobei er ganz nebenbei, als er das Handy beiseite legte, bemerkte, dass kein einziger Sonnenstrahl von draußen ins Innere Drang. Dieses Haus wirkte, zumindest von Innen, um einiges besser intakt, als die Scheune.

Ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, immerhin war ihm der Weg hinaus bekannt, legte er das Handy so auf den Bücherstapel, dass ausreichend viel Licht auf das Buch fiel. Er schlug es an einer zufälligen Stelle, irgendwo in der Mitte, auf und runzelte die Stirn, als er die verschnörkelte Schrift sah. Die alten Seiten, die das Gefühl von knisterndem Pergament vermittelten, zeigten ihren Inhalt in altdeutscher Schrift. Mit etwas Mühe entzifferte er den Titel über der aufgeschlagenen Seite: „Der blutige Fischer“. Ohne dem Text weitere Beachtung zu schenken, blätterte er langsam weiter, bis er zu einer farbigen Zeichnung gelangte, die auf jeden Fall nicht für Kinder bestimmt war. Der dargestellte Mann trug eine dunkelblaue Jacke, an der sich drei auffällig große Knöpfe befanden, eine gleichfarbige Mütze sowie eine weit geschnittene helle Hose. In der rechten Hand hielt er ein großes Messer, von dem sich gerade ein roter Tropfen löste, um sich mit dem größeren Fleck auf dem Boden zu vereinen. Die Hose war im unteren Bereich mit roten Punkten und Strichen verziert, deren Ursprung wohl der abgetrennte Kopf war, den der Mann in der linken Hand, an den Haaren, hielt. Obwohl es sich nur um eine Zeichnung handelte, war das Entsetzen im Gesicht des Opfers für Jonas so plastisch dargestellt, dass er beim Anblick eine Gänsehaut bekam. Er wendete seinen Blick von der Zeichnung ab und schloss das Buch.

Nachdem er sein Handy wieder an sich genommen hatte, legte er das Buch zurück auf den Stapel. Noch war er sich nicht ganz sicher, aller Wahrscheinlichkeit nach würde er das Buch jedoch nicht hier zurücklassen. Ob es sich bei dem Inhalt um eine Sammlung von Sagen oder nur um Spukgeschichten handelte, könnte er dann, zu einem Späteren Zeitpunkt, in Erfahrung bringen. Schwerfällig schälte er sich aus dem bequemen Sessel, in dem er eingesunken war, um sich der großen Tür zuzuwenden. Der erste Eindruck, wenn man Lage und Größe betrachtete, wies auf die Eingangstür des Hauses hin. Daneben befand sich auf der einen Seite eine Garderobe mit einigen Jacken und Mänteln, während sich auf der anderen Seite ein alter, leicht verzerrender, Spiegel befand. Der Versuch die Klinke zu betätigen, führte, auch mit vollem Einsatz seines Körpergewichts, nicht zum gewünschten Erfolg.

Mit erhobenem Licht schaute er sich noch einmal um, bevor er sich als nächstes für eine kleine Tür entschied, die nicht komplett geschlossen war. Bereits vor der Tür stehend nahm er den üblen Gestank von Brackwasser und Schimmel wahr. Ein Blick in den kleinen Raum dahinter präsentierte einen Waschtisch mit eingelassener Schüssel, die komplett mit einer pelzigen Masse überzogen war. Im hinteren Teil des Raumes stand ein hölzerner Waschzuber, der von verrosteten Metallspangen zusammengehalten wurde. Angewidert von dem Geruch, schloss er die Tür. Sich dem letzten Weg aus dem Zimmer zuwendend, eine hölzerne Treppe nach oben, deren Stufen auf einer Seite in die Wand eingelassen und auf der anderen von einer Holzkonstruktion gehalten wurden, registrierte er einen erneuten Warnton seines Handys. Die Kapazität des Akkus war auf 10% gesunken. Für einen Blick in das obere Stockwerk, bevor er sich wieder auf den Heimweg machen wollte, sollte das mehr als genug sein.

Die ersten beiden Treppenstufen knarzten, weswegen er diese erstmal mit seinem gesamten Körpergewicht testete. Da er keine bedenklichen Geräusche vernahm und auch keines der Bretter durchbrach, stieg er hinauf. Langsam und immer darauf bedacht nur die äußeren Ränder der Stufen zu betreten, gelangte er ohne Probleme nach oben. Der erste Stock bestand nur aus einem recht kargen Schlafzimmer. Das Bett, auf dessen löchrigem, halb zerfressenem Bezug sich allerlei Tierchen tummelten, und ein großer Kleiderschrank waren die einzigen Gegenstände. Neben dem hölzernen Fußende des Bettes zeichnete sich ein Fleck, von beinahe einem Meter Durchmesser, auf den grob bearbeiteten Holzbohlen ab. Neugierig wollte sich Jonas diesen etwas genauer ansehen, hielt jedoch schon beim zweiten Schritt inne, als er das Nachgeben und Ächzen der Bohlen vernahm. Das Risiko durch den Boden oder sogar durch die Decke zu brechen war ihm zu groß. Nach einem letzten Schwenken des Lichts in alle Ecken, auch unter das Bett, trat er etwas enttäuscht den Weg zurück an.

Auf der obersten Stufe stehend, wirkte die Treppe viel steiler, als Jonas es sich vorgestellt hatte. Das kegelförmige Licht des Handys konnte zwar die Treppenstufen beleuchten, gelangte allerdings nicht bis zum Boden, was den Eindruck einer ins Bodenlose führenden Treppe vermittelte. Mit einem mulmigen Gefühl, obwohl er eigentlich nicht unter Höhenangst litt, legte Jonas seine linke Hand, zur Unterstützung des Gleichgewichts, gegen die Wand, um dann zögerlich den rechten Fuß auf den äußeren Rand der ersten Stufe zu setzen. Außer einem leichten Knarzen der Stufen schien alles in Ordnung zu sein. Den linken Fuß setzte er mit Leichtigkeit auf den Rand der zweiten Stufe. Jonas schalt sich einen Narren, solch Unbehagen bei einer einfachen Treppe zugelassen zu haben. Fast schon belustigt über sich selbst tat er einen weiteren Schritt nach unten und setzte auch die Hand etwas weiter vor. Mit dem Knacken von brechenden, morschem Holz verschwand seine Hand, ohne Vorwarnung, in der Wand. Erschrocken zog er den hinteren Fuß nach, um nicht mit dem Gesicht gegen die Wand zu prallen oder, schlimmer noch, mit ihm ebenfalls hindurch zu brechen. Für den Bruchteil eines Herzschlages befand er sich im Gleichgewicht, dann merkte er die Nachwirkung seiner schnellen Bewegung, die ihn langsam aber unaufhaltbar zur Seite zog. Reflexartig, um nicht die Treppe hinunter zu stürzen, legte er seine rechte Hand etwas weiter vorne auf die Wand, um sich abzustützen. Das Handy, das er eben noch in der Rechten gehalten hatte, fiel mit lautem Poltern die Treppenstufen hinunter.

Der Lichtkegel wirbelte, kurz an einen Leuchtturm erinnernd, um seine eigene Achse und zog Kreise aus Licht durch die Dunkelheit. Für den Augenblick eines Wimpernschlages, konnte man den Boden des Wohnzimmers sehen, dann wurde es dunkel. Jonas bemerkte, wie ihn die Panik überkam. Sein Atmen ging immer schneller. Seine Muskeln verkrampften sich. Für kurze Zeit verweilte Jonas in dieser Position. Er konnte nicht schätzen, wie viel Zeit vergangen war, bis sein Verstand wieder klare Gedanken fassen konnte. Langsam wurde er sich auch der Schmerzen bewusst, die von seiner linken Hand ausgingen. Der erste Versuch, sie langsam aus der Wand zu ziehen, wollte nicht gelingen. Bilder von vielen kleinen Spitzen, die mit Widerhaken in seiner Hand steckten und sie festhielten, kamen ihm in den Sinn. Sich gegen einen möglichen Schmerz wappnend, machte er sich bereit und zog dann, mit einem Ruck, die Hand aus der Wand. Die schnelle Bewegung ließ ihn kurz taumeln, bevor er wieder ins Gleichgewicht kam.

In der Stille des Hauses konnte er sich atmen hören, dazu gesellte sich jetzt ein leises Platschen. Breitbeinig stand er auf der Treppenstufe, hielt die beiden Hände vor sich und begann die verletzte abzutasten. Mehrere blutende Wunden konnte er feststellen, die sich auf der Innenfläche befanden und für fließendes Blut sorgen, das auf die Treppenstufen vor ihn tropfte. Wie tief die Wunden waren konnte er ohne Licht nicht einschätzen. Das Herz klopfte Jonas bis zum Hals, ein Teil der Panik, die gerade eben erst verebbt war, stieg wieder in ihm auf. Er wollte nur noch weg von hier. Die blutende Hand vor sich und die andere wie ein Hochseilartist zur Seite haltend, trat er mit dem rechten Fuß auf die nächste Stufe. Im ersten Augenblick fühlte sich der Stand sicher an, doch dann rutschte er, auf seinem eigenen Blut aus. Ihm entfuhr nur noch ein entsetztes „Schei…“, bevor er orientierungslos die Treppe hinunterfiel. Sein Körper schlug an den verschiedensten Stellen auf den Stufen auf. Unter anderem schlug sein linker Unterarm mit voller Wucht und einem grausigen Knacken gegen eine Kante. Der aufkeimende Schmerzensschrei, zu dem Jonas gerade ansetzen wollte, wurde im Keim erstickt, als er am Ende der Treppe ankam und mit dem Kopf voran auf dem Boden aufschlug.

Kalt. Das war Jonas erster Gedanke, als er wieder zu sich kam. Seine Bettdecke musste wohl mal wieder aus dem Bett gefallen sein. Nur langsam wurde er sich des unappetitlichen Teppichs auf dem harten Boden bewusst, der eindeutig nichts mit seinem Bett gemein hatte. Eine erste Bewegung des Kopfes wurde mit einem schmerzenden Pochen belohnt, das ihn aufstöhnen ließ. Er setzte dazu an, die linke Hand zu seinem Kopf zu bewegen, als eine Welle explodierenden Schmerzes durch seinen Körper zuckte. Niemand sah im Dunkeln die schmerzverzerrte Fratze, die einen Schrei in die Welt gebären wollte, der mit solcher Agonie einherging, Jonas hatte in seinem gesamten Leben nie etwas Ähnliches spüren müssen, dass kein einziger Laut über seine Lippen kam. Für einen Augenblick, der Jonas wie endlose Stunden vorkam, schwebte sein Geist immer wieder zwischen bewusstem Schmerz und unbewusster Schwärze. Fast bewegungslos lag Jonas, mit unkontrolliert klappernden Zähne, auf dem Boden, bis der Schmerz einen erträglichen Pegel erreicht hatte.

Sehr langsam und vorsichtig schaffte er es nach einiger Zeit, sich ohne weitere Schmerzen in eine sitzende Position zu begeben. Mit der rechten Hand tastete er seine unmittelbare Umgebung ab. Vielleicht bekam er ja ein Regal oder die unterste Stufe der Treppe zu fassen, damit er sich in dieser Dunkelheit zumindest ein wenig orientieren könnte. Die tastende Hand berührte einen kühlen, flachen Gegenstand, umfasste diesen und zog ihn zu sich. Für einen kurzen Augenblick der Freude hielt er das Handy vor sich. Nachdem es sich jedoch nicht einschalten lassen wollte, ließ er es enttäuscht zu Boden fallen. Er brauchte unbedingt etwas Licht, um aus diesem Dilemma zu entkommen. Bei diesem Gedanken fiel ihm sein Zippo wieder ein, dass er in der Scheune wiedergefunden und in seine Hosentasche gesteckt hatte. Das Licht und Wärme spendende Kleinod war in greifbarer Nähe, was ihn kurz die Kälte vergessen ließ, während er es, immer noch sitzend, vorsichtig aus der Hosentasche zog.

Seine zitternden Finger machten es nicht ganz einfach das Feuerzug zu betätigen, dennoch gelang es ihm nach einigen Versuchen, eine Flamme zu entzünden. Im blendenden Schein der kleinen Flamme begutachtete er als erstes seinen linken Arm. Die Schnittwunden an der Handfläche waren von Schorf übersät, schienen jedoch nicht mehr zu bluten. Der Arm wies keine offensichtlichen Blutspuren auf. Jonas stellte das Zippo vor sich auf den Boden und fing vorsichtig mit dem Abtasten an. Berührungen entlang von Elle und Speiche waren recht unangenehm, wiesen jedoch nicht auf einen Bruch hin. Erst in der Nähe des Ellbogens flammte der Schmerz, als Reaktion auf den leichten Druck, erneut auf. Der von ihm befürchtete offene Bruch bestätigte sich nicht, was ein klein wenig seiner Angst von ihm abfallen ließ.

Das Feuerzeug nahm er wieder an sich und erhob sich langsam, während er darauf achtete, den Arm so wenig wie möglich zu bewegen. Anhand der Regale, deren Konturen sich im Schein der Flamme abzeichneten, konnte er sich etwas besser orientieren, was ihn dazu verleitete ein paar vorsichtige Schritte zu gehen. Außer ein paar schmerzenden Prellungen hatte er mit seinen Beinen wohl etwas mehr Glück gehabt.

Das Licht in seiner Hand wurde von zwei Punkten vor ihm reflektiert. Der eine könnte der Spiegel neben der Tür sein, während der andere, der die Reflektion leicht ins rötliche verschob, sich irgendwo im hinteren Teil des Raumes befinden musste. Da er sich jetzt wieder im Raum orientieren konnte, bedurfte es nur wenige Schritte, um zu der Quelle der Reflektion zu gelangen. Jonas fand sich neben dem Ohrenbackensessel wieder. Auf dem Beistelltisch glänzte die kupferne Laterne, die in seinen Erinnerungen noch alt und stumpf ausgesehen hatte, im Lichte des Feuerzeugs, als wenn sie frisch poliert worden war. Mit dem abgespreizten kleinen Finger schob er den winzigen Riegel an der Laterne beiseite, um das verglaste Türchen zu öffnen. Die Laterne musste wohl noch etwas Brennstoff enthalten, denn der Docht entflammte sofort beim Kontakt mit der Feuerzeugflamme.

Im Licht der Laterne hätte Jonas nun den größten Teil des Wohnzimmers überschauen können, wenn sein Blick nicht von dem aufgeschlagenen Buch auf dem anderen Beistelltisch in den Bann gezogen worden wäre. Er war sich recht sicher, es geschlossen zu haben, bevor er sich aus dem Sessel erhoben hatte. Er tauschte das Zippo gegen die Laterne und trat näher an den anderen Beistelltisch heran, um sich das Bild auf der aufgeschlagenen Seite anzuschauen. Es zeigte eine Gestalt, die sich, in einen dunkelbraunen, langen Mantel gehüllt, vom Betrachter zu entfernen schien. In der erhobenen rechte Hand hielt sie eine Laterne, deren Licht einige Bäume beleuchtete, jedoch nicht durch den dichten Bodennebel drang. Ein in bunte Kleidung gehülltes Mädchen und ein breitschultriger Mann, der eine Axt über der Schulter trug, folgten der Gestalt. Sowohl die Laterne, als auch der Kopf des Axtträgers, waren von milchig-grünen Auren umgeben, die durch einen dünnen Strich miteinander verbunden waren. Das Betrachten des Bildes verursachte bei Jonas eine unangenehme Gänsehaut, auch wenn er keinen bestimmten Grund benennen konnte.

Sich von dem Buch abwendend wollte er sich als nächstes darum kümmern, das Haus zu verlassen und so bald wie möglich einen Arzt aufzusuchen. Sein Atem, den er im Licht der Laterne gut beobachten konnte, bewog ihn vorher jedoch noch zur Kontrolle der Kleidungsstücke, die an der Garderobe hingen. Der Gedanke, dass es aufgrund der Jahreszeit draußen eigentlich noch gar nicht so kalt sein dürfte, kam ihm schon in den Sinn, wurde jedoch, genau wie die Frage, warum das Buch wieder geöffnet gewesen war, erstmal auf ein einen späteren Zeitpunkt verschoben. Im Licht der Laterne, die er auf den Boden gestellt hatte, fielen ihm zwei Sachen auf, die noch gut zu gebrauchen waren. Das eine war eine dicke dunkelblaue Jacke und das andere ein langer dunkelbrauner Mantel. Beide hatten einen unangenehm muffigen Geruch, sollten ihn jedoch in nächster Zeit gut vor der Kälte schützen.

Als erstes zog er die Jacke zur Seite, während diese noch am Haken hing, um sie besser betrachten zu können. Dabei fielen ihm die drei großen, glänzenden Knöpfe auf, mit der man diese schließen konnte. Während er den Stoff in den Fingern fühlte, manifestierte sich in ihm ein berauschendes Gefühl von innerer Stärke und Selbstsicherheit. Jonas schloss die Augen und atmete bewusst tief ein, um diese ungewohnte Erfahrung auf sich wirken zu lassen. Fast gleichzeitig, wenn auch viel schwächer und eher unterschwellig, mischte sich ein leichtes Unbehagen hinzu, ein irritierender Widerspruch zu seinem Sinn für Ausgeglichenheit.

Dieses leichte Nagen wurde für Jonas, auch wenn es nur im Hintergrund zu spüren war, immer unangenehmer. Auch wenn es ihm einiges an Überwindung kostete, so ließ er den Stoff doch nach einigen Sekunden wieder los. Zusammen mit dem Beenden der Berührung verschwand auch der starke Wunsch, diese Jacke um jeden Preis besitzen zu wollen.

Jonas brauchte einen Moment, um seine Gedanken wieder zu ordnen und die Gefühlsverwirrung, die in seinem Inneren entstanden war, abzuschütteln. Mit einer Mischung aus Neugier und Misstrauen streckte er seinen Arm erneut aus, diesmal um den Mantel zu berühren. Er versuchte sich im Vorfeld gegen mögliche, starke Sinneseindrücke zu wappnen, bevor er den Stoff mit nur zwei Fingern berührte. Ganz ähnlich wie bei der Jacke, wenn auch vollkommen anders, wurde Jonas erneut von einer starken Empfindung heimgesucht, auf die er sich unmöglich hätte vorbereiten können. Die Berührung durchflutete seinen Körper und Geist mit einer Art allumfassenden Frieden, der von einem sanften Rauschen begleitet wurde, welches alles Unwichtige überlagerte. Der stechende Schmerz an seinem Ellbogen, das unangenehme Ziehen der Prellungen, sowie die Auswirkungen der Kälte, verschwanden fast augenblicklich. Jonas hätte dieses Gefühl, welches ihm ein unbewusstes Seufzen entlockte, mit dem Wort „behaglich“ umschrieben. Ohne den Mantel vom Haken zu nehmen, streifte er diesen vorsichtig über seinen linken Arm. Der befürchtete Schmerz blieb aus, eine deutliche Einschränkung in seiner Bewegungsfreiheit war jedoch zu bemerken. Vom Haken gelöst, war der Mantel schnell übergezogen und schmiegte sich passgenau an Jonas Körper, der unbewusst zu lächeln angefangen hatte. Ein kontinuierlich immer wieder lauter und leiser werdendes Geräusch, das vage an eine säuselnde Brandung erinnerte, drang durch das, alles überlagernde, angenehme Rauschen.

Jonas bemerkte es, als er gerade dabei war eine Schlinge für den eingeschränkten Arm aus einem der Schals zu fertigen, die ebenfalls an der Garderobe hingen. Das Geräusch musste von der anderen Seite der Tür stammen, weswegen Jonas noch einmal die Hand auf die Türklinke legte. Bei der Berührung durchströmte Jonas das Kribbeln eines Stromschlags, der bei ihm augenblicklich eine Gänsehaut, jedoch keine wirklichen Schmerzen verursachte.

Alle seine Haare stellen sich auf und es fühlt sich an, als wenn er schlagartig leichter geworden ist. Er drückt die Klinke hinunter und macht einen Schritt zurück, um die Tür, die von einem pfeifenden Windzug aufgedrückt wird, an sich vorbei schwingen zu lassen. Im Schein der Laterne dringt wallender Nebel, schnell und unhaltbar, wie eine Flutwelle, über die Türschwelle und verschluckt den Boden. Innerhalb weniger Herzschläge sind seine Füße nicht mehr zu sehen. Er nimmt die Laterne wieder an sich und überschreitet die Schwelle nach draußen. Ein waberndes Nebelmeer erstreckt sich soweit das Auge reicht und erstrahlt im Licht des Vollmondes, wie frisch gefallener Schnee, der sich mit sanften Wellenbewegungen über die Landschaft erstreckt. In seinen Erinnerungen findet Jonas keine ähnliche Situation, in der er sich jemals so unbeschwert und friedlich gefühlt hat. Für einige Zeit steht er einfach nur da und betrachtet die Umgebung.

Ein leichtes Ziehen, das Gefühl sich zu einem Ort begeben zu müssen, an dem er gebraucht wird, unterbricht das friedliche Bild. Ihm ist bewusst, dass er diesem Ruf nicht folgen muss. Es ist der freie Wille des Teils von Ihm, der noch immer Jonas ist. Wie die Teile eines Puzzles, bestehend aus den Fragmenten von Jonas Seele, der leuchtenden Energie der Laterne und dem antreibenden Willen des Mantels, setzt sich der neue Wanderer zusammen. Mit hoch erhobener Laterne setzt er sich in Bewegung, während sich hinter ihm die Tür wieder schießt. Der Weg zurück wird nicht mehr benötigt, denn der Wanderer hat seinen Marsch begonnen. Stets vom Nebel umgeben schreitet er zielstrebig dem Ruf entgegen, der ihn lockt. Noch weiß er nicht, ob er eine verirrte Seele wieder nach Hause geleiten soll oder ob eine verdorbene Seele dazu bestimmt wurde, Nahrung für das Licht der Laterne zu sein.

Der Zyklus des Jonas, die Reise des neuen Wanderers, hat begonnen.

 
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Hallo @Pendraxa

Ich glaube, hier steckt eine Geschichte drin, die mich ansprechen könnte. Bisher habe ich ca. die Hälfte, oder vielleicht war es auch etwas mehr, davon gelesen. Allerdings musste ich zwischendurch immmer mal wieder aufhören, weil ich nicht am Stück dranbleiben konnte. Das liegt an mehreren Faktoren und ich werde versuchen, in meinem Kommentar zu ergründen, warum es mir so erging. Meiner Meinung nach gibt es mehrere Probleme in deinem Text, die mich daran hindern, das gute Stück in einem Rutsch zu lesen.

1. Die einzelnen Abschnitte sind irgendwie "en bloc" geraten, also Blocksatz. Das liest sich nicht gut und ich bin teilweise in der Zeile verrutscht (dachte, habe gute Augen! :lol:). Lockere das Ganze doch etwas auf, indem Du an gewissen Stellen Zeilenumbrüche einsetzt. Also z.B. bei Szenenwechseln oder wenn ein neuer Gedankenabschnitt bzw. -fluss beginnt.

2. Dein Stil ist teilweise etwas antiquiert, was mir per se eigentlich nicht schlecht gefällt, aber es passt für mich nicht ganz zu dieser Geschichte. Denn so wie ich sie bisher gelesen habe, spielt sie in der heutigen Zeit oder zumindest nicht allzu weit in der Vergangenheit, es gibt ja schliesslich Internet und Mobiltelefone. Eine etwas modernere Wortwahl wäre meiner Meinung nach besser gewesen und hätte der Geschichte gutgetan.

3. Gerade am Anfang beschreibst Du die Dialoge, anstatt sie in direkter Rede widerzugeben. Das fand ich anstrengend zu lesen und ich habe mich gefragt: Wieso machst Du das, gibt es da irgendeinen Grund dafür? Zumindest wird es später in der Geschichte etwas besser und es gibt richtige Dialoge.

4. Ich finde es zu ausführlich (vielleicht nennt man das auch "geschwätzig", wenn man böse ist, höhöhö) formuliert, für das was bisher in der Geschichte passiert ist, und deshalb bleibt die Spannung auf der Strecke. Ich denke, es könnte einiges gekürzt werden, ohne das die Story nennenswert an Substanz einbüsst. Dazu vielleicht später noch ein paar Beispiele.

5. Die Sätze fliessen teilweise nicht so recht, ich stockte immer mal wieder und musste zurück und erneut lesen. Wenn Du dir deine Texte selber laut vorliest, bemerkst Du solche Stellen sicher sofort. Einige der Sätze wirken auch etwas ungelenk, durch eine leichte Umstellung, würde sich das schon viel runder lesen. Ich werde versuchen, Dir bei den Details ein paar Beispiele aufzuzeigen, damit Du besser nachvollziehen kannst, was ich damit meine. Vielleicht geht das aber auch Hand in Hand mit Punkt 2 ...

6. Das Ganze ist zu beschreibend. Irgendwie kann ich deinen Prot und die sonstigen Charaktere nicht richtig greifen, weiss nicht was sie denken, kann nicht nachvollziehen, wie sie sich fühlen, bei dem was sie tun. Versuche das mehr zu zeigen, anstatt nur zu beschreiben. Jonas z.B. scheint ja eine Art soziale Phobie zu haben (zumindest in Ansätzen), aber das bemerke ich einfach nicht, wenn er mit den Dreien redet. Er verhält sich nicht so, er ist zu steril und leblos, hat keine wirklichen Eigenschaften. Du behauptest zwar, dass er Schwierigkeiten hat, mit (fremden) Leuten im Gespräch zu bleiben oder auf diese zuzugehen, aber ich fühle das nicht, weil Du es mir nicht zeigst, sondern es nur beschreibst. Das ist nicht spannend.
Niemand deiner Charaktere hat richtige Ecken und Kanten. Wenn ich jetzt so über das Gelesene nachdenke, dann fällt mir da kein Merkmal auf, was ich einem der Charaktere zuordnen könnte. Die unterscheiden sich nur durch ihre Namen. Klingt hart, ich weiss, aber da müsstest Du unbedingt nachbessern. Das schreibe ich jetzt natürlich hier so einfach auf, die Umsetzung ist natürlich eine ganz andere Kiste. Aber vielleicht magst Du deinen Chars etwas mehr Schliff verpassen, ihnen ein Gesicht geben, das würde die Geschichte bestimmt gleich viel besser machen.

7. Es passiert zu wenig. Sprich es gibt meiner Meinung nach in den ersten Abschnitten nicht genug (spannende) Handlung, die ein Weiterlesen meinerseits befeuern würde. Ich würde Dir raten, direkter in die Geschichte einzusteigen, vielleicht mit der Szene, als Jonas zum ersten Mal auf die Drei trifft. Ansonsten ist das zu schleppend, was wieder mit dem Beschreiben zu tun hat und die eigentliche Handlung mit angezogener Handbremse auf der Strecke bleibt. Gerade bei einer Kurzgeschichte ist es enorm wichtig, gleich von Anfang an Vollgas zu geben, weil die Strecke ja nicht sehr lang ist und Du die Leser trotzdem fesseln willst. Trägere Einstiege passen eher zu längeren Texten, vielleicht einer Novelle oder einem Roman, da kann man den Spannungsbogen gemächlicher aufbauen. Das ist zumindest, was ich hier bisher gelernt habe.

Details:

Nun saß er, mit seinen gerade mal 22 Jahren, an einem Standort irgendwo im Nirgendwo fest. Bis auf eine Tankstelle und einen kleinen Tante-Emma-Laden gab es hier absolut gar nichts.
Der erste Satz klingt seltsam, vor allem wegen dem Wort "Standort". Ausserdem könntest Du ihn ein wenig umstellen, um ihn besser lesbar zu machen. Beispiel:

Mit seinen gerade mal 22 Jahren, sass Jonas irgendwo im Nirgendwo fest. Bis auf eine Tankstelle und einen Tante-Emma-Laden gab es hier nichts.

Irgendwo im Nirgendwo ist halt auch so eine Plattitüde, die man schon tausendmal gelesen hat. Lasse deiner Kreativität freien Lauf, es gibt doch so viel schönere und weniger abgedroschene Ausdrücke, wie Du einen Ort am Arsch der Welt beschreiben kannst :D

Noch vor drei Monaten hätte er jeden ausgelacht, der ihm erzählt hätte, dass er freiwillig Spaziergänge unternehmen würde.
Die beiden "hätte" so dicht aufeinander lassen den Satz echt - sorry für den Ausdruck - hässlich klingen.

Da wusste er allerdings noch nicht, was für ein Ausmaß die Langeweile annehmen würde, wenn man sich Woche für Woche in einer Wohnung aufhielt, in der so ziemlich alles an Komfort fehlte.
... in der jeglicher Komfort fehlte fände ich besser. Allerdings ist nur Füllmaterial.

Die Leitung reichte jedoch nicht für eine befriedigende Internetverbindung, weswegen Jonas einzelne Artikel auf seinen bevorzugten Forenseiten nur mit Beharrlichkeit lesen konnte.
Befriedigende Internetverbindung finde ich seltsam. Weiss natürlich, was gemeint ist, aber ich denke, da fällt Dir bestimmt noch ein treffenderes Wort ein. Hier ein Beispiel, wie Du die Infos in diesem Satz viel kürzer widergeben könntest, ohne das etwas verloren geht:

Die Internetgeschwindigkeit reichte nicht aus, dass Jonas die Artikel seiner bevorzugten Foren angenehm lesen konnte.

22 vs. 15 (relativ kurze) Worte. Es ginge noch kürzer. Mein Beispiel ist auch nur zur Veranschaulichung da, nicht weil ich den Satz unbedingt besser finde. Aber gehe mal so über deine gesamte Geschichte und die wird sich drastisch verkürzen. Klar, das kann man auch als Stilfrage verbuchen und ich will Dir hier nichts diktieren, wenn das so für dich stimmt, dann ist ja alles gut. Aber mir ist das wie gesagt zu ausschweifend, da sind zu viele Worte, die mir nichts mitgeben. Ich mache diesen Fehler bei meinen eigenen Texten teilweise auch, aber hier bei deinem fällt es mir jetzt wirklich massiv auf.

Ich hoffe, Du nimmst das nicht persönlich, sondern kannst es irgendwie als Ansporn verbuchen, um besser zu werden. Ich bin auch kein Profi, aber sieh es einfach als ehrliche Meinung eines interessierten Lesers. Ich könnte deine Geschichte jetzt Abschnitt für Abschnitt durchgehen und Dir alles aufschreiben, was mir auffällt, aber ich denke, das wäre zu viel des Guten, denn erstmal müssen die Basics sitzen. Es gibt ein paar gute Ansätze, aber die werden leider von den grossen Problemen erschlagen. Wie gesagt, ich denke, in all diesen Worten schlummert irgendwo eine spannende, interessante Geschichte, die es herauszuschälen gilt. Das kannst aber nur Du als AutorIn machen und die Kommentatoren hier sind da, um Dir unterwegs ein paar Tipps und Ratschläge mitzugeben. Ich hoffe, Du kannst mit diesem ersten Kommentar etwas anfangen und wenn nicht, dann spüle ihn einfach das digitale Klo runter, ich wäre Dir nicht böse.

Aller Anfang ist schwer.

Viel Erfolg
DM

 
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Hallo @DissoziativesMedium ,
erstmal vielen dank für deinen langen Text, ich werde mich da mal durcharbeiten.

Kommentare, Kritik und andere Sichtweisen waren immerhin der Grund, warum ich mich hier angemeldet habe. :)

Bisher habe ich ca. die Hälfte, oder vielleicht war es auch etwas mehr, davon gelesen.
Schade das Du es nicht bis zum Ende geschafft hast, eine abschließende Meinung über die Geschichte an sich hätte mich auch interessiert.
(dachte, habe gute Augen! :lol:)
Die hast Du ganz sicher. Hatte mich eigentlich gefreut das hier der Blocksatz möglich ist (Ich mag das). Werde ich mir wohl noch mal anschauen müssen.
Gerade am Anfang beschreibst Du die Dialoge, anstatt sie in direkter Rede widerzugeben.
Ursprünglich wollte ich ganz ohne Gespräche auskommen, eine Erzählung mit etwas Abstand. Das funktionierte nicht mehr, als ich versuchte den drei Gothics etwas mehr Leben einzuhauchen. Der Spagat von beidem ist vielleicht nicht so gut gelungen...
Ich denke, es könnte einiges gekürzt werden, ohne das die Story nennenswert an Substanz einbüsst.
Eindeutig ein ganz großes Problem. Von den ursprünglichen 21 Seiten (Word, A4, breite Ränder) habe ich die Geschichte auf etwa 16,5 Seiten gekürzt. Jede Kürzung, jedes Löschen eines Teils, kostet mich Überwindung. (Klingt vielleicht komisch, ist aber so.)
Nehme es aber als Kritik hin und werde nach Möglichkeiten zum... komprimieren... suchen.
Niemand deiner Charaktere hat richtige Ecken und Kanten. Wenn ich jetzt so über das Gelesene nachdenke, dann fällt mir da kein Merkmal auf, was ich einem der Charaktere zuordnen könnte.
Hmm... mein Bemühen war es mit vielen kleinen Erwähnungen, Andeutungen und Handlungsweisen Jonas über die länge der Geschichte immer mehr Substanz zu verleihen. Hatte das Gefühl (und auch ein wenig Feedback) dass mir dieses gut gelungen sei. Schade das Du es anders siehst.
Die Drei Statisten kommen zu Kurz, stimmt, sind teilweise den Kürzungen zum Opfer gefallen (und sie sind für diese Geschichte nicht wirklich relevant).

Befriedigende Internetverbindung finde ich seltsam.
*lach* Ich bin IT-ler und finde diese Formulierung eher nicht seltsam, glaube aber zu wissen was Du meinst.

- Auch an den lästigen Füllworten habe ich mich schon vergriffen, nur irgendwie scheint es da ein Nest von denen zu geben, das werden eher mehr denn weniger. ^_^

- Für doppelte Wörter bin ich, bei meinen eigenen Texten, irgendwie Blind. Bei anderen fallen sie mir auf, bei meinem eigenen Geschreibsel eher weniger.

Ich hoffe, Du nimmst das nicht persönlich, sondern kannst es irgendwie als Ansporn verbuchen, um besser zu werden.
Warum sollte ich es Persönlich nehmen? Jeder hat seine eigene Meinung und wenn ich keine Kommentare wollte, dann hätte ich den Text nicht Hochstellen dürfen. :-D
Ich hoffe, Du kannst mit diesem ersten Kommentar etwas anfangen und wenn nicht, dann spüle ihn einfach das digitale Klo runter, ich wäre Dir nicht böse.
Ganz sicher kann ich damit etwas anfangen. Ob ich die Punkte auch umsetzen kann steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt.

Liebe Grüße
Pendraxa

PS: hoffe doch sehr, dass Du dir, trotz der verhassten "Blöcke", noch die mühe machst, bis zum Ende zu lesen. :-P

 
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Hallo @Pendraxa

Vielen Dank für deine Geschichte.
Ich finde deine Geschichte auch etwas altertümlich geschrieben. Nicht wirklich wegen der Wortwahl, die ist das nur vereinzelt. Es ist eher die Erzählweise. Ich nenne das für mich "19. Jahrhundert-Style" und eigentlich gefällt mir das sehr gut. Das Problem mit diesem Stil ist nur, dass er von Natur aus einige Nachteile mit sich bringt:
1. Die meisten Menschen mögen ihn nicht.
2. Er wirkt sehr träge und langatmig.
3. Er ist zusammenfassend, beschreibend und indirekt erzählt, daher ist es schwieriger die Lesenden emotional zu involvieren.
4. Es kostet auch mehr Energie solche Texte zu lesen.

Ich denke schon, dass es durchaus auch möglich ist, diesen 19. Jahrhundert-Style heute zu verwenden, jedoch muss man hier versuchen die Nachteile, die er von Haus aus mit sich bringt, irgendwie auszugleichen.

Ehrlich gesagt schriebe ich selber sehr ähnlich. Und nicht nur das: Ich kann so auch am besten schreiben. Wenn ich so schreibe, schreibe ich sehr lange und komplexe Geschichten. Versuche ich mich aber an einer moderneren, szenischeren Schreibweise, dann stehe ich vor dem Word und werfe rasch das Handtuch. Es fliesst einfach nicht.
Daher habe ich für mich sozusagen ein zweistufiges Verfahren "erfunden" und ich möchte dir das gerne vorstellen. Vielleicht gefällt es dir ja. Und wenn nicht, dann ist es auch nicht so schlimm. ;) Du musst logischerweise so schreiben, wie es sich für dich am besten anfühlt und wie du auch am produktivsten bist.

Zuerst schreibe ich die komplette Geschichte in diesem 19. Jahrhundert-Style. Dann überlege ich mir, wo wann welche Informationen vorhanden sind und wie man sie gut in Szene setzten könnte. Die Geschichte schreibe ich dann in der Regel komplett neu. Mir gefällt es unglaublich gut so szenisch zu schreiben, während es wie gesagt überhaupt nicht gelingt, wenn ich das von Beginn an so schreiben möchte. Oder anders gesagt: Zuerst die Handlung an sich, so detailliert wie möglich und dann die Darstellung der Handlung, so interessant wie möglich. Für mich ist das quasi wie "doppelt-kreativ-sein".

Wenn wir mal beispielhaft den ersten Abschnitt ansehen, dann ist da die relevante Information, dass Jonas aufgrund eines Jobangebots in einem Kaff sitzt. Dass es dort nur einen Tanten Emma-Laden hat, dient der Verdeutlichung dieser Information.
Er hat eine schlichte Wohnung, eine schlechte Internetverbindung... ihm ist also langweilig. Er geht, um gegen die Langeweile anzukämpfen, etwas spazieren.
Im zweiten Abschnitt vergehen dann Monate. Und er versucht in einer Kneipe Anschluss zu finden, was ihm nicht recht gelingt.

Es gäbe jetzt die Möglichkeit diese Informationen in einer neuen Szene einzubringen. Beispielsweise könntest du ja beschreiben, wie Jonas in die Kneipe geht. Möglicherweise ist er schon mehrmals vor dem Schuppen gestanden, aber er war immer geschlossen gewesen. Und endlich ist er mal geöffnet!
Die Dorfbewohner könnten sagen, dass sie schon seit einigen Wochen seine Anwesenheit bemerkt haben und Jonas könnte antworten, dass er wegen einem Job gekommen sei. Wegen einem Job, den er zunächst für attraktiv gehalten hat. Er könnte sich dann über die lahme Internetverbindung beschweren - oder dass er nur in dieser seltsamen Tankstelle einkaufen gehen kann. Was für ein komischer Kauz dort an der Kasse steht! Das einzige, was er tun könnte, sei ja spazieren. Die Dorfbewohner könnten beleidigt reagieren, weshalb der Anschluss von Jonas an sie nicht so recht gelingt. Dass sie ein doofes Schlagerlied feiern, dass ihm überhaupt nicht gefällt, könnte auch gleich verstärken, dass sie nicht eine gleiche Wellenlänge haben. Dadurch würdest die gleich von Beginn an eine Handlung haben, statt zwei Abschnitte mit Beschreibungen. Ausserdem wäre es dann auch umso besser, wenn er sich anschliessend mit den Gruftis anfreundet, wenn du uns vorher einen gescheiterten Versuch zeigst.

Oder vielleicht ganz was anderes: Er könnte auch mit einem Arbeitskollegen eine (stotternde) Videokonferenz haben und ihm seine Eindrücke vom Dorf schildern. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt und es kommt darauf, was dein Schwerpunkt ist. Welche, der negativen Folgen für Jonas in diesem Dorf, möchtest du am klarsten darstellen?

Ich finde übrigens auch, dass du schöne Sätze schreibst. Hier merkt man, dass du dir Mühe gegeben hast. Das ist sicher etwas, dass du beibehalten und weiterentwickeln kannst. :)

Leider muss ich auch gestehen, dass ich die Geschichte nicht komplett gelesen habe. Gerne möchte ich das aber noch nacholen um dir auch noch ein inhaltliches Feedback geben zu können. Die Geschichte ist wirklich etwas lang.

Ich hoffe aber trotzdem, dass ich dir schon schon mal etwas Eindrücke, Inputs und möglicherweise und hoffentlich gar Unterstützung geben konnte.

Liebe Grüsse,
Lazar

 
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Hallo @Lazar ,

Vielen Dank für deinen, durchaus unerwarteten, Kommentar. Kaum jemand macht sich noch gerne die Mühe, sich in langatmige Texte, die mit verschachtelten Sätzen und Beschreibungen von Kleinigkeiten einhergehen, einzulesen oder ganz allgemein Freude daran zu haben. Das passt nicht mehr in die schnelllebige Zeit ala „Hollywood Actionfilm“, in der wirklich jede Sekunde spannend sein muss. Mein „Geschmack“ ist da wahrscheinlich veraltet, weswegen ich gerne in solcher Manier schreibe.

Dein Anstoß für einen verbesserten einstieg, mit z.B. einer Auseinandersetzung mit den Dorfbewohnern, ist durchaus interessant. Werde ich zumindest mal drüber nachsinnieren.

Die Methode des doppelten Schreibens klingt sehr aufwendig, könnte allerdings auch sehr zielführend sein. Werde ich mal im Hinterkopf behalten.

Ich finde übrigens auch, dass du schöne Sätze schreibst. Das ist sicher etwas, dass du beibehalten und weiterentwickeln kannst. :)
DAS höre ich tatsächlich zum ersten mal. Da musste ich jetzt aber staunen... Danke. :)

Ich hoffe aber trotzdem, dass ich dir schon mal etwas Eindrücke und Inputs geben konnte.
Auf jeden fall. Besten Dank dafür.

Liebe Grüße
Pendraxa

 
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Kaum jemand macht sich noch gerne die Mühe, sich in langatmige Texte, die mit verschachtelten Sätzen und Beschreibungen von Kleinigkeiten einhergehen, einzulesen oder ganz allgemein Freude daran zu haben.

Woher weißt du das? Ist das deine eigene Empirie oder behauptest du das einfach so? Mit solchen kategorischen Aussagen wäre ich vorsichtig. Im Feuilleton werden regelmässig Werke mit einem komplexen, angeblich komplizierten Stil besprochen und lobgepriesen, weil ein solcher Stil leider immer noch als besonders "literarisch" angesehen wird.

Wie konnte ich nur so verblendet gewesen sein, mich zu dieser vermaledeiten Anstellung überreden zu lassen? Das war einer der üblichen Gedanken von Jonas, während er einen abendlichen Spaziergang durch den kleinen Ort machte. Ein verlockend klingendes Angebot eines Arbeitgebers hatte ihn vorschnell einen Vertrag unterzeichnen lassen. Nun saß er, mit seinen gerade mal 22 Jahren, an einem Standort irgendwo im Nirgendwo fest.

Das Problem eines solchen Stils wird hier in diesem ersten Absatz offensichtlich. Nehmen wir ihn mal Stück für Stück auseinander.

Vermaledeit. Was ist das nur für 1 Wortwahl? Was bedeutet das in diesem Kontext? Und ist das ein Wort, was ich in einem literarischen Text lesen möchte? Ich jedenfalls nicht. Ich kann bei einer solchen Wortwahl immer nur denken: Muss ich den Text weiter ernst nehmen? Es ist wie: Der Killer tapste durch den Flur. Killer tapsen nicht.

Und dann: Erster Satz. Das denkt er ja, er redet mit sich selbst. Sagt man das so? Sagt er selbst, in Gedanken: Wie konnte ich nur so verblendet gewesen sein?

Der ganze Absatz erklärt mir etwas. Zuerst setzt du diesen ersten Satz als Figurensprache dahin, dann erklärt mir der Erzähler, wie es dazu gekommen ist. Warum? Weil du deiner eigenen Konstruktion nicht vertraust? Du nimmst hier auch jede Menge Abkürzungen. Das macht den Text nicht besonders literarisch oder komplex, sondern eher schwach in der gesamten Anlage, er wirkt nicht. Ich entpacke das mal:

Was sind denn seine üblichen Gedanken? Was ist ein verlockend klingendes Angebot? Wo ist Irgendwo im Nirgendwo?

Das ist einfach unpräzise und das sind im Text nicht mehr als Behauptungen, die der Erzähler aufstellt. Wenn du aber schon von Anfang an einen Charakter erschaffen willst, der so etwas wie Tiefe besitzt, solltest du diese Attribute entpacken. Wie fühlt sich das an für einen jungen Menschen irgendwo in der Provinz festzusetzen - da lese ich nichts drüber, das wird nur kurz angerissen. Hier könntest du aber schon beginnen, den Text zu entpacken, zu zeigen, wir er da durch die Gegend läuft, die Geschäfte zu, nix los, dann wird er in ein Gespräch verwickelt, wo herauskommt, er ist erst 22 und eigentlich nur wegen der Kohle da. Meint also, das steckt sehr viel verschenktes Potential drin, es ist etwas lazy writing. Der Autor erklärt, wo der Charakter übernehmen sollte, ist vielleicht die Kurzfassung.

Hier mal ein guter Essay zum Thema: Nuts and Bolts: “Thought” Verbs

Gruss, Jimmy

 

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