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Der Wecker klingelt.

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02.03.2021
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Anmerkungen zum Text

Nun, da mein letztes Werk eher weniger gut ankam, verständlicherweise, und ich bei ihr auch ein wenig in der Sackgasse stecke, hier eine neue, kleine Kurzgeschichte. Ich hoffe, es gefällt.

Der Wecker klingelt.

Nein. Er klingelt nicht. Sein scharfes Bellen zerreisst den warmen Morgen und liefert sich einen erbitterten Kampf mit jener Schläfrigkeit, die sich eben noch schützend über mich geworfen hat. Mühsam presse ich meine Augen zusammen und verliere ihn doch allmählich, den alltäglichen Kampf. Ich schiebe meine schweren Arme über die Bettkante. Sie fallen würdelos auf den ausgefransten Teppich. Der Rest meines Körpers folgt ihnen, nicht weniger unwürdig. Zeit für eine Dusche.


Das Wasser prasselt.


Nein. Es prasselt nicht. Die nassen Leinen hängen schwer über meinem Kopf. Abwechselnd schiebe ich jede meiner kalten Schultern unter den Vorhang aus Millionen Tropfen, tanke etwas Wärme und wechsle dann zur anderen Seite. Die Dusche füllt sich mit Dampf. Die plumpen Avancen des Duschvorhanges, der sich immer wieder anzuschmiegen versucht, weise ich murrend zurück. Ich stütze meinen Kopf an den kalten Fließen ab und beobachte die Müdigkeit, die rotierend im Abfluss verschwindet. Ich habe Hunger.


Die Kaffeemaschine mahlt.


Nein. Sie mahlt nicht. Kreischend versinken die Kaffeebohnen im Mahlwerk der Maschine. Der Apparat erhitzt das Wasser auf eine exakt eingestellte Temperatur und presst es unerbitterlich durch den duftenden Kaffeesand. In verheißungsvollen Tropfen springt das braune Gold in die Keramiktasse, wächst heran zu einer Pfütze, einem See und schließlich einem Ozean, dessen Brandung mir den Schlaf aus den Gliedern spült. Ein erster, mutiger Blick auf die Uhr: Ich muss los.


Die Zeit drängt.


Nein. Sie drängt nicht. Sie reißt mich aus meinem Traum, holt mich zurück in die Realität. Sie treibt mich vor sich her. Sie dirigiert ein Konzert aus heulenden Autos, mürrischen Busfahrern, Passanten, Terminen, Formularen, Renditen. In der ersten Pause gelingt es mir ungesehen das Konzerthaus zu verlassen. Ich steige auf mein Rad, trete zwei, drei mal in die Pedale, lehne mich zum Lenker vor, schmiege mich an den Rahmen und schließe meine Augen. Die Straßen sind wie leergefegt, niemand will die Vorstellung im Konzerthaus verpassen. Die Frühlingssonne zieht mich durch die frische Morgenluft über den Asphalt. Die Häuser werden kleiner, die Straße wird dünner, loser. Der Belag wird erst brüchig, dann zu Schotter und zu Sand schließlich. Die Fahrt geht durch Täler und über einen Berg, vorbei an einem Fluss bis hin zu einem Wald mit einer kleinen Lichtung. Hier endet mein Ausflug. Ich werfe mich in das weiche Gras und öffne zum ersten Mal wieder die Augen. Mein Blick fällt zur Seite, auf einen alten Bekannten: Der Wecker.

 

Hallo @fantastokrat,

kurz,bündig strukturiert , stimmig und rund, so würde ich deine Geschichte bezeichnen und obendrein find ich sie gar nicht mal schlecht.
Du zeigst eine gute Beobachtungsgabe und ich könnte mir vorstellen, dass dir auch andere vielleicht etwas tiefsinnigere Geschichten gut gelingen könnten.
Aber nun zu dieser:

Während du überwiegend sehr treffende Schilderungen des Zustands deines Protagonisten und seiner Welt drumherum formuliert hast, finde ich bei dem Begriff Konzerthaus nicht so recht rein. Klar, ich weiß oder ahne, was du damit sagen willst, aber das könnte wirklich noch etwas treffender dargestellt werden.

zerreist den warmen
zerreisst
Der Rest meines Körpers folgt ihnen, nicht weniger unwürdig. Zeit für eine Dusche.
Muss ich mir das so vorstellen, dass er jetzt bäuchlings auf dem Boden neben dem Bett liegt? So ganz klar wird das an dieser Stelle nicht.
Schreiend versinken
Eher kreischend, ich finde, es hört sich eher wie Gekreische an, wenn die Kaffeebohnen gemahlen werden.
die Straßen sind wir
sind wie
zu Schoter
Schotter
zu Sand schließlich.
schließlich zu Sand
vorbei an einen Fluss
vorbei an einem! Fluss
Mein Blick fällt zur Seite und ich erblicke
zweimal Blick erblickte, bitte eines durch ein anderes Wort ersetzen.


Lieben Gruß

lakita

 

@lakita Danke für dein Feedback!

Tja, warum Konzerthaus... der Begriff lag nahe, da ich "Konzert" für das Zusammenspiel sehr angebracht finde. Das Arbeitsleben gleicht ja einem Konzert, strukturiert, einem festen Plan folgend. Und was liegt da näher, als von einem Konzerthaus zu sprechen und nicht die etwas überstrapazierte Metapher der "Maschine" zu nutzen: Konzerthaus ist als Metapher sogar noch etwas perfider, da man damit eher etwas positives verbindet, als mit einer Maschine. Und das versucht das "System" uns ja auch zu vermitteln: Arbeiten für den Konsum, damit es dir "gut geht". Deswegen Konzerthaus... aber geht sicherlich noch besser :)

Ansonsten auch Danke für das Feedback zu den Fehlern... sind in der Korrektur! :)

 

Hi @fantastokrat

Bist du erneut eingeschlafen? Sehr gefühlvoll und flüssig bin ich mit Dir durch deinen Traum über einen Tagesablauf gerutscht. Schön geschrieben. Aktion im Stillstand. Und dein Konzerthaus hat mir mit deiner Erklärung auch gut gefallen.

Ich stütze meinen Kopf an den kalten Fließen ab und beobachte die Müdigkeit, die rotierend im Abfluss verschwindet.
...fand ich persönlich nicht als ein so geglücktes Bild. Denn verschwand sie überhaupt? Wurde er nicht noch mehr eingelullt.
Die Kaffeemaschine mahlt.
Nein. Sie mahlt nicht. Kreischend versinken die Kaffeebohnen im Mahlwerk der Maschine.
Und hier glaube ich deiner Ansage nicht? Denn sie mahlt ja... deine Maschine. Sie müsste stocken, ein Fehler müsste auftreten und deine Ansage bestätigen, doch so funktioniert es für mich nicht. Auch wenn ich deinen Stilmittel verstehe. Oder eben etwas anders finden um deinen Stil zu behalten.
Oder warum nicht "Ja. Sie mahlt", als einzige Ausnahme.

Na, es ist ja alles nur persönliches von mir. Lass Dich nicht ablenken.
Es war schön von DIr gelesen zu haben.

Viele liebe Samstagsgrüße

G.

 

...fand ich persönlich nicht als ein so geglücktes Bild. Denn verschwand sie überhaupt? Wurde er nicht noch mehr eingelullt.
Hm... stimmt. Unten ist ja noch der Kaffee.... das ist wirklich inkonsitenz
Und hier glaube ich deiner Ansage nicht? Denn sie mahlt ja... deine Maschine
Oha.. sehr gut beobachtet. Auch hier gar nicht konsistent, das fällt mir jetzt auch auf. Hier fehlt eigentlich wieder das verzerrte Bild, um im Konzept zu bleiben!

Vielen Dank, auch das war sehr hilfreich!

 

Hi @fantastokrat

Mit Freuden... lass es Dir gut ergehen... und ich wünsche Dir noch etwas... nämlich einen Tag im Sonnenschein.

Viele liebe Grüße...
G.

 

Jo @fantastokrat ,
es war also doch ein Traum. Dieses schwierige Aufstehen hast du gut beschrieben. Konnte ich gut mitfühlen (scheiß Wecker ?).
Einzog störend fand ich die Wiederholung des Wortes "mürrisch".
Gern gelesen. Schönen Sonntag;)

 

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