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Der weiße Pullover

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Der weiße Pullover

Schon als ich den Karton auf- und das zartrosa Zellophanpapier auseinander klappte, wusste ich, dass dieses Kleidungsstück eine besondere Rolle für mich spielen wird. Der weiche Stoff, der feine Strick und die sanfte Farbe gefielen mir auf Anhieb. Und ich fühlte, dass mir der Pullover mit der freien Schulter stehen wird – dass ich mich darin wohlfühlen werde.

Dabei ist es eine Reihe von Zufällen gewesen, dass dieses Päckchen in der letzten Woche anonym in meinem Hausflur abgestellt wurde. Wir befinden uns inmitten der Kontaktsperre. Es ist Coronazeit. Die Zeit, in der die Welt leiser und die Sehnsüchte etwas lauter werden. Um mich abzulenken, bin ich vor einigen Tagen durch die 30.000-Seelen-Kleinstadt gelaufen, die erst vor wenigen Jahren mein Zuhause wurde und eigentlich so gar nicht zu meiner Neugier auf die Welt passen will. Trotzdem schlendere ich gerne durch ihre Gassen.

Mein Verhältnis zum Online-Shopping ist in Sachen Kleidung grundsätzlich von Skepsis geprägt: In 99,9 % der Fälle ist das, was ich nach einer Online-Bestellung in den Händen halte, nicht das, was ich mir in Gedanken euphorisch an mir vorgestellt habe. In solchen Fällen liegt das Kleidungsstück, zusammen mit meiner Enttäuschung darüber, meist ewig auf meinem Flurschrank herum, bis ich mit etwas Glück in letzter Sekunde noch daran denke, es zurückzusenden. Als ich an jenem frühen Donnerstagabend aber mit aller Zeit, die man auf dieser Welt so haben kann, das Schaufenster des liebevoll dekorierten Ladens in der kleinen Seitengasse betrachtet habe, dachte ich: „Warum eigentlich nicht? Im Zweifel hast du immer noch einen lokalen Händler unterstützt.“ Und so kam es, dass ich noch am gleichen Abend den spontan ins Leben gerufenen Online-Shop der kleinen Boutique studierte und am Ende tatsächlich zwei Pullover und ein Shirt bestellte. Mit dem schnellen Klick auf „Senden“ war die Bestellung raus und für mich fast genauso schnell schon wieder in Vergessenheit geraten … bis zu dem Klingeln der Paketbotin und ihrer barschen Stimme in meiner Gegensprechanlage: „Ich stelle das Paket ins Treppenhaus. Keine Unterschrift.“

Da ich mitten in einem Online-Meeting steckte, in dem diskutiert wurde, welche Kollegen wir in Kurzarbeit schicken müssen und wie unsere Projekte überhaupt noch realisiert werden können, legte ich das Paket auf besagten Flurschrank und vergaß es fast genauso schnell wie wenige Tage zuvor meine Bestellung.

Bis zu diesem Moment. Bis ich vor drei Tagen die liebevoll handschriftlich verfasste Notiz von Sarah fand: „Liebe Luise, vielen Dank! Bleib gesund <3 Alles Liebe, Sarah“. Seit dieser Sekunde weiß ich, dass ich eine gute Entscheidung getroffen habe. Ich probierte den Pullover direkt an. Er war weich und kuschelig. Er fühlte sich nach Geborgenheit an. Nach genau dem Gefühl, das man als Single in diesen Tagen manchmal vermisst.

Und ich weiß jetzt genau, wieso die kleine Boutique heißt, wie sie heißt: Herzstück. Der Pullover erinnert mich an dich. Er besitzt deine Geradlinigkeit. Er ist nicht laut oder aufdringlich, aber er strahlt Eleganz und Souveränität aus. Entschlossenheit. Der sanfte Farbton erinnert mich an die weihnachtliche Tischdekoration bei unserem letzten gemeinsamen Abendessen. Weißt du noch, wie wir über das Creme und die Grüntöne gesprochen haben? Meine Schlafzimmerwand hat jetzt fast den gleichen pastelligen Grünton.

Und das Gefühl, das der Pullover mir gibt, gleicht dem, das du mir mal gegeben hast: Besonders zu sein. Etwas Passendes gefunden zu haben. Etwas nicht mehr loslassen zu wollen. Ich fühle mich schön mit ihm. Ich werde gesehen. Ich strahle. Ich bin ich.

Schon als ich den Pullover das erste Mal anprobiert habe, wusste ich, dass er dir gefallen würde. Dass ICH dir in dem Pullover gefallen würde. Und natürlich war es kein Zufall, dass ich ihn anhabe, während wir heute skypen. Keine 5 Minuten hat es gedauert, bis du die Worte sagst, die ich so gerne hören wollte: „Du siehst gut aus. Wirklich gut.“ Und dann Stille. Jedes weitere Wort könnte die Erinnerung an das, was wir mal waren, nur kaputt machen. Und so gerne ich diese wenigen Worte von dir höre, weiß ich, dass sie alles sind, was ich in diesem Frühling noch von dir erhoffen kann.

Ich verspreche, dass ich auf diesen Pullover besser aufpassen werde als auf uns. Statt ihn so wie unsere Geschichte über die Monate hinweg zu verwaschen, werde ich ihn pfleglich behandeln. Ich werde ihn in besonderen Momenten tragen - nicht nur dann, wenn mir meine anderen Kleidungsstücke nicht richtig passen wollen. Sein Platz in meinem Schrank wird nicht irgendwo unter anderen Pullovern sein. Er wird immer ganz oben liegen. Das verspreche ich - mir … und vielleicht auch ein kleines bisschen dir.

Aber ich will, dass auch dir eine Sache klar ist: An IHR würde er fade aussehen, dieser ‚schlichte‘ weiße Pullover.
 
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Hab mir erlaubt, deinen Titel von GROßBUCHSTABEN zu normaler Schreibweise zu ändern. Gruß, ;)
 
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Hallo SchnappSchuss,

ich nehme mal deinen ersten Beitrag zum Anlass meinen ersten Beitrag hinzuzufügen :)

Mir gefällt der Grundton deiner Geschichte. Sie ist ruhig und melancholisch und für meinen Eindruck spiegelt das genau den Gefühlszustand deiner Protagonistin wieder. Mir gefällt sogar der gewählte Stil, obwohl ich eher Dialogen zugeneigt bin. Insgesamt habe ich deine Geschichte also gerne gelesen.

Leider gibt es jedoch ein paar Punkte, die für mich den Lesefluss doch stark behindern.
Du erzählst aus der ich-Perspektive und fängst im Präsens an. Soweit so gut.
Du fügst eine Rückblende und eine kurzer Einblick in Gefühlswelt des Charakters ein, basierend auf der Erfahrung im Online-Shopping. Auch da fühle ich mit.
Doch dann beginnt mein Problem.
Und so kam es, dass ich noch am gleichen Abend den spontan ins Leben gerufenen Online-Shop der kleinen Boutique studiere und am Ende tatsächlich zwei Pullover und ein Shirt bestelle.
Hier mischt du die Zeiten. "... kam es, dass ich ... studiere". Du solltest dich für Vergangenheit oder Gegenwart entscheiden.
Da ich mitten in einem Online-Meeting stecke, in dem diskutiert wird, welche Kollegen wir in Kurzarbeit schicken müssen und wie unsere Projekte überhaupt noch realisiert werden können, lege ich das Paket auf besagten Flurschrank und vergesse es fast genauso schnell wie wenige Tage zuvor meine Bestellung.
Das muss vor dem Anfang deiner Geschichte gewesen sein, denn schließlich packt sie am Anfang den Pullover aus. Dass du hier dennoch dich im Präsens befindest, irritiert mich.
Bis zu diesem Moment. Bis ich vor drei Tagen die liebevoll handschriftlich verfasste Notiz von Sarah finde.
Jetzt bin ich völlig verwirrt. Bezieht sich dieser Moment auf den ersten Absatz? Dann müssten wir uns ja wieder in der Gegenwart befinden.
Jedoch revidierst du diese Einschätzung gleich wieder, denn dieser Moment fand ja vor drei Tagen statt, und ist aber trotzdem im Präsens geschrieben.
Hat sie den Zettel drei Tage bevor sie den Pulli ausgepackt hat gefunden?
Ich probiere den Pullover direkt an. Er ist weich und kuschelig.
Offenbar nicht, denn sie hat den Pulli ja gleich anprobiert. Womit wir eigentlich wieder in der selben Zeit sein sollten wie im ersten Absatz. Aber wir sind doch schon drei Tage in der Zukunft?
Schon als ich den Pullover das erste Mal anprobiert habe, wusste ich, dass er dir gefallen würde. Dass ICH dir in dem Pullover gefallen würde. Und natürlich war es kein Zufall, dass ich ihn anhabe, während wir heute skypen.
Okay, mich irritiert zwar immer noch das Zeit-Hopping, allerdings ist mir hier klar, in welcher Zeit wir uns befinden. Eindeutig nach der ersten Anprobe, du mischt jedoch wieder Gegenwart und Vergangenheit in den Sätzen. "... anprobiert habe, wusste ich, ..."; "... war es kein Zufall, dass ich ihn anhabe, ...".

Die letzten zwei Absätze holen mich dann wieder ab, alles ist logisch und der letzte Satz - der Seitenhieb - gibt deiner Protagonistin noch eine kleine, liebenswerte Kante.
 
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03.05.2020
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Natürlich! Ich werde beim nächsten Mal direkt darauf achten :)


Hallo feurig,

ich danke dir ganz herzlich für dein Feedback. Das war wirklich hilfreich. Du hast da tatsächlich eine fiese Schwäche entdeckt: Ich neige immer sehr zum Präsens, weil es für mich die Unmittelbarkeit der Erinnerung spiegelt. Aber ich gebe dir vollkommen recht, in chronologischen Abläufen kann das sehr verwirrend sein. Ich hab mir deine Anregungen zu Herzen genommen und nochmal etwas an den Zeiten gebastelt. Ich hoffe, so ist der Ablauf nun besser nachzuvollziehen.

Vielen lieben Dank und dir einen wunderbaren Start in diese Woche!
 
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Hallo @SchnappSchuss ,

meine Verwirrung ist großflächig beseitigt. :)
An ein paar Stellen blitzt die Zeit-Vermischung noch auf, ich konzentriere mich jedoch jetzt mal mehr auf die Story.

Schon als ich den Karton auf- und das zartrosa Zellophanpapier auseinander klappte, wusste ich, dass dieses Kleidungsstück eine besondere Rolle für mich spielen wird. Der weiche Stoff, der feine Strick und die sanfte Farbe gefielen mir auf Anhieb. Und ich fühlte, dass mir der Pullover mit der freien Schulter stehen wird – dass ich mich darin wohlfühlen werde.
Der Absatz holt mich ab.
Ich hänge ein kleines bißchen bei "der weiche Stoff, der feine Strick". Ich weiß, dass du mit "feinem Strick" die feinen Maschen des Pullis meinst, jedoch ist "Strick" im Textilbezug ein Synonym für "das Gestrick", den gestrickten Teil eines Pullis, also den Stoff.

Dabei ist es eine Reihe von Zufällen gewesen, dass dieses Päckchen in der letzten Woche anonym in meinem Hausflur abgestellt wurde. Wir befinden uns inmitten der Kontaktsperre. Es ist Coronazeit. Die Zeit, in der die Welt leiser und die Sehnsüchte etwas lauter werden. Um mich abzulenken, bin ich vor einigen Tagen durch die 30.000-Seelen-Kleinstadt gelaufen, die erst vor wenigen Jahren mein Zuhause wurde und eigentlich so gar nicht zu meiner Neugier auf die Welt passen will. Trotzdem schlendere ich gerne durch ihre Gassen.
Eine schöne Weiterführung.
Auch hier habe ich nur ein Detail: du schreibst, das Päckchen wäre anonym abgestellt worden. Das weckt die Neugier, deutet etwas spannendes an und doch war es dann doch nur die Postfrau, die die bestellte Ware in den Flur abgestellt hat. Die ist jedoch nicht anonym.
Mir würde eine anonyme Variante gefallen, wenn ihr Ex den Pulli gesehen und ihr anonym vor die Tür gestellt hätte, aber das wäre eine andere Geschichte.

Mein Verhältnis zum Online-Shopping ist in Sachen Kleidung grundsätzlich von Skepsis geprägt: In 99,9 % der Fälle ist das, was ich nach einer Online-Bestellung in den Händen halte, nicht das, was ich mir in Gedanken euphorisch an mir vorgestellt habe. In solchen Fällen liegt das Kleidungsstück, zusammen mit meiner Enttäuschung darüber, meist ewig auf meinem Flurschrank herum, bis ich mit etwas Glück in letzter Sekunde noch daran denke, es zurückzusenden.
Du bist vom Auspacken zum Schlendern gesprungen und springst gleich weiter zum Online-Shopping. Das reißt mich ein bißchen aus dem Fluss, der Übergang zu diesem Einschub ist doch recht hart.
Vielleicht könntest du beim Schlendern bleiben und das Auffinden der Boutique vorziehen?
Dort könntest du vielleicht eine fließendere Überleitung platzieren, wie deine Protagonistin von der Boutique zum Online-Shopping kommst.

Bis zu diesem Moment. Bis ich vor drei Tagen die liebevoll handschriftlich verfasste Notiz von Sarah fand: „Liebe Luise, vielen Dank! Bleib gesund <3 Alles Liebe, Sarah“.
"Bis zu diesem Moment" würde ich streichen. Das funktioniert für mich nicht, denn wir sind in der Vergangenheit und "dieser Moment" ist immer sehr im jetzt.

Seit dieser Sekunde weiß ich, dass ich eine gute Entscheidung getroffen habe.
Gegenwart in der Vergangenheit.

Er war weich und kuschelig.
Für diese Szene ist mir das zu viel tell, zu wenig show.

Danach fließt deine Geschichte für mich schön bis zum Ende. :)

Ein bißchen Gegenwart/Vergangenheit noch.
Weißt du noch, wie wir über das Creme und die Grüntöne gesprochen haben?
Und natürlich war es kein Zufall, dass ich ihn anhabe
 

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