Der wundersame Berg
Als Kleinkind gefragt, was ich denn am liebsten lernen wollte, in der großen, grauen Schule – also Rechnen oder Lesen oder Schreiben – antwortete ich stets mit „Lesen!“. Vielleicht tat mir meine Mutter Leid, weil sie mir Geschichten und Märchen so lange vorlesen musste, bis ich einschlief, was nicht gerade schnell ging. Pathetischer ausgedrückt war ich vielleicht schon damals von einem autonomen Geist geprägt, der zu jeder Zeit lesen wollte was und wie lange er will. Aber vermutlich hatte ich einfach Angst vor Zahlen und Füllern.
Ab der dritten Klasse ging das Elend erst richtig los. Wahllos verteilte die Lehrerin Zettel, deren Oberfläche von derselben Struktur, jedoch stets von anderem Inhalt war: Ganz oben eine Zeile mit drei Begriffen, die es auf der leeren Rückseite in eine Geschichte einzubauen galt. Darunter ein Rahmen, in den all die Idioten, die eigentlich gar keine Lust hatten zu schreiben, in der Hauptschule landen sollten, bereits in der achten Klasse schlechten Geschlechtsverkehr hatten und ein Fall fürs Arbeitsamt wurden, ihre belanglosen Bildchen malen durften. Keine Frage, ich malte ja auch gerne, ungeschickt und mit einigen Farben (nicht zu vielen jedoch, das Wechseln der Stifte raubte Zeit und Nerven, dank meiner schlecht ausgeprägte Motorik). Aber lieber begann ich die gänzlich freie Rückseite mit meiner kranken Phantasie zu beklecksen. Ach so, das Elend… Nun ja, scheinbar stachen die halbgaren Ergüsse – und glauben Sie mir, beim neu(er)lichen durchlesen liefen mir Schauer über den Rücken – aus dem restlichen Matsch hervor. Man lobte mich ausdrücklich ob meiner ach so lebhaften Phantasie. Es soll keine Entschuldigung sein, aber sagen Sie selbst: Kann aus solch einem Lobesopfer etwas werden?
In den Sommermonaten veranstaltete die Stadt für uns Kinder illustre Ferienaktionen. Da konnte man die christliche Fernsehstation von innen kennen lernen, einen Ausflug in die Sternwarte machen oder alles wissenswerte über unseren Dom erfahren. Unwesentlich für unsere kindlichen Dickköpfe, dass die Christen nur propagandistische Missionarsfilmchen schnipseln, die Sternwarte kaum die Leistung einer großen Lupe übertrumpft und der Dom keiner ist, da er aus Geldmangel nie fertig gestellt wurde. Wenn ich nun erzähle, dass man mich für einen Phantasieschreibekurs angemeldet hatte, so lässt sich eine Ahnung erhaschen, wie dieser einzuordnen war.
Viel weiß ich nicht mehr, doch betrat ich einen schönen Garten hinter einem amtlich angehauchten Gebäudekomplex. In einem Pavillon, der sich umrankt von Rosensträuchern und künstlichen Teichen in das Idyll einbettete, saß nun irgend so ein Schriftsteller. In der Broschüre hieß es, die Kinderchen sollten sich nicht scheuen, schriftliche Eigenproduktionen mitzuschleppen.
Der Autor, von dem man sagte, dass er auch schon publiziert habe, begann den Nachmittag mit einer Fragerunde. So entlockten wir 10 bis 14jährigem den schnittigen Mann, dessen Erscheinungsbild offenbarte, dass seine Publikationen kein besonders großes Publikum erreicht haben können, manch Information. Nur zwei davon sind mir haften geblieben. Erstens: Er schrieb ausschließlich über reale Begebenheiten, die ihm im Leben widerfahren sind. Kleine Anekdoten, nette Geschichten, wie zum Beispiel die von jener Katze, die er mit seiner Frau auf einem Flughafen mit Duty Free Milch getränkt hatte, als die beiden während der Zwischenlandung auf den Flieger warteten. Zweitens: Seine Schriftstellerkarriere sei deswegen noch kein Selbstläufer, da die bösen Verlage seine Manuskripte stets zu letzt läsen. Der Grund: Sein Nachname beginnt mit dem undankbaren letzten Buchstaben des Alphabets. Daher landen seine Schriften stets am unteren Ende jedes Stapels. Behauptete zumindest Herr Z.
Dann faselte er etwas von Phantasie, deren Bedeutung und so weiter. Ich müsste lügen, Dinge erfinden, würde ich behaupten zu wissen, was er von sich gab. In meine Hirnwindungen eingebrannt ist dagegen der Moment, als er die identisch gleichen Zettelchen, wie ich sie aus der Grundschule kannte, verteilte, auf dass wir sie mit Text überkleckern sollten. Vermutlich hat mir das damals gefallen: Ich würde gelobt werden, der Ablauf war mir wohlbekannt, das Ambiente war angenehm und vermutlich gab es Limo (Bei den Ferienpassaktionen gab es immer ungesund viele Softdrinks. Der Fitnesswahn verfehlte meine Generationen um wenige Kalorien).
Dankenswerterweise fand ich vor kurzem jenes Schriftstück. Die visuelle Stimulans erledigte das Bild eines Berges, der von einem Adler umflogen wurde. Der grobe Plot bestand darin, eine Geschichte über „meine“ (schöne Zeit, in dem das lyrische Ich noch nicht gewahr war) Erlebnisse im Gebirge, oder als Adler zu umschreiben. Die einzubauenden Begriffe lauteten „Sommer, Nebel, Bürgermeister“. Ich nannte mein Werk: „Der wundersame Berg“.
Schriftsteller Z. las den Text und sprach mit mir darüber. Er las auch meinen mitgebrachten Text, der verschollen ist, und sprach mit mir auch über diesen. Es war ein heißer Sommertag zwischen der dritten und vierten Klasse.