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Der wundersame Berg

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01.05.2002
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Der wundersame Berg

Als Kleinkind gefragt, was ich denn am liebsten lernen wollte, in der großen, grauen Schule – also Rechnen oder Lesen oder Schreiben – antwortete ich stets mit „Lesen!“. Vielleicht tat mir meine Mutter Leid, weil sie mir Geschichten und Märchen so lange vorlesen musste, bis ich einschlief, was nicht gerade schnell ging. Pathetischer ausgedrückt war ich vielleicht schon damals von einem autonomen Geist geprägt, der zu jeder Zeit lesen wollte was und wie lange er will. Aber vermutlich hatte ich einfach Angst vor Zahlen und Füllern.

Ab der dritten Klasse ging das Elend erst richtig los. Wahllos verteilte die Lehrerin Zettel, deren Oberfläche von derselben Struktur, jedoch stets von anderem Inhalt war: Ganz oben eine Zeile mit drei Begriffen, die es auf der leeren Rückseite in eine Geschichte einzubauen galt. Darunter ein Rahmen, in den all die Idioten, die eigentlich gar keine Lust hatten zu schreiben, in der Hauptschule landen sollten, bereits in der achten Klasse schlechten Geschlechtsverkehr hatten und ein Fall fürs Arbeitsamt wurden, ihre belanglosen Bildchen malen durften. Keine Frage, ich malte ja auch gerne, ungeschickt und mit einigen Farben (nicht zu vielen jedoch, das Wechseln der Stifte raubte Zeit und Nerven, dank meiner schlecht ausgeprägte Motorik). Aber lieber begann ich die gänzlich freie Rückseite mit meiner kranken Phantasie zu beklecksen. Ach so, das Elend… Nun ja, scheinbar stachen die halbgaren Ergüsse – und glauben Sie mir, beim neu(er)lichen durchlesen liefen mir Schauer über den Rücken – aus dem restlichen Matsch hervor. Man lobte mich ausdrücklich ob meiner ach so lebhaften Phantasie. Es soll keine Entschuldigung sein, aber sagen Sie selbst: Kann aus solch einem Lobesopfer etwas werden?

In den Sommermonaten veranstaltete die Stadt für uns Kinder illustre Ferienaktionen. Da konnte man die christliche Fernsehstation von innen kennen lernen, einen Ausflug in die Sternwarte machen oder alles wissenswerte über unseren Dom erfahren. Unwesentlich für unsere kindlichen Dickköpfe, dass die Christen nur propagandistische Missionarsfilmchen schnipseln, die Sternwarte kaum die Leistung einer großen Lupe übertrumpft und der Dom keiner ist, da er aus Geldmangel nie fertig gestellt wurde. Wenn ich nun erzähle, dass man mich für einen Phantasieschreibekurs angemeldet hatte, so lässt sich eine Ahnung erhaschen, wie dieser einzuordnen war.

Viel weiß ich nicht mehr, doch betrat ich einen schönen Garten hinter einem amtlich angehauchten Gebäudekomplex. In einem Pavillon, der sich umrankt von Rosensträuchern und künstlichen Teichen in das Idyll einbettete, saß nun irgend so ein Schriftsteller. In der Broschüre hieß es, die Kinderchen sollten sich nicht scheuen, schriftliche Eigenproduktionen mitzuschleppen.

Der Autor, von dem man sagte, dass er auch schon publiziert habe, begann den Nachmittag mit einer Fragerunde. So entlockten wir 10 bis 14jährigem den schnittigen Mann, dessen Erscheinungsbild offenbarte, dass seine Publikationen kein besonders großes Publikum erreicht haben können, manch Information. Nur zwei davon sind mir haften geblieben. Erstens: Er schrieb ausschließlich über reale Begebenheiten, die ihm im Leben widerfahren sind. Kleine Anekdoten, nette Geschichten, wie zum Beispiel die von jener Katze, die er mit seiner Frau auf einem Flughafen mit Duty Free Milch getränkt hatte, als die beiden während der Zwischenlandung auf den Flieger warteten. Zweitens: Seine Schriftstellerkarriere sei deswegen noch kein Selbstläufer, da die bösen Verlage seine Manuskripte stets zu letzt läsen. Der Grund: Sein Nachname beginnt mit dem undankbaren letzten Buchstaben des Alphabets. Daher landen seine Schriften stets am unteren Ende jedes Stapels. Behauptete zumindest Herr Z.

Dann faselte er etwas von Phantasie, deren Bedeutung und so weiter. Ich müsste lügen, Dinge erfinden, würde ich behaupten zu wissen, was er von sich gab. In meine Hirnwindungen eingebrannt ist dagegen der Moment, als er die identisch gleichen Zettelchen, wie ich sie aus der Grundschule kannte, verteilte, auf dass wir sie mit Text überkleckern sollten. Vermutlich hat mir das damals gefallen: Ich würde gelobt werden, der Ablauf war mir wohlbekannt, das Ambiente war angenehm und vermutlich gab es Limo (Bei den Ferienpassaktionen gab es immer ungesund viele Softdrinks. Der Fitnesswahn verfehlte meine Generationen um wenige Kalorien).

Dankenswerterweise fand ich vor kurzem jenes Schriftstück. Die visuelle Stimulans erledigte das Bild eines Berges, der von einem Adler umflogen wurde. Der grobe Plot bestand darin, eine Geschichte über „meine“ (schöne Zeit, in dem das lyrische Ich noch nicht gewahr war) Erlebnisse im Gebirge, oder als Adler zu umschreiben. Die einzubauenden Begriffe lauteten „Sommer, Nebel, Bürgermeister“. Ich nannte mein Werk: „Der wundersame Berg“.

An einem schönen Sommerferientag wollten meine Eltern und ich zu einem großen Berg fahren. Wir aßen unterwegs in einem Restaurant. Die Fahrt dauerte leider so lange daß wir Übernachten mußten. Aber als wir am nächsten morgen weiter fahren wollten, bemerkten wir das sehr, sehr dicker Nebel war. Aber wir fuhren trotzdem weiter. Der Nebel war aber so dick das wir wie Blinde an dem Berg vorbeifuhren. Gegen Mittag löste sich der Nebel auf. Aber wo waren wir? Nach ein paar Minuten kamen wir in ein Dorf. Wir aßen zu Mittag. Wir beschloßen das war auf den Berg neber der Stadt klettern. Wir waren schon zwei Stunden unterwegs da sahen wir plötzlich was leuchten. Wir gingen etwas schneller weil wir wissen wollten was das ist. Eine halbe Stunde später waren wir da. Es waren leuchtende Blumen die noch kein Mensch zuvor gesehen hat. Der Bürgermeister der Stadt beschloß das die kleine Wiese auf dem Berg Naturschutzgebiet wird und dass die Blumen Leuchtblumen heißen.

Schriftsteller Z. las den Text und sprach mit mir darüber. Er las auch meinen mitgebrachten Text, der verschollen ist, und sprach mit mir auch über diesen. Es war ein heißer Sommertag zwischen der dritten und vierten Klasse.

 

Hi hoEyo,

eine lustige Textmischung hast du da hingelegt. Auf der einen Seite ein Aufsatz zum Thema "Meine prägendsten Sommerferien", ganz im Schema der von dir beschriebenen Schulaufsätze. Insofern Form und Inhalt übereinstimmend. Dann aber wieder mit einer abgeklärten Flapsigkeit im Ton, die so überhaupt nicht zur Form passt: alles, was auch nur irgendwie in dein Blickfeld kommt, machst du klein und unbedeutend. Ich bin nicht sicher, ob dies deine damalige Haltung spiegeln soll oder ob du damit lediglich deutlich machen willst, dass du dich von dieser Kindheit stark distanzierst. Wahrscheinlich letzteres, denn du schreibst aus großer emotionaler Distanz, die allerdings auch bei mir beim Lesen eine Distanz entstehen lässt, die kaum zu überbrücken ist.

Dabei wäre das Thema durchaus wert, näher reflektiert zu werden. Du schreibst ja noch heute Kurzgeschichten. Irgendwie muss dich die Schule und vielleicht auch die Begegnung mit Z. ja geprägt haben. Das lässt sich höchstens ahnen: immer noch auf das Lob der Lehrer aus? Oder inzwischen so von der eigenen Schreibe überzeugt, dass sie zu einem Sinn an sich geworden ist?

Deine Geschichte teilt sich in zwei Teile: Vorgeschichte und Ferienkurs mit Schriftsteller Z. Wobei deine Kindergeschichte "Der wundersame Berg" schon fast ans Ende des Textes, also an die Stelle des Höhepunkts, gerückt ist. Meiner Ansicht nach mit Recht, denn was du in dieser Kindergeschichte an Bildern hervorgerufen hast, schlägt all die Reflektionen um die eigene Kindheit um Längen. Geschichten leben von sinnlichen Eindrücken, von plastischen Bildern: der große Berg, der dichte Nebel, die leuchtende Blume. Einen solch Bilder evozierenden Satz hast du auch in der Rahmenhandlung:

In einem Pavillon, der sich umrankt von Rosensträuchern und künstlichen Teichen in das Idyll einbettete, saß nun irgend so ein Schriftsteller.
Mit diesem Satz führst du in das eigentliche Setting der Rahmenhandlung. Das Bild ist einprägsam und bleibt auch nach dem Lesen eine Weile hängen. Hat mir gefallen, hätte ich mir mehr gewünscht. (Wobei du mit dem "irgend so" die Dichte des Satzes wieder aufhebst und ihn in die Beliebigkeit entlässt. Schade.)

Auch andere Formulierungen fand ich gelungen, z.B. "Der Fitnesswahn verfehlte meine Generationen um wenige Kalorien." Leider auch hiervon zu wenige im Text. Meistenteils beschränkst du dich darauf, die Dinge klein zu machen, von denen du erzählst. Das mag als Stilmittel der Distanz hilfreich sein - beim Lesen hinterlässt es einen faden Beigeschmack.

Eine Überlegung noch: Kurzgeschichten sind mehr noch als Erzählungen (oder Schulaufsätze) Verdichtung von Ereignissen. In diesem Sinn wäre wohl sinnvoll, den ersten Teil deiner Geschichte radikal zusammenzukürzen. Denn letztlich vermittelst du mit der ersten Hälfte der Story ja nur zwei fürs Verständnis der Geschichte relevante Infos: als Schüler warst du gut im Aufsatzschreiben, und in den Ferien war sonst nichts los bei euch. Also wurdest du zum Ferienschreibkurs angemeldet.

Dass es bei euch z.B. eine Sternwarte gab, ist ja weder für den Ferienkurs noch für den "wundersamen Berg" hilfreich zu wissen. Und auch die (noch so begründeten) Seitenhiebe auf den christlichen Fernsehsender (gibt es in Wetzlar wirklich einen Dom?) helfen kaum, deine Entwicklung zum Schriftsteller zu erhellen.

Herzliche Grüße,
Ennka

 

Erneut ein freundliches Hallo, Ennka.
Danke für die ausführliche Kritik und die Beschäftigung mit dem TExt.

Alle stilistischen Ausformungen hast du dabei "richtig" interpretiert und offengelegt. Der nüchterne Erzählton des lyrischen Ichs, der alles automatisch klein redet und nieder macht, alsbald es sein Blickfeld tangiert, ist durchaus gewollt. Die größte "Fehlinterpretation" besteht nun darin, zu viel meines realen Ichs in die Figur hinein zu projezieren.
Ja, die Geschichte innerhalb des Berichtes ist von mir. Jedoch weiß ich weder mein damaliges Alter, noch die Entstehungsgeschichte. Vermutlich entstand sie in der Grundschule, bei einem der ausführlich beschriebenen kreativen Stunden. Falsch ist jedoch, dass mein seelisches Ich mit dieser Zeit nicht klar käme. Ganz im Gegenteil, die Idee zu der Geschichte kam mir beim durchblättern meiner alten Zeichnungen und Schriften. Dabei hatte ich großen Spaß. Genauso wie ich als Kind immer gerne geschrieben hatte. Ebenso erfunden ist der Schriftsteller Z. und seine kurz angerissene Leidensgeschichte.

Mein "Schreibziel" war ein anderes. Es erklärt auch, weshalb der Eingangsteil nicht radikal gekürzt werden kann. Da ich schon in der anderen Kurzgeschichte alle Karten auf den Tisch gelegt habe, möchte ich es hier nur bei wagen Andeutungen belassen: Es geht um die Seele des lyrischen Ichs, die mit den damaligen Belobigungen nicht zu recht kommt. Die wundersame Aura des Berges ist verschwunden. Gerne möchte ich dies, so du dies wünschst bzw. überhaupt für relevant erachtest, noch weiter ausführen.

Dass es bei euch z.B. eine Sternwarte gab, ist ja weder für den Ferienkurs noch für den "wundersamen Berg" hilfreich zu wissen. Und auch die (noch so begründeten) Seitenhiebe auf den christlichen Fernsehsender (gibt es in Wetzlar wirklich einen Dom?) helfen kaum, deine Entwicklung zum Schriftsteller zu erhellen.
Um noch einen weiteren Tipp zu geben: Der Absatz enthält tatsächlich viel weniger relevantes.
In Wetzlar gibt es einen Pseudo-Dom. Es ist (wie angedeutet) ein nie fertig gestelltes Bauwerk, dessen notdürftige äußere Verkleidung zu einer Komposition verschiedenster Baustile geführt hat, und dessen Erscheinung das Stadtbild entscheidend prägt. Mitlerweile lebe ich dort nicht mehr, einen Besuch ist Wetzlar dennoch wert. ;)

 

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