Was ist neu

Die Asche von Coldhaven

(Vor)lese-Alter
(Vor)lesealter: 16+
Mitglied
Beitritt
19.01.2026
Beiträge
2

Die Asche von Coldhaven

Keine Warnung und kein verdammtes Vorzeichen. Einfach nur ein Schlag.


Es fühlte sich an, als hätte mir ein unsichtbarer Bastard einen rostigen Nagel direkt hinter das rechte Auge getrieben und dann mit dem Hammer nachgesetzt. Ich presste die Zähne zusammen, bis es im Kiefer knackte. Atmen. Einfach atmen. Eins. Zwei.


Die verfluchte Droschke schlingerte über das Kopfsteinpflaster wie ein besoffener Matrose. Jedes Schlagloch war ein neuer Hammerschlag in meinem Schädel. Draußen vor dem Fenster war Coldhaven nur ein nasses Ölgemälde aus Gülle und Nebel. Das kranke Gelb der Gaslaternen schien zu flackern, als würden sie von etwas in der Dunkelheit erstickt werden.


Ich sah einen Schatten am Straßenrand. Eine Gestalt, die sich unnatürlich lang dehnte, fast bis zum Dach der Kutsche. Ich blinzelte und sah nur noch einen Schornstein im Nebel.


Fast da, Inspektor, rief Diaz durch die Luke. Lagerhaus 12.


Ich riss den Korken meiner Flasche Tinctura Opii mit den Zähnen raus. Thorne, dieser eitle Modearzt, hatte von einem bösartigen Gewächs gesprochen, das gegen meinen Sehnerv drückt. Drei Monate hatte er mir gegeben. Das Laudanum brannte gut in der Kehle und zehn Sekunden später wurde der Nagel stumpf. Die Welt wurde zu Watte. Zu einer gefährlichen, schmerzfreien Watte, in der die Konturen der Realität zu verschwimmen begannen.

Das Lagerhaus stank nach Rost und Ozon. Sergeant Miller war blass. Er meinte, es sehe aus, als wäre der Teufel persönlich durchmarschiert.


Ich humpelte hinein. Das Opium summte in meinem Blut, aber als ich über die Schwelle trat, spürte ich dieses statische Knistern. In der Mitte der Halle war Arthur Vance drapiert. Sein Brustkorb war offen und die Rippen nach außen gebogen. Dort, wo das Herz sein sollte, sah ich für einen Moment ein pulsierendes, schwarzes Vakuum.


Ich schüttelte den Kopf und das Licht der Bogenlampe zischte. Als ich erneut hinsah, war da nur noch eine klaffende, blutige Wunde.


Die Knochen sind weich wie Kitt, sagte Dr. Alani. Sie sah mich besorgt an und meinte, ich solle weg vom Licht gehen, weil ich starren würde.


Ich starrte nicht auf die Leiche. Ich starrte auf Alanis Schatten an der Wand. Er schien sich von ihr zu lösen. Die Finger der Schattenhand wurden zu langen, öligen Tentakeln, die nach meiner Kehle griffen.


Verschwinde, brüllte ich den leeren Raum an. Ich schlug mit dem Gehstock wild gegen die Wand, bis das Holz splitterte und eine Gaslampe klirrend zu Boden fiel.


Kae, da ist nichts, schrie Alani und wich zurück. In ihren Augen sah ich nicht nur Angst, sondern Mitleid. Das Mitleid, das man für einen Wahnsinnigen hat, der am Ende seines Weges steht.


Als Chief Superintendent Blackwood mit Dr. Thorne auftauchte, lag ich keuchend im Dreck.
inspektor Kae, sagte Blackwood angewidert. Sie haben den Tatort geschändet und schlagen nach Schatten.


Da war etwas an der Wand, krächzte ich. Ich wischte mir Blut von der Nase, während meine Hände so sehr zitterten, dass ich den Stock nicht mehr halten konnte.


Thorne trat vor und hob mein Augenlid an. Er erklärte Blackwood, dass die Tinctur meinen Verstand schneller fressen würde als die Wucherung in meinem Kopf. Er sagte, mein Gehirn würde Gespenster produzieren, um den Schmerz in Bilder zu fassen.


Vance wurde zerrissen, schrie ich. Sehen Sie sich doch die Wunde an. Massive traumatische Einwirkung, entgegnete Thorne sanft. Er sprach von der Brutalität eines Menschen und davon, dass mein Verstand in das Übernatürliche flüchten würde, weil die Realität der Diagnose zu schmerzhaft sei.
Bringen Sie ihn nach St. Silas, befahl Blackwood. Er ist keine Hilfe mehr, nur noch eine Gefahr für sich selbst.


St. Silas thronte auf den Klippen wie ein Steingrab über dem schwarzen Meer. In meiner Zelle kam der Entzug. Die Wände schienen zu atmen. Ich sah kleine, schwarze Spinnen aus den Rissen im Mauerwerk kriechen, aber wenn ich hinfasste, war der Stein kalt und trocken.


Dann kam die Krankenschwester mit einem Tablett. In dem flackernden Licht des Flurs wirkte ihr Hals unnatürlich lang und ihre Augen wie hohle, schwarze Murmeln.
Trinken Sie, flüsterte sie. Ihre Stimme klang wie das Knistern von trockenem Laub.


Ich starrte sie an und fragte mich, ob das echt sei. Ich sah, wie sich ihre Haut wie altes Pergament schälte und darunter ein oranges Glimmen zum Vorschein kam.


Lauf, presste sie hervor.


Dann zerfiel sie einfach. Kein Blut und kein Schrei, nur ein Haufen grauer Staub, der in sich zusammensackte. Ozon füllte die Zelle.


Ich griff mir die Schlüssel aus dem Staub. Mein Herz raste, während ich mich fragte, ob sie gerade gestorben war oder ob mein sterbendes Hirn nur ein Bild erschaffen hatte, um mir die Flucht zu ermöglichen.


Ich trat hinaus in den Korridor. Es war still, bis auf das ferne Heulen des Windes. Ich wusste nicht, wo der Ausgang war, aber der Nagel in meinem Kopf wusste es. Er pulsierte jetzt in einem Rhythmus, den ich noch nie gespürt hatte. Ein tiefes, grollendes Ziehen. Jedes Mal, wenn ich nach links abbog, wurde der Schmerz heller. Bog ich nach rechts, wurde er dumpf.


Ich folgte dem Schmerz wie einem unsichtbaren Faden durch die dunklen Gänge, vorbei an verschlossenen Türen, tiefer hinein in den privaten Trakt der Ärzte. Der Geruch von Ozon wurde stärker und mischte sich mit dem Duft von Thornes teurem Tabak.


Die Tür am Ende des Ganges stand einen Spaltbreit offen. Ich glitt hinein wie ein Geist. Thorne stand am Fenster und blickte hinaus auf das tobende Meer, ein Glas Wein in der Hand. Er drehte sich nicht um. Immer noch auf der Jagd nach Schatten, Kaelen, fragte er ruhig.


Die Schwester ist zu Staub geworden, keuchte ich und stützte mich an einem Bücherschrank ab. Ich habe es gesehen.


Thorne lachte leise. Er sprach von einer Dissoziation von der Materie und fragte, ob ich sie angefasst oder nur zugesehen hätte, wie mein Geist sie vernichtete. Er sagte, das Gewächs in meinem Kopf leiste erstaunliche Arbeit und erschaffe eine ganze Welt für mich, damit ich nicht alleine sterben müsse.


Er drehte sich endlich um und sah so sauber und vernünftig aus. Er behauptete, es gäbe keine Schatten, sondern nur den Zerfall meiner eigenen Wahrnehmung. Mein Nagel sei ein bösartiges Geschwür und ich nur ein kranker Mann, der eine Entschuldigung für sein Versagen suche.


Hinter ihm im Glas der Vitrine sah ich sein Spiegelbild. Es war verzerrt und hatte keine Augen, nur brennende Löcher. Aber als ich Thorne direkt ansah, wirkte er wie ein besorgter Arzt.
Warum bin ich hier, Thorne, presste ich hervor. Der Nagel schrie jetzt in meinem Kopf.


Weil Sie ein medizinisches Paradoxon sind, sagte er und trat einen Schritt auf mich zu. Er wollte sehen, wie weit dieser Wahn geht, bevor das Licht endgültig erlischt.


Ich sah ihn an und dann auf meine eigenen Hände. Sie begannen ganz leicht zu flimmern.
Vielleicht haben Sie recht, flüsterte ich. Vielleicht ist das alles nur in meinem Kopf.


Ich trat auf ihn zu. Der Schmerz hinter meinem Auge war nun kein Nagel mehr, sondern eine Sonne kurz vor der Explosion. Ich spürte die Hitze und wie das Ozon den Sauerstoff verdrängte.


Aber wenn ich sterbe, sagte ich und griff nach seinem Arm, dann stirbt meine Welt mit mir.
Thornes Augen weiteten sich vor nacktem Entsetzen. Er wollte zurückweichen, aber meine Hand brannte sich bereits durch seinen Ärmel.


Die Stille explodierte in weißem Licht.


Als die Wärter am Morgen den Raum betraten, fanden sie zwei Haufen Asche vor dem offenen Fenster. Keine Spuren von einem Kampf. Die Zeitungen schrieben von einer spontanen Selbstentzündung, ausgelöst durch chemische Dämpfe und den Wahnsinn eines sterbenden Inspektors. Aber an diesem Tag regnete es in Coldhaven zum ersten Mal seit Jahren keinen Ruß, sondern klaren, reinen Regen.

 

Hallo @Kryden01 und willkommen bei den Wortkriegern. Da das hier eine Textwerkstatt ist, fällt die Kritik an den Texten manchmal sehr ausführlich und mitunter auch hart aus. Das ist aber nicht persönlich gemeint, sondern dient als Anreiz sich ernsthaft mit den eigenen Texten auseinanderzusetzen und diese zu verbessern, zu lernen und über die Zeit (die braucht es!) immer besser im Schreiben zu werden. Dabei hat die Erfahrung gezeigt, dass du das Meiste lernen kannst, wenn du selbst andere Texte (ausführlich) kommentierst und dir anschaust, wie andere (teilweise sehr erfahrene Autorinnen und Autoren ihre Texte aufbauen. So viel vorweg.

Zu deinem Text: Leider hat mich das nicht überzeugt. Ich habe dir mal ein paar Anmerkungen dagelassen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schmerzhaft solch eine Kritik sein kann. Das trifft im ersten Moment oft schon sehr hart. Meine Bitte: Lass dich nicht beirren, sondern schau dir die Anmerkungen genau an und bleib auch trotz kritischer Töne dabei. Bring dich unter anderen Texten ein (dann bekommst du auch mehr Kommentare) und sammle über die Arbeit am eigenen Text und an der Auseinandersetzung mit anderen Erfahrung.

Beste Grüße
Habentus

Anmerkungen:

Keine Warnung und kein verdammtes Vorzeichen. Einfach nur ein Schlag.
Es fühlte sich an, als hätte mir ein unsichtbarer Bastard einen rostigen Nagel direkt hinter das rechte Auge getrieben und dann mit dem Hammer nachgesetzt. Ich presste die Zähne zusammen, bis es im Kiefer knackte. Atmen. Einfach atmen. Eins. Zwei.
Die verfluchte Droschke schlingerte über das Kopfsteinpflaster wie ein besoffener Matrose. Jedes Schlagloch war ein neuer Hammerschlag in meinem Schädel. Draußen vor dem Fenster war Coldhaven nur ein nasses Ölgemälde aus Gülle und Nebel. Das kranke Gelb der Gaslaternen schien zu flackern, als würden sie von etwas in der Dunkelheit erstickt werden.
Du steigst direkt schon mal ziemlich drastisch ein, und du nutzt viele (Füll-)Wörter, die das Ganze untermauern sollen. Natürlich ist es ein verdammtes Vorzeichen, es ist eine verfluchte Droschke und ein krankes Gelb.
Weil du so vieles bemühst, wirkt es insgesamt ziemlich aufgeblasen und schlägt (zumindest für mich) in der Wirkung um. Es ist dann nicht mehr dramatisch, sondern eben überladen und hat den gegenteiligen Effekt. Hier wäre ich eigentlich bei einer KG in gedruckter Form schon ausgestiegen.

Fast da, Inspektor, rief Diaz durch die Luke. Lagerhaus 12.
Ich würde wörtliche Rede kennzeichnen. Damit machst du es dem Lesern einfacher, den Überblick zu behalten.

Das Opium summte in meinem Blut, aber als ich über die Schwelle trat, spürte ich dieses statische Knistern.
Da frage ich natürlich sofort: Welches statische Knistern? Es kommt vorher nicht vor (zumindest habe ich es vorher nicht bemerkt), es wird nicht durch den Text hergeleitet, es wird hier nur behauptet. Da bleibe ich dann stecken, weil ich mir wenig drunter vorstellen kann, beziehungsweise es auch austauschbar wirkt.

Dort, wo das Herz sein sollte, sah ich für einen Moment ein pulsierendes, schwarzes Vakuum
Wie kann ich ein Vakuum sehen? Wie kann ein Vakuum überhaupt schwarz sein, geht das? Ich meine zu wissen, was du sagen willst, aber das funktioniert an dieser Stelle noch nicht so ganz.

Die Knochen sind weich wie Kitt, sagte Dr. Alani. Sie sah mich besorgt an und meinte, ich solle weg vom Licht gehen, weil ich starren würde.
Hier hättest du die Chance, den Charakteren mehr Fleisch zu geben, indem du sie miteinander interagieren (ggf streiten) lässt. Da könntest du gut ihre Züge weiter herausstellen. Bisher sind die nämlich (abgesehen vom üblichen Krankheit/ Opium/ hadernden Bulle) noch ziemlich blass. Ich habe letztens eine Kurzgeschichte von Tom Franklin gelesen. Der schafft das manchmal auf der ersten Seite, seine Charaktere durch ganz wenige Details zum Leben zu erwecken. Auch hier im Forum findest du (zB bei den Empfehlungen) ganz tolle Beispiele, wie das gut funktionieren kann. Da kann man (auch ich selbst) immer noch was lernen.

Ich starrte nicht auf die Leiche. Ich starrte auf Alanis Schatten an der Wand. Er schien sich von ihr zu lösen. Die Finger der Schattenhand wurden zu langen, öligen Tentakeln, die nach meiner Kehle griffen.
Verschwinde, brüllte ich den leeren Raum an. Ich schlug mit dem Gehstock wild gegen die Wand, bis das Holz splitterte und eine Gaslampe klirrend zu Boden fiel.
Mir geht das zu schnell. Ich bin erst seit ein paar Sätzen in deiner Story drin und schon gibt es diese Eskalation. Dabei kenne ich noch nicht mal die Charaktere. Ich finde, dass sich das langsam aufbauen sollte. Oder aber die Eskalation ist so gut getroffen, dass sie direkt packt. Aber dafür sind mir diese langen, öligen Tentakel noch zu nichtssagend.

Kae, da ist nichts, schrie Alani und wich zurück. In ihren Augen sah ich nicht nur Angst, sondern Mitleid. Das Mitleid, das man für einen Wahnsinnigen hat, der am Ende seines Weges steht.
Kann er das denn in seiner momentanen Situation so differenziert erkennen? Ich stelle mir vor, ich wäre in einer Ausnahmesituation. Da pocht das Adrenalin, da bin ich vielleicht sogar im Überlebensmodus, da ist meine Sicht verengt, da habe ich doch nicht zusätzlich meine Umwelt im Blick, oder? Und habe dann auch noch die Zeit, das Gesehene als Mitleid zu identifizieren.

inspektor Kae, sagte Blackwood angewidert. Sie haben den Tatort geschändet und schlagen nach Schatten.
Die Reaktionen der Figuren sind für mich alle zu knapp, zu stumpf, zu emotional losgelöst und nicht wirklich nachvollziehbar. Da würde ich an deiner Stelle dringend noch mal drüber.

Dann zerfiel sie einfach. Kein Blut und kein Schrei, nur ein Haufen grauer Staub, der in sich zusammensackte. Ozon füllte die Zelle.
Was soll denn das Ozon plötzlich? Wie erkennt man das? Wie riecht das?

Die Tür am Ende des Ganges stand einen Spaltbreit offen. Ich glitt hinein wie ein Geist.
Wie gleitet denn ein Geist? Würde ich ein weniger altbekanntes, aber dennoch nichtssagendes Bild wählen. Allgemein fährst du meiner Meinung nach gut damit, wenn du die Schraube an dramatischen Formulierungen etwas herunterschraubst, dafür eigene Bilder erschaffst, denen du als Autor auch traust, indem du sie für sich selbst wirken lässt. Da ist manchmal weniger einfach mehr.

Aber wenn ich sterbe, sagte ich und griff nach seinem Arm, dann stirbt meine Welt mit mir.
Thornes Augen weiteten sich vor nacktem Entsetzen. Er wollte zurückweichen, aber meine Hand brannte sich bereits durch seinen Ärmel.
Ich verstehe nicht, warum er das jetzt tut. Allgemein bleibt mir das alles hier zu diffus. Ich verstehe nicht, was mit der Hauptfigur los ist (Wahnsinn, Erkrankung, Besessenheit, der Ausbruch einer bestimmten Macht, die aber auch den Wahnsinn begünstigt). Da lässt du meiner Meinung nach Potenzial liegen.

Als die Wärter am Morgen den Raum betraten, fanden sie zwei Haufen Asche vor dem offenen Fenster. Keine Spuren von einem Kampf. Die Zeitungen schrieben von einer spontanen Selbstentzündung, ausgelöst durch chemische Dämpfe und den Wahnsinn eines sterbenden Inspektors. Aber an diesem Tag regnete es in Coldhaven zum ersten Mal seit Jahren keinen Ruß, sondern klaren, reinen Regen.
Hier veränderst du jetzt plötzlich die Perspektive, oder? Also es erzählt jetzt nicht mehr der bisherige Erzähler (zumindest wirkt es so), sondern ein allwissender Erzähler? Das würde ich noch besser einführen, sonst wirkt es zu abrupt und verwirrt.

 

Hallo @Habentus

vielen Dank für die ehrliche und detaillierte Kritik! Du hast genau die Finger in die Wunden gelegt (vor allem was die Adjektiv-Überladung und das Pacing angeht), die ich als Einsteiger noch nicht so im Blick hatte.

Ich arbeite bereits intensiv an einer Überarbeitung, um das Pacing besser umzusetzen und die Charaktere lebendiger zu machen.

Beste Grüße

 

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom