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Die Begegnung
Die Begegnung
Vereinsamte Stühle.
Eine quietschende Eingangstür. Ein teilnahmsloser Garderobenständer. Abgestandene Getränke auf der Theke. Ein lustloser Aschenbecher vor mir auf dem Tisch. Ein teures Bier.
13.45 Uhr.
Ich erkannte sie sofort, als sie durch die Schwingtür der Bahnhofsgaststätte kam. Sie trug vor ihrer nicht mehr ganz weißen Schürze auf einem Tablett zwei große Teller mit dampfender Ochsenschwanzsuppe und balancierte sie geschickt durch die spärlich besetzten Tischgruppen zu einem älteren Ehepaar, das hier wohl auf die nächste Zugverbindung wartete.
Wie ich damals.
Mein Gott, wie lange war das her?
20 Jahre? Oder mehr?
Sollte ich mich vielleicht irren?
Aber nein, das war sie.
Annegret.
Annegret Richter. Kein Zweifel.
Ihr immer noch recht beschwingter Gang, der sich seit meiner Jugend in meinem Hirn festgeschrieben hatte, ihre braunen, etwas kürzer geschnittenen Haare und dann, ja, das Muttermal am Hals, eine kleine, unscheinbare, rötliche Stelle … sie musste es einfach sein.
Unwillkürlich musste ich daran denken, dass sie es war, die einmal die Hauptrolle in meinen nächtlichen pubertären Träumen gespielt hatte.
Vor fast vergessener Zeit.
Damals, Ecke Korneliusstraße, Leopoldplatz.
Sie wohnte genau gegenüber in der 3. Etage. Wir drückten bei schlechtem Wetter unsere Nasen an den Fensterscheiben platt, schnitten Grimassen, gingen gemeinsam zur Schule und spielten bei schönem Wetter hinten auf dem Hof bei den Mülltonnen Himmel und Hölle.
Vor einer Ewigkeit.
Annegret setzte die Ochsenschwanzsuppe teilnahmslos vor den alten Leuten ab und sagte: „Kann ich gleich abkassieren? Es ist Schichtwechsel.“
Später war ich so verliebt, dass ich mir in meinen naiven Träumen immer eingebildete, es sei mein Recht als Erster mit ihr zu schlafen. Manchmal malte ich mir dann unter der Bettdecke heimlich aus, wie es wohl sein würde.
Es klappte nie.
Ich fingerte nervös nach meinen Zigaretten und zündete mir eine an.
Sollte ich sie ansprechen?
Der erste Kuss drüben bei den Bahngleisen, das schlechte Gewissen, morgens, wenn ich meiner Mutter in die Augen sehen musste, unser abendlicher Bummel in die Südstadt zu der kleinen Pommesbude, die Portion zu 50 Pfennig mit Ketchup, Händchen haltend, all das tauchte plötzlich in meinen Gedanken wieder auf.
Sie musste doch merken, wie sehr ich sie mochte.
„Wollen Sie auch etwas essen?“, sprach mich die Kellnerin an, die mich bediente, und putzte dabei gedankenverloren mit einem Lappen die Tischplatte.
„Nein, danke“, antwortete ich. „Noch ein Bier bitte.“
Mit Schaudern dachte ich an jenen Vorfall, als ich Annegret in eifersüchtiger Wut in der kleinen italienischen Eisdiele, unserem täglichen Treffpunkt, die Erdbeermilch über ihr Kleid schüttete und sie beschimpfte, weil sie keine Hemmungen hatte sich mit diesem Motorradtypen aus dem Nachbarort vor mir abzuknutschen.
Er war einundzwanzig, ich vielleicht sechzehn.
Und er brachte mir dann auch das blaue Auge bei, das meine Mutter in helle Aufregung versetzte.
Annegret wechselte später noch oft ihre Freunde.
Zu oft.
Ob sie ahnte, was in mir vorging, wie ich litt?
Ich glaube nicht.
Die Kellnerin brachte mein Bier.
Annegret ging zur Registrierkasse und tippte einen Betrag ein.
Wir vertrugen uns natürlich wieder. Aber ich musste jetzt immer häufiger bei ihren Eltern lügen, um ihre heimlichen Rendezvous zu tarnen.
Na ja, vergessen und vorbei.
Eines Tages zog sie weg. Ich machte gerade Abitur.
Sie sei schwanger, hieß es.
Ihren späteren Mann habe ich nie kennen gelernt. Ich schrieb ihr noch ein paar Mal, Briefe ohne Antwort, dann war Schluss.
Ich nippte an meinem Bier, drückte dann energisch meine Zigarette im Aschenbecher aus, hob den Arm und rief ihr zu:
„Hallo,…!“
Sie drehte sich um, murmelte „Moment“ und kam dann langsam an meinen Tisch.
„Wenn Sie zahlen wollen, meine Kollegin kommt gleich“, sagte sie gelangweilt.
Zum ersten Mal blickte sie mir in die Augen, hielt meinem Blick stand und ich hatte für einen Moment den Eindruck, als wolle sie lächeln.
„Annegret“, sagte ich, „erkennst du mich nicht?“
Sie zögerte und ihr Blick sank auf den hässlichen Linoleumfußboden.
Dann hob sie den Kopf wieder und antwortete:
„Ich … ich heiße Monika. Sie müssen mich verwechseln. Sie hatten zwei Pils? Das macht …“
„Aber Annegret“, unterbrach ich sie aufgeregt, „weißt du nicht mehr, …damals, … in der Korneliusstraße,… wir wohnten gegenüber …“
„Was glauben Sie eigentlich, wie viele Leute mich auf diese Weise hier täglich ansprechen?“
Ich verstummte und spielte achtlos mit dem Bierdeckel herum.
Eine Ewigkeit schien zu vergehen.
„Bringen Sie mir eine Ochsenschwanzsuppe“, sagte ich schließlich kühl.
„Ochsenschwanzsuppe ist alle. Was ist nun, zahlen Sie?“
Ich wühlte in meiner Tasche und gab ihr das Geld für die Biere.
„Der Rest ist für Sie.“
Sie blickte mich an.
Lange.
Sehr lange.
„Es ist besser so, Ralf“, sagte sie leise.
