Die falsche Abholung
Hallo zusammen,
ich arbeite an einem Psychothriller-Manuskript (aktueller Stand: 16/45 Kapitel, ca. 17k Wörter). Mein Fokus liegt auf einer schleichenden, psychologischen Bedrohung im absolut banalen Alltag. Es gibt keinen maskierten Mörder, sondern nur die Frage nach der eigenen Realität.
Worum es geht:
Eine verspätete Meldung in der Kita-App kippt Evas Alltag in wenigen Minuten aus der Bahn: Laut System hat sie ihre Tochter am Vortag selbst abgeholt. App, Liste und Kamera sprechen gegen sie, obwohl sie sicher weiß, nie dort gewesen zu sein.
Meine Fragen an euch:
Der "Alltags-Grusel": Funktioniert die Prämisse mit der Kita-App für euch als Einstieg?
Stil: Ist die Verwirrung Evas sprachlich greifbar, ohne zu dick aufzutragen?
Spannungsaufbau: Entsteht beim Lesen sofort der Drang, wissen zu wollen, was passiert ist?
Hier ist die erste Szene:
BUCHPROBE · SZENE 1
Gestern
Eine verspätete Meldung in der Kita-App kippt Evas Alltag in wenigen Minuten aus der Bahn: Laut System hat sie ihre Tochter am Vortag selbst abgeholt. App, Liste und Kamera sprechen gegen sie, obwohl sie sicher weiß, nie dort gewesen zu sein.Um 16:18 Uhr hatte Eva elf Minuten zwischen dem Gespräch mit der Kanzlei Hoffmann und der internen Besprechung. Sie trank einen Schluck aus der Flasche auf dem Schreibtisch, schob die Kopfhörer in den Nacken und tippte im Vorbeigehen auf die Kita-App. Grüner Status. Mila abgeholt. Dann, eine Zeile tiefer, ein nachsynchronisiertes Ereignis von gestern, grau hinterlegt, mit dem kleinen Wolkensymbol für verspäteten Abgleich.
*Abholung Mila Berger, 15:42 Uhr, durch Eva Berger.*
Sie lachte kurz, einmal, ohne Ton. Ein App-Fehler. Irgendein Serverabgleich, der zwei Tage durcheinanderwarf. Gestern war Simons Tag gewesen, das wusste sie so sicher wie ihren eigenen Kalender. Mittwoch. Übergabe 14:00 Uhr, Simon holt, Eva arbeitet bis 19:00 Uhr und ruft danach zum Gutenachtgespräch an. Sie hatte um 19:04 Uhr mit Mila telefoniert, das Protokoll lag in ihrem Anrufverlauf, Simon hat zwischendurch etwas über Nudeln gesagt.
Eva wischte den Bildschirm nach unten, ließ ihn neu laden. Der Eintrag blieb. Sie tippte auf die Zeile, bekam die Detailansicht, eine kleine Signaturvorschau, einen Haken, einen Zeitstempel, ihre Unterschrift, stilisiert, aber in der Form, die sie seit Jahren in diese App kritzelte.
Sie rief nicht Simon an. Sie rief die Kita an.
„Sonnengarten, Löwen."
„Frau Löwen, Eva Berger. Es gibt einen Abgleichfehler in Ihrer App. Gestern steht bei mir ein Abholeintrag von mir um 15:42 Uhr. Das kann nicht stimmen, Mila war bei ihrem Vater."
Am anderen Ende blieb es einen Moment still. Kein überraschtes Einatmen, kein Blätterrascheln. Nur die gleichmäßige Ruhe von Petra Löwen.
„Frau Berger, der Eintrag ist bei uns nicht grau. Der ist bei uns regulär gebucht."
„Das ist unmöglich."
„Ich sehe hier Ihre Unterschrift und den Haken von meiner Kollegin Frau Weiss. Vielleicht ist es besser, Sie kommen kurz vorbei, dann gehen wir das zusammen durch."
„Frau Löwen, ich war gestern in Frankfurt. Ich war gestern nicht in Ihrem Haus."
„Dann klären wir das, wenn Sie da sind. Haben Sie jetzt Zeit?"
Eva sah auf den Kalender. Die interne Besprechung begann in sieben Minuten. Sie schrieb Anita eine Zeile, *muss raus, Kita, bitte übernimm*, griff Mantel und Schlüssel und war unten an der Schranke, bevor der Aufzug wieder oben angekommen war.
Im Auto ging sie den Mittwoch durch. Um 09:00 Uhr die Präsentation. Um 11:00 Uhr der Zug. Um 14:10 Uhr Ankunft Frankfurt, Taxi, Vier-Augen mit Grau. Um 16:20 Uhr Rückzug ins Hotel. Sie hat um 15:42 Uhr nicht an einer Kita gestanden, die vierhundertzwanzig Kilometer entfernt lag. Sie hat um 15:42 Uhr in einem Konferenzraum im siebten Stock Zahlen verteidigt. Es gab Zeugen. Es gab ihre BahnCard-Abrechnung. Es gab Fotos vom Hotelschlüssel, die sie Mila am Abend geschickt hatte.
Sie fuhr zu schnell. Sie wusste es und bremste nicht.
An einer roten Ampel sagte sie laut in den leeren Beifahrerraum: „Das ist ein Datenbankfehler." Sie umfasste das Lenkrad fester, bis die Knöchel weiß wurden.
Der Sonnengarten lag in einer ruhigen Seitenstraße hinter der alten Brauerei, ein umgebauter Altbau mit einem sauber gefegten Vorhof und einem Holztor, das um halb vier noch offen stand und um Viertel vor fünf verschlossen war. Eva stellte den Wagen halb auf den Bordstein, ließ den Warnblinker laufen und ging zwei Stufen auf einmal.
„Frau Berger." Petra Löwen stand schon im Eingang, nicht hinter dem Tresen. Sie trug den dunkelgrünen Wollpullover, den Mila immer mit „Tannenbaumpulli" kommentierte, und hielt ein Tablet in der Hand, flach gegen die Brust wie eine Speisekarte. „Kommen Sie mit ins Büro."
Das Büro war ein langer Raum mit zwei Schreibtischen, einem Sideboard voller Ordner und einer Fotowand, auf der jedes Kind einmal lachte. Petra schob die Tür hinter Eva zu, was sie sonst nicht tat.
„Ich weiß, dass Sie das aufregt", sagte Petra, „und ich will Ihnen nicht zu nahe treten. Aber ich muss Ihnen zeigen, was wir haben, bevor wir darüber reden, was nicht sein kann."
Sie legte das Tablet auf den Tisch, drehte es so, dass Eva direkt darauf sah, und tippte einmal.
Der Eintrag vom Vortag.
*15:42 Uhr. Abholung Mila Berger. Abholende Person: Eva Berger, Mutter. Eingetragen durch: S. Weiss. Bestätigt durch Unterschrift.*
Darunter das kleine Unterschriftsfeld. Eva sah den Zug von unten nach oben, den kurzen Schlenker am zweiten *e*, den harten Abstrich beim *g*. Es war keine Kopie. Es sah aus wie frisch gezogen, mit dem stumpfen Stift aus der Holzschale am Tresen.
„Das ist nicht meine Unterschrift", sagte Eva. Ihre Stimme klang schmaler, als sie sein wollte.
„Das ist die Unterschrift, die bei uns als Ihre hinterlegt ist."
„Dann ist das, was bei Ihnen hinterlegt ist, falsch."
Petra nickte nicht. Sie schüttelte auch nicht den Kopf. Sie hielt die Hände ruhig neben dem Tablet.
„Frau Löwen, ich war gestern nicht in der Stadt. Ich war in einer Besprechung in Frankfurt, ich kann Ihnen den ICE-Beleg zeigen, ich kann Ihnen Kollegen nennen, ich habe abends mit Mila telefoniert, während sie bei Simon war. Simon hat sie abgeholt."
„Nach unserem Protokoll nicht."
„Haben Sie Simon gefragt?"
„Wir rufen immer den Elternteil an, bei dem laut Plan das Kind nicht abgeholt werden sollte. Gestern war das auch Herr Berger. Er hat uns heute Morgen zurückgerufen." Petra machte eine kleine Pause. „Er hat gesagt, Mila sei ganz normal bei Ihnen."
Eva spürte, wie sich etwas in ihrem Nacken zusammenschob. Ihre Hand lag neben dem Tablet, und sie hob sie nicht. Sie sagte: „Ich will die Kamera sehen."
„Deshalb habe ich Sie hergebeten."
Petra führte sie einen Gang weiter, in einen kleinen fensterlosen Raum, in dem ein Monitor stand und ein Rechner, der leise summte. An der Wand ein Putzplan, ein Feuerlöscher, ein Stapel sauber gefalteter Wechselhosen in einem offenen Karton. Auf dem Monitor war ein Standbild eingefroren: die Eingangstür von innen, der Garderobenbereich, die Reihe mit den Haken, an denen die kleinen Regenjacken hingen. Im Vordergrund eine Frau, halb abgewandt, die Hand auf Milas Schulter. Mila in ihrer gelben Mütze. Die Mütze saß schief, so wie Mila sie aufsetzte, wenn es schnell gehen sollte.
Die Frau trug einen dunkelblauen Wollmantel, Kaschmirmischung, Gürtel hinten mit Schlaufe, der Schnitt vom letzten Winter bei Hoss, innen eine Stelle am Ärmel, an der Eva einmal Kaffee verschüttet hatte. Die Haare lagen in derselben Länge auf dem Mantelkragen. Die Schulter hatte den leichten Fall nach links, den Eva an sich selbst auf Fotos zuerst sah, bevor sie etwas anderes sah.
Eva hörte sich selbst ausatmen.
Sie dachte, bevor sie es dachte: *Das bin ich.*
Sie trat einen halben Schritt näher an den Monitor. Die Frau auf dem Bild beugte sich zu Mila herunter, in der Geste, die Eva hundertmal am Tag machte, wenn sie Mila etwas am Reißverschluss richtete. Derselbe Bogen im Rücken. Dieselbe Hand auf derselben Schulter.
Petra sagte hinter ihr etwas, einen Satz über das Abspielen, über weitere Kameras, über einen zweiten Winkel. Eva hörte die Worte als Geräusch.
„Spielen Sie ab", sagte sie.
„Einen Moment, ich muss mich an diesem Rechner anmelden. Frau Weiss hat das Bild bis hierhin für mich vorgezogen." Petra setzte sich auf den Stuhl, tippte ein Passwort, und das Bild zuckte einmal, als löse sich die Standbildanzeige und warte auf den nächsten Befehl.
Eva wandte den Blick nicht vom Monitor. Sie sah, wie ihre eigene Hand auf Milas Schulter lag. Sie sah, wie die Finger dieser Hand sich um den Stoff der gelben Mütze legten, als wollten sie sie geraderücken. Sie sah ihren Mantel, ihre Haare, ihre Geste.
„Frau Löwen", sagte sie leise, „wann haben Sie heute mit meinem Mann telefoniert?"
„Gegen halb neun."
„Von welcher Nummer?"
Petra sah auf. Zum ersten Mal in diesem Gespräch zögerte sie.
„Von der Nummer, die bei uns als seine hinterlegt ist."
Eva legte die Fingerspitzen auf den Rand des Tisches, an dem der Monitor stand. Das Holz war kühl und real. Sie hielt sich an diesem Kühlen fest, während auf dem Bildschirm eine Frau, die sie war und nicht war, sich aufrichtete und Milas Hand nahm, um mit ihr aus dem Bild zu gehen.
Da das gesamte Manuskript den Rahmen hier sprengen würde, habe ich erst einmal nur die erste Szene eingestellt. Falls jemand Lust hat, tiefer einzusteigen und mehr zu lesen, gebe ich euch sehr gerne per PN oder im Kommentarverlauf einen Link zum weiteren Manuskript.