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Die Frau im rosa Bett

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15.02.2008
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Die Frau im rosa Bett

Es dauerte lange, bis ich richtig wach wurde. Die Narkose hielt meine Glieder gelähmt, und gab sie mir nur widerwillig zurück. Kaum waren sie wieder in meiner Gewalt, da spürte ich auch schon den Schmerz in meinem Unterleib. Ein warmer, pochender Schmerz, der sich sanft ausbreitete und doch immer am selben Fleck blieb.
Langsam wurde mir bewusst, wo ich war, was ich getan hatte.
Jetzt gab es kein Zurück mehr, die Entscheidung war gefällt worden. Ein Problem weniger.
Ja, ich war froh. Schrecklich erleichtert.
Es war vorbei.
Ich richtete mich vorsichtig auf und sah mich um.

Die Tür am Ende des Raumes öffnete sich. Zwei Männer in grüner OP-Kleidung stützten eine offenbar bewusstlose Frau, führten sie zu einem Bett zu meiner Linken. Ob ich auch so ausgesehen hatte? So kraftlos und schwach und schutzbedürftig. Die Frau tat mir Leid.
Ich wandte den Blick ab, gab mich meinen Gedanken hin und schloss schliesslich die Augen.
Gern wäre ich noch einmal in den traumlosen Schlaf der Narkose geflohen.
Kein Grübeln mehr, keine Gefühle, keine Erinnerungen. Sinnloses Sein ohne zu spüren, während die Zeit verging. Keine Möglichkeit, aufzuwachen. Stummes, taubes Daliegen, friedlich wie ein Kind.
Ein Kind...

Ich riss die Augen auf.
Alles in mir schien sich zusammenzuziehen, in meinem Unterleib pochte und pulsierte es. Ein schmerzhafter Aufschrei aus meinem Inneren.
Niemand schien mich zu beachten. Eine Krankenschwester ging vorbei. Ich hatte sie davor schon gesehen, sie hatte mich in die Umkleide und dann schliesslich zu meinem Bett geleitet.
Ich fragte mich, wie sie wohl damit zurechtkam, den ganzen Tag Frauen zu pflegen, solche Frauen wie mich.
Ich kroch tiefer unter die hellblau bezogene Decke. Versuchte, mich vor mir selber zu verstecken.
Ich schämte mich.
Vielleicht war ich einfach zu feige gewesen. Vielleicht hätte ich mich anders entscheiden können, anders entscheiden sollen.
War es nicht der einfachste Weg für mich gewesen?
'Oh, ein Problem, na dann schauen wir mal, wie wir es am schnellsten loswerden können!'
Ich unterdrückte ein Schluchzen.

Die Pflegerin kam zu mir.
„Na, Frau Lindner, wie geht es Ihnen?“
„Ganz gut.“ Meine Stimme war mehr ein Krächzen.
Sie bot mir ein Schmerzmittel und einen Tee an.
Ich nahm beides an und sie liess mich wieder allein.

Vielleicht hätte ich mit jemand anders darüber reden sollen. Mit jemandem, der das Ganze mehr aus der Distanz sehen konnte.
Natürlich hatte ich mit Niklas geredet. Er litt mit mir, doch war er für mich dagewesen, stand hinter mir. Es hatte keine andere Möglichkeit gegeben.
Und die Frau von der Beratungsstelle. Sie hat mich verstanden, hat mich unterstützt und mir geholfen. Sie hatte gesagt, ich solle meine Gedanken aufschreiben, dem Kind und mir selber erklären, warum ich mich so entscheiden musste. Ich habe es nicht getan.

Sonst hatte ich niemanden davon erzählt.
Ich schämte mich. Dafür, dass es so weit gekommen war.
Und ich schämte mich für meine Scham.
Wenn ich sie überwunden hätte, vielleicht hätte ich diesen Schritt dann nicht tun müssen.
Vielleicht wäre ich in sieben Monaten in einem ganz ähnlichen Bett gelegen. Und hätte es in meinen Armen gehalten. Mein Kind.
Natürlich hatte ich mir das überlegt. Aber wie hätte es dann weitergehen sollen?
Ohne Geld, ohne Ausbildung. Ich war gerade mal volljährig, lebte von einem Nebenjob.
Niklas mitten in der Ausbildung, die ihn überforderte.
Beide weit weg von unseren Familien.
Andere Mütter töteten ihre Kinder nach der Geburt. Da war es wohl besser, das Kind zu töten, bevor es allzu viel davon mitbekommen konnte.
Die Tränen schossen mir in die Augen, rannen über meine Wangen in ein Kissen, das mir plötzlich fremd vorkam.
Ich versuchte, das Schluchzen zu unterdrücken. Es gelang mir kaum.
Ich wollte tapfer sein. Allen anderen hier ging es schliesslich genauso. Und die waren auch still, und liessen einander in Ruhe.

Irgendwann hörte ich auf, zu weinen.
Irgendwann schaffte ich es, die immer gleichen Vorwürfe zu ersticken, die ich schon so gut kannte.
Alles ist irgendwann vorbei.

Später ging ich mit der Krankenschwester auf die Toilette, damit sie sehen konnte, wie sehr ich blutete – nicht besonders stark, wie sich herausstellte.

Das Bett neben dem meinen war rosa bezogen. Die Frau darin litt offenbar unter starken Schmerzen. Sie stöhnte leise. Ich hatte sie vorher vom Wartezimmer aus gesehen, wie sie zum Gespräch mit dem Chirurgen ging. Sie hatte einen gelben Mantel getragen, und eine rote Mütze. Sie war vielleicht dreissig, ihr Begleiter fünfzig, und sie sah jung und stark aus, hübsch und sympathisch.
Und jetzt lag sie da, gebrochen und leidend. Obwohl ich sie nicht kannte, tat es mir weh, sie so zu sehen.
„Wie geht es Ihnen?“, fragte sie mich plötzlich.
„Besser als Ihnen, scheinbar“, antwortete ich zurückhaltend, und versuchte, aufmunternd zu lächeln.

Irgendwann kam eine Jugendliche, um jemandem Gesellschaft zu leisten. Sie unterhielten sich aufgeregt.
Auch der Begleiter von der Frau im rosa Bett kam herein, redete leise mit ihr.
Bis die Pflegerin die beiden Besucher wieder fortschickte.
Ich wagte nicht, nach Niklas zu fragen.

Ob wir zusammen trauern könnten, Niklas und ich, hatte die Frau von der Beratungsstelle gefragt.
„Ja“, hatte ich gesagt, „ganz sicher.“
Ich glaubte, dass es stimmte.
Viele Paare trennten sich nach einer Abtreibung, das hatte ich gelesen. Wer wusste schon, ob es uns besser ergehen würde?
Ich hoffte es einfach.

Die Frau im rosa Bett sprach gedämpft mit der Krankenschwester.
„Wie ist es...“, begann sie kraftlos, hob den Blick und wagte einen neuen Anlauf. „Ich fliege morgen nach Dubai.“
Die Pflegerin lächelte. „Wie schön für Sie!“

Kurz darauf durfte ich gehen. Ich verabschiedete mich leise von der Frau im rosa Bett.

Im Wartezimmer nahm mich Niklas in seine Arme.
Dann fuhren wir nach Hause.

 

Hallo pabu,

Vielen Dank für deinen Kommentar!
Schön, dass ich dich mitfühlen lassen konnte und danke auch für dein Kompliment, da freu ich mich...


Lieben Gruss zurück

die Papierkugel

 

Hallo Papierkugel,
ich möchte mich pabu anschließen. Die Gefühle der Frau sind gut nachvollziehbar. Man leidet beim lesen ein wenig mit.

Was mich ein wenig enttäuscht hat, war der Schluss. Er verrät weder, ob es ein "happy-end" wird, noch scheint er gezielt als offenes Ende gedacht zu sein. Es wirkt seltsam banal nach dieser bewegenden Geschichte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie so einfach zur Routine übergeht.

LG
Franzie

 

Hallo Franzie,

Schade, dass dich das Ende enttäuscht hat. Ich habe es bewusst relativ offen gestaltet, allerdings läuft es darauf hinaus, dass ihr Leben eben irgendwann weiter geht. Weiter gehen muss.

Ein dramatischer oder überschwänglicher Schluss wäre mir falsch vorgekommen, hätte nicht zu ihr oder zur Geschichte gepasst.
Ich hoffe, du verstehst, was ich meine, und ich lasse mir deine Kritik auch nochmal durch den Kopf gehen.
Vielen Dank!


Liebe Grüsse
die Papierkugel

 

Hallo Papierkugel! (auch mal ein interessanter Name ;) )

An sich gefällt mir deine Geschichte recht gut. Sprachlich überwiegend schön gemacht, inhaltlich ein interessantes und auch nicht überstrapaziertes Thema.
Für meinen Geschmack tritt die Geschichte manchmal ein bisschen auf der Stelle, werden Eindrücke und Überlegungen wiederholt. Kann man aber auch als Stilmittel gelten lassen. :)

Im Wartezimmer nahm mich Niklas in seine Arme.
Dann fuhren wir nach Hause.
Das Ende finde ich dann auch etwas verbesserungswürdig. Mein Vorschlag: Die beiden Sätze streichen oder nur den letzten Satz streichen und noch einen weiteren vll "gefühlsmäßigen" deiner Prota anfügen. Nur so als Idee. :)

Beste Grüße

Nothlia

 

Hallo Nothlia


Papierkugel! (auch mal ein interessanter Name ;) )

Dankeschön :)

Für meinen Geschmack tritt die Geschichte manchmal ein bisschen auf der Stelle, werden Eindrücke und Überlegungen wiederholt. Kann man aber auch als Stilmittel gelten lassen.

Hm, natürlich drehen sich die Gedanken im Kreis, aber so eine Wiederholung war eigentlich nicht beabsichtigt, da werde ich mich dann wohl noch einmal ransetzen müssen...

Was das Ende betrifft, hast du (und Franzie) wohl Recht.
Ursprünglich waren die beiden letzten Sätze nicht da, dafür:

Kurz darauf durfte ich gehen. Ich verabschiedete mich leise von der Frau im rosa Bett.
Sie wird mir in Erinnerung bleiben.

Da gab es dann allerdings das Problem mit der Zeit (wird oder würde?, würde fand ich unschön). Ausserdem erscheint mir das mittlerweile arg pathetisch.

Da muss ich mir wohl noch was überlegen.

Vielen Dank auf jeden Fall für deine Kritik und deine Vorschläge!

Liebe Grüsse
die Papierkugel

 

Hallo Papierkugel!

Also ich weiß nicht, was Du mit der Geschichte willst. Erstens stimmt überhaupt nichts, es ist so eine typische Ich-weiß-zwar-nichts-darüber-aber-so-stell-ich-mir-das-vor-Geschichte, zweitens frage ich mich, was die gesellschaftliche Aussage sein soll.

Was alles nicht stimmt:

Es dauerte lange, bis ich richtig wach wurde. Die Narkose hielt meine Glieder gelähmt, und gab sie mir nur widerwillig zurück. Kaum waren sie wieder in meiner Gewalt, da spürte ich auch schon den Schmerz in meinem Unterleib. Ein warmer, pochender Schmerz, der sich sanft ausbreitete und doch immer am selben Fleck blieb.
Langsam wurde mir bewusst, wo ich war, was ich getan hatte.
Je länger die Narkose gedauert hat, desto schwerer wacht man davon auf. Die Narkose bei einer Abtreibung ist extrem kurz (wenige Minuten), davon wacht man nicht so schwer auf.
Auch solche Schmerzen sind eher ungewöhnlich.

Ich richtete mich vorsichtig auf und sah mich um.
Wäre die Narkose so wie oben beschrieben gewesen, würde das der Kreislauf gar nicht mitmachen. Und wenn sie solche Bauchschmerzen hat, setzt sie sich schon gar nicht so einfach auf.

Die Tür am Ende des Raumes öffnete sich. Zwei Männer in grüner OP-Kleidung stützten eine offenbar bewusstlose Frau, führten sie zu einem Bett zu meiner Linken. Ob ich auch so ausgesehen hatte? So kraftlos und schwach und schutzbedürftig.
Ich kann ehrlichgesagt nur den Kopf schütteln über die Vorstellung, man müsse nach der Narkose auf eigenen Beinen zum Bett gelangen. Wofür meinst Du, haben Krankenhausbetten Räder?

Gern wäre ich noch einmal in den traumlosen Schlaf der Narkose geflohen.
Kein Grübeln mehr, keine Gefühle, keine Erinnerungen. Sinnloses Sein ohne zu spüren, während die Zeit verging. Keine Möglichkeit, aufzuwachen. Stummes, taubes Daliegen, friedlich wie ein Kind.
Man kriegt doch überhaupt nichts mit, und hier schreibst Du so, als würde sie sich daran erinnern. Abgesehen davon paßt auch das nicht zu der Kürze der Narkose einer Abtreibung. Es wirkt eher so, als wolltest Du krampfhaft eine Überleitung zum Kind finden. Übrigens kann man auch in der Narkose träumen.

Sie bot mir ein Schmerzmittel und einen Tee an.
Ich nahm beides an und sie liess mich wieder allein.
Es werden wohl eher Kreislauftropfen gewesen sein.

Später ging ich mit der Krankenschwester auf die Toilette, damit sie sehen konnte, wie sehr ich blutete – nicht besonders stark, wie sich herausstellte.
Nirgends geht eine Krankenschwester mit auf die Toilette, um zu sehen, wie stark frau blutet. Wenn das jemanden interessiert, dann einen Arzt oder eine Ärztin, und die kontrollieren das im Bett.

Die Frau darin litt offenbar unter starken Schmerzen. Sie stöhnte leise. Ich hatte sie vorher vom Wartezimmer aus gesehen, wie sie zum Gespräch mit dem Chirurgen ging.
Dann hatte sie wohl etwas anderes. Weder passen da die starken Schmerzen dazu, noch der Chirurg. Was sollte denn der Chirurg da zu tun haben? Es ist doch nicht einmal eine Operation, nur ein Handgriff für den Gynäkologen.


Gesellschaftlich gesehen wird klar, daß Du damit gegen Abtreibung plädieren willst, weil jeder Idiot erkennt, daß sie in dem Fall wirklich nicht notwendig gewesen wäre und denkt »hätte sie es doch nur aufgeschrieben«. Die Protagonistin mit dem »Nebenjob« (falsche Bezeichnung, da ein Nebenjob einen Hauptjob voraussetzt, neben dem man ihn ausübt), der Freund in Ausbildung – es gibt genug Studenten mit Kindern, die beweisen, daß es geht. Es ist also nichts, weswegen die Welt zusammenbricht. Und die Frau im rosa Bett, die morgen nach Dubai fliegt, schaut auch nicht nach wirklichen Problemen aus.

'Oh, ein Problem, na dann schauen wir mal, wie wir es am schnellsten loswerden können!'
In den beiden Fällen sieht es tatsächlich so aus.
Als gesellschaftliche Aussage ist es allerdings mehr als kurzsichtig, denn die Frauen, die tatsächlich abtreiben, haben meist schwerwiegendere Gründe, die Du mit so einem Satz herunterspielst. Mit solchen Beispielen ist das natürlich leicht. Versuch doch mal, die Geschichte mit einer Frau zu schreiben, für die es wirklich dramatisch wäre. Die zum Beispiel gerade mit ihren beiden Kindern vor dem schlagenden Mann geflüchtet ist, Schulden hat, weil sie die beiden Kinder irgendwie durchbringen und die Miete zahlen mußte, während ihr Mann das Geld versoffen hat. Dann wohnt sie in einem Zimmer bei einer Freundin und kommt drauf, sie ist von dem Arsch auch noch schwanger. Wie soll sie denn für sich und die Kinder eine neue Existenz aufbauen, wenn sie schwanger ist und dann noch ein Baby zu versorgen hat?
Sicher, man kann, wenn man will, auch in solchen Fällen noch Wege finden, um die zu finden, ist ja eigentlich die Beratung da. Aber letztlich sollte man es doch der Frau überlassen, ob sie bereit ist und die Kraft hat, den schwereren Weg zu gehen. Die Gesellschaft hilft ihr nämlich nicht, von der wird sie allein gelassen, gar nicht gesehen; so, wie Du Dir beim Schreiben der Geschichte keine wirklichen Probleme vorstellen konntest.

Frauen, wie die beiden in der Geschichte tun mir nicht leid, weil es egoistische Entscheidungen waren – nur ja auf nichts verzichten. Aber Frauen, die tatsächlich abtreiben, haben in der Regel schwerwiegendere Gründe, sonst würden sie das gar nicht tun.

Ob wir zusammen trauern könnten, Niklas und ich, hatte die Frau von der Beratungsstelle gefragt.
„Ja“, hatte ich gesagt, „ganz sicher.“
Das ist auch eher unwahrscheinlich, wenn sie nämlich gefühlsmäßig so weit wären, daß sie trauern würden, würden sie es auch bekommen. Entweder ist bereits eine gefühlsmäßige Bindung da, dann kann sie sicher nicht so einfach sagen »ich bring dich doch lieber um, sorry, aber dein Papa ist noch in Ausbildung – ich werd aber ganz bestimmt um dich trauern«. Oder es ist eben keine gefühlsmäßige Bindung da, weil es innerlich abgelehnt wird, dann wird es erst gar nicht als Kind akzeptiert, die Schwangerschaft als eine Art Krankheit gesehen, und dann trauert auch niemand.
Eine Beratungsstelle ist nicht dazu da, die Frauen zu bemitleiden und zu fragen, ob sie auch trauern könnten, sondern dafür, diesen Unterschied festzustellen und den Frauen Wege aufzuzeigen, Stellen, wo sie Hilfe finden könnten, die ihnen ermöglicht, das Kind doch zu bekommen, und sie so vor falschen Entscheidungen bewahrt. Das ist auch der einzige Weg, wie man Müttern und Kindern wirklich helfen kann, nicht mit dem Erzeugen von schlechtem Gewissen, wie es Geschichten wie Deine machen sollen.

Liebe Grüße,
Susi :)

 

Hallo Häferl,

Trotz deiner harschen Worte danke ich dir für deine Kritik.

Ich habe selber eine Abtreibung hinter mir, und habe es ziemlich ähnlich erlebt, wie beschrieben, wenn meine Gründe auch etwas anders waren.

Ganz anders, als ich es erlebt habe, könnte ich es nicht schildern.
Daher:

Je länger die Narkose gedauert hat, desto schwerer wacht man davon auf. Die Narkose bei einer Abtreibung ist extrem kurz (wenige Minuten), davon wacht man nicht so schwer auf.
Auch solche Schmerzen sind eher ungewöhnlich.

Ich empfand das Aufwachen als lange. Länger als ein normales Aufwachen auf jeden Fall.
Vielleicht war meine Narkose etwas länger, weil noch etwas anderes gemacht wurde, das weiss ich aber nicht sicher.
Die Schmerzen waren nicht besonders stark, aber sie waren da.

Wäre die Narkose so wie oben beschrieben gewesen, würde das der Kreislauf gar nicht mitmachen. Und wenn sie solche Bauchschmerzen hat, setzt sie sich schon gar nicht so einfach auf.

Es hat eine Weile gedauert, aber ich habe mich aufgerichtet.
Und die Schmerzen waren wie gesagt nicht so stark, dass sie so etwas verhindert hätten.

Ich kann ehrlichgesagt nur den Kopf schütteln über die Vorstellung, man müsse nach der Narkose auf eigenen Beinen zum Bett gelangen. Wofür meinst Du, haben Krankenhausbetten Räder?

Das habe ich so gesehen und mich eben gefragt, ob das bei mir genauso war.
Die Frau schien nicht bei Bewusstsein zu sein, wurde aber von den zwei Leuten mehr oder weniger getragen.

Man kriegt doch überhaupt nichts mit, und hier schreibst Du so, als würde sie sich daran erinnern. Abgesehen davon paßt auch das nicht zu der Kürze der Narkose einer Abtreibung. Es wirkt eher so, als wolltest Du krampfhaft eine Überleitung zum Kind finden. Übrigens kann man auch in der Narkose träumen.

Da muss ich dir Recht geben.
Aber sie wünscht sich halt diese Gefühlslosigkeit, sein ohne zu spüren... obwohl sie sowas nicht kennen kann, weil man es nicht spüren kann...
Die Überleitung zum Kind geschah dann eher zufällig.
Das mit dem Träumen in der Narkose habe ich nicht gewusst, danke.

Es werden wohl eher Kreislauftropfen gewesen sein.
Vielleicht waren welche im Tee, gesagt wurde davon aber nichts.

Nirgends geht eine Krankenschwester mit auf die Toilette, um zu sehen, wie stark frau blutet. Wenn das jemanden interessiert, dann einen Arzt oder eine Ärztin, und die kontrollieren das im Bett.
Die Ärzte hab ich nach dem Eingriff nicht mehr gesehen, nur zwei Pflegerinnen, die sich um alles kümmern mussten. Auch um die Blutung.

Dann hatte sie wohl etwas anderes. Weder passen da die starken Schmerzen dazu, noch der Chirurg. Was sollte denn der Chirurg da zu tun haben? Es ist doch nicht einmal eine Operation, nur ein Handgriff für den Gynäkologen.

Ich glaube, ihr war übel, und ich bin mir ziemlich sicher, dass an dem Tag um die Zeit nichts anderes gemacht wurde, als Schwangerschaften abzubrechen.

Die Frau musste, wie ich auch, vor dem Eingriff mit dem Arzt sprechen, ich glaube, er hat sich als Chirurg vorgestellt, bin mir aber nicht mehr sicher.
Gut möglich, dass du Recht hast, das werde ich dann natürlich ändern.

Ich wollte auch nicht gegen eine Abtreibung plädieren, sondern finde sie nach wie vor ok, wenn die Beteiligten damit umgehen können.
Ich wollte aufzeigen, wie so etwas abläuft, meine eigenen Erfahrungen verarbeiten.

Die Protagonistin mit dem »Nebenjob« (falsche Bezeichnung, da ein Nebenjob einen Hauptjob voraussetzt, neben dem man ihn ausübt),

Da hast du Recht, da meinte ich natürlich einen Teilzeitjob.

der Freund in Ausbildung – es gibt genug Studenten mit Kindern, die beweisen, daß es geht.
Der Freund in einer Ausbildung, mit der er überfordert ist.
Wenn die Arbeit so viel abverlangt, dass man nebenher nichts mehr machen kann - ohne dabei viel zu verdienen - wie soll er da irgendwie helfen können?


Ob wir zusammen trauern könnten, Niklas und ich, hatte die Frau von der Beratungsstelle gefragt.
„Ja“, hatte ich gesagt, „ganz sicher.“
Das ist auch eher unwahrscheinlich, wenn sie nämlich gefühlsmäßig so weit wären, daß sie trauern würden, würden sie es auch bekommen. Entweder ist bereits eine gefühlsmäßige Bindung da, dann kann sie sicher nicht so einfach sagen »ich bring dich doch lieber um, sorry, aber dein Papa ist noch in Ausbildung – ich werd aber ganz bestimmt um dich trauern«. Oder es ist eben keine gefühlsmäßige Bindung da, weil es innerlich abgelehnt wird, dann wird es erst gar nicht als Kind akzeptiert, die Schwangerschaft als eine Art Krankheit gesehen, und dann trauert auch niemand.
Dass sie mit der Entscheidung zu kämpfen hatte, habe ich versucht aufzuzeigen. Dass eine Bindung da war auch, sonst hätte ich sie von "Zellklumpen" und "Fötus", statt von Kind sprechen lassen.


Die Aussage des Textes sollte alles andere als ein plumpes kategorisches "Nein zur Abtreibung" sein, sondern mehr eine Schilderung, wie das abläuft, wie es einem dabei gehen kann.

Dass du das so komplett anders aufgefasst hat, zeigt mir, dass ich einiges falsch gemacht habe, das mir nicht bewusst war.
Daher danke ich dir sehr für deine Kritik!
Mir ist jetzt auch klar, dass ich die Geschichte keinesfalls so stehen lassen kann, und werde sie baldmöglichst überarbeiten!

Ich habe mich im Übrigen bewusst für eine nicht so krasse Situation entschieden, also keine Schwangere ohne Vater mit Schulden und wohnt mit einer Freundin in einem Zimmer mit zwei Kindern.
Auch andere Gründe treiben einen zu einer Abtreibung, und auch da sehe ich eine Berechtigung, auch wenn das umstritten sein mag.


Ich hoffe, ich konnte dir meinen Standpunkt ein wenig näher bringen.

Liebe Grüsse
Die Papierkugel

 

Hallo Papierkugel!

Die Aussage des Textes sollte alles andere als ein plumpes kategorisches "Nein zur Abtreibung" sein, sondern mehr eine Schilderung, wie das abläuft, wie es einem dabei gehen kann.
Was mich vor allem dazu gebracht hat, die Geschichte als eine gegen Abtreibung zu sehen, war diese Stelle:
Sie hatte gesagt, ich solle meine Gedanken aufschreiben, dem Kind und mir selber erklären, warum ich mich so entscheiden musste. Ich habe es nicht getan.
Weil ich mir da als Leser denke: Hätte sie es aufgeschrieben, hätte sie sich wahrscheinlich anders entschieden.
Durch die vielen Zweifel macht es aber auch insgesamt nicht den Eindruck, als hätte die Protagonistin das wirklich gewollt.
'Oh, ein Problem, na dann schauen wir mal, wie wir es am schnellsten loswerden können!'
Ich unterdrückte ein Schluchzen.
Das Gefühl hat offensichtlich etwas anderes gesagt, und deshalb kann die Geschichte in meinen Augen nur als eine gegen Abtreibung funktionieren.

Wenn Du willst, daß der Leser die Situation der Frau versteht und ihren Schritt nachvollziehen kann, wäre die Vorgeschichte wesentlich interessanter als dieses Aufwachen nach der Narkose und das Nachschauen, wie stark sie blutet. Zum Beispiel ob sie es selbst war, die den Vorschlag gemacht hat, oder ob sie es vielleicht "einsehen" mußte, weil Niklas und/oder die Eltern das so wollten - das könnte jedenfalls erklären, warum sie gefühlsmäßig so zu kämpfen hat, und wirkt nicht so, als hätte sie sich die Sache nicht richtig überlegt.

Liebe Grüße,
Susi :)

 

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