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Die Frau im rosa Bett
Es dauerte lange, bis ich richtig wach wurde. Die Narkose hielt meine Glieder gelähmt, und gab sie mir nur widerwillig zurück. Kaum waren sie wieder in meiner Gewalt, da spürte ich auch schon den Schmerz in meinem Unterleib. Ein warmer, pochender Schmerz, der sich sanft ausbreitete und doch immer am selben Fleck blieb.
Langsam wurde mir bewusst, wo ich war, was ich getan hatte.
Jetzt gab es kein Zurück mehr, die Entscheidung war gefällt worden. Ein Problem weniger.
Ja, ich war froh. Schrecklich erleichtert.
Es war vorbei.
Ich richtete mich vorsichtig auf und sah mich um.
Die Tür am Ende des Raumes öffnete sich. Zwei Männer in grüner OP-Kleidung stützten eine offenbar bewusstlose Frau, führten sie zu einem Bett zu meiner Linken. Ob ich auch so ausgesehen hatte? So kraftlos und schwach und schutzbedürftig. Die Frau tat mir Leid.
Ich wandte den Blick ab, gab mich meinen Gedanken hin und schloss schliesslich die Augen.
Gern wäre ich noch einmal in den traumlosen Schlaf der Narkose geflohen.
Kein Grübeln mehr, keine Gefühle, keine Erinnerungen. Sinnloses Sein ohne zu spüren, während die Zeit verging. Keine Möglichkeit, aufzuwachen. Stummes, taubes Daliegen, friedlich wie ein Kind.
Ein Kind...
Ich riss die Augen auf.
Alles in mir schien sich zusammenzuziehen, in meinem Unterleib pochte und pulsierte es. Ein schmerzhafter Aufschrei aus meinem Inneren.
Niemand schien mich zu beachten. Eine Krankenschwester ging vorbei. Ich hatte sie davor schon gesehen, sie hatte mich in die Umkleide und dann schliesslich zu meinem Bett geleitet.
Ich fragte mich, wie sie wohl damit zurechtkam, den ganzen Tag Frauen zu pflegen, solche Frauen wie mich.
Ich kroch tiefer unter die hellblau bezogene Decke. Versuchte, mich vor mir selber zu verstecken.
Ich schämte mich.
Vielleicht war ich einfach zu feige gewesen. Vielleicht hätte ich mich anders entscheiden können, anders entscheiden sollen.
War es nicht der einfachste Weg für mich gewesen?
'Oh, ein Problem, na dann schauen wir mal, wie wir es am schnellsten loswerden können!'
Ich unterdrückte ein Schluchzen.
Die Pflegerin kam zu mir.
„Na, Frau Lindner, wie geht es Ihnen?“
„Ganz gut.“ Meine Stimme war mehr ein Krächzen.
Sie bot mir ein Schmerzmittel und einen Tee an.
Ich nahm beides an und sie liess mich wieder allein.
Vielleicht hätte ich mit jemand anders darüber reden sollen. Mit jemandem, der das Ganze mehr aus der Distanz sehen konnte.
Natürlich hatte ich mit Niklas geredet. Er litt mit mir, doch war er für mich dagewesen, stand hinter mir. Es hatte keine andere Möglichkeit gegeben.
Und die Frau von der Beratungsstelle. Sie hat mich verstanden, hat mich unterstützt und mir geholfen. Sie hatte gesagt, ich solle meine Gedanken aufschreiben, dem Kind und mir selber erklären, warum ich mich so entscheiden musste. Ich habe es nicht getan.
Sonst hatte ich niemanden davon erzählt.
Ich schämte mich. Dafür, dass es so weit gekommen war.
Und ich schämte mich für meine Scham.
Wenn ich sie überwunden hätte, vielleicht hätte ich diesen Schritt dann nicht tun müssen.
Vielleicht wäre ich in sieben Monaten in einem ganz ähnlichen Bett gelegen. Und hätte es in meinen Armen gehalten. Mein Kind.
Natürlich hatte ich mir das überlegt. Aber wie hätte es dann weitergehen sollen?
Ohne Geld, ohne Ausbildung. Ich war gerade mal volljährig, lebte von einem Nebenjob.
Niklas mitten in der Ausbildung, die ihn überforderte.
Beide weit weg von unseren Familien.
Andere Mütter töteten ihre Kinder nach der Geburt. Da war es wohl besser, das Kind zu töten, bevor es allzu viel davon mitbekommen konnte.
Die Tränen schossen mir in die Augen, rannen über meine Wangen in ein Kissen, das mir plötzlich fremd vorkam.
Ich versuchte, das Schluchzen zu unterdrücken. Es gelang mir kaum.
Ich wollte tapfer sein. Allen anderen hier ging es schliesslich genauso. Und die waren auch still, und liessen einander in Ruhe.
Irgendwann hörte ich auf, zu weinen.
Irgendwann schaffte ich es, die immer gleichen Vorwürfe zu ersticken, die ich schon so gut kannte.
Alles ist irgendwann vorbei.
Später ging ich mit der Krankenschwester auf die Toilette, damit sie sehen konnte, wie sehr ich blutete – nicht besonders stark, wie sich herausstellte.
Das Bett neben dem meinen war rosa bezogen. Die Frau darin litt offenbar unter starken Schmerzen. Sie stöhnte leise. Ich hatte sie vorher vom Wartezimmer aus gesehen, wie sie zum Gespräch mit dem Chirurgen ging. Sie hatte einen gelben Mantel getragen, und eine rote Mütze. Sie war vielleicht dreissig, ihr Begleiter fünfzig, und sie sah jung und stark aus, hübsch und sympathisch.
Und jetzt lag sie da, gebrochen und leidend. Obwohl ich sie nicht kannte, tat es mir weh, sie so zu sehen.
„Wie geht es Ihnen?“, fragte sie mich plötzlich.
„Besser als Ihnen, scheinbar“, antwortete ich zurückhaltend, und versuchte, aufmunternd zu lächeln.
Irgendwann kam eine Jugendliche, um jemandem Gesellschaft zu leisten. Sie unterhielten sich aufgeregt.
Auch der Begleiter von der Frau im rosa Bett kam herein, redete leise mit ihr.
Bis die Pflegerin die beiden Besucher wieder fortschickte.
Ich wagte nicht, nach Niklas zu fragen.
Ob wir zusammen trauern könnten, Niklas und ich, hatte die Frau von der Beratungsstelle gefragt.
„Ja“, hatte ich gesagt, „ganz sicher.“
Ich glaubte, dass es stimmte.
Viele Paare trennten sich nach einer Abtreibung, das hatte ich gelesen. Wer wusste schon, ob es uns besser ergehen würde?
Ich hoffte es einfach.
Die Frau im rosa Bett sprach gedämpft mit der Krankenschwester.
„Wie ist es...“, begann sie kraftlos, hob den Blick und wagte einen neuen Anlauf. „Ich fliege morgen nach Dubai.“
Die Pflegerin lächelte. „Wie schön für Sie!“
Kurz darauf durfte ich gehen. Ich verabschiedete mich leise von der Frau im rosa Bett.
Im Wartezimmer nahm mich Niklas in seine Arme.
Dann fuhren wir nach Hause.
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