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Die Hand

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01.04.2023
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Die Hand

„Ich bin 92“, sagte Grete Raither und schenkte sich ein Stamperl Zwetschenschnaps ein. „Trinkst du auch einen?“
„Um Gottes Willen nein!“, lehnte Phillip Fischer dankend ab und verfolgte erstaunt, wie die alte Frau mit zittriger Hand sein Glas füllte.
„Der ist hausgemacht, musst keine Angst haben, dass du ´nen dicken Schädel kriegst.“
Fischer nickte. Er war hier, um die Geschichte zu hören, die damals vor gut 20 Jahren die ganze Stadt in Aufruhr versetzt hatte und jetzt in der Morgenpost in Erinnerung gerufen werden soll.
„Ein Reporter mit Schnapsfahne – nein, das geht gar nicht. Ich würd‘ sofort rausfliegen.“
Grete trank und schenkte nach. „Die Geschichte mit meinem Jungen wollen Sie also wissen! Ja, das war eine schlimme Sache damals.“
„Erzählen Sie einfach von Anfang an so, wie Sie sie erlebt haben.“ Fischer stellte ein Mikro auf den Tisch.

*

Wir wohnten damals im beschaulichen Vogtendorf nahe der tschechischen Grenze, mein Mann Alois und ich und unser Sohn Gregor. Vater war Glasbläser, ich habe für ein paar Familien im Dorf gewaschen und gebügelt, und Gregor war Schlosser und hat Autos und Trecker repariert. Als er 30 war, ist er nach Regensburg gegangen, und wir haben ihn mehr oder weniger aus den Augen verloren. Er hat wohl ein paar Mal die Stelle gewechselt, und oft wussten wir nicht, wo er nach den letzten Kontakten abgeblieben war und welchen Umgang er hatte. Wenn wir Glück hatten, hat er mal von irgendwoher zu Weihnachten angerufen. Von sich erzählt hat er aber nicht viel, und wenn wir nach Freunden oder Mädchen gefragt haben, hat er sofort das Thema gewechselt. Der Junge ist uns aus den Händen geglitten, wenn du verstehst, was ich meine, und wir konnten nichts dagegen tun.

„Magst ein paar Kekse? Selbst gebacken!“
„Nein danke. Nicht schön, wenn so gar kein Kontakt mehr da ist“, zeigte Fischer Mitgefühl. „Wie lange haben Sie nicht mehr mit ihm gesprochen?“
„Für Eltern viel zu lange, viele, viele Jahre. Mein Mann hat immer gesagt, wir sollten die Polizei einschalten, damit wir wenigstens wissen, wo er ist. Aber ich war dagegen, weil ich fürchtete, Gregor könnte aufgebracht sein und glauben, dass wir ihn kontrollieren wollen.“

Eines Tages kam er völlig überraschend in Jeans und schmutzigem T-Shirt nach Hause, und zog sich gleich in seine Kammer zurück. Abends aßen wir gemeinsam eine Wurstplatte, er redete ein wenig über sich, allerdings nur belangloses Zeug. Am nächsten Morgen verschwand er nach dem Frühstück, aber nicht ohne eine Warnung. „Lass niemanden in mein Zimmer, egal wer rein will. Und auch du gehst nicht rein. Die Sachen in meiner Tasche sind rein privat. Bitte respektier das.“
Etwa ein Jahr später mochte es gewesen sein, als die Polizei vor der Tür stand. „Wir haben in einem Kriminalfall eine große Papiertasche mit Kleidungsstücken gefunden“, sagte der Beamte umständlich. „Wenn Sie mal ein Auge drauf werfen könnten? Die Sachen könnten Ihrem Sohn gehören. Wir haben einen Hinweis auf diese Adresse gefunden.“
Gleich auf den ersten Blick erkannte ich die Lederjacke, die er sich von seinem ersten Gesellenlohn gekauft hatte. Warum schleppt er das abgetragene Ding solange mit sich herum, fragte ich mich.
Die Beamten haben mir dann schonend beigebracht, dass sie eine zu den Fundstücken gehörende Leiche gefunden hätten, die ich identifizieren solle. Ich fuhr mit ihnen nach Regensburg, und da sah ich ihn, meinen Gregor, auf dem kalten Tisch liegen. Was für ein furchtbarer Anblick! Ein Auge war blau, die Lippen geschwollen, und von den Schneidezähnen fehlten zwei. Sein Brustkasten war notdürftig zusammengeflickt, ein Bild, das ich aus den Tatortkrimis kannte.
„Daran ist er aber nicht gestorben?“ Ich zeigte auf das blaue Auge und bat den Grünkittel um eine Antwort. Der schüttelte den Kopf und hob das Tuch an der rechten Körperseite hoch, das sein Bein bedeckte.
Da sah ich die beiden großen Verletzungen: ein tiefes Loch im Oberschenkel und ein weiteres, ja, mehr als das, im Handgelenk. Die dazugehörende Hand war völlig abgetrennt und hing an einem einzigen Hautlappen. Der Anblick verfolgt mich bis heute.
Die Beamten erklärten mir später, dass sie den Fall rekonstruieren konnten. Gregor habe zusammen mit einem Komplizen eine Bank überfallen. Das Fluchtfahrzeug wurde Tage später in Tschechien gefunden, ebenso seine Leiche. Von dem zweiten Täter fehlt jede Spur. Wahrscheinlich hätten sich beide um die Beute gestritten, und dabei sei es zu den Schüssen gekommen. Da habe ich erst verstanden, dass Gregor erschossen worden war.
Als ich wieder zu Hause war, schüttelte es mich jedes Mal, wenn ich an seiner Kammer vorbeiging. Schließlich schwor ich mir, sein Zimmer nie mehr zu betreten, um nicht immer wieder an diesen schrecklichen Anblick auf dem Blechtisch erinnert zu werden. Aber erinnere dich mal als Mutter nicht an deinen verbluteten Sohn?!

„So, junger Mann, das ist die ganze Geschichte.“ Sie ging zum Wohnzimmerschrank, öffnete eine Tür, hinter der sich eine Reihe Aktenordner verbarg, und entnahm ihm den Leitzordner mit der Aufschrift ‚Gregor‘. „Hier! Da ist alles drin, was je über den Fall gesagt oder geschrieben wurde. Protokolle, Zeugenaussagen und teilweise Polizeiberichte. Mehr gibt es darüber nicht zu erfahren.“
Fischer war enttäuscht, und Grete sah es ihm an.
„Schade“, jammerte er. „Ich habe gehofft, etwas Neues zu hören. Es braucht immer etwas Neues, um die Leser bei der Stange zu halten. Trotzdem danke ich Ihnen, dass Sie sich soviel Zeit genommen haben. Wenn Sie mir den Ordner für eine Woche ausleihen würden? Sie bekommen ihn vollständig und unversehrt zurück.“
Grete nickte nach einigem Zögern.
Fischer steckte seinen Notizblock in seine lederne Tasche. „Frau Raithel, war da wirklich nichts mehr? Bei solch schweren Fällen kommt doch so manches Detail oder irgendeine Erkenntnis erst ans Licht, wenn der Fall im Archiv abgelegt ist.“ Er schaute sie mit flehendem Bick an.
Grete biss sich sanft auf die Unterlippe. „Es gibt natürlich noch etwas, aber ich weiß nicht, ob ich es Ihnen anvertrauen darf.“ Sie nippte an ihrem Schnaps und willigte nach erneutem Zögern ein.

*

Gute zehn Jahre später an einem Sommerabend wurde ich auf fatale Weise Zeuge von etwas Unheimlichem. Die Sonne war gerade untergegangen, und ich wollte in meinem Wohnzimmer das Fenster schließen. Und wie ich so den Schließhebel in der Hand habe und ganz nebenbei auf das Tropfblech schaue, sehe ich, wie vier Finger die Kante des Aluminiums umklammern, als würde jemand die Fassade hochklettern und sich an diesem Blech festhalten. Ich erschrak, gab keinen Ton von mir und starrte auf die Finger, die sich langsam in Richtung Fensterrahmen bewegten. Jetzt wurde auch der Daumen sichtbar. Natürlich rechnete ich damit, dass ein Körper zum Vorschein kam, der zu der Hand gehörte. Aber den konnte ich nicht entdecken. Ich sah nur Finger und Handrücken.
Es war eindeutig eine Männerhand, kräftig und offensichtlich an harte Arbeit gewohnt. Wenn du mich nach dem Alter fragst, würde ich sagen um Ende Vierzig. Das ist natürlich nur eine vage Einschätzung.
Ich erzählte sofort meinem Mann, was ich gesehen hatte. Er trat resolut ans Fenster, inspizierte das Tropfblech, lehnte sich hinaus und suchte nach Spuren in der weichen Gartenerde, fand aber nichts. Daraufhin erklärte er mir, was Halluzinationen sind. Für ihn war das Thema erledigt. Ich blieb mit meiner Beobachtung allein, was mich belastete, weil ich gern eine solch unheimliche Erfahrung mit jemanden geteilt hätte. Einer fremden Person wollte ich mich nicht anvertrauen, und mein eigener Mann wollte nichts davon wissen – das war schlimm für mich in dieser Situation.
Die folgende Woche verlief friedlich: ohne die geheimnisvolle Hand und ohne unpassende Bemerkungen meines Mannes. Ich war dabei, die Sache zu verdrängen und schaute mich nicht mehr bei jedem Schritt um in der Befürchtung, dass die Hand wieder auftauchen könnte. Ich war soweit, dass ich glaubte, einer optischen Täuschung erlegen zu sein.
Tage später ging ich in den Garten, um einen Strauß Petersilie fürs Mittagessen zu holen. Ich wollte mit meinem Kräuterich in der Hand durch die Terrassentür zurück ins Haus, aber als ich sie schließen wollte, klemmte sie. Schon im letzten Winter ließ sie sich zeitweise schwer schließen, und mein Mann erklärte mir, dass sich der Holzrahmen durch Temperatur und Feuchtigkeit verändere.
„Ich krieg sie nicht zu!“, rief ich ihm zu.
„Drück halt fester“, kam es zurück.
Ich soll halt fester drücken! Sehr schlau! dachte ich und versuchte, sie mit mehr Druck zu schließen, indem ich meine ganze Handfläche gegen das Blatt presste. Aber die Tür wollte einfach nicht in den Rahmen gleiten. Um sicherzugehen nichts zu übersehen, strich ich mit zwei Fingern zunächst über die Schließseite des Blattes, denn manchmal ist es sicherer, etwas zu erfühlen als zu sehen. Dann tastete ich die Schließnut des Rahmens von oben nach unten ab, konnte aber zunächst kein Hindernis entdecken. Meine Finger glitten tiefer, ich bückte mich, und unmittelbar über der Schwelle entdeckte ich wieder die vier fremden Finger. Fast hätte ich sie berührt. Es war einfach eklig.
Sie umklammerten den Rahmen, bewegten sich und wollten ins Haus. Jetzt sah ich die ganze Hand – Finger, Knöchel und Handrücken. Es war zweifellos die gleiche Hand, die es schon einmal versucht hatte, ins Haus zu gelangen. Sie war kräftig, adernbewehrt und gut durchblutet.
Dieses Mal behielt ich ein bisschen besser die Nerven, blockierte das Türblatt mit dem Fuß und sorgte dafür, dass sie nicht ins Haus gelangen konnte. Ich rechnete damit, vielleicht doch noch den dazugehörigen Arm zu Gesicht zu bekommen, aber es war nichts zu sehen. Nur diese eine Hand, ohne Blut und ohne Trennungsverletzung. Sie war nicht amputiert, nicht sonstwie abgeschnitten oder abgehackt. Und auch nicht abgerissen. Die Trennung war einfach nicht genau zu erkennen. In meiner Angst drückte ich solange gegen die Tür, bis sie sich zurückzog. Als sie sich endlich zurückgezogen hatte, spürte ich eine panische Angst.
Ich rief die Polizei, aber was sie zu sagen hatte, war mehr als ernüchternd. Der Dorfwachtl, wie der Dorfpolizist bei uns heißt, sah sich den Türrahmen an und klärte die Angelegenheit kurz und bündig auf seine Art. „Wenn i nix sig, ko i nix macha.“
Kurz darauf hatte auch Alois eine Begegnung. Er beobachtete, wie die Finger versuchten, sich von außen in das Fensterglas zu krallen. Er verglich die Beobachtung mit Szenen aus dem Krimis, wenn jemand verletzt war und sich mit der meist blutigen Hand an der Scheibe bemerkbar macht und Hilfe will. Der Anblick hatte ihn so sehr in Panik versetzt, dass er in der Nacht einen Schlaganfall erlitt, von dem er sich nicht mehr erholte. Beim Leichenschmaus war das halbe Dorf zugegen. Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen, von den Vorfällen zu erzählen, aber ich traute mich nicht aus Angst, ich könnte für verrückt erklärt werden.
Die Hand erschien noch einmal, ein letztes Mal, dieses Mal an der eichenen Haustür. Der Briefträger übergab mir ein Päckchen, und während ich unterschrieb und nach unten schaute, drängte sie sich an mir vorbei ins Haus. Ich konnte nicht reagieren, weil der Postbote vor mir stand. Jetzt war es also geschehen. Als ich die Tür geschlossen hatte, versuchte ich ihr zu folgen, verlor sie aber sogleich aus den Augen. Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe.

*

Die Hand und ich allein im Haus – das war für mich eine Horrorvorstellung, und ich beschloss noch am gleichen Tag, das Haus zu verkaufen. Mit Hand. Es sollte schnell gehen, und deshalb beauftragte ich alle hier tätigen Makler auf einmal und schaltete Anzeigen in der Morgenpost und im Internet.
Ein alleinstehender Lehrer und zwei junge Ehepaare zeigten im Laufe der ersten beiden Wochen Interesse, lehnten aber ab, weil ihnen die Sanierungs- und Umbaukosten zu hoch waren. Das war genau das, was ich befürchtet hatte.
Eine Woche später bekam ich einen Gichtanfall – ob wegen Stress oder der Linsensuppe vom Tag zuvor – ich weiß es nicht. Mein linker Fuß schwoll zur doppelten Größe an. Ich saß bewegungslos in meinem Sessel und war so außer Gefecht gesetzt, dass ich es gerade mal mit dem Gehstock bis aufs Klo schaffte. Da tauchte noch ein Interessent auf, ein hagerer Kerl mit stechenden Augen, etwa 50 Jahre alt. Er war eine furchteinflößende Erscheinung und äußerst unsympathisch, dennoch war ich froh, dass es noch einen potentiellen Käufer gab. Wir setzten uns ins Wohnzimmer, von wo man einen Blick in meinen schönen Garten hatte. Beide waren das einzig Positive, was ich zu bieten hatte.
Wir wechselten ein paar Worte, dann wollte er sich das Haus näher betrachten. Da ich ihn mit meinem geschwollenem Fuß nicht begleiten konnte, erlaubte ich ihm, die Räume allein zu inspizieren. Zuerst schaute er sich das Erdgeschoss an.
„Gar nicht so übel“, sagte er. „Da muss ein bisschen was gemacht werden, aber das dürfte nicht so schwierig sein.“
Dann wollte er das Obergeschoss besichtigen. Als er auf der Treppe stand, rief ich ihm noch zu, er solle nicht das Zimmer mit der grünen Tür betreten. „Das gehört meinem Sohn“, rief ich ihm hinterher. „Das ist ganz privat, darin hat er seine persönlichen Sachen.“
Ich hörte oben ein paar Türen auf und zu gehen, hin und wieder ein paar Schritte auf dem Flur, gefolgt von einer plötzlichen Stille, die untypisch ist für jemanden, der ein Haus besichtiget. Ungeduldig wartete ich, und das Warten und meine Hilfslosigkeit machten mir Angst. Nach zehn Minuten rief ich nach oben. „Ist alles in Ordnung?“ Er antwortete nicht. „Ist etwas mit Ihnen? Soll ich Hilfe holen?“ Keine Antwort. Nach weiteren zwei oder drei Minuten rief ich meine Nachbarin an.
„Herta, schau schnell mal rüber, hier stimmt was nicht. Und bring deinen Mann mit!“
Kurz darauf erschienen beide. Ich klärte sie auf und bat sie, im Obergeschoss nachzuschauen, wo der Fremde abgeblieben ist.
„Vielleicht hat er was mitgenommen und ist durchs Fenster abgehauen?“, flüsterte Herta.
„Doch nicht aus dem Obergeschoss!“, entgegnete ich. „Nun geht schon hoch.“
Sie gingen langsam die Treppe hoch, Hertas Mann vornweg. Ich hörte, wie sie oben eine Zimmertür nach der anderen öffneten, und plötzlich hallte ein ohrenbetäubender Schrei durchs Haus. Er war sehr lang, und als Herta die Luft ausging und sie erneut atmete, fuhr sie mit dem Kreischen fort. Sie konnte sich gar nicht mehr einkriegen.
„Er ist tot! Er ist tot!“, schrie sie beim Herunterkommen, und als sie sich beruhigt hatte, erklärte Hertas Mann, dass eine Leiche in Gregors Zimmer lag, vor ihm eine geöffnete und durchwühlte Reisetasche. Dem Mann hing die Zunge heraus.

„Haben Sie die Leiche auch gesehen?“, wollte Fischer wissen.
„Nein, wie denn? Ich konnte ja nicht hoch. Später, als sie sie in der Blechwanne herausgetragen haben, hat einer der Polizisten den Deckel angehoben und mich gefragt, ob das der Kerl sei. Kurz darauf befragte mich die Polizei, und dabei haben mir die Beamten verraten, was es vermutlich mit dem Toten auf sich hat. „Es handelt sich um Gregors Komplizen bei dem Banküberfall. Die ganz Beute war in der Tasche, etwa 250 000 Euro. Wir gehen davon aus, dass er seinen Anteil hier im Haus gesucht hat. Was wir uns allerdings nicht erklären können, sind die extremen Würgemale am Hals. Der Täter muss Hände gehabt haben wie ein Schraubstock. Jetzt seien Sie mal ehrlich, Frau Raithel, wer war noch in Ihrem Haus?“ Der Beamte schaute mich an, als erwartete er von mir die Erklärung, wie jemand in das Haus hätte eindringen können, ohne dass ich etwas bemerkt hätte.
„Woher soll ich das wissen?“, gab ich ihm zur Antwort. „Ich war die ganze Zeit in meinem Sessel gelegen und konnte mich kaum bewegen. Wie soll ich von da jemanden gesehen haben, der auf der anderen Seite des Hauses einsteigt oder sich reingeschlichen hat.“

Fischer konnte ein Staunen nicht unterdrücken und schüttelte sanft den Kopf. „Davon stand damals aber kein einziges Wort in der Zeitung. Darf ich die Ereignisse mit der Hand genauso schreiben, wie Sie sie mir geschildert haben?“, fragte er. „Sie haben das damals der Polizei verschwiegen. Warum?“
Sie trank den für Fischer eingeschenkten Schnaps aus. „Was hätt’s gebracht, junger Mann, dass de do des glaubd häddn, des hätt i mia ned vorstäin kinna.“

 

Hallo @linedrop,

du solltest Horror taggen, die titelgebende Hand ist ja doch ein recht klares Element, das diese Genrezuordnung rechtfertigt. Mich hat es ein bisschen an diese Charles-Dickens-Geschichte erinnert, in der jemand aus dem Fenster guckt, und hinter diesem einen Typen läuft ein anderer her, wild gestikulierend und schimpfend, und dieser Verfolger, kommt dann raus, ist das Mordopfer des Mannes, der da geht. The Trial for Murder, aus meiner Erinnerung, ist vielleicht ein bisschen anders, aber nicht komplett anders, jedenfalls Dickens: klassisch. Auch diese übererklärende Märchenerzählerstimme passt dazu (Der Herr Sowieso war einer, der jeden Sonntagmorgen…).

Das wäre nicht meine erste Wahl, sowas lesen zu wollen, wenn ich das vorher wüsste, scheint mir ein bisschen aus der Zeit gefallen; ich könnte mir aber gut vorstellen, dass es ein Publikum dafür gibt, für so unter dem Strich dann doch eher brave (nicht despektierlich gemeint) Gruselgeschichten, mit Moral von der Geschicht’ am Ende auch.

Was mich aus dem Konzept gebracht hat, und da bin ich noch mal bei der Zuordnung: Hast du vergessen, Humor zu taggen? Auch hier will ich nicht frotzeln, das ist eine ernstgemeinte Frage. Da sind Sachen drin, die scheinen mir so offensichtlich darauf aus, Lacher zu produzieren, dass ich denke, vielleicht hast du ja gedacht, dieses leicht Staubige, eine rachsüchtige Geisterhand, das muss man dann auch mit Augenzwinkern bringen, sonst wird’s albern. Ich bin ja eher dafür, wenn du diesen Weg gehst, und so auf 19. Jahrhundert machst, dann zieh’s auch durch, aber Ersteres ist natürlich auch eine legitime erzählerische Entscheidung, wenn ich selbst die auch nicht mittragen würde.

Jedenfalls, hier war ich vor den Kopf gestoßen und dachte zum ersten Mal, was’ denn jetzt los:

„Daran ist er aber nicht gestorben?“ Ich zeigte auf das blaue Auge und bat den Grünkittel um eine Antwort.
So reagiert sie auf den Tod ihres geliebten und vermissten Sohnes, der da auf dem Seziertisch liegt, als Opfer eines Gewaltverbrechens? Du zeichnest die Figur zwar als hart im Nehmen, gleich am Anfang mit Ü90 und sie gießt sich erst mal einen ein, aber das hier ist doch wohl… Also, ich sag mal so, ich glaub das nicht, auch nicht, wenn der humorvolle Unterton Absicht ist. Als Comicfan denke ich hier an einen der größten Fehler in den Marvelfilmen der vergangenen Jahre, wenn epische oder irgendwie emotional tragende Momente „aufgelockert“ (kaputtgemacht) werden, indem der mächtige Donnergott Thor just dann über seinen Umhang stolpert und sich den Kopf stößt oder sowas.

Weitere Stellen, bei denen ich geglaubt habe zu merken, es soll wirklich lustig sein:

Es war eindeutig eine Männerhand, kräftig und offensichtlich an harte Arbeit gewohnt (harte Arbeit gewohnt, aber an harte Arbeit gewöhnt, weil gewöhnt, wenn sich etwas eigentlich Negatives eingeschliffen hat, ich hab mich an das Scheißwetter gewöhnt). Wenn du mich nach dem Alter fragst, würde ich sagen um (?) Ende Vierzig. Das ist natürlich nur eine vage Einschätzung.
Ich erzählte sofort meinem Mann, was ich gesehen hatte. (…) Daraufhin erklärte er mir, was Halluzinationen sind.)
und ich beschloss noch am gleichen (selben) Tag, das Haus zu verkaufen. Mit Hand.
ohne die geheimnisvolle Hand und ohne unpassende Bemerkungen meines Mannes.
Sie war kräftig, adernbewehrt und gut durchblutet.

Jo. Also, das ist so mein Haupt-Beef mit der Geschichte. Die ist inhaltlich nicht das, was ich persönlich mir wünschen würde, das kann man aber gern anders sehen und für meinen Sonntagmorgen war es auch ok. Was glaube ich aber wirklich schwierig ist, ist der Humor. Nicht die Herangehensweise an sich, da Humor mit reinzubacken; wobei man natürlich immer bedenken muss, Humor verwässert oft alles andere, worauf du an Wirkung möglicherweise hinauswillst. Es ist aber ein Humor, der mir ein bisschen das Gefühl gibt, als Leser veräppelt zu werden, und das Gefühl mag ja eigentlich keiner.

Kleinkram habe ich nicht gemacht, nur so ein paar Fetzen, die ich noch in den Notizen hatte:

völlig abgetrennt und hing an einem einzigen Hautlappen.
Völlig heißt ja komplett, also eben nicht abgetrennt.

In meiner Angst drückte ich solange gegen die Tür, bis sie sich zurückzog. Als sie sich endlich zurückgezogen hatte, spürte ich eine panische Angst.
Zwei Dopplungen in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen.

mit Szenen aus dem Krimis
den

Der Anblick hatte ihn so sehr in Panik versetzt, dass er in der Nacht einen Schlaganfall erlitt,
Ist das medizinisch ein Ding, dass ein Schock oder ein Schreck zum Schlaganfall führt? Wie beim Herzinfarkt? Da geht’s ja um schlechte Blut(Sauerstoff-)versorgung durch verstopfte Kanäle. Ich bin beim zweiten darüber Nachdenken nicht mal sicher, ob das beim Herzinfarkt wirklich auslösend wirken kann, oder ob es sich um ein Klischee aus Funk und Fernsehen handelt. Sind Ärzt*innen anwesend?

Viele Grüße und schönen Sonntag
JC

 

So verschieden kann man Dinge sehen, denn ich erkenne da keinen Humor. Wer das Dorfleben ein wenig kennt, für den ist das randvolle Schnapsglas für Besucher bei alten Leuten ganz normal. Aufgesetzter oder eine Flasche Korn in der Kühlschranktür, und wer sein Glas aus falsch verstandener Höflichkeit leert, bekommt sofort nachgeschenkt. Die Frage, ob man was trinken will, ist rhetorisch. Das ist alles perfekt authentisch.

„Daran ist er aber nicht gestorben?“

Hmm. Würde sie das so fragen? Oder eher "Wie ist er gestorben?" Ich weiß es nicht. Das ist eine anspruchsvolle Situation. Da kann es schon zu merkwürdigen Äußerungen kommen.

Daraufhin erklärte er mir, was Halluzinationen sind.

Das Wort und die Formulierung passen irgendwie nicht zum Rest der Geschichte. Die Reaktion selbst finde ich in Ordnung.

Ich blieb mit meiner Beobachtung allein, was mich belastete, weil ich gern eine solch unheimliche Erfahrung mit jemanden geteilt hätte.

Würde sie das so reflektiert denken und ausdrücken? Glaube ich nicht. Ihr Mann hat ihr schon gesagt, dass sie spinnt. Also kann sie es keinem sagen, sonst denkt das ganze Dorf, dass sie nicht mehr richtig im Kopf ist, wofür es sicher einen Dialektausdruck gibt.

denn manchmal ist es sicherer, etwas zu erfühlen als zu sehen.

Wenn sie nach einem Hindernis tastet, dann weiß der Leser schon, warum. Finde ich. Vielleicht würde sie auch sagen, nach einem Hindernis zu tasten, aber es nicht so erklären.

Dem Mann hing die Zunge heraus.

Rein anatomisch, geht das? Menschen sind keine Hunde. Klar, die Leiche soll irgendwie abscheulich wirken. Ich hab keine Ahnung, wie erwürgte Menschen aussehen.

Der Täter muss Hände gehabt haben wie ein Schraubstock.

Das ist ein Logikfehler. Es ist nur eine Hand und das wird man an der Leiche sehen und das wird die Gerichtsmedizin wundern, weil es keine Schlagverletzungen gibt. Also warum nur eine Hand, wenn die andere nichts anstellt? Ungewöhnlich. Und natürlich werden sie sehen, ob es eine linke oder rechte Hand war, wovon in der ganzen Geschichte auch nicht die Rede ist, aber es sollte erwähnt werden.

Mir gefällt die Geschichte! Die Eröffnung der Szene ist so spät wie möglich, perfekt! Das nimmt direkt mit. Horror ist jetzt nicht mein Liebling, aber es geht im Grunde auch noch als phantastische Geschichte durch. Ich mag, wie stimmig die alte Frau ist.

Michael

 

@Heutehier:

Wer das Dorfleben ein wenig kennt, für den ist das randvolle Schnapsglas für Besucher bei alten Leuten ganz normal.
Ich hab fünf konkrete Textbeispiele genannt, die meines Erachtens darauf abzielen (könnten), Lacher zu erzeugen. Die Schnaps-Szene ist nicht dabei.

 

Hallo @Proof

du solltest Horror taggen, die titelgebende Hand ist ja doch ein recht klares Element, das diese Genrezuordnung rechtfertigt.
Ja, die Zuordnung ist mir schwergefallen. Ich sehe diesen Text weniger als Horrorstory, vielmehr als Gruselgeschichte. Für Horror sind mir die Figuren zu sanft, ebenso die Schauderszenen. Leider gibt die Tag-Auswahl nicht das her, was ich gern gehabt hätte. Ich habe mich deshalb für "Spannung" und "seltsam" entschieden und alles andere dem Leser überlassen, zumal im Text Strecken mit deutlich schwarzem bzw. englischem Humor enthalten sind.
Ich bin wie du im Grunde kein Anhänger solcher Geschichten und schreibe bis auf wenige Ausnahmen nur Geschichten aus dem Alltag, in die ich Konflikte und Pointen einbaue - also alles sehr konservativ. Den Ausflug ins Gruselgeschehen verdanke ich Henry James' Wälzer "Gruselgesachichten", durch den ich mich in letzter Zeit gearbeitet habe. Da entstand dann irgendwann die Idee, das Thema mal aufzugreifen, wobei ein guter Plot die größte Schwierigkeit darstellt.

Was mich aus dem Konzept gebracht hat, und da bin ich noch mal bei der Zuordnung: Hast du vergessen, Humor zu taggen?
Mit dem Humor ist das so eine Sache. Welcher Leser versteht was darunter? Die Frage ist für mich berechtigt, weil ich mit meiner Art von Humor sehr oft falsch verstanden werde. Viele sagen: Wo ein Mord passiert, ist Humor nicht angebracht. Wo ein Mensch seine Angehörigen betrauert, soll man keine Witzchen machen. Ich kommentiere das eigentlich nicht mehr. Jeder soll das für sich entscheiden, auch wenn die ganze Story fiktional ist.
Lacher zu produzierten, war nie meine Absicht. Mein Humor auch hier ist schwarz.

So reagiert sie auf den Tod ihres geliebten und vermissten Sohnes, der da auf dem Seziertisch liegt, als Opfer eines Gewaltverbrechens? Du zeichnest die Figur zwar als hart im Nehmen, gleich am Anfang mit Ü90 und sie gießt sich erst mal einen ein, aber das hier ist doch wohl… Also, ich sag mal so, ich glaub das nicht, auch nicht, wenn der humorvolle Unterton Absicht ist.
Die Geschichte spielt im Bayerischen Wald, und wer dort trotz des kargen Lebens 92 wird, ist tough. Zäh wie ein Stück Leder. Ein Todesfall trifft die Angehörigen, aber die Trauer hält sich nach einer gewissen Zeit in Grenzen. Der feucht-fröhliche Leichenschmaus ist ein Indiz dafür.
Natürlich hätte ich die Mutter betroffener darstellen können, aber ich wollte die alte Frau so zeichnen, wie ich es getan habe. Sie ist wirklich hart im Nehmen, wie du ja erkannt hast, und wenn das Schicksal zugeschlagen hat, schenkt man sich erstmal einen ein. Die Frage an den Grünkittel hätte vielleicht im Dialekt besser geklungen.
In diesen Gegenden gilt bei Todesfall die Sorge in erster Linie der Zukunft. Wer soll den Hof führen etc? Wie geht' weiter mit den Kindern? Trifft hier nicht zu; soll nur zeigen, wie auf dem Land gedacht wird.


Weitere Stellen, bei denen ich geglaubt habe zu merken, es soll wirklich lustig sein:

Es war eindeutig eine Männerhand, kräftig und offensichtlich an harte Arbeit gewohnt (harte Arbeit gewohnt, aber an harte Arbeit gewöhnt, weil gewöhnt, wenn sich etwas eigentlich Negatives eingeschliffen hat, ich hab mich an das Scheißwetter gewöhnt). Wenn du mich nach dem Alter fragst, würde ich sagen um (?) Ende Vierzig. Das ist natürlich nur eine vage Einschätzung.
Ich erzählte sofort meinem Mann, was ich gesehen hatte. (…) Daraufhin erklärte er mir, was Halluzinationen sind.)
und ich beschloss noch am gleichen (selben) Tag, das Haus zu verkaufen. Mit Hand.
ohne die geheimnisvolle Hand und ohne unpassende Bemerkungen meines Mannes.
Sie war kräftig, adernbewehrt und gut durchblutet.
Lustig? Nein, ganz sicher nicht. Ich denke, dafür gibt es keinen Hinweis. Sorry, kann nicht nachvollziehen, was du hier meinst.
...gleichen Tag - selben Tag ist richtig.

Die Dopplungen sind nicht in Ordnung, da hast du völlig Recht.

Dem Mann hing die Zunge heraus.

Rein anatomisch, geht das? Menschen sind keine Hunde. Klar, die Leiche soll irgendwie abscheulich wirken. Ich hab keine Ahnung, wie erwürgte Menschen aussehen.

Wenn das Zungenbein zerquetscht ist und der Kopf etwas zur Seite geneigt ist, geht das.

Der Anblick hatte ihn so sehr in Panik versetzt, dass er in der Nacht einen Schlaganfall erlitt,
Ist das medizinisch ein Ding, dass ein Schock oder ein Schreck zum Schlaganfall führt? Wie beim Herzinfarkt? Da geht’s ja um schlechte Blut(Sauerstoff-)versorgung durch verstopfte Kanäle. Ich bin beim zweiten darüber Nachdenken nicht mal sicher, ob das beim Herzinfarkt wirklich auslösend wirken kann, oder ob es sich um ein Klischee aus Funk und Fernsehen handelt. Sind Ärzt*innen anwesend?

Das geht: Der Blutdruck steigt, Gefäße können platzen - meistens im Gehirn, dann gibts einen Gehirnschlag oder Schlaganfall.

Danke für deinen ausführlichen und hilfreichen Kommentar.
Gruß
linedrop

 

Hallo @Heutehier,
danke, dass du die Dinge nochmal aus deiner Sicht beleuchtest. Die meisten Punkte habe ich meiner Antwort an PROOF angesprochen und meinen Standpunkt dargestellt. Ich bin auf jeden Fall froh, dass die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln kommentiert wird. Solche Geschichten wirken nicht unisono- gut so.

Ich blieb mit meiner Beobachtung allein, was mich belastete, weil ich gern eine solch unheimliche Erfahrung mit jemanden geteilt hätte.

Würde sie das so reflektiert denken und ausdrücken? Glaube ich nicht. Ihr Mann hat ihr schon gesagt, dass sie spinnt. Also kann sie es keinem sagen, sonst denkt das ganze Dorf, dass sie nicht mehr richtig im Kopf ist, wofür es sicher einen Dialektausdruck gibt.

Das ist eine korrekte Überlegung. Auf der anderen Seite ist es wirklich schwer, mit solchen Problemen allein zurechtzukommen. Darüber zu sprechen enthält ja auch die Möglichkeit, dass sie ernstgenommen wird.

denn manchmal ist es sicherer, etwas zu erfühlen als zu sehen.

Wenn sie nach einem Hindernis tastet, dann weiß der Leser schon, warum. Finde ich. Vielleicht würde sie auch sagen, nach einem Hindernis zu tasten, aber es nicht so erklären.
Absolut richtig. Hätte ich anders machen müssen. Ein Hinweis auf die alten Augen hätte genügt.

Der Täter muss Hände gehabt haben wie ein Schraubstock.

Das ist ein Logikfehler. Es ist nur eine Hand und das wird man an der Leiche sehen und das wird die Gerichtsmedizin wundern, weil es keine Schlagverletzungen gibt. Also warum nur eine Hand, wenn die andere nichts anstellt? Ungewöhnlich. Und natürlich werden sie sehen, ob es eine linke oder rechte Hand war, wovon in der ganzen Geschichte auch nicht die Rede ist, aber es sollte erwähnt werden.

Streng genommen hast du recht. Aber ein Polizist würde in dieser Situation nie sagen: Der muss nur eine Hand ... Er kennt ja die genaueren Umstände noch nicht. Bei einem Gewürgten wird man auf den ersten Blick immer sagen: der hat Hände ..., zumal das Erwürgen mit nur einer Hand eher die Ausnahme ist.

Trotz allem schön, dass dir die Geschichte gefallen hat.
Gruß
linedrop


 

@linedrop

Ich sehe diesen Text weniger als Horrorstory, vielmehr als Gruselgeschichte.
Das ist im Grunde eh synonym und da wir hier nur Horror als Tag haben, würde dieser bei einer rachsüchtigen, mordenden Geisterhand auch passen. Das ist objektiv, das ist egal, wie du das siehst, auch wenn es deine eigene Geschichte ist.

Ich habe mich deshalb für "Spannung" und "seltsam" entschieden und alles andere dem Leser überlassen, zumal im Text Strecken mit deutlich schwarzem bzw. englischem Humor enthalten sind.
(Insbesondere schwarzer) Humor und Horror schließen sich nicht per se aus, im Gegenteil.

Lacher zu produzierten, war nie meine Absicht. Mein Humor auch hier ist schwarz.
Weil bekanntermaßen bei schwarzem Humor nie einer lacht?

Die Geschichte spielt im Bayerischen Wald, und wer dort trotz des kargen Lebens 92 wird, ist tough. Zäh wie ein Stück Leder.
Hart wie Kr*HUST*… Ich kenne den bayerischen Wald nur aus dem Urlaub, muss mich auf deinen Text verlassen. Da steht:
„Die Geschichte mit meinem Jungen wollen Sie also wissen! Ja, das war eine schlimme Sache damals.“
Wenn wir Glück hatten, hat er mal von irgendwoher zu Weihnachten angerufen. (…) Der Junge ist uns aus den Händen geglitten, wenn du verstehst, was ich meine, und wir konnten nichts dagegen tun.
„Wie lange haben Sie nicht mehr mit ihm gesprochen?“
„Für Eltern viel zu lange, viele, viele Jahre.
Und dann sieht sie diesen verlorenen Sohn als Leiche wieder, auf dem Autopsietisch, Opfer eines Gewaltverbrechens, sagt selbst:
Was für ein furchtbarer Anblick! Ein Auge war blau, die Lippen geschwollen, und von den Schneidezähnen fehlten zwei.
Und kommentiert den „furchtbaren Anblick“ so:
„Daran ist er aber nicht gestorben?“ Ich zeigte auf das blaue Auge und bat den Grünkittel um eine Antwort.
Ich finde ja, das passt nicht, du meinst, das sind die Leute aus dem bayerischen Wald. Ist okay, aber ich bleib dabei, so ey, ich weiß nicht.

Apropos passt nicht:

Lustig? Nein, ganz sicher nicht. Ich denke, dafür gibt es keinen Hinweis.
Ich brauch das gar nicht denken, ich kann’s belegen. Eine gängige Art, Humor zu erzeugen, ist Sachen zusammenbringen, die nicht zusammenpassen. Sehr beliebt zum Beispiel: Megabanale und alltägliche Dinge brechen in ein episches Setting ein. Der Stormtrooper sagt zu Darth Vader, Chef, wir können die Außenlaser nicht ohne Plakette abfeuern, wir hatten doch so unheimlich Ärger mit der Versicherung, als der letzte Todesstern hochgegangen ist.

Bevor du jetzt schreibst, ich find das nicht lustig: Ich auch nicht, darum geht’s nicht. Es ist ein Beispiel für Humor-Erzeugung, ob nun ge- oder misslungen. Ich find’s großartig, wie deutsch ich mich gerade anhöre.

Die von mir genannten Beispiele bringen durchweg Sachen zusammen, die nicht zusammengehören, eben auf diese Art, wie ein Gag es tut:

und ich beschloss noch am gleichen (selben) Tag, das Haus zu verkaufen. Mit Hand.
Das alltägliche „Haus verkaufen“ wird zusammengeführt mit der wenig alltäglichen Geisterhand; verstärkt wird der „witzige“ Eindruck noch durch dieses schnippische, nachgeschobene: Mit Hand.
ohne die geheimnisvolle Hand und ohne unpassende Bemerkungen meines Mannes.
Im Grunde wie oben. „Unpassende Bemerkungen“ und die gruselige Geisterhand auf eine Ebene gehoben, als wäre das vom Belästigungsgrad her in etwa gleich. Ich bin in die alte Wohnung von Jeffrey Dahmer gezogen, nachts kann ich ihn essen hören. Außerdem rauscht die Heizung immer so, ich krieg noch ’n Anfall hier.
Sie war kräftig, adernbewehrt und gut durchblutet.
Vor allem „gut“. An dieser Stelle. Über die gruselige Geisterhand. Leatherface schwang seine Kettensäge, ein sehr spritsparendes Modell.

So bin ich darauf gekommen, mit dem Humor.

Schönen Abend und gute Nacht,
JC

 

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