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Novelle Die Jünglingsloge

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04.04.2021
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Die Jünglingsloge


I

»Der schönste meiner Abende war der heutige«, dachte sich der Jüngling. Niemals hat es ihn so dazu getrieben zu denken: Dies ist wohl das reinste Glück auf Erden! Er stand bald schon vor seiner Haustür, welche er aufzuschließen versuchte, seine Hand zitterte vor Erregung, doch es gelang ihm das Schlüsselloch zu treffen. Er drehte den Schlüssel, drehte und zog ihn jedoch im nächsten Moment wieder heraus und döste nun weitere Momente vor seiner Haustür; schließlich fasste er sich und entschied sich zu einem spontanen Spaziergang, in den von Dunkelheit erfüllten und schwach beleuchteten Straßen der Großstadt in der er lebte. Er liebt die Betrachtung der Welt; generell mochte er wissbegierig sein, doch war er auch von einer speziellen kindlichen Tugend erfüllt. In sachtem, genießerischen Tempo, lief er nun die Straße abwärts zur nächsten Kreuzung und fasste alles in sein Bewusstsein, was er in seiner unmittelbaren Umgebung finden konnte: Fahrzeuge, Gebäude, aus denen alle Art von Geräuschen tönen, Geräusche der Umgebung generell und vor allem andere Menschen, die er am liebsten mochte zu beobachten. Er liebt die menschliche Natur, wenn man das Subjekt nur von außen zu betrachten hat, hasste es jedoch ganz generell, wenn er dazu getrieben ward, mit anderen Menschen im Normalen zu verkehren.
Natürlich hat auch dieses schwer zu erfassende Subjekt Beziehungen zu anderen Menschen. Natürlich gibt es diese anderen Menschen; jedoch in so einer erschwinglich geringen Anzahl, dass man es beinahe als wundersam betiteln könnte.
Man könnte von ihm behaupten, er entziehe sich fast schon vor Scheu, jeglicher zwischenmenschlichen Konfrontation, doch dem ist nicht im generellen so: Es ist die Eigenart, die jeder Mensch von Natur aus besitzt, welche bei ihm nun eben, so ausartet und so skurril und komplex ist, dass es für außenstehende Menschen zu ihm, wie auch für ihn zu außenstehenden Menschen bedauerlicherweise beinahe eine Unmöglichkeit darstellt, den Gegenüber, in Gedanken fassen zu können. Er ist ein Individuum, welches nicht mag, gesehen zu werden; er ist nicht wirklich ein scheuer Mensch, vielmehr findet er sich damit ab, eher der Beobachter zu sein als jener, der ständig im Mittelpunkt zu stehen hat. Ja, dies geschilderte ist nicht gesellschaftsfreundlich; aber zum Teufel mit der Gesellschaft, die sie verdorben ist in heutiger Zeit!
Das Nachtleben, just in einer Stadt wie seiner, beeindruckt ihn zutiefst, dabei aber ganz beständig, jedes Mal aufs Neue, wenn er sich zu einem erneuten Spaziergang entschließt. Die Dunkelheit ist ihm lieb, nicht nur aus dem Grunde, dass es eben düsterer ist, sondern einzig darum, dass das Leben um ihn herum sich allmählich beruhigt und dann, alsbald Mitternacht geschlagen hat, beinahe völlig zur Ruhe kommt; diese Zeit mag er am meisten, auch aus dem Grund, dass er häufig keinen gesunden Schlaf findet. Er ist häufig am Abend mit vielen schweren Gedanken behaftet und kommt nicht heran, diese Gedanken zu lösen oder zu beseitigen, es quält ihn beständig; nicht aber in dieser Nacht: Bald schlägt es Mitternacht.
Er lief nun mittlerweile schon einige Minuten die Straßen hinab, da blitze ein Gedanke in ihm auf: »Wieso gehe ich nicht zum Park?« Also änderte er die Richtung und schritt beständig zum hiesigen Park, welcher keine zehn Minuten zu Fuß entfernt lag. Schon von Weitem fasste er den Park in seinen prüfenden Blick und versicherte sich peinlich genau, dass er alleine dort sein werde und ging schließlich zu einer Parkbank hin und setzte sich sichtlich erleichtert, mit einem groben Zug auf die Holzbank. Er war froh, dieses kleine Ziel erreicht zu haben und stöhnte befriedigt auf.
»Welch ein Himmel!« Dachte er sich voller Erregung, als er seinen Blick nach oben gen Himmel richtete. Sein Blick schweift immer wieder, von Stern zu Stern, bald schon erkannte er einzelne Sternbilder und lachte kaum merklich auf, da er sich freute. Er war in der heutigen Nacht in einer sehr guten Stimmung, einer glücklichen, friedlichen Stimmung zu allem einschließlich auch sich selbst.​

II

Heute war ein Tag der Seltenheit, sonderbar geheimnisvoll und zugleich ganz voller brennender Lust und Abenteuer. Sie war undurchschaubar, gewieft und äußerst schön in ihrer vollen Gestalt. Dabei fing der Abend ganz anders an, und zwar mit kalter und erwartungsvoller Ernstlichkeit. Es war wieder einmal Zeit gewesen, ins Theater zu gehen und meinen Logenplatz zu beziehen. Ich mag es im Theater sehr, ich mochte es seit meiner frühen Kindheit, als selbst mein Großvater mich mit zum Theater nahm, später auch mein Vater und bald war ich dann schon völlig selbstbestimmt, jeden Monat mindestens ein oder zwei Mal hier; ich hatte eine feste Loge im Theater inne – dank früherer Familiengeschichte. Ach, ich liebe diese Art der Veranstaltung einfach unaussprechlich sehr!
Im normalen Fall, dies war auch heute an diesem Abend der Fall, war ich als einer der ersten im Saal und wartete gespannt auf die einfachen Bürger. Während ich zu Anfang wartete, beschäftigte ich mich, wie so oft, mit tiefgründigen Gedanken – die allgemeine Stille bot dazu bestes Potenzial. Wie erleichtert ich hingegen war, als ich die ersten Zuschauer eintreten hörte, da sprang ich gleich von meinem Platz auf und lief nach vorn zum Geländer der Loge.
Da begann meine Beobachtung von Neuem: Und was es da zu beobachten gab! – welch eine Vielfalt – ein Mensch anders als der andere, kein dominanter Typus; wie herrlich dies war!
Es war diesbezüglich bereits vor der Aufführung ein großes Spektakel für mich. Ich ergötzte mich annehmlich und hemmte dabei gar keine Gestik, geschweige denn ein Gefühl. Ich war in einer ganz witzigen Stimmung und wie ich nun dahin zurückdenke, kann ich beinahe sicher sagen, dass ich die Herrschaften im Saal auf mich aufmerksam gemacht haben muss, denn ich lachte selbst herzlich bei so manchem Herren den ich erblickte und die Frauenzimmer selbst, würdigten mich keines weiteren Blickes, sie mussten Abscheu gegenüber mir empfinden; ja, das ist die eigene schändliche Art meines Wesens.
Der Saal füllte sich nun beinahe vollständig, an diesem Abend ward ein Publikumsliebling aufgeführt und ich muss gestehen, ich mochte dieses ebenso sehr wie die meisten anderen der Anwesenden hier. Meine Verlangen zu beobachten hatte sich fürs Erste beruhigt.
Da drehte ich mich weg vom Geländer und wollte just hin zu meinem Sessel schreiten, als mir »Sie« ins Auge fiel. Eine junge Dame trat in die rechte Loge neben der Meinen ein – sie besaß die Pracht eines Diamanten – und saß geschickt, dabei königlich elegant auf dem roten Stuhl. Sie schien ohne Begleitung zu sein, aber wer weiß, vielleicht kam diese noch; also zog ich mich hastig in meine dunkle Loge zurück. Doch sie würdigte mich keines Blickes – davon war ich, als ich im Stuhl wieder saß, überzeugt und so wartete ich auf den Beginn des Stücks.
Und wie ich nun auf den Beginn wartete, konnte ich mich nicht davon abhalten, einige Male zu ihr in die Loge hinüber zu schauen; natürlich mit größter Sorgfalt und möglichst unmerklich. Sie saß so still und geduldig da, dass ich schnell von der Schönheit dieser Tatsache fantasierte und lauter dummes Zeug dachte wie: »Sie sitzt da mit solch einer gütigen Geduld, wie es sonst kein Mensch zustande bringen könnte.« Ich war nun sehr verlegen und mir ward nicht wenig warm. Sie beeindruckte mich, ohne eine einzige Miene verzogen zu haben, geschweige denn etwas getan zu haben, schlicht: Sie machte mächtig Eindruck auf mich!
Das Stück war nun in tüchtigem Gange und die Schauspieler hatten inbrünstige Leidenschaft und just das gefiel mir sehr! Doch meine Augen schielten immer hinüber zu ihr, ich genoss den heimlichen, vielleicht auch verbotenen Anblick sehr und bald schon interessierte mich das eigentliche Stück, das im Saal vorging, schon keinen Augenblick mehr und ich ersuchte jede Gelegenheit zu nutzen, sie zu bestaunen und sie zu mustern.
Sie war jung und unverfälscht, von Schönheit geprägt, hatte dunkles mittellanges Haar, äußerst feine Züge des Gesichts und wundersame zarte Glieder, ganz wie es einer jungen Frau gebührt; sie saß stolz und eitel sowie interessiert da und verfolgte mit funkelnden Augen das Stück, doch belebte ihr Gesicht kein besonderer Ausdruck, vielmehr blieb sie die meiste Zeit neutral – mich störte das nicht. Sie hatte mich nun völlig inne, dabei kannte sie mich nicht; doch meine Begierde wuchs und wuchs immer weiter.
Die nächste Zeit richtete sich mein Blick wieder hin zum Geschehen auf der Bühne, ich wollte es schließlich nicht übertreiben oder viel eher riskieren, dass sie mich dabei ertappen könnte, wie ich sie fortwährend anstarrte … Nein, das wäre einfach nur grob dumm von mir, würde ich es soweit kommen lassen!
Es müssten einige Dutzende Mal bereits schon gewesen sein, das mein Blick verbotenerweise doch wieder zu ihr hinüber wanderte – ich war ganz besessen von der Dame in der Loge rechts von mir …
Ich verspürte den Drang, aus dem Sitz zum Geländer zu gehen und tat es auch im nächsten Augenblick, ohne weiter darüber nachzudenken. Da stand ich Tropf nun und blickte hinab auf alle die Menschen, die dem Stücke fieberten – nicht verwunderlich bei solch einem kraftvollen Akt – und ich stand da und war ganz fern von allem. Ich war zufrieden – sehr sogar – und konnte mich meiner munteren Stimmung nicht entledigen und grinste beständig und froh in den Saal hinein. Jedenfalls war ich in der besten Verfassung seit langem schon und stand da nun ziemlich stolz und nicht minder auffällig. Da wollte ich mich umdrehen und zurück zu meinem Sitz gehen, drehte mich nur etwas ungeschickt nach rechts – zu ihr um – und wäre beinahe über meinen eigenen Fuß gestolpert, hätte ich mich nicht am Geländer halten können … Wie peinlich mir das war!
Da traf mein verlegener Blick ihren kühnen weibischen, in einem Moment, der mir peinlicher nicht hätte sein können, und ich erzitterte am ganzen Leib! doch unsere Begegnung mit den Augen hielt an und ward beinahe peinlich, doch ihr Blick löste sich endlich; ein kurzes – wenn auch nur spöttisches – Lächeln auf ihrem zarten Gesicht gab sie mir noch als Laufpass mit. Ich verlor schon im nächsten Moment meine Fassung und eilte aus der Loge hin zur Toilette … »Wie peinlich, wie peinlich … Verflucht!«​

III

Erwarten sie nun bitte nicht zu erfahren, welche Gedanken mir in diesem Augenblick der Schamhaftigkeit durch die Sinne geschossen sein muss, haben sie bitte Nachsicht mit mir! Ich kann ihnen hingegen versichern, dass ich vor Erregung und tiefster Ergriffenheit ganz zu zittern begonnen hatte. Weshalb war ich so getroffen?
Ich rieb mir das Gesicht mit eisigem Wasser, denn nur das gebot meinem Verstand Einhalt. Ich richtete meinen Blick auf mein entstelltes Spiegelbild; ich sah mich fassungslos an und fragte mich, wie bereits während dieser ganzen Zeit seit meiner kleinen Flucht: »Was hat das ganze Drama um das Weib zu bedeuten … Warum diese feige Flucht – du wolltest doch ihren Blick mit deinem eigenen vereinen … Vor was fürchtest du dich … Oh, du Schafskopf! Übrigens, hol's der Teufel!
Was stehe ich hier und zittere wie ein recht feiger Mensch – besinne dich doch, Mann – und denke nur an diesen funkelten Blick; diese verführerischen Augen; diese plötzliche Aufmerksamkeit die sie mir entgegen brachte, das hat doch alles seine Bedeutung und seinen Sinn!«
»Nein!« – sagte ich entschlossen zu meinem Spiegelbild und vollführte ein oder zwei große Schritte zurück, betrachtete mich ein letztes Mal und Schritt nun ohne ein einziges Murren oder einen einzigen abwegigen Gedanken, stolz und sortiert zurück zu meiner Loge … Und siehe da, was nun war!​

IV

Da stand ich selbst wieder vor der Loge und wähnte noch einen kleinen Augenblick den Gedanken, nun doch nach Hause zu gehen; ich verwarf ihn und öffnete die Tür. Lauter Gesang schallte mir von der Bühne entgegen, das Stück lief nun auf den höchsten Spannungspunkt und ward ab da selbst nur noch unverwechselbar besser für die Zuschauer – es ist ein Stück für das Ganze Volk. Ich trat nun in die kleine runde Loge ein, schloss sachte – weshalb auch immer – die Tür und wollte just den ersten Schritt hin zum Sessel setzen, als sich vor mir eine Silhouette von dem Rand der Loge erkenntlich machte. Ich armer Teufel schreckte natürlich ordentlich zusammen und war wie versteinert am Boden fixiert, da dachte ich mir schließlich: »Was nun?« – es ist immer diese meinem Wesen zugrunde liegende Dalkerei.
Ein längeres Schweigen trat ein, welches trotz des Lärms des Theaters nicht weniger peinlich ward und das mit jedem Moment der weiter verstrich. Ich sage es ihnen: Es währte schier unendliche Zeit, dieses schreckliche Schweigen!
Sie brach das Schweigen dann wohl endlich aus Erbarmen meiner – sie lesen richtig, ich schrieb sie … »SIE«!
»Ihren Blick bemerkt man sofort auf dem eigenen Antlitz haften, mein lieber Herr. Ich fand es ja zuerst ganz außerordentlich ordinär, aber sie wurden ja verlegener und aufgeregter mit jedem Blick den sie tollkühn riskierten. Stimmt es nicht?« – ich antwortete nicht.
»Nun, es war nur recht schade, mein lieber Herr, dass sie sich sogleich aus dem Staub machten, als ich ihren Blick belohnte mit dem Meinen. Apropos: Ich habe auf sie geduldig hier gewartet und dachte beinahe schon, sie würde mir abhandengekommen sein. Aber erklären sie sich mir nun bitte nicht, das ist nicht nötig … Ich bin nicht deshalb hier.«
In diesem Moment, dass müssen sie mir glauben, war mein Bedürfnis, mich vor ihr kniend zu erklären, immens: Aber ich konnte es nicht, ich war unfähig, irgendetwas zu tun, so hatte sie mich mit ihrem bloßen Dasein erschüttert. Es war unverkennbar, dass ich mich in einer äußerst peinlichen Lage befand, noch dazu, weil ich mich just jetzt wie noch nie vor einem anderen Menschen scheute. Sie lachte heiter auf, sie schien meine Lage schnell zu durchschauen – sie ist eine kluge Frau – und streckte mir ganz unverhofft ihre Hand entgegen und täuscht mich nicht alles: Sie bestand lebhaft darauf, dass ich die ihrige fasse … »Oder sollte ich sie küssen? – aber nein, das wäre ja schrecklich unterwürfig … Nicht im Traum!«
Ich sprengte meine Ketten und lockerte in dieser peinlichen Situation meine frostige Versteifung, schließlich führte ich meine nicht ganz hübsche Männerhand in die zarte, kleine und sehr elegante Hand von ihr. Ich gab mich schließlich ihrer Kühnheit hin und fing gleichsam wie sie grundlos an zu lächeln. Eines Wortes konnte ich mich bisher noch immer nicht entledigen, genau das quälte mich nun immer ärger. Aber just jetzt, in diesem Augenblick, als wir uns bei den Händen fassten und wir beide uns ganz lüsternd anlächelten, da spürte ich, dass wir keine Worte brauchen. Unsere Blicke trafen sich häufiger und die Stimmung ward mit jedem verstrichenen Augenblick herzlicher, ja einfach wärmer und wohler; schlicht gesagt: Es war ganz wohlwollend und bald schon hielt eine hitzige Art von Leidenschaft den Einzug in unseren Gemütern.
Um es nun sogleich zuzugeben: Es erstaunte mich selbst in einem so großen Maße, was mir nun folgend widerfuhr, dass ich selbst jetzt, wo ich just dabei bin, das Ganze zu erzählen, nicht imstande bin, dies geschehene in einen sinngebenden Kontext zu fassen. Ich fieberte vor Erregung und war schon seit langer Zeit an diesem Abend, weit abseits des noch immer laufenden Stückes: Für mich war dies von äußerst seltener Begebenheit – wann hatte das Schicksal mich nur so getrieben wie heute!
In einer für mich wesentlich schnell vergehenden Zeit, sprachen wir uns über gar so vieles aus – keine tiefgründigen, aber zumindest informative Themen – dass man sich nun im Nachhinein schwer dabei täte, das ganze Gespräch rückblickend zu ordnen. So entdeckten wir uns gegenseitig und traten mit immer steigender Offenherzigkeit einander näher.
Das Theater war uns schon längst zur Nebensache geworden, es lebte die Loge selbst. Es brauchte keine andere Gesellschaft, es brauchte keine schnöde Veranstaltung wie das Theater, in dem wir nun selbst just waren, nein: Es brauchte einzig diese beiden Erdenkinder: die Dame und den Herrn.
Sie hat so ungezwungen erzählt, dass ich nicht anders konnte und mit herzlicher Zuneigung ihr die ganze Zeit über horchen musste, ich versuchte alle Informationen möglichst genau mir einzuverleiben: So erzählte sie von ihrer Herkunft – sie war eine Adlige aus altem Geschlecht, damit hatte sie ein großes Repertoire – und natürlich auch über ihre jetzige momentane Lage ihres jungen Lebens, die durchaus nicht im Gesamten von positiver Natur geprägt war …
Sie entdeckte mir vieles persönliches, bis gar zu dem Punkte, an dem ich sie davon abhalten musste, weiter in die Tiefe zu dringen, denn mir ward es aufrichtiger weise bald schon zu viel, kein Wunder bei dem, was sie mir alles entdeckte. Noch dazu muss ich gestehen, dass es mich ungemein forderte, beständig zuzuhören und wirklich dabei zu sein: Doch dabei war es mir in keinster Weise lästig oder gar langweilig – wie sollte das auch sein bei ihrem leidenschaftlichen Worte – es ist nur wieder einer meiner Wesenszüge …
Als nach langem zum ersten Mal ihre Stimme erlosch, wusste ich: Sie wuchs in einer ehemals reichen, sehr vornehmen und strengen Sittenbehafteten Welt, umgeben von großer Verwandtschaft auf – sie war sehr gebildet. Und im hier und jetzt, im nämlichen Heute: Da kämpft sie um den Erhalt ihres Geschlechts und eines, wenigstens gutsituierten Lebensstandards, der insoweit nun bedroht ist, da ihre Familie, damit ist ihr Vater gemeint, einen großen Teil des einstigen Vermögens verlor und – unglücklicherweise – in Missgunst und beinahe Ächtung der höchsten Kreise der Stadt verfiel; bevor er dann letztlich an der ganzen Misere erlag. Nun aber genug von der traurigen Geschichte ihrer Familie.
Sie liebt die Kunst in ihren unterschiedlichsten Facetten, hasst die hiesige bürgerliche Gesellschaft, geschweige denn das Ganze grässlichen Gesocks, was sich in den Gassen, wie die Ratten herumtreibt. Sie lebt – das achte ich hoch – mit sehr viel Bezug zur alten Sitte.
Ich muss mir selbst nun wiederholt die Frage stellen: Wie kann ein einzelner Mensch so vieles, auf mich beinahe maßgeschneidert, anziehendes bündeln? – diese Informationsflut ihrer Erzählung wirkte auf mich wie eine mächtige Salve von Kanonengeheule, bei der die Erschütterung bis ins Mark spürbar ist – es ist unbeschreiblich! Aber nun war ich selbst an der Reihe und fasste mich gehörig mit einem plötzlichen Ruck und begann meine Worte zu sprechen, Sätze zu formen und Erzählungen zu beginnen und zu schließen. Ich versichere ihnen, ich sprach nicht weniger als sie es tat, doch ich schweifte zu oft ab, das merkte ich noch im selben Augenblick … Aber mich beunruhigte es nicht im entferntesten, denn sie schien die nötige Geduld zu besitzen.
Während sie mir nun aufmerksam folgte, spielte sie verführerisch mit meinem langen Haar und machte dabei so einen liebevollen aber doch herausfordernden Eindruck auf mich, dass ich mich gewiss an dutzenden Stellen schwer damit tat, nicht den Faden meiner Erzählung zu verlieren. Aber da denke ich wieder nur an diese zarte Hand von ihr, die nicht von Arbeit geschändet, noch ganz von kindlicher Natur mich berührt. Es fiel mir nicht leicht – sie verzeihen – ich tat mich schwer, nicht plötzlich vor hysterischer Freude aufzuspringen und mich maßlos zu genieren. Als ich endete, stand sie mir nun gegenüber und sah mich tief durchdringend an, lächelte bedeutend und drückte meine Hand; da sagte sie mir: »Sie, mein Herr, sind ein feiner Mensch, denn ich kann ihnen nicht länger in ihr feines Gesichtchen sehen … Nein lieber Herr, nimmermehr!«
Ich stutzte erkenntlich und trieb meinen nun mittlerweile müde gewordenen Verstand an, ihre Wort zu interpretieren und schließlich auch zu verstehen. Sie aber löste sich von meiner Hand los und machte plötzlich in sonderbarer Manier Anstalten möglichst rasch zu verschwinden; aber welche Angst durchfuhr in diesem Augenblick meinen ganzen Körper.
Sie war schon an der Schwelle der Tür, doch drehte sie sich schnell noch ein letztes Mal zu mir, musterte mich bedeutend und ihren Lippen entflossen die Worte: »Nun gehe ich dahin, mein Herr, und was bleibt mir in Gedanken … Der Jüngling aus der Loge … Bonne chance dans le futur, jeune homme!«
Nun war sie fort, die Tür krachte förmlich ein und der Jüngling stand bebend alleine da.
Dabei muss sie sich gedacht haben, »ich würde ihr sogleich hinterher eilen und sie ersuchen stehen zu bleiben, damit ich ihr meinen Namen nennen könnte«; das war das Ersehnte … Ich jedoch blieb wider der Erwartung stehen und war nun in einem Gefühl der Erstarrung, die mich bereits vorhin erschüttert hatte; doch dieses Mal besaß ich Willen, denn es ging um die junge Dame, um diesen Diamanten, welchen ich soeben weggehen lassen habe. Ich musste schnell meinen Entschluss fassen – bloß keine kostbare Zeit verschwenden – und diese Dummheit wiedergutmachen. Wie dabei die Zeit verging muss ich ihnen kein weiteres Male erläutern, sie sind darum bestens bestellt.​

V
Da endete das Stück und es strahlte wieder grelles Licht im Saal, es blendete selbst hinauf zu mir und ich stand noch immer da. Man vernahm den sehr graziösen Applaus des Publikums, die donnernden Zurufe und die erstaunlichen Pfiffe aus jeder Sparte des Saals dröhnen.
Ich muss jetzt sofort gehen – schoss es mir plötzlich in meine Gedanken – schnell du Narr, bevor die ganze Schar der anderen unwichtigen Menschen die Ausgänge stürmt, noch sind sie ja mit ihren Lobeshymnen beschäftigt … Aber so mache nun eilig, schnell … Immer schneller!
Nun packte mich die Vernunft, ich riss meinen Mantel von der Garderobe und schoss zur Tür hinaus.
Ich versuchte, so gut es mir beistand zu rennen – mir machte meine Knie beständig zu schaffen – jetzt gibt es aber keine Gnade, keine Ausrede, denn ich verliere sie, so bleibe ich immer nur der dumme Jüngling aus der Loge! – ich musste eilen und spürte schon gar nicht mehr den tatsächlich, sehr heftig stechenden Schmerz; mein Gedanke war nur: Wo ist sie bloß hin – ich kann nun nicht mehr ohne sie! – aber das Schicksal sei gelobt … Ich sah sie am Ausgang. Sie war just im Begriff zur Tür hinauszutreten … Beinahe wäre sie für immer davon … Heute aber schenkte mir das Schicksal wieder Glück! Mit meinem Mantel in den Armen trat ich nun alsbald schon vor ihr an, keuchend und allmählich den Schmerz fühlend, brach ich kaum ein verständlichen Laut aus mir heraus: »Verzeihen sie mir … Oh, Sie … Verzeihen sie mir … Gnädige Dame!«
Und ich fasste sie bei den Hände und zog sie sanft hin zu mir, sodass ich verständlicher zu ihr sprechen konnte: »Wir sprachen uns just eben noch so lebhaft aus und da vergaß ich dummer Mensch ganz und gar, ganz gegen meinen normalen Verkehr mit feinen Herrschaften, wie sie eine ohne Zweifel sind, ihnen mich selbst vorzustellen: Verzeihen sie mir doch bitte, ja? – ich war gar zu selbstlos oder doch voller Egoismus? – hol’s der Teufel mit meiner idiotischen Wortwahl!!«
»Sie fiebern ja, mein Herr … Besinnen sie sich doch sogleich, das ist nicht auszuhalten … Monsieur!«
Ja ich musste mich besinnen, möglichst sofort, hier und jetzt – dachte ich – aber wie sollte das mir möglich sein! Ich fieberte ganz klar und ich sah da nur noch eine letzte Gelegenheit, ihr meinen Namen entgegenzubringen … Und ich dummer Mensch tat es natürlich auf die allergröbste Art: »Jeune femme! Ich bin ihr ergebener Thassilo, Baron Thassilo von Schaeffer … Ich stamme aus Württemberg …«, meine Stimme verklang und ich zitterte und bebte vor meiner Grobheit ganz unverzeihlich!
Sie aber gab sich mir hin, mit einer erstaunlich erkennbaren äußeren Zufriedenheit, die plötzlich in ihrem Gesicht aufleuchtete. Sie hatte nun, was sie wollte – denke ich mir nun zurückblickend – aber ich war noch nicht vollständig überzeugt von ihrer Reaktion auf die Situation; so verharrte ich noch weiter ängstlich aus. Da kam sie mir so nahe, dass man meinen konnte, sie wolle mir in aller Öffentlichkeit – auch wenn man uns nun sicherlich nicht gesehen hätte – einen Kuss auftragen; diese meine Befürchtung erfüllte sie noch nicht. Sie fuhr weiter bis dicht an mein Ohr und flüsterte mir mit geheimnisvollem Ausdrucke zu: »A bientôt, chérie …«, da wollte sie sich schon von mir trennen und – fliehen – oder dem Schicksal entgehen … Unmittelbar nachdem ich ihren Worten, die für mich etwas, wie ein kleines Schauspiel in meinem Kopf ausgelöst hatten, zu Ende gehorcht hatte, kam ich wider meiner Erwartung plötzlich zu erneutem – dem wahrscheinlich letzten Mal an diesem Tag – klaren Verstand und begriff sogleich, was geschehen war … Nur wollte ich es selbstverständlich von meiner Seite aus nicht so enden lassen.
Wie gesagt: Sie wollte sich von mir lösen, da fasste ich sie ganz um die Hüfte, zog sie dicht an mich heran und gab ihr mit einem bedeutungsvollen Blick zu erkennen, dass ich selbst nun derjenige bin, der noch auf etwas ihrerseits, geduldig wartet. Sie hatte es sogleich erraten – oder wusste sie es bereits seit längerer Zeit und spielte nur mit mir, jedoch fuhr sie nun sogleich mit ihrer Hand über meine Wange, die errötet war, strich weiter über mein Gesicht, dann schlang sie flink ihre Hand um mein Haupt und drückte mich, mit einer für eine Frau erstaunlich anmutigen Kraft, hinab zu sich und verpasste mir einen kurzen, voll lustvoller Liebe getränkten Kuss! »Ungeheuerlich!« Ich wollte mich schon losreißen und laut Drama machen, blieb jedoch ohne jede Regung an ihren Lippen und siehe da: Im nächsten Augenblick liebte ich ihren Kuss redlich sehr und erwiderte ihn ohne Schmach … Ich liebte dieses Fräulein nun unverkennlich!
Wir blickten uns noch bedeutungsvoll einen letzten Augenblick von ganz Nahe an und man konnte unseren beiden Gesichtern eine tiefe Verbundenheit anerkennen, eine so gesunde wie auch natürliche!
Es ist so unbegreiflich sonderbar und von höchster Schönheit, was an diesem heutigen Tag; in dieser heutigen Nacht sich vorgetragen hat, ich mag es, wo ich es nun ihnen erzähle, noch immer nicht fassen!
»Wie heißen Sie jeune femme?«, brach ganz leise aus mir heraus.
Sie schaut mich wieder so an, als hätte sie es bereits sehnlichst erwartet – und mich dünkt nicht, dass sie ihr kaum merkbares Lächeln wieder zeigte – sie antwortete mir noch viel leiser, beinahe in flüsternden Ton: »Emma Louise von Böhmen …«
»Duchesse de Bohême, chère?« Brachte ich nur in äußerster Erregung und Scham heraus; denken sie sich nur was vor einigen Augenblicken geschah … Sie ist eine Herzogin!
»Viens me voir bientôt … Ich muss mich nun entschuldigen, es ist schon spät; ich höre bereits den Pöbel kommen.« Da gab sie mir geschickt wie sie war noch ein zusammengefaltetes Papier, dass wohl ihre Adresse enthielt und ging nun endgültig fort.
Ich sah ihr ruhig hinterher und wartete noch, bis sie letztlich wirklich fortgegangen war und machte mich dann sogleich selbst auf den Weg zurück zu meiner Wohnung …

Und nun sitze ich schon einige Zeit hier und habe ihnen alles von Anfang bis Ende offengelegt, heute ist wohl der schönste Tag, den ich bisher verlebte, vielleicht ist es alles auch nur bloße Einbildung, wer weiß das schon immer genau.
Ach, ich bin dabei völlig unbeholfen! Aber die Sterne sind heute wirklich schön: Sie trügen nicht, sie sind immer ehrlich und nie enttäuschen sie mich.
»Ich bin ein Schafskopf, ein ganz unverbesserlicher!«

Da machte er sich auf den Heimweg … Kehrte auf die Straße ein und lief wieder sachten Schrittes auf dem Bürgersteig einher. Es ist nun schon spät und die Welt um ihn deckt sich in Schlaf und Ruhe. Er öffnet das gefaltete Papier der Herzogin Emma und staunt nicht wenig: Die darauf angegeben Adresse liegt ganz nahe, gleich hier um die Ecke und dann noch eine kurze Strecke geradeaus und man wäre schon da … Da entschloss der Baron, sich nicht mehr nach seiner Wohnung zu begeben, sondern kehrte um die nächste Ecke und lief dann gerade aus, den düsteren Bürgersteig entlang … Man vernahm einzig seine verhallenden Schritte in den langen Straßen.​

 
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Beitritt
17.04.2007
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Sehr geehrte/r @N.W.,

dieses Werk aus Ihrer Feder verwendet die Sprache der großen Geister der Literatur. Mich deucht, dass das der Hauptpunkt dieser Schöpfung ist, daher gestattet mir, das Wort in gleicher Weise an Sie zu richten.

Mir dünkt desweiteren, dass die Verwendung der Zeiten nicht in jedem Fall dem Buch folgt. Während sich der mittlere Teil aus der Sicht des Egos ob einem Tagebucheintrag liest, einem Erzähler, der im Hier und Jetzt lebt und auf die Ereignisse des vergangenen Abends zurückblickt, gilt dies für den ersten und letzten Abschnitt nicht.

Er liebt die Betrachtung der Welt;
mutet daher fehl am Platze an, da hier kein Erzähler lokalisiert ist, der von seinem Zeitpunkt aus erzählen könnte. Ein durchgehendes Verwenden von Past fände ich in dem Fall angebracht.

und gab ihr mit einem bedeutungsvollen Blick zu erkennen, dass ich selbst nun derjenige bin, der noch auf etwas ihrerseits, geduldig wartet.
Obgleich ich diesen Abschnitt wie einen Tagebucheintrag auffasse, in dem das Präsenz für allgemeine Aussagen über den Jüngling angebracht ist, kann dies doch nicht der Fall sein für die Wiedergabe von Ereignissen, die wie etabliert in der Vergangenheit sich ereignet haben.

Es ist die Eigenart, die jeder Mensch von Natur aus besitzt, welche bei ihm nun eben, so ausartet und so skurril und komplex ist, dass es für außenstehende Menschen zu ihm, wie auch für ihn zu außenstehenden Menschen bedauerlicherweise beinahe eine Unmöglichkeit darstellt, den Gegenüber, in Gedanken fassen zu können.
Trotz der Sprache für den gehobenen Geist sollte doch der Anspruch nicht punktuell übertrieben werden.

Ich ergötzte mich annehmlich und hemmte dabei gar keine Gestik, geschweige denn ein Gefühl.
Allein, mir vorzustellen, welche Gestiken das Beobachten von Menschen angemessen untermalen, vermag ich nicht.

wie sie eine ohne Zweifel sind, ihnen mich selbst vorzustellen: Verzeihen sie mir doch bitte, ja?
Der direkt Angesprochene, in den Geboten der Höflichkeit, hat per Konvention mit der Majuskel zu beginnen.

In sachtem, genießerischen Tempo(,) lief er nun die Straße abwärts
Man könnte von ihm behaupten, er entziehe sich fast schon vor Scheu(,) jeglicher zwischenmenschlichen Konfrontation
welche bei ihm nun eben(,) so ausartet
Mir dünkt, Kommata werden recht großzügig verwendet, doch in diesen Fällen ist weniger mehr.

Ich danke Ihnen vielmals für das Teilen. Zwar entbehrt die Handlung an sich jeglichen Schmucks, doch wie man sieht, der Genuss für mich lag im unüblichen Ausdruck und der Freude am Spiel mit der Sprache.

Hochachtungsvoll
Jellyfish

 

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