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Die Kinder Ithilias: Ein altes Versprechen

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04.02.2022
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Karte des ithilianischen Kernlands: https://ibb.co/W664tZb
(Hinweis: Die Karte ist mit der Gratisversion des Inkarnate Map-Editors erstellt und somit nicht maßstabsgetreu, sowie mit begrenzten Mitteln erstellt, da mir die Premiumversion zu teuer war.)

Die Kinder Ithilias: Ein altes Versprechen

Vor zwei Tagen hatte es angefangen zu regnen und seitdem nicht mehr aufgehört. Die hastig über den Wagen gespannte Plane hatte kaum geholfen, denn das Wasser kam in Strömen an den Seiten herab auf die Ladefläche, von wo es zu langsam abfloss. Ledárnas Kleid war komplett durchnässt und sie fror erbärmlich. Aber sie ließ das kleine Bündel trotzdem nicht los. Über zwei Wochen hielt sie es nun schon, Tag und Nacht. Seit ihre Mutter es ihr in die Hand gedrückt hatte. Dass die anderen Kinder auf dem Wagen über sie tuschelten, war Ledárna egal. Sie würde sowieso bald weg sein. Die Erwachsenen hatten darüber geredet, dass sie bald in der Hauptstadt wären. Endlich! Dort müsste sie nur nach ihrer Tante suchen... aber wie? Ihre Mutter hatte ab und zu von ihr erzählt, aber abgesehen davon, dass sie Lu'thana hieß und in der Hauptstadt lebte, konnte sich Ledárna an kaum etwas erinnern. Sie hatten sie besuchen wollen, nächsten Sommer... aber dann waren die Monster gekommen. Und jetzt waren ihre Eltern weg...
Ledárna hatte drei Tage lang in Ithiliara auf der Hafenmauer gestanden, hatte immer in Richtung ihrer Insel gespäht, hoffend, betend für ein Boot, ein Floß, irgendetwas. Aber es war niemand mehr gekommen. Sie mochte zwar nur acht Sommer gesehen haben, aber selbst sie wusste, was das hieß: Ihre Mutter und ihr Vater waren fort, für immer. So wie die der anderen Kinder auf dem Wagen auch. Sie weinten. Manche von ihnen tagsüber, alle nachts. Es kam nicht selten vor, dass ein Schrei alle weckte, wenn jemand einen Albtraum gehabt hatte. Auch Ledárna weinte nachts. Leise, für sich. Bis sie auf den harten Brettern einschlafen konnte. Und dann träumte sie, von Zuhause. Von den Stränden auf der Insel. Von Nachmittagen voller Spaß im warmen Sand. Davon, wie ihre Mutter für alle Kinder der Insel gezaubert hatte. Wie ihr Vater sie zum Lachen brachte. Bis sie morgens der Lärm aufweckte, wenn sich der Flüchtlingszug erneut in Bewegung setzte. Zwei Wochen waren sie nun schon unterwegs, immer weiter weg von der Küste, nach Norden. Und das war gut so. Ledárna wusste nicht viel über die Hauptstadt, nur dass sie groß war und im Norden lag. Also ging es zumindest in die richtige Richtung.
Eine Berührung an ihrer Schulter riss sie aus ihren Gedanken. Fey'tharia lehnte sich an sie an, wie sie es oft tat. Ledárna ließ sie. Das rothaarige Mädchen war jünger als sie und redete fast nie. Viel mehr als ihren Namen hatte niemand aus ihr herausbekommen. Meistens starrte sie einfach nur ins Nichts und schrie, wenn ihr jemand zu nahe kam. Außer bei Ledárna. Sie hatte sich am ersten Abend der Reise wortlos zu ihr gesetzt und ihr Stück Brot mit ihr geteilt. Seitdem war sie das ähnlichste zu einer Freundin, was Ledárna auf diesem Wagen voller Waisenkinder hatte. Sie hatte Fey'tharia sogar den Inhalt ihres Bündels gezeigt, den sie niemanden sonst sehen ließ.
"Es kann nicht mehr lange dauern.", flüsterte Ledárna. Das hatte sie schon vor drei Tagen gesagt, aber es schien Fey'tharia zu beruhigen, wenn sie auf sie einredete. Und sie wollte es auch selbst glauben. Das jüngere Mädchen zog Ledárna mit den Armen an sich heran. Fey'tharias schmutziges Hemd und ihre Hose waren natürlich genauso nass wie Ledárnas Kleid, dennoch fühlte sich die Umarmung gut an, denn ihr wurde dadurch ein kleines bisschen wärmer. Aus dieser Kleidung herauskommen und ein richtiges Bad nehmen, das wäre eine Wohltat, dachte Ledárna. Ein warmes Bad... Darum kreisten ihre Gedanken, als sie gelehnt an Fey'tharia einnickte.
Das Zurückschlagen der Plane über dem Wagen schreckte die Beiden auf. Über ihnen war das Gesicht eines Soldaten, eingerahmt von einem goldenen Helm. Er saß auf einem Pferd und beugte sich vom Sattel aus über den Wagenrand.
"Nur ein paar Kinder!", rief er in Richtung des vorderen Endes der Kolonne, bevor jemand anderes etwas zurückrief, dass Ledárna durch den prasselnden Regen nicht ganz verstehen konnte. Dann sprach der Soldat zu Linón, dem Mann auf dem Kutschbock.
"Lasst die Wagen vor dem Tor, in der Stadt ist kein Platz mehr dafür. Bringt euer Gepäck zu einer der ausgewiesenen Sammelstellen, nur dort können wir dafür garantieren dass nichts gestohlen wird. Dann begebt ihr euch alle zum vorderen Marktplatz, zur Erfassungsstelle für alle Flüchtlinge. Dort wird sich entscheiden, wie und wo ihr untergebracht werdet."
Ledárna horchte auf. Sie hob den Kopf, streckte sich und blickte aus dem Wagen, nach vorne. Dort erhob sich eine Mauer, die höchste Mauer, die sie je gesehen hatte. Türme, die sich schier endlos in die Höhe erstreckten, rahmten ein gewaltiges Torhaus ein. Das Tor selbst war ganz aus silbern glänzendem Metall gefertigt, und statt an normalen Angeln zu hängen, waren die Flügel seitlich im Torhaus fast ganz versenkt. Solche Tore hatte es in Ithiliara auch gegeben, aber nicht so große. Das musste sie sein! Ithilia, die Hauptstadt! Aufgeregt setzte Ledárna sich wieder zu Fey'tharia hin.
"Wir sind da! Schau nur!", sagte sie und gab ihrer Freundin einen leichten Stoß, nur damit sie kurz aufhörte, auf den Boden zu starren und das Tor sehen konnte. Fey'tharia hob den Blick, sah das Tor und ihre Augen weiteten sich. Sie sagte immer noch nichts, doch der Hauch eines Lächelns umspielte ihr Gesicht. Sie waren in Sicherheit.
Linón lenkte den Wagen auf eine schlammige Wiese neben der Straße, wo noch hunderte andere standen. Ledárna und die anderen Kinder warteten, bis er die Pferde ausgespannt hatte und ihnen bedeutete, vom Wagen herunterzuklettern. Sofort versanken sie fast bis zu den Knien im Schlamm. Er war genauso eiskalt wie der Regen und so gut wie alle von ihnen hatten keine Schuhe, weshalb es einige leise Aufschreie gab. Mit zusammengebissenen Zähnen zog Ledárna Fey'tharia hinter sich her, bis sie endlich wieder auf der gepflasterten Straße waren. Beide Mädchen zitterten vor Kälte, als sie sich zwischen den Erwachsenen aus ihrem Flüchtlingszug durch das Tor drängten. Der Anblick, der sie auf der anderen Seite erwartete, war trotz des schlechten Wetters atemberaubend.
Jedes der Häuser war ganz aus hellem Stein gebaut. Kein einziges hatte Wände aus Holz oder Lehm, wie Ledárna es von ihrer Insel gekannt hatte. Die Straßen waren auch komplett aus Stein, selbst die kleinen Gassen schienen gepflastert zu sein. Vor ihnen erstreckte sich eine lange, breite Straße, die schier nicht enden wollte. Weit in der Ferne lag ein Berg, der sich über der Stadt in die dunklen Wolken erhob, mit einem gewaltigen Tor darin. Das musste der Andûran sein, wo die Zwerge wohnten!
Ledárna hielt Fey'tharias Hand fest als sie die Straße entlang auf einen großen Platz gedrängt wurden, der aber nicht weniger voll war als die Straße selbst. Tausende Flüchtlinge standen in einer riesigen Schlange vor einem Gebäude, dessen hohes Dach von mächtigen Säulen getragen wurde. Die Erwachsenen reihten sich alle in die Schlange ein, doch Ledárnas Aufmerksamkeit wurde von etwas anderem geweckt: Fliegende Händler liefen mit ihren Handkarren durch die Menge und verkauften Brot, Obst und Fleisch an die ausgezehrten Flüchtlinge. Auf die beiden Mädchen, die seit Wochen keine richtige Mahlzeit mehr gehabt hatten, hatte allein schon der Geruch jedes Karrens eine geradezu magische Anziehungskraft. In der Menge fiel es kaum auf, wenn sie sich von Linón und den Anderen für einen Moment entfernten. Einer der Händler hatte ein baumartiges Holzgerüst auf seinem Karren, das sich unter dem Gewicht dutzender frischer Honigkringel bog. Ledárna knurrte der Magen bei dem Anblick. So wie Fey'tharia schaute, war es bei ihr genauso. Natürlich hatte keines der Mädchen Geld, geschweige denn irgendetwas, was sie gegen die Leckerei hätten eintauschen können. Außer...
Die Finger von Ledárnas rechter Hand krallten sich in das Bündel, welches sie immer noch fest an sich gepresst trug. Der Inhalt war bestimmt einiges wert...
Nein! Niemals! Es war alles was sie von ihrer Mutter, von ihrem Zuhause noch hatte. Sie würde es nicht hergeben, egal wie hungrig sie war, dachte sie trotzig, während sie auf das schmutzige Tuch in ihren Händen hinabsah. Ein schmatzendes Geräusch gefolgt von einem wohligen "Mmmmmhhhh!" lenkte Ledárnas Aufmerksamkeit wieder auf Fey'tharia, welche sich anscheinend weniger als sie um ihren Mangel an Geld scherte. Genüsslich biss sie ein weiteres Mal in den Honigkringel, den sie sich einfach genommen hatte. Ledárnas Augen weiteten sich vor Schreck. Der Händler hatte Fey'tharia anscheinend noch nicht bemerkt. So schnell sie konnte, nahm Ledárna die freie Hand ihrer Freundin und versuchte, sie tiefer in die Menge hineinzuziehen. Gerade als sie sich fast in Sicherheit wähnte, wurde sie so fest am Kragen ihres Kleides zurückgezogen, dass sie den Stoff reißen hörte. "Wo willst du denn so schnell hin, kleine Diebin?!", dröhnte ihr die tiefe Stimme des Händlers ins Ohr, die eben noch seine Leckereien angepriesen hatte. Ledárna konnte förmlich fühlen, wie die Angst ihr Herz ergriff, auch wenn sie selbst nichts gestohlen hatte. Noch bevor sie etwas sagen konnte, kam Fey'tharia plötzlich wieder aus der Menge gesprungen. Den Kringel hatte sie achtlos auf das Pflaster fallen lassen und trommelte nun mit beiden Fäusten auf den Arm ein, der Ledárna festhielt. Allerdings nicht für lange, denn eine schallende Ohrfeige von der freien Hand des Händlers schickte das rothaarige Mädchen zu Boden. Ledárna schrie auf und versuchte sich aus dem Griff des Händlers zu winden, doch er war zu stark. "Was ist das? Hast du das etwa auch gestohlen?", fragte er barsch und griff nach dem Bündel, welches Ledárna immer noch an sich gepresst hielt. "Nein! Das ist meins!", schrie sie auf, doch der Mann hatte es ihr schon mit roher Gewalt aus dem Arm gerissen. Das geknotete Tuch ging auf und drei prächtige, schmale Dolche mit Ringen am Ende der Griffstücke fielen laut klirrend auf die Straße. Jede der Klingen hatte ein anderes seltenes Erz in ihren Stahl eingearbeitet, welche sie rot, grün und blau schimmern ließen. Sie waren der ganze Stolz von Ledárnas Mutter gewesen.
Der Händler starrte ungläubig auf die Waffen. "Lüg nicht! Jeder dieser Dolche muss ein Vermögen wert sein! Von welchem Waffenschmied hast du sie gestohlen?", polterte er los und hob die Hand, als wolle er Ledárna ebenfalls schlagen. Sie kniff die Augen zusammen, doch der Schmerz kam nicht. Stattdessen war da der seltene Klang von Fey'tharias Stimme. "Lass sie los!", schrie sie dem Händler entgegen. Und tatsächlich, die Hand an Ledárnas Arm lockerte sich. Sie öffnete ihre Augen wieder, und sah sofort warum: Fey'tharia hatte einen der Dolche, den Grünen, vom Boden aufgehoben und sich zwischen sie und den Händler gedrängt. Die Spitze der Waffe, welche das rothaarige Mädchen mit beiden Händen zitternd festhielt, zeigte auf die Brust des Mannes. In der kleinen Traube in der Menge, die sich um das Geschehen gebildet hatte, war es auf einmal totenstill. Der Händler schien völlig überrumpelt zu sein. Sicher, Fey'tharia war nur ein kleines Mädchen, doch er war unbewaffnet. Zögerlich machte er einen Schritt zurück.
Im nächsten Moment flog der Dolch aus Fey'tharias Hand, nach oben geprellt von einem silbernen Blitz, den Ledárna erst auf den zweiten Blick als eine schlanke, lange Schwertklinge erkannte. Der unfassbar schnelle Streich war von einer Frau in einer ebenfalls silbern schimmernden Rüstung geführt worden. Sie sah ganz anders aus als die Stadtwachen, mit ihrem weißen Umhang und der roten Bauchbinde. Ohne Mühe fing sie den Dolch mit einer Hand, noch bevor er wieder auf den Boden fallen konnte. Fey'tharia und Ledárna konnten die Gerüstete nur erschrocken anstarren.
"Was geht hier vor?", fragte die Frau mit ruhiger Stimme, das Schwert noch immer in der Hand, während sie sich mit der anderen den Dolch vor das Gesicht hielt, um ihn genauer zu betrachten.
"Das kleine Biest hat mich bestohlen und ihre Freundin wollte ihr zur Flucht verhelfen!", empörte sich der Händler. Er holte schon Luft zu einer weiteren Tirade, als er durch eine Geste der Frau zum Schweigen gebracht wurden. Sie sah weg von dem Händler und hinab zu Fey'tharia, die es nicht gewagt hatte, sich vom Fleck zu rühren. "Woher hast du diese Dolche?", fragte die Frau, ohne Anklage in ihrer Stimme, doch auch nicht unbedingt freundlich. Fey'tharia presste die Lippen zusammen. Bevor die Frau erneut fragen konnte, fasste sich Ledárna ein Herz. "Die Dolche gehören mir.", sagte sie, mit so fester Stimme wie sie konnte. "Meine Mutter hat sie mir gegeben." Die Frau in Rüstung drehte sich zu Ledárna um und betrachtete sie einige Herzschläge lang. Erst weiteten sich ihre Augen, dann wurden ihre Gesichtszüge weicher. Seelenruhig schob sie ihr Schwert zurück in seine Scheide, bevor sie sich vor Ledárna auf ein Knie niederließ, sodass sie beide auf Augenhöhe waren. Die Frau sah sie aus lindgrünen Augen an, eingerahmt von langem, nussbraunem Haar. "Wie heißt du, Kleines?", fragte sie. Irgendwie sah sie traurig aus. "Ledárna.", antwortete das Mädchen. "Tochter der Kel'thana.", fügte sie hinzu. Ihre Eltern hatten ihr beigebracht, dass sie sich immer so bei Fremden vorstellen sollte, wenn jemand nach ihrem Name fragte. "Wo sind deine Eltern?", fragte die Frau, auch wenn Ledárna ihr ansehen konnte, dass sie die Antwort kannte. Anstatt es auszusprechen, wich sie dem Blick der Frau aus und sah zu Boden. "Die Dämonen?", hakte die Frau nach, allerdings fast flüsternd. Die Stimme schien ihr kurz zu versagen. Ledárna nickte langsam, noch immer auf den Boden starrend, wo das Regenwasser auf der Straße um ihre Füße herumfloss. "Ist das deine Freundin?" Die Frau wies auf Fey'tharia. Ihre Stimme klang wieder wie vorher, aber ihr trauriger Blick wich nicht. Ledárna nickte erneut. Mit einem metallischen Scharren von den Handschuhen ihrer Rüstung hob die Frau die beiden übrigen Dolche vom Boden auf und drückte alle drei wieder in Ledárnas Hände. Dann stand sie auf und wandte sich an den Händler. "Diese Dolche gehören dir nicht. Was sollen die beiden dir also gestohlen haben?", fragte sie, die Hand wieder auf ihren Schwertgriff gelegt. "E-ein Stück Gebäck, Kommandantin.", antwortete der Mann, sichtlich eingeschüchtert. Die Frau warf einen Blick zum Karren des Händlers. "Einen Honigkringel also. Und dafür schlägst du ein Kind nieder?"
"Kommandantin, ich muss doch auch...", setzte der Mann an, doch erneut brachte sie ihn mit einer ärgerlichen Geste zum Schweigen. "Wie viel verlangst du für einen Kringel?", fragte sie während sie an ihren Gürtel griff. Der Händler schluckte hörbar. "Zwei Kupferstücke.", brachte er hervor. Die Frau öffnete die Geldkatze an ihrem Gürtel und zählte sechs der kleinen Münzen ab, welche sie ihm in die Hand drückte. "Hier. Entschädigung für das Diebesgut im Namen der Königsgarde. Und ich kaufe zwei weitere." Ohne die Antwort des völlig verdatterten Händlers abzuwarten, nahm sie zwei der Kringel von seinem Verkaufswagen und gab sie Fey'tharia und Ledárna. Dann nahm sie ihren Umhang ab und legte ihn Ledárna um die Schultern. Der Stoff war dick und auf der Innenseite trocken und warm. Mit ihrer freien Hand zog Ledárna den Umhang dichter um sich, während die Frau auch ihre prächtige Bauchbinde abwickelte und sie Fey'tharia gab. Dass beide Kleidungsstücke nun den Dreck der Straße aufwischten, schien sie nicht zu stören. "Danke...", brachte Ledárna hervor, während Fey'tharia einfach nur lächelte und in ihren Kringel biss. Die Traube in der Menge um sie herum löste sich langsam auf. Wieder sah die Frau Ledárna an. "Ich kannte deine Mutter sehr gut. Und ich würde ihre Dolche überall erkennen. Sie hat mir mit ihnen einst das Leben gerettet, in der großen Schlacht am Andûran. Ich bin Lu'thana, Kommandantin der Königsgarde. Und ab heute steht ihr beide unter meinem Schutz. Das ist das Mindeste, was ich für deine Mutter noch tun kann."
Ledárnas Augen weiteten sich, als sie erkannte, wen sie vor sich hatte. Der Göttin sei Dank! Die eine Person, die sie in dieser Stadt hatte suchen wollen, hatte stattdessen sie gefunden. "Du bist meine Tante Lu'thana? Mutter hat so oft von dir erzählt! Wir wollten dich nächsten Sommer besuchen kommen!", brach es aus ihr heraus.
"Tante?" Lu'thana stutze einen Moment, bevor sie wieder lächelte. "Nun, da ich und deine Mutter beide zu den ersten Tausend gehörten, stimmt das wohl auf eine gewisse Weise.", sagte sie und legte eine Hand auf Ledárnas Schulter. "Kommt mit mir mit. Ich bringe euch ins Warme."
Ledárna schaute kurz zurück über den Platz. "Aber... Linón und die Anderen werden sich Sorgen um uns machen!" Lu'thana nickte zuversichtlich. "Mach dir keine Sorgen, meine Kleine. Ich werde die Leute, mit denen du hergekommen bist ausfindig machen lassen und ihnen sagen, dass es dir gutgeht. Jetzt kommt. Ohne Schuhe auf diesen kalten Straßen holt ihr beide euch noch den Tod." Ledárna entschied sich, dass es wo auch immer Lu'thana sie hinbringen wollte, nicht schlechter sein konnte als auf dem Wagen oder in einem Zelt vor der Stadt. Sie folgte der gerüsteten Frau zu ihrem Pferd, das am Straßenrand stand, Fey'tharia im Schlepptau. Lu'thana hob die beiden Mädchen vor den Sattel, bevor sie sich selbst auf den Rücken des Tieres schwang. "Haltet euch gut fest.", sagte sie. Fey'tharia, die vorne saß, krallte ihre Finger in die Mähne des Pferdes, während Ledárna nach hinten griff, um sich an Lu'thanas Gürtel festzuhalten. Ihre Tante erkannte ihre Absicht und führte ihre Hand zu ihrem Ziel, bevor sie mit den Zügeln schnalzte und das Pferd sich in Bewegung setzte. Langsam ritten sie die zentrale Prunkallee der Stadt entlang, vorbei an Tempeln, eleganten Wohnhäusern und Gasthöfen. Niemand sagte etwas. Die Mädchen aßen ihre Kringel und kuschelten sich dann tiefer in die Bauchbinde und den Umhang, während Lu'thana einen gepanzerten Arm um sie gelegt hatte, damit sie nicht vom Pferd fielen. Zum ersten Mal seit Wochen fühlte Ledárna sich sicher und geborgen. Fast wie bei ihrer Mutter.
Es dauerte fast eine Stunde, bis sie an ein weiteres großes, silbern schimmerndes Tor kamen. Dieses war verschlossen und zeigte ein Bild der Göttin, des Königs, der Königin und des Ersten Beschützers, welches in das Metall gearbeitet war. Zwei Wachen in der gleichen Rüstung wie Lu'thana standen davor, nur trugen sie weiße Bauchbinden und rote Umhänge. Es bedurfte nur eines Winks der Kommandantin, damit sich das Tor öffnete. Dahinter bot sich ein Anblick, der sowohl Ledárnas als auch Fey'tharias Kinnlade herunterklappen ließ: Ein Palast, so prächtig und strahlend, dass er die übrigen Gebäude der Stadt wie Grashütten erscheinen ließ. Ein Kunstwerk aus Marmor, Glas und Gold, welches selbst im Grau des regnerischen Tages noch erhaben wirkte. Himmelhohe Türme ragten über die golden gedeckten Dächer auf. Warmes Licht schien aus hunderten Fenstern. Der Weg zum Palast führte durch märchenhaft angelegte Gärten, gesäumt von Statuen der Engel und anderer Helden des Königreiches. Lu'thana hielt vor einer der Statuen an. Ledárna sah auf... und blickte in das marmorne Antlitz ihrer Mutter. "Niemand am Königshof hat vergessen, was Kel'thana im letzten Krieg für unser Volk getan hat. Deine Mutter war eine große Frau, mit einem noch größeren Herzen.", sagte Lu'thana zu ihr. Ledárna spürte, wie sich der Regen erneut mit ihren Tränen vermischte. Sie schluchzte leise. Als Lu'thana sie hörte, drückte sie einmal kurz Ledárnas Hand, bevor sie weiter ritt. Die Kommandantin hielt sich links vom Palast, bis sie vor einem zweistöckigen Gebäudekomplex anhielten. "Das hier ist die Kaserne der Königsgarde. Hier könnt ihr beiden erst einmal bleiben.", erklärte sie und stieg ab, bevor sie den beiden Mädchen vom Pferd half. "Es ist auf jeden Fall besser als die überfüllten Unterkünfte in der Stadt.", fügte sie hinzu. Während sie die Stufen zur Eingangstür hinaufstiegen, öffnete sich eine Seitentür des Palastes. Ein Mann in einem grünen Kapuzenmantel trat heraus und lief über den Weg zur Kaserne. Lu'thana blieb sofort wie angewurzelt unter dem Vordach stehen.
"Ich habe dich durch die Gärten einreiten gesehen, Lu'thana.", sagte der Mann als er die Stufen hinaufkam. "Gehe ich richtig in der Annahme, dass diese beiden Mädchen mit deiner verfrühten Rückkehr zu tun haben?"
"Ja, mein König.", antwortete Lu'thana mit einer Verbeugung. Ledárna erschrak, und auch Fey'tharia horchte auf. Vor ihnen stand eine lebende Legende. Ithilias Erstgeborener Sohn, der König des Volkes der Göttin. Ihre Mutter hatte Geschichten über ihn erzählt, wie er die Drachen und das große Biest bezwungen hatte. Ledárna wusste nicht recht, wie sie sich verhalten sollte. Also tat sie es Lu'thana gleich und verbeugte sich. Fey'tharia machte es ihr nach, ohne Fragen zu stellen. "Ist die Stadt nun schon so überfüllt, dass wir den Palast für die Flüchtlinge öffnen müssen?" Die Kommandantin schüttelte den Kopf. "Nein, mein König. Noch ist Platz in der Stadt. Aber um diese beiden will ich mich mit eurer Erlaubnis persönlich kümmern. Dies ist Ledárna, Kel'thanas Tochter. Seht, die Dolche in ihren Händen!" Der König sah auf die Waffen herab, die Ledárna während des Ritts auf dem Schoß getragen hatte und nun wieder im Arm hielt. "Bluterz, Saphirstahl und Tiefenblattader. Ja, das sind in der Tat die Geschenke der Zwerge an Kel'thana." Der König seufzte. "Also ist es wahr, nehme ich an? Sie und Eamór sind tot." Er kniete sich vor Ledárna auf den Boden und sah sie mit seinen braunen Augen durchdringend an. "Es tut mir so Leid, Kleines. Ich hätte den Rat deiner Mutter und das Schwert deines Vaters jetzt gut gebrauchen können." Er sah an ihr vorbei, zu Fey'tharia. "Und wer bist du?", fragte er sie freundlich. Wie so oft sagte sie nichts. Selbst zum König nicht. "Das ist Fey'tharia.", sprang Ledárna in die Bresche. "Sie redet nicht viel. Ihre Eltern sind auch tot. Sie ist meine Freundin, und ich passe auf sie auf!", erklärte Ledárna. Der König sah wieder zu ihr. Ein Lächeln spielte um seine Lippen. "Nun, dann kann ich deine schweigsame Freundin wohl schlecht fortschicken. Ihr beide seid hier willkommen. Lu'thana wird sich um euch kümmern und euch genau so beschützen, als wärt ihr ihre eigenen Kinder." Den letzten Satz hatte er im Befehlston mit einem Blick zu Lu'thana gesagt. Nicht, dass es nötig gewesen wäre. Die Kommandantin salutierte pflichtbewusst, doch sie lächelte froh. "Mit Vergnügen, mein König. Das bin ich Kel'thana schuldig." Er nickte. "Ich denke auch, sie würde es so wollen. Ihr standet euch nahe genug." Damit wandte er sich zum Gehen. Ledárna blickte auf zu Lu'thana, die dem König nachsah. "Was passiert jetzt?", fragte sie zögerlich. Ihre Tante lächelte sie an. "Ein warmes Bad, trockene Kleidung und Mittagessen. In dieser Reihenfolge. Und dann sehen wir weiter."

 

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