Die letzte Etappe
Der Wind trieb schmutziggraue Regenwolken über den Novemberhimmel. Biancas blondes Haar quoll unter der Baskenmütze hervor. Der Friedhof war verlassen bis auf eine alte Frau, die einige Grabreihen weiter verbissen die Erde harkte.
"Er war so stark", sagte Bianca leise. Ich wunderte mich, wie schnell Frauen vergaßen, nickte aber nur.
"Verfluchter Radsport", stieß sie in einer plötzlichen Aufwallung hervor. Ihretwegen hatte ich die sportärztliche Praxis eröffnet und mich vom Rennzirkus verabschiedet. Es war mir leicht gefallen.
Sie wandte sich mit einem Ruck, als risse sie an einem Wundpflaster, vom schlichten Grab Jens Martins ab, der mit nur sechsundzwanzig Jahren gestorben war.
"Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich unbedingt her wollte", sagte sie später in einem Café und weckte mich damit aus der verstohlenen Betrachtung ihrer aristokratischen Gesichtszüge. "Es war mir ein Bedürfnis."
"Aber nein", antwortete ich. "Ich vermisse ihn doch auch." Sie warf mir einen Seitenblick zu; auch in meinen eigenen Ohren hatte meine Stimme einen falschen Unterton gehabt. Ich durfte den Bogen nicht überspannen.
Die Heimfahrt nach Freiburg verlief störungsfrei. Wir tranken noch ein Glas Rotwein, dann verabschiedete ich mich unter Hinweis auf den bevorstehenden Arbeitstag. Doch ich konnte nicht einschlafen. Meine Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit ...
***
Ich zog die Spritze aus dem Oberarm, und Jens tätschelte meinen Kopf. "Niemand spritzt so gut wie du, Gerd", feixte er. "Ich meine natürlich so schmerzlos."
Ich konnte mir vorstellen, dass Kollegen aufgrund seiner Tätowierungen Schwierigkeiten haben mochten, die Venen zu finden. Zu der Zeit begann ich seiner überheblichen Art mehr und mehr überdrüssig zu werden. Jens Martin war der beherrschende Fahrer jener Radsaison, und die Experten sagten ihm beste Chancen für die Tour de France voraus. Trotz aller Kontrollen hatte ihm die Antidopingagentur bisher noch nichts nachweisen können. Deren Leiter, Professor Agimow, war geradezu besessen von der Idee, unseren Rennstall an den Pranger zustellen. Abgesehen von seinem langjährigen vergeblichen Kreuzzug gegen mich schien ihn die unbekümmert-aggressive Ausstrahlung von Jens zu provozieren. Und so bekamen wir zu jeder Tages- und Nachtzeit Besuch von den Kontrolleuren.
"Irgendwann kriege ich Sie", raunte Agimow mir einmal zu, als ich Jens nach einem Etappensieg beim Giro d'Italia gratulierte. Ich starrte den alten Mann im karierten Jackett nur an.
"Holen Sie sich doch einen runter", keuchte Jens, der trotz seiner Erschöpfung Agimows Drohung mitbekommen hatte. Mit gerötetem Kopf stapfte der oberste Dopingbekämpfer von dannen. Wir lachten betreten.
"Wie viele Sekunden vor Kuhbichler?" fragte Jens den Chef des Rennstalls, Angelo Lavazzo.
"Vier", antwortete Lavazzo, und Jens verzog das Gesicht. Der junge Fahrer aus Bayern, den sie auch den fränkischen Stier nannten, war der einzige, der ihm in dieser fabelhaften Saison Paroli bieten konnte. Er war buchstäblich aus dem Nichts nach vorne gefahren. Jens, der sich in der Weltrangliste noch vor ihm hielt, war immerhin Dritter bei der letzten Tour gewesen. Die Radsportwelt fieberte diesem Zweikampf entgegen. Auf der einen Seite Jens, der drahtige Einzelgänger mit dem Boxergesicht, der sich aus einfachsten Verhältnissen durch seine unbezähmbare Energie nach oben gekämpft hatte; auf der anderen der Modellathlet Kuhbichler, eigentlich zu groß und breitschultrig für einen Radrennfahrer, der auf die Arbeit seiner Mannschaft gestützte Erfolge wie vom Reißbrett einfuhr. Wenig originell hatte eine Boulevardzeitung getitelt: "Gipfelsturm in schwarz-rot-gold".
* * *
Es war damals nicht ungewöhnlich, dass Bianca Martin sich Rezepte bei mir holte oder kleine Behandlungen durchführen ließ. Verhielt sie sich am Anfang noch geradezu ehrfürchtig mir gegenüber (sie hatte mich schon seit Jahren aus den Medien gekannt, als Jens noch bei Provinzmeisterschaften fuhr), war es bald mehr als das übliche Arzt-Patienten-Verhältnis, das uns verband. Eines Tages, während das Team durch die schwäbische Alb kletterte, bemerkte ich, wie elend es ihr ging. Mit meiner sonoren Arztstimme brachte ich sie dazu, offen zu sprechen, und die Dämme brachen. Sie berichtete mir von seinem Jähzorn, den Misshandlungen. Nach zehn Minuten nahm ich ihre Hand.
"Warum verlassen Sie ihn nicht?", fragte ich so beherrscht wie möglich. Sie war eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen hatte.
"Ich bin ihm hörig", sagte sie schluchzend und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Ich ging um den Schreibtisch herum und umfasste ihre Schulter, da öffnete sie sich wie eine Blüte und warf sich mir in die Arme. Es war der Urknall, der alle nach meiner Scheidung gefassten Vorsätze hinwegfegte. Heiser fragte ich, ob sie mit mir bei einem Abendessen über ihre (eigentlich meinte ich unsere) Situation sprechen wolle. Selbstverständlich kannte ich den Trainingsplan und wusste, dass Martin und seine Kollegen an jenem Abend Quartier in Stuttgart beziehen würden, wo eine Veranstaltung des Sponsors stattfinden sollte. Immer noch zitternd sagte sie, während sie sich die Augen tupfte, als Arzt wüsste ich, was am besten für sie sei. In jener Nacht schliefen wir nach einem guten Essen und zwei Flaschen Wein zum ersten Mal miteinander, und in der Dunkelheit flüsterte sie, sie wünschte, Jens würde sterben.
* * *
"Bald habe ich's geschafft", sagte Jens, als er sich von der Behandlungsliege erhob und sein T-Shirt überstreifte. Wie die anderen Fahrer fragte er nie, was ich ihm spritzte.
"In den Bergen mache ich den Bauerntölpel zur Schnecke. Dann ..." Sein Handy unterbrach ihn. Mit einem Stirnrunzeln betrachtete er sein Display und ging dann vor die Tür, die er hinter sich zuzog. Diese dämpfte den Schall kaum, und so hörte ich jedes Wort.
"Immer mit der Ruhe, Mann ... kannst dich drauf verlassen ... ja, gleich nach der Tour ..." Seine Stimme wurde leiser. Durch das Fenster sah ich, wie er in seinen BMW stieg; er wirkte gehetzt. Ich rief Bianca an.
"Gerd", rief sie erschrocken.
"Keine Sorge, er ist eben erst raus. Außerdem habe ich Rufnummernunterdrückung eingestellt."
Er hielt sie von der Öffentlichkeit fern, seit in einer Illustrierten ein Artikel über "Die Schöne und das Biest" erschienen war: Das Foto hatte Bianca wie eine Hollywoodschönheit gezeigt, während Jens mit blonden Stoppelhaaren und seinem narbigen Gesicht einem Kleinganoven ähnelte. Und wie ein solcher verprügelte er sie bei seinen Eifersuchtsanfällen. Ich ballte die Fäuste.
"Hatte er in der letzten Zeit finanzielle Probleme?"
"Ich weiß es nicht, Liebster", sagte sie, und dann, nach kurzem Zögern: "Gerd, ich halte das nicht mehr lang aus."
"Bald haben wir es geschafft", sagte ich, obwohl ich mir alles andere als sicher war; aber ich war entschlossen, alles zu tun, um Bianca von ihm zu befreien, war mir aber der Risiken sehr wohl bewusst. Jens war ohne weiteres zuzutrauen, uns etwas anzutun, wenn er davon erführe. Noch lebhaft hatte ich die Prellungen vor Augen, mit denen vor wenigen Wochen einer der Mechaniker in meinen Behandlungsraum gekommen war; er bat mich um Schmerzmittel. Nach Jens' Ansicht hatte er sein Rad falsch eingestellt gehabt. Jens Martin war ein Pulverfass, das jederzeit explodieren konnte.
* * *
Ich nahm ihm die Blutdruckmanschette ab.
"Ist alles in Ordnung mit dir, Jens? Deine Werte gefallen mir nicht. Für die Tour brauchen ..."
Es geschah, was ich mir erhofft hatte. Aufgeregt brach es aus ihm heraus. "Du hast ja keine Ahnung vom Leben da draußen." Ich schwieg.
"Forlani, du kennst doch Forlani?"
Ich nickte. Forlani war der Teamchef seines vorherigen Rennstalls, dem hartnäckig Verbindungen zur Mafia nachgesagt wurden. Letztes Jahr war sein Team von Agimow hochgenommen worden.
"Hast doch die ganze Scheiße in der Zeitung gelesen." Seine Wangen glühten jetzt, doch dann hielt er inne.
"Moment mal, warum quatsche ich denn soviel?"
Ich hakte ein: "Jens, du weißt doch, dass ich auch Psychotherapeut bin. Für mich gilt die ärztliche Schweigepflicht doppelt. Ich muss alles wissen, damit ich dich optimal für die Tour einstellen kann."
Er sah mich misstrauisch an, aber meine Worte wirkten. "Na, ihr Quacksalber könnt einen ganz schön einlullen, was? Was soll's, schätze, mir bleibt keine andere Wahl." Er sah sich um, bevor er leise weitersprach.
"In dem Kühlschrank von dem Blödmann war auch eine Blutprobe von mir."
"Ich dachte, du wärst der einzige gewesen ...", sagte ich, doch wieder fiel er mir ins Wort.
"Forlani hat seine Verbindungen spielen lassen. Meinte, ich wär’ sowieso der einzige Fahrer mit Potenzial. Er wollte von allen meinen künftigen Einnahmen zwanzig Prozent, dafür ist meine Blutprobe verschwunden."
"Du hast dich hoffentlich dran gehalten", sagte ich scheinbar mitfühlend. Er warf mir einen beinahe tragikomisch verzweifelten Blick zu.
"Hab's in der letzten Zeit etwas schleifen lassen, fürchte ich. Und jetzt hab' ich keine Kohle. Nach der Tour ..." Sein Manager hatte geprahlt, dass Jens als Toursieger millionenschwere Werbeverträge winkten. Doch war klar, wer im Falle von Kuhbichlers Sieg die Verträge absahnen würde.
"Ich muss die Tour gewinnen, sonst machen die mich kalt wie Andreotti." So verzweifelt hatte ich den großspurigen Jens Martin noch nie gesehen. Da verstand ich. Im Vorjahr war Giovanni Andreotti durch einen Sturz auf einer Schussfahrt in den Pyrenäen umgekommen. Materialermüdung, hieß es.
"Mach dir keine Sorgen", sagte ich und gab ihm eine Kapsel mit einem milden Beruhigungsmittel. "Konzentrier dich auf dein Training, dann schaffen wir das."
Er schlich zum Ausgang, drehte sich aber vor dem Hinausgehen noch einmal um. "Und wenn die mir Doping nachweisen können?"
"Das werden sie nicht, du hast mein Wort", sagte ich.
Sein Gesicht hellte sich etwas auf. "Danke", sagte er leise und schloss die Tür.
* * *
"Herr Dr. Dillinger", sagte Lavazzo am Büffet zu mir. "Muss ich mir Sorgen machen?"
"Worüber?", gab ich zurück. Er lächelte dünn. Mein Renommee in der Szene ermöglichte es mir, auch dem großen Lavazzo gegenüber ein gesundes Selbstbewusstsein zu zeigen.
"Meine Firma hat viel Geld in den Aufbau des Rennstalls gesteckt", antwortete er so leise, dass ich mich anstrengen musste, ihn zu hören. "Da wäre so etwas, wie es Fiducia passiert ist, geradezu eine Katastrophe."
Agimow hatte das Fiducia-Team vor einigen Wochen mit großem Tamtam des Dopings überführt. Einige Fahrer saßen immer noch in Untersuchungshaft.
"So etwas wird uns nicht passieren", sagte ich. Er betrachtete mich mit hochgezogenen Augenbrauen.
"Wir sind sauber", bekräftigte ich mit fester Stimme. Er klopfte mir auf die Schulter. "Ich wusste, dass Sie der richtige Teamarzt für uns sind. Schon bei TeleCall haben Sie hervorragende Arbeit geleistet. Deshalb bezahlen wir Sie ja auch so gut, nicht wahr?"
Als er gegangen war, tupfte ich mir den Schweißfilm von der Stirn. Absolute Sicherheit gab es nicht. Wer konnte wissen, was Agimow noch in der Hinterhand hatte?
* * *
Sechs Wochen vor der Tour änderten wir den Trainingsrhythmus. Ich setzte mehr kurze Strecken und längere Ruhepausen an. Natürlich beschwerte sich Jens.
"Haben Sie dir ins Gehirn geschissen, Gerd?", brüllte er, als er in meinen Behandlungsraum stürmte. "Ich bin in der Form meines Lebens, und du rufst die Rente aus?"
Ich überhörte die gewohnt vulgäre Anrede. Bianca hatte mir zuletzt Dinge erzählt, die mich erwarten ließen, er würde mit den Fäusten auf mich losgehen.
"Beruhige dich", sagte ich. "Vor der Tour brauchen eure Körper Erholung, sonst brecht ihr in den Bergen zusammen."
"Ach ja, du Scheißer?", beharrte er. "Seit wann versteht ein Quacksalber was von Renntaktik?"
"Ich bin seit sieben Jahren Teamarzt im Radsport", sagte ich ruhig. "Und ich will, dass ihr auf den Punkt fit für die Tour seid und nicht sechs Wochen vorher."
Dabei machte ich eine vage Geste in Richtung des Medikamentenschranks. Seine Wut hatte sich etwas gelegt, doch er verließ ohne ein Wort der Entschuldigung meine Praxis und knallte die Tür hinter sich zu.
Wieder allein im Behandlungszimmer, sank ich in meinen Stuhl zurück. Es kostete mich enorme Selbstbeherrschung, den Hass auf ihn unter Kontrolle zu halten. In diesem Moment wurde mein Entschluss unumkehrbar, Jens Martin zu töten. Bianca hatte mir eine kurze Nachricht gesandt, die mir deutlich gemacht hatte, dass seine Brutalität ihr gegenüber inzwischen monströse Dimensionen erreicht hatte. Ich würde nicht länger tatenlos zusehen.
Häufig findet der Verstand eine Lösung, wenn der Wille stark genug ist. Zwei Stunden später beschriftete ich eine Ampulle mit einer rubinroten Flüssigkeit (mit den üblichen kryptischen Zeichen) und stellte sie in das verborgene Kühlfach im Keller. Wenn ich Jens dieses Mittel injizierte, würde es sein Herz kurzfristig so schwächen, dass die Anstrengungen des Rennens seinen Tod bedeuteten. Es blieb das minimale Risiko einer Entdeckung, aber ich glaubte nicht, dass man in dieser Richtung suchen würde. Ich würde es jedenfalls in Kauf nehmen, für Bianca.
* * *
Ich saß abends um neun im Labor und blickte durch das Mikroskop, als das Telefon klingelte. Geistesabwesend nahm ich den Hörer, aus dem mich Agimows quäkende Stimme schmerzhaft in die Gegenwart riss.
"Ah, Dillinger, noch fleißig", höhnte er.
"So wie Sie", brummte ich. "Was wollen Sie?"
"Okay, kommen wir gleich zur Sache, mein Lieber. Ich weiß jetzt, warum wir bei ihrem Team nichts finden."
Und dann erklärte er mir genüsslich seine Theorie und was er dagegen zu tun gedenke. "Tun Sie, was Sie nicht lassen können", gab ich zurück.
"Sie wollen es also drauf ankommen lassen? Diesmal werde ich die Reaktion unterbinden. Und dann können Sie sich Ihre Approbation in die Haare schmieren." Damit beendete er triumphierend das Gespräch. Ich wandte mich nachdenklich meinem Computer zu, um einige Emails zu löschen.
* * *
Die Tour begann nicht gut für Jens Martin. Nach der dritten Bergetappe hatte Kuhbichler fünfundfünfzig Sekunden Vorsprung herausgefahren. Jens sah beim Abendessen wie ein Toter aus. Ich setzte mich zu ihm.
"Verdammt, ich kann nicht mithalten", sagte er. "Glaubst du, es liegt an ..." Er sah sich um, doch die anderen Fahrer saßen müde an einem anderen Tisch und unterhielten sich leise. Vielleicht hatte er sie zuviel angeschrieen.
Seltsamerweise fachte seine Hilflosigkeit meinen Hass noch mehr an. In Gedanken sah ich Biancas durch seine Schläge geschwollene Brust. Wir hatten es geschafft, uns einige Minuten zu treffen, da hatte ich es ihr gesagt: die morgige Etappe wird das Schwein nicht überleben.
"Komm nachher auf mein Zimmer", sagte ich mit eisiger Ruhe zu Jens. "Ich hab was für dich oben. Morgen schlägt deine große Stunde."
Sein schwaches Lächeln war nur noch ein Abglanz des aufbrausenden Jens Martin, und dennoch sah ich darin den widerlichen Ehrgeiz, der immer noch in ihm brannte, spürte seine Vorfreude auf die Küsse der jungen Französinnen nach dem Etappensieg. Leb wohl, du Wurm, dachte ich. Wenigstens hatte Lavazzo geschäftlich nach Amerika gemusst, so dass ich mir von ihm keine dummen Fragen anhören musste. Mir war jedoch klar, dass meine Tage im Falle von Kuhbichlers Sieg in jedem Fall gezählt gewesen wären.
Und dann saß Jens Martin auf meinem Bett. Ich setzte ihm die Nadel. "Au", rief er verärgert. "Pass doch auf."
Er sah mich mit großen Augen an. "Was ist denn mit dir los? Du zitterst ja."
Ich murmelte etwas von einer leichten Erkältung, alles halb so wild. "Ein kranker Arzt, na super", zischte er. Kaum war er draußen, musste ich mich aufs Bett legen. Als die SMS von Bianca eintraf: 'Hast du es getan?', konnte ich nicht einmal mehr Ärger über ihre Unvorsichtigkeit empfinden. So antwortete ich mit einem Wort: 'JA'.
* * *
Am Col du Tourmalet war es dann soweit. Nach verhaltenem Beginn verschärfte Kuhbichler auf einem langen Anstieg das Tempo. Der einzige, der ihm folgen konnte, war Jens. Kuhbichler wirkte überrascht, doch er behielt seinen unbarmherzigen Nähmaschinenrhythmus bei. Jens blieb ihm dicht auf den Fersen; es war seine letzte Chance, im Rennen zu bleiben. Nach weiteren zehn Kilometern begann sich Jens Martins Gesicht zu verfärben; es wirkte im Gegenlicht beinahe violett. Im Fernsehen sah man gut, wie auf 1950 Höhenmetern seine Halsmuskulatur hervortrat, wenige Augenblicke bevor er vom Rad stürzte. Das entsetzte Raunen der Zuschauer. Und das instinktlose Agieren Agimows, der dem Sterbenden noch Blut abnehmen ließ.
"Wie konnte das passieren?", plärrte Lavazzos Stimme aus meinem Handy. Wie in Trance sagte ich, ich wüsste es nicht.
Angesichts Jens’ Todes verkam es beinahe zur Randnotiz, dass Kuhbichler positiv getestet worden war. Agimow sprach mich Monate nach seiner Entlassung auf einer Konferenz an. "Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Dillinger. Es sieht aus, als sei Martin tatsächlich sauber gewesen."
In diesem Moment empfand ich Mitleid für den alten Mann, der mich da in seinem immergleichen karierten Sakko mit den aufgenähten Lederflecken an den Ellbogen durch seine dicken Brillengläser anstarrte. Ich streckte ihm die Hand hin, und er nahm sie erfreut.
* * *
Ich war schon halb eingeschlafen, doch bemerkte ich, wie Bianca ins Bett schlüpfte und das Licht löschte. Ich drehte mich zu ihr hin und legte die Arme um sie. Sie tätschelte meine Hand, es wirkte mechanisch. Ich spürte, dass sie mit offenen Augen dalag und nachdachte, und hoffte inständig, sie würde mir keine Fragen stellen. Als sie endlich eingeschlafen war, glitt ich aus dem Bett und schlich im Dunkeln in den Keller. Dort schloss ich den Medikamentenschrank auf und entnahm ihm die rubinrot schimmernde Ampulle. Sorgfältig zog ich das Etikett ab und zerriss es in kleine Fetzen, nachdem ich die Flüssigkeit in die Toilette gegossen hatte. Denn nun wurde mir klar, dass es zu spät war, Bianca alles zu erzählen: Vom Vorabend von Jens´ Tod, als ich es nicht fertig gebracht hatte, ihm das Gift zu injizieren, und ihm bloß eine wirkungslose Salzlösung verabreichte; von der Lüge, mit der ich ihre SMS beantwortet hatte. Auf diese Nachricht hatte sich der unauffällige Mann in meiner Praxis bezogen, der sich wegen eines Knieproblems angemeldet, dann jedoch über bedauerliche Einnahmeausfälle eines Freundes geredet hatte. Sofort hatte ich gewusst, dass ich in Schwierigkeiten war.
"Warum erst jetzt?", hatte ich gefragt, beinahe sprachlos aufgrund seiner Argumente, und er lächelnd geantwortet, sein Freund halte nichts von übergroßer Eile. "Signor Forlani wird erfreut sein", hatte der Fremde zuletzt anstelle eines Abschieds gesagt.
Morgen würde ich Bianca sagen müssen, dass ich wieder als Teamarzt im Radsport zu arbeiten beabsichtigte, und ich ahnte, dass ich sie verlieren würde.