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Die Mädchen

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11.07.2021
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Die Mädchen

Die Mädchen

"Das Mädchen ist weg. Sie ist mir entwischt, als ich kurz in Gedanken versunken war."
Simone van der Vlugt "Klassentreffen"

Ich saß trübsinnig im Stadtpark gegenüber dem Kriegerdenkmal und las mir die Namen der Gefallenen durch. Sie hießen übrigens fast alle Wilhelm. So Scheiße wie ich mich fühlte, konnte ich mir gut vorstellen, wie sie sich im Schützengraben bei Verdun gefühlt haben mussten.

Ob sich wohl hier Hollie immer mit Jungs traf? Es gab ja nur diesen einen „Park“. Er verdiente den Namen Park gar nicht. Er bestand eigentlich nur aus drei Bänken. Am Morgen war ich mit dem ersten Bus in Hollies kleine Stadt gefahren, in die sie mit ihren Eltern gezogen war. Ich sollte meinen ersten Personalausweis abholen. Da sie und ich fast auf den Tag genau gleichalt waren, hatte sie natürlich auch eine Einladung zu der Veranstaltung bekommen. Sie setzte sich neben mich, und für einen kurzen Moment flackerte in mir die Hoffnung auf, dass alles wieder wie früher werden könnte. Aber nichts war wie früher. Hinterher ging sie nach Hause, ohne sich noch einmal umzublicken. Ich sah traurig hinter ihr her, bis ihre zierliche Gestalt hinter der nächsten Straßenbiegung verschwand.

Ich hatte noch eine Menge Zeit, bis der Bus abfuhr. Also lief ich stundenlang allein durch die Straßen der Kleinstadt und langweilte mich grässlich. Als ich zu der geschlossenen Bahnschranke kam, fuhr gerade ein Zug durch. Ich bekam Fernweh. Er trug die Aufschrift Berlin.

In der Nähe der Gleise befindet sich eine berüchtigte Kneipe, die im Volksmund Leichengräber genannt wird. In dem großen Garten davor sitzt wie immer ein Haufen betrunkener Männer. Wenn eine Frau auf der Straße vorbeiläuft, geht ein aggressives Gejohle los. Mit schnellen Schritten laufe ich vorbei. Zwischen den ganzen Männern sitzt als einzige Frau verloren ein kleines blondes Mädchen. Ihr Gesicht ist angeschwollen, und sie hat ein blaues Auge. Ich kenne sie. Sie ist aus unserem Dorf, und wir haben früher oft zusammen gespielt. „Sie treibt sich rum“, sagen meine Mutter und ihre Klatschbasen. Mir tut sie leid. Ein paar Jahre später erzählt meine Mutter mir, das eines ihrer Kinder bei ihren Eltern lebt und das andere im Heim.

Bei Foto Jahnke, der auch das Passfoto für meinen Ausweis gemacht hatte, war das Schaufenster wie immer mit Hochzeitsfotos dekoriert. Er hatte das Alleinstellungsmonopol auf die Hochzeitsfotos der ganzen Gegend. Meine Mutter, die ja keinen Mann hatte, sah sich die Fotos immer sehnsüchtig an. Sie hatte es schwer im Dorf akzeptiert zu werden, wo alle verheiratet waren. Bei uns in der Gegend wurde sehr jung geheiratet. Die aufgedonnerten, toupierten Bräute hatten einen triumphierenden Ausdruck im Gesicht. Sie hatten ihren Platz im Leben gefunden. Die jungen Männer mit Rüschenhemd und Sakko sahen aus wie Jungen, die sich verkleidet hatten. Die Heirat war wohl so etwas wie ein Initiationsritual. Damit war man in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufgenommen. Irgendwann würde auch Hollies Hochzeitsfoto hier hängen. Aber irgendwie wusste ich damals schon, dass meines nicht dabei sein würde.

Als ich Hunger bekam ging ich eine verräucherte Kneipe namens Winzerstube. Aber es gab nichts anderes. Sie war so zugequalmt, dass man erst mal eine Weile nach dem Eintreten überhaupt nichts sah. Aber das war nicht das schlimmste. Hier, wo sich sie härtesten Trinker der Stadt trafen, saß immer eine Frau, die mich, die ja erst 14 war, merkwürdigerweise nicht leiden konnte. Was sie wohl in mir sah? Wenn sie mich erspäht hatte, rief sie Beschimpfungen und drohte mir mit der Faust. Ihre Kumpane mussten sie davon abhalten, sich auf mich zu stürzen. Aber leider hat man sonst nirgendwo etwas zu essen bekommen. Auch heute ist sie wieder da. Aber ich muss es riskieren. Unter ihren bösen Blicken stopfe ich hungrig die gebratene Hähnchenleber, die die Spezialität der Winzerstube ist, in mich hinein. Während ich auf das Essen warte, beobachte ich den Mann hinter dem Tresen. Mit todtraurigem Gesicht spült er die Biergläser aus. Es kommt mir so vor, als wenn er sehr unglücklich ist. Und ich hatte wohl Recht. Einige Zeit später spricht sich bis in unser Dorf das Gerücht rum, dass aufgehängt aufgefunden wurde.

Aber lasst mich von vorne beginnen.

Zu dieser Zeit ging gerade eine Selbstmordwelle durch unser Dorf und die Dörfer der Umgebung. Alle paar Wochen sprach sich die Nachricht rum, dass sich mal wieder einer erhängt hatte. Zwei Väter und den Cousin von Mitschülern erwischte es auch. Ein anderer aus unserem Dorf kam eines Tages nicht zur Arbeit. Als man ihn holen wollte, hing er im Apfelbaum. Der Vater von einem aus unserer Parallelklasse zündete sich in seinem Auto an. Merkwürdigerweise hatten sich wegen seiner Mutter schon zwei Männer umgebracht. Ich wollte diese Frau immer mal sehen. Jemand zeigte sie mir eines Tages auf der Straße. Sie war ausgesprochen hässlich. Damals wusste ich noch nicht, dass es in der Beziehung auf Schönheit gar nicht so ankommt, sondern auf ein starkes Selbst.

Es gab in unserem Dorf aber auch einen Mann, wegen dem sich schon zwei Frauen das Leben nehmen wollten. Zum Glück wurden sie alle beide gerettet. Wenn er eine Freundin mit nach Hause brachte, warnte seine Mutter sie vor ihm. Sie kannte ihren Sohn ganz genau. „Mein Sohn ist kein Guter. Die Mädels haben mir leidgetan.“ erzählte sie im Dorfkonsum. Sie war nicht der Typ Mutter, die ihren Sohn blind verehrt. Sie war wohl die heimliche Femininstin in unserem Dorf.

Der große Verführer war ein kleiner Mann und ein ganzes Stück älter als ich. Was die Frauen wohl an ihm fanden. Einmal saß ich im Bus neben ihm und bemerkte, dass er einen angenehmen Duft nach Cognac und Leder verströmte. Ich denke mal, die Frauen sahen in ihm den Machertyp, der es im Leben zu etwas bringen würde. Damit hatten sie Recht. Er brachte es sogar bis zum Professor.

Von einem Nachbardorf erzählte man sich, dass dort fast alle Alkoholiker waren. Auch die Frauen machten keine Ausnahme. Kaum einer dort starb eines natürlichen Todes.

„Ich bin eine Hexe.“
Das wurde mir klar, seit man auch unseren Sportlehrer eines Tages erhängt aufgefunden hatte. Seit einem Tag, ein paar Jahre zuvor, hasste ich ihn. Ich nahm ihm gar nicht mal so sehr übel, dass er mich vor meiner Klasse bloßgestellt hatte. Etwas Anderes war viel schlimmer. Seit diesem Tag begann Hollie, sich von mir abzuwenden.

Ich bin 9 Jahre alt war, stehe auf dem unteren Holm des Stufenbarrens und soll über den oberen springen. Die ganze Klasse steht um mich herum und lacht mich aus. Unser Sportlehrer spornt sie dazu noch an. Von meinem erhöhten Standort aus sehe in sein feistes, selbstzufriedenes Jungeehemännergesicht. Alle jungen Männer aus unserem Dorf, die geheiratet hatten, bekamen nach einer Weile so ein feistes Gesicht. Sein muskulöser Körper in dem hellblauen Trainingsanzug verströmt Brutalität. Ich hatte damals keine Ahnung davon, dass er Alkoholiker war.
Er hatte wohl gar nichts gegen mich. Meine Mutter war eine der größten Klatschbasen der Umgebung. Vielleicht war ihm irgendwie zu Ohren gekommen, dass sie irgendwas über ihn verbreitet hatte. Über den Umweg über mich, versuchte er sich an ihr zu rächen. Bei uns auf dem Dorf kannte jeder jeden. Wer einen aus der Familie nicht mochte hatte auch feindselige Gefühle gegen den Rest der Sippe. Auch wir Kinder wurden davon nicht ausgeklammert.

Ich sehe auch das Gesicht von Hollie. Mir schwant nichts Gutes.
Neben ihr steht unser gemeinsamer Freund Guni und schaut mich mitleidig an. Er hatte sich wohl vorgenommen, mich irgendwann zu heiraten. Dass ich hier öffentlich verspottet wurde, konnte seiner Freundschaft zu mir nichts anhaben. Wir drei bildeten ein enges Freundestrio. Wir dachten, dass das ewig so weitergehen würde. Aber bald danach zog Guni weg.
Freundin Hollie und ich spitzten die Ohren, wenn die Erwachsenen sich unterhielten. Daher wussten wir, dass sein Vater ein Verhältnis hatte. Alle im Dorf wussten es außer Guni. Wir beschlossen, ihm nichts davon zu sagen. Bei ihm zu Hause herrschte ein permanenter Spannungszustand. Wenn ich bei ihnen zum Abendessen eingeladen war, konnte ich oft gar nichts runter kriegen.
Meine Mutter und ich waren in den Urlaub gefahren. Als wir wiederkamen, war das Namensschild von seiner Familie vom Briefkasten ab. Ich habe ihn nie wiedergesehen, obwohl er gar nicht so weit weggezogen ist.
An einem Sonntag lief ich mit meiner Mutter durchs Dorf. Gerade auf Höhe des Dorfteichs kam das Auto von seiner Familie an uns vorbeigefahren. Sie fuhren weiter und hielten nicht mal für einen kurzen Gruß an, wie es im Dorf üblich war. Wir waren ja jahrelang Nachbarn gewesen. Ich blickte dem kleinen Auto nach.

In der Turnhalle, die mir übrigens der verhassteste Ort in der ganzen Schule war, umringen mich meine beiden Freunde und trösten mich. Aber ich traute Hollie nicht.
Dazu kannte ich sie zu viel gut. Ich war mit ihr zusammen aufgewachsen und hatte mit ihr mein ganzes Leben verbracht. Und wenn man 9 ist, hat man ja noch kein so langes Leben hinter sich. In diesem Moment hatte die kluge und ehrgeizige Hollie wohl beschlossen, sich von mir, ihrer linkischen Kindheitsgespielin zu trennen. Aber unsere Freundschaft war natürlich nicht sofort danach zu Ende. Wir waren immer noch nach der Schule und in den Ferien unzertrennlich.

Isolde

war eine zierliche Brünette mit grünen Mandelaugen. Ich wunderte mich immer, wenn ich sie ansah, warum ihre Eltern ihr diesen gewichtigen Namen auf ihre schmalen Schultern geladen haben. Ich sah sie übrigens gerne an. Meiner Meinung nach war meine Freundin das hübscheste Mädchen in unserem Dorf. Ihr Vater hatte einen Germanentick. Der Vater von Guni, der in Wirklichkeit Gunther hieß und mein Vater, den ich gar nicht kannte, übrigens auch. Dem mussten die Mütter wohl Tribut zollen. Sie wurde von allen nur Hollie gerufen.
Wir beide waren fast auf den Tag genau gleich alt und wohnten im selben Haus. Ein paar Tage nach meiner Geburtstagsfeier, bei der sie natürlich auch immer war, tappelte ich auch schon zu ihrer. Sie kam immer mit hochgesteckten Haaren und mit einem in Geschenkpapier eingewickelten Tuschkasten in der Hand. Das neue Kleid, das ihre Mutter ihr genäht hatte, umfloss das zarte Persönchen wie eine Wolke.

Eines Tages wurde ich im Kindergarten in den Keller eingesperrt. Schwarze Pädagogik würde man heute dazu sagen. Mein Vergehen war gewesen, dass ich und Hollie uns während des Mittagsschlafs zugeblinzelt hatte. Es war verboten, die Augen zu öffnen. Wir Kinder erzählten uns Gruseliges über diesen Keller. Angeblich sollten dort Raten sein. Er war aber nur ein tapezierter Raum ohne Fenster. Nachdem ich meine Strafe abgesessen hatte, erwarteten mich schon Hollie und Freund Guni. Zwischen den beiden fühlte ich mich sicher. Meine beiden Freunde hielten zu mir. Ein Psychofritze würde das als sichere Bindung bezeichnen.

Unsere Eltern waren Arbeitskollegen. Schon unsere Kinderwagen standen Seite an Seite auf dem Wäscheplatz vor unserem Haus. Ich konnte praktisch eher Hollie sagen als Mama. Wenn meine Mutter nachmittags oder abends etwas zu tun hatte, war ich bei ihren Eltern, bzw. sie war bei uns, wenn ihre Eltern wegfahren mussten. Manchmal übernachtete sie auch bei uns.
Zusammen lernten wir Laufen und Sprechen. Unsere ehrgeizigen Mütter verglichen eifersüchtig die Fortschritte ihrer Töchter.
Jeden Tag warf sie morgens Steinchen an unser Fenster, wenn sie mich zum Kindergarten abholte. Wenn der Kindergarten zu hatte, krabbelten wir unter dem Schreibtisch der Sekretärin ihres Vaters rum. Manchmal saßen wir auch in einer Schulstunde von meiner Mutter in der letzten Bank und malten. Wir fühlten uns geschmeichelt, wenn die Schüler sich nach uns umdrehten und sich für unsere Bilder interessierten. Wir machten auch zusammen die Kinderkrankheiten durch. Unsere Eltern schlossen uns einfach zusammen in der Wohnung ein und gingen zur Arbeit. Wir waren praktisch unzertrennlich. Wenn sie am Wochenende zu ihrer Oma gefahren war, fragten mich die Leute aus dem Dorf scherzhaft, wo ich denn meine bessere Hälfte gelassen habe. Wenn ich mit meiner Mutter in den Urlaub gefahren war, wurde ich zu Hause schon sehnsüchtig zurückerwartet.

Wenn sie gerade Mittag aß oder ihr Zimmer aufräumen musste, saß ich stundenlang geduldig auf der Treppe vor ihrer Tür. Sie saß aber auch oft bei mir vor der Tür und wartete auf mich. Wenn sie krank war, hing sie eine Leine aus ihrem Fenster. Wir, die unten standen, befestigten daran Zettelchen.
Letztens taten sich im Fernsehen mal zwei kleine Mädchen vor der Kamera wichtig. Die beiden standen vor den Bücherwänden einer Bibliothek und warfen mit geschwollenen Redensarten nur so um sich. Genau solche kleinen Klugscheißerinnen waren Freundin Hollie und ich auch. Wir dachten, dass wir von allem Ahnung haben.
Wir beide waren der Stolz der Bibliothekarin. Jede Woche kamen wir mit einem dicken Stapel Bücher unter dem Arm aus der Dorfbibliothek. Aber mein Highlight war, wenn uns jemand für Schwestern hielt.

In der Schule war Hollie das beliebteste Mädchen in der Klasse. Mit meiner Beliebtheit war es nicht so weit her, aber unsere Freundschaft gab mir Schutz vor den Anderen. Ich segelte im Fahrwasser ihrer Beliebtheit mit. Beim Anblick ihres lieblichen Lärvchens brachen die Leute immer in Begeisterungsrufe aus. Das nervte sie schon. Sie hatte auch eine schnellere Auffassungsgabe als ich und war einer glücklichen Familie entsprungen. Ich dagegen kannte meinen Vater gar nicht.
In ihrem gelben Badeanzug, denn Gelb war merkwürdigerweise ihre Farbe, stand sie hoch oben auf dem Brückenbogen. Ich blickte bewundernd zu ihr rauf. Von dort oben stürzte sie sich kopfüber runter in den Fluss. Ich war stolz auf meine Freundin.
Ich traute mich noch nicht mal, vom Steg zu springen.
Ich fand, dass wir beide ein gutes Gespann waren. Schon als kleines Mädchen hatte sie einen scharfen Verstand. Ich dagegen besaß erheblich mehr Fantasie und hatte verrücktere Einfälle. Deshalb dachte ich, dass wir beide uns gut ergänzten.

Ich musste mir aber bald eingestehen, dass mir an der Freundschaft mit Hollie viel mehr lag, als ihr an mir. Ich hatte selbst keine Geschwister und projizierte in sie wohl eine Ersatzschwester hinein. Manchmal versuchte ich auch halbherzig die Freundschaft von mir heraus zu beenden. Ich merkte, dass sie mich zu sehr dominierte und die schlaue Hollie mich benutzte und mich mit ihrem Charme bezirzte.

Aber wir hielten es nie länger als ein paar Stunden ohne einander aus und waren hinterher wieder ein Herz und eine Seele. Die Gewohnheit, mit ihr zusammen zu sein, war schon zu tief in mir verankert und zu einer Lebensnotwendigkeit geworden. Als es dann endlich zum Bruch kam, war ich schon viel zu tief verstrickt. Ich brauchte sie wohl als Gegenspieler und intellektuelle Reibungsfläche. Ohne meine stolze, eigensinnige Freundin fühlte ich mich als halber Mensch. Ihr starkes Ich war darauf zurückzuführen, dass ihre Eltern ihre Erstgeborene behandelten wie eine kleine Prinzessin. Sie redeten mit ihr wie mit einer Erwachsenen. Sie konnte sich Unbeugsamkeit, Eigensinn und Sturheit leisten und kam damit durch. Ich konnte das nicht und musste Kompromisse machen. Das verstand sie nicht.
Ihr interessanter Charakter war schwer zu erfassen und entzog sich jeder Beurteilung. Mit Gut und Böse kam man da nicht weiter.

Hollie kam natürlich auch um keine Arbeitsgemeinschaft herum. Ihre ehrgeizigen Eltern waren da unerbittlich. Sie sang im Chor, lief Cross und nahm an der Kleinen Friedensfahrt teil.
Einmal hatte sie wieder Chor. Ich saß auf den Steinstufen vor der Schule und wartete auf sie. Währenddessen ertönte von oben, aus dem geöffneten Fenster, Gesang. Es herrschte gerade Tauwetter, aber auf dem grünen Gras lag noch etwas harschiger Schnee. Aus Langeweile kratzte ich ihn zusammen und baute einen Schneemann. Als Hollie aus der Schule kam, erzählte ich ihr, dass ich ein Geschenk für sie habe. Sie wurde immer neugieriger. Ich zeigte ihr meinen schäbigen Schneemann. Er war eigentlich eher ein Don Quijote, ein Ritter von der traurigen Gestalt. Wider Erwarten war Hollie vor Freude über ihr Geschenk ganz aus dem Häuschen.
Unser Freund Guni, der ebenfalls im Chor gesungen hatte, stieß auch noch zu uns. Zusammen nahmen wir noch einige Ausbesserungen vor. Wir wühlten in der langsam anbrechenden dunklen Winternacht noch lange Zeit mit bloßen Händen im nassen Schnee rum, bis ihre Mutter sie energisch rein rief. Gunis Vater sah übrigens gar nicht gern, dass sein Sohn mit Mädchen befreundet war. Er wollte einen richtigen Mann aus ihm machen. Guni konnte die Ansprüche seines Vaters nicht erfüllen. Oft hörte ich, wie seine Eltern sich stritten und sein Vater seiner Mutter vorwarf, dass es ihre Schuld sei, dass ihr Sohn zu weich ist. Aber der sensible Guni hing sehr an Hollie und mir. Es zog lieber mit seinen beiden Freundinnen durch die Gegend, als das er sich mit den anderen Jungen raufte und schubste. Gunis Mutter dagegen sah unsere Freundschaft mit Wohlgefallen. Sie hielt mich wohl schon für eine potentielle Schwiegertochter.

Am nächsten Tag lag unser Schneemann in Trümmern. Bei uns im Dorf gab es einen älteren Jungen, der immer unsere Schneehöhlen, Schlitterbahnen, Sandburgen usw. zerstörte. Heute würde ich dahinter einen Hilfeschrei vermuten. Er kam später in eine Anstalt für Schwererziehbare. Darüber waren wir alle froh. Wir Kinder konnten natürlich damals nicht ahnen, wie es in diesen Anstalten so zugeht. Nach der Wende ist ja nicht viel Gutes über diese Spezialkinderheime an die Öffentlichkeit gedrungen. Viele haben dort einen psychischen Knacks fürs Leben abbekommen. Wie es ihm wohl heute geht? Der Junge tauchte in unserem Dorf nie wieder auf.

Hollie war auch diejenige, durch die ich erfuhr, dass ich auch einen Vater hatte. Eines Tages unterhielten sich die Anderen auf dem Spielplatz miteinander über ihre Väter. Wir hatten natürlich keinerlei Ahnung von Biologie. Ich behauptete wichtigtuerisch, dass ich ohne Vater entstanden bin. Darin schien mir kein Widerspruch zu liegen sozusagen die Unbefleckte Empfängnis. Das kam Hollie spanisch vor. Sie fragte bei ihren Eltern nach. Dort erfuhr sie wohl, wie es um meine Herkunft bestellt war.
Seitdem ich von seiner Existenz erfahren hatte, wurde mein Vater zu einer unerschöpflichen Quelle der Fantasie für mich. Ich stellte mir einen Mann zwischen Daniel Boone und Ernst Thälmann vor. Der Tag würde kommen, an dem er mich besuchen kam. Aber instinktiv ahnte ich schon, dass das niemals sein würde.

Der intimste Augenblick in unsrer Freundschaft war vielleicht der Tag, an dem ich, wie schon oft, heulend im Keller saß. Dorthin flüchtete ich mich immer, wenn meine Mutter mich mal wieder verprügelt hatte. Die ständige Gewalt, der ich ausgesetzt war, wurde langsam unerträglich. Es war eigentlich so, als ob man sich auf einem Grund bewegt, unter dem ein Vulkan brodelt.
Wenn ich merkte, dass es eng wurde, versuchte ich aus der Tür zu flüchten. Ich lief allein draußen rum, bis ich hoffte, dass meine Mutter sich wieder eingeklinkt hatte.
Wenn ich nicht mehr aus der Tür kam, suchte ich unter dem Tisch oder unter dem Sofa Schutz. Sie versuchte mich wieder darunter hervorzuzerren. Meistens trieb sie mich durch die ganze Wohnung. Auf dem Blech unter dem Küchenfenster wurde ich meist zusammengetreten. Alle eisernen Gegenstände wie das Rohr vom Staubsauger, der Schürhaken vom Ofen usw. wurden an mir ausprobiert. Der Teppichklopfer war noch das Humanere.

Meine Mutter zog mich auch gerne an den Haaren durch die ganze Wohnung. Die Gewaltspirale drehte sich immer schneller. Meine Mutter wurde immer aggressiver und unberechenbarer. Ich wusste, dass ich nirgendwo Hilfe erwarten durfte. Die Nachbarn taten so, als wenn sie nichts merken würden. Meinen Vater kannte ich gar nicht, und meine Oma war lange vor meiner Geburt verstorben. Mein Großvater wohnte woanders und war wiederverheiratet. Mein Großvater war erst in den Fünfzigern, als ich geboren wurde. Ich aber dachte immer, dass er Hundert ist. Der Grund dafür war, dass er alles Interesse an der Welt verloren hatte und nur noch in der Vergangenheit lebte. Seine größte Freude war das morgendliche Studium der Todesanzeigen in der „Freien Erde“. Ihn überkam wohl ein Triumpfgefühl, wenn er las, wen er wieder überlebt hatte.
Meine Mutter wurde wohl allgemein als taffe, alleinerziehende Mutter geachtet. Da wollte sich Niemand einmischen. Der einzige, der da tiefer sah, war Hollies Vater. Von ihm hatte sie ihre Klugheit geerbt. Er war ein Arbeitskollege von meiner Mutter und durchschaute sie wohl. Ich spürte manchmal, wie ein mitleidiger Blick von ihm auf mich fiel.

Jedenfalls war sie an diesem Tag mal wieder über mich hergefallen, und ich flüchtete in den Keller. Dahin kam sie mir nie nach. Es war Winter und eiskalt. Ich hatte ich es mir deshalb angewöhnt in die Kartoffelkiepe zu klettern und mich mit Zeitungen zuzudecken. An mir nagte das rabenschwarze Unglück. Aus Langeweile schaute ich mir die Gegenstände an, die sich im Keller befanden. Aus meinen häufigen Aufenthalten im Keller waren sie mir schon altvertraut. An einem Haken hing ein Rucksack, der meine Phantasie anregte. Er stammte wohl aus einem alten Leben meiner Mutter, als ich noch gar nicht geboren war. Daneben hing ein tönernes Gefäß, das merkwürdig geformt war. Ich konnte mir seinen Zweck absolut nicht erklären. Jedes Mal wenn ich mal wieder im Keller saß, zerbrach ich mir den Kopf darüber.
Hollie suchte wohl das ganze Haus nach mir ab, und schließlich fand sie mich im Keller. Als sie mich sah, begriff sie auf den ersten Blick was los war.
Ich zeigte ihr die Kartoffelkiepe, in der ich immer drin saß. Wir kletterten rein und deckten uns mit Zeitungen zu. Einträchtig saßen wir beide zusammen und schwiegen. So konnte die egozentrische Hollie auch sein.

So nahe wie an diesem Tag waren wir uns noch nie gewesen. Ich fühlte, dass Hollie mir auch nicht helfen konnte. Wie denn, sie war ja erst 9 Jahre alt, aber ich spürte, dass sie hinter mir stand. Das gab mir Kraft. Ich kannte natürlich ihren Egoismus und hatte meine Zweifel. Aber an irgendwas musste ich mich ja festhalten.

Merkwürdigerweise läutete dieser Höhepunkt unsrer Freundschaft wohl auch ihr Ende ein, obwohl das erst zwei Jahre später einsetzte. Damals ist ihr klargeworden, in was für desolaten Familienverhältnissen ich lebte, und dass mit meiner Mutter etwas nicht stimmte. Langsam fing sie wohl an, sich von mir zu lösen.

Sie fühlte sich inmitten ihrer Eltern und Geschwister, Cousins und Cousinen, Onkels und Tanten gut aufgehoben. Sie sah in mir nur eine Spielkameradin, um die Langeweile zu vertreiben. Ich ahnte schon, worauf das mit Hollie und mir hinauslaufen könnte. Als es dann eintrat, habe ich mich nicht wirklich gewundert.

Als sie mir die Freundschaft kündigte, waren wir erst 11 Jahre alt. Sie nahm eine Nichtigkeit zum Vorwand. Ich versuchte natürlich, sie zurückzugewinnen. Dafür verachtete mich die stolze Hollie gründlich. Sie hätte das niemals getan. Wahrscheinlich wiederholten wir Kinder die Fehler, die die Erwachsen machten.

Ihre ehrgeizige Mutter stolz darauf war, mit welcher Konsequenz sich ihre Tochter ihrer anhänglichen kleinen Freundin entledigt hatte. Sie hielt das wohl für Charakterstärke. Ich hing übrigens sehr an Hollies Eltern und ihren Geschwistern.

Wir wohnten ja im selben Haus und hatten auch denselben Schulweg. Jeden Morgen grüßten wir uns förmlich. Danach beachtete sie mich den ganzen Tag nicht mehr. In der Schule war sie das beliebteste Mädchen und wurde von den Anderen freudig in Empfang genommen.

Hollie gab sich zwar nicht mehr mit mir ab, aber sie beteiligte sich auch nicht an den Hänseleien gegen mich. Sie verbündete sich auch nicht mit den Anderen. Das hatte ich immer befürchtet. Dann wäre mir wohl der Glauben an die Menschheit verloren gegangen.

Aber wer weiß, wie sich das mit Hollie noch entwickelt hätte, wenn sie nicht weggezogen wäre. Sie zog in einen Ort unweit von unserem Dorf. Irgendwann hätte sie ihre Neutralität mir gegenüber vielleicht doch aufgegeben. Aus Gruppenzwang hätte sie vielleicht mit den anderen mitgemacht. Ich glaube das aber nicht, weil sie keine Mitläuferin war.

Ich musste so tun, als wenn wir uns kaum kannten. Das war für mich schwierig, da mir Niemand mehr vertraut war als sie.
Hollie bemerkte missbilligend, das ich zwanghaft das Gleiche anzog wie sie. Hatte sie eine neue Mütze, überredete ich meine Mutter, mir Dieselbe zu kaufen. Mit Stiefeln und Anoraks war es das Gleiche. Vielleicht könnte ein Psychologe das erklären.
Ich spürte instinktiv, dass sie mich hasst und konnte mir nicht erklären warum. Vielleicht hatte sie ein schlechtes Gewissen. Wir wussten beide, dass sie mich verraten hat. Hollie war viel zu intelligent, um sich selbst etwas vormachen zu können.
Schnell hatte sie eine neue beste Freundin. Die beiden zogen Arm in Arm durch die Gartenkolonie. Dort ging ich natürlich auch mit einer Freundin spazieren.

Wir begegneten uns oft außerhalb der Schule. Jedes Mal hatte ich das Gefühl, sie denkt, ich laufe ihr nach. Damit hatte sie vielleicht gar nicht mal so Unrecht. Tatsächlich war mein größter Traum, dass wir eines Tages wieder alle zusammen durch die Gegend ziehen werden, so wie früher. Aber mein Gefühl sagte mir, dass das nie mehr so sein wird.
Hollies Mutter war sehr tolerant. Schon mit 11 Jahren durfte sie zusammen mit ihrer Freundin, die ein bisschen älter war, zum Jugendtanz in unserem Dorf gehen.

Die Erlebnisse, die die Beiden bei diesem sagenumwobenen Jugendtanz eventuell haben könnten, gaben meinen neidischen Fantasien endlos Nahrung. In Wirklichkeit saßen sie wohl nur mit wichtiger Miene vor einem Glas Fassbrause, tanzten miteinander, und um 8 mussten sie gehen.
Den Jungs waren sie noch viel zu klein. Die waren meist viel älter und schon in der Lehre.
Ich wäre nur zu gerne mit ihnen mitgegangen. Sie fragten mich natürlich nicht. Die Freundin war nicht der Grund. Sie war nicht eifersüchtig und hing nicht halb so sehr an Hollie wie ich.
Die beiden gingen immer eingehakt durch die Gegend wie ein Liebespaar und tuschelten geheimnisvoll. Wie ich mir vorstellte, ging es um ihre Erlebnisse in dieser Disko. Ihre neue beste Freundin konnte Hollie intellektuell das Wasser nicht reichen. Wie alle Verlassenen gab ich mich der Illusion hin, dass sie Hollie schnell langweilen würde. Aber die beiden blieben auch noch Jahre nach ihrem Wegzug befreundet, trafen sich und schrieben sich Briefe.

Kurz vor ihrem Wegzug machten wir noch eine Klassenfahrt. Sie ignorierte mich wie immer. Auf der Rückfahrt war eine Rast. Danach setzte sie sich, wie zufällig, neben mich. Ich wusste, dass das nichts zu bedeuten hat. Wahrscheinlich hatte sie doch noch nicht alles vergessen, und wollte einen Schlussstrich unter unsere Beziehung setzen.
Seit langer Zeit hatten wir kein Wort mehr gewechselt. Erst redeten wir einsilbig über Nebensächlichkeiten. Dann schwiegen wir beide. Mir wurde bewusst, wie traurig es war, dass ich hier mit Hollie, die früher mein Ein und Alles war, ein nichtssagendes Höflichkeitsgespräch führte, so als wenn wir Fremde wären. Draußen vor dem Busfenster zogen die nächtlichen Wälder vorbei. Hinter diesen Busfenstern schien das unbekannte Leben zu liegen. Ein Leben, in dem wir uns nicht mehr begegnen würden. Wir beide, die uns ja so gut kannten, dass wir uns wortlos verstanden und genau merkten, was der Andere fühlte, wussten, dass es vollkommen aus war zwischen uns. Das war wohl mein Abschied von der Kindheit.

Als ich 16 war, habe ich Hollie mal Hand in Hand mit ihrem Freund durch ihre Stadt laufen sehen. Für ihn war sie eine Frau. Ob er in ihr die Hollie sah, die ich kannte? Und war meine Freundin überhaupt noch dieselbe? Vielleicht hatte sich ihr schwieriges, rätselhaftes Wesen, das mich so anzog, verflüchtigt. Und ob sie das überhaupt je gewesen war? Vielleicht war das nur meiner Fantasie entsprungen.
Merkwürdigerweise sah ihr Freund unserem gemeinsamen Kindheitsfreund Guni ähnlich, der im selben Haus lebte wie wir. Hollie hatte mir mal anvertraut, dass sie ihn mochte. Damals waren wir noch gar nicht in der Schule. Er lebte jetzt nicht weit von ihrer Stadt entfernt. Ob sie ihn wohl jemals wiedergesehen hat?

In meinem Lehrlingsinternat gab es ein Mädchen aus Hollies neuer Stadt. Sie war mit meiner Freundin eine Weile in dieselbe Klasse gegangen. Zu meinem Erstaunen war ihr nichts Besonderes an ihr aufgefallen. Sie hatte aber auch keine Schneemänner auf grünem Gras mit ihr gebaut.

Ich habe Hollie damals natürlich gegrüßt. Sie aber ignorierte mich. Sie schien alles vergessen zu haben: Das Rumklettern auf den Bäumen genauso wie die Winter, in denen wir uns im Schnee eingegraben haben. Sie hatte vergessen, wie wir im Regen barfuß durch die Pfützen getanzt sind, während uns die Blitze um die Ohren zuckten. Auch diese ganzen herrlichen Kindheitssommer, in denen unsere nackten Füße auf der Teerstraße festklebten und wir unter der Brücke, die über den Fluss führte, durchschwammen, währenddessen unsere Rufe unter ihr widerhallten, bedeuteten ihr nichts mehr, und sie war wohl jetzt eine Frau geworden.
Wenn ich Hollie aus meinem Gedächtnis streichen würde, hätte ich niemals eine Kindheit gehabt. Sie war meine Kindheit. Ich sehe sie immer noch, wie sie, die geborene Anführerin, mit aufgelösten, wehenden Haaren, die ihr bis zu den Hüften reichten, vor uns her durch die Wälder und Felder stürmt.

Sie machte wohl, als ich sie wiedertraf, gerade eine aufmüpfige Phase durch und hatte ihre schönen Haare mit einer grässlichen Frisur verunstaltet. Ich nahm ihr ihre Rebellion nicht ab. Ich wusste, dass sie eigentlich gar keinen Grund hatte zu rebellieren. Das war für sie bestimmt nur eine kurze Phase. In der Stadt und auf ihrer Penne war sie nur eine von Vielen. Darüber war sie zornig. In ihrer Kindheit auf dem Dorf, wo ihre Eltern sehr beliebt waren, hatte sie immer im Mittelpunkt gestanden.
Sie hörte jetzt bestimmt mit ihrer neuen Clique die heißesten Bands von der ganzen Welt, von denen ich noch nie gehört hatte. Unsere Mädchenfreundschaft ist ja genau an der Schwelle zur Pubertät auseinandergebrochen. Die Kindheit ist zu Ende mit Schaukeln an der Turnstange, in den Gärten Kirschen pflücken, dieselben Zopfhalter tragen, endlos Völkerball, bis die Dunkelheit hereinbricht, spielen usw. Langsam nähert sich das Erwachsenenalter. Natürlich ist das mit 11, 12 noch ein Weilchen hin. In diese Kindheit, von der sie sich löste, gehörte ich mit rein.

Langsam wird das andere Geschlecht interessant. Hollie war ziemlich frühreif und hat bald die ersten Erfahrungen mit Jungs gemacht. Das sprach sich aus ihrer neuen Heimatstadt, die nicht weit entfernt war, bis in unser Dorf rum. Die jungen Burschen in meiner Heimat sind in dieser Beziehung nicht allzu diskret. Ich wunderte mich eigentlich über sie. Ich kannte ihren Stolz.
Mit 15, 16 hatte sie schon einen festen Freund. Später hat sie sich mit ihm ein Haus gebaut und eine Familie gegründet.

Das Auseinanderbrechen einer Kindheitsfreundschaft ist eigentlich nichts Besonderes, aber ich entwickelte natürlich eine schwere Störung was zwischenmenschliche Beziehungen anbelangt.
Für mich war der Verlust ihrer Freundschaft das völlige Desaster. Ich lebte auf einem kleinen Dorf. Da gab es nicht viele in meinem Alter. Nach ihrem Wegzug schaute ich immer noch traurig zu dem Küchenfenster von Hollies Wohnung auf. Aus dem hatte sich früher immer ihre Mutter heraus gelehnt. Jetzt schaute da eine andere Frau raus.
Ich war völlig auf mich selbst zurückgeworfen und war wohl meine intellektuelle Gegenspielerin losgeworden. Ich vermisste schmerzlich die altklugen Gespräche mit der schlauen Hollie, lebte nur von Büchern und schmorte im eigenen Saft. Keiner störte mich mehr in meinen Fantasien und Träumereien. In der Schule geriet ich immer mehr in eine Außenseiterposition. Ich träumte nur noch davon abzuhauen.
Die Pubertät machte die Jungen aus meiner Klasse zu unangenehmen Zeitgenossen. Wenn ich mich morgens in meine Schulbank setzte, fuhr mir sofort die Hand meines Nachbarn zwischen die Schenkel und der, der hinter mir saß, fing an, an meinem BH zu ziehen. Die Lehrer halfen einem nicht. Sie taten so, als wenn sie nichts mitkriegen würden.

Ich weiß noch wie heute, welcher Schreck mich immer befiel, wenn ich sah, wie unser Polytechniklehrer seine Zigaretten und sein Feuerzeug nahm. Er ging dann vor die Tür der Werkstatt, um einen Schwatz zu halten. Ich fühlte, wie mir meine Felle davonschwammen. Sofort wurde ich von den Jungs aus meiner Klasse umringt, die an meiner Kleidung zogen und meinen Körper befummelten. Hier vor dem Schraubstock, in den wir seit Monaten immer dasselbe Stück Blech einspannten und befeilten, hatte ich leider keine schützende Schulbank im Rücken. Von den anderen Mädchen hatte ich nichts zu erwarten. Im Gegenteil, sie signalisierten den Jungen durch ihr Schweigen ein geheimes Einverständnis.

Ein rabenschwarzer Tag war für mich ein Sommertag, als ich in der achten Klasse war. Unserer Klasse kam gerade von einem Arbeitseinsatz zurück. Ich freute mich, dass ich ein paar Mark verdient hatte, aber meine Freude währte nicht lange. Wir fuhren mit einem sogenannten Aufsatzbus. Unser Klassenlehrer saß vorne in der Fahrerkabine. Die Stimmung war ausgelassen. Ich lachte über einen Witz. Plötzlich umringten mich vier Jungen aus meiner Klasse und hielten mich an Armen und Beinen fest. Ich konnte mich nicht mehr rühren. Sie spreizten mir die Schenkel und zogen meinen Slip bis zu den Füßen runter. Die Anderen aus meiner Klasse, auch die andern Mädchen, versuchten nicht, mir zu helfen. Im Gegenteil, ich spürte ein geheimes Einverständnis. Auch meine Schulfreundin, oder die, die ich dafür hielt, half mir nicht. Sie gönnte es mir wohl. So wie die anderen Mädchen, war Hollie, die ja schon lange weggezogen war, nicht. Neben Egoismus existierte in ihr auch Gerechtigkeitssinn. Endlich hielt der Bus in meinem Heimatdorf. Mein Martyrium hatte ein Ende. Ich musste aber am Montag wieder in die Schule.

Es hatten natürlich nicht alle was gegen mich. Viele trauten sich nicht, mir zu helfen, aus Angst, dass sich die Aggressionen dann gegen sie richten werden und sahen weg. In solchen Kollektiven setzen sich meist die negativen Charaktere durch und übernehmen eine Führungsrolle. Sie haben wohl einen stärkeren Charakter. Ich habe mir immer vorgestellt, dass der Nationalsozialismus so funktioniert hat. Ich weiß auch nicht, ob gegen so etwas Montessorischulen helfen. Dort fördern wohl, jedenfalls stelle ich mir das so vor, die Lehrer Freundschaft und Solidarität zwischen den Schülern und gehen dagegen vor, wenn jemand ausgeschlossen wird. Ein Kumpel von mir ist der Meinung, dass die Kinder dann später in der harten Realität, wo Konkurrenzdenken und Mobbing herrscht, nicht zurechtkommen. Aber wahrscheinlich hat auch noch keine Montessorischule einen Serienkiller hervorgebracht.

Vielleicht ist es das wichtigste Ziel einer Schule, jedem klarzumachen, wo sich sein Platz in der Gesellschaft befindet und sich notfalls auch mit einer Randexistenz in der Hierachie abzufinden. Das ist wohl wichtiger als die Kenntnisse, die man da erwirbt. Mir wurde jedenfalls der Platz des Außenseiters zugewiesen, der für das Kollektiv sehr wichtig ist, da es sich darüber definiert. In einer Schulklasse werden ein Haufen aggressiver Kinder zusammengesperrt, wovon sich die stärksten, und ich meine nicht in erster Linie die körperlich stärksten, durchsetzen. Es gibt kein Entweichen wie bei einer Arbeitsstelle, wo man notfalls kündigen kann. Jeden Tag, viele Jahre lang, muss man unausweichlich immer wieder in die Schule. In den Kindern prägt sich die Erkenntnis ein, dass es günstiger ist, immer auf Seiten der Mehrheit zu stehen und eine eigene Meinung zu verleugnen. An dieser Urerkenntnis halten viele ihr ganzes Leben, auch später auf ihrer Arbeitsstelle, stur fest. Dieses frühzeitig erlernte Verhalten hat uns Deutsche in den Jahren 1933 bis 1945 fast in den Untergang geführt. In meiner Schulzeit war auch das sogenannte Abzählen im Sportunterricht, wo zwei Mannschaften gebildet werden sollen, und wo am Schluss die unbeliebtesten Schüler noch in der Reihe stehen, sehr wichtig. Dadurch wurden die Hierarchien in der Klasse sichtbar gemacht. Heute soll das ja angeblich verboten sein. Die Lehrer, die damals dafür verantwortlich waren, sollen in der Hölle schmoren.

Ich stand dort auch immer und schämte mich in Grund und Boden. Ich wünschte mir, dass sich ein Loch im Parkettboden der Turnhalle auftut und mich verschlingt. Ich betete, dass der Kelch an mir vorüberging und ich wenigstens nicht als Letzte in die Mannschaft gewählt wurde. Insgeheim hoffte ich, dass ich wenigstens noch als Vorletzte, vor einer Mitschülerin, die körperliche Einschränkungen hatte und deshalb auch noch in der Reihe stand, gewählt wurde. Das zeugt natürlich nicht von Gerechtigkeitssinn, und das wusste ich auch und verachtete mich selber dafür. So werden die Kinder gegeneinander ausgespielt. Was wohl in den Lehrern vorging, die dieses sogenannte Abzählen initiiert haben. Wollten sie uns hart machen für den Überlebenskampf, oder wollten sie ihre eigenen Frustrationen an uns auslassen? Ein paar Jahre später habe ich das Mädchen mal im Zug wiedergetroffen. Ihr Vater hatte sich übrigens damals auch aufgehängt. Sie freute sich ehrlich mich zu sehen. Sie, die früher immer zu den ausgegrenzten Schülern gehört hat, erzählte mir, dass sie bester Lehrling geworden ist und einen festen Freund hat. Ich schämte mich in Grund und Boden für damals. Ich, die selber Außenseiter war, hatte wie alle Außenseiter ein feines Gespür für Hierarchien entwickelt.

Ich habe mal im Fernsehen ein Experiment gesehen, bei der die Anzahl der Schüler beim Abzählen ungerade war. Ein kleiner Junge blieb schließlich übrig. Er war völlig fertig. Vielleicht hätte man dieses Experiment nicht machen sollen. Sowas prägt sich ein. Obwohl er erst 6, 7 Jahre alt war, wusste er schon, dass man die Solidarität der Anderen benötigt, um in der Welt zurechtzukommen. Wer nicht gesellschaftlich akzeptiert wird, ist schutzlos preisgegeben. Durch diese Erlebnisse entwickelte ich eine Abneigung gegen Hierarchien. Als nach der Wende die Hausbesetzer aus Westberlin nach Friedrichshain rüberkamen und hier Häuser besetzten, stellte ich schockiert fest, dass in den besetzten Häusern strenge Rangordnungen existierten. Sie, die frei sein wollten, haben nur das wiederholt, was sie in ihrer Schulzeit gelernt haben. Vielleicht gab ihnen das ein vertrautes Gefühl in der fremden Stadt.

Es war ein paar Jahre später. Ich war schon aus der Schule raus und Lehrling und wartete auf den Bus. Da kam mal der eine aus meiner Klasse, der damals auf der Klassenfahrt die treibende Kraft gewesen war, zusammen mit seiner Freundin zur Bushaltestelle. Er hatte jahrelang die Anderen gegen mich aufgestachelt. Sie sah in ihm etwas ganz anderes als ich. Ich aber hatte immer noch sein gerötetes, hasserfülltes Gesicht vor Augen, damals in dem Aufsetzbus. Er war Menschenkenner und gehörte zu den Intelligentesten in meiner Klasse. Er konnte Andere manipulieren. Er selbst hat mich nie angefasst. Ich spürte aber, dass er viel gefährlicher war als die anderen Jungs, die bloß brutal waren. Manchmal traf mich ein Blick von ihm, in dem ich eine so tiefe Abneigung las, dass mir schauderte. Da wurde mir klar, dass ich ihn nicht loswerde. Er würde unbarmherzig versuchen, mich fertig zu machen. Die Lehrer arrangierten sich mit denen, die in den Klassen das Sagen hatten. Sie schauten weg, wenn Mitschüler gequält wurden. Dafür wurden sie selbst in Ruhe gelassen. Aber auch die Schulzeit hatte mal ein Ende.

Sein Vater war Alkoholiker und hatte sich übrigens auch während unserer Schulzeit erhängt. Seine Mutter sah immer traurig aus. Sie war eine freundliche, dicke, kleine Frau. Ich traf sie oft auf der Dorfstraße.
Jemand anders an seiner Stelle und mit seiner Intelligenz hätte Gitarre gespielt und Gedichte geschrieben und sich die Haare lang wachsen lassen. Er dagegen war ein konservativer Bursche und hatte mit sowas nichts am Hut. Bei ihm schlug die Frustration in Brutalität um.

Hollie war ja immer die Beliebteste gewesen. Ich wunderte mich, dass sie nach ihrem Wegzug von Niemandem in unserer Klasse mehr erwähnt wurde. Auch die, die ich immer für ihre Freundinnen gehalten hatte, sprachen nie wieder von ihr. Ich schien die einzige zu sein, die sie vermisste.
Eigentlich war ich nun völlig mir selbst überlassen, und keiner kümmerte sich groß um mich.

Meine Freundin, die aus meinem Leben verschwunden war, tauchte dafür von Zeit zu Zeit immer mal wieder in einer Gestalt aus Büchern und Filmen auf. Natürlich war sie der altkluge, begabte Dill, obwohl der ein Junge ist, in „To kill a Mockingbird“.

In "Süßer Vogel Jugend" von Tennessee Williams war sie Heavenly.
Sie war auch die verwöhnte Jacy in "Die letzte Vorstellung" von Larry McMurtry, und ich fand sie in Isabel aus "Klassentreffen" von Simone van der Vlugt wieder. Als ich mal einen Film mit der geheimnisvollen, mandeläugigen Schönheit Ornella Muti sah, stellte ich fest, dass sie Hollie ähnlich sah.
Ziemlich genau hat ihren unberechenbaren Charakter auch Marcel Proust in seiner Kindheitsliebe Gilberte aus der "Recherche" getroffen. Im Film "Fräulein Niemand" von Andrzej Wajda, erkannte ich sie in der doppelbödigen, hochbegabten Kasia, aus der eine große Musikerin hätte werden können. Am besten getroffen ist sie in der Figur der stolzen Tochter des Pfarrers aus dem Film „Das weiße Band“. Da ist das Mädchen, das die anderen Kinder aus dem Dorf anführt.

Die Dorfbibliothek war mein Lebenselixier geworden. Durch den Verlust meiner Freundschaft zu Hollie verlor ich auch eine wichtige Bindung an meine Heimat. Auf Jugendweihefahrt in Berlin überlegte ich schon, ob ich ausreiße und einfach in Berlin bleibe. Dann hätte Berlin eine 13-jährige Neubürgerin gehabt.
Die Situation zu Haus mit meiner Mutter wurde immer desolater und unhaltbarer, auch wenn ich mich bemühte, nichts von unserer häuslichen Situation nach außen dringen zu lassen. Mir war klar, wir beide sitzen im selben Boot. Manchmal, wenn wir uns angeschrien haben, sagte ich auch schon mal selber zu meiner Mutter, dass wir wegen der Nachbarn leiser sein müssen.

Meine Freundin war wohl meine erste Liebe. Aber es war natürlich keine körperliche Liebe.
Der, der liebt, sieht das in dem Anderen das, was er sein könnte. Ich war immer felsenfest überzeugt davon, dass aus ihr etwas ganz Besonderes wird. Davon war bestimmt auch ihre Mutter überzeugt. Natürlich erkannte ein kluges Mädchen, wie Hollie, auch schnell die Grenzen, die ihr durch ihr Frausein gesteckt waren. Sie akzeptierte sie, ganz im Gegensatz zu mir. Hollie ist vielleicht der Typ Mensch, der ein Geschenk für die Welt sein könnte. Aber dafür war sie wohl zu egoistisch.

Erst viel später ist mir klargeworden, dass meine Freundin einfach ein intelligentes, normales Mädchen mit einem starken Familiensinn war, das sich sehr gut an ihre Umgebung anpassen konnte. Ich, die ohne Vater und Geschwister aufgewachsen ist, habe wohl zu viel in sie hineininterpretiert. Sie ist nie weit von ihrem Elternhaus weggezogen. Sie ist wohl glücklich und lebt bloß für ihre Familie, wie ihre Mutter das auch gemacht hat und hat nie etwas Anderes gewollt.

In diesem Moment stehe ich auf dem Ostbahnhof und warte auf den Zug, der mich in meine Heimat bringen soll und frage mich, warum aus mir eigentlich kein verfickter, soziopathischer Serienkiller geworden ist. Das ist auch eine, wenn auch zugegeben etwas strange, Methode, seine Vergangenheit zu bewältigen. Mein Dorf wäre nie mehr ohne den Zusatz: „und hat eine traurige Berühmtheit erlangt“ erwähnt worden. Es würde natürlich nur Männer in Trainingsanzügen erwischt haben. Die Schnur der hässlichen Trillerpfeife, die diesen Typen immer um den Hals hängt, wäre von mir anderweitig zweckentfremdet worden.

Entschuldigung Leute, ich habe mir das hier gerade noch mal durchgelesen, und mir ist aufgefallen, dass das mal wieder so ein ärgerliches Betroffenheitsding geworden ist, so was Ähnliches wie, wenn im Fernsehstudio jemand sitzt und etwas Betrübliches erzählt, und die anderen Gäste müssen so tun, als wenn sie das interessiert.

 
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Hallo @Frieda Kreuz ,

und willkommen. Vorweg: Ich bin noch nicht durch mit der Geschichte, kann dir nicht versprechen, dass ich zu Ende lesen werde.

Was mir am deutlichsten ins Gesicht springt: Deine Vorliebe für Kommas und Kommata. Ich lese gerade den "Zauberberg" vom Thomas Mann und was soll ich sagen, Mann tut damit ja niemandem einen Gefallen.

Dein erster Satz:

Aus mir hätte auch ein soziopathischer Serienkiller werden können, was auch ein, wenn auch zugegebenermaßen etwas stranger, Weg ist, Kindheitserlebnisse zu verarbeiten und der Name von meinem Dorf wäre nie ohne den Zusatz: „und hat eine traurige Berühmtheit erlangt“ genannt worden.
Mein lieber Mann, da muss ich drei Mal lesen, bis ich durchsehe – und das ist nicht gut.


In erster Linie machst du damit das Leben des Lesers schwerer: Verständnis, Lesefluss, Immersion leiden unter kleistschen Formaten, der Leser wird gefrustet und beendet die Lektüre vorzeitig. Dass du dir selbst damit ebenso wenig einen Gefallen tust, zeigt dieses:

Bei uns auf dem Dorf, wo Jeder Jeden kannte, hatte, wer Einen aus der Familie nicht mochte, hatte auch feindselige Gefühle gegen den Rest der Sippe.
und noch viele andere Sätze. Hier wird offenbar, dass du selbst am Ende des Satzes nicht mehr so recht wusstest, was darin enthalten ist. Wie soll es der Leser dann entschlüsseln?

Von unserem Nachbardorf erzählte man sich,
"Vom Nachbardorf" würde ich kürzer schreiben (wenn ich vom Nachbardorf rede, ist klar, dass es "von hier aus" gemeint ist, dass das Nachbardorf das unsere ist.)

Ich bin 9 Jahre alt war und stehe auf dem unteren Holm des Stufenbarrens und soll über den oberen springen.
So eine doppelte und-Konstruktion ist immer unschön, besser einen Bogen drum machen, wenn es geht. Auf die Zeitformen komme ich am Ende noch zurück.
Ich, die ja erhöht stehe, sehe in sein feistes, selbstzufriedenes Jungeehemännergesicht.
Hier mal ein Beispiel dafür wie man kommalastige Relativsätze, Appositionen, adverbiale Bestimmungen schlicht umgehen, den Satz einfacher formulieren kann.
"Ich stehe erhöht und sehe in ein feistes, selbstzufriedenes Jung..."
Und weiter:

Isolde[,] war eine zierliche Brünette mit grünen Mandelaugen[,] und ich wunderte mich immer, wenn ich sie ansah, und ich sah sie gerne an, denn ich war der Meinung, dass meine Freundin das hübscheste Mädchen in unserem Dorf war, warum ihre Eltern ihr diesen gewichtigen Namen, der gar nicht zu ihr passte, auf ihre schmalen Schultern geladen haben.
Ein wahres Komma-Monster, zumal die markierten Kommas schlicht falsch sind. Ja, insgesamt wirkt es tatsächlich, als wolltest du jemandem etwas über den Umweg der unschuldigen Kommas beweisen.
Auch dieser Satz büßt schlicht an semantischer Integrität ein, da hier in der Aussage eines Satzes (der schon hinreichend mit Neben- und Hauptsätzen angefüllt ist) ein ganz anderer Satz, eine ganz andere Aussage noch hineingequetscht wird.

"Isolde war eine zierliche Brünette mit grünen Mandelaugen und wenn ich sie ansah, wunderte ich mich immer, warum ihre Eltern ihr diesen gewichtigen Namen auf die schmalen Schultern geladen haben, der gar nicht zu ihr passte."

"Ich sah sie gerne an, denn ich war der Meinung, dass sie das hübscheste Mädchen im Dorf war."

Vorschlag:

"Isolde war eine zierliche Brünette mit grünen Mandelaugen und das hübscheste Mädchen im Dorf. Wenn ich sie ansah, wunderte ich mich, warum ihre Eltern ihr einen so gewichtigen Namen auf die schmalen Schultern geladen haben."

Dass der Name nicht passt, wird daraus schon deutlich. Auf diese Weise könnte ich jeden zweiten Satz auseinandernehmen – was ich letzten Endes beim Lesen auch tue, da ich sonst nichts verstehe. Und das möchte ich als Leser eben nicht tun, da geht das Leseerlebnis flöten.

Ein weiterer sehr wichtiger Punkt sind die Zeitformen. Du springst scheinbar willkürlich immer wieder vom Präsens ins Präteritum und wieder zurück. Das ist maximal verwirrend.

Wenn du beginnst, die Geschichte in der Vergangenheit zu erzählen, dann wird niemals der Sprung ins Präsens erfolgen. (Mit der Ausnahme, dass die Geschichte in Gegenwart und Vergangenheit unterteilt ist, was hier nicht der Fall ist.)
Wenn du die Geschichte in der Vergangenheit erzählst (also im Präteritum), greifst du auf das Plusquamperfekt zurück, sobald etwas innerhalb des Zeitrahmens der Geschichte wiederum in der Vergangenheit erzählt wird.

Man korrigieren mich, falls ich hier Unsauberes erzähle.

Du kannst schreiben und verstehst es, das Interesse des Lesers zu wecken, deine Figuren lebendig zu machen. Aber mit diesem Komma-Wahn tust du niemandem einen Gefallen, am allerwenigsten deinem eigenen Text. Die Geschichte hat mich sofort in ihren Bann gezogen, aber jedes Mal wieder rausgeworfen, weil die komplizierten Sätze es mir verboten.

Ob ich ungescholten auf den Inhalt eingehen werden könne, wird davon abhängig sein, ob ich Lust habe, mich durch diese Komma-Wälder zu wühlen. Und damit zusammenhängend auch an dir. Gestalte den Text flüssiger, unkomplizierter, es wäre schade drum, wenn sich niemand der Geschichte an sich annimmt, weil der Stil zu unleserlich ist.

Nimm das nicht zu hart, es sind objektiv betrachtete Leseeindrücke. Hoffentlich kannst du damit etwas anfangen und den Text entsprechend vereinfachen, denn wie gesagt, schreiben kannst du, nur lesen kann man es noch nicht so recht.

MfG

 
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Hallo Putrid Palace,
Du hast den Finger auf die Wunde gelegt. Ich habe wirklich extreme Schwierigkeiten gehabt, den Anfangsteil zu schreiben und habe den ständig umgestellt. Eigentlich wollte ich so anfangen: "Ich stand auf dem unteren Holm des Stufenbarrens und ...". Das mit dem soziopathischen Serienkiller kam erst später. Ich habe gerade in einer Biografie von Leonhard Frank gelesen, dass er drei Monate für den ersten Satz von der "Räuberbande" gebraucht hat. Dass ich ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit springe, ist gewollt, aber vielleicht nicht so gut. Und auch der Satz, in dem es darum geht, dass sich der Sportlehrer in Wirklichkeit an meiner Mutter rächen wollte, gefiel mir nicht so richtig. Ich wollte ihn schon wegstreichen. Ich habe auch befürchtet, dass es nicht richtig rauskommt, dass Hollie in Wirklichkeit Isolde heißt und auch, dass die Leser denken, dass es hier um eine lesbische Liebe geht. Es war natürlich nur eine Kinderfreundschaft, auch wenn ich von erster Liebe spreche. Auf den Gedanken, über Kindesmisshandlungen durch die alleinerziehende Mutter zu schreiben, hat mich Harald Martenstein gebracht, als er seinen Roman "Wut" im Fernsehen vorgestellt hat. Als ich das Buch las, erlebte ich meine Mutter wieder. Eigentlich habe ich ja vorgehabt, den Text "Gewalt" zu nennen, da hier permanent Gewalt ausgeübt wird: durch den Sportlehrer verbal, durch meine Mutter, durch die anderen Kinder handgreiflich usw. . Ich habe mich auch entschlossen, dass Thema: Sexuelle Übergriffe unter Mitschülern, anzusprechen. Viele Mädchen und vielleicht auch Jungen haben diese Erfahrung gemacht, aber dazu gibt es wenig Literatur. Es war natürlich in diesem Bus nach der Klassenfahrt keine Vergewaltigung, aber es war doch eine Demütigung, die sich eingebrannt hat. Ich wollte eigentlich, dass der Leser ständig hin und hergeworfen ist, zwischen der heilen Kinderwelt mit Kindergeburtstagen usw. und den Gewalttätigkeiten, so dass keine Langeweile aufkommt.

 
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Hallo @Frieda Kreuz ,

ja, der Anfang der Geschichte ist vllt der schwierigste Teil, Zeit nehmen sollte man sich damit – und dann passt er am Ende trotzdem nicht. Ich wollte aber auch auf den Inhalt dessen und den Inhalt deiner gesamten Geschichte gar nicht eingehen – bin mir sicher, das habe ich auch nicht getan.

Ich habe die Geschichte nicht komplett gelesen und enthalte mich daher (noch) einer Beurteilung des Inhalts. Was ich Dir lediglich ans Herz legen wollte, war meine Ansicht zum schwer leserlichen Schreibstil, genauer: Die hart verschachtelten Sätze. Und die kommen ganz und gar nicht nur am Anfang vor, ich habe auch später noch reichlich davon entdeckt. Das ist nicht falsch, aber etwas, wovon ich unbedingt abrate, denn der Leser ist König – ihm muss der Text gefallen. Und das wird dieser nicht, wenn er diesen nicht lesen kann – oder zumindest arge Schwierigkeiten damit hat, ich musste manche Sätze Stück für Stück auseinandernehmen, um den Inhalt gänzlich verstehen zu können. Das war der harte Kern meiner Kritik, obendrauf kommen noch zahlreiche orthografische Fehler, die sich wiederum negativ auf die Lesbarkeit auswirken.

Auf den Inhalt bin ich noch gar nicht eingegangen. Das werde ich tun, sobald ich die Geschichte gelesen habe, und ich nehme mir vor, das auch zu tun. (versprechen kann ich leider gar nichts außer das hier)
In diesem Sinne wollte ich Dir auch ans Herz legen, noch einmal über den Text zu schauen, Fehler zu beseitigen, ggf. eingie Sätze abzuflachen. Bei einem so langen Text ist es schwer für Leser, auf einzelne orthografische oder andere Kleinigkeiten einzugehen, dem werde ich mich beim Durchlesen vllt widmen.


MfG

 

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