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Die Sonnenblume

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19.05.2020
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Die Sonnenblume

Der Sonnenaufgang nahte. Die Blume neigte ihren langen Hals Richtung Osten, um die ersten Strahlen der Julisonne aufzufangen. ‚Hoffentlich besuchen mich die Bienen heute wieder‘, dachte sie sich. Alles was sie wusste, hatte sie von ihnen gelernt; andere Sonnenblumen kannte sie nicht und die Gespräche mit den Weizenhalmen, in deren Mitte sie wohnte, langweilten sie. Manchmal erzählte sie den Gräsern von ihrer täglichen Ausrichtung nach der Sonne. Es war anstrengend, aber die Blume machte es gerne. Sie genoss nichts mehr als das Gefühl der Wärme auf ihren Blättern und ihrer Blüte. Die Weizenhalme, die den einzigen Sinn des Pflanzenlebens darin sahen, nützlich zu sein, waren erstaunt über die exzentrische Sonnenblume. ‚Sie ist schön, aber nutzlos‘, dachten sie sich; dass die Blume jeden Tag ihren Hals verrenkte, um der Sonne nah zu sein, empfanden sie als reine Zeitverschwendung. Welche andere Pflanze nahm solche Mühen auf sich?

Das stimmte die Sonnenblume nachdenklich; sie war traurig darüber, dass man sie für überflüssig hielt. Sie beschloss, sich nicht mehr nach der Sonne zu richten. Fortan verharrte sie Tag und Nacht in derselben Position, ausgerichtet nach Osten. Die Zeit verging. ‚Wer braucht schon so viel Sonne‘, sagte sich die Blume. ‚Die Mühe ist es nicht wert.‘ Sie gewöhnte sich an das Nichtstun und hörte schließlich auf zu wachsen. ‚Vielleicht ist es besser, wenn ich die Weizenhalme nicht überrage; dann bin ich wenigstens nicht allein‘, redete sie sich ein. Trotzdem erwischte sich die kleine Blume manchmal dabei, wie sie an die Abendsonne dachte. Die Sonnenstrahlen fühlten sich anders an als morgens; wärmer und kraftvoller. ‚Wie es wohl wäre, den Kopf wieder nach Westen zu neigen?‘ Die Sonnenblume beschloss, vernünftig zu sein.

Die Tage zogen ins Land und die Blume wurde immer trauriger. Ihre Blätter, die leuchtend gelb gewesen waren, wirkten mittlerweile fast bräunlich. Die Bienen besuchten sie kaum noch; die wenigen, die kamen, verzogen sich schnell wieder. Manchmal hörte sie, wie die Weizenhalme hinter ihrem Rücken tuschelten. „Sie wirkt alt und verbraucht; ich finde sie überhaupt nicht mehr schön.“

Summ, summ, summ. Das erste Mal seit langer Zeit hörte sie das vertraute Geräusch. Die Biene setzte sich und fragte die Blume: „Warum sind deine Blätter braun?“ Die Blume antwortete: „Ich folge der Sonne nicht mehr. Es ist zu mühselig, sich immerzu zu verrenken.“ Die Biene wunderte sich über die Faulheit der Blume. „Jeden Tag sammle ich Nektar, damit wir den besten Honig herstellen können. Und du hängst hier nur herum?“ Die Blume wiederholte, was die Weizengräser gesagt hatten. „Ich bin nutzlos. Ob ich mich nun nach der Sonne richte oder nicht – es interessiert ohnehin niemanden.“ Die Biene schüttelte den Kopf. „Alberne Blume! Die Gräser sind gewöhnlich und haben keinen Sinn für solche Dinge. Wir Bienen suchen Blumen nach Farbe und Duft aus. Je größer und schöner du wirst, desto mehr von uns wirst du anlocken." Die Biene brach auf. Als die Sonne langsam Richtung Westen wanderte, folgte ihr die Blume.
 
Mitglied
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24.03.2019
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89
Hallo @th1nk1ng out loud,

und willkommen bei den Wortkriegern.

Zum Einstieg hast du einen kurzen, erzählenden Text eingestellt. Das ist sinnvoll, da du uns somit einen ersten Eindruck deiner Kunst verschaffst, ohne allzu viel Geduld oder Ausdauer einzufordern.

Das Positive vorneweg: Sprachlich finde ich den Text sauber gearbeitet, auch die Struktur des Textes ist klar und eindeutig. Auch der Schlußpunkt, die Pointe, kommt nicht mit dem Vorschlaghammer daher, sondern leise, fast betulich.

Dein Text hat etwas Fabel-haftes, auch wenn hier Pflanzen statt Tiere personifiziert werden. Die Idee finde ich allerdings nicht besonders originell, es ist eine Abwandlung des 'Häßlicher Vogel - stolzer Schwan' Themas. Die Sonnenblume lässt sich von den negativen Äußerungen der Pflanzen um sie herum beeindrucken und verliert in der Folge den Glauben an sich selbst. Am Ende kommt die Biene und bestärkt sie in ihrer Schönheit und Nützlichkeit. Dieser kurze Pep-Talk reicht aus, um der Sonnenblume wieder ihr Vertrauen in sich selbst zurück zu geben. Dieser Sinneswandel kommt mir zu schnell daher. Insgesamt finde ich den Text zu vorhersehbar, da ich ihn so oder ähnlich schon gefühlt tausendmal gelesen habe.

Liebe Grüße,

HerrLehrer
 
Beitritt
19.05.2020
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Hallo @HerrLehrer!

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, meinen Text zu lesen; über Feedback freue ich mich sehr. Diese Geschichte war für mich - im Vergleich zu den Texten, die ich sonst so schreibe - ziemliches Neuland.

Es ging mir weniger um die Originalität der Geschichte und mehr darum, einem Gefühl Ausdruck zu verleihen. Auch im echten Leben reicht manchmal ein kurzer Moment aus, um einen anderen Blick auf die Dinge zu bekommen; die Länge des Textes ist bewusst so gewählt.

Einen schönen Feiertag und liebe Grüße
th1nk1ng out loud
 
Senior
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12.04.2007
Beiträge
5.747
‚Hoffentlich besuchen mich die Bienen heute wieder‘, dachte sie sich.

Eine Fabel ähnlich und doch gänzlich anders als etwa die La Fontaine‘sche vom Fuchs und den Trauben – anders insofern, als das fleißige Bienchen eben ein pointiertes Beispiel für die protestantische (Arbeits-)Ethik im Sinne eines Max Webers steht (während der Fuchs es sich eben einfach machen will und – als es nicht klappt, eine Ausrede parat hat, was ja auch unter der Herrschaft der genannten Ethik vorkommt, nur dass das Bienchen es sich nicht leisten kann, Nektar nicht einzusammeln) und – selbstverständlich in Bezug auf das nähere Umfeld auf dessen Einfluss auf die titelgebende Sonnenblume nimmt, wie heute jede peergroup, die Nachbar- und Bekanntschaft (Verwandte, Freunde, Bekannte oder wie bei Dir das Gras),

liebe th1nk1ng out loud*
und damit erst einmal herzlich willkommen hierorts!

Was aber zunächst auffällt ist die häufige Verwendung der Reflexivpronomen, wie schon im einleitenden Zitat, denn sich zu denken ist (descartes`sche) Philosophie. Man kann „sich“ manches denken, aber vor allem sich selbst. Wenn einer denkt, dann denkt er immer über dies und das und gelegentlich über sich selbst als Objekt. Das gilt auch im Kollektiv wie hier
Sie ist schön, aber nutzlos‘, dachten sie sich;
akzeptabel und notwenig ist es erst hier, wenn es heißt
‚Wer braucht schon so viel Sonne‘, sagte sich die Blume.
was hinwiederum nicht notwendig ist, wenn keine hinhören kann. Aber dann wäre "flüstern" die Variante zu "sagen", das ja nix über die Lautstärke sagt.Und: „Sagen“ ist allemal etwas anderes als der eher stumme Gedanke, der bei mir bleibt, den einer für sich behält.

Flusenlese

Die Blume neigte ihren langen Hals Richtung Osten, um die ersten Strahlen der Julisonne aufzufangen. . Alles[,] was sie wusste, hatte sie von ihnen gelernt; …
a) Warum der zwote nach dem Abschlusspunkt und vor dem Satzanfang mit „Alles …“?
b) Komma, weil der Relativsatz, dessen Ende Du korrekt aufzeigst, nach dem einleitenden „Alles“, beginnt

‚Die Mühe ist es nicht wert.‘
korrekt ist die Redensart „Der Mühe ist es nicht wert.“ (genitiv)

Einen schönen Tag noch vom

Friedel,
obwohl's eigentlich und endlich regnen müsste, dass auch die jungen Bäume Wasser bekommen!

* ich tipp mal in der Anrede, obwohl ich nicht weiß, obwohl es auch mask. oder neuteal sein könnte …
 

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