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Die Straßen von München …

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Die Straßen von München …

… kennt Peter Horpers Protagonist Ludwig Fendt als Taxler ganz genau. Die »Blutsbande« dagegen ist für ihn im gleichnamigen Kriminalroman ein Dickicht, das er als Detektiv kaum zu durchdringen vermag. »Da war nichts außer den Ängsten eines achtzehnjährigen Mädchens. Kein Anhaltspunkt. Kein Startblock.« (Kapitel 4, Seite 20)
Dieses achtzehnjährige Mädchen trägt Fendt seinen ersten Fall zu. Die lebenslustige Mutter ist verschwunden, nicht zum ersten Mal, aber trotzdem ist die Tochter sich sicher, dass etwas passiert sein muss. Die getriggerten Lesenden wissen, da ist etwas dran. Bereits der erste Satz des Romans »Einen Moment lang sah sie es in seinen Augen.« (Kapitel 1, Seite 5) lässt erahnen, da geschieht etwas wirklich Schlimmes.

Was wie ein Krimi beginnt, wird nach und nach zum Psychothriller. Freunde von Agatha Christie, die gerne knobeln und auf Täterjagd gehen, werden in diesem Roman enttäuscht. »Die andere, die kleinere, lauschte aufmerksam. Dann stellte sie sich und ihre Freundin vor […] Sie bereiteten sich auf einen Halbmarathon vor. Nur so zum Spaß (Kapitel12, Seite 66). Was wie ein Geplänkel klingt, bringt bereits auf Seite 66 von 247 Seiten die Lösung. Von diesem Moment an ist dem Leser klar, wer Anja Maiwald entführt hat. Seine durchaus fesselnde Spannung nimmt der Roman nun aus der Frage, schafft Fendt es als Einsteiger-Detektiv, Anja noch rechtzeitig zu finden. Und diese Aufgabe erweist sich als schwierig. Da sind Anjas Eltern. Die Mutter (»Sie war unangenehm aristokratisch. Sie erinnerte mich an die Böse von 101 Dalmatiner.« [Kapitel 10, Seite. 55]) ist beherrscht und trifft mit ihren spitzen Bemerkungen stets ins Schwarze. Der Vater verdient sein Geld mit brauner Politik (»Wir sind nicht erpressbar. Wir werden bald an der Oberfläche auftauchen. Und dann wird wirklich ein Ruck durch Deutschland gehen« [Kapitel 28, Seite 175]) und mit dem – nun zu viel will ich hier nicht verraten.
Auch Anjas Ex-Kolleginnen und Kollegen machen einen verdächtigen Eindruck und nicht zuletzt bleibt für den ahnungslosen Ermittler die quälende Frage, vielleicht ist Anja auch einfach einmal wieder durchgebrannt.

Das lässt uns Lesende schon manchmal verzweifeln, wie blind der Ermittler durch die Straßen streift und dabei immer falsch abbiegt, während wir gleichfalls in den Zwischenkapiteln erfahren, dass es für Anja eng wird, sehr eng.

Der Roman besticht nicht nur durch seinen Spannungsaufbau, sondern auch durch die ausgeklügelte Sprache, kein Wort scheint zufällig gesetzt zu sein, gleich wie lässig das Ergebnis klingt: »Dann hievte er sich in die Höhe, wandte sich zu einem Tisch, auf dem eine Kanne und Tassen standen, schenkte sich ein und mir einen fragenden Blick. Ich nickte. Wir saßen uns wieder gegenüber, nun mit Kaffee.« (Kapitel 11, Seite 62)

Gerade durch diese Lässigkeit ist der Protagonist schnell sympathisch. Geschiedener Vater mit den üblichen Familienproblemen und einem offenen Ohr für die Probleme seiner Mitmenschen. Dennoch fehlt es ihm manchmal an Feinfühligkeit und daher findet der Showdown auch ohne ihn statt. Die Handlung entgleitet ihm. Am Ende ist er nicht länger Detektiv, sondern einfach nur noch Taxler. Ich persönlich fand das ein wenig schade, hätte ich ihm nach dem ganzen Mitfiebern doch den Erfolg gegönnt. Aber das ist letztlich relativ. Ludwig Fendt ist sich trotz aller Versuchungen treu geblieben, er kann nicht alle retten, aber ein wenig Glück hat er dann doch: »Und am Ende, kurz bevor der Schlaf kam, besuchte mich noch Schneewittchen.« (Kapitel 20, Seite 123) Und was Schneewittchen über die sieben Berge nach München gelockt hat, das müsst Ihr schon selbst ermitteln.

"Blutsbande" von Peter Horper (besser bekannt als @wander ) erschien im Hirschkäfer Verlag, einem kleinen Münchner Verlag, dem man abnimmt, was im Impressum steht: "Mit Liebe gemacht"
 

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