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Novelle Die Verurteilung der Se-eldra Sadr'khor

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17.04.2007
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Die Verurteilung der Se-eldra Sadr'khor

Bald besucht mich Lovell im Gefängnis, in seiner Uniform der Marsmarine. Endlich, ich hab mich schon gewundert, wo er bleibt. Er ist immer zur Stelle, wenn mir die Menschen Schwierigkeiten bereiten.
Er bleibt mit der Ruhe und Seriösität vor meiner Zelle stehen, mit der ich ihn kenne, und schaltet die Sprechanlage ein.
"Ich hoffe, Sie sind gekommen, um mich aufzuklären", beginne ich und richte mich aus meiner Hockposition auf, obwohl sich eine Liege in der Zelle befindet, auf die sich jeder normale Mensch gelegt hätte. Dabei schalte ich die Simulation ab, die ich mir zur Unterhaltung auf die Augen gelegt habe. "Seit Wochen warte ich hier und niemand sagt mir, warum ich überhaupt festgehalten werde."
Aus meinem Brustkasten bricht das Metall aus meinem Inneren. In rascher Folge klappen sich die Einzelteile auseinander heraus, hüllen meinen menschlichen Körper ein. In meinem vierbeinigen Robotermodus bin ich einen eindrucksvollen halben Meter größer als er und stütze meine Vorderbeine am Sicherheitsglas der Zelle ab, um mich aufrecht zu halten. Leider kennt er mich zu gut und zuckt nicht einmal.
"Ich hab mich schon gefragt, ob ich nicht weniger Ärger hätte, wenn ich einfach ausbrechen würde", sage ich mit der blechernen Stimme meines Stimmenprozessors. Demonstrativ fahre ich mit meinen Klauen über das Glas, doch es bleibt nicht mal ein Kratzer zurück. Egal. Mein Punkt steht.
Er trägt seine Erklärungen gewohnt sachlich vor, übergeht meine Beschwerde professionell. "Sie sind halb Marsianerin, aber für Ihre andere Hälfte gelten die Regelungen zur Einfuhr außerirdischer Technologien. Es ist nicht vorgesehen, eine Technologie über die Einzelheiten aufzuklären. Aus naheliegenden Gründen."
"Das ist ja wohl ein schlechter Witz." Ich lasse die gesamte Mechanik verschwinden und breite einen Arm aus, wie um zu sagen: Sehe ich wie eine außerirdische Technologie aus??? Meine Tarnung ist perfekt, solange die Maschinenteile eingeklappt unter meinem menschlichen Fleisch verborgen liegen. Wie soll ich je wieder als Mensch durchgehen?
"Ihr Status ist nun publik", erklärt er. "Das können wir nicht einfach unter den Teppich kehren. Sie müssen sich einem öffentlichen Verfahren stellen, das Ihre Gefährlichkeit einstuft."
"Wissen Sie, der Mars ist ein wunderschöner Planet, eine Zierde für das Sonnensystem. Aber der Bürokratiekram ist inakzeptabel."
Er lächelt. Mein Kompliment über den Mars schmeichelt ihm und wiegt die Beschwerde auf. "Der Mars ist nicht bürokratisch, lediglich gut organisiert. Hier hat alles seine Ordnung. Sie haben Schwierigkeiten, weil Sie nicht in die vorgesehenen Abläufe passen."
"Ach ja? Warum haben Sie dann Ihre Waffe nicht früher eingesetzt, um die Besetzung zu beenden? Beispielsweise gleich nachdem die Condigitianer gelandet waren? Dann hätte ich meine Tarnung aufrecht erhalten können und wäre jetzt nicht hier eingesperrt. Mussten Sie erst ein Antragsformular dafür ausfüllen?" Der Moment, in dem die Kampfroboter leblos in sich zusammensackten und ich nicht mehr spürte als eine Art Kältestoß im System, ist alles, was ich von dieser mysteriösen Waffe je bemerkt habe. Wenigstens einmal hat mir meine menschliche Hälfte einen Vorteil verschafft.
Er verdreht die Augen. "Es ist nicht alles so einfach, wie Sie denken." Es ist mir doch noch gelungen, ihn aus der Fassung zu bringen, stelle ich mit Genugtuung fest.
Lovell wendet sich zum Gehen. "Wir sehen uns bei Ihrem Verfahren wieder."


Der Tag meiner Gerichtsverhandlung ist gekommen, oder wie auch immer das Verfahren korrekterweise heißt. In meiner abgeschirmten Zelle kann ich mich nicht darüber informieren. Wo ich sonst den ständigen Datenaustausch elektronischer Geräte wahrnehme, erdrückt mich seit Wochen das Schweigen. Der Schritt nach draußen verwirrt mich für einen Moment, als wieder der Datenwind von allen technischen Geräten in der näheren Umgebung an mir vorüberströmt.
Vier Wachen holen mich ab und bringen mich zum Gericht. Lächerlich. Ich hab in Kanonenläufe groß wie Tunnel geblickt, da können sie genauso gut vier Kinder mit Poolnudeln zu meiner Bewachung abstellen.
Es sieht aus, als hätte sich vor dem Gebäude eine Traube von Menschen versammelt. Als mich die Wachen durch die Menge in das Gebäude bringen, ist jedoch der Flur ebenfalls voller Leute. Sie machen uns gehorsam den Weg frei. Alle stehen sie an, weil sie meinen, irgendwas zur Verhandlung beitragen zu können. Viele haben ihre Handterminals schon bereit. Meine Verhandlung ist öffentlich, doch da das Interesse größer ist als der Platz im Saal, wird die Verhandlung ins Netz gesendet.
Sie bringen mich in den Gerichtssaal, der so überfüllt mit Zuschauern ist, dass die meisten in den hinteren Reihen stehen. Ich suche nach bekannten Gesichtern. Unwahrscheinlich, hier fündig zu werden. Die meisten Leute, die ich kenne, warten vor der Tür, um als Zeugen vernommen zu werden.
Auf meinem Weg durch den Gang zu meinem Platz entdecke ich Mark und Carla in einem von den Zuschauern abgegrenzten Bereich sitzen, zusammen mit anderen, mir allerdings unbekannten Leuten.
Nein, Moment, ein paar der anderen Leute habe ich schon mal in der Holokonferenz gesehen. Das sind Wissenschaftler aus anderen Forschungseinrichtungen, die auch an der Erforschung der condigitianischen Technologien beteiligt sind.
Ich werde in meinen eigenen Bereich gebracht, wo die Wachen um mich stehen bleiben. Der Richter schaut mich mit Unbehagen an. Auf seiner Robe prangt das Logo der Marsrepublik.
Er beginnt mit der Eröffnung. "Ich begrüße Sie alle zu diesem Verfahren der Gefahreneinstufung von neuer Technologie."
Der Richter zitiert ein paar Gesetzesnummern, auf die er sich bezieht und erklärt das Verfahren. Manchmal ist es nötig, dass eine Technologie, die bereits in Umlauf gelangt ist, von Sachverständigen geprüft wird - das ist in diesem Fall die Aufgabe der Forscher - dabei werden Erlebnisse aus der Bevölkerung eingeholt, um ein komplettes Bild zu erhalten.
Er schaut mich wieder mit Unbehagen an. "In diesem Fall handelt es sich bei der Technologie um den integrierten Kampfanzug der anwesenden Se-eldra Sadr'khor. Leider ist es in diesem Verfahren nicht vorgesehen, dass die Technologie, die normalerweise ein Gegenstand ist, einen Verteidiger erhält oder sich selbst äußert. Ich muss Sie daher bitten, sich zurückzuhalten. So leid es mir tut."
Ich schwöre. Wenn das Gericht entscheidet. Dass ich zerstört werden muss. Dann werden sie alle sterben - außer Carla und Mark, wenn ich es einrichten kann. Aber meine Menschenfreundlichkeit hat ihre Grenzen. Diese Monströsität von Bürokratie, diese Ausgeburt von Sero gehört vernichtet. Ich will doch nur zurück zur Erde, warum machen sie es mir so schwer?
Der erste Zeuge wird in den Saal geholt. Sie stellen ihn vor als Vertreter der Personendatenbank auf Ceres. "Wir haben diese gefälschte Identität in unseren Datensätzen gefunden." Er holt sein Handterminal heraus und wirft die Daten auf den großen Bildschirm.
Einer der Forscher fragt: "Warum denken Sie, dass sie gefälscht ist?"
"Wir haben die Angabe von Namen und Geburtsdatum mit der Erde abgeglichen. Diesen Datensatz gibt es dort nicht."
Er wirft ein paar weitere Daten dazu.
Der Richter fasst zusammen: "Dokumentenfälschung. Vortäuschung einer falschen Identität. Reise mit gefälschten Unterlagen."


Ich erinnerte mich zurück an einen Moment im Raumhafen von Ceres.
"Haben Sie Waffen dabei?", fragte der Wachmann an der Sicherheitsschleuse.
"Waffen? Nein, nein, wieso?"
Ich weigerte mich, eine Erbsenpistole und einen Laserpointer als Waffen zu betrachten.
"Der Körperscanner scheint kaputt zu sein, ich kann nichts darauf erkennen. Kommen Sie mal her." Er tastete mich ab. "Haben Sie Metall dabei? Ein künstliches Hüftgelenk?"
"Ja, ich hab zwei künstliche Hüftgelenke und noch mehr künstliche Gelenke seit meinem schweren Unfall vor ein paar Jahren. Sehen Sie." Ich hob mein Oberteil und zeigte die Narbe an der linken unteren Rippe. "Da ist mein Brustkorb so auseinandergebrochen." Ich untermalte das mit einer theatralischen Bewegung. "Zum Glück ist jetzt wieder alles in Ordnung."
Der Sicherheitsmann bemerkte: "Ich kann hier in der Mitte absolut nichts auf dem Bild erkennen."
"Das ist mein Herzschrittmacher, der mit Nuklearenergie betrieben wird. Ich finde das auch nicht gut, aber es gab ihn nicht in Bio. Vermutlich können Sie wegen der Strahlung nichts sehen."
Er schaute mich zweifelnd an. "Davon hab ich noch nie gehört."
"Es ist wirklich ganz neu, noch ein Prototyp. Sie werden sehen: bald laufen alle mit so etwas herum."
Nein, das war nicht meine condigitianische Erziehung. Das war einfach notwendig.
"Ich muss Sie bitten, sich einer Leibesvisitation zu unterziehen, damit wir sichergehen können, dass Sie keine Waffen dabeihaben." Ha ha, natürlich. Ich sah keinen Zusammenhang, aber wenn sie unbedingt wollten.

Als ich hinterher den Hangar betrat, atmete ich schneller. Mein Blick schweifte über die Raumschiffe groß und klein. Ich blieb stehen. Hier waren sie in meiner Reichweite. Sollte einer von IHNEN hier sein, könnte er sich jeden Augenblick bemerkbar machen.
Nichts. Schon rempelten mich andere Passagiere an, denen ich im Weg stand und verlangten, dass ich weiterging.
Zögerlich setzte ich meinen Weg fort und versuchte mir vorzustellen, wie sie auf mich reagieren würden nach all der Zeit. Sicher nicht sehr freundlich. Nicht, dass sie jemals freundlich gewesen wären. Ich wollte die Begegnung so lange hinauszögern wie nur irgendwie möglich.
Bald hatte ich mein Ziel erreicht und betrat das Passagierschiff, das mich zum Mars bringen würde.


Ich seufze leise. Zugegeben, ich habe meine Identität gefälscht und alles, aber das ist nicht schlimm. Niemand ist zu Schaden gekommen. Ich kann ja nicht einfach nach all der Zeit mit meinem echten Erdennamen plötzlich auftauchen. Die Leute sollen sich mal nicht so haben.
Der Mann wird entlassen und verlässt den Gerichtssaal.
Der nächste Zeuge wird aufgerufen. Ich erkenne das Symbol der Marsmarine auf seiner Uniform.
"Die Angeklagte …"
"Einspruch"
"Das Objekt der Betrachtung?"
Jetzt sage ich: "Einspruch. Nennen Sie mich einfach Seldra, wenn Ihnen mein voller Name zu kompliziert ist. Namen sind nicht ohne Grund da."
"Abgelehnt", sagt der Richter. "Zeuge, fahren Sie bitte fort."
Doch der Zeuge hat mich gehört. "Seldra hat einen zehn Stunden andauernden Stromausfall auf der Tuneter verursacht. In der Zeit konnten wir unserer Arbeit nicht nachgehen."
Wieder eine Zwischenfrage aus der Sachverständigenriege: "Was lässt Sie annehmen, dass Seldra es war?"
"Die Tatsache, dass gleichzeitig mit dem Stromausfall Seldra und unser Beiboot, der Käfer, verschwunden sind. Der Käfer wurde Wochen später mit durchgebrannter Elektronik auf Phobos gefunden."


Auf der Tuneter war ich ihm das erste Mal begegnet.
Ich lag auf einer Liege in der Krankenstation des Raumschiffs, als einer der Soldaten hereinkam und mit dem Arzt sprach, dann trat er auf mich zu. Ich erkannte das Logo der Marsmarine auf seiner Uniform. Damit war die Frage schon mal geklärt, wer mich gefunden hatte.
"Wenn es Ihnen soweit besser geht, möchte Leutnant Lovell mit Ihnen sprechen", teilte er mir mit.
Ich nahm das als Aufforderung, hob die Beine von der Liege und richtete mich auf. Sofort klappte ich ein und landete auf dem Boden. Meine Temperatur lag bei 25 Grad.
"Es geht noch nicht", murmelte ich enttäuscht. "Nur mit Unterstützung."
Mühsam machte ich mich daran, zurück auf die Liege zu kriechen und er eilte mir zur Hilfe - so überraschend und ungewohnt, Leute die höflich waren und mir halfen? - und lachte: "Eigentlich meinte ich, dass Leutnant Lovell zu Ihnen kommt."
Ich war einverstanden. Der Soldat entfernte sich und kurz darauf bekam ich wieder Besuch.
Dieser Leutnant Lovell war ein Mann Ende Vierzig mit einem wachen, aufmerksamen Blick, der mich verunsicherte, so als könnte er mir in die Seele sehen, alle meine dunklen Geheimnisse. Trotzdem wirkte er freundlich.
Er setzte sich auf die freie Liege neben mir und holte ein kleines, schwarzes Etui hervor, dem er eine kleine, durchsichtige Perle entnahm, die er sich in den Mund schob.
Das fand ich merkwürdig.
"Was ist das?", fragte ich leicht verunsichert.
Ich erinnerte mich dunkel an Geschichten vom Mars, die ich gehört hatte, dass sie oft Drogen für alle möglichen Anwendungen konsumierten. Ich suchte in meiner Datenbank nach Informationen, doch es war zu viel, was in Frage kam.
"Das muss Sie nicht kümmern", erwiderte er und fuhr ungerührt fort. "Erzählen Sie mir einfach, was passiert ist. Sie waren mit dem Passagierschiff auf dem Weg zum Mars, richtig?"
Ich bejahte. "Nach einigen Tagen wurde die Besatzung plötzlich unruhig, aber sie sagten uns nicht, was los war. Das Schiff wurde erschüttert und ich dachte, es wäre von Schüssen getroffen worden. Dann dockten sie an und schweißten ein Loch in den Rumpf, vermutlich Piraten, sie kamen in Rüstungen herein, erschossen ein paar der Leute, die ihnen zu nahe kamen, es war das reinste Chaos, überall Schreie."
Ich sah es noch lebhaft vor mir, als wäre es gerade passiert - was für mich zutraf - und redete mich in helle Aufregung. "Schnell verschwanden sie wieder und durch das Loch im Rumpf entwich der Sauerstoff. Ich fuhr meinen Stoffwechsel runter und lief zur Steuerkonsole, um das Notsignal abzusetzen, bevor ich das Bewusstsein verlor. Ich ... ich konnte nicht mehr machen, es tut mir leid."
Ich hatte in der Tat darüber nachgedacht, das Loch mit meinem Körper zu verstopfen. Genau genommen hatte ich die Situation mehrfach simuliert und war zu dem Schluss gekommen, dass es aussichtslos war.
"Sie haben getan, was Sie konnten", beruhigte er mich. "Wie war Ihr Name?"
"Se-eldra Sadr'khor."
Sollte er nur nachsehen: Ich war offiziell als Passagier gemeldet.
Vielleicht hatte er das bereits getan, denn er fuhr fort: "Warum wollten Sie zum Mars reisen?"
Ich nahm an, dass er meine Glaubwürdigkeit testete - warum sollte er sonst fragen, das hatte ich doch alles vor dem Abflug angegeben, das musste in den Datensätzen stehen, die er über mich abgerufen hatte. Oder er versuchte herauszufinden, ob ich mit dem Überfall etwas zu tun hatte. Sollte er doch, dafür gab es null Anzeichen. Ich hatte nur Pech gehabt.
"Wie es im System steht: Ich bin auf dem Rückweg zur Erde und der Mars ist nur eine Zwischenstation."
"Warum sind Sie nach Ceres gekommen?"
"Ich wollte mal fort von zu Hause und etwas vom Sonnensystem sehen."
Seine Augen blickten tief in meine. Ich fragte mich, worauf er hinaus wollte.
"In Ihrem Lebenslauf steht, Sie hätten in Den Haag auf der Erde studiert."
"Ja, ich bin Softwarespezialistin."
"Wer war Ihr Professor?"
"Ich ... hatte verschiedene."
"Wovon handelte Ihre Abschlussarbeit?"
Ich wurde nervös. Auf diese Fragen war ich nicht vorbereitet. Mein Herz schlug zu schnell für meine Körpertemperatur, es kribbelte schmerzhaft in meinem Fleisch, wo das warme Blut in die kalten Adern floss. Ich fing an, meine Hände zu reiben, damit wenigstens dort das Kribbeln nachließ.
"Von ... von ... von der Verknüpfung von Simulationen mit den für's Träumen zuständigen Bereichen des Gehirns, um die Simulationen besonders realistisch zu machen."
Ich merkte, dass ich zu wenig atmete, um den Bedarf der erwachenden Zellen nach Sauerstoff zu decken und nahm ein paar japsende Züge.
Lovell schwieg für einen Moment und starrte weiter. "Sie waren nicht wirklich auf der Erde, nicht wahr?"
"Doch, war ich. Analysieren Sie meine DNA selbst, wenn Sie mir nicht glauben."
Er lehnte sich vor: "Ich hab Ihren Lebenslauf gelesen. Geburt, Schule, Studium in Regelzeit, Reise nach Ceres. Alles sehr geradlinig, als wäre außer diesen Ereignissen nichts in Ihrem Leben vorgefallen. Ich hab noch nie einen so schlecht gefälschten Lebenslauf gesehen."
Mir entgleisten die Gesichtszüge. Ich hatte meinen Lebenslauf mit den nötigsten Informationen gefüllt, auf die geachtet wurde, wenn jemand draufschaute. Ich konnte nicht zu viele Details hinzufügen, die nachprüfbare Spuren hinterlassen würden und daher nicht stichhaltig wären. Den Lebenslauf hatte ich in die offizielle Datenbank gehackt, damit war er sozusagen echt. Wie konnte er behaupten, er wäre gefälscht???
Ich atmete ein paar Mal tief durch, um mich zur Besinnung zu bringen und kam zu dem Schluss, dass er nichts gegen mich in der Hand hatte. Dann musste ich lächeln. Oh, er war gut dieser Mensch, er könnte mir auf die Schliche kommen, wenn ich nicht aufpasste, doch das würde ich nicht zulassen. Schon deshalb nicht, weil ich nicht wusste, wo die Informationen landen würden oder bei wem.
"Ich hab Ihnen genug gesagt. Das ist mein Lebenslauf und ich kann nichts dafür, wenn er Ihnen nicht gefällt. Oder wenn andere Leute weniger zielstrebig sind als ich, oder weniger Glück haben. Wenn Sie einen Beweis brauchen, geben Sie mir einen Computer und eine anspruchsvolle Aufgabe."
Ich nahm an, dass ihm das den Wind aus den Segeln nehmen würde, doch stattdessen lächelte er. "Das kaufe ich Ihnen nicht ab. Ihnen ist bewusst, dass Sie die einzige Überlebende des Angriffs sind? Eine unmögliche Überlebende?"
"Ja, wegen meines Hibernations-Moduls."
"Und dass außer uns niemand weiß, dass Sie überlebt haben?"
Ich schaute ihn an, doch sein Blick war unergründlich. Was sollte das heißen? Galt ich als tot, nur weil mein Schiff zerstört wurde?
"Wollen Sie mich erschießen lassen?"
Das würde meinen Instinkt zum Selbstschutz wecken. Meine Metallhülle würde sich ohne mein Zutun ausklappen. Sie würden mein Geheimnis erfahren.
"Sie bluffen doch. Sie können mich nicht einfach erschießen."
"Wir können Sie nicht gehen lassen, solange wir nicht sicher sind, dass Sie keine Gefahr für den Mars darstellen."
Ich konnte mir ein Grinsen bei seinem Anblick nicht verkneifen. So sehr mir die Lage missfiel, so sehr bewunderte ich seine Taktik. Ich versuchte, freundlich auszusehen.
"Ich gebe es zu: Ich bin ein politischer Flüchtling und bin nach Ceres geflohen, um mich zu verstecken. Aber mit dem Überfall der Piraten habe ich nichts zu tun."
Mit sichtlicher Genugtuung setzte er sich aufrecht hin. Ja, triumphiere du nur, es hilft dir doch nicht.
"Wie ist Ihr richtiger Name?"
"Se-eldra Sadr'khor ist mein richtiger Name."
"Mit welchem Namen wurden Sie geboren?"
Ich rieb meine eisigen Finger aneinander. Das Gespräch wärmte mich schneller auf als erwartet - ein hitziges Gespräch. Diesen Namen gab es auf der Erde nicht. Ich schaute schweigend hinab.
Lovell drängte: "Ich brauche Antworten. Wie ist Ihr Name?"
"Sara Lea Choregsweg."
"Danke, ich werde das überprüfen."
Er erhob sich und verließ mich. Ich war froh, diese Anspannung überstanden zu haben - und gleichzeitig bedauerte ich sein Gehen? Er war eine interessante Person, aber auch gefährlich. Vielleicht sollte ich mich aus dem Staub machen, aber wohin dann? Die Informationen, die ich hatte, könnten alle in Gefahr bringen. Ich durfte nicht zulassen, dass er sie mir entlockte. Nicht, ohne sicherzustellen, dass nichts davon nach außen drang.

Als er wiederkehrte, hatte mein Kern bereits menschenfreundliche 32 Grad erreicht. Meine Pumpe anstelle des Herzens machte einen Sprung - vor Aufregung oder Angst war schwer zu sagen. Ich zitterte und hatte wieder Gefühle in den Gliedmaßen, menschliche Gefühle.
"Ich habe Ihre Angaben überprüft. Eine Person dieses Namens existierte auf der Erde und wurde als vermisst gemeldet. Vor über 300 Jahren."
"Ich habe eine Weile geschlafen."
"Ihre Geschichte wird ja immer abenteuerlicher."
"Ich kann Ihnen auch ein Hibernations-Modul besorgen, dann können Sie es nachvollziehen. Es könnte ein paar Monate dauern, mit dem Papierkram und so, aber es ist möglich."
Davon war ich nur halb überzeugt. Ich überlegte schon, wie ich so ein Modul entwickeln könnte, mit dem das gelänge. Ich könnte meine Transmitter kopieren und eine zentrale Steuerung programmieren, dann müsste ich die Einheiten noch irgendwie in seinem Körper verteilen.
"Das erklärt noch nicht, wo Sie die 300 Jahre verbracht haben."
"Es wird nicht glaubwürdiger, egal wie viel ich Ihnen erzähle."
"Ach ja?" Er sieht mich provozierend an. "Stellen Sie mich auf die Probe. Erzählen Sie diesmal alle Details."
Ich überlegte und sah kaum einen Ausweg. Er würde nicht locker lassen, sich nicht mit Andeutungen abspeisen lassen. Ich ersann einen Plan. Es gab einen Ausweg: Die Flucht nach vorne.
"Wissen Sie, ich stecke da in ein paar Schwierigkeiten. Ich kann nicht abschätzen, wie gefährlich diese Informationen sind. Wenn ich jemanden hätte, dem ich vertrauen könnte, mit dem ich darüber reden könnte, jemand der mir mit ein paar Kleinigkeiten hilft, die beiden Seiten nützen - dann könnte ich entscheiden, ob ich es Ihnen sage oder ob es besser für alle ist, wenn ich mich erschießen lasse."
"Sie können mir vertrauen. Wenn Sie keine Gefahr für den Mars darstellen, haben Sie nichts zu befürchten und ich werde mich um die notwendigen Formalitäten kümmern."
Nun gut, besser als nichts. Ich seufzte, gab mich geschlagen.
"Okay. Wenn wir miteinander alleine unter vier Augen sprechen können in einem Raum ohne Kameras, dann werde ich es Ihnen zeigen."
"Was zeigen?"
"Alles."
Er sah mich an, wartend was da noch käme - interessiert? - oder vielleicht überlegend, was ich damit meinen könnte. Schließlich erhob er sich.
"Danke, ich werde Ihr Angebot überdenken."
Als er fort war, stand ich auf und begann, kleine Schritte zu machen, um die Erwärmung meines Körpers zu beschleunigen. Unter missbilligendem Blick des Arztes schleppte ich mich durch den Raum, selbst als ich es ihm erklärt hatte - sie alle glaubten mir kein Wort, schon verstanden.
Als Lovell später zurückkehrte, hatte ich normale Körpertemperatur erreicht und konnte mich wieder normal bewegen. Ich spielte mit meinen Fingern, wackelte mit den Zehen und machte ein paar Gymnastikübungen. Bei seinem Erscheinen maßen meine Sensoren einen kleinen Sprung in Temperatur und Puls.
"Ich nehme Ihr Angebot an", ließ Lovell mich wissen.
"Oh, wirklich?"
Ich war überrascht. Oder vielleicht auch nicht, er war halt was Besonderes. Eigentlich war ich schon am Schmieden von Fluchtplänen.
Vor der Tür warteten zwei bewaffnete Soldaten, die uns begleiteten. Am Ziel angelangt, öffnete Lovell die Tür.
"Hier können wir uns ungestört unterhalten", erklärte er, während er mich zuerst hineingehen ließ. "Die Wachen bleiben vor der Tür."
"Das ist okay."
"Die Tür wird nicht abgeschlossen. Sie können hineinkommen, sollten die Umstände es erfordern."
Ich lächelte schelmisch: "Haben Sie etwa Angst vor mir? Kommen Sie, ich bin bestimmt die einzige Person an Bord ohne militärische Ausbildung, nicht wahr?"
Er antwortete nicht und drückte einen Knopf, der die Tür schloss. Dann setzten wir uns an den Tisch und er schaute mich erwartungsvoll an.
Ich fuhr meinen Schwanz aus, unter dem Tisch, unter seinem Stuhl hindurch, hinter seinem Rücken hinauf. Feinste Enden der Spitzen durchstießen seinen Nacken, nahmen Kontakt mit seinem Nervensystem auf und ich projizierte die Simulation direkt in seinen Geist, noch bevor sein Kopf hinabfiel und ich aufsprang, um ihn aufzufangen und sanft abzulegen, dann folgte ich in die Simulation.


Im Gerichtssaal fahre ich empört auf. "Hey, Lovell hat mir gedroht, mich erschießen zu lassen, wenn ich ihm seine Fragen nicht beantworte."
"Ruhe bitte. Ich habe Sie doch gebeten, zu schweigen."
"Ich hab aus gutem Grund gehandelt. Zählt das etwa nicht?"
Der Richter seufzt. "Für gewöhnlich sind die Technologien, die wir behandeln, Gegenstände, die nicht aus irgendwelchen Gründen handeln. Es spielt keine Rolle, warum eine Technologie etwas tut, nur was sie tut zählt."
Ich verdrehe genervt die Augen. "Ich bin nicht einverstanden mit der Art des Verfahrens."
"Abgelehnt." Er fasst zusammen: "Verursachung eines zehnstündigen Stromausfalls auf der Tuneter, inklusive Arbeitsausfällen und gesundheitlichen Folgen. Diebstahl und Zerstörung eines Beiboots. Der nächste Zeuge bitte."
Eine Frau tritt ein. Aufgrund ihrer gelblichen Haut vermute ich eine Marsianerin.
"Das hier ist im westlichen Lager eingeschlagen." Sie teilt Bilder, die die Trümmer des Forschungssatelliten inmitten von zerstörten Containern zeigen. Den Satelliten hatte ich als Hitzeschild zum Eintritt in die Atmosphäre benutzt.
Auf die Frage hin, was ich damit zu tun hätte, ziehen sie die Zeitpunkte meiner Flucht von der Tuneter und mein Auftauchen auf den Bildern der Überwachungskameras kurz nach dem Vorfall hinzu.
"Zerstörung eines Forschungssatelliten", zählt der Richter auf. "Illegale Einreise. Sachbeschädigung."
Ich bin illegal ohne Raumschiff auf einem Planeten eingereist. Dafür hätte ich einen Orden verdient. Das macht mir so schnell keiner nach.
Die nächste Zeugin erkenne ich aus der Behörde wieder, wo ich verhaftet wurde. Sie zeigt die Korrespondenz, die meinen Versuch belegen, ein Gewerbe anzumelden und die Geldbewegungen auf ein Konto, auf das ich volle Zugriffsrechte habe.
"Hey, ich habe wegen Schwarzarbeit eingesessen, das zählt nicht mehr."
"Ruhe, bitte. Es geht hier um die Gefahrenbewertung."
Ich breite in einer Geste der Wut und Fassungslosigkeit die Hände aus.
"Illegaler Aufenthalt. Schwarzarbeit", fasst der Richter zusammen.
Als nächstes tritt ein Mann ein. Oh, Mist, den erkenne ich sogar wieder. Der hat einen richtigen Grund.
"Ich war Kunde für ihre Simulationen."
"Simulationen sind mangels Belegkraft nicht als Beweismittel zugelassen. Wegtreten."
Oh.
"Aber … Aber …"
Der Mann wird enttäuscht weggeschickt. In dem Punkt sind sie wenigstens fair. Da könnte ja jeder kommen und irgendwas behaupten, das ich in einer Simulation getan hätte. Oder dass ihre psychischen Probleme mit meinen Simulationen zu tun hätten. Es ist fast schade, dass ich wieder nicht erfahre, was er damals gesehen hat, als ich mitten in der Simulation eingeschlafen war und mein Unterbewusstsein die Kontrolle übernahm.
Eine Frau tritt ein. Ich vermute, sie ist eine Wächterin im Steinbruch, zumindest erinnert mich ihre Art, stramm dazustehen, an die Wächter dort.
"Sie hat im Steinbruch eine Überschwemmung ausgelöst und einen Arbeiter mit einem Felsen erschlagen."


Ich fand mich in meiner Erinnerung wieder, als ich gerade fröhlich in meinem Tunnel im Steinbruch vor mich hin arbeiete. In Botgestalt konnte ich mich austoben und die Krallen am Gestein wetzen. Am liebsten projizierte ich mir Simulationen auf die Augen und kämpfte gegen die Wand - realistischer konnte ich kein Aufeinandertreffen mit einem Gegner simulieren. Das ließ meine Erinnerungen an die vielen Male in der Arena wieder aufleben. Außerdem erinnerte es mich daran, dass ich, obwohl jedem Menschen haushoch überlegen, die Schwächste unter allen Condigitianern war. Das musste nicht so bleiben.
Als ich die Simulation abschaltete, bewunderte ich einen großen Riss, der sich von der Wand vor mir über die Seitenwand bis zum Boden durchzog. Wenigstens etwas bekam ich hin.
Ich spaltete meine Schwanzspitze auf und griff Bruchstücke, die ich aus der Wand zog.
Da hörte ich Lärm, den ich erstmal nicht zuordnen konnte und Schreie. Die Menschen mit ihren kleinen Sorgen wieder. Bestimmt war es ein Streit um Werkzeug. Oder Rationen.
Ich ignorierte es erst, doch der Lärm hielt ungewöhnlich lange an, da ging ich besser einmal nachsehen.
Ich sprang den Tunnel hinab und transformierte.
Auf dem Weg sah ich schon einen Hinweis auf das Problem: Eine Pfütze Wasser auf dem Boden, vor einem abfallenden Tunnel. Aufgeregte Arbeiter kamen spritzend aus dem Tunnel heraus und liefen um Hilfe rufend Richtung Zentrale.
Ich schaute in den Tunnel und entdeckte im schwachen Schein, der aus dem Hauptunnel hineinfiel, weitere Arbeiter an dessen Ende. Und noch mehr Wasser, das aus der Decke in den Tunnel lief.
Ich wunderte mich: Warum kamen sie nicht einfach heraus?
Dann dämmerte es mir: Auf dem Mars gab es nur wenig Wasser. Marsianer konnten nicht schwimmen. Und Gürtler wohl auch nicht.
Ich wusste nicht, was die Wachen machen würden, die vermutlich alle Marsianer waren, und ob sie rechtzeitig hier wären bei der Geschwindigkeit, mit der das Wasser stieg.
Ich trat in die eiskalte Flüssigkeit - der Schock lähmte mich für eine Sekunde, bis ich die Empfindung abschaltete - lief so weit es ging und schwamm weiter. Das kam mir recht langsam vor.
"Ich bringe Sie hier raus", erklärte ich einem alten Arbeiter und wusste nicht so recht, wie ich es anstellen sollte. "Halten Sie sich an mir fest. Keine Sorge, Ihnen passiert nichts."
Doch in seiner Angst legte er sein Gewicht auf mich und drückte mich unter Wasser. Es half nichts. Ich klappte meinen Maschinenkörper aus. Als Bot war ich kräftig genug, ihn hochzuheben, außerdem war ich wieder groß genug, um den Boden unter dem Wasser zu erreichen.
Er schrie mich panisch an, doch ich brachte ihn auf die andere Seite, als wäre nichts passiert.
"Gehen Sie zur Zentrale", sagte ich überflüssigerweise mit blecherner Stimme.
Doch als ich zurückkehrte, reagierten die anderen weniger panisch auf mich und ließen sich von mir tragen. Ich brachte sie so schnell ich konnte rüber, doch das Wasser stieg weiter, sodass ich den Boden verlor und ich hatte Schwierigkeiten, in diesem langen, dünnen Körper zu schwimmen, daher versuchte ich eine andere Taktik: Ich ließ den nächsten Arbeiter sich an mir festklammern, während ich die Krallen in die Spalten der Wand rammte und an ihr entlangkletterte.
Wieder zurück, holte ich den nächsten Arbeiter, gleich hatte ich es geschafft.
Da brach das Stück Wand vor mir, in der noch meine Krallen steckten, heraus und fiel nach hinten in die Dunkelheit. Es stieß irgendwo an, drehte sich, der Arbeiter auf meinem Rücken schlug gegen Felsen, dann brachen von oben weitere Felsen heraus.
Ich zog die Krallen aus dem Stein, als mich der Schlag traf und mich mit sich in die Tiefe riss, zusammen mit dem Wasser, das durch das Loch ablief.
Angeschlagen und halb benommen fand ich mich schließlich in einem Teich in einer Höhle wieder, wo der Steinschlag zur Ruhe gekommen war und tastete mich zu einem trockenen, erhöhten Fleck vor.


Ich werfe ein: "Das war ein Unfall wegen unzureichender Sicherheitsmaßnahmen. Ich erhebe Gegenklage."
Der Richter konsultiert seine Unterlagen. "Abgelehnt. Sie haben für den Vorfall bereits eine Entschädigung erhalten."
"Was? Ich dachte, das wäre das Begrüßungsgeld zur Immigration."
"Lesen Sie sich nicht durch, was Sie unterschreiben?"
"Nö, wer macht denn sowas."
Ich ernte ein missbilligendes Kopfschütteln.
Als ein Forscher fragt, woher sie wissen, dass ich für den Unfall verantwortlich bin, zeigen sie Bilder von dem für Menschen nur schwer erreichbaren Tunnel, in dem ich gearbeitet habe. Dort sieht man Kratzer meiner Kletterklauen und die Spuren irgendwelcher Waffen, die nicht zu den üblichen Werkzeugen im Steinbruch gehören. Ein dreidimensionales Modell der Höhle, das den Riss in seiner ganzen Ausprägung zeigt, von "meinem" Tunnel bis zur Unfallstelle, wo durch den Riss Wasser in den Tunnel geströmt und der Felsen rausgebrochen ist. Aussagen von Arbeitern, dass ich mich häufig in dem oberen Tunnel aufgehalten habe, von wo der Riss ausgeht. Es ist nicht zu leugnen, dass ich diesen Unfall mit verursacht habe.
Der nächste Zeuge, der nächste Punkt: "Seldra hat 4 außerirdische Kampfroboter zum Mars gebracht und aktiviert."


Es war auf einer Mission im Forschungsschiff namens Arvander, als wir einem Hinweis nachgingen, den ich in den Sensordaten gefunden hatte. Wir begaben uns zu jenem Punkt im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter, wo wir Rage fanden.
Rage war Magnabots Raumschiff der neuen Generation. Eine Reihe unschöner Erinnerungen verband mich mit ihm. Doch irgendwas stimmte nicht - aus der Entfernung hätte er mich schon längst spüren müssen und reagieren, doch nichts. Die Daten der Systeme sagten, dass nur wenig Strahlung von dem Raumschiff ausging - ein Wunder, dass ich ihn überhaupt in den Daten gefunden hatte - außerdem sah ich Rostflecken auf der Hülle. Er war am Ende.
Nach all dem, was ich auf der Erde damals wegen ihm durchgemacht hatte. Ich hatte solche Angst vor ihm gehabt, dem man wie einer Naturgewalt nicht entkommen konnte. In meiner Vorstellung würde er mich bis an mein Lebensende verfolgen oder ich würde in einem Kampf gegen ihn sterben und jetzt fand er auf so unspektakuläre Weise sein Ende. Das war irgendwie unwürdig.
"Kein Zeichen von Leben", meldete ich auf mein Handterminal schauend. "Ich denke, es ist sicher, sich dort einmal umzusehen."
Die Kapitänin nickte. "Nehmen Sie einen Aufklärer. Ich gebe ihnen ein paar Crewmitglieder mit. Wir bleiben in Kontakt. Wenn sich in der Nähe etwas rührt, kommen Sie sofort zurück."
Mir brauchte sie das nicht zu sagen. Ich war die Letzte, die dort verweilen wollte, wenn Rages Besatzung zurückkehrte.

Der Aufklärer Mockingbird war ein kleines Schiff, das für kurze Erkundungsflüge ausgelegt war. Zu fünft näherten wir uns Rage. Ich konnte nicht sagen, wer von uns mehr beunruhigt war - ich, die seine Fähigkeiten kannte oder sie, die es nicht taten. Auch wenn ich wusste, dass er nichts tat, verschaffte mir sein Anblick doch ein mulmiges Gefühl.
Wir legten unsere Raumanzüge an. Unser Pilot flog die Mockingbird zur Seite von Rage und dockte die Schleuse an. Wir bereiteten uns darauf vor, einen Eingang in seine Hülle zu schweißen, was mir schon beim Gedanken daran Schmerzen verursachte.
Doch als wir uns der Hülle näherten, entdeckten wir dort eine Tür, die genau die richtige Größe für Menschen hatte.
Ich fragte mich, ob es nicht doch eine Falle war. Zumindest trug er noch einen Funken Leben in sich und Rage zog es vor, zu kooperieren, bevor wir ihn noch mehr beschädigten.
Der Russe - ich nannte ihn so wegen seines Akzents, vielleicht lag ich falsch - trat zuerst ein. Ich ging am zögerlichsten, bereit, jeden Moment zu fliehen oder zu kämpfen - alte Gewohnheit - doch nichts geschah. Hinter mir folgten ein weiterer Mann und eine Frau.
Es war schummrig im Schiff, nur so etwas wie eine Notbeleuchtung glimmte. Da erinnerte ich mich an etwas und nahm meinen Helm ab.
Sofort kreischte die Frau: "Was machst du da?" Dann merkte sie, wie überflüssig ihre Reaktion war, weil es mir blendend ging.
Kurz darauf öffneten die anderen nach und nach ihre Helme und sahen einander verwundert an, während ich einen Blick auf die Steuerkonsole warf.
Der hintere Mann fragte: "Woher wusstest du, dass es hier Sauerstoff gibt?"
"Naja, Condigitianer forschen auch an neuronalen Netzen", erwiderte ich. Vermutlich verstanden sie die Anspielung nicht.
Noch bevor ich die Gelegenheit hatte, einen Knopf zu drücken, leuchtete der Bildschirm auf. Ich spürte, wie Rage mich ansah, doch noch immer reagierte er nicht.
"Hallo Rage. Wo ist deine Besatzung?"
Ich hörte die Frau in meine Richtung flüstern: "Warum heißt es so? Das klingt gefährlich."
"Ach, keine Sorge, er ist friedlich. Man sollte ihn nur nicht ärgern."
"Und warum sprichst du von ihm, als wäre es lebendig?"
Statt auf sie zu reagieren, verfolgte ich die Bilder auf dem Bildschirm. Rage zeigte mir, wie Magnabot Juka anschrie, der zurückschrie, dann beförderte Magnabot ihn mit einem Tritt aus dem Schiff in der Nähe eines Asteroiden und winkte den anderen zu, ihm zu folgen.
Ich konnte den Zeitstempel nicht richtig deuten. Schade, dass ich mit dem EMP alle Daten verloren hatte und meine Uhr hatte neu stellen müssen. Ich konnte nur sagen, dass sich das Ganze Monate vor dem EMP zugetragen hatte. Seitdem waren sie nicht zurückgekehrt. Ich vermutete, dass ihnen etwas zugestoßen war und fand, wir sollten uns diesen Asteroiden einmal ansehen.
Aus der Eigenbewegung des Schiffs und den mir bekannten Bewegungsdaten der Asteroiden berechnete ich den aktuellen Standort. Ich teilte meine Gedanken mit den anderen und unser Pilot, der auf der Mockingbird zurückgeblieben war, kontaktierte die Arvander für ein Statusupdate und neue Befehle.
Sie trauten mir zu, Rage zu steuern - zumindest sah es für sie so aus. Eigentlich war er Magnabots Schiff, doch er verstand meine Absichten und kooperierte mit mir.
Gefolgt von der Arvander flog ich voraus - Rage wusste wohin, doch er wirkte abgebrannt und flog recht langsam. Schließlich hatte ich ihn auf dem Schirm - Magnabot, ein lebloser Haufen Schrott lag auf einem der Asteroiden.
Ich vermutete, dass er in einem Wutanfall seine letzten Energiereserven verbrannt hatte. Ich ließ Rage an einer günstigen Stelle "landen" - es war eher ein Mitgleiten - schloss meinen Helm und stieg aus, schlug meine Hacken zusammen, um die Gravitationsschuhe zu aktivieren. Ich fand Magnabot bemitleidenswert - einst ein furchteinflößender, gewaltiger Anführer, der jederzeit wie ein Sturm hereinbrach, wenn man ihn reizte, nun stark verrostet und zusammengefallen.
Vorsichtig folgten mir die anderen. Der graue Roboter hatte immer noch eine beeindruckende Größe.
Ich ging auf ihn zu. Plötzlich kam Regung in ihn - er lebte, funktionierte noch. Er hob seine Kanone und richtete sie auf mich.
Da die anderen genau in einer Linie hinter mir standen, tat ich das Einzige, was mir in diesem Moment sinnvoll erschien: Ich klappte meinen Metallkörper aus und brach dabei aus dem Raumanzug heraus wie ein Alien-Viech, das aus einem Ei schlüpfte.
Magnabot kippte erstaunt die Mündung der Kanone nach oben, als wollte er nicht riskieren, mich zu treffen. "Bist du endlich gekommen, um unserer Spezies den Rest zu geben", murmelte er.
Dann entdeckte er die Menschen hinter mir und richtete die Kanone auf den Russen, der die Linie hinter mir verlassen hatte, um sich woanders auf dem Asteroiden umzusehen.
Ich klappte meine Antriebe aus, schoss mich auf Magnabot zu, verband mein Schwanzende mit seinem Nacken und schaltete ihn ab, bevor er Schaden anrichten konnte. Dann betrachtete ich ihn mitleidig, diesen Haufen Schrott.
Nach all dem, was er mir angetan hatte, brachte ich es trotzdem nicht über mich, ihn zu hassen. All die Zeit wusste ich nicht, wo er war und was er tat, ob er mir irgendwo auflauerte. Ich fürchtete unser Wiedersehen und seine Wut nach meiner Flucht. Und jetzt sowas: Ein jämmerliches Häufchen Altmetall. Mir war wohler dabei zu wissen, wo er war und dass er nichts mehr anrichten konnte. Ich wollte vorschlagen, ihn auf dem Mars in ein Museum zu stellen. Seine Technologie war in dem Zustand ohnehin nicht mehr zu gebrauchen. Wenn andere Condigitianer kamen, um ihn abzuholen, würde ich davon erfahren.
Als ich mich umdrehte, um Rage näher heranzuholen, sah ich, wie die anderen mich anstarrten. Tja, damit war meine Tarnung aufgeflogen.
Der Mann, der am entferntesten stand, hatte sogar eine Waffe auf mich gerichtet? Ich tat, als wäre nichts.
"Fundsachen insbesondere von Forschungsreisen gehören dem Mars", funkte ich ihnen zu, diesmal über mein eigenes Radiomodul. "Lasst sie uns einladen."
Ich steuerte Rage langsam mit geöffneter Heckklappe rückwärts auf Magnabot zu. Dank der kaum vorhandenen Schwerkraft konnte ich Magnabot alleine in Rage bugsieren. Auf dem gleichen Asteroiden ein paar Meter weiter fand ich Juka - ebenfalls reglos, stark verrostet und verbeult - und lud ihn auch ein. Dann sah ich mich um, versuchte die Bilder von Rage mit dem zu matchen, was ich sah.
Ich klappte meine Antriebe aus und flog ein paar Asteroiden in der Nähe an. Auf einem fand ich Perkax. Sonax trieb frei in der Nähe.
Als alle eingesammelt waren, transformierte ich in Rage und erstattete Meldung an die Arvander. Die Kapitänin sagte zu mir: "Sie hätten sich nicht offenbaren sollen. Ihre zweite Natur ist Top Secret. Nur die Regierung und ausgewählte Personen aus dem Militär und der Wissenschaft wissen davon."
"Aber wenn er auf mich geschossen hätte, wäre meine Metallhülle sowieso ausgeklappt. Und er hätte die Crewmitglieder hinter mir getötet."
Sie seufzte und sagte nichts weiter. Der Mars war recht dünn besiedelt und jeder arbeitete fleißig, jeder war wichtig. Manchmal zählte ein Menschenleben mehr als ein Geheimnis.


Wieder zurück mussten wir mehrere Tage im einem weiten Orbit um Mars warten wegen irgendwelcher bürokratischer Sachen. Ich war dem so überdrüssig. Was dauerte daran eigentlich so lange?
Ich wurde ungeduldig und schrieb der Kapitänin eine Nachricht. Hoffentlich hatte es nichts mit mir zu tun.
Sie antwortete: "Mars will kein außerirdisches Raumschiff auf seiner Oberfläche landen lassen. Sie fragen, warum wir sie hergebracht haben und ich sage ihnen, ich habe nur die Vorschriften befolgt."
Damit war ich vollkommen einverstanden. Ich war auch dafür, Rage lieber im Orbit zu lassen und nur die vier Roboter in Gewahrsam zu nehmen.
Sie schrieb weiter: "Das ist nicht das korrekte Vorgehen zur Einfuhr außerirdischer Technologien."
"Was, es gibt Vorschriften für den Fall?"
Sie schickte mir die Regelung, auf die sie sich bezog, doch da stand nichts von "außerirdisch": "Die Vorschriften beim Auffinden von Fundsachen insbesondere Technologien besagen, dass diese, wenn sich kein offensichtlicher Besitzer in näherem Umfeld befindet, in den Besitz von Mars übergehen. Die Bodenstation sagte, dass das für einzelne Technologien gilt, nicht für vollständige, außerirdische Roboter."
"Warum solltet ihr eine Vorschrift zur Einfuhr von vollständigen außerirdischen Robotern haben?"
Sie antwortete, dass genau das der Punkt war, der die Klärung so schwierig machte. Das würde noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
Nach zwei Wochen, zwei verdammten Wochen, hatte das Warten ein Ende und sie entschieden sich tatsächlich dafür, unter Einhaltung strengster Sicherheitsvorkehrungen die Roboter mit eigenen Transportern vom Mars zur Oberfläche zu bringen und Rage im Orbit zu lassen.

Der nächste Anklagepunkt wird dem Gericht vorgetragen: "Spionage von Forschungstechnologie im Namen der Außerirdischen." Ein Mann einer weiteren Behörde hat Unterlagen mitgebracht, die zeigen, dass ich ohne formale Qualifikation in der Forschungseinrichtung gearbeitet habe.


Als ich die Schrotthalle betrat, erschrak ich beim Anblick der Arbeiter, die die Condigitianer aufsägten. Mir wurde schlecht. "Was ... was macht ihr da? Hört auf damit!"
Sie schauten mich verwundert an. "Wir öffnen sie, um sie zu erforschen."
"Aber doch nicht so!" Ich war kurz davor, mich zu übergeben. "Das ist als wenn Sie mitansehen, wie Aliens Menschen bei lebendigem Leib auseinanderschneiden."
Er schüttelte ungläubig den Kopf. "Das sind Maschinen. Die fühlen nichts."
Ich raufte mir die Haare, riss mich aber zusammen. Immer mit der Ruhe, sie wussten es nicht besser. Ich musste es ihnen erklären.
Ich kletterte zu ihm hinauf und er schaltete die Säge ab.
"Hier, sehen Sie."
Ich zeigte auf ein Stück Verkleidung innen am Arm gegen das Licht. "Sehen Sie die zarten Striche? Sie legen eine leichte Spannung hier und hier an."
Ich stöpselte die Stromversorgung eines Monitors ab und machte es vor. "Dann öffnet sich das Teil, ganz ohne Zerstörung."
Die Hülle klappte an der Stelle auseinander und gab die darunterliegenden Bauteile frei. Der Arbeiter starrte mit großen Augen drauf. "Das ist ... unglaublich."
"Das ist simple condigitianische Körpermechanik. Lassen Sie die Säge weg, ok?"
Dann verließ ich erstmal wieder die Halle, bis die Übelkeit nachließ.

Ich konnte mich kaum auf meine Arbeit in der Forschungseinrichtung konzentrieren. Mist, ich hatte einen Fehler gemacht. Ich hatte nur wissen wollen, wo Magnabot war und was er tat, aber nicht, dass die Menschen ihn auseinandernahmen. Schon wieder. Hm, vermutlich ließen sie schnell von ihm ab, wenn sie merkten, dass sie schon alles wussten, was sie von ihm lernen könnten.
Abgesehen davon hatte sich mein Kunststück herumgesprochen und ständig kam ein Arbeiter herein, um zu fragen, wie man dieses oder jenes auseinandernahm.
Carla war schon ganz genervt. "Ich kann mich bei dem Gerede nicht konzentrieren. Was ist denn so schwierig?"
Der Arbeiter erklärte: "Frau Sadr'khor hat uns gezeigt, wie wir die kaputten Roboter sanft auseinandernehmen können."
Ich widersprach: "Sie sind nicht kaputt, was auch immer das heißen soll. Das sind Maschinen, die sterben nicht wie Menschen. Man kann sehr viel reparieren. Stell dir vor, jemand schneidet dich auf, während du im Koma liegst. Vielleicht fühlen sie das. Ich finde es grausam, sie aufzusägen."
Carla sagte: "Maschinen haben kein Nervensystem. Nach unserem Erkenntnisstand fühlen sie damit auch keinen Schmerz. Kannst du deine Aussage belegen?"
"Bitte? Das ist als würden Condigitianer behaupten, Menschen würden keinen Schmerz empfinden, weil sie keine Sensoren haben. So einen Unsinn hab ich noch nie gehört."
"Ich sag ja nicht, dass sie das nicht können. Ich frage nur nach einem Beleg."
"Wie soll ich das belegen? Ich bin eine halbe Maschine, ich fühle das. Wie weist du nach, dass Tiere Schmerzen empfinden? Soll ich dir einen Roboterarm geben, der zurückzuckt, wenn du ihm Stromstöße versetzt?"
Carla nahm sich die Brille ab und rieb sich die Augen. "Das ist nicht mein Fachgebiet. Am besten, du besprichst das mit Mark."
"Mir ist egal, ob ihr mir glaubt. Ich will nur, dass ihr vorsichtig mit den Condigitianern … mit den Robotern umgeht."
"Dann hilf doch bitte den Arbeitern in der Halle dabei. Du kannst deine Aufgaben auch morgen erledigen", entschied Carla und schickte mich hinaus.


"Ich kann das nicht ausspionieren!", werfe ich in den Gerichtssaal. "Das gehört schon alles uns … den Condigitianern." Die Offenbarung ruft Gemurmel im Publikum hervor, doch ich bezweifle, dass sie die Tragweite begreifen.
"Nach den gesetzlichen Bestimmungen des Mars' sind diese Technologien Eigentum des Mars'."
"Nach condigitianischen Bestimmungen sind es immer noch condigitianische Technologien."
"Condigitianische Gesetze werden vom Mars nicht anerkannt. Ruhe jetzt!"
Ich fasse mir angestrengt an die Stirn. Wie viele Zeugen haben sie eigentlich noch? Wo bleibt überhaupt Lovell? Ich hätte erwartet, dass er meine Vergehen auf der Tuneter vorträgt. Vielleicht hat er noch irgendwas von den Sachen einzuwerfen, die ich ihm im Vertrauen gesagt habe. Keine Ahnung, was ich ihm alles erzählt habe und was er davon gegen mich verwenden könnte. Vor allem bezweifle ich, ob das nach all dem noch eine Rolle spielt.
Der nächste Zeuge: "Sie hat eine geladene Waffe abgelegt und unbeaufsichtigt gelassen."


Magnabot stand eindrucksvoll vor mir, hinter ihm die drei anderen, alle umwirbelt vom roten Staub des Bezirks unter der Glaskuppel.
"Nun", sagte Magnabot nach einer Weile. "Sieht aus, als würde die Endschlacht zwischen unseren Spezies anbrechen. Ich frage mich, auf welcher Seite du stehen wirst."
Ich schaute ihn verständnislos an. "Wovon sprichst du? Es ist weder das Ende noch eine Schlacht. Ich bin gekommen, um zu reden."
"Das sehen deine menschlichen Freunde anders."
Er nickte zu einer Stelle hinter mir.
Ich drehte mich um. Aus einigen Gebäuden liefen bewaffnete Menschen in Kampfanzügen - die Soldaten, die in diesem Bezirk wohnten. Mit ihren kleinen, lächerlichen Waffen, bereit für ihre Freiheit zu kämpfen.
"Du warst es, die immer mit mir diskutiert hat, die sich für die Menschen eingesetzt hat, die sich der Illusion verschrieben hat, es könnte Frieden zwischen uns geben", erinnerte mich Magnabot. "Nun ist deine Chance gekommen. Erkläre den Menschen, dass sie ihre Rebellion unterlassen sollen. Wenn sie das Feuer eröffnen, wird das Konsequenzen haben."
Oh Oinos, dafür war ich nicht ausgebildet, was soll ich machen?
Lovell konnte bestimmt helfen. Er hatte einen hohen Rang und wusste, wie man mit ihnen reden musste. Leider erreichte ich ihn nicht - sein Handterminal war offline. Wo steckte er nur?
"Juka hat alles abgeschaltet. Außer dir." Sonax hatte die Kommunikation mitgelesen. Den letzten Teil sagte er mit einem drohenden Unterton.
Planlos lief ich auf die Gruppe zu, die sich versammelte und ihre Waffen auf die Condigitianer richtete.
"Nicht schießen!", rief ich. "Sie tun euch nichts."
"Aus dem Weg", war die Antwort, doch ich blieb stehen, wo ich war.
Sie liefen auseinander, wo ich ihnen nicht mehr im Weg stand und richteten ihre Waffen auf Magnabot.
"Feuer!"
Dann schauten sie verwundert auf ihre Waffen.
Auch diese waren vom EMP nicht verschont worden. Dumm gelaufen, wenn alle modernen Geräte auf Mikrochips basierten.
Magnabot setzte sich scheinbar schwerfällig in Bewegung. Die Soldaten wichen zurück. Er schaute einer Soldatin, die ganz vorne stand, tief in die Augen.
"Hast du mir irgendwas zu sagen, du Wurm?"
"Freiheit für den Mars."
Sie zückte eine altmodische Pistole und schoss ein paar Mal. Die Kugeln schlugen mit leisem Pling ein.
"Perkax", sagte Magnabot wie zum Befehl.
Der Angesprochene richtete seine Kanone auf die Frau.
Doch war bin schon zur Stelle und platzierte mich davor.
"Hören Sie auf damit, das bringt nichts", zischte ich der Soldatin zu und stellte mich dann mit ausgebreiteten Armen mit dem Rücken vor sie.
Perkax befahl mir: "Aus dem Weg."
"Nein." Ich wandte mich an Magnabot. "Sie haben nichts getan. Wir können das immer noch friedlich regeln."
Doch plötzlich packte mich ein Arm um den Hals und riss mich zu sich heran.
"Keine Bewegung!", rief die Frau.
Ich spürte das kalte Metall ihrer Schusswaffe an meiner Schläfe. Och nö. Sie hatte gesehen, dass die Condigitianer nicht auf mich schossen und dachte nun, ich wäre ihnen wichtig. Sie wird enttäuscht sein.
Die Roboter schauten nur gelangweilt zu uns rüber.
"Ich will, dass ihr verschwindet."
"Nein."
Die Frau fuchtelte mit der Waffe an meinem Kopf herum. Ich versuchte mich zusammenzureißen.
"Verlasst den Mars oder ich erschieße sie."
"Erschieß sie." Perkax wandte sich desinteressiert ab.
Magnabot lachte. "So danken sie es dir, dass du für sie einstehst."
Ich konnte fühlen, wie die Frau fassungslos dastand und nicht wusste, was sie tun sollte. Es sah aus, als wäre ihnen egal, ob ich starb, aber in Wahrheit wussten sie, dass mich die kleine Kugel nicht umbrachte.
"Nehmen Sie die Waffe runter", sagte ich ruhig. "Es wird alles gut."
Doch ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen und die Frau riss mich verärgert enger an sich heran und spannte sich.
Ich fuhr den Schwanz aus und legte sie schlafen. Ich hatte keine Lust auf einen blauen Fleck an der Stirn.
Ungeschickt ergriff ich ihren Waffenarm, doch daran konnte ich sie nicht halten und sie knallte fester auf den Boden, als ich beabsichtigt hatte. Ups. Das würde heftige Kopfschmerzen geben, aber sie würde es überleben. Außerdem wichen die Soldaten vor mir zurück, als der Lauf in ihre Richtung zeigte. Vielleicht waren sie auch erschrocken über meine neue Extremität.
Ich entahm ihr die Waffe und hielt diese mit dem Lauf nach oben. Ich starrte die Pistole an, versuchte mir ihre Funktionsweise über die Augen zu erschließen. Doch ich konnte es nicht. Die peinliche Stille zog sich in die Länge.
Kurzerhand legte ich die Waffe einfach auf den Boden.


"Ich wusste nicht, wie man die Waffe entlädt", werfe ich ein und werde ignoriert.
Der nächste Zeuge wird hereingebeten. "Sie hat den Robotern bei der Eroberung und Aufrechterhaltung der Besetzung des Bezirks geholfen."


Es war am zweiten Tag der Besetzung. Mir graute es vor dem Moment, an dem ich Lovell nicht mehr aus dem Weg gehen konnte.
"Ich muss mit Ihnen reden."
Mein Herz rutschte in die Hose. Niemand kündigte gute Nachrichten auf diese Weise an. Ich schaute erwartungsvoll zu ihm, gab mich ahnungslos.
"Sie sagten, ihnen würde heute die Energie ausgehen, das habe ich so an die Soldaten weitergegeben. Sie haben kein Vertrauen in Sie und ich verliere meine Glaubwürdigkeit. Was soll ich ihnen jetzt sagen?"
"Keine Ahnung. Dass Magnabot sie tötet, wenn sie ihn angreifen."
Doch für ihn war die Sache nicht erledigt. "Wie lange wird es dauern?"
"Ich weiß nicht. Meinen Berechnungen nach sollten sie schon längst funktionsunfähig sein."
"Vielleicht haben Sie sich verrechnet."
"Eine Maschine verrechnet sich nicht. Hier, rechnen Sie es selbst nach, wenn Sie wollen."
Ich warf meine Daten und die Formel auf mein Handterminal, um es ihm zu zeigen. Doch etwas war falsch. Ungläubig starrte ich auf die rechte Seite, da war in einem Kasten der stilisierte Kopf von Sonax eingeblendet zusammen mit den condigitianischen Schriftzeichen für: "Wir sind vorbereitet. Dummkopf."
Ich konnte mehrere Sekunden lang meinen Blick nicht davon abwenden, unfähig, darauf zu reagieren.
Bis mich Lovell aus meinen Gedanken riss und mir über die Schulter blickte: "Was steht da? Ist das eine Drohung?"
"Sonax hört mit." Ich fasste einen Entschluss. "Wir sollten nicht mehr drüber reden."
Er nickte enttäuscht, dich mit Verständnis.


Vor lauter Tagträumereien merke ich erst jetzt, dass schon der nächste Zeuge im Saal steht.
"Verstoß gegen die geltenden Sitten, Unzucht mit außerirdischen Technologien."
Ich fahre empört auf. "Das ist nicht wahr. Dafür gibt es keine Beweise!"
Doch, gibt es. Sie zeigen eins der Bilder, die ich generiert habe, als ich mir irgendwelche Geschichten für die Fragen der Wissenschaftler überlegt habe, die mich erforschen wollten.


Es war ein Tag in der Forschungseinrichtung, als Mark mich aufsuchte. Nicht nur fiel der Stoff seines Kittels mangels Muskelmasse locker herab, auch seine Stimme war weich. Ich hatte null Respekt vor ihm.
"Guten Tag. Ich bin gekommen, um Ihnen ein paar Fragen zu stellen." Er hält sein Handterminal vor sich, bereit, Notizen zu machen. "Ich wüsste gerne: Wie sind Sie zum Cyborg geworden?"
Was für ein hässliches Wort. Ich konnte mich damit nicht identifizieren, gegeben dass die Maschine in mir lebte und dort gewachsen war.
"Oh, aber das bin ich gar nicht", erklärte ich. "Ich bin durch einen abartigen Zeugungsakt entstanden. Mein Vater hatte einen Fetisch für Wohnwagen - wusste keiner. Es stellte sich heraus, dass einer der Wohnwagen auf dem Platz des Wohnwagenhändlers, wo sich mein Vater nachts herumtrieb, ein Condigitianer war. Tja, so kann es gehen."
Er nickte interessiert und macht sich Notizen. Ich hatte ein paar mehr Reaktionen erwartet.
Dann fragte er: "Ich hab das nicht ganz verstanden, können Sie mir den Vorgang genau erklären? Heißt das, dass sich die Roboter geschlechtlich wie wir fortpflanzen?"
Dann kam mir eine großartige Idee. Wollten wir mal sehen, ob ich seine sachliche, wissenschaftliche Herangehensweise aus der Reserve locken konnte. "Warten Sie, ich zeige es Ihnen."
Ich lieh mir sein Handterminal aus und fing an, mit Hilfe von Simulationen Bilder zu generieren, die ich ihm zeigte.
"Hier. Das ist die Balzarena, da versammeln sich alle, um Partner zu finden. Hier: Das ist ein ritualisierter Schaukampf, der kann teilweise sehr heftig, wie echt aussehen. Die beiden Kontrahenten prüfen in einem spielerischen Kampf, ob sie zueinander kompatibel sind, außerdem können sich die Zuschauer ein Bild von den Teilnehmern machen, ob sie als Partner in Frage kommen. Hier, die beiden geben sich nach dem Kampf die Servos - die Hände - und verschwinden zusammen nach draußen."
Ich war glücklich und lebte meine Kreativität aus, indem ich ein Bild nach dem anderen generierte.
"Über den eigentlichen Vorgang kann ich nichts Allgemeines sagen, das hängt stark von den Ausprägungen der Partner ab. Ein paar Beispiele."
Der Forscher betrachtete die Bilder alle interessiert und mit wissenschaftlicher Sachlichkeit. Das war schade. Ich hatte mir solche Mühe gegeben.
"Wie genau kann ich mir das Ganze biologisch vorstellen?"
"Woher soll ich das wissen? Ich stell ja keine Kameras auf und statte die Condigitianer mit Sensoren aus, so wie Menschen."
Er lächelte wie erwischt. Die Anspielung verstand er. Die Wissenschaftler unter den Menschen machten vor nichts halt, um ihre Neugier zu stillen.
Nachdem ich mir noch irgendwas über Geburt beziehungsweise Schlupf - ich hatte mich für die Version mit Eiablage entschieden - und der Aufzucht der Jungen zusammenfantasiert hatte, war unsere Sitzung bald beendet und er versprach, mit neuen Fragen wiederzukommen.


Dank meiner Erfahrungen im Simulieren sieht das Bild wie echt aus. Dazu kommt der von Magnabot erzeugte Nachwuchs, dessen Existenz den Menschen nicht entgangen ist. Ich schlage die Hände vor's Gesicht. Das darf doch nicht wahr sein.
Ich will widersprechen und sagen, dass das Bild eine Fälschung ist … Aber wenn ich so drüber nachdenke, würde es das nicht besser machen. Ich klappe den Mund wieder zu.
Eine Frau erzählt, ich wollte dem Großen Roboter ihr Baby zum Fraß vorwerfen.


Ich suchte Magnabot in der Lagerhalle auf - seiner Kommandozentrale - wo er vor einem großen Bildschirm stand, auf dem er irgendwelche Daten in schneller Abfolge betrachtete.
Als er sah, was ich bei mir trug, zeigte er auf mich und auf das Bündel, das ich im Arm hielt. "Was soll das?"
"Das ist ein Baby, ein menschlicher Funkling."
Ich trat näher, damit er es besser sehen konnte. "Es ist komplett hilflos, macht Dreck und Lärm. Möchtest du es mal halten?"
Es schlief gerade friedlich, als ich es zu ihm hinhielt.
Magnabot zögerte einen Moment. "Nimm es weg von mir."
"Okay." Ich hielt es wieder nah bei mir und frohlockte über seine Reaktion. Das lief besser als erwartet.
Magnabot zoomte er auf eine Reihe von Bildern und zeigte darauf.
"Sind das ... ich und Juka, bei einem menschlichen Paarungsritual?", fragte er mit Abscheu.
Oh, Mist. Er hatte die Forschungsunterlagen über mich entdeckt.
"Die Forscher wollten wissen, wie Condigitianer sich fortpflanzen. Ich hab ihnen nicht die Wahrheit gesagt. Ich weiß, dass ihr die Info nicht mit Menschen teilt, damit sie sie nicht missbrauchen. Aber ich musste ihnen irgendwas sagen, also habe ich mir etwas ausgedacht, was der menschlichen Vorstellung entspricht. Ich wahre die Geheimnisse der condigitianischen Spezies." Ich sprach hastig und viel zu viel.
"Du hast ihnen erzählt, unsere Kämpfe wären ein Balzritual???"
"Irgendwas musste ich ihnen doch erzählen."
"Das ist abartig. Was stimmt nicht mit dir?" Er schüttelte den Kopf in derber Enttäuschung.
"Möchtest du, dass ich das richtig stelle, dass ich ihnen die Wahrheit sage?"
Ich fuhr theatralisch mit einer Hand durch die Luft, als würde ich einen Vorhang öffnen, um die Vision vor meinem geistigen Auge zu untermalen, während ich das Baby im anderen Arm hielt.
"Stell dir vor, die Menschen lernen, sich ihre Technologien selbst im Labor zu züchten, kleine niedliche Protobots in Käfigen, die zersägt werden, noch bevor sie ihre erste Kugel abfeuern. Oder stell dir vor, sie erfahren, wo unsere Raumschiffe der neuen Generation herkommen und sie züchten sowas wie Rage" - nein, noch nicht schlimm genug - "aber mit einem Prozessor in einem organischen Körper, wie wäre das?"
Das wäre quasi ich in überdimensional und abartig. Ich konnte mir für sie kaum etwas Schlimmeres vorstellen.
"Hör auf zu reden", befahl er.


Die nächste Zeugin. Ich stütze gelangweilt den Kopf auf und male bedeutungslose Symbole auf den Tisch vor mir.
"Eines ihrer Monster hat unseren Großvater angegriffen und verletzt." Okay, das ist ... wahr.


In einem anderen Apartment hörte ich Geschrei und rammte meine Schwanzspitze in die Steuerkonsole neben der Tür, die sofort den Eingang freigab. In der Küche vor mir stand der Protobot auf der Brust eines alten Mannes und hatte sich in seinen Arm verbissen. Wie ungünstig, dann konnte ich sie nicht einfach abschalten, da ich sonst das Maul nicht lösen könnte.
Eine Frau und die Großmutter standen kreischend herum und wussten nicht, was sie tun sollten.
Ich griff den nächstbesten Gegenstand, der mir ins Auge fiel - eine Tischlampe - und schlug dem Protobot damit seitlich gegen den Kopf. Das lenkte ihn ab und er drehte sich nach mir um, ließ dabei locker.
Ich packte ihn am Schwanz, schleuderte ihn herum und warf ihn gegen die Wand, wo er eine Delle schlug und auf den Boden fiel.
Vor Überraschung zappelte und fauchte er, zerkratzte den Bodenbelag. Er wollte sich aufrappeln, da packte ich ihn von hinten, eine Hand am Schwanz, die andere um den Körper geschlungen. Er zappelte, versuchte sich rauszuwinden, sich umzudrehen und mich zu beißen, doch ich zog ihn so eng an mich heran, dass er nicht herankam. Er war ganz schön schwer. Ich drücke ihn fest an mich, bis mir die spitzen Kanten schmerzhaft ins Fleisch piekten.
Die Frau lief als erste heran und untersuchte die Verletzungen des alten Mannes. Sie schickte die Großmutter los, um Verbandsmaterial zu holen.
Ich hielt den Protobot fest, bis sein Gezappel nachließ und er nur noch erzürnt fauchte.
Die Frau drehte sich zu mir um. "Schaffen Sie das widerliche Mistvieh hier raus."
Ich verbeugte mich höflich. "Es tut mir außerordentlich leid. Wie kann ich es wieder gutmachen?"
Der Protobot bemerkte meinen gelockerten Griff, begann wieder, sich rauszuwinden und fauchte in Richtung der Frau. Ich übergab den Schwanz in die Hand, deren Arm den Körper hielt und packte drohend seine Schnauze, die ich zudrückte.
Die Frau antwortete: "Werfen Sie das Ding in die Schrottpresse, bevor es noch mehr Schaden anrichtet."
Ich nickte als Empfangsbestätigung und trug den Protobot zur Tür hinaus.


Da endlich tritt Lovell ein. Auf diesen Moment hab ich so lange gewartet. Jetzt hat er die einmalige Chance, mir live im Fernsehen den Hintern zu versohlen. Obwohl ich nicht wüsste, was er noch vorbringen könnte, das meine anderen "Vergehen" aufwiegt. Mal überlegen. Dass ich sein Handterminal zerstört habe, wurde noch nicht gesagt.


Das war damals am ersten Tag der Besetzung.
Lovell holte sein Handterminal heraus. Auf dem Bildschirm erschienen Arbeitsanweisungen der Condigitianer, wie sie nun jeder hier bekam.
"Ich müsste ein paar Leute über das informieren, was hier geschieht. Können Sie eine Verbindung aus dem Bezirk raus herstellen?"
"Nein, es ist alles infiltriert. Alles. Es gibt keine privaten Nachrichten mehr."
"Sie sagen, auch wenn ich jemand anderem im Bezirk eine Nachricht sende, wird sie mitgelesen?"
"Tja", machte ich. "Wenn Sie hier alles kabellos anschließen, müssen Sie sich nicht wundern, wenn die Condigitianer alles abhören."
Lovell bemerkte: "Unsere Systeme sind nach dem neusten Stand der Technik verschlüsselt."
Ich seufzte: "Schauen Sie mal, wir sind lebende Maschinen. Wir werden mit dieser Technik geboren. Das ist als würden Sie verschlüsseln, indem Sie mit einem Dialekt sprechen. Das ist ein Witz für uns."
"Wie soll das möglich sein? Wir haben mathematische Modelle, die sagen, dass man die Rechenleistung des gesamten Universums bräuchte, um unsere Verschlüsselung in dieser Zeit zu knacken."
"Ich bin mir sicher, dass Sie ein ähnliches Modell für Dialekte hätten, wenn Sie nicht in der Lage wären, Sprache zu verstehen."
Er verzog das Gesicht in einer gequälten Freundlichkeit, als würde er einem sturen Kind etwas erklären. "Mathematik ist eine Sprache. Wir können kein mathematisches Modell entwickeln, ohne Sprache zu verstehen."
"Gucken Sie mal."
Ich ging in die Hocke, um eine krickelige Wellenlinie in den Staub auf den Boden zu malen.
"Stellen Sie sich vor, das wären Töne, okay? Wenn Sie das so hier sehen, ergibt das keinen Sinn. Aber wenn Sie die Töne als gesprochene Sprache hören, dann verstehen Sie das. Wenn Sie Ihre verschlüsselten Daten als merkwürdige Zeichenketten vor sich sehen, dann ergeben sie für mich auch keinen Sinn, aber als Datenstrom im Kabel oder durch die Luft gesendet verstehe ich es als Maschinensprache und der Sinn ist klar."
"Sie können trotzdem nicht einfach eine Verschlüsselung umgehen, ohne den nötigen Schlüssel."
Ich wurde wütend: "Okay, wissen Sie was. Schauen Sie auf Ihr Handterminal. Ich zeige es Ihnen."
Er legte den Kopf misstrauisch schief.
"Schauen Sie hin."
Als er draufschaute, übernahm ich kabellos die Kontrolle. Das hob meine Stimmung. Mein Spieltrieb erwachte und ich ließ in rascher Folge alle seine eingehenden und ausgehenden Nachrichten und dann seine Fotos und Videos erscheinen.
"Oh, das ist alles sehr interessant."
Ich hielt bei einer Nachricht von einem mir unbekannten Absender an, die besagte: "Lovell, das Maschinenmädchen kann für den Mars noch nützlich sein. Halten Sie sie bei Laune. Melden Sie sofort jede Auffälligkeit, damit wir einschreiten können, um sie notfalls zu eliminieren."
Darunter seine Antwort: "Sehr wohl."
Meine gute Laune war dahin. Ich starrte ihn wütend an.
Er hob beschwichtigend die Hände. "Warten Sie, hören Sie mich an."
Ich entriss ihm das Handterminal und schleuderte es so heftig auf den Boden, dass es in zwei Hälften zerbrach.
"Ich will jetzt nichts hören. Ich hab wirklich versucht, Ihnen zu vertrauen, aber … aber …"
Ich war so wütend, dass ich nicht wusste, was ich sagen sollte und suche das Weite. Schon wieder hatte ich mich vor Magnabot für die Menschen eingesetzt und sie hintergingen mich.


Doch als ich ihn das nächste Mal traf, hatte er keine andere Möglichkeit gesehen, als an meine Tür zu klopfen und um einen Schlafplatz zu bitten. Er lebte in einer anderen Wohnkuppel und war zufällig hier, um mich nach dem Angriff von Rage im Krankenhaus zu besuchen. Die Touristenunterkünfte waren überfüllt mit Leuten, die sich wie er nur vorübergehend im Bezirk hatten aufhalten wollen und nun gestrandet waren. Ich hatte genug mit den Besetzern zu tun gehabt, um mich um ihn zu scheren und ließ ihn eintreten.
"Es tut mir leid, dass meine Nachricht Sie verstimmt hat."
"Es ist okay. Sie können nichts dafür. Es liegt in der Natur des Menschen, andere Wesen zu unterdrücken." Dabei dachte ich an all die Maschinen, die für Menschen arbeiten mussten.
Ich hatte es ganz trocken vorgetragen. Er suchte wohl für einen Moment in meinem Gesicht ein Zeichen, dass ich es als Witz meinte.
"Ich gebe zu, dass die Nachricht ohne Zusammenhang etwas missverständlich klingt. Bitte lassen Sie mich die Lage erklären."
"Was gibt es da zu erklären? Sie wurden von der Regierung geschickt, um mich auszuspionieren. Oder Ihrem Geheimdienst. Keine Ahnung, interessiert mich auch nicht."
"Es ist ganz anders. Meine Leute vertrauen mir. Ich habe mich bereiterklärt, Ihre Bezugsperson zu sein, damit sie niemand anderen schicken. Weil Sie mir vertrauen und mit mir reden. Sie hätten Sie sonst niemals aus dem Labor entlassen. Ich habe mich für Sie eingesetzt."
Er breitete in einer Geste der Verletzlichkeit die Arme aus. "Sie sagten, Sie könnten meinen Job machen. Sehen Sie in meinen Augen, ob ich die Wahrheit sage. Testen Sie mich in einer Ihrer Simulationen. Stellen Sie mich auf die Probe."
Oh, Oinos. Ich war so müde. Jetzt bloß keine Simulationen.
Ich winkte ab: "Spielt keine Rolle mehr. Ich bin jetzt ohnehin das kleinste Übel."
"Ich wünsche, unsere Abmachung einzuhalten. Sie sagten, das wäre das Beste für beide Seiten. Ich sehe das genauso. Vertrauen Sie mir."
Das hatte ich gesagt? Ich konnte mich nicht erinnern. Ich redete viel. Hatte ich das ernst gemeint? Vielleicht spielte ich erstmal mit und hoffte, dass es mir wieder einfiel. Abgesehen davon, dass ich ihm gerne vertrauen würde, und sei es, um meinen Rest Menschlichkeit zu bewahren.
"Okay. Lassen Sie uns morgen weiterreden."


Als er den Zeugenstand erreicht, wünsche ich mir, er würde mir den Dolch in die Brust rammen als Zeichen, dass alles ein Trick gewesen ist, dass ich ihm von Anfang an niemals hätte trauen können. Ich wünsche mir, ihn zu hassen, stellvertretend für alle Menschen. Dann ist es mir egal, wie das Verfahren ausgeht und ich gehe wieder meinen eigenen Weg. Mein kleiner Ausflug zurück zu den Menschen ist vorbei. Magnabot hat recht gehabt - Sieh dich um, was die Menschen mit den Maschinen machen, du kannst nicht mehr unter ihnen leben. - Ich krieche zu ihm zu Kreuze und verlasse die Welt der Menschen, in der ich nichts mehr zu suchen habe.
Er öffnet den Mund. "Ich berufe mich auf das Gesetz, das besagt, dass gefundene außerirdische Technologien dem Mars gehören. Ich bin der erste, der die außerirdische Herkunft dieses sogenannten Kampfanzugs von Seldra erkannt hat. Daher gehört diese Technologie, deren Verantwortung und die Bestimmungsrechte mir." Zum Beweis wirft er die Belege und die Genehmigung an die Wand.
Der Richter prüft seine Unterlagen. "Damit ist die Entscheidung des Gerichts über den Verbleib dieser Technologie hinfällig. Die Beweisaufnahme ist geschlossen. Wir ziehen uns nun zur Gefahrenbewertung zurück."
Mir fällt die Kinnlade runter. Das hat er nicht wirklich getan, oder? Oder?? Ich soll jetzt Lovells Besitz sein? Heiliger Oinos!
Lovell verlässt den Saal. Ohne einen Blick zu mir oder sonst eine Reaktion, aus der ich irgendwas lesen könnte. Stumm sehne ich mich nach einem Zeichen, einer Erklärung.
Nach einer halben Stunde Pause kehren die Sachverständigen und der Richter zurück. Carla wirft mir einen kurzen, fast entschuldigenden Blick zu.
Der Richter fasst meine Fähigkeiten zusammen, die für den Mars und seine Bewohner eine Gefahr darstellen können. Sie bewerten meine Gefährlichkeit mit 58/100 Punkten. Im Kleingedruckten steht eine Liste der Einschränkungen, die ich deswegen in Kauf nehmen muss, unter anderem darf ich keine Raumschiffe führen und nicht alleine den Steinbruch betreten. Wenn sie mich wieder zur Arbeit im Steinbruch verurteilen würden, könnte sie das in eine Zwickmühle bringen.
Ich weiß nicht, ob ich von der Bewertung geschmeichelt oder beleidigt sein soll.
Ich stelle mir vor, wie ich das nächste Mal auf dem Boden der Arena liege, zu stark beschädigt, um mich aufzurichten. Das Gelächter der Condigitianer - Deine Waffen sind lächerlich, du kannst nicht richtig fliegen, deine Verteidigung ist schwach, du bist unfähig, eine Schande. - Wie ich ihnen dann über mein Radiomodul diesen Bericht zuwerfe und sage: Aber die Menschen sagen ich sei gefährlich. Lächerlich.
Andererseits könnte ich mit meinen Mitteln noch viel mehr Unheil anrichten. Ich finde, die Punktzahl spiegelt nicht mein volles Potenzial wieder.
Außerdem kündigen sie an, dass Lovell als neuer Besitzer die Verantwortung für mich tragen muss. Was auch immer das heißt. Dahinter steckt bestimmt ein perfider Plan, um meine Technologie für sich zu nutzen, damit sich das lohnt.


Während die Leute schon nach draußen strömen, bleibe ich an meinem Platz stehen. Warte darauf, dass es freier wird. Habe Zeit, über das Ganze nachzudenken. Da habe ich all die Möglichkeiten einer Maschine und doch gelingt es mir nicht, den Sinn hinter der Aktion zu erkennen. Carla macht irgendein Geräusch, als wollte sie mich ansprechen. "Ich verstehe schon", antworte ich gleichgültig, als hätte sie etwas gesagt. "Du hast nur deine Arbeit gemacht."
Ihr fehlen noch immer die Worte, also übernimmt Mark. "Komm uns mal besuchen."
"Ja, ja, gerne. Wenn wir Zeit haben." Carla rückt sich die Brille zurecht. "Ich hab durch die Sache so viel aufzuarbeiten."
"Melde dich einfach mal, wir finden schon einen Termin."
Ich zucke nur mit den Schultern. "Mal sehen. Erstmal hab ich noch was mit Lovell zu besprechen."
Carla nickt mir nur zu und folgt Mark mit gesenktem Kopf nach draußen.


Als ich schließlich auf den Flur trete, entdecke ich Lovell in einer ruhigen Ecke. Er hat mich erwartet und sieht von seinem neuen Handterminal auf, als ich mich nähere - gestohlene condigitianische Technologie.
Ich frage: "Was soll das werden? Bin ich jetzt Ihr Spielzeug?" Ich grinse. "Und ich dachte, ich würde Ihre Vorlieben kennen."
Er antwortet trocken: "Ich habe soeben meine Besitzansprüche an Ihre Technologie offiziell an Sie übertragen. Sie sind frei."
Er zeigt das entsprechende Dokument auf seinem Handterminal.
Ich stehe wieder sprachlos da. Hat er das gerade wirklich gesagt? Er lässt mich einfach so gehen? Aber warum? Ich … ich kann nicht glauben, dass ein Mensch wie er, für den andere Menschen weniger wert sind nur weil sie auf einem anderen Planeten geboren wurden, so etwas für mich tun sollte. Für mich, die nicht mal ein ganzer Mensch ist. Ich möchte ihm vor Dankbarkeit die Hand schütteln - ach was, die Füße küssen. Mach ich aber nicht.
Meine Hand schwebt unschlüssig in der Luft. Dankbarkeit zählt unter Condigitianern als Schwäche. Es wird erwartet, dass man seine Aufgaben erfüllt. Dankbarkeit gegenüber "unterentwickelten Kreaturen" drückt man höchstens aus, indem man sie nicht umbringt.
Nachdem ich mich vergewissert habe, mein Gesicht wieder unter Kontrolle zu haben, überspiele ich meine Reaktion und streiche mir verlegen über den Kopf: "Ah, natürlich will niemand sowas Nerviges wie mich haben."
Doch das Glück und Dankbarkeit überfluten mich und ich fühle, wie meine Fassade bröckelt. Oh Oinos, warum hat er das getan. Warum? Warum? Ich stehe ewig in seiner Schuld. Ach, vergiss es - dieses eine Mal lasse ich mich zu einer Reaktion hinreißen und reiche ihm die Hand. "Danke. Wie kann ich das nur je wieder gutmachen?"
"Es ist, wie Sie gesagt haben, das Beste für den Mars. Abgesehen davon wurden mit den Eigentumsrechten auch die Schadensersatzansprüche an Sie übertragen. Ich hoffe, dass das Ihnen nicht all zu viel ausmacht."
"Wenn es weiter nichts ist." Es ist ja nur Geld. Menschliches Geld. Ein paar Zahlen irgendwo im System, ein paar unbedeutende Bits und Bytes. "Wie viel ist es denn?"
Er zeigt mir die Summe auf seinem Handterminal.
Mir wird schlecht. Um die Schulden abzubezahlen, müsste ich mehr als 8000 Jahre dafür arbeiten. Allein der Satellit bricht mir das Genick. "Keine Sorge. Ich hab bestimmt noch genug gespart, um die Hälfte der ersten Rate zu bezahlen", kommentiere ich sarkastisch. Eigentlich wollte ich auf eine Reise zur Erde sparen und eigentlich habe ich vor, mich diesmal an die Gesetze zu halten. Vielleicht gibt es einen anderen Weg.
Lovell rollt mit den Augen, doch das ist mir gleichgültig.
Wann hört dieser Tag endlich auf. Ich muss dringend nach Hause und entspannen. Hoffentlich haben die Mühlen der Bürokratie meine Wohnung nicht bereits umverteilt.
Lovell verabschiedet sich von mir mit einem Händedruck. "Auf Wiedersehen und stellen Sie nicht so viel Unsinn an."

 
Monster-WG
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ich melde mich nach zehnjähriger Pause zurück auf WK, das damals noch KG hieß!
Hallo @Jellyfish, und willkommen zurück. ;)

Ich habe den Text gerne gelesen, sehr gerne sogar. Gut geschriebene, einfallsreiche SciFi. Kurzgeschichte würde ich jetzt nicht dazu sagen, denn das ist es nicht. Es ist eindeutig Teil von etwas Größerem, einer Novelle, einer Serie, Kapitel 10 eines Romans? Alleingestellt stellen sich mir zu viele Fragen, die Du aus der Handlung nur unzureichend beantwortest. In der Gerichtsverhandlung werden ihre Vergehen angerissen, das liest sich gut, doch ich hab keine Ahnung, wo ich das hintun soll, ebenso die Condigitianer, anscheinend ein Robotervolk mit überlegener Technologie. Wo treiben die sich rum, wie stehen sie den Marsianern gegenüber? Ich lese da was von Waffe und Landung, mir fehlt da das Setting als Grundlage zum Verständnis, da braucht es mehr Strecke.
Da ist die ganze Zeit von einem Anzug die Rede, der unter dem menschlichen Äußeren versteckt wird, wie sieht der aus, was kann der? Macht er die Prota zu einem Zwitterwesen, das sich nach ihrer menschlichen Herkunft sehnt? Irgendwo schreibst du, sie will doch nur zur Erde. Liegt da das Motiv für die illegale Rückkehr begründet? Und die andere Hälfte von ihr, die Technologie, das, was die Condigitianer ihr "Gutes" getan haben, möchte sie doch auch nicht missen? Es macht sie unangreifbar und stark. Sie spricht von uns, den Condigitianern. Ich bekomme das nicht sortiert, will sie den Menschen der inneren Planeten helfen oder nicht, was will sie, was ist ihr Ziel?
Das Worldbuilding ist für die Kürze der Strecke extrem komplex und unvollständig. Die Handlung dieses kurzen Ausschnitts dagegen ist recht überschaubar, es geht um eine Verhandlung zur Einschätzung der Gefahr durch eine neue Technologie, um ihre vergleichsweise milden Verfehlungen, falsche Identität, Dokumentenfälschung, Zerstörung eines Satelliten, etc. Es ist kein Kapitalverbrechen dabei, der Arbeiter, der zu Tode kam, starb durch einen Unfall. Und dann steckt doch mehr dahinter und ich streiche die Segel.

"Diebstahl von 15 Drohnen."
"Seldra hat 4 außerirdische Kampfroboter zum Mars gebracht und aktiviert."
"Sie hat den Robotern bei der Eroberung und Aufrechterhaltung der Besetzung des Bezirks geholfen." Ich schüttle nur stumm den Kopf.
"Sie hat eine geladene Waffe abgelegt und unbeaufsichtigt gelassen."
"Ich wusste nicht, wie man sie entlädt", werfe ich ein und werde ignoriert.
"Verstoß gegen die geltenden Sitten, Unzucht mit außerirdischen Technologien."
Ich fahre empört auf. "Das ist nicht wahr. Dafür gibt es keine Beweise!"
Das ist mir zuviel Rückgriff auf Wissen, über das ich als dein Neuleser nicht verfügen kann. Da musst du mir den Teppich namens Setting unter die Füße rollen. Sonst habe ich das Gefühl, ich schlage ein Buch in der Mitte auf und lese was Interessantes, Spannendes, das ich nicht verstehen kann.

Die Verhandlung findet ein überraschendes Ende mit der Eigentumsübertragung der Technologie an Lovell (was ist das eigentlich für´n Vogel?) und anschließender Freilassung der Prota durch Rückübertragung der Eigentumsrechte an der Technologie an die Prota. Warum macht der Kerle das? Weitere Figuren, Marc und Carla, irgendwelche Wissenschaftler? Ich kann nur mit den Schultern zucken, keine Ahnung, wer das sein soll.
Mein Resümee: starke, coole SciFi mit Fanpotential, toll, sowas hier im Forum zu lesen, aber gib mir bitte den Rest auch noch, damit ich nicht mit dem Gefühl hier rausgehe, ich habe einen Drei-Minuten-Trailer von einem Zwei-Stunden-Film gelesen.
Peace, l2f

P.S. Bevor jemand fragt, warum ich die Sachen nicht einfach hier gepostet habe: Weil hier Fanfictions nicht erlaubt sind.
Ps. ich gehe nicht davon aus, dass ich hier Fanfiction gelesen habe.

 
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Hallo @linktofink,

vielen herzlichen Dank für den ausführlichen Kommentar! Ich hab gefühlt aus jedem Satz von dir irgendeine Konsequenz gezogen und die letzten zwei Tage damit verbracht, Erklärungen überall einzufügen, aber das gefällt mir nicht so recht. Mit Szenen als Rückblenden dazwischen wäre es wohl besser. Vielleicht ist das das, was du mit "gib mir den Rest auch noch" meintest? Ich brauche noch eine Weile.

Es ist eindeutig Teil von etwas Größerem, einer Novelle, einer Serie, Kapitel 10 eines Romans?
Erwischt. :D
Ja, ich hab hier in der Tat die Handlung eines Romans innerhalb einer Szene desselben Romans zusammengefasst und das als "Kurzgeschichte" ausgekoppelt. Die Schwierigkeit besteht im Spagat zwischen Zeigen, Erzählen und ganz viel Weglassen. Das soll eigentlich für sich alleine stehen können.

Ps. ich gehe nicht davon aus, dass ich hier Fanfiction gelesen habe.
Vor Änderung der Kanon-Namen extra für WK war es eine.

Viele Grüße und dir einen schönen Tag noch,
Jellyfish

 
Monster-WG
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Ich hab gefühlt aus jedem Satz von dir irgendeine Konsequenz gezogen und die letzten zwei Tage damit verbracht, Erklärungen überall einzufügen, aber das gefällt mir nicht so recht. Mit Szenen als Rückblenden dazwischen wäre es wohl besser. Vielleicht ist das das, was du mit "gib mir den Rest auch noch" meintest? Ich brauche noch eine Weile.
Gäbe ja die Möglichkeit, das in der Romane-Rubrik zu besprechen oder spricht da was gegen? Ich denke mal, du willst das Ganze eh als Roman veröffentlichen?
LG, Peace, l2f

 
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@linktofink
Der Roman steht schon als Fanfiction komplett im Internet. Eigentlich möchte ich hier nur etwas Rückmeldung bekommen, um mich weiter zu entwickeln. Sonst habe ich keine Pläne damit.
Viele Grüße
Jellyfish

 
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Hallo @Jellyfish,

ich war auch erstmal gleichzeitig interessiert und ein bisschen verloren. Von den phantastischen Genres ist SF so mein zweitliebstes, und ähnlich wie bei Fantasy finde ich das immer recht faszinierend, wenn jemand eine ganze Welt erschafft, mit Gegenwart, Historie, Kultur, und ich glaube das und habe nicht das Gefühl, okay, dieses Volk da aus den Bergen, da hat einer gesessen und sich das ausgedacht und der Name klingt echt bescheuert. Ich glaube, dass du das hier schon schaffst, das wirkt alles recht zusammenhängend, allerdings, wenn ich das richtig verstehe, kann ich dich da gar nicht direkt für loben, weil Fanfiction ja bedeutet, dass du auf eine bereits erdachte Welt zurückgegriffen hast.

Auf die Frage, ob die KG losgekoppelt vom Roman funktioniert: Für mich nicht. Zu viele Häs auf zu wenige Ahs. Was aber nicht heißt, dass mir die Geschichte überhaupt nicht gefällt. Ich mochte die Hauptfigur und viele der Bilder, die hier entstehen. Es sind halt nur echt viele.

Bald besucht mich Lovell im Gefängnis, in der Uniform der Marsmarine. Endlich, ich hab mich schon gewundert, wo er bleibt. Er ist immer zur Stelle, wenn mir die Menschen Schwierigkeiten bereiten.
Das ist lockere, leicht verständliche Sprache eigentlich im ganzen Text, das fand ich schon mal gut.

Aus meinem Brustkasten bricht das Metall aus meinem Inneren heraus. In rascher Folge klappen sich die Einzelteile auseinander heraus
Ich mache mir diese Notizen beim zweiten Lesen und hau mal gleich die Kleinigkeiten hier mit rein.

und stütze meine Vorderbeine am Sicherheitsglas meiner Zelle ab.
der Zelle

meine Beschwerde professionell ignorierend
Mit Partizip wäre ich sparsam und ignorierend ist schon das zweite Mal.

Eins weg.

Der Moment, in dem die Kampfroboter leblos in sich zusammensackten und ich nicht mehr merkte als eine Art kalten Windhauch im System, ist alles, was ich von dieser mysteriösen Waffe je bemerkt habe.
Das mit dem Windhauch klingt nicht natürlich in wörtlicher Rede.

Vor dem Gebäude hat sich eine Traube von Menschen versammelt. Denke ich im ersten Moment.
Das klingt, als wären es nicht so viele Menschen, aber dann folgt, dass es sogar noch mehr sind als gedacht.

wird die Verhandlung ins Netz gestreamt.
Bei Marskolonie und Roboterteilen in der Brust denke ich so ans Jahr 2500. Das kann schon sein, dass dann noch Sachen gestreamt werden, aber dieser Gebrauch gegenwärtiger Sprache haut mich hier irgendwie raus.

die ich kenne. Unwahrscheinlich. Die meisten, die ich kenne,

im Gürtel aufgesammelt hat, wie ich erst später erkannt habe. Die außerirdischen Kampfroboter hatten im Gürtel gewartet,

Wenn das Gericht entscheidet, dass ich zerstört werden muss. Dann werden sie alle sterben.
Wenn das Gericht entscheidet, dass ich zerstört werden muss, dann werden sie alle sterben.

sein Pad
Ähnlich wie streamen.

Ich kann ja nicht einfach nach all der Zeit mit meinem echten Erdennamen plötzlich auftauchen. Die Leute sollen sich mal nicht so haben.
Bei solchen Redewendungen finde ich den Bezug zum Jetzt wieder ganz cool, das gibt all dem so was Wirkliches (anders als der kalte Windhauch!).

Weil zeitgleich
Gleichzeitig.

Ich, in Lovells Büro, dem Nachrichtenoffizier der Tuneter.
Schräg, dass diese Erklärung hier hinterhergeschoben wird. Lovell ist doch der vom Anfang?

zu meinem viel zu geradlinigem Lebenslauf
linigen

Reakion
t

Ich breite in einer Geste der Wut und Fassungslosigkeit die Hände aus. Das ist doch absolut lächerlich.
Der zweite Satz erklärt, was der erste bedeutet.

Ich finde den Humor der Verhandlung bis zu dem Simulationstypen ganz gelungen, aber an der Stelle wird's mir zu albern.

Nö, wer macht denn sowas
Hier auch, obwohl ich das mit dem Steinbruch interessant fand, die Dialoge nehmen teils sowas Klamaukiges an.

in dem ich gearbeitet habe, dort
in dem ich gearbeitet habe. Dort

Die Stelle hatte Lovell mir besorgt, um, wie mir später aufgegangen ist, mich mit der Nase darauf zu drücken, dass sie dort die gleichen außerirdischen Technologien erforschen, die auch in mir eingebaut sind.
Ich bin bei der Wiedervorlage insgesamt sehr viel weniger verwirrt, finde auch, was offenbleibt, brauche ich nicht für das Gefühl, eine gute Geschichte gelesen zu haben. Aber hier bin ich kurz komplett rausgeflogen, auch beim zweiten Mal. Keine Ahnung, warum der Lovell das tut. Und wenn ich so drüber nachdenke, eine Erklärung, die mir tatsächlich fehlt: Was ist eigentlich das Problem mit der außerirdischen Technologie?

Ich konnte nicht ahnen, dass uns deren verfluchtes Raumschiff folg
Hier war mir nicht klar, worauf sich "deren" bezieht.

Seldra hat 4 außerirdische Kampfroboter zum Mars gebracht und aktiviert
Beim zweiten Lesen kann ich sagen, ab hier fang ich an zu fliegen, es kippt, ich komme nicht mehr mit. Für eine Kurzgeschichte zu viel und alles nur in zwei Sätzen angerissen. Mars, Krieg, Roboter, Immigration, Einfuhrbestimmungen, Baby verfüttern, Tunnel stürzt ein, Technologien legal, illegal, scheißegal. Wer will jetzt eigentlich warum was von wem?

Vielleicht schaue ich mir mal das Gesamtwerk an.

Schönes Wochenende
JC

 
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Hallo @Proof,

vielen dank für die zahlreichen Anmerkungen! Um die Wortwiederholungen habe ich mich gekümmert. Pad habe ich durch Handterminal ersetzt, streamen durch senden.

Auf die Frage, ob die KG losgekoppelt vom Roman funktioniert: Für mich nicht.
Okay, es funktioniert nicht als Kurzgeschichte. Ich habe einen Haufen Szenen eingefügt, die jeweils die Vorwürfe illustrieren und es als Novelle markiert. Damit sollten zumindest genug der offenen Fragen beantwortet werden, damit der Leser reinfindet, ohne das Gesamtwerk zu kennen.

Eins weg.
Ich habe einst das Buch "Der Dämon" von Selby Hubert gelesen, da fand sich allerlei Dekoration im Text: Doppelte und vierfache Fragezeichen, Zeilenumbrüche mitten im Satz, durch Klammern eingeschobene Gedanken etc. Das hat da sehr schön den sich verschlimmernden Geisteszustand des Hauptcharakters unterstrichen. Die doppelten Fragezeichen habe ich mir da abgeschaut und verwende sie gelegentlich. Um zu verdeutlichen, dass es sich um Absicht handelt, habe ich drei Fragezeichen draus gemacht.

Wenn das Gericht entscheidet, dass ich zerstört werden muss. Dann werden sie alle sterben.
Wenn das Gericht entscheidet, dass ich zerstört werden muss, dann werden sie alle sterben.

Das ist auch eine Textdekoration, die Erzählstimme. So wie e-kel-haft. Ich habe das verbliebene Komma auch durch einen Punkt ersetzt, damit es wie Absicht aussieht.

Vielleicht schaue ich mir mal das Gesamtwerk an.
Ich hab dir den Link geschickt.

Viele Grüße
Jellyfish

 

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