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Die Weihnacht

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06.09.2025
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Die Weihnacht

In jener Nacht, als die Schafe die betrunkenen Hirten mit stummem Vorwurf anstarrten — ratlos, warum man sie in der bitteren Kälte zum Grasen hinausgejagt hatte —, herrschte im warmen Stall vor den Toren Bethlehems eine zufriedene Stille. Miriam wechselte gerade eine Windel. Josef reparierte die Futterkrippe, die als Bettchen diente, und grummelte leise über die Zimmerleute-Zunft, die für Nägel eindeutig Wucherpreise verlangte. Alles nur wegen dieser verfluchten römischen Besatzer, die es nicht einmal fertigbrachten, eine ordentliche Kreuzigung ohne Nägel human über die Bühne zu bringen!

Und das Kind schlief einfach, ahnungslos, dass es bald zur zentralen Figur eines ideologischen Disputs werden sollte.

Die Idylle wurde durch einen Tumult vor der Tür erschüttert: Stampfen, Stimmen und ein Geräusch, als ob Lattes in Pappbechern schwappten. In den Stall, einen völlig verdutzten Esel von der Schwelle fegend, stürmten drei Gestalten in identischen schwarzen T-Shirts mit dem Aufdruck „Free Palestine“, Cargo-Hosen und Kampfstiefeln. Ihre Augen brannten mit dem gerechten Zorn erleuchteter Menschen, die sich zum ersten Mal über ihren Universitätscampus hinausgewagt hatten.

„Salaam Alaikum!“, rappte der Anführer, Professor Jeremiah Cocksock vom Institut für Dekolonialisierungsstudien. „Wir sind hier, um unsere Solidarität mit der unterdrückten indigenen Bevölkerung Palästinas zu bekunden!“

Der erschrockene Esel furzte. Der Geruch von halb verdautem Hafer und Heu füllte den Stall.

Miriam und Josef tauschten Blicke aus. Das Wort „Solidarität“ klang in ihren Ohren so exotisch wie „Freelancer“ oder „Kryptowährung“.

„Wir haben euch symbolische Geschenke mitgebracht“, fuhr die Doktorandin Evangeline Boobs fort und zog ein Notizbuch mit Che Guevara und Greta Thunberg auf dem Cover sowie eine Broschüre mit dem Titel „Ihr Recht auf geschlechtsneutrale Pronomen im Aramäischen“ aus ihrem Rucksack.

„Und T-shirts mit der Aufschrift ‚Free Palestine‘!“, ergänzte der zweite Student, Jean Nudie, während er den Stoff entfaltete. „Größe L, Unisex.“

Josef befingerte vorsichtig das T-Shirt. „Weich. Danke. Aber… wer seid ihr, und was ist dieses ‚Palästina‘?“

Professor Cocksock lächelte herablassend. „Palästina ist das Land, auf dem ihr lebt, was euch zu Palästinensern macht. Die indigenen Ureinwohner dieses Landes. Und jene dort“, er gestikulierte bedeutungsschwer in die Dunkelheit, als stünden dort unsichtbare Legionen, „werden in zweitausend Jahren kommen, um euch zu okkupieren.“

„Dieses Land heißt ‚Eretz Israel‘“, wandte Miriam ein, die die Welt nicht mehr verstand. „Hier leben Juden, Samariter, Hellenen… nun ja, und Römer, leider. Was die letzten P’lischtim angeht… Philister, falls Sie die meinen — Simson hat sich um die gekümmert, ich glaube, das war vor etwa tausend Jahren. Das haben wir im Tanach-Unterricht in der Grundschule gelernt.“

Evangeline rollte mit den Augen. „Das ist zionistische Propaganda. Ihr seid das palästinensische Volk, das seit Jahrhunderten unter systemischer Unterdrückung leidet.“

„Jahrhunderte?“ Josef kratzte sich am Hinterkopf. „Miriam und ich kommen aus Nazareth, wir sind wegen der Volkszählung hier. Und ihr Großvater stammt eigentlich von hier, aus Bethlehem. Wir haben bisher nicht wirklich gelitten, außer unter den steigenden Nagelpreisen.“

„Nicht gelitten? Eure Zeit wird kommen!“ Der Professor beugte sich über die Krippe. „Dieser Säugling ist ein künftiger palästinensischer Freiheitskämpfer, den die Zionisten töten werden.“

Stille senkte sich über den Stall. Sogar die Grille verstummte.

„Wer… wird ihn töten?“, fragte Miriam leise und schirmte das Kind instinktiv ab.

„Zionisten! Die Israelis!“, erklärte Jean Nudie leidenschaftlich.

Josef schwieg lange. Er blickte von den Gästen zu seiner Frau, von seiner Frau zum Kind und wieder zurück.

„Moment mal“, sagte er langsam. „Wollen Sie behaupten, dass hier jetzt keine Juden sind?“

„Nicht als Kolonialmacht!“, konterte der Professor.

„Und Miriam und ich, unsere Eltern, unser ganzes Geschlecht, König David, die Propheten… Wer sind wir?“

„Ihr seid Palästinenser!“, schallte es im Chor der Aktivisten zurück.

In diesem Moment runzelte Evangeline Boobs die Stirn. „Professor, verzeihen Sie, aber hier gibt es eine logische Lücke. Wenn die Juden als Kolonisatoren erst 1948 auftauchen und Jesus — den Sie einen palästinensischen Freiheitskämpfer nennen — von Juden getötet wurde… wer hat ihn dann vor zweitausend Jahren umgebracht? Das würde ja bedeuten, dass die Juden bereits hier waren?“

Cocksock erstarrte. Sein Gesicht wurde bleich. Ein Moment des Entsetzens huschte durch seine Augen – der Horror eines Mannes, dessen Ideologie gerade über einen unbequemen historischen Pflasterstein gestolpert war. Sein innerer Kompass, der nur auf „Unterdrücker“ und „Unterdrückte“ programmiert war, rotierte wild.

„Das ist… eine komplexe Frage, Evangeline“, stammelte er. „Du verfällst gerade dem Narrativ der Besatzer. Du… du plapperst deren Tropen nach!“

„Aber ich habe doch nur gefragt…“

„Ruhe!“, brüllte der Professor, der fühlte, wie ihm sein akademisches Renommee unter den Füßen wegwich. „Das ist eine Manifestation von internalisierter Misogynie und kolonialistischem Denken! Ich werde dich aus dem Kurs werfen lassen! Von der Universität fliegst du flach!“

Um das Loch in seiner Rhetorik mit einer symbolischen Handlung zu stopfen, riss er sich die schwarz-weiß karierte Keffiyeh vom Hals und legte sie feierlich über den schlafenden Säugling in der Krippe.

„Da! Jetzt bist du einer von uns! Free Palestine!“, schrie er, machte auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Stall, gefolgt von einem stolpernden Jean und einer den Tränen nahen Evangeline.

Wieder kehrte Stille ein. Nur die Keffiyeh bebte sanft im Atemzug des Kindes. Miriam nahm sie vorsichtig ab und legte sie neben die Gaben der Weisen. Dem kleinen Jeschua war ohnehin warm genug, gewärmt vom Atem des Ochsen.

„Jossel?“

„Ja, Mirale?“

„Was sind das für drei Meschuggene, eh?“

„Stimmt“, pflichtete Josef ihr bei. „Aber dieser karierte Lappen ist eigentlich ganz hübsch. Mach ein Dutzend Taschentücher daraus. Zwei behalten wir für uns, den Rest verkaufen wir.“

Das Kind lächelte im Schlaf. Anscheinend sah es etwas sehr Lustiges.

 

Hallo @Earl de Galantha ,
da hast Du ja in ein Wespennest gestochen. Verhältnis zwischen Juden und Palästinensern ist zur Zeit so aufgeheizt. Da traut man sich gar nicht, sich dazu zu äußern. Gekonnt hast Du die Stellen aus der Bibel mit eingebaut. Passt jetzt gerade gut an Weihnachten bzw. kurz danach. Ich wusste vorher noch gar nicht welche Bedeutung das Palästinensertuch hat. Momentan kann ich dort im Nahen Osten überhaupt nichts humorvolles sehen. Von Gaza hört man ja zur Zeit gar nichts mehr.
Gruß Frieda

 

Liebe Frieda,

vielen Dank für Deinen Kommentar und deine ehrlichen Worte.

Ich verstehe völlig, dass die Situation im Nahen Osten momentan alles andere als humorvoll ist – ich sehe dort auch nur Blut und Schmerz. Aber wenn Du genau hinschaust, wirst Du bemerken: Mein Text kommentiert eigentlich gar nicht das Verhältnis zwischen Juden und Palästinensern an sich.

Das eigentliche Ziel meiner Nadelstiche sind die drei Besucher im Stall. Ich schreibe über die oft lächerliche Überheblichkeit von Menschen, die aus einer sicheren, akademischen Distanz heraus versuchen, die Geschichte und das Leid anderer in ihre eigenen, engen Ideologien zu pressen.

Es geht mir nicht um den Konflikt dort, sondern um die absurde menschliche Dummheit hier bei uns, die meint, alles besser zu wissen – selbst besser als die Menschen, die damals dabei waren.

Beste Grüße,
Earl

 

Hallo @Earl de Galantha

Hier erzählst du eine Weihnachtsgeschichte der etwas anderen Art, mit den drei Weisen aus dem Zukunftsland, die ich unterhaltsam finde, auch wegen der treffenden Formulierungen, so dass sich wohlmeinende Gutmenschen mit ihrem Schwarz-Weiß-Horizont vielleicht ein wenig getroffen fühlen. Je weiter man in der Geschichte zurückgeht, umso absurder wirkt der Versuch, aus ihr irgendwelche Ideologien ableiten zu wollen.
Der erste Satz stimmt den Leser gut auf das Folgende ein. Ich kann mir die Schafe mit ihrem stummen Vorwurf richtig vorstellen.

Noch etwas Detail-Kritik:

Alles nur wegen dieser verfluchten römischen Besatzer, die es nicht einmal fertigbrachten, eine ordentliche Kreuzigung ohne Nägel human über die Bühne zu bringen!
Das ist mir einen Tick zu flapsig. Obwohl. Man kann natürlich alles. Der Film „Das Leben des Bryan“ fällt mir ein...
Ihre Augen brannten mit dem gerechten Zorn erleuchteter Menschen, die sich zum ersten Mal über ihren Universitätscampus hinausgewagt hatten.
Hier wirfst du den gerechten Zorn und das Hinauswagen in einen Topf. Nur der gerechte Zorn bewirkt aber das Brennen der Augen. Außerdem wagt man sich über die Grenzen des Campus hinaus – oder aus dem Campus hinaus. Besser deswegen zwei Sätze bilden. Vielleicht könntest du die drei an dieser Stelle als Zeitreisende benennen, also zum Beispiel so:
Zum ersten Mal hatten sie sich über die Grenzen ihres Universitätscampus hinausgewagt - und über die Grenzen ihrer Zeit gleich mit.
Das Wort „Solidarität“ klang in ihren Ohren so exotisch wie „Freelancer“ oder „Kryptowährung“.
„Freelancer“ oder „Kryptowährung“ haben sie doch noch gar nicht gehört. Stattdessen müssten hier exotische Beispiele aus ihrer Zeit stehen, vielleicht irgendwelche lateinischen Wörter.

Grüße
Sturek

 

Hallo @Sturek,

herzlichen Dank für das präzise Feedback! Es freut mich sehr, dass die „drei Weisen aus dem Zukunftsland“ und der Kontrast zwischen der historischen Realität und der modernen Ideologie so gut angekommen sind.

Zu deiner Detail-Kritik:

  1. „Ein Tick zu flapsig“: Ich verstehe den Einwand absolut. Aber genau diesen Tonfall wollte ich beibehalten — Josef als pragmatischen, fast schon zynischen Handwerker, für den eine Hinrichtung vor allem ein logistisches Problem (und ein Kostenfaktor bei den Nägeln) ist. „Das Leben des Brian“ ist da tatsächlich ein guter Referenzpunkt: Humor, der durch die absolute Profanität des Schrecklichen entsteht.
  2. Die Augen und der Campus: Dein Hinweis zur Grammatik und dem „Hinauswagen“ ist berechtigt. Den Vorschlag mit den Zeitreisenden finde ich spannend, aber ich wollte die drei bewusst als „Eindringlinge“ stehen lassen, ohne sie technisch zu erklären – das macht ihre Arroganz fast noch absurder. Ich werde mir den Satz aber noch einmal ansehen, um den „Zorn“ und den „Campus“ sauberer zu trennen.
  3. Freelancer und Kryptowährung: Hier liegt vielleicht ein kleines Missverständnis vor: Der Vergleich dient ja dem Leser von heute, um das Gefühl von Miriam und Josef zu verdeutlichen. Würden dort lateinische Begriffe stehen, wüsste der moderne Leser ja sofort, was gemeint ist – aber für das Paar im Stall klingt „Solidarität“ eben genauso unverständlich wie für uns heute kryptische Fachbegriffe. Es ist ein bewusster Anachronismus im Vergleich, nicht im Wissen der Charaktere.
Nochmals danke für die „Nadelstiche“ zum Text — so macht der Austausch Spaß!

Beste Grüße,
Earl

 

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