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Drüben, zweiter Stock

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09.08.2020
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Drüben, zweiter Stock

Zu dritt saßen sie auf weichem Gras im Schatten ihres Lieblingsbaumes, und sie beobachteten die Tauben. „Kommen nie zu uns“, sagte Fisch.
„Hier jibt’s ooch nüscht zu holn“, sagte Gonschorek.
„Hm“, machte Hermann. Auf einer Parkbank saß ein alter Mann und schmiss den Tauben Brotkrümel hin. Die Vögel kamen mit zuckenden Köpfen angerannt und pickten den Boden ab. Der Alte grinste.
„Habta wat vom Brummer jehört?“, fragte Fisch.
„Nee.“
„Nö.“
„Komisch“, sagte Fisch. „Is jetze scho ne Weile wech, wa.“
„Wie, wech?“, fragte Hermann.
„Na, ick habne nich jesehn.“
„Wo issern?“, fragte Gonschorek.
„Wenn ick’s wüsste, würd ick’s ja sahn“, sagte Fisch. „Aber ick wees et nich.“
„Wann hast’n den dat letze Ma jesprochen?“, fragte Gonschorek.
„Da fragste wat.“ Fisch schaute zu den Bäumen am See und kniff die Augen zusammen. „Bestimmt zwee Wochen.“
„Möglich, dasser am Alex is. Mitm Fred unnem Ronny.“
„Gloob ick nich“, sagte Fisch. „Brummer tut Fred un Ronny nich leiden.“
„Wat?“, fragte Hermann. „Warum datten nich?“
„Ham ihm mal’n Becher jeklaut.“
„Wat?“
„Jau.“
„Wara voll?“, fragte Gonschorek.
„Brummer? Der is doch scho dit janze Jaah trocken“, sagte Fisch.
„Ick meen den Becher.“
Fisch zuckte mit den Schultern. „Ick wees et nich, Brummer sacht, da warn paar Euro drinne. War wohl abends anner Spree.“
Gonschorek nickte. „Anner Spree jeben die feenen Pinkel imma mehr.“
Hermann sagte: „Isset Wassa. Dit macht jute Stimmung.“
„Mir nich“, sagte Fisch. Er war einmal in die Spree gefallen, spätnachts. Die Strömung hatte ihn mitgerissen und er wäre fast ersoffen. Seitdem nannten ihn alle Fisch.
„Sach ma“, sagte Hermann.
„Wat?“, fragte Fisch.
„Wie bistn eijentlich rausjekomm?“
„Wo rausjekomm?“
„Alsde inne Spree jefalln bist.“
„Hör uff jetze, sonst klatschtet wat.“
Hermann lachte und Gonschorek grinste. Fisch schaute zum glitzernden See und dem wolkenlosen Himmel darüber und seine Augen wurden leer, als würde er durch all das hindurchblicken und etwas ganz anderes sehen. Hermann lachte nicht mehr und Gonschorek hörte auf zu grinsen. Er fragte: „Wat bistn jetze so? War doch nich bös jemeint.“
Fisch sagte: „Ick mach mir nur Sorjen. Brummer hatte imma son Husten. Wat, wenn’s sich jetze ausjehustet hat? Wat, wenner alleen jestorben is? Wie der Carsten.“
Gonschorek und Hermann senkten die Köpfe.
Der Alte stand auf und die Tauben flatterten. Der Alte stülpte seine Hosentaschen nach außen, ein paar Brotkrümel fielen noch heraus. Lächelnd ging der Alte weg. Als er an den drei Männern vorbeikam, hielt ihm Fisch einen Becher hin. Ein paar Centstücke klimperten schon darin. Das Lächeln schmolz dem Alten und er ging schneller, sah dabei auf seine Brust und fing an, sein Hemd zu reiben, als hätte er Dreck daran.

Gonschorek und Hermann saßen auf einer Metallbank gegenüber einer Bushaltestelle. Eine junge Frau stand da und tippte auf ihrem Handy rum, hatte Kopfhörer drin. Ab und zu schielte sie herüber. Als wollte sie sich vergewissern, dass Gonschorek und Hermann nicht näherkamen, ihr keinen Becher unter die Nase hielten, ein Grinsen im Gesicht, einen Anmachspruch auf den Lippen. Hermann sagte: „Ick gloob, der Fisch is sauer.“
„Uff uns?“, fragte Gonschorek.
„Nee, uff’n Papst.“ Als Gonschorek nichts entgegnete, sagte Hermann: „Wennde dat mitter Spree ansprechen tust, isser immer leich mitm Arsch rum, wa.“
Gonschorek lauschte den vorbeifahrenden Autos und musterte die wartende Frau. Sie sah herüber, presste die Lippen zusammen, drehte sich dann weg. Gonschorek sagte: „Wees ooch nich. Recht hatta schon, Brummer is wie vonne Erde verschlucht.“
„Vielleicht isser zurück zur Mischpoke.“
„Nee, dat kann ick mich nich vorstelln. So, wie der immer vonner Alten jeredet hat. Die hat dem seine Klitsche ja erst jegen die Wand jefahrn und die janze Bagage inne Scheiße jeritten.“
Hermann kratzte sich den Nacken. „Du.“
„Hm?“
„Wat is, wenner hinjejangen is?“
„Wohin?“
„Innen zweetn.“
Gonschorek kannte die Gerüchte. Von der Wohnung im zweiten Stock, drüben in Charlottenburg. Über dem Dönerladen mit den gelben Schildern und der roten Schrift, wo nur Deutsche arbeiteten und nie Kunden waren. „Warum sollta? So verzweefelt kanna jar nich sein.“
Hermann sagte: „Bald is Winta, die Nächte werden schon kalt. Un de Bullerei geht uns imma mehr uff’n Senkel. Wennde uffer Bank pennst, tun se dich leich runtaschubsn.“
„Dit ham se imma schon jemacht.“
„Ejal“, sagte Hermann. „Irjendwat is anners. Und die Jören, die ziehn dir de Decke unnerm Arsch weg. Keenen Respekt mehr. Denen jehört jehörich eene jetachtelt.“
„Mach ja allet stimmen, aber der Brummer jeht trotzdem nich in zweeten Stock. Dit is ne Todesfalle.“
„Weeste doch jar nich.“
„So? Allet redet vom zweeten Stock, aber keener sacht, dassa ma drin war. Weeste, warum? Weil keener mehr rauskommt, wa.“
„Wat solln da schon passiern?“
„Die verkoofen deine Niern.“
„Bist doch meschugge.“
„Im Jejenteil, mir ist’s janz kla.“
„Und wenn’s stimmt?“, fragte Hermann. „Wenn se uns echt vonner Straße holn?“
„Warum solltense nen Heini wie dich vonner Straße holn?“
„Na, irjendwo müssen die Jerüchte ja herkomm.“
„Dit is allet Mumpitz.“
Hermann schwieg einen Moment. Es wurde so still, dass Gonschorek seinen eigenen Atem hören konnte. Es lag ein Rasseln darin. „Allet Mumpitz“, wiederholte Gonschorek, um das Rasseln nicht länger hören zu müssen.
Hermann stöhnte. „Wenn ick nur nich so müde wär.“ Er gähnte. „Dann wär allet einfacher. Bin schon janz rammdösich.“ Mit dreckigen Fingern rieb er sich die Augen und danach tränten sie und Hermann rieb weiter. Seine Augen wurden rot. „Menschenskinners, wat ne Scheiße.“ Dann hörte er auf mit dem Reiben und starrte auf seine langen Fingernägel und blinzelte die Tränen weg.
Gegenüber hielt der Bus. Die Bremsen quietschten und es zischte kurz und die Tür ging auf. Die Frau stieg ein. Die untergehende Sonne spiegelte sich in den Fensterscheiben. Gonschorek sah nur den orangefarbenen Himmel, vereinzelte Wolken. Die Menschen auf der anderen Seite der Scheibe waren bloß Umrisse, Sitzende ohne Gesicht.

Gonschorek sah Hermann danach nicht mehr, auch Fisch war verschwunden. Tagelang saß Gonschorek allein unter dem Lieblingsbaum oder auf Metallbänken in den Fußgängerzonen und hielt den Leuten seinen Pappbecher hin. Nur selten warf jemand etwas hinein, goldfarbene Münzen, die kleinen. Manchmal saß Gonschorek an warme Wände gelehnt einfach nur da und beobachtete die Männer mit ihren Anzügen und Koffern, schnellen Schrittes gingen sie an ihm vorbei, hatten einen Knopf im Ohr und redeten mit der Luft. Jungen Frauen schaute er auf die Ärsche und fragte sich, ob die Hosen früher auch so eng waren. Und dann fragte er sich, wann er das letzte Mal eine Frau berührt hatte und wusste es nicht und wollte auch nicht darüber nachdenken, das brachte nur Ärger und feuchte Träume.

Am Samstag spielte die Hertha und Gonschorek freut sich darauf, denn wenn die Hertha spielte, kamen alle. Fisch, Hermann, Ronny, Fred, Brummer. Zum Pfandsammeln. Diesmal nicht. Gonschorek wartete vor dem Olympiastadion, hielt seine blaue Plastiktüte, lauschte dem Jubel und den Buhrufen und sah sich um. Der Glockenturm in der Ferne flimmerte in der Hitze, das Gras vor dem Stadion war braun und Gonschorek spürte, wie Wärme von den Platten unter seinen Füßen aufstieg und ihn schwitzen ließ. Wären die anderen hier, würde ihm das wenig ausmachen. Doch nur ein paar Rentner waren noch zum Sammeln da und unterhielten sich miteinander, aber nie mit Gonschorek. Das war Gonschorek egal, er mochte die Rentner nicht, die meisten Leute gaben denen all ihr Pfand.
Als der Abpfiff ertönte, ging Gonschorek zum Eingang und wartete. Die Fans strömten heraus in ihren blauweißen Schals und Trikots. Sie gingen an Gonschorek vorbei und er hielt seine Tüte auf und manch einer schmiss etwas herein, aber viele gingen einfach weiter. Die Hertha hatte verloren, Gonschorek sah das an den herabgezogenen Mundwinkeln, hörte das an den Flüchen hier und da. Ein paar Fans der Gegner kamen auch vorbei. Sie trugen weiße Trikots mit roten Stieren drauf; Gonschorek kannte die Mannschaft nicht.
Er machte sich auf den Weg zum nächsten Supermarkt, die Tüte war halbvoll, für ein paar Brötchen würde es schon reichen. Nahe der Station Ruhleben sah er Ronny. Er fischte Bierflaschen aus einem Mülleimer. „Wat jefunnen?“, fragte Gonschorek.
Ronny sah auf. „Tach.“ Er hob seinen Müllsack. Flaschen schlugen gegeneinander. „Jibt jut wat heude.“ Er grinste. Ihm fehlte ein Schneidezahn, die restlichen Zähne waren dunkelgelb. „Heude kann ick jut schlafen.“ Er grinste noch immer. „Ja, jut schlafen.“ Ronny war Anfang dreißig, aber er hatte schon Falten auf der Stirn und um die Augen. Er trug einen Ring im Ohr und einen in der Lippe und früher hatte er sich die Haare grün gefärbt. Als er noch mit seinen Freunden am Ernst-Reuter-Platz rumhing, bei den Brunnen saß und laut Musik hörte, mit Geschrei und kreischenden Gitarren. Dann verschwanden seine Freunde, sie gingen zurück nach Hause oder fingen doch an zu arbeiten. Nur Ronny war geblieben. Vielleicht gab es nichts, wohin er zurückkehren konnte. Gonschorek hatte nie gefragt.
Gonschorek sagte: „Mensch, sieht ma wenstens einen vonne Leude.“
„Wie?“, fragte Ronny. „Wo sindn alle?“
„Wees ick nich. War Spieltach, aba keener is jekomm.“
Ronny steckte noch eine Flasche in seine Tüte. „Vielleicht sinse rüba innen zweeten Stock jejang.“
Gonschorek sagte: „Jetzte fängste ook noch an mitter Scheiße.“
„Ick sach ja nur. Dann broochense dat Jesammel nich mehr.“
„Hör mir bloß uff. Komm, jehn wa zusammen zum Lidl.“
„Is jut.“
Sie machten sich auf den Weg und nach ein paar Schritten fragte Gonschorek: „Sach ma, haste dem Brummer ma Penunsen jeklaut? Ick hab da wat jehört.“
Ronny sah auf seine Tüte und sagte leise: „Dat war dem Fred seine Ietze. Ick wollt dit jar nich. Hab mich ooch entschuldicht beim Brummer un dem eenen usjejebn. War allet jut dann, wa.“
„Dann is jut“, sagte Gonschorek. Er warf Ronny einen strengen Blick zu, aber Ronny bemerkte es nicht, er fummelte noch an seiner Mülltüte rum. „Mach dit aba nich nochma, man klaut nich vonna Keule.“

Gonschorek lag lange wach. Im Park, versteckt in den Büschen, wo das Licht der Laternen nicht hinfiel. Über Gonschorek der Mond und die Sterne und Baumkronen, die sich im Wind bewegten und raschelten. Neben ihm Ronny, er hatte sich beim Lidl eine Pulle Wodka gekauft. Die Flasche lag zwischen Arm und Oberkörper, es war kaum noch was drin. Ronny schnarchte leise und regte sich kaum. Gonschorek spürte die Müdigkeit, sie zerrte an seinem Bewusstsein, sein Blick wurde unscharf, dann scharf, wieder unscharf, und seine Arme und Beine waren schwer, es fühlte sich an, als wären sie eins mit dem Boden. Er schloss die Augen, lag einfach nur da, und die Gedanken rasten.
Nicht mal zum Spieltag kommen sie ja das ist doch scheiße nicht mal der Fisch der ist immer da für Pfand und der fragt immer jeden wie’s steht und überhaupt hat noch nie ein Heimspiel verpasst und jetzt weg einfach weg wenn er im zweiten ist dann gute Nacht sehe ich ihn mal wieder ich weiß nicht und Brummer was ist mit Brummer den Fetten kann man nicht übersehen der kann ja nicht einfach verschwinden wo soll er denn hin er hat ja keinen war immer beim Fisch gute Kumpel treue Seele wie er sich vor uns gestellt hat wenn die Kanacken uns verkloppen oder die Hurensöhne vom Potsdamer und jetzt sowas das kann ja nicht sein nee und Hermann der geht alleine sonst auch nie wo hin grinst immer nur dumm sagt Ja und Amen der würde nie alleine los aber vielleicht in den zweiten was ist da was kann da sein Organhandel oh Gott aber warum nicht man braucht nur eine Niere paar Tausender wären drin dann könnte ich zu einer Frau gehen weiche Haut feuchte Lippen warme Muschi nach ner Minute wäre Schluss scheiße teuer lieber wichsen aber warum von uns Pennern wir sind ja krank innen drin so wie ich oh dieses Rasseln es ist so laut so laut ich kann das nicht mehr und bald ist wieder Winter oh Gott alle sind weg wohin im zweiten wer ist da wer ist überhaupt noch da nur Ronny immer nur Ronny und der säuft sich bald tot was machen sie drüben im zweiten warum kommt keiner warum redet keiner wie viel Geld gibt’s da sind da alle hin vergessen sie mich ich weiß es nicht das ist doch scheiße wenn ich hier bleibe verrecke ich im Dunkeln allein alles dunkel was kann ich tun schlafen warum schlafe ich nicht es ist so kalt allein so kalt und so still warum …
Gonschorek hörte die Büsche rascheln und Äste knacken. Schritte. Er öffnete die Augen und da blendete ihn Licht aus einer Taschenlampe und ein Mann sagte: „Ey, hier wird nicht rumgelungert.“ Gonschorek kniff die Augen zusammen, aber der Mann hinter dem Licht blieb nur ein Umriss.
Ein zweiter Mann stand neben ihm und richtete seine Taschenlampe auf Ronny. „Parkaufsicht, steht mal schön auf und verzieht euch, aber dalli. Sonst gibt’s einen Satz heiße Ohren!“
Gonschorek setzte sich auf. „Is ja jut.“ Er rüttelte an Ronny. „Komm, wir müssen wech.“
„Hm?“, machte Ronny. Er gähnte und schmatzte, rieb sich die Augen, stank nach Pisse.

Der Glatzkopf vor dem Dönerladen mit den gelben Schildern und der roten Schrift nickte Gonschorek zu und sagte: „Tach.“
Der Glatzkopf starrte Gonschorek an und Gonschorek starrte auch. Der Glatzkopf sah nicht weg und Gonschorek öffnete den Mund, schloss ihn wieder, lächelte, sagte: „Tach.“
Der Glatzkopf grinste, die Zähne weiß und gerade.
Gonschorek sah zum Dönerladen, zur Fensterfront, die glattpoliert war, die Straße spiegelte sich darin, Autos, Fahrräder, Passanten. Die Dönerspieße im Laden waren braun und prall und drehten sich nicht. An der Theke stand ein blonder Mann. Er sah gelangweilt aus dem Fenster, bemerkte Gonschorek und winkte. Gonschorek winkte nicht, der Arm wurde ihm schwer und er spürte Schweiß in den Achseln, unangenehm kalt bei jeder Bewegung. „Läuft allet?“, fragte er den Glatzkopf.
Der Glatzkopf steckte die Hände in die Hosentaschen. „Jau, läuft.“
„Jut, jut.“ Gonschorek ging am Glatzkopf vorbei. Zur schwarzen Eingangstür. Die Farbe blätterte hier und da schon ab und das Holz war rissig.
„Bei Maxim klingeln“, sagte der Glatzkopf. „Und dann hoch in den zweiten Stock. Weißte ja.“
Gonschorek nickte bloß und klingelte. Nach wenigen Sekunden summte es und Gonschorek drückte die Tür auf.

Er stieg die Treppen hoch und seine Schritte hallten durch das Treppenhaus. Er hörte gedämpfte Stimmen. Jemand stritt in einer Sprache, die Gonschorek nicht kannte. Es roch nach alten Socken. Im zweiten Stock blieb Gonschorek stehen. Vor ihm eine graue Tür. Auf dem weißen Schalter daneben stand Maxim in Druckbuchstaben. Gonschorek atmete tief ein. Staub stieg ihm in die Nase und kratzte im Rachen und Gonschorek glaubte, niesen zu müssen, aber nichts passierte. Er überlegte, umzukehren. Doch Gonschorek wollte dem Glatzkopf nicht erneut begegnen, nicht so schnell, vielleicht könnte er einfach hier im Treppenhaus warten, zehn Minuten, dann würde er beim Rausgehen keinen Verdacht erregen. Schnell raus und mit dem Pappbecher zum Alex und alles hier vergessen. Doch die Tür vor Gonschorek öffnete sich schon, erst einen Spalt, dann völlig. Eine junge Frau stand da. Sie musterte Gonschorek und dann lächelte sie. „Schön, dass Sie da sind. Kommen Sie doch herein.“
Gonschorek ging an ihr vorbei in einen lichtdurchfluteten Korridor mit weißen Tapeten. Die Frau duftete nach Lavendel, die ganze Wohnung roch danach. Die Frau schloss die Tür, berührte Gonschorek sanft an der Schulter. „Ich bin Anna. Gehen wir doch in die Küche.“ Sie ging an ihm vorbei, zog den Duft hinter sich her, lächelte weiterhin.
Gonschorek spürte noch die Wärme ihrer Berührung und folgte ihr. Die Möbel in der Küche waren aus hellem Holz und eine Kaffeemaschine ratterte und verströmte Kaffeeduft. An der Wand hing ein Gemälde. Berge, die in einen blauen Himmel ragten, davor eine Hütte auf einer Wiese, Kühe grasten da, eine Frau im Dirndl stand auf der Veranda. Gegenüber an der Wand ein Spruch. Genieße jeden Tag. Anna fragte: „Möchten Sie etwas trinken?“
Gonschorek räusperte sich. „Nur Wassa, ja.“
Anna öffnete einen Schrank, stellte sich auf Zehenspitzen, streckte sich, griff nach einem Glas. Gonschorek konnte ihren Bauchnabel sehen und sah weg. „Setzen Sie sich doch“, sagte Anna, als sie das Glas dann hatte. Gonschorek setzte sich. Anna drehte den Wasserhahn auf und hielt das Glas darunter und als es dann voll war, stellte sie es vor Gonschorek auf den Tisch und setzte sich ihm gegenüber. „Wie können wir Ihnen helfen?“, fragte sie.
Gonschorek sagte: „Ick ...“ Eine Klospülung.
Anna kicherte. „Blödes Timing.“
Eine Tür knarzte und jemand schritt über den Flur. Gonschorek wollte gerade fragen, wer noch hier war, da betrat eine zweite Frau die Küche. Sie trug Pantoffeln, die aussahen wie Hasenköpfe. Die Ohren standen aufrecht wie Antennen. „Hi“, sagte die zweite Frau. Sie sah Anna sehr ähnlich, dieselbe Haarfarbe, dieselbe Frisur, dieselben Klamotten, ihre Stimmen klangen auch gleich. Sie reichte Gonschorek die Hand und er nahm sie, die Haut war ganz weich. „Sehr erfreut“, sagte sie. „Ich bin Maria.“ Dann setzte sie sich neben Anna. Beide sahen Gonschorek an und lächelten ihr weißes Lächeln und warteten.
Gonschorek räusperte sich erneut. „Ick such meene Kollejen.“
„Sie haben einen schönen Akzent“, sagte Anna.
„Das gefällt unseren Kunden“, sagte Maria.
„Obwohl Sie ja auch ein Kunde sind“, sagte Anna.
Maria kicherte.
„Wat’n für’n Kunde?“, fragte Gonschorek.
„Wir vermitteln“, sagte Anna.
„Arbeit an Obdachlose“, sagte Maria. „Sie sind doch obdachlos?“
„Nee, ick loof freiwillich so rum.“
„Sie sind ja drollig.“ Annas Lächeln veränderte sich nicht. „Wir sind wie eine Partnervermittlung.“
„Waren Sie schon mal bei einer?“, fragte Maria.
„Nee“, sagte Gonschorek.
„Nicht schlimm“, sagte Anna.
„Irgendwann ist immer das erste Mal“, sagte Maria.
„Keine Bange, wir sind seriös.“
„Sie können uns auf Instagram finden.“
„Und auf Facebook.“
„Oder LinkedIn.“
Gonschorek trank einen Schluck. Das Wasser schmeckte gut, legte sich sanft um Lippen und Zunge, anders als die abgekochte Plörre aus der Spree. „So Vermittlungsjedöns könnse sich eijentlich spahn.“
„Wie heißen Sie?“, fragte Maria.
„Gonschorek.“
„Schöner Name“, sagte Anna. „Kommen Sie aus Ostberlin?“
„Joa.“
„Sie sind ja schon ein älteres Semester“, sagte Maria.
„Wat?“
„Da haben Sie ja noch die DDR mitgemacht, oder?“
„Wie ick’n Steppke war.“
„Nur?“
„So alt bin ick nu ooch nich.“
„Was haben Sie denn Ende der Achtziger gemacht?“
„Meene Lehre. Bäckerei.“
„Konditorei?“
„Nee, nur Schrippen.“
Anna machte sich Notizen auf einem Zettel. „Warum sind Sie obdachlos?“
„Hab meine eijene Bäckerei anne Wand jefahrn. Der Teuro kam und dann war et fix zappendusta. Und zum Amt jeh ick nich, die Sesselfurza da könn mich ma kreuzweise. Nacher Wende hamse mich ooch im Stich jelasse, nee, verlässte dich uff die, biste verlassn. Dann war meine Alde bald wech und die Bude ooch und wo soll ma hin? Die Kanacken kriejen ja eh die janzen Hüttn hia.“
„Spannend“, sagte Anna tonlos.
Maria öffnete einen Ordner und nahm ein Formular heraus. Sie begann, mit einem Kugelschreiber die Felder auszufüllen. „Wären Sie so freundlich und sagen mir nochmal Ihren Namen? Langsam und deutlich bitte.“
„Wennse mir den Wisch da jeben, kann ick’s ooch selba machen.“
„Wie?“, fragte Anna. „Sie können schreiben?“
„Jau.“
„Und auch lesen?“
„Jeht dit eine ohne dit andre?“
„Ist das ein Ja?“
„Ja.“
Maria sah Anna an und Anna Maria. „Sie werden hier ja immer begehrter. Ehrlich gesagt haben wir eine Anfrage reinbekommen, vor einer ganzen Weile schon. Sie wären perfekt.“
„Ick will dit aba nich.“
Maria riss einen Streifen vom Formular ab und kritzelte etwas darauf, dann klatsche sie den Zettel vor Gonschorek auf den Tisch. Morgen Abend, acht Uhr, unten im Laden. Gonschorek fragte: „Wat soll‘n dit? Warum sajense mir dit nich einfach?“
„Ist so Standard“, sagte Anna.
„Schriftlich ist immer besser.“
„Absicherung.“
„Wojejen?“
„Unsere Kunden können sehr pingelig sein.“
„Berufskrankheit.“
„Ja, es ist schrecklich.“
„Haben wirklich viel Verantwortung.“
„Der Job wird Ihnen aber gefallen.“
„Da wurden Sie echt vom Glück geküsst.“
„Ick bin aba wejen wat andrem hier.“
„Sie wollen keine Arbeit?“
„Nicht weg von der Straße?“
„Dit hab ick nich jesacht.“
„Na, sehen Sie.“
„Ick will aba erstma wissen, ob meene Kollejen ooch hier warn.“
„Welche Kollegen?“
„Arbeiten Sie schon?“
Gonschorek stöhnte. „Meene Atzen.“
„Verstehe einer die Leute hier“, sagte Anna oder Maria, Gonschorek konnte sie nicht länger unterscheiden, er sah die Hasenpantoffeln nicht mehr.
„Sie können nicht zufällig Hochdeutsch?“
„Jetze reichtet aba.“
„Wollen Sie wissen, ob ihre Freunde hier waren?“, fragte Anna oder Maria. Sie betonte jedes Wort, so als wäre Gonschorek schwer von Begriff.
„Jau.“
„Das dürfen wir Ihnen nicht verraten.“
„Datenschutz.“
„Wat?“
„Ja, wir kommen in Teufels Küche.“
„Un nu?“
„Kommen Sie einfach morgen in den Laden.“ Sie nickte zum Zettel. „Vielleicht können Sie ein Arrangement mit Ihrem neuen Arbeitgeber treffen.“
„Ihrem neuen Partner“, sagte Anna oder Maria.
„Jut, ick hab’s ja verstanden. Danke für Nüscht.“
Maria geleitete Gonschorek aus der Wohnung. Maria schlurfte mit den Pantoffeln über den Flur, als wären ihre Beine zu schwer. Sie tätschelte Gonschorek zum Abschied die Schulter. „Viel Spaß morgen.“
Gonschorek stand im Treppenhaus und Maria schloss hinter ihm die Tür. Kurz bevor sie ins Schloss fiel, sah Gonschorek ein letztes Mal Marias Gesicht. Das Lächeln war verschwunden, der Mund nur noch ein Strich, die Augen waren kalt und starrten an ihm vorbei an die graue Wand.

Gonschorek saß in der Küche des Dönerladens. An der Decke kaltes Licht, an den Wänden weiße Fliesen, die metallene Einrichtung glänzte, wirkte unbenutzt. Der Glatzkopf hatte Gonschorek wortlos reingelassen. Jetzt saß Gonschorek auf einem Gartenstuhl an einem Klapptisch. Zusammen mit einem Mann, der Lachfalten und grau melierte Haare hatte. Er trug einen Anzug und richtete sich die dunkelrote Krawatte und sah sich um, als suchte er in dem Raum nach Kameras oder Mikros. Schließlich sah er Gonschorek direkt in die Augen und fragte: „Jeden Tag sterben wir ein bisschen, nicht wahr, Herr Gonschorek?“
„Wat’n dit für ne Fraje?“
„Gerade Sie müssten das doch wissen.“
„Ick? Ick wees ja nich ma, werse sin.“
„Ich bin Geschäftsführer einer Baufirma.“
„Wat bautan?“
„Häuser.“
„Aha.“
„Ja.“
„Un wat kann ick da tun?“
„Sie können mir helfen.“
„Wie dit?“
„Wissen Sie, was Maxim macht?“
„Vermitteln.“
„Richtig. Obdachlose an Menschen wie mich.“
„Für Drecksmaloche, wat? Ihr feenen Pinkel wollt dit ja nie machen.“
„So würde ich das nicht ausdrücken.“
„Wie dann?“
„Ich arbeite jeden Tag zehn Stunden, das ist genug Maloche, finden Sie nicht?“
„Ick arbeite jeden Tach den janzen Tach, damit ick nich verrecke.“
„Ja, das ist schlimm.“
„Komm, hörnse mir uff mit’m Jeseier. Sonst komm mir selbst leich die Tränen.“
Der Geschäftsführer knallte mit der flachen Hand auf den Klapptisch, und als er sie wegnahm, lag da ein grünes Rechteck. Ein Hunderter. „Der kann Ihnen gehören. Als kleine Anzahlung.“
Gonschorek starrte auf das Geld. „Se wolln mich aba nich herkriejen, oda so?“
„Wie bitte?“
„Pimpan?“
„Ich bitte Sie, wenn ich eine Nutte wollte, könnte ich mir jeden Tag zehn kaufen. Und einen gesunden Eindruck machen Sie nicht gerade. Ich höre Ihr Röcheln bis hier.“
Gonschorek räusperte sich.
Der Geschäftsführer grinste. „Keine Sorge, Ihre Wehwehchen bleiben unter uns.“
„Wat wollnse denn nu?“
„Ich habe auch meine Wehwehchen. Wenn ich nach Hause komme, fühle ich mich ... ich weiß nicht. Die Arbeit ... ich frage mich, wozu das alles? Immer öfter schießt mir das durch den Kopf.“
„Sabbelnse Ihre Ische damit voll. Se ham doch sicha eine.“
„Ja. Ende Zwanzig, mehr Titten als Gehirn, Sie wissen ja, wie das ist.“
„Eijentlich nich.“
„Jedenfalls bin ich in einem kleinen Motivationstief.“
„Un ick sollse jetze anfeuern, oda wie?“
„So ungefähr. Ich muss mal wieder richtiges Elend sehen. Und da kommen Sie ins Spiel.“
„Icke?“
„Ja, ich möchte, dass Sie Tagebuch führen.“ Der Geschäftsführer legte ein Notizbuch auf den Tisch. Und eine Kamera. „Maxim sagte, Sie können schreiben?“ Er tippte auf das Buch. „Halten Sie alles fest, was Ihnen oder Ihren Freunden so passiert. Und machen Sie ein paar Bilder. Oder Videos, das wäre noch besser.“
„Dit is doch affich.“
„Keineswegs. Wenn ich die Scheiße sehe, in der Sie sich suhlen, dann wird mir wieder bewusst, warum ich mir jeden Tag den Arsch aufreiße. Wer will schon so enden wie Sie? Täte mir ganz gut, so ein kleiner Ansporn. Regt bestimmt auch die Kreativität an. Geschäftspraktiken, Sie verstehen?“
„Ick mach dit nich.“
„Dann halt nicht. Es wird sich schon jemand finden, der den Job übernimmt. Mit Kusshand.“
„Und wenn ick’s tue?“
„Gibt’s Kohle. Hilft Ihnen vielleicht, den Winter zu überstehen. Ihnen und der guten, alten Lunge. Behandlungen können teuer sein.“
„Hm.“
„Sie sind doch bestimmt versichert?“
„Nich, dass ick wüsste.“
„Na, wir werden uns schon einig. Wenn sich Ihre Freunde besaufen und sich gegenseitig in den Schoß kotzen, will ich es sehen. Ja, förmlich riechen. Und dann fahre ich nach Hause und lege mich in mein weiches Bett zu meiner warmen Frau, die nach ihrem beschissenen Pfirsich-Shampoo riecht, und dann kriege ich vielleicht endlich mal wieder eine stramme Latte.“
„So jenau muss ick dit nich wissn.“
„Sind Sie also einverstanden?“
„Ick muss nur Bilder knipsen und ein bissken wat uffschreibn?“
„So sieht’s aus.“
„Warum kiekense sich sowat nich inna Flimmakiste an?“
„Das ist nicht dasselbe. Ich brauche es dreckig und ungefiltert. Direkt von der Straße. Diese Dokus sind doch nur sentimentales Gelaber, da kommen gar keine Gefühle rüber.“
„Kennense Brummer?“
„Was?“
„Oda Fisch? Oda Hermann?“
„Wer soll das sein?“
„Die sin ooch innen zweeten Stock jejang. Zu den Maxim-Tanten. Haben die ooch sone Jobs jekricht?“
„Keine Ahnung, Sie sind der erste Penner, zu dem ich Kontakt habe.“
„Aba Ihre feenen Kollejen wissn doch wat.“
„Schlagen Sie sich das aus dem Kopf.“
„Wat jenau?“
„Sie werden Ihre Freunde nicht wiedersehen. Maxim vermittelt Jobs, die oft ... heikel sind. Sie hatten Glück mit meiner Anfrage.“
„Wat für Jobs?“
„Ich habe von einem Politiker gehört, der einen Penner in seinem Hobbykeller zersägt hat. Nur, um zu prüfen, ob die Organe von Pennern so aussehen wie die von normalen Menschen.“
„Wat warn dit fürne arme Sau?“
„Einer von den Linken, glaube ich.“
„Ick mein den Zersächten.“
„Achso, keine Ahnung.“
„Dit jibt et ja nich.“
„Tja, ihr habt keine Ausweise, keiner interessiert sich für euch. Quasi Freiwild.“
„Aba wir sind ooch Menschen.“
„Zweiter Klasse, wenn überhaupt. Deswegen sitzen wir ja hier. Seien Sie doch froh, da können Sie sich mal nützlich machen. Und ich bezahle gut. Win-win.“
„Dit gloob ick allet nich.“
„Naja, machen Sie ein paar Bilder, schreiben Sie mal was auf.“ Der Geschäftsführer erhob sich. „Heute in zwei Wochen wieder hier, selbe Uhrzeit.“
„Könnense nich bissken wat nachforschen wegen Brummer und Fisch?“
Der Geschäftsführer seufzte. „Na, irgendwie sind Sie ja ganz witzig mit Ihrem Akzent und allem. Wenn ich zufrieden mit Ihrer Arbeit bin, werde ich mal schauen, was sich machen lässt, okay?“ Während er sprach, richtete er seine Krawatte.
„Jut.“
„Schön, dann mach ich mich jetzt auf den Weg, die Frau wartet. Vergessen Sie den Hunderter nicht. Kaufen Sie sich was Schönes. Oder Ihren Freunden, mir egal. Geben Sie ruhig alles auf einmal aus.“

Es war Samstag und die Hertha spielte. Gonschorek wartete auf den Abpfiff. Seine Plastiktüte hatte er nicht dabei. Er war nur gekommen, um Ausschau nach seinen Freunden zu halten, doch nicht mal Ronny war da. Dunkelgraue Wolken hingen über dem Stadion. Gonschorek wollte gerade aufbrechen und sich einen Baum suchen oder eine Bushaltestelle und den Regen abwarten, da entdeckte er in der Ferne Fisch. Er kam auf Gonschorek zu, humpelte dabei. Als er vor ihm stand, bemerkte Gonschorek das dunkelblaue Veilchen am rechten Auge und eine aufgeplatzte Lippe, es hatte sich schon Schorf gebildet. „Wo kommsten du plötzlich her?“, fragte er.
Fisch kratzte sich am Nacken. „Ick war unnerwees.“
„Wo?“
„Hier un da. Ick hab‘n Brummer jesucht.“
„Janz alleen?“
Fisch nickte. „Ick wollt dit so.“
„Und hasten jefunnen?“
Fisch betrachtete seine durchgelaufenen Schuhe. „Nee, sonst hätt ick ihn ja mitjebracht.“ Er sprach leise, Gonschorek verstand ihn kaum. „Allet für die Katz.“
Gonschorek fragte: „Un deine Visaje? Wer hatten dir uffen Deetz jejeben?“
„Irjenwelche Kanacken. Dabei hab ick nur jefracht, ob se den Brummer jesehn ham. Ham mir sojar den Rucksach jeklaut. Und meine Omme tut imma noch dröhnen.“
Gonschorek sah Fisch lange an, fragte dann: „Warste im Zweeten?“
„Wat? Nee, du, ick bin doch nich meschugge. Die verjewaltijen mir da oder verkoofen meine Orjane, wa.“
„Hm.“
„Watten?“
„Nüscht.“
„Hm.“
„Warum bisten alleene los, sach ma“, sagte Gonschorek. „Dit is viel zu jefährlich.“
„Ick wollt euch nich belästijen. Denn ick hör nich uff, Brummer zu suchen, nee, und wenn ick dabei druffjeh. Ihr könnt ja machen, watta wollt.“
„Jib nich son Stuss von dich“, sagte Gonschorek. „Ick helf dir natürlich. Und der Ronny ooch.“
„Hm.“
„Der Brummer liecht dir am Herzen, wa?“
„Ja.“ Fisch presste die Lippen zusammen und blickte zum Glockenturm, aber seine Augen waren wieder so leer. Als wäre er mit den Gedanken an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit. „Brummer hat mir damals usser Spree jezojen.“
„Ach wat. Warum hasten dit nich erzählt?“
„Weil es ooch dem seine Schuld war, dit ick reinjefalln bin. Wir warn uffer Brücke jestanden und ham n bissken rumjeflachst und dabin ick über’s Jelänner rüber. Brummer is dann so da am Ufa lang und hat mich rausjezohn. Mittem dicken Ast, da hatter ja keene Schwierichkeitn, weest ja, wasser für’n Kräftjer is.“
„Wie, rumjeflachst?“
„Wat?“
„Wat habtan jemacht?“
„Ein bissken ... also ...“
„Sach nich ...“
Fisch atmete tief durch und senkte wieder den Blick. „Er fehlt mir.“ Seine Augen wurden feucht und er sah Gonschorek nicht an. „Seene Wärme, seene Berührungen. Warum isser wech? Ausjerechnet er?“
Gonschorek legte eine Hand auf Fisches Schulter und da fing Fisch an zu zittern und Tränen liefen über seine Wangen und Gonschorek umarmte ihn. „Wir finnen den schon. Irjendwo mussa ja sein.“
„Ick hoff et.“
„Wir könnten die Hurnsöhne vom Potsdamer frahn.“
„Warum denn die?“
„Ick hab da wat zu erzähln.“
„Hm?“
„Da wirste Oogen machen.“ Gonschorek betrachtete das Olympiastadion. Es nieselte. Ein paar Tropfen landeten auf Gonschoreks Stirn, kalt und wohltuend auf seiner trockenen Haut.
Mit den Hürensöhnen zu Maxim ja der Laden das Glas mit Steinen zerdeppern da wird der Glatzkopf staunen das sieht er nicht kommen nichts mehr mit Grinsen und Kichern und ach so drollig ich erzähl was die vermitteln wie sie denken was sie mit uns machen dann knallt es die Weiber werden kreischen und jammern das Bild vom Berg kaputtgetreten Tisch nur Kleinholz Ronny und Fisch und die Hurensöhne schön die Bude zerledern und dem Schnösel wisch ich auch das Grinsen aus der Fresse dem wird ich was husten der wird Augen machen soll froh sein wenn er danach noch seine Alte ficken kann der Sabbelkopp die wissen gar nicht was wir draufhaben bald schon dann ist Schluss der wird uns schon sagen wo Brummer ist und Hermann ob er will oder nicht dann werden sie bereuen wie sie uns behandelt haben was sie denken zweite Klasse am Arsch wehe die haben Hermann oder Brummer was getan dann Gnade denen Gott Gleiches mit Gleichem da werden sie winseln nach Mama rufen ein bisschen Rache das wäre wenigstens was den Schwanz abschneiden den erwürgen mit seiner Krawatte ziehen ziehen bis die Omme blau ist und beim Maxim die Bude abfackeln dann hat sich das so geht es ja auch nicht wo gibt es denn sowas die haben lange genug ihre Spiele gehabt jetzt sind wir am Drücker scheiß auf meinen Husten ich wird’s schon überstehen wäre nicht das erste Mal wichtiger ist jetzt Maxim die sind dran die machen wir alle die haben meinen Freunden lang genug vor den Koffer geschissen … „Wat grinsten so blöde?“, fragte Fisch.
„Ach, nüscht“, sagte Gonschorek. „Ick erzähl dir dat in Ruh ma.“
„Na jut.“ Fisch drehte die Handflächen nach oben. „Jetzt pisst et ooch noch. Un ick hab nichma ne Tüte für die Flaschen.“
„Scheiß uffe Flaschen.“ Gonschorek zog den Hunderter aus der Hosentasche. Fisch machte große Augen und öffnete den Mund, sagte aber nichts. Gonschorek lachte. „Komm, ick lad dir uffn Döner ein.“
Fisch kicherte, ihm standen wieder Tränen in den Augen.
Gonschorek sagte: „Un vielleicht finden wa unnerwees ooch den Ronny, dann kanna leich mitspachteln.“
Fisch nickte bloß.
Sie drehten dem Stadion den Rücken zu und Gonschorek sagte: „Un morjen quatschen wa mitten Hurnsöhnen. Et jibt da wat zu tun.“
„Wir jehn aber zusamm hin, ja?“, fragte Fisch.
„Klaro“, sagte Gonschorek. „Wir jehn zusamm.“
 
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Puh, ich finde die Geschichte stark! Hat mich auf jeden Fall ziemlich reingezogen. Zwar ist für mich der Dialekt (als Süddeutscher) manchmal schwer zu verstehen aber insgesamt ziemlich stimmig. Finde auch, dass die Geschichte einen guten Spannungsaufbau hat. Eigentlich müsste ich jetzt noch viel mehr dazu schreiben, aber da fehlt mir leider die Zeit. Das hole ich aber die Tage nach.
Ich wollte nur eben loswerden, dass mir deine Geschichte wirklich sehr gut gefallen hat!
 
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Lieber @Steppenläufer

wieder eine Kurzgeschichte von Dir. Freu :) Ich hab die Story mit Begeisterung gelesen. Okay, als Badnerin sind die Passagen im Berlinerisch ein wenig mühsam, aber das passt. Was ich etwas schwierig zu lesen fand waren die Passagen ohne Punkt und Komma. Passt zwar als Stilmittel, aber da muss man sich dann schon sehr konzentrieren. Hab ich aber gern gemacht. Die Geschichte geht total ans Herz.

Zwei Kleinigkeiten sind mir aufgefallen:

Zitat Steppenläufer: Gonschorek lauschte den vorbeifahrenden Autos und musterte die wartende Frau und sie sah herüber und presste die Lippen zusammen, drehte sich dann weg.
Bin mir nicht sicher, ob Du das so als Stilmittel verwendest.
Vorschlag: Gonschorek lauschte den vorbeifahrenden Autos, musterte die wartende Frau. Sie sah herüber, presste die Lippen zusammen, drehte sich dann weg.


Zitat Steppenläufer: Ronny sah auf. „Tach.“ Er hob seinen Müllsack. Flaschen schlugen gegeneinander. „Jibt jut wat heude.“ Er grinste. Ihm fehlte ein Schneidezahn, die restlichen Zähne waren ocker.
Meinst Du locker oder ockerfarben?

LG Silvita
 
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Hallo @Habentus,

vielen lieben Dank für deine Rückmeldung. Freut mich wirklich riesig, dass dir die Geschichte gefallen hat, die ist ja jetzt nicht gerade konventionell, auch für mich nicht, da bin ich bei einer solchen Rückmeldung schon erleichtert.

Ich wollte mit dem Dialekt etwas Atmosphäre reinbringen und ich finde, es ist auch für die Story wichtig, Gonschorek und Co mussten einfach so reden, und wenn man im Text einmal so anfängt, muss man das auch durchziehen. Dialekt ganz oder gar nicht, hab ich mir gesagt. :D Kann anstregend sein, das zu lesen, vor allem, wenn man den Dialekt kaum kennt, das verstehe ich natürlich. Umso mehr freut es mich, dass du meine Geschichte trotzdem gelesen und kommentiert hast und sogar Spaß daran hattest. Das ist schließlich das Wichtigste.

Nochmal vielen Dank für deine echt schnelle Rückmeldung. Komm gut in die Woche

*

Hallo @Silvita,

schön, dass du wieder vorbeischaust. :) Und vielen Dank für das Lob, das freut mich riesig.

Was ich etwas schwierig zu lesen fand waren die Passagen ohne Punkt und Komma. Passt zwar als Stilmittel, aber da muss man sich dann schon sehr konzentrieren.
Ja, das kann ich voll und ganz verstehen, beim Lesen von Bewusstseinsströmen raucht mir auch oft der Kopf, aber ich habe das noch nie gemacht und wollte es unbedingt ausprobieren und hier hat sich das einfach angeboten. Habe versucht, die Länge der Passagen noch im Rahmen zu halten und bin eigentlich ganz zufrieden. Ob du's glaubst oder nicht, ich habe überlegt, diese Passagen auch auf Berlinerisch zu schreiben, es denkt da schließlich Gonschorek, aber das wollte ich mir und dem Leser dann doch nicht antun. :D

Vielen Dank auch für deine Hinweise, ich habe mir die beiden Stellen angesehen und überarbeitet. Bei den Zähnen habe ich tatsächlich die Farbe gemeint und das heißt auch so, etwas ist ocker, aber ich musste das selbst erst nachschlagen. Logisch, dass man da drüber stolpern kann und das muss ja nicht sein. Da steht jetzt dunkelgelb, das funktioniert genauso gut.

Vielen Dank für das Lesen und Kommentieren. Komm gut in die neue Woche
 
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Guten Morgen @Steppenläufer

na, bei deinen Geschichten schau ich doch gerne vorbei. Hab ich gern gemacht und ich freu mich, dass Du Dich freust. :)

Zitat Steppenläufer: Ja, das kann ich voll und ganz verstehen, beim Lesen von Bewusstseinsströmen raucht mir auch oft der Kopf, aber ich habe das noch nie gemacht und wollte es unbedingt ausprobieren und hier hat sich das einfach angeboten. Habe versucht, die Länge der Passagen noch im Rahmen zu halten und bin eigentlich ganz zufrieden. Ob du's glaubst oder nicht, ich habe überlegt, diese Passagen auch auf Berlinerisch zu schreiben, es denkt da schließlich Gonschorek, aber das wollte ich mir und dem Leser dann doch nicht antun.
Lol. :thumbsup: Das war dann sehr gnädig von Dir. Kann ich verstehen, dass Du das mal ausprobieren wolltest. Ich hab das selbst noch nie gemacht, wusste bis dato gar nicht, dass das „legitim“ ist.

Zitat Steppenläufer. Vielen Dank auch für deine Hinweise, ich habe mir die beiden Stellen angesehen und überarbeitet. Bei den Zähnen habe ich tatsächlich die Farbe gemeint und das heißt auch so, etwas ist ocker, aber ich musste das selbst erst nachschlagen. Logisch, dass man da drüber stolpern kann und das muss ja nicht sein. Da steht jetzt dunkelgelb, das funktioniert genauso gut.
Bezüglich den Zähnen fällt mir grad noch das Wort „vergilbt“ in Zusammenhang mit Verwarlosung ein.

Vielen Dank. Komm auch gut durch die Woche.

LG Silvita
 
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Hallo @Steppenläufer,

warum hast du die Geschichte nicht als Mundart getaggt? M.E. würde das passen. Satire hingegen finde ich unpassend, dafür ist sie viel zu brav und zahm. Satire muss wehtun. Ich habe mir die letzten Tagen ein paar Youtubes von der österreichischen Kaberittist Lisa Eckhart angeschaut und so stelle ich mir Satire vor.

Den Einstieg in deine Geschichte machst du mir nicht so leicht. Auf der ersten halben Seite präsentierst du mir gleich 6 Personen. Für meinen Geschmack sind das zu viele. Da verliere ich den Überblick. Vllt. würde ich anfangs nur zwei Personen im Dialog einführen. Ist glaube ich auch einfacher und übersichtlicher von der Dialogführung.

„Hm“, machte Hermann.
machte? Passt für mich nicht als Redebegleitsatz. Vllt. klassisch sagte?

Zu dritt saßen sie auf weichem Gras, im Schatten ihres Lieblingsbaumes, und sie beobachteten die Tauben.
Auf einer Parkbank saß ein alter Mann und er schmiss den Tauben Brotkrümel hin.
Ich würde das streichen. Sicher Geschmackssache.

Grds. find ich - wie auch bei deiner letzten Geschichte - dass dir im Grunde die Dialoge gut gelingen. Aber hier überzeugen sie mich weniger. Denn häufig führen sie zu nichts, leiten keine Wendung ein oder erhöhen die Spannung und sie sind sehr direkt und alle Beteiligte sprechen mehr oder weniger im gleichen Dialekt. Vllt würde ich nur so als Idee, eine Person mit Dialekt sprechen lassen, die ausländische Wurzeln hat und daher ab und an das falsche Verb benutzt oder den falschen Artikel oder die Wörter seltsam ausspricht.

Ich würde dir auch raten, ab und an nicht klassische Frage und Antwort zu generieren. Das wird sonst schnell langweilig und die Geschichte ist schon sehr lang ...

Es gibt ein paar Stellen, wo dir das gelingt und die finde ich sehr erheiternd und da bin ich wieder ganz dabei.
An den Stellen kommt Sarkasmus durch und ich mag die Schnoddrigkeit. Da hätte ich gerne mehr von ...

Hermann sagte: „Ick gloob, der Fisch is sauer.“
„Uff uns?“, fragte Gonschorek.
„Nee, uff’n Papst.“
. „Wären Sie so freundlich und sagen mir nochmal Ihren Namen? Langsam und deutlich bitte.“
„Wennse mir den Wisch da jeben, kann ick’s ooch selba machen.“
„Wie?“, fragte Anna. „Sie können schreiben?“
„Jau.“
„Und auch lesen?“
„Jeht dit eine ohne dit andre?“
Diese Wendung finde ich wirklich sehr gelungen und originell und hier wird es in meinen Augen wirklich interesant. Aber du schöpfst das Potential nicht aus und machst da zu wenig draus.
Ich kann mir leider vorstellen, dass es Menschen gibt, die das anturnt. Auch sprachlich finde ich das gut. Wie auch den SoC.

„Na, wir werden uns schon einig. Wenn sich Ihre Freunde besaufen und sich gegenseitig in den Schoß kotzen, will ich es sehen. Ja, förmlich riechen. Und dann fahre ich nach Hause und lege mich in mein weiches Bett zu meiner warmen Frau, die nach ihrem beschissenen Pfirsich-Shampoo riecht, und dann kriege ich vielleicht endlich mal wieder eine stramme Latte.“

„Schön, dann mach ich mich jetzt auf den Weg, die Frau wartet. Vergessen Sie den Hunderter nicht. Kaufen Sie sich was Schönes. Oder Ihren Freunden, mir egal. Geben Sie ruhig alles auf einmal aus.“
Den Dialog fand ich unrealistisch. Als Geschäftsmann würde ich nicht in Vorleistung gehen und schon gar nicht bei Leuten, die ich nicht kenne und die nichts zu verlieren haben. Warum sollte er sich an die Abmachung halten?

Ich glaube, dass die Geschichte enorm gewinnen könnte, wenn du dich mehr auf die Story mit dem Geschäftsmann und der dahinterliegenden Idee widmest und dich auch noch mehr fragst, welche Dialoge, Beschreibungen, Personen, Handlungen etc. für die Geschichte von Bedeutung ist und alles andere streichen. Das könnte richtig gut werden, glaube ich. Ich weiß, dass das leichter gesagt als getan ist ...

Viele Grüße
Aurelia
 
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Hallo Steppenläufer,

man könnte jetzt hier viel kritisieren und Verbesserungsvorschläge unterbreiten und Streichvorschläge machen, hab' ich gerade keine Lust drauf, wollte nur loswerden, dass ich deine Protagonisten, allen voran den Gonschorek, einfach unglaublich sympathisch finde.

Liebe Grüße
Manlio
 
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»In den verschiedenen Etagen
Redeten die Leut verschiedne Sprachen:
Die ganz oben
Sprachen gehoben,
Die in der Mitt’
Sprachen Durchschnitt
Und die gerad noch satt
Redeten einfach platt.
Die aber in den Gossen lagen
Schwiegen & träumten von bessern Tagen.«
Babbel, aus: Kadingirra oder Bab-ilim ist überall​

„Ich habe von einem Politiker gehört, der einen Penner in seinem Hobbykeller zersägt hat. Nur, um zu prüfen, ob die Organe von Pennern so aussehen wie die von normalen Menschen.“
Da ist Dear

trotz der Länge von gezählten 18 Normseiten (die Seite zu 30 Zeilen und die Zeile zu 60 Zeichen je Zeile unter der guten alten Schreibmaschinen-Type courier 12 pt.), eine kleine satirische Sozialstudie geglückt, wie ich finde, die mich auch ermuticht, ma widda‘n bissken Ruhrlatein inne Nähe vonne Wiege (nebst Grab) vonne Ruhrindustrie zu kwatschn und auch ma endlich eina, der och keene Angst hätt, mitm Mottek die Zeichensitzung inne Jedanknströmung abzuhaltn, dat ich nu einfach dat Hoheliet vonne Pedionomus torquatus, äh, tschuldijunc, mein natüülich nuu ne Trappn-Kampfwachtel, wie NABU und Konsortn so zu dear sagn und der Volksmund nen

Steppenläufa –

und damit hääzlich willkommn hioots!

(¿Hörze bei mich den rheinischen Zungenschlach? – je weita De hia nach Norden oder Osten kommz, desto säxischa wirda; witzisch jenuch im WESTfälschn, also im Nahen Osten fürn Ruhrpöttler, und Münsterländischen, die noodischen Jefilde

Sprechen, wie der Schnabel gewachsen ist, ist eine feine Kunst, und nur durch Pflege werden Dialekte und Soziolekte, die übrigens den schnellsten Sprachwandel überhaupt vollziehen allein schon wegen des oft modisch bedingten Wandels der zu integrierenden Jugendsprache, die ja gemeinhin integrieren mit intrigieren vawexelt – im Ruhrpott vom Rheinfränkischen bis Westfälischen (säxischer Dialekt), angereichert durch den jiddischen (nix anderes als ein deutscher Dialekt, vor allem aus Osteuropa wieder eingeführt nach dem vermeintlichen Ende – wie man heute sagen kann - der kackbraunen Seuche, die nach wie vor ihr Unwesen auszubreiten sucht. Irgendwo ist Dir auch ein bissken Jiddisch über die Lippen gekommen – pardon – in die Rede geflossen.

Und der Stein im Brett gegenüber diesem Debut wächst, als der Konjunktiv irrealis perfekt mit einfachsten Mitteln glückt (was selbst manch/em alteingesessen‘ Häsin/Hasen (wir wollen ja politisch korrekt bleiben und nicht im Kommentar Satire betreiben), wenn es heißt
Fisch schaute zum glitzernden See und dem wolkenlosen Himmel darüber und seine Augen wurden leer, so als würde er durch all das hindurchblicken und etwas ganz anderes sehen.
Als-ob-Situation gemeistert! - Wobei das „so“ eher entbehrlich ist (kommt nachher nochmals vor, das entbehrliche „so“, mein ich)

Ich werd im folgenden die gesprochene Sprache nicht ansprechen, wie es ja auch gar keine Grammatik der gesprochenen Sprache gibt. Aber in den Randgebieten knistert es noch ein wenig – und zwar schon im ersten Satz, wenn es heißt
Zu dritt saßen sie auf weichem Gras, im Schatten ihres Lieblingsbaumes, und sie beobachteten die Tauben.
Warum das Komma nach „Gras“? Weder folgt ein nachgeschobenes Attribut und schon gar kein vollständiger Satz – während das zwote Komma sicherlich den dann folgenden Hauptsatz hervorheben soll (wiewohl das „und“ ja beide Hauptsätze grandios verbindet …) Ähnlich hier
Gonschorek und Hermann saßen auf einer Metallbank[...]gegenüber eine Bushaltestelle.
An sich misch ich mich ungern in anderer Hilfestellung/Beiträge ein, liebe @Aurelia, aber hier
„Hm“, machte Hermann.
entspräche ein konventioneller „Redebegleitsatz“ »sagte« m. E. eher eine komische Nummer, oder?

Auch hier ein gelungener Konj. II - quasi wie nebenbei
Das Lächeln schmolz dem Alten und er ging schneller, sah dabei auf seine Brust und fing an, sein Hemd zu reiben, so als hätte er Dreck daran.
Freilich wirkt das „so“ halt entbehrlich!

Die Menschen auf der anderen Seite der Scheibe waren bloß Umrisse, Sitzende ohne Gesichter.
Die „Gesichter“ sind vom gleichen Problem wie in einer Antwort auf die Frage „haben Sie Kinder“, die falsch gestellt wird, denn hätte ich nur ein Kind muss die Antwort korrekt lauten: „Nein!“, was natürlich sooo nicht gemeint wäre. Also besser „Sitzende ohne Gesicht
(sollte sich herausstellen, dass einer Gallerien von Masken trägt, behaupte ich das Gegenteil, da bin ich hemmungslos und wohlangepasst)

Sonst gibt’s einen Satz heiße Ohren.“
Klingt doch nach mehr als einer bloßen Aussage, vadammich nochma…!

Gonschorek ging am Glatzkopf vorbei. Zur schwarzen Eingangstür. Die Färbe blätterte hier und da schon ab und das Holz war rissig.
Isset „Berlinerisch“ und selbs‘ wennet Slang is, lass die Färbe … ansonsten _________..

„Da haben sie ja noch die DDR mitgemacht, oder?“
Na, dann doch‘n Eingriff in die wörtl. Rede … da hört man doch die Höflichkeit des großen „Sie!!, sonst wäres‘s doch sicherlich als ein „habense“/hamse erklungen … Und hier:

Und zum Amt jeh ick nich, die Sesselfurza da könn mich ma kreuzwaise.
Kalauert der Autor ein wenig ...

Er trug einen Anzug und richtete sich die dunkelrote Krawatte und sah sich um, so als suchte er in dem Raum nach Kameras oder Mikros.
s. o.

Mit den Hürensöhnen zu Maxim …
Da ist übrigens der entscheidende Unterschied zum Ruhrlatein, für das inzwischen gilt, dass des Genitivs Tod dem Akkusativ „mit die Hürensöhne …“ zum Opfer fällt und ich zitiere gerne den ruhrischen Standardspruch: „Mir und mich verwechsel ich nich / dat kommt bei mich nich vor. / Ich habben kleinen Mann im Ohr, / der sacht mich allet vor.“

Gonschorek lachte. „Komm[,] ick lad dir uffn Döner ein.“
(sonz hördet sich an wie „Comic“ … meinze nich auch?)

Ha, sachchich ma, da kütt wat aufens zu und wenne Corinna eest ma widda Pause macht, kann ich mir dat auffe Bühne (Improvisaionstheater zB) vorstellen.

Bis bald

Vroidenreich Weinsteg am Steinweg
 
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09.08.2020
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Hallo @Aurelia,

vielen, lieben Dank für das erneute Kommentieren einer meiner Texte, das weiß ich sehr zu schätzen. Und deine Tipps und Anmerkungen sind sehr hilfreiche, danke, danke.

warum hast du die Geschichte nicht als Mundart getaggt? M.E. würde das passen. Satire hingegen finde ich unpassend, dafür ist sie viel zu brav und zahm. Satire muss wehtun.
Ich weiß nicht genau, wie das bei den Wortkriegern gehandhabt wird, aber ich verstehe Mundart so, dass auch (oder vor allem) die Erzählstimme im Dialekt verfasst sein muss. Bei mir ist das ja nicht der Fall, daher habe ich den Tag nicht gewählt. Und die Hälfte der Charaktere spricht ja auch Hochdeutsch, daher würde das vielleicht falsche Erwartungen wecken.

Was den satirischen Aspekt angeht, ist der schon spürbar, die Szenen, in denen Gonschorek mit Anna, Maria und dem Geschäftsführer interagiert, habe ich mit satirischer Absicht verfasst. Klar, es ist etwas subtiler als man es von Postillion und Co. kennt, weniger "laut", aber die Satire ist dennoch da. Zumindest war das so meine Intention. Und es ist ja auch ziemlich absurd, was die Herrschaften so von sich geben. ;)

Auf der ersten halben Seite präsentierst du mir gleich 6 Personen. Für meinen Geschmack sind das zu viele.
Ja, das verstehe ich. Es ging mir gleich von Beginn an darum, die Obdachlosen als Gemeinschaft zu präsentieren. Daher habe ich bewusst gleich alle Namen reingeknallt. Dieser Gemeinschaftssinn ist ja zentral, auch für die Gegenüberstellung mit den berechnenden Herrschaften aus dem zweiten Stock, der "höheren" Schicht. Aber ich kann verstehen, dass das erstmal überfordern kann, so in medias res. Ih schue mal, ob ich in der ersten Szene einen Charakter rausnehme, Hermann vielleicht, der wäre am entbehrlichsten von den dreien. Erwähnen werde ich wahrscheinlich trotzdem alle, hm, mal sehen, wie ich das löse, ohne diesen Gruppenaspekt zu schwächen.

Grds. find ich - wie auch bei deiner letzten Geschichte - dass dir im Grunde die Dialoge gut gelingen. Aber hier überzeugen sie mich weniger. Denn häufig führen sie zu nichts, leiten keine Wendung ein oder erhöhen die Spannung und sie sind sehr direkt und alle Beteiligte sprechen mehr oder weniger im gleichen Dialekt. Vllt würde ich nur so als Idee, eine Person mit Dialekt sprechen lassen, die ausländische Wurzeln hat und daher ab und an das falsche Verb benutzt oder den falschen Artikel oder die Wörter seltsam ausspricht.
Danke für das Lob, freut mich, dass du die Dialoge gelungen findest, die sind mir fast immer am wichtigsten. In dieser Kurzgeschichte wird viel geredet, das stimmt, oft auch über Kleinigkeiten, da hab ich mich oft von dem Dialekt hinreißen lassen. Hat Spaß gemacht, so zu schreiben. Ich gehe nochmal durch und gucke, was ich straffen kann, da findet sich bestimmt noch was. Bei der Gelegenheit kann ich gleich mal schauen, ob sich noch ein bisschen mehr Schnoddrigkeit einbauen lässt. ;) Aber die Dialekte werde ich nicht ändern, sie alle weiter berlinern lassen, um auch hier dieses Gemeinschaftsgefühl nicht zu schmälern.

Es freut mich zudem sehr, dass dir die Wendung gefallen hat und auch der SoC (an dieser Stelle ein großes Dankeschön an @feurig und @Katla für die Klärung, ich kannte die Abkürzung so auch noch nicht und sie ist mir im Forum auch noch nicht begegnet :D). Ich habe mich zum ersten Mal an einem Bewusstseinsstrom versucht und es freut mich riesig, dass er so gut ankommt. War da echt ein bisschen nervös.

Als Geschäftsmann würde ich nicht in Vorleistung gehen und schon gar nicht bei Leuten, die ich nicht kenne und die nichts zu verlieren haben. Warum sollte er sich an die Abmachung halten?
Hm, darum geht es ja auch, dem Geschäftsmann ist das egal, er kann sich das leisten. Ein Hunderter ist für ihn nichts, das gibt er gerne aus für dieses Machtgefühl. Und er erzählt Gonschorek all das, weil dem Geschäftsmann die Meinung eines Penners nicht juckt. Und er denkt, Gonschorek habe Blut geleckt und kommt wieder um mehr Geld abzugreifen, der Job ist ja nun auch nicht schwer.

Das könnte richtig gut werden, glaube ich. Ich weiß, dass das leichter gesagt als getan ist
Vielen Dank, ich werde versuchen, das alles nochmal zu straffen. Das Streichen von Sachen fällt mir nicht (mehr) allzu schwer, es fehlt halt nur oft die nötige Distanz. Kommt Zeit, kommt Rat. Ich gehe den Text auf jeden Fall nochmal durch und bin sicher, da lässt sich noch was rausholen.

Nochmals vielen Dank für's Lesen und Kommentieren, ich habe mich sehr darüber gefreut.

Ich wünsche die ein erholsames Wochenende

*

Moin @Manlio,

freut mich, dass du vorbeigeschaut und mir einen Kommentar dagelassen hast. Klar, streichen kann man immer was, darunter leidet wohl jeder Autor (sonst wären Editor schon lange arbeitslos) und ich schaue mal, was sich da noch rausstreichen lässt, aber ich freu mich jetzt erstmal, dass du meine Charaktere so magst, ich habe die nämlich auch gleich ins Herz geschlossen.

Danke für deinen Kommentar und ein schönes Wochenende

*

Tach @Friedrichard,

ich freue mich sehr über deinen Kommentar und das Lob, ich schreibe nicht jeden Tag eine Satire, auch wenn es nur eine kleine ist, und da ist erleichternd und schön, dass sie bei dir gut angekommen ist. Als ich das Eingangszitat gelesen habe, musste ich lächeln, du hättest wohl kein passenderes finden können. ;)

Im Berlinerischen jibt et ja viele Eenflüsse. Jiddisch und Säcksisch (wat nüscht mit Säcke zu tun hat) und wat et nich noch allet jibt. Aba dit is ja so in jeda Sprache und dit is jut, dit macht dit allet interessanta. Wär ja sonst richtich langwailich. Un wat ma hat, dit muss ma pflejen, ooch dit Jesabbel. Sonst isset wech und jeda tut nur Anglizismen quatschn und dit will ja eijentlich keena. Da muss ma sich jejen wehrn, solang ma noch kann. Also mach ick dit. Aba et kütt wie et kütt, sach ick ma, in hunnert Jahrn jibt's nur noch Englisch oda Chinesisch oda beidet und dann is dit umme Dialekte ratzfatz zappendusta.

Die kleinen Fehler und Ungereimtheiten habe ich selbstverständlich behoben, vielen Dank für die Hinweise.

Ha, sachchich ma, da kütt wat aufens zu und wenne Corinna eest ma widda Pause macht, kann ich mir dat auffe Bühne (Improvisaionstheater zB) vorstellen.
Hör mir uff, sonst setz ick mir noch innen Kopp, daraus ein Skript für's Theater zu machen. :D

Viele Grüße in den Pott und schönes Wochenende
 

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