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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Drei Jahre

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Anmerkungen zum Text
Eine Seuche löst die gesellschaftlichen Strukturen auf.

Drei Jahre

Ich schlage einmal hart mit der Faust gegen die Wand des düsteren Flures, öffne langsam, fast wie in Trance, die Wohnungstür und gehe hinunter, um Marc an der Ecke zu treffen. Ich werde nie wieder in diese Wohnung zurückkehren und lasse Sina bewusstlos zurück. Bei meinem letzten Blick schien sie wie tot und ohne Schmerzen.



Der Virus hat bereits die meisten im Wohnblock hingerichtet. Vor drei Tagen ging es bei Sina los. Das viele Blut in der Wohnung, ihr Husten zu Beginn. Wir wussten sofort, dass es das Ende bedeutete. Sina bat mich zu verschwinden. Es wäre leichter für uns beide. Ich blieb drei blutige, qualvoll lange Tage lang an ihrem Bett, säuberte die Wunden, die sich ohne Grund wie Krater in ihrem Körper öffneten, hielt ihre Hand und ertrug die Schreie. Die stärksten Schmerzmittel halfen nicht. Am Schluss betete ich wie wahnsinnig zu einem Gott, den ich längst vergessen hatte, aber ihre Schreie waren lauter als meine Gebete. Und jeder ihrer gellenden Schreie drang bis in meine Wurzeln und offenbarte meine Schuld.



Endlich scheint sie erlöst. Verblutet, leer, bewusstlos. Ich schließe die Wohnungstür. Alles Leben hört mit einem Schlag auf. Nichts scheint je irgendeinen Sinn gemacht zu haben. Die tief hängenden Wolken und der Regen, der nichts mehr ausmacht, drücken vom Himmel her auf mich nieder und saugen meine stummen Schreie in sich hinein. Die Schreie brüllen Schuld und verstummen seit drei Jahren nicht mehr.



Marc steht an der Ecke, raucht, hält mir seine Schachtel hin.

„Ist es vorbei,“ fragt er leise.

Ich nicke.

„Gott sei Dank,“ sagt er. Beide ziehen wir schweigend an den Zigaretten, während der schmutzig graue Regen die Viren zu Boden treibt.

Marc wirft seinen Stummel hinunter auf das nasse Kopfsteinpflaster, tritt ihn aus und blickt mich an.

„Wann erwischt es uns?“

„Es kann nicht mehr lange dauern!“

Marc blickt mit glasigen Augen in die Ferne.

„Ein paar Amerikaner fliehen mit einer Kapsel in den Weltraum. Sie haben es eben in den Nachrichten gebracht.“

„Es wird sie nicht retten. Wir sind alle infiziert.“

„Wir müssten zusehen, dass wir in so einem verdammten Shuttle mitkämen. Die haben alles da oben.“

Marc spricht monoton weiter, als hätte er mich nicht gehört.

„Oben ist noch keiner erkrankt, heißt es. Wir müssten nur in so einen Shuttle mit reinkommen...“.

Ich kann nicht mehr und will nicht, dass sich irgend jemand etwas einbildet.

Ich packe Marc am Kragen, schüttele ihn und brülle, schreie so laut ich kann:

„Begreif es! Ich weiß es genau. Wir alle sind schon tot. Tot, tot, tot! Schon seit drei Jahren. Zum Tode verurteilt. Ich weiß das alles schon seit drei Jahren!“

Ich bin mit einem Mal ohne Kraft, lasse Marc los. Der schüttelt sich nur einmal kurz, sieht mich wie aus weiter Ferne müde an.

„Du warst damals mit dabei? Und du weißt es seit drei Jahren?“

Ich blinzele, nicke, fühle plötzlich Schleim in meiner Lunge.

„Vor drei Jahren sind die Viren erstmals gesprungen. Niemand aus unserem Labor hat es am Anfang geglaubt. Sie sind durch die Schutzanzüge durch. Wir haben es alle nicht geglaubt. Die Viren waren doch für die anderen bestimmt, nicht für uns...“.

Marcs Augen werden noch einmal klar, die milchige Nebelwand lichtet sich.

„Und ihr habt nichts gemacht?“

In seiner Stimme liegt Ungläubigkeit und Verachtung.

Ich zucke mit den Schultern, spüre erneut nur düstere Leere, in deren Erstarrung mich nichts mehr treffen und berühren kann.

„Sie sind perfekt. Niemand von uns dachte, dass sie überspringen...niemand kann sie besiegen...und dann sind sie gesprungen... . “

Da stampft Marc voller Verzweiflung mit dem Fuß auf und brüllt hasserfüllt.

„Drei Jahre! Warum habt ihr nicht wenigstens was gesagt? Hätte ich es gewusst - ich hätte alles anders angepackt! Ich hätte die letzten drei Jahre meines Lebens noch einmal völlig anders gelebt! Zwischen Infektion und Tod hätte mein Leben gut sein können...dazwischen hätte es gut sein können...“.

Seine Stimme bricht, er verstummt.

Ich zucke hilflos mit den Schultern, nehme mir eine weitere Zigarette und spüre tief in meinem Inneren, wie sich blutiger Schleim meinen Körper hinauffrisst.

„Es hätte doch nichts geändert.“
 
Wortkrieger-Team
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31.01.2016
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1.864
Herzlich willkommen @Thies Angers in der Textwerkstatt Wortkrieger!
Rein formal wünschte ich mir den Text weniger aufgebläht, ich meine du könntest auf die Leerzeilen verzichten. Zum anderen ist es schon ambitioniert zwei Texte nahezu gleichzeitig einzustellen, wollen sie doch besprochen und bearbeitet werden. Aber da sie ja eher kurz sind, wird das schon klargehen, zumal ja Ferienzeit ist ;).

Ich wünsche dir viel Spaß, auch beim Lesen und Kommentieren der Geschichten anderer und freue mich, dass du hergefunden hast.

Kanji
 
Mitglied
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26.06.2020
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Ich weiß nicht, wie dein Schreibprogramm funktioniert, aber ich würde zu einem Gedankenstrich anstatt Bindestrich raten.
 

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