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Durchreise

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03.09.2024
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Durchreise

Seit Stunden gibt es keinen Gegenverkehr, wir sind allein in dieser Einöde. Eine schnurgerade endlose Straße, deren Asphalt in der Hitze am Horizont flimmert. Die Interstate 80 führt durch Nevada über Winnemucca, wo der Highway kurz vorher einen Knick nach Süden macht. Es gibt eine alte Geschichte über das Städtchen, irgendetwas mit einem Banküberfall zu Western-Zeiten, aber ich bekomme es nicht mehr richtig zusammen; ist sowieso unwichtig. Seitdem hat sich hier wohl nicht viel getan, außer den zahlreichen Casinos auf dem Winnemucca-Boulevard, die meisten jetzt geschlossen. Es ist heiß, auch am Abend kühlt es nicht ab.

Als es dunkel wird, halten wir vor einem Motel mit einer riesigen Leuchtreklame an der Einfahrt. Wir haben die Fahrt schweigend verbracht, der Mann an der Rezeption redet auch nicht. Ich frage ihn nach Einzelzimmern. Er schüttelt den Kopf, zeigt auf das Schild „Double rooms only“, nimmt die Dollar-Scheine und legt einen Schlüssel auf den Tresen. Die Zimmer-Nummer steht auf dem runden Schlüsselanhänger. Es gibt keine weiteren Autos vor den Apartments, wir sind die einzigen Gäste. Ich parke den Wagen ganz rechts an einem Zaun und werfe die Decke auf den Beifahrersitz. In dem kargen Raum funktioniert die Klimaanlage nicht. Über mir schaukelt ein Ventilator geräuschvoll, lässt sich aber nicht regulieren.
Am nächsten Morgen fahren wir weiter. Berge erheben sich in der Ferne, genauso öde wie der Highway. Im Mietwagen stinkt es, knappe vierhundert Meilen nach San Francisco. Über sechs Stunden. Eine lange Zeit, wenn man nicht redet. Nicht reden kann.

Zwischen Winnemucca und Reno kommen wir an einem Auto vorbei. Die Fahrertür weit offen, ein alter Mann kniet neben dem Wagen. Vor ihm liegt ein Hund, bewegungslos, offenbar tot. Ich bremse ab und fahre mit einem knirschenden Geräusch an den Straßenrand. Eine Staubwolke steigt in die windstille Luft. Ich sollte nicht anhalten, tue es trotzdem. Ich muss einfach mal raus, mit jemandem reden, nehme die Sonnenbrille ab und steige aus. Lisa spricht sowieso nicht mehr mit mir. Die Helligkeit blendet, aber ich will ohne verspiegelte Brille auf den Mann zugehen. Ich halte eine Hand schützend über die Augen und gehe zu dem Hockenden hinüber, der nicht aufsieht.
„Ihm geht es nicht gut“, sagt er und streichelt den Kopf des Tieres.
Ich kniee mich neben ihn.
„Wie war sein Name?“
„Er heißt Spinner.“
„Ein guter Name“, sage ich.
Der alte Mann nickt und wischt sich mit den Fingern über das nasse Gesicht.
„Er ist schon lange bei mir. Ich habe ihn aufgezogen, wissen Sie? Er war ganz klein, wirklich winzig.“
Der Alte zeigt mit beiden Händen, wie klein der Hund mal gewesen war.
„Tut mir leid“, sage ich, etwas anderes fällt mir nicht ein.
„Meine Frau ist vor vielen Jahren abgehauen. Hat es mit mir nicht ausgehalten. Spinner ist geblieben.“
Eine Weile starren wir schweigend auf das leblose Tier, dann erhebt sich der Mann.
„Würden Sie mir helfen, Spinner ins Auto zu tragen? Ich werde ihn nach Hause bringen.“
Ich nicke. Der Alte legt den Kofferraum mit einer Decke aus, als spiele es eine Rolle. Wir heben den Hund vorsichtig darauf. Er streichelt über das
struppige Fell, dann schließt er die Heckklappe und schaut auf meinen Mietwagen.

„Auf der Durchreise nach Kalifornien?“
Er zieht eine zerknitterte Zigarettenschachtel aus der Hosentasche, klopft daran herum und bietet mir eine Zigarette an. Seine Hände und Fingernägel sind schmutzig. Ich nehme eine der krummen Filterlosen und streiche sie glatt. Er gibt mir Feuer, hält eine Hand schützend um die Flamme, obwohl es völlig windstill ist.
„San Francisco“, sage ich.
„Sind alle auf Durchreise hier. Jeder will nach Kalifornien, als wäre da irgendwas besser. San Francisco gibt es gar nicht, das ist nur eine Scheiß-Kulisse, glauben Sie mir! Hier in der Wüste gibt´s Steine und Staub, nicht schön, aber wenigstens echt. Bleiben Sie länger dort?“
„Nein, haben wir nicht vor“, sage ich.
Der Typ ist ziemlich redselig.
„Wir? Also zu zweit, ja? Sie haben einen leichten Akzent, Sie sind nicht von hier, oder? Und jetzt fliegen Sie mit Ihrer Frau nach Hause, weg aus diesem Dreck, stimmt´s?“
Ich schüttele den Kopf.
Der Alte fragt nach Dingen, die ihn nichts angehen. Ich ziehe an der Zigarette. Der Mann hat schmutzige Hosen an, sein T-Shirt ist durchgeschwitzt, er stinkt. Er blickt wieder zu meinem Mietwagen. Lisas Kopf lehnt gegen das Seitenfenster, man kann es schemenhaft erkennen.
„Ihre Frau ist wohl ganz ermattet von der Einöde hier? Oder von Ihnen?“
Er lacht heiser, hustet und spuckt auf den Boden, redet aber weiter.
„Verstehen Sie sich gut? Mit meiner Frau gab´s jeden verfickten einzelnen Tag Streit. Drei Jahre waren wir zusammen, vielleicht vier. Die hat sogar mit Tassen nach mir geschmissen, können Sie sich das vorstellen?“
„Nein“, sage ich.

Der Himmel ist immer in demselben verdammten Blau, wolkenlos, endlos, nur die Sonne brettert unerbittlich, als wollte sie verhindern, dass sich irgendetwas verstecken kann in der Gluthitze. Ich habe keine Ahnung, warum ich hier noch stehe, aber bei Lisa im Auto ist es nicht besser.
„Heutzutage trennen sich die jungen Menschen immer sofort. Ein Streit, zack, vorbei. Und wissen Sie was? Vielleicht ist es richtig so. Soll man sich drei, vier Jahre mit Tassen bewerfen lassen?“
Ich antworte nicht, denke an die Zeit an der Ostküste mit Lisa und unserer Tochter. Erst ein paar Tage her und doch ein anderes Leben. Die Kleine war gerade vier geworden, wir waren am Strand. Das Meer hatte Wellen, aber nicht übermäßig. Es war heiß und ich wollte mit Anna ins Wasser. Lisa war dagegen. Ich ging trotzdem. Anna bekam Panik, vielleicht wegen der Kälte des Atlantiks, strampelte auf meinem Arm. Die nächste Welle riss uns um, dann war sie weg.
Ich wollte sterben danach. Lisa stand am Strand, hatte alles gesehen. Schrie, rannte ins Wasser, fiel in Ohnmacht. Ich trug sie an Land, wenigstens sie. Auf mich losgegangen ist sie erst später. Mit einem Messer in der Hand. Lisa, die keiner Fliege etwas zuleide tun kann! Aber ich will nicht daran denken.

„Ich muss los, Mister“, sage ich, werfe die Zigarette auf den Asphalt und trete sie aus. Die Sonne blendet, die Brille im Auto zu lassen, war keine gute Idee. Anzuhalten war keine gute Idee. Amerika war keine gute Idee.
Als ich mich umdrehe, hält er meinen Arm fest.
„Danke für Ihre Hilfe, ich weiß das zu schätzen! Wollen Sie einen Rat von mir? Wenn ihre Frau mit Sachen nach Ihnen wirft oder auf Sie losgeht, dann ist es an der Zeit zu sagen: Verpiss dich, Baby! Bei meiner Frau hätte ich das sagen sollen, die ist dann ja selber abgehauen, aber wissen Sie was? Ich bin richtig froh, dass die Schlampe weg ist. Bei Ihnen ist es noch anders, schätze ich, oder?“
Der Typ hört einfach nicht auf, ich schüttele die Hand ab. Was redet der da, was weiß der schon und was geht es ihn an? Er ist mir so nahe, dass ich seinen Atem riechen kann. Er stinkt nach Alkohol. Sein Mund ist leicht geöffnet, braune Zähne sind zu sehen, vorne fehlt einer. Er hebt seinen Arm, will mich wieder anfassen, irgendwas faseln, dazu kommt es nicht mehr. Ich haue ihm die Faust ins Gesicht, er taumelt, bleibt aber stehen. Beim zweiten Schlag knackt etwas in seinem Gesicht, Blut läuft aus der Nase, er sackt auf die Knie. Ich weiß nicht warum, aber es tut gut, jemanden zu prügeln. Mit der Hand fährt er sich über das Gesicht und blickt ungläubig auf das Blut, versucht sich aufzurappeln. Ich trete zu, mit voller Wucht, es gibt ein widerliches Geräusch, als er mit dem Hinterkopf auf den Asphalt knallt. Jetzt ist er endlich ruhig. Ich wollte nur helfen, nur einmal aus dem Wagen raus, weg von ihr, Luft holen, an etwas anderes denken.

Ich wische den Schweiß von der Stirn, drehe mich um und gehe zurück. Meine rechte Hand schmerzt, ich greife mit links nach der Fahrertür, als ich den Knall höre. Dann noch einen. Etwas durchschlägt die Heckscheibe. Ich sehe den Alten neben seinem Auto herumfuchteln, er hält eine Waffe in der Hand. Wieder schießt er, ich ducke mich hinter das Auto. Der Mann brüllt unverständliches Zeug und torkelt in meine Richtung, stolpert und stürzt. Die Waffe fällt auf den Boden, liegt zwei Meter vor ihm. Ich sprinte los. Seine Hand greift nach dem Revolver, ich trete drauf. Sein Schmerzensschrei klingt wie das Jaulen eines Hundes. Es gibt ein knirschendes Geräusch, als ich mit beiden Füßen auf seinen Kopf springe. Er bäumt sich auf, die Arme zucken kurz, dann ist keine Bewegung mehr da. Eine Blutlache bildet sich um seinen zerschmetterten Kopf. Der steht nicht wieder auf. Mein Hemd klebt an der Haut, keuchend ziehe ich die Leiche des Mannes hinter sein Auto. Die Pistole nehme ich mit.

In der Heckscheibe sind zwei Löcher. Kleine Risse haben sich im Glas gebildet, aber es ist nicht vollständig zersplittert. Ich steige ein, atme tief durch und starte den Motor. Ob er Lisa getroffen hat? Es wäre mir zuwider, aber ich werde nicht nachsehen, sie ist seit zwei Tagen tot. Ein Unfall, ich habe nur versucht, das Messer abzuwehren, mit dem sie auf mich losgegangen ist. Mein Leben ist ein einziger Unfall. Ich denke, der alte Sack hat sie verfehlt.
Zu Beginn der Reise hatte ich ihr von San Francisco vorgeschwärmt und versprochen, sie durch die Stadt zu führen. Sie hatte sich darauf gefreut wie ein Kind. Es sollte das Highlight in den USA werden. Ich werde ihr alles zeigen.

 

Hallo @Jaylow,

Ich schreib parrallel zum Lesen mit:

allein in dieser Einöde (Punkt)
endlose Straße, deren Asphalt in der Hitze am Horizont flimmert.
Ist es wirklich der Asphalt, der flimmert, oder die heiße Luft darüber?
In dem kargen Raum funktioniert die Klimaanlage nicht. Über mir schaukelt ein Ventilator geräuschvoll, lässt sich aber nicht regulieren.
Das geht mir zu schnell, das ist der einzige Satz zur Nacht im Zimmer, du schreibst jedoch kein Wort über das Paar, dabei könntest du hier schon Hinweise zur Einsamkeit in der Zweisamkeit oä. droppen.
Im Mietwagen stinkt es, knappe vierhundert Meilen nach San Francisco. Über sechs Stunden.
etwas unglücklich, weil es sich so zuerst so las, als würde der Mietwagen 400 Meilen nach SF anfangen zu stinken und das über sechs Stunden lang. Manchmal ist ein simpler Satz verständlicher als Ellipsen.

Hier gibst du durch den Mix der Zeiten widersprüchliche Infos:

„Ihm geht es nicht gut“
Er lebt.
„Wie war sein Name?“
Er ist tot.
„Er heißt Spinner.“
Er lebt.
Er ist schon lange bei mir
Er lebt.
Der Alte legt den Kofferraum mit einer Decke aus, als spiele es eine Rolle.
Er ist tot.
Eine Weile starren wir schweigend auf das leblose Tier
Er ist tot.

denke an die Zeit an der Ostküste mit Lisa und unserer Tochter. Erst ein paar Tage her und doch ein anderes Leben.
Das verstehe ich nicht ganz, der Tod der Tochter ist erst ein paar Tage her und sie fahren schon per Mietwagen nach SF? Ich habe das zum Glück nicht erlebt, bin mir aber sicher, dass ich dazu nicht in der Lage wäre.
Auf mich losgegangen ist sie erst später. Mit einem Messer in der Hand. Lisa, die keiner Fliege etwas zuleide tun kann!
Den Messerangriff finde ich drüber, würden sie danach noch im selben Auto sitzen? Das eskaliert unnötig und überschallt die leiseren Töne wie Betäubung, Tristesse, plötzliche Sinnlosigkeit, etc..
Ich weiß nicht warum, aber es tut gut, jemanden zu prügeln.
Dass es zu diesem Exzess kommt, ist vorstellbar, ich fände es jedoch alleinstehend als reine Beschreibung und ohne Erklärung stärker. Warum er das tut, kann der Leser aus ohne nachvollziehen..
Es gibt ein knirschendes Geräusch, als ich mit beiden Füßen auf seinen Kopf springe. Er bäumt sich auf, die Arme zucken kurz, dann ist keine Bewegung mehr da. Eine Blutlache bildet sich um seinen zerschmetterten Kopf. Der steht nicht wieder auf. Mein Hemd klebt an der Haut, keuchend ziehe ich die Leiche des Mannes hinter sein Auto. Die Pistole nehme ich mit.
Okay, Spannung ist getaggt. Dennoch, durch diesen (für mich persönlich nicht nachvollziehbaren) Gewaltexzess rückst du den Prota meilenweit von mir als Leser weg. Seine Trauer und Verzweiflung sind nicht mehr spürbar, weil er auf mich nur noch abstoßend wirkt. Und alle leisen Töne sind endgültig verklungen.
aber ich werde nicht nachsehen, sie ist seit zwei Tagen tot. Ein Unfall, ich habe nur versucht, das Messer abzuwehren, mit dem sie auf mich losgegangen ist.
Uff, dann kommt noch einer drauf. Okay, durch das Einzelzimmer und die Decke auf dem Beifahrersitz, den plötzlichen Aufbruch wäre es möglich gewesen, das zu folgern, doch da war ich nicht, erst im Rückblick nach der Auflösung.
Durch das "Lisa spricht sowieso nicht mehr mit mir" bin ich eingestimmt auf Streit, Wortlosigkeit, bodenlose Trauer. Dann kommt dieser Twist und für mich ist das alles weg. Dadurch wird der Text für mich zu einer Pointenstory mit Knalleffekt. Sicherlich Geschmacksache, der Text folgt einer inneren Logik, aber nicht mein Ding, da bin ich verm. nicht Teil der Zielgruppe, sorry.
Was mich interessiert und beschäftigt hätte, wäre die menschliche Reaktion auf den Tod der Tochter, die Deformation des weiteren Lebens als Paar und Individuen, denn der Tod eines Kindes ist für die Eltern das denkbar schlimmste Ereignis. Und das verliert sich ebenso vollständig wie mein Mitgefühl, wird quasi in Blut und Gewalt ertränkt. Für mich persönlich gibst du dadurch auf die Frage nach den Folgen der Tragödie zu einfache Antworten.
Sie hatte sich darauf gefreut wie ein Kind. Es sollte das Highlight in den USA werden. Ich werde ihr alles zeigen.
Was für ein creep.

Peace, l2f

 

Hallo @Jaylow

Habe deine Geschichte gelesen und weiss nicht recht, was ich davon halten soll. Grundsätzlich ist das fehlerfrei geschrieben, das passt, auch bin ich ohne wirklich grobe Stolperer durch die Geschichte gekommen. Trotzdem gibt es so einige Formulierungen, die für mich nicht gepasst haben, ich liste sie gleich, und dann hatte ich vor allem Mühe mit dem Ende.

Hier

Es wäre mir zuwider, aber ich werde nicht nachsehen, sie ist seit zwei Tagen tot.
müsste die Geschichte für mich eigentlich enden (nicht unbedingt mit diesem Satz, also nicht so formuliert, aber halt mit dem 'Reveal' des Todes seiner Freundin). Alles andere wirkt wie drangepappt und die Luft war für mich dann raus. Für mich ist der Text auch strukturell so aufgebaut, dass er besser zu einem psychologischen 'Reveal' (um das Wort nochmal zu bemühen) hin führen sollte, nicht zu pulpiger Eskalationsgewalt. Da ist es dann plötzlich eine ganz andere Erzähltemperatur als vorher der melancholisch-schuldgetränkte Roadtrip. Es liest sich für mich, als würde der Autor/die Autorin dem leisen Grauen nicht vertrauen und müsste lautes Grauen nachlegen. Ein leiser Schluss wäre meiner Meinung nach viel stärker: Existenziell grausam und literarisch viel nachhaltiger, von der Wirkung her. Aber nicht nur der Ton ändert sich – die Figur selbst verlässt ihre psychologische Konsistenz. Der Protagonist ist nicht mehr nur schuldiger, traumatisierter Mann, sondern wird durch die Gewalteskalation zu einer aktiv destruktiven Figur. Diesen Prozess auf so kurzer Strecke ohne tiefergehende Hinweise mitzumachen, geht für mich zu kurz, ich kann da nicht recht folgen, selbst wenn der Protagonist von Anfang an -- salopp gesagt -- ein Psycho gewesen sein sollte. Long story short: Die physische Gewalt am Ende schwächt für mich die Wirkung des ganzen Texts ab.

Zum Mord an seiner Freundin: Also Du streust ja früh Hinweise, Decke über den Beifahrersitz, er fragt nach Single Rooms obwohl sie zu zweit sind, es stinkt im Mietwagen, sie reden nicht. Das hat für mich schon ganz OK funktioniert, ich habe den Braten nämlich nicht gewittert. Jetzt nach dem Zweitlesen scheint es mir offensichtlich, aber hier zählt eher der erste Eindruck, und da hat das für mich funktioniert.

Was für mich auch etwas zu kurz kommt: Dieses amerikanische Setting. Das liest sich eher wie Namedropping, Nevada, Winnemucca, Highway, Motel etc. Das scheint mir gar nicht richtig im Text verankert. Man könnte sagen, für mich fehlt da das Beigemüse, also dass diese Landschaft, durch die sie fahren, auch lebendig wird vor meinem inneren Auge. Vielleicht argumentierst Du, dass das gar nicht wichtig ist, wäre es auch weniger, wenn die beiden durch Deutschland oder Polen fahren würden, da weiss ich, wie's aussieht, aber sobald das Setting ein wenig exotischer ist oder halt irgendwo in Übersee spielt, finde ich, gehört es irgendwo dazu, dem Leser eindrückliche(re) Bilder mitzugeben. Na ja, und allenfalls so kleine Anekdoten zu Kultur und Menschen kann ja auch nicht schaden, sonst wirkt das als Setting schnell mal beliebig. Ist wohl auch einfach Lesegeschmack, wollte den Punkt aber nicht unerwähnt lassen.

Seit Stunden gibt es keinen Gegenverkehr, wir sind allein in dieser Einöde Eine schnurgerade endlose Straße, deren Asphalt in der Hitze am Horizont flimmert.
Punkt nach dem ersten Satz. Das Bild im zweiten Satz ist ein wenig generisch, es könnte genauso gut in Australien oder bspw. auf einer gut ausgebauten Strasse in Südost-/Westafrika sein. Zudem flimmert wohl nicht der Asphalt selbst, sondern er wirkt nur so, aufgrund der Hitze (also das Flimmern rührt von der Hitze), das ist nicht so ganz präzise.

Es gibt eine alte Geschichte über das Städtchen, irgendetwas mit einem Banküberfall zu Western-Zeiten, aber ich bekomme es nicht mehr richtig zusammen; ist sowieso unwichtig.
Ich weiss nicht recht, hier wird das Setting dann schon verankert, aber das mit den Westernzeiten so anzureissen und dann einfach fallenzulassen, weils im Grunde egal ist, erfüllt den Zweck nicht richtig. Wieso nicht an solchen Stellen eine kleine Backstory liefern? Könnte doch spannend sein und ein, zwei Sätze würden schon reichen.

Es gibt keine weiteren Autos vor den Apartments, wir sind die einzigen Gäste.
Das ist meiner Meinung nach gedoppelt: Einmal gezeigt, einmal getellt. Ich würde das Tell streichen.

Ich bremse ab und fahre mit einem knirschenden Geräusch an den Straßenrand.
Ja, ich verstehe das schon, Kies oder Schotter oder so knirscht unter den Rädern, aber das liest sich seltsam, ich würde direkt sowas schreiben: Ich bremse ab und lenke an den Straßenrand. Kies knirscht unter den Reifen.

Ich muss einfach mal raus, mit jemandem reden, nehme die Sonnenbrille ab und steige aus. Lisa spricht sowieso nicht mehr mit mir.
Das könnte weg, dass sie nicht mehr zusammen reden (können), wurde vorher schon etabliert und ist hier nur Wiederholung.

Ich kniee mich neben ihn.
Das Wort existiert meiner Meinung nach nicht, Ich knie mich neben ihn wäre korrekt.

Er streichelt über das
struppige Fell, dann schließt er die Heckklappe und schaut auf meinen Mietwagen.
Falscher Zeilenumbruch.

Der Typ ist ziemlich redselig.
... und der Text hier ziemlich erklärlastig. Schmeiss das raus, würde ich sagen. Wenn der Typ zuviel quatscht, dann lasse mich das als Leser spüren, indem Du die Reaktion des Protas entsprechend zeigst.

Der Alte fragt nach Dingen, die ihn nichts angehen.
Nach was für Dingen? Die Dinge, die er bereits gefragt hat oder andere, persönlichere, intimere Dinge? Für mich fehlt da was und ich stockte beim Lesen.

Lisas Kopf lehnt gegen das Seitenfenster, man kann es schemenhaft erkennen.
'es' bezieht sich auf das Seitenfenster, wieso ist das nur schemenhaft zu erkennen? Oder ist Lisas Kopf gemeint? Dann müsste man kann ihn schemenhaft erkennen da stehen. Übrigens: Wer zum Teufel ist 'man'? ;) Würde ich meiden.

Der Himmel ist immer in demselben verdammten Blau, wolkenlos, endlos, nur die Sonne brettert unerbittlich, als wollte sie verhindern, dass sich irgendetwas verstecken kann in der Gluthitze.
Hier stolperte ich über den Ausdruck 'die Sonne brettert' ... Die Sonne fährt also auch über den Highway? Nein, Spass beseite, das müsste brennen lauten oder ähnlich, nicht? Vielleicht einfach Stilsache.

„Danke für Ihre Hilfe, ich weiß das zu schätzen! Wollen Sie einen Rat von mir? Wenn ihre Frau mit Sachen nach Ihnen wirft oder auf Sie losgeht, dann ist es an der Zeit zu sagen: Verpiss dich, Baby! Bei meiner Frau hätte ich das sagen sollen, die ist dann ja selber abgehauen, aber wissen Sie was? Ich bin richtig froh, dass die Schlampe weg ist. Bei Ihnen ist es noch anders, schätze ich, oder?“
Teilweise bin ich mir nicht ganz sicher, ob die Dialoge etwas zu stark expositorisch sind. Was hat der Typ für einen Grund, ihm -- einem Fremden -- das alles en détail zu erzählen? Nur weil er betrunken ist? Aus Wut? Einsamkeit? Ich glaube, das Problem ist nicht, dass er redet, sondern wie zielgerichtet, als würde er die Themen, die den Protagonisten umtreiben erraten, und das riecht dann stark nach Autorensteuerung.

Beim zweiten Schlag knackt etwas in seinem Gesicht, Blut läuft aus der Nase, er sackt auf die Knie.
Direkter formuliert fände ich es besser: Beim zweiten Schlag bricht seine Nase. Beim Knacken in seinem Gesicht ist für mich eigentlich klar, was da knackt. Es liest sich nur umständlicher, so wie Du's formuliert hast.

Eine Blutlache bildet sich um seinen zerschmetterten Kopf. Der steht nicht wieder auf. Mein Hemd klebt an der Haut, keuchend ziehe ich die Leiche des Mannes hinter sein Auto.
Tatsächlich? :p Nein, würde ich löschen, das ist erklärend und Erklärungen sind Gift, die hauen mich raus.

Zum Ende hab ich ja bereits was geschrieben. Von daher: Das war's!

Beste Grüsse,
d-m

 

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