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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Ein Test zum Frühstück

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Ein Test zum Frühstück

„Cappuccino und Apfelkuchen, bitte!“ Er zog die Wollmütze vom Kopf und schüttelte sie kräftig. Regen setzte ein und begann auf das Auslagenfenster des Cafés zu trommeln.
„Okay, kommt gleich!“ Rita ließ das Buch in die Schublade neben der Kasse gleiten und fischte mit der Zange den Kuchen aus der Glastheke. Dann machte sie sich daran, den Kaffee zu brühen.
„Puh! Da habe ich aber Glück gehabt!“, sagte er und stopfte die Mütze in die Manteltasche.
„Ja!“ Rita blickte über die Schulter zum Fenster. „Jetzt schüttet es wie aus Kübeln!“
Kaffee und Kuchen aß er an dem kleinen Stehtisch auf der rechten Seite. Rita nahm wieder das Buch zur Hand. Sonst war niemand in dem Café. Sie sah erst auf, als er nach der Rechnung fragte.

Vielmehr ist Rita von der ersten Begegnung mit dem Mann an diesem Sonntagmorgen nicht in Erinnerung geblieben. Er war ein Kunde wie jeder andere auch. Dabei wäre es auch geblieben, wenn ihr beim Abräumen des Tisches nicht die aufgeschlagene Zeitung aufgefallen wäre: Wie gehen Sie mit schwierigen Situationen um?, konnte sie dort unter der Rubrik Psychologischer Test lesen. Sie schmunzelte: Jemand hatte große Kreuze bei den Antworten gemacht. ‚Das muss der Mann von vorhin gewesen sein‘, überlegte Rita.
Ab und zu löste sie diese Tests auch ganz gerne, ein Zeitvertreib für ruhige Sonntagnachmittage: Man wählt die passenden Antworten aus, zählt die Punkte zusammen und erfährt dann auf der nächsten Seite, welchem von drei psychologischen Typen man zugeordnet werden kann.
Sie stellte die Kaffeetasse auf das Tablett, das sie seitlich neben der Hüfte hielt, und zog die Zeitung näher zu sich heran. Dann ging sie die Aussagen durch und musste feststellen, dass sie ihre Kreuze bei exakt den gleichen Antworten wie der Mann gemacht hätte.
‚So ein Zufall‘, wunderte sie sich.

Rita blickte zu dem Stehtisch hinüber, an dem noch vor ein paar Minuten der Mann gestanden war.
‚Wieder dasselbe Ergebnis! Und das schon den dritten Sonntag!‘, dachte sie.
Der Mann kam jeden Sonntag in das Café, bestellte Cappuccino und Apfelkuchen und machte große Kreuze bei diesem psychologischen Test. Und jedes Mal waren ihre Ergebnisse vollkommen identisch!
Sie überlegte kurz und sagte sich schließlich: ‚Lass dich nicht verrückt machen! Was bedeutet schon so ein Test?‘
Sie nahm sich vor, nicht mehr darüber nachzudenken.

Doch am nächsten Sonntag hatte Rita Probleme, sich auf das Buch zu konzentrieren. Ihr Blick wanderte immer wieder zu dem Mann am Stehtisch hinüber. Er hatte die Seite mit dem Test aufgeschlagen. Beim Lesen bewegte er leise die Lippen.
‚Schon wieder dieser Test?“, fragte sich Rita und ihr Mund verzog sich zu einem langen Strich. ‚Was er daran findet?‘
In diesem Moment sah der Mann zu ihr herüber. Schnell blickte sie weg, ärgerte sich aber im gleichen Moment über sich selbst: ‚Was ist los mit dir?‘
Auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte: Der Mann war ihr schon die ganze Woche nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Diese Tests, die immer gleichen Ergebnisse, das verwirrte sie, es gab ihr zu denken. ‚Was, wenn alles doch nicht bloßer Zufall ist?‘, hatte sie sich oft gefragt, doch daran zu glauben, fiel ihr schwer.
Sie beugte sich über das Buch und las den nächsten Absatz. Vom Inhalt nahm sie aber kaum etwas auf. Schließlich klappte sie das Buch zu. Dann griff sie nach dem Küchentuch und begann über den Verkaufstisch zu wischen, obwohl es eigentlich nichts zu wischen gab.

Nach einiger Zeit hob er die Hand: „Zahlen, bitte!“ Rita war sofort zur Stelle.
Sie nahm den Schreibblock heraus. Der Stift wäre ihr fast aus den Fingern gerutscht. Dann notierte sie die Rechnung für Apfelkuchen und Kaffee auf dem Papier.
„Acht Euro dreißig macht das, bitte“, sagte sie.
„ … so wie immer“, schloss er an und lächelte. Rita strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr und lächelte auch. Dann wanderte ihr Blick zum Fenster.
„Das Wetter …“, stieß sie hervor. Er sah sie fragend an. „Ich … ich meine“, stammelte sie, „der Frühling … der scheint dieses Jahr wirklich auf sich warten zu lassen …“ Sie schluckte und merkte, wie sie rot im Gesicht wurde: ‚Etwas Dümmeres, als das Wetter, ist dir wohl nicht eingefallen?‘
Doch der Mann lachte: „Ja, genauso kommt es mir in diesem Jahr auch vor!“, sagte er und reichte ihr das Geld.
Während sie die Banknote einsteckte, fiel ihr Blick auf die Zeitung, die aufgeschlagen am Tisch lag: Wie gut sind Ihre sozialen Kompetenzen?, stand dort geschrieben. Der Mann folgte ihren Augen.
„Ich hoffe, das macht nichts?“, fragte er und deutete auf eines seiner Kreuze.
„Nein, überhaupt nicht! Mir ist schon aufgefallen, dass Sie diese Tests jede Woche lösen“, antwortete sie und wippte dabei ganz leicht mit den Schultern hin und her.
Er hob die Hand: „Ja, schon, aber nicht für mich.“
Rita blickte ihn fragend an.
„Ich mache den Test nicht für mich, sondern für meine Ex-Frau, meinte ich.“
„Okay ...“ Rita nickte mechanisch.
Er lachte: „Ich weiß, es muss sich verrückt anhören: Wissen Sie, ich bin erst seit kurzem geschieden. Ich stelle mir bei dem Test vor, ich würde die Antworten für meine Ex-Frau geben. Jedes Mal, wenn ich das Ergebnis von so einem Test sehe - das eigentlich das Ergebnis meiner Ex-Frau ist - wird mir wieder klar, wie unterschiedlich wir sind.“ Er zuckte mit den Schultern: „Wir passen einfach überhaupt nicht zusammen.“ Er sah sie lächelnd an. Doch Rita blickte ernst zu Boden und schwieg.
Schließlich steckte er das Portemonnaie in die Hosentasche: „Okay, dann werde ich jetzt mal gehen …“ Er zögerte noch einen Augenblick, dann nahm er die Jacke vom Haken. Rita lächelte dünn und verabschiedete ihn mit einem kurzen Nicken.

Nachdem er gegangen war, klappte sie die Zeitung zu und legte sie, ohne einen weiteren Blick auf den Test geworfen zu haben, auf den Stoß zu den anderen.
 
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Hallo @Walterbalter ,

dein Text hat mich emotional leider nicht erreicht.

Es ist bei einem kürzeren Text auch schwierig, aber ich erfahre zu deiner Protagonistin Rita nur das ein oder andere Stichwort, z.B. dass sie gerne liest und halt in dem Cafė arbeitet.

Du bleibst hauptsächlich dabei zu beschreiben, was sie macht und schilderst den ein oder anderen Gedanken. Aber von ihren Gefühlen kommt nichts rüber, auch nichts zu ihrer aktuellen Situation. Ist sie z.B. kürzlich verlassen worden, auf der Suche nach einer neuen Beziehung...? Klar, sie wird zumindest ein wenig Interesse an dem regelmäßigen Besucher haben, aber du schilderst es nur, man spürt es halt nicht beim Lesen.

Es ist beim Lesen und Schreiben auch nicht so unbedingt meine Art von Text, aber m.E. müsste viel mehr Interaktion zwischen den beiden Protagonisten stattfinden, als eine Möglichkeit, den Leser deren Gefühle erleben zu lassen.

Noch ein paar Details:

Rita ließ das Buch in die Schublade neben der Kassa gleiten
Kasse

Was er daran finden?‘
wohl findet?

Jedes Mal, wenn ich das Ergebnis von so einen Test sehe
einem

Sie beugte sie sich über das Buch und las den nächsten Absatz.
Kein "sie" nach beugte

Viele Grüße!
Rob
 
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Wüsst ich nicht, dass da ein kleiner Walter schreibt, ich vermutete ein fleißiges Lieschen hinter Deinem Werk,

lieber Walterbalter,

aber nach der Schaffenspause kommt der -drang offensichtlich ...

Bei dieser kleinen sozialpsychologischen Studie über vermeintlich zwo Menschlein (lovely Rita und der Gast), tatsächlich aber dreien (die verschwiegene, besser versteckte Ehefrau des Gastes*)
und einem Test geht es um zwo Paare, eines das gescheitert ist (oder scheitern wird in der Ehe) und ein zwotes, potentielles, das wohl auf ewig verhindert wird in der Auflösung des/der psychologischen Tests, wobei die immergleiche Szene incl. Bestellung usw., eigentlich vom Ende einer jeden Beziehung erzählt: Der Routine.

Flusenlese

Wie gehen Sie mit schwierigen Situationen um?KOMMA
konnte sie dort unter der Rubrik Psychologischer Test lesen.
Komma (wie bei der wörtl. Rede) oder „können“ mit Majuskel. Gilt schon seit der karolingischen Reaniassance, dass Satzanfänge – und das Fragezeichen setzt ein Satzende, zweifellos – Majuskel zu verwenden ist.

Sie überlegte kurz: ‚Lass dich nicht verrückt machen‘, sagte sie sich schließlich. ‚Was bedeutet schon so ein Test?‘
Sie nahm sich vor, nicht mehr darüber nachzudenken.
Wenigstens ein „sie“ lässt sich neben der Namensnennung durch bissken Möbelrücken beseitigen, etwa der Art
,Sie überlegte kurz und sagte sich schließlich: ‚Lass dich nicht verrückt machen.‘

‚Was er daran finden?‘
(hat schon Rob aufgezeigt, wie auch hier
Er zögerte noch einen Augenblick, dann nahm er die Jacke von Haken
.

Kleine Flüchtigkeit bei den Auslassungspunkten, die ansonsten korrekt gesetzt sind
„Das Wetter[...]…“, stieß sie hervor. Er sah sie fragend an. „Ich … ich meine“, stammelte sie …
Gern gelesen vom

Fiedel


* Warum eine Fußnote: Das kleine Experiment gewönne m. E., wenn die Ehe zumindest formal noch bestünde ... Du siehst schon an der Bevorzugung des "bestünde" gegenüber dem alternativen "bestände", dass man die Zeitlichkeit/Begrenzheit der Beziehung andeuten kann.
 
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Lieber @Rob F,
danke für Deine Zeit und die Hinweise!

Es ist bei einem kürzeren Text auch schwierig, aber ich erfahre zu deiner Protagonistin Rita nur das ein oder andere Stichwort, z.B. dass sie gerne liest und halt in dem Cafė arbeitet.
Tut mir leid, dass Dich die Darstellung von Rita emotional nicht so angesprochen hat. Ich habe im dritten Teil des Textes ein paar weitere Details zu Rita hinzugefügt. Habe versucht, ihren Zwiespalt etwas genauer darzustellen. Vielleicht hilft es, sie emotional besser "greifbar" zu machen.

Danke für Deine Hinweise zu den Tippsern! Die habe ich auch gleich erledigt.
PS: Ich glaube, Kassa vs. Kasse ist regional unterschiedlich. Hab die Kasse aber gerne übernommen.
Vielen Dank!

Lieber @Friedrichard,

Wüsst ich nicht, dass da ein kleiner Walter schreibt, ich vermutete ein fleißiges Lieschen hinter Deinem Werk,
Nein, bin kein Lieschen. Muss allerdings sagen, am meisten hat mich das unromatische Ende an der Geschichte gereizt ...

Das kleine Experiment gewönne m. E., wenn die Ehe zumindest formal noch bestünde ... Du siehst schon an der Bevorzugung des "bestünde" gegenüber dem alternativen "bestände", dass man die Zeitlichkeit/Begrenzheit der Beziehung andeuten kann.
Die Idee behalte ich mir im Hinterkopf! Muss zugeben, die Wendung mit der Scheidung und den Tests anstelle der Ex-Frau macht den Plot für mich ohnehin etwas unrund. Vielleicht lässt sich das mit Deiner Idee besser darstellen. Muss ich mir durchdenken.

Vielen Dank für Hinweise und die Ideen!
Servus, Walterbalter
 
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Hi @Walterbalter ,

vielleicht könntest du dem Leser noch ein wenig mehr Hinweise zu Ritas Gefühlslage geben. Die ein oder andere Formulierung nach "show, don´t tell" hast du ja, z.B. in den folgenden Sätzen:

Rita strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr ...
... antwortete sie und wippte dabei ganz leicht mit den Schultern hin und her.
Diese Formulierungen finde ich gut, also vielleicht noch etwas mehr in diese Richtung? Bis zum letzten Absatz wirkt sie eigentlich nur etwas neugierig durch die übereinstimmenden Testergebnisse und weniger bezogen auf den Fremden.

Und noch eine Kleinigkeit:

Sie stellte die Kaffeetasse auf das Tablett, das sie seitlich neben der Hüfte hielt, und zog die Zeitung näher zu sich heran.
Bin nicht sicher, aber ich glaube nach "hielt" kommt kein Komma

Viele Grüße,
Rob
 
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11.11.2019
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Hi @Rob F,

Sie stellte die Kaffeetasse auf das Tablett, das sie seitlich neben der Hüfte hielt, und zog die Zeitung näher zu sich heran.
Bin nicht sicher, aber ich glaube nach "hielt" kommt kein Komma
Ich glaube, da handelt es sich um einen eingeschobenen Nebensatz und meine Duden-Grammatik sagt dazu, dass der Nebensatz auch dann in Kommas eingeschlossen werden muss, "wenn der übergeordnete Satz danach mit einer Konjunktion wie und weitergeführt wird". Ich vermute mal, dass ist hier der Fall - Betonung auf vermute ;-)

Danke für Deinen Input!
Servus, Walterbalter
 

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