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Eine Tragödie in 4 Episoden

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18.06.2001
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Eine Tragödie in 4 Episoden

Israel/Palästina 2001: Ein Land liegt in Zerstörung und Verwüstung. Man meint, den Schmerz und die Angst der Menschen riechen zu können und vor allem die Wut, dieser Gestank von brennendem Menschenfleisch, der in einem jeden den Zustand äußersten Ekels hervorruft und dazu noch der Geschmack auf der Zunge, der bittersüße Geschmack der Hoffnung, der auf der einen Seite einen Brechreiz verursacht, weil diese Hoffnung in diesen Tagen von einer bedauerlichen und selbstzerrstörerischen Naivität nur so voll ist; aber auf der anderen Seite macht dieser Geschmack der Hoffnung süchtig, süchtig nach mehr, weil dieser der einzige Anreiz ist weiterzumachen, weiterzuleben – wenn man das leben nennen kann ...

EPISODE 1

Es würde heiß werden an diesem Tag in Tel Aviv. Wieder über 40°C. Es ist 8 Uhr und die Sonne brennt schon jetzt. Aber es ist Freitag, bald ist Wochenende, morgen ist Sabbat. Vor der Bushaltestelle tummelt sich die Menge, jeder will zuerst in den Bus, noch einen Sitzplatz ergattern. Man will sich ja nicht zusätzlich noch anstrengen.
Ali steht abseits. Ali weiß, er braucht keinen Sitzplatz; er weiß, dass keiner dieser Menschen einen Sitzplatz brauchen wird, nicht mehr. Er steht da mit versteinerter Miene, schaut entschlossenen Blickes nach vorne. Er weiß, was er tun wird, und er weiß, dass es richtig ist. Er musste sein ganzes Leben leiden, leiden unter den jüdischen Tyrannen, die das Land seiner Väter besetzt und entweiht hatten; die ihn immer hatten spüren lassen, dass er wertlos ist im Gegensatz zu ihnen, und ihnen gegenüber machtlos, ihnen, der Atommacht, mit dem großen Bruder USA im Rücken. Aber wie mächtig sind sie jetzt in diesem Augenblick? Was können sie unternehmen gegen einem Mann, mit 14 Kilogramm Sprengstoff am Leib?
Er hat keine Gewissensbisse. Er führt nur aus, was ihm immer gelehrt wurde, was Allah ihm im Schlaf befohlen hatte – er war ihm doch im Traum erschienen, oder nicht? Doch, war er! Sein Vater und seine Schwester Leila werden stolz auf ihn sein, sein Dorf wird stolz auf ihn, stolz auf Ali, sein, er wird ein Vorbild für die Kinder sein. Das macht ihn zufrieden mit sich und er macht sich langsam auf, in das Zentrum der Menschenmenge.
Es würde heiß werden in Tel Aviv an diesem Tag. Es sind 27°C und 8:13 als die Bombe explodiert.

EPISODE 2

„Frau Weizman, mein Name ist Rosenstein, Polizei, darf ich reinkommen?“
Er hasst es, diese Nachrichten zu überbringen. Ja, aber was heißt schon hassen! Man hasst bestimmte Schalentiere zum Abendessen oder die Werbung im Fernsehen. Er verabscheute es zutiefst. Für ihn war das in Kenntnis setzen der Angehörigen von Opfern jedes Mal wie ein kleiner, persönlicher Tod.
Es ist immer dasselbe: Die Tür wird geöffnet, meist von einer freundlich lächelnden Person, meist von einer Frau. Er sieht wie sich ihr Gesichtsausdruck verändert, wenn er sagt, dass er von der Polizei ist. Das Lächeln macht einer tiefen Besorgnis Platz, einer zermürbenden Ahnungslosigkeit, denn man weiß, die Lieben sind nicht zu Hause, es wird doch hoffentlich nichts mit ihnen sein.
Zu diesem Zeitpunkt wünscht sich Rosenstein immer, sagen zu dürfen: „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir Ihren Wagen abschleppen mussten, weil ...“ oder „Es liegen Beschwerden der Nachbarn wegen enormer Lärmbelästigung vor, denn ....“
Aber stattdessen muss er Frau Weizman bitten, sich zu setzen. Aus ihrer Besorgnis wird Angst und Furcht. Er spürt es.
„Ich habe sehr schlechte Nachrichten für sie, ihr Sohn Nikolaus ist ...“ weiter kommt er nicht. Frau Weizman bricht laut aufschluchzend zusammen, sie versucht sich irgendwo festzuklammern, findet aber keinen Halt und schlägt ein Bild ihres Sohnes von der Kommode, dessen Schutzglas beim Aufprall laut zerschlägt.
Rosenstein hat eine Waffe und in diesem Moment schwört er sich, zu wissen, was er zu tun hat, wenn ihm so ein Palästinenserschwein über den Weg läuft.

EPISODE 3

Leila wartet auf ihn. Er kam doch normalerweise immer pünktlich. Sie hatten es sich gemütlich gemacht in diesem verlassenen Wohnwagen am Stadtrand von Tel Aviv. Er muss eine ganze Weile mit dem Bus fahren, aber es macht ihm nichts aus, denn er will sie sehen, denn er liebt sie und sie liebt ihn – auch wenn sie das eigentlich nicht dürften. Ihr Vater würde sie umbringen, wenn er wüsste, dass sie mit einem Juden ... Und ihr Bruder Ali erst, Mitglied bei der Hamas, der Israel und die Juden für Satan hält, für eine üble Krankheit, die sich ausbreitet und die von jedem Besitz ergreift, wenn man nicht gegen sie vorgeht. Ja, wenn der wüsste ... Sie musste kurz auflachen, doch das Lachen blieb ihr im Halse stecken, denn sie war sich ihrer ausweglosen Situation bewusst, verdammt für immer in diesem Land zu sein, wenn sie handelt, wie sie fühlt, wenn sie ihr Leben fern der Konventionen lebt. Aber die Gedanken verdrängte sie schnell. Viel mehr freute sie sich Nikolaus gleich in den Armen zu halten, festumschlungen mit ihm zu verschmelzen, so dass kein Unterschied mehr zwischen ihnen auszumachen war, dass sie eine einzige Person waren oder einfach ein Liebespaar und nicht Jude und Muslimin.
Wo bleibt er denn? Langsam machte sie sich Sorgen, aber auch nicht wirklich. Na ja, dann hat er eben den Bus verpasst oder es ist etwas anderes dazwischengekommen. Gedankenverloren schaltet sie das kleine Radio ein, schreckt jedoch alsdann auf, als sie den Sprecher den Namen Ali Shariff nennen hört, der verantwortlich war für ein – sie fing an zu schreien, einfach laut zu schreien, vor Schmerz, vor Trauer um ihren Bruder – Selbstmordattentat auf den Linienbus 437 – sie lässt sich auf den Boden fallen, trommelt schluchzend und mit aller Gewalt mit ihren Fäusten auf den Boden des Wohnwagens, das war Nikolaus’ Linie. Sie biss sich die Unterlippe durch und das war das letzte das sie spürte, bevor es ihr schwarz vor Augen wurde.

EPISODE 4

In einem deutschen Wohnzimmer; 20:00, die Tagesschau läuft:

SOHN: Papa, darf ich auf die Quizshow umschalten, da ist einer gerade richtig gut.
VATER: Nein, Junge, ich möchte wissen, was in der Welt passiert.
MUTTER: Na, lass den Jungen doch, ist doch eh nur was über Israel und die Araber, wie sie sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. So was Uninteressantes.
VATER: Ja, eigentlich hast du Recht.

Er nimmt die Fernbedienung und schaltet um auf Kanal 6 und das ist doch eigentlich auch gut so, oder nicht?

 

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