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Eins für Immer
Eins für Immer
Die Tür zum Garten stand leicht offen, so das eine leichte Frühlingsbrise hereinwehte und die Vorhänge in Bewegung brachte. Der Mond schien in das Zimmer und tauchte alles in einen silbrigen Schimmer. Sie lag auf dem Bett, mit dem Rücken zur Tür. Die Beine waren von dem Laken bedeckt. Ihre Haare waren auf dem Kissen verteilt. Es war still in diesem Zimmer, sie schien in einen tiefen Schlaf gesunken zu sein, sie bewegte sich nicht. Ich betrat das Zimmer und ging mit langsamen Schritten um das Bett herum auf die Gartentür zu. Zwischen Bett und Tür sah ich auf dem Boden etwas Feuchtes schimmern. Das Mondlicht spiegelte sich darin. Als ich näher kam, sah ich was es war. Ich konnte sehen wie sich der Mond in der Lache rötlich verfärbte. Und ich sah sie. Sie ist nicht einfach nur getötet worden. Sie ist ausgeweidet worden.
„Schrecklich nicht?“ Dirk stand in der Tür zum Garten und machte Fotos von der Leiche. „Daniel meint der Tod ist zwischen zehn Uhr abends und Mitternacht eingetreten.“ Ich starrte immer noch die Leiche an. „Wo....?“ Ich brachte es nicht fertig die Frage zu stellen. Was auch nicht nötig war, Dirk verstand mich auch so. „Hat der Täter mitgenommen. Ich will gar nicht wissen was er damit anstellt.“
„Wahrscheinlich betrachtet er sie als seine Trophäen.“ Scarlett kam die Schlafzimmertür hereinspaziert, stellte sich neben mich und betrachtete die Szene. „Hier war Leidenschaft im Spiel. Das er sie danach wieder zudeckte zeigt, das er eine Bindung zum Opfer hatte.“
„Ja, oder einen Sinn für romantische Szenen.“ Jonas stand in der Schlafzimmertür. „Ihr Name ist Jana Meynhover, 26 Jahre alt.“
„Was machte sie beruflich?“ Ich versuchte mich von der Leiche abzulenken und betrachte die Einrichtung im Schlafzimmer, die alles andere war, nur nicht billig. Jonas sah seine Notizen durch: „Sie war Modedesignerin.“ Scarlett runzelte die Stirn: „Ich hab noch nie von ihr gehört.“
„Sie stand auch noch am Anfang ihrer Karriere. Den Durchbruch hätte sie vielleicht in ein oder zwei Jahren geschafft. Davon war sie jedenfalls fest überzeugt. Hauptsächlich war sie die Tochter reicher Eltern, daher auch dieses bescheidene Bungalow.“ Jonas sah sich ebenfalls im Schlafzimmer um. Ich ging wieder Richtung Schlafzimmertür und fragte mich insgeheim ob ich dieses Bild jemals wieder los werden würde.
„Wer hat sie entdeckt?“ Dirk packte den Fotoapparat wieder weg und schob sich ein Kaugummi in den Mund. „Der Bruder. Dennis Meynhover.“ Scarlett wandte sich Dirk zu: „Wohnt er hier?“
Es war Jonas der antwortete: “Nein. Er ist zu Besuch gekommen um mit ihr zu reden oder so was. Dann entdeckte er sie und informierte sofort die Polizei.“ Scarlett nickte: „Wie ist er reingekommen?“ Dirk ging um das Bett herum und stellte sich neben mich: „Er hat einen Schlüssel. Als niemand auf sein Schellen reagierte hat er ihn benutzt um reinzukommen.“
Ich atmete tief durch: „Hat er auch gesagt wann ungefähr das war?“ Dirk nickte: „Er meint so gegen halb eins.“ Scarlett schnaubte ungläubig: „Ungewöhnliche Zeit für einen Besuch.“
„Nach seinen Aussagen war Jana Meynhover eine Nachteule“, meldete Jonas sich zu Wort, „Sie ging nie vor zwei Uhr ins Bett.“
Kalter Schweiß trat auf meine Stirn: „Ist er glaubwürdig?“ Dirk zuckte die Schultern: „Kann man im Moment noch nicht sagen. Dazu müssten wir ihn später genau verhören.“
„Merkwürdig ist es schon,“ sagte Jonas nachdenklich, „immerhin gibt es keine Anzeichen von Gewalt.“ Scarlett, Dirk und ich sahen Jonas an als hätte er gerade verkündet der Himmel wäre Rosa. Jonas hob abwehrend die Hände: „Ich meine an der Tür. Es gibt keine Anzeichen von gewaltsamen Eindringen. Sie muss ihren Mörder gekannt und ihn reingelassen haben.“ Scarlett nickte zustimmend: „Oder er hatte einen Schlüssel.“ Mir fiel das Atmen immer noch schwer und offenbar blieb das nicht mehr unbemerkt. Scarlett betrachtete mich besorgt: „Hörmal, wenn dir nicht gut ist dann nimm eine Tüte oder geh raus und stell dich an den Bordstein, was auch immer. Komm aber bitte nicht auf den Gedanken das Badezimmer hier zu benutzen, das ist ein Tatort.“ Ich wischte mir mit einem Jackenärmel den Schweiß von der Stirn: „Danke für den Tipp. Es geht schon.“ Dirk klopfte mir auf die Schulter: „Jedenfalls machst du das ganz gut. Alle Achtung.“ „Auf jeden Fall!“ Jonas grinste mich an: „Hätte ich bei meinem ersten Fall direkt eine ausgeweidete Leiche gehabt wäre ich kotzend und würgend rausgerannt. Du bist ganz schön tough!“ Ich lächelte schwach, im Moment fühlte ich mich alles andere als tough, und mein Magen schien die Worte von Jonas durchaus als anregend zu empfinden. Ich unterdrückte einen Würgreiz: „Danke Jungs.“
„Okay, dann sollten wir uns mal den Spuren widmen.“ Scarlett öffnete ihren Koffer und sah mich dabei an: „Du kannst dich um die Haustür kümmern, wenn du magst.“ Oh wunderbare Scarlett! Ich nickte kurz und verließ das Schlafzimmer.
„Also was haben wir bis jetzt?“ Wir saßen im Besprechungsraum. An der Wand hingen Fotos von der Leiche, dem Haus und der Haustür. Scarlett setzte sich auf einen Tisch uns gegenüber. „Was sagt der Bruder?“
„Er war bis Mitternacht bei seiner Freundin,“ antwortete Dirk, " Sie bestätigt das.“
Scarlett nickte: „Könnte sie beteiligt gewesen sein?“ Dirk schüttelte den Kopf: „Bei ihr fand eine Party statt mit 50 Gästen die alle Stein und Bein schwören, dass sie und Dennis bis Mitternacht da waren. Außerdem war sie in Tränen aufgelöst als ich sie verhörte. Sie bezeichnet Jana Meynhover als ihre beste Freundin. Das war nicht Show, das war echt.“
Okay, und die Eltern?“ Scarlett wandte sich an Jonas. „Ebenfalls in Tränen aufgelöst,“ antwortete dieser, „Ansonsten konnte ich nicht viel aus ihnen rausbekommen. Sie wussten nicht viel über das Leben ihrer Tochter, eigentlich gar nichts.“
„Gut, was ist mit den Spuren?“ Scarlett sah mich an.
„An der Haustür habe ich drei verschiedene Fingerabdrücke gefunden. Zwei sind von Jana und von ihrem Bruder. Die dritten konnte ich noch nicht identifizieren. Auch in der Datenbank habe ich nichts gefunden. Außerdem habe ich auf der Fußmatte vor der Tür ein Haar gefunden. Kurz und Braun. Ich hab es ins Labor gegeben. Mandy will mich anrufen sobald sie es analysiert hat.“ Scarlett nickte zustimmend. Dann wandte sie sich wieder an Dirk: „Was wissen wir über die Lebensumstände von Jana Meynhover? Hatte sie einen Freund?“
Dirk lächelte: „Nein. Nach Aussagen des Bruders, seiner Freundin und einigen Gästen von der Party, die Jana kannten, war sie eine bekennende Lesbe. Sie hatte eine Freundin.“ In dem Moment klingelte mein Handy. Es war Mandy die mir die Ergebnisse von der Haaranalyse mitteilte. Ich bedankte mich und legte wieder auf. Dann wandte ich mich an Dirk: „Wie sah diese Freundin aus?“ Dirk kratzte sich kurz am Kopf: „Ihr Name ist Nathalie Wendmann. Sie wird von allen als hübsch beschrieben. Sogar sehr hübsch. Einer der Partygäste bedauerte es das so eine Frau Lesbe ist. Warum fragst du?“ Ich beachtete seine Frage nicht: „Was für eine Haarfarbe hat sie? Und was für einen Haarschnitt trägt sie?“
Dirk zuckte mit den Schultern: „So genau hat mir das keiner gesagt. Das war ja auch nicht weiter wichtig, oder?“ Er sah mich an. Ich wandte mich an Scarlett: „Das war gerade Mandy. Sie ist fertig mit der Haaranalyse. Das Haar, das ich auf der Fußmatte vor der Haustür gefunden habe, stammt von einer Frau.“
Jonas pfiff leise: „Da war doch dieses Foto auf dem Beistelltisch neben der Couch im Wohnzimmer. Darauf ist Jana Meynhover zu sehen mit noch einer Frau. Hübsch, brünett, kurzhaarig.“
Scarlett nickte: „Nathalie Wendmann. Wir sollten sie besuchen.“
Eine hübsche Dachgeschosswohnung mit Terrasse. Großzügige Wohnfläche. Mir wurde schnell klar das auch Nathalie Wendmann eine Tochter reicher Eltern war. Sie saß auf der Couch im Wohnzimmer und rauchte nervös. Sie hatte dunkle Augenringe und wirkte fahrig. Scheinbar hatte sie die letzte Nacht nicht gut geschlafen. Ich konnte es ihr nicht verdenken. Ansonsten war sie so hübsch wie Dirk gesagt hatte. Das Gesicht eines Engels. Das braune Haar trug sie kurz, einzelne Strähnen fielen ihr in die Stirn. Ich war mit Jonas dort. Dirk und Scarlett waren bei der Autopsie anwesend. Nach dem Anblick der Leiche meinten sie könnte ich mir mit meiner ersten Autopsie ruhig noch etwas Zeit lassen. Ich wollte keine Schwäche zeigen, trotzdem war ich dankbar.
Nathalie Wendmann strich sich die Haare aus der Stirn: „Entschuldigen sie bitte, wie heißen sie noch mal?“ Jonas lächelte verbindlich: „Meine Name ist Jonas Windhöver und das hier ist meine Kollegin Danitha Steinbeck. Wir sind hier um Ihnen ein paar Fragen zu stellen bezüglich Jana Meynhover.“ Nathalie Wendmann lehnte sich zurück und überkreuzte die Beine auf der Couch. Nervös nestelte sie an ihrer Zigarette. „Jana und ich waren ein Paar.“
„Das wissen wir,“ erwiderte ich sanft, „Was wir gerne wissen würden ist, ob Sie eine Ahnung hätten wer Jana das angetan haben könnte. Ob Sie uns einen Anhaltspunkt geben könnten.“ Nathalie Wendmann schüttelte den Kopf und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen: „Jana wurde von allen geliebt. Sie war ein Engel! Sie war so talentiert. Sie wäre groß rausgekommen. Wer immer ihr das angetan hat muss ein Irrer sein, der draußen frei herumläuft. Ihn sollten sie suchen!“ In ihren Augen blitzte es wütend und trotzig auf. Jonas lächelte und sagte in der ihm eigenen sanften und ironischen Art: „Einen Irren zu suchen, der draußen frei herumläuft, gestaltet sich als schwieriger als Sie sich das vielleicht vorstellen können, Frau Wendmann. Was wir brauchen sind Anhaltspunkte, eine Spur. Ohnedem sind wir hilflos.“ Abrupt setzte Nathalie Wendmann ihre Füße auf dem Boden ab und stand auf. Aufgeregt ging sie im Wohnzimmer auf und ab. „Ich kann Ihnen da nicht helfen, wirklich nicht. Wie ich bereits sagte wurde Jana von allen geliebt, man konnte sie nicht hassen oder ihr böse sein. Das ging einfach nicht.“ Sie blieb vor dem Wohnzimmerfenster stehen, das einen atemberaubenden Panoramablick auf die Stadt bot. Mit den Händen fuhr sie sich durchs Haar. „Jeder liebte sie, jeder.....bis auf...“, nachdenklich blickte Nathalie Wendmann zur Seite, dann schüttelte sie den Kopf und murmelte: „Nein das kann nicht sein.“
„Was kann nicht sein?“ Ich stand auf: „Frau Wendmann, sie sagten jeder liebte Jana Meynhover, bis auf wen?“ Nathalie Wendmann drehte sich wieder zu uns um und hob abwehrend eine Hand: „Bitte beachten sie das nicht. Das war nur so dahin geredet. Der Tod von Jana hat mich sehr mitgenommen, ich bin nicht ganz bei mir.....“
„Wenn Sie auch nur die geringste Ahnung haben oder auch nur ein Gefühl, dann sollten Sie uns das mitteilen. Wir können jede Hilfe gebrauchen.“ Ich spürte das Nathalie Wendmann uns etwas sagen wollte und wollte rausfinden was es war. Sie schüttelte erneut den Kopf und machte mit den Händen eine wegwerfende Bewegung: „Ach nein, das ist doch völlig abwegig.“
Jetzt wurde Jonas neugierig: „Frau Wendmann, Ihnen mag das als abwegig und unmöglich erscheinen, aber für uns könnte das eine Spur sein. Wenn Sie es uns sagen, könnte uns das entscheidend helfen, den Mörder Ihrer Freundin zu finden.“ Nathalie Wendmann blieb mitten im Raum stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie schien zu zögern, aber dann gab sie nach. Langsam ging sie zum Tisch zurück und setzte sich auf ein ledernes Sitzkissen und zog ein Bein an: „Neben ihrem Studium hat Jana bei einer Modefirma hier in der Stadt gearbeitet, Die for Fashion. Sie war talentiert und lernfähig. So stieg sie schnell nach oben und trug bald die Verantwortung für eine komplette Kollektion. Die meisten gönnten ihr diese Position. Jana war nicht im geringsten eitel oder machtbesessen. Sie war freundlich zu jedermann, selbst den Putzfrauen hatte sie mal Schokolade mitgebracht. Als kleines Dankeschön für die Mühe. Trotzdem gab es einige, die eifersüchtig waren und Jana ihre Stellung in der Firma neideten. Die arbeiteten schon seit Jahren bei der Firma und haben nur auf die Möglichkeit gewartet, auch mal eine Kollektion alleine zu entwerfen und rauszubringen und dann...“
„...und dann kommt so ein junger Spund von der Uni und schnappt Ihnen diese Stellung vor der Nase weg.“ Beendete Jonas den Satz.
Ich nickte zustimmend: „Das wird einigen nicht gefallen haben.“
Nathalie Wendmann nickte: „Eine, ihr Name ist Nadine Mars, sie galt als Favoritin unter den Designern bei Die for Fashion. Bevor Jana kam, galt sie als das neue. große Talent. Die Entscheidung, wer die neue Frühjahrskollektion entwerfen soll lief nur zwischen ihr und Jana ab. Janas Entwürfe waren die Besseren, sie bekam den Job. Nadine hat das nicht verkraftet, sie ist in der Firma völlig ausgerastet und schmiss mit der Büroeinrichtung um sich.“ Jonas nickte: „Sie ist also nicht damit zurechtgekommen, dass sie nicht mehr die Favoritin der Firma war. Frau Wendmann, dürfen wir Sie noch fragen wo Sie sich in der Nacht vom 23. bis zum 24. Mai zwischen 22 Uhr und Mitternacht aufgehalten haben? Tut mir leid, dass wir Sie das fragen, aber das ist Routine.“ Nathalie Wendmann nickte zustimmend: „Sicher. Ich war mit Freunden von 22 Uhr bis 3 Uhr im Jazznight, unsere Lieblingsband spielte an diesem Abend dort. Ich kann Ihnen gerne Namen und Telefonnummern von meinen Freunden geben, dann können Sie sie anrufen und fragen.“
Kurz darauf verabschiedeten Jonas und ich uns von Nathalie Wendmann und fuhren zurück zum Revier. Auf der Fahrt diskutierten wir über das, was sie uns erzählt hatte. „Also, diese Nadine Mars hat jedenfalls ein Motiv. In ihrer Besessenheit von Karriere und Macht gehen manche buchstäblich über Leichen. Was meinst du?“ Jonas sah mich kurz an und blickte dann wieder auf die Straße. Ich schüttelte den Kopf, so sicher war ich mir da nicht: „Ich weiß nicht, wenn Jana Meynhover erschossen worden wäre, erwürgt, erstickt.....aber sie wurde nach ihrem Tod komplett ausgeweidet. Für jemanden, dem es nur um die Karriere ging und sie lediglich aus dem Weg haben wollte, erscheint mir das zu grausam, zu leidenschaftlich. Derjenige, der das getan hat, wollte Jana Meynhover nicht nur einfach aus dem Weg haben, sondern er wollte sie komplett zerstören.“ Jonas nickte: „Wenn du so argumentierst, könntest du Recht haben. Trotzdem kann es nicht schaden, wenn wir uns mal mit Nadine Mars unterhalten. Im Moment ist sie die einzige Verdächtige die wir haben.“
Wir kamen im Revier an und trafen dort auf Dirk und Scarlett, die von der Autopsie zurückkamen. Wir gingen in den Besprechungsraum und tauschten dort die Neuigkeiten aus. „Fest steht, das ihr die Eingeweide nach dem Tod entnommen wurden. Zuerst wurde ihr die Kehle durchgeschnitten.“ Informierte Scarlett uns.
„Äußerst gnädig.“ Bemerkte Jonas.
„War dazu viel Kraft nötig? Hätte die Person größer sein müssen als Jana Meynhover?“ Fragte ich.
„Nein,“ antwortete Dirk, „Erstens war Jana Meynhover eine kleine und zierliche Person also hätte der Täter bei ihr sowieso nicht viel Kraft gebraucht. Zweitens konnte in ihren Blutwerten ein hoher Anteil von Alkohol festgestellt werden. Jana Meynhover war somit zum Zeitpunkt ihres Todes betrunken und nicht in der Lage sich zu wehren.“
„Also hätte auch eine Frau sie töten und ausweiden können,“ hakte ich nach.
„Im Prinzip schon,“ antwortete Scarlett, „Wieso, habt ihr da schon jemanden in Verdacht?“
„Vielleicht,“ antwortete Jonas „Nathalie Wendmann erzählte uns das Jana Meynhover neben ihrem Studium bei Die for Fashion als Designerin arbeitete.“
Scarlett nickte: „Ich kenne die Firma.“
„Sie stand dort in Konkurrenz mit einer gewissen Nadine Mars,“ fuhr ich fort „ Bevor Jana dort anfing war sie das große Talent der Firma. Doch Jana wurde bevorzugt und mit der Entwerfung der neuen Frühjahrskollektion beauftragt. Nach Aussage von Nathalie Wendmann soll Nadine Mars das nicht verkraftet haben, sie ist ausgerastet und hat das Büro verwüstet. Mir persönlich erscheint allerdings dieses Motiv zu schwach für diese Art von Mord.“
„Da könntest du Recht haben,“ antwortete Dirk „Aber vergiss nicht, wir reden hier von Künstlern. Künstler sind sensibel und neigen zu Überreaktionen. Ich kann mir durchaus vorstellen das der Hass von Nadine Mars auf Jana Meynhover groß genug war für so eine Tat.“
„Jedenfalls solltet ihr mit ihr reden. Schaden kann das nicht.“ Scarlett drehte sich zu der Wand mit den Fotos um. „Wir müssen nur jede erdenkliche Spur verfolgen.“
Jonas und ich fuhren zu dem Büro von Die for Fashion in der Innenstadt. Eine überaus freundliche, hübsche wenn auch etwas aufgelöste Empfangsdame sagte uns das Büro von Nadine Mars befände sich in der dritten Etage, doch vorher bat Frau Mertens, die Geschäftsführerin, uns um ein Gespräch. „Die Nachricht hat uns alle schwer getroffen. Der Tod von Frau Meynhover ist ein schwerer Verlust für die Firma.“ Isabella Mertens war eine attraktive Frau in mittleren Jahren die, nachdem sie Design und Wirtschaftswissenschaften studiert hatte, vor Jahren bei Die for Fashion als Designerin angefangen hatte um sich dann hochzuarbeiten. Ihr Büro war großzügig und modern ausgestattet und bot einen atemberaubenden Panoramablick auf die Innenstadt. Nachdem sie uns begrüßt und bei ihrer Sekretärin Kaffee beordert hatte, saßen wir uns nun auf bequemen Ledersesseln gegenüber. Isabella Mertens gab sich gelassen, wenn man in ihrer Körperhaltung auch eine gewisse Spannung merkte. „Wie gut haben Sie Frau Meynhover gekannt?“ Jonas lehnte sich vor und zückte sein Notizbuch. „Frau Meynhover war seit gut einem Jahr bei uns tätig. Auf beruflicher Ebene hatten wir natürlich sehr viel miteinander zu tun, gerade in letzter Zeit wo sie mit den Vorbereitungen für die Frühjahrskollektion beschäftigt war. Über ihr Privatleben kann ich Ihnen allerdings wenig sagen.“
„Ein Jahr ist ja noch nicht sehr lange,“ meldete ich mich zu Wort „Ist es bei Ihnen in der Firma üblich das man so schnell mit so umfassenden Aufgaben betraut wird wie einer kompletten Kollektion? Zumal Frau Meynhover ja noch am studieren war und mit Sicherheit nicht über die Berufserfahrung verfügte wie einige andere Mitarbeiter hier?“
„Nun ja,...“ zum ersten Mal wirkte Isabella Mertens verlegen und strich eine Strähne ihres schwarzen Haars hinter das Ohr „Frau Meynhover war ein außergewöhnliches Talent, das haben wir sehr schnell gemerkt und solche Talente müssen früh gefördert werden. Ich habe mir die Entscheidung, ihr die Frühjahrskollektion zu übertragen, nicht leichtgemacht, aber letztendlich bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass nur sie die Philosophie von Die for Fashion in dem richtigen Maße interpretieren und umsetzten kann.“ Aus den Augenwinkeln bemerkte ich wie Jonas es nur mit Mühe unterdrücken konnte mit den Augen zu rollen, woraufhin es mir schwer fiel ein Lächeln zu unterdrücken. Ich kannte inzwischen Jonas Meinung zu Künstlern und deren Gehabe und wir unterließen es beide nachzufragen was denn genau die „Philosophie“ von Die for Fashion wäre. „Bestimmt hat diese Entscheidung doch nicht bei allen Begeisterung hervorgerufen.“ Jonas beobachtete genau die Reaktionen von Isabella Mertens. „Es gab doch bestimmt einige hier in der Firma die gehofft hatten selbst den Auftrag für die Frühjahrskollektion zu bekommen.“ Isabella Mertens schlug die Beine übereinander und gab sich betont gelassen. „Natürlich gab es einige Mitarbeiter die darauf spekuliert hatten, selbst diesen Auftrag zu bekommen und die am Anfang nicht gerade erfreut über meine Entscheidung waren. Aber letztendlich wurde sie von allen akzeptiert und Frau Meynhover wurde in jeder erdenklichen Art und Weise unterstützt. Schließlich arbeiten wir hier als Team zusammen und nicht gegeneinander. Konkurrenzdenken gibt es bei uns nicht.“ Jonas und ich tauschten einen Blick aus. „Es gab also keine Probleme nachdem Bekannt wurde, dass Frau Mertens die Frühjahrskollektion entwirft?“ Ich schlug ebenfalls die Beine übereinander und lehnte mich etwas vor. „Frau Mertens, uns ist klar, dass Sie ihre Firma in einem möglichst guten Licht darstellen wollen und daher nicht schlecht über Mitarbeiter sprechen möchten. Aber uns würde es sehr helfen, wenn Sie uns näheres über Frau Meynhover und deren Beziehung zu anderen Mitarbeitern sagen könnten. Insbesondere ob sie Probleme mit anderen Mitarbeitern hatte.“
„Ohne unhöflich erscheinen zu wollen,“ Jonas kratzte sich kurz am Hinterkopf und sah dann wieder Isabella Mertens an. „ das mit dem „Konkurrenzdenken gibt es bei uns nicht“ kaufe ich Ihnen nicht so ganz ab, Frau Mertens. Schließlich heißt es ja so schön „Konkurrenz belebt das Geschäft“. Nirgendwo stimmt das so wie in der Modebranche. Designer stehen untereinander in Konkurrenz, das belebt ihre Kreativität. Das sie uneingeschränkt und ohne Eigennutz miteinander arbeiten, glaube ich nicht.“ Auf dem Gesicht von Isabella Mertens erschien ein flüchtiges Lächeln. „Ihnen kann man nicht so leicht etwas vormachen, Herr Windhöver. Ich bin beeindruckt.“
Jonas grinste: „Es gehört zu meinem Beruf, mir nicht so leicht etwas vormachen zu lassen.“
Isabella Mertens nickte: „Ja, das ist wohl wahr. Jedenfalls wollte ich vermeiden, dass Sie hier Ihre Zeit mit Banalitäten verschwenden, die mit Sicherheit nichts mit dem Tod von Frau Meynhover zu tun haben.“
Jonas lehnte sich zurück: „Wir verschwenden gerne unsere Zeit, Frau Mertens. Erzählen Sie uns von diesen Banalitäten.“ Nun verschwand jede Spur von Freundlichkeit aus dem Gesicht und auch aus dem Ton von Isabella Mertens: „Ich bin mir durchaus darüber im Klaren, dass Sie nur darum bemüht sind, das Verbrechen um Jana Meynhover aufzuklären. Aber hier verschwenden Sie nicht nur Ihre, sondern vor allen Dingen auch unsere Zeit. Das hier ist ein Geschäft, und dieses Geschäft muss weiterlaufen, ungeachtet dieses tragischen Vorfalls. Unsere Mitarbeiter sind dadurch schon genug verstört, es hilft nichts, wenn Sie sie durch ihre Befragungen noch weiter verwirren und von der Arbeit ablenken. Ich muss Sie deshalb bitten zu gehen und Ihre Ermittlungen anderweitig aufzunehmen.“
Jonas räusperte sich: „Frau Mertens, wie Sie bereits sagten sind wir nur darum bemüht den Mörder von Jana Meynhover ausfindig zu machen. Uns steht nicht der Sinn danach Ihr Geschäft in irgendeiner Weise zu stören. Aber unser Interesse gilt zuerst Jana Meynhover. Sicher wäre es für beide Seiten angenehmer, wenn wir mit Ihrem Einverständnis hier unsere Ermittlungen fortsetzen könnten, aber wir können auch mit einem Gerichtsbeschluss zurückkehren. Wenn Sie es wünschen.“ Ich bemühte mich jegliche Geste der Überraschung zu unterdrücken. Was Jonas da von sich gegeben hatte, war ein Bluff. Wir hatten keine Handhabe für so einen Gerichtsbeschluss, jeder Richter würde uns auslachen. Blieb nur zu hoffen, dass Isabella Mertens nichts davon wusste. Diese Hoffnung zerschlug sich in der nächsten Sekunde. Isabella Mertens lachte kurz auf: „Ich bin gespannt, wie Sie das hinkriegen wollen, Herr Windhöver. Aber bitte, sollten Sie einen Gerichtsbeschluss haben, können Sie gerne wiederkommen.“ Immer noch sichtlich amüsiert stand Isabella Mertens auf und beendete damit das Gespräch. Uns blieb nichts anderes übrig als ebenfalls aufstehen. Nachdem Isabella Mertens uns höflich aber kurz verabschiedet hatte, begleitete uns ihre Sekretärin hinaus, wobei sie hinter uns ging und uns damit keinen Raum gab noch mal umzudrehen und in das Büro zurückzukehren.
Draußen auf dem Flur blickten wir uns ratlos an. In diesem Moment hatten wir keine Chance, mit Nadine Mars zu reden. Entmutigt gingen wir Richtung Aufzug, und kamen dabei an einer Reihe von Fotos vorbei. Vor einem blieb Jonas plötzlich stehen. „Sieh nur, hier ist Jana Meynhover drauf.“ Ich ging näher an das Foto heran, um es zu betrachten. Es zeigte Jana Meynhover und einige andere Mitarbeiter bei einer internen Feier, wo einige ausgezeichnet wurden. Jana Meynhover hielt einen kleinen Pokal in der Hand und wirkte sichtlich glücklich. „Sie wurde zur besten Jung-Designerin des Jahres auserwählt.“ Jonas las den Text unter dem Foto. „Und das, obwohl sie noch nichts entworfen hatte?“ Ich war erstaunt. „Dieser Preis galt ihrem ungewöhnlichem Engagement, ihrem Talent, sich in das Team einzubringen, Trends zu entdecken und umzusetzen. Sie war außergewöhnlich.“ Wir drehten uns um. Hinter uns stand eine junge Frau, die eine Mappe in den Armen hielt, in der sich wahrscheinlich Zeichnungen befanden. „Sie kannten Frau Meynhover?“ Ich spürte wieder Hoffnung in mir aufkeimen, da hier anscheinend doch jemand bereit war mit uns zu reden. Die junge Frau nickte, wobei ihr einige blonde Haarsträhnen ins Gesicht fielen. „Jana war wirklich ein außergewöhnlicher Mensch. So talentiert und dabei so sozial eingestellt. Wir alle haben Sie gemocht. Und wir alle haben ihr diesen Preis gegönnt.“ Verlegen strich sie sich die Haarsträhnen wieder aus dem Gesicht. „Nun ja,.... fast alle.“ Jonas blickte wieder auf das Foto. „Diese Frau, links neben Frau Meynhover. Ihr Lachen wirkt nicht echt.“ Ich betrachtete sie ebenfalls. Es war eine rothaarige, sehr hübsche Frau. Sie wirkte so, als müsste sie ihre Wut unterdrücken und versuchte das mehr schlecht als recht mit einem Lächeln zu übertünchen. „Das ist Nadine Mars.“ Wir drehten uns gleichzeitig zu der jungen Frau um. Diese war nun sichtlich etwas nervös und warf immer wieder ein Blick auf das Büro der Geschäftsführerin. Anscheinend gab es schon Anweisungen, wie man sich uns gegenüber zu verhalten hatte. „Wir wissen bereits, das Frau Mars so ihre Probleme mit Frau Meynhover hatte.“ Half ich ihr.
„Dabei war das gar nicht immer so.“ Die junge Frau schien ihre Nervosität zu vergessen. „Nadine und Jana waren sogar einmal sehr gut miteinander befreundet, wirklich sehr gut.“ Sie unterstrich diese zusätzliche Bemerkung mit einem kräftigen Nicken, was mir merkwürdig vorkam. „Aber dann kam die jährliche Ehrungsfeier.“ Sie deutete auf das Foto. „Auf dieser wurde auch bekanntgegeben, dass Jana die Frühjahrskollektion entwerfen wird. Es war für alle eine Überraschung, am allermeisten für Nadine, sie hatte ja fest damit gerechnet selbst die Kollektion zu entwerfen. Es wurden auch die ersten Entwurfideen von Jana vorgestellt, die wirklich sehr gut waren. Ehrlich gesagt, waren wir alle überrascht, dass sie schon so gut war, sie ist wirklich ein außergewöhnliches Talent. Nadine konnte kaum an sich halten. Kurz nach dem dieses Foto gemacht wurde, ist sie ausgerastet und hat geschrieen Jana hätte ihre Ideen geklaut, ist dann rausgerannt und hat ihr Büro verwüstet. Aber das ist natürlich völlig abwegig.“ Die junge Frau lachte kurz und tat das mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. „Jana hätte so etwas nicht getan. Dazu war sie viel zu ehrlich, viel zu bescheiden. Aber danach war das Verhältnis zwischen Nadine und Jana natürlich nicht mehr dasselbe, das können sie sich ja vorstellen. Aber seit Jana tot ist, steht Nadine völlig neben sich, das tun wir natürlich alle aber Nadine....“ Sie schüttelte kurz den Kopf. „Sie ist so fahrig, so unkonzentriert. Sie wirkt so als würde sie gar nicht mehr schlafen. Sie kommt kaum noch mit ihrer Arbeit nach und macht einen Fehler nach dem anderen und sie scheint das noch nicht mal zu bemerken. Und wir müssen natürlich hinter ihr aufräumen.“ In diesem Moment schien sie das mehr mitzunehmen als der Tod von Jana Meynhover. Jonas und ich tauschten einen Blick aus. Hier war eine Spur. „Wir würden gerne mit Frau Mars reden...“ Fing Jonas an. „Oh, sie macht gerade Pause. Ich habe gerade gesehen, wie sie rausgegangen ist. Normalerweise isst sie im Bruno’s das ist hier direkt um die Ecke.“ Wir bedankten uns, fragten noch nach dem Namen der Frau und gingen zum Aufzug.
Im Bruno’s angekommen, sahen wir Nadine Mars an einem Tisch am Fenster. Wir gingen hin, stellten uns vor und fragten ob wir uns setzen könnten. Sie blickte auf. Ich bemerkte, dass sie sehr blass war und den Augenringen nach zu urteilen, einige Nächte nicht mehr richtig geschlafen hatte. „Aber natürlich, setzen sich bitte.“ Sie wies auf die Plätze gegenüber von ihr. Ihre Bewegungen wirkten fahrig. Wir setzten uns. Nadine Mars blickte auf ihr Essen. Die Spaghetti Carbonara waren bereits kalt und kaum angerührt. Es war offensichtlich, das etwas Nadine Mars quälte. „Frau Mars, sie können sich sicher denken, warum wir hier sind.“ Jonas Stimme war betont sanft.
„Ja, ja natürlich kann ich das, es geht um Jana.“ Jonas nickte: „Sie hatten Probleme mit ihr?“ Nadine Mars sah uns an und auf einmal schimmerten in ihren Augen Tränen. Sie griff nach einer Serviette um diese abzutupfen. „Ich bin an allem schuld. Ich bin schuld, dass Jana tot ist.“ Sie schluchzte. Jonas und ich sahen uns überrascht an. Auch wenn ich noch Grün hinter den Ohren bin, ist mir klar das es nicht so einfach ist ein Geständnis zu bekommen. „Wie meinen Sie das, Sie wären schuld an dem Tod von Jana Meynhover?“ Die Reaktion von Nadine Mars verwirrte mich. Nachdem, was wir von ihr gehört hatten, hatte ich sie mir völlig anders vorgestellt. Eine eiskalte Karrierefrau, nur auf ihren Vorteil bedacht. Und nicht diese Frau, die von ihren Gefühlen zerrissen wurde. Entweder war sie eine verdammt gute Schauspielerin oder etwas ist anders gelaufen, als Jonas und ich uns das vorgestellt hatten. „Jana und ich waren ... befreundet. Dann fand ich raus, das sie mich betrogen hatte.“ Nadine Mars zerknüllte die Serviette in ihrer Hand. „Es geht um die Frühjahrskollektion.“ Jonas suchte in seinen Jackentaschen erfolglos nach einem Taschentuch. „Sie behaupten Frau Meynhover hat ihre Ideen gestohlen.“
„Als auf der Feier bekanntgegeben wurde, das Jana die Frühjahrskollektion entwerfen soll, war ich wirklich überrascht. Ich hatte fest damit gerechnet, das ich die Kollektion entwerfe. Aber dann dachte ich mir, na gut sie hat ja auch Talent. Sie hat es verdient. Aber dann wurden Janas Ideen vorgestellt, und ... und es waren meine Zeichnungen. Meine Zeichnungen! Mir blieb die Luft weg. Ich konnte das nicht verstehen, hätte niemals damit gerechnet, diese Dreistigkeit ... vor allen meine Zeichnungen als eigene Ideen vorzustellen ... “ Nadine Mars sah uns mit tränennassen Augen an. „Das hätte ich niemals von Jana erwartet.“ Immer mehr beschlich mich das Gefühl, das Nadine Mars nicht schauspielerte sondern die Wahrheit sagte. Aber das warf auch ein völlig anderes Licht auf Jana Meynhover. „Aber wie konnte Jana Meynhover denn an ihre Zeichnungen rankommen? Hüten denn Designer ihre neue Ideen nicht wie ihren Augapfel?“ Ich gab einer der Kellnerinnen ein Zeichen noch ein paar Servietten zu bringen. „Natürlich, die Zeichnungen waren bei mir zu Hause.“ Nadine Mars sah uns nicht an. Jonas und ich sahen uns überrascht an und sahen dann wieder Nadine Mars an. Diese zerriss die Serviette in ihren Händen in kleine Fetzen, und dann begriffen wir, noch bevor sie es sagte. „Jana und ich hatten eine Affäre. Sie war mehr als einmal bei mir zu Hause. Sie muss meine Zeichnungen entdeckt und sie dann kopiert haben. Es waren meine ursprünglichen Ideen. Nachher, bei der Bewerbung um die Frühjahrskollektion, habe ich andere Zeichnungen vorgelegt.“ Nadine Mars schluchzte auf. „Ich habe wirklich geglaubt, sie empfindet etwas für mich.“ Jonas zog überrascht die Luft ein und stieß sie langsam wieder aus. „Was passierte dann?“ Die Kellnerin stellte eine Box mit Zewatüchern auf den Tisch und entfernte sich diskret. „Ich war so wütend, so verletzt. Jana hatte mit mir nur die ganze Zeit gespielt. Sie hatte mir etwas vorgemacht. Ich wollte mich rächen. Sie hatte mir etwas genommen, also wollte ich ihr auch etwas nehmen.“ Jonas und ich beugten uns vor in Erwartung dessen was nun kommen würde. Aber was dann kam, widersprach völlig unseren Erwartungen. „Also erzählte ich ihrer Freundin was zwischen uns gewesen ist. Erzählte ihr alles, jedes winzige Detail.“ Nadine Mars sah uns an. Die Tränen rannen ihr über das Gesicht, die Box mit den Zewatüchern missachtete sie. „Ich wollte Janas Beziehung zerstören. Wollte ihr das nehmen. Aber... aber ich wollte doch nicht das sie stirbt!“ Jonas und ich waren völlig überrumpelt. „Sie haben mit Nathalie Wendmann gesprochen?“ Ich konnte förmlich hören, wie es hinter Jonas’ Stirn arbeitete. Nadine Mars nickte: „Ja. Ich habe von ihr gewusst. Jana erzählte mir, die Beziehung wäre nicht mehr das, was sie mal war und sie würde ohnehin überlegen Schluss zu machen. Ich habe ihr natürlich geglaubt, damals. Aber nach der Ehrungsfeier erkannte ich was für ein Mensch Jana wirklich ist ... oder besser gesagt war.“ Nun nahm Nadine Mars doch eins der Zewatücher und tupfte sich die Augen ab. „Frau Mars, es tut uns leid weiter in sie dringen zu müssen, aber wir müssen wissen was genau passiert ist.“ Ich empfand Mitleid für sie, aber gleichzeitig war ich ungeduldig zu erfahren was genau passiert war. Diese Wendung warf ein völlig neues Licht auf den Fall. Jana Meynhover war offensichtlich doch nicht das Unschuldslamm gewesen, wie alle behauptet hatten, und sie ist wohl doch nicht der Karriere wegen ermordet worden. Nadine Mars atmete tief durch um uns dann zu antworten: „Ich besuchte diese Bar Jazznight. Janas Freundin hält sich dort sehr oft auf.“ Jonas nickte: „Das ist wohl ihre Lieblingsbar.“ Nadine Mars brachte so was wie ein Lächeln zustande: „Das sollte es wohl auch. Schließlich ist sie die Mitinhaberin.“ Wieder waren Jonas und ich völlig überrascht. Aber das würde auch das Alibi von Nathalie Wendmann erklären. „Das ist auch einer der Gründe weswegen Jana mir erklärte das ihre Beziehung eigentlich keine mehr war. Sie war mit ihrem Designstudium und der Arbeit bei uns beschäftigt, Nathalie kümmerte sich nur um ihre Bar. Sie beschwerte sich, dass Nathalie keine Ahnung hätte von dem was sie tat und sich nicht dafür interessierte und gleichzeitig war es ihr völlig egal was Nathalie in ihrer Bar trieb.“ Nadine Mars sah uns an: „Wissen Sie, auf den ersten Eindruck wirkt Jana unschuldig, lieb und freundlich aber eigentlich ist sie selbstsüchtig, egoistisch und lebt nur in ihrer eigenen Welt. Ich habe das leider erst viel zu spät erkannt.“
„Frau Mars,“ Jonas beugte sich vor und sprach betont sanft. „Können Sie uns noch sagen, wann Sie mit Frau Wendmann gesprochen haben?“ Nadine Mars überlegte kurz: „Das war 3 Tage nach der Ehrungsfeier, letzten Donnerstag glaube ich. Ja, letzten Donnerstag war das.“ Jonas und ich warfen uns kurz einen Blick zu. Der 23. Mai! Wir verabschiedeten uns von Frau Mars. Doch bevor wir gingen, drehte Jonas sich noch einmal zu ihr um. „Frau Mars, an dem was passiert ist, tragen Sie keine Schuld. Sie können absolut nichts dafür.“ Nadine Mars sah zu uns auf und lächelte kurz: „Danke.“
Unterwegs verständigten wir das Revier über Funk wohin wir fuhren und baten um Unterstützung durch weitere Beamten. „Hättest du das gedacht?“ Jonas schüttelte immer noch ungläubig den Kopf. Ich überlegte kurz, auch ich war immer noch überrascht: „Nun ja, das würde zumindest die Heftigkeit dieser Tat erklären. Zumindest für Nathalie Wendmann war die Beziehung noch in Ordnung, und als sie erfuhr, dass Jana sie betrogen hatte der Karriere wegen, brach für sie eine Welt zusammen. Aber sie hatte ein wasserdichtes Alibi.“
Jonas schnaubte kurz: „Sie ist die Mitinhaberin vom Jazznight. Das Personal wird sie wohl eingeschüchtert haben, damit sie uns das passende erzählen. Und ihren Freunden hat sie wohl wer weiß was versprochen, wohl ein Jahr Freisaufen, oder so was.“ Ich lehnte mich im Autositz zurück: „Jana Meynhover ist wohl ein ganz anderer Mensch gewesen, als wir uns sie vorgestellt hatten.“ Jonas lachte zynisch: „Das außergewöhnliche Talent mit der Gabe Trends vor anderen zu entdecken. Sie hat wohl von anfang an geklaut um zu beeindrucken und aufzusteigen. Würde mich nicht wundern, wenn ihre eigenen Arbeiten eher mittelmäßig sind.“
„Und da sie so ein bescheidener, hilfsbereiter und freundlicher Mensch war, hat es keiner vermutet. Sie hat sich die ganze Zeit verstellt, nur eine Rolle gespielt.“ Fügte ich hinzu. „Weißt du eigentlich was die Eltern von Nathalie Wendmann machen?“ Fragte Jonas mich. Verwirrt, weil ich nicht wusste, was die Frage sollte antwortete ich: „Nein.“
„Fleischerei Wendmann. Davon gibt es mehrere Filialen in der ganzen Stadt. Ihr Vater ist Metzgermeister.“ Wir bogen in die Straße ein, in der Nathalie Wendmann wohnte.
Als wir ausstiegen, traf ein Streifenwagen mit zwei Beamten ein. Zusammen gingen wir in das Haus in dem Nathalie Wendmann wohnte. Wir klingelten und Nathalie Wendmann öffnete uns. Sie runzelte kurz die Stirn, als sie die Streifenbeamten sah, sagte aber nichts. Wir folgten ihr ins Wohnzimmer. Der Fernseher lief und auf dem Couchtisch stand etwas zu essen. Es sah aus wie das Lebergoulasch von meiner Mutter, roch aber anders. Ich machte mir vorerst keine Gedanken darüber. Im Fernseher waren Nathalie Wendmann und Jana Meynhover an einem Strand zu sehen. Es war wohl ein Urlaubsvideo der beiden, mehr noch, die beiden schienen eine Art Zeremonie zu feiern. „Du bist die Liebe meines Lebens, und wir werden eins sein, für immer.“ Jana Meynhover lachte und küsste Nathalie Wendmann, daraufhin steckte sie ihr einen Ring an den Finger. Es war ein merkwürdiges Gefühl, die Stimme der Frau zu hören, deren Leiche ich gesehen hatte. Und sie so lebendig zu sehen. Ich blickte zu Nathalie Wendmann, sie trug immer noch den Ring. „Das war letztes Jahr auf den Malediven.“ Nathalie Wendmann stocherte in ihrem Essen rum. „Wir hatten uns versprochen für immer zusammen zu sein, und das nichts und niemand uns trennen könnte.“ Jonas holte Luft und fing an: „Frau Wendmann, wir müssen Sie noch mal fragen, wo Sie in der Nacht....“ Ich hörte ihn nicht mehr. Ich sah auf das Lebergoulasch und mir fiel wieder auf, das es nicht so roch wie das von meiner Mutter. Mir kam ein grauenhafter Gedanke. Ohne ein Wort zu sagen, ging ich in die Küche, zum Kühlschrank. Vor dem Kühlschrank zögerte ich, aber dann sagte ich mir das wir es schließlich wissen müssten. Ich öffnete die Kühlschranktür ... und prallte zurück und stieß mit der Hüfte gegen die Spüle. Ich beugte mich über die Spüle weil ich dachte, mein Frühstück käme mir wieder hoch. Aber dann fing ich mich wieder und ging langsam in das Wohnzimmer zurück. Erst als ich wieder dort war, schien Nathalie Wendmann zu bemerken, dass ich weggewesen war. Alarmiert setzte sie sich auf: „Wo waren sie?“ Jonas sah mich an und bemerkte meinen Zustand. Dann schien er ebenfalls zu begreifen und ging in die Küche. „Wo gehen Sie hin?“, rief Nathalie Wendmann. Aber sie blieb sitzen, sie schien zu wissen, dass es keinen Sinn mehr hatte. Kurz darauf kam Jonas wieder zurück, nun auch sichtlich blass. Er sah mich an, sah die Beamten an, und wandte sich dann an Nathalie Wendmann. „Frau Wendmann, wir verhaften Sie wegen des Mordes an Jana Meynhover. Sie haben das Recht auf einen Anwalt und Sie haben das Recht zu schweigen. Alles was sie jetzt sagen, kann und wird bei Gericht gegen Sie verwendet werden.“ Sie schien aufzugeben. Doch bevor sie das tat, tat sie etwas grauenhaftes. Sie aß ein Stück von dem Lebergoulasch. Mir drehte sich noch mal der Magen um, und ich bekam einen Würgreiz. Jonas ging es nicht anders. Auch die Beamten schienen zu begreifen was hier vor sich ging. Einer von ihnen fing an zu husten. Der andere wandte sich ab. Nathalie Wendmann stand auf und lächelte: „Nun sind wir wirklich eins für immer.“