Was ist neu

Er wartet

Mitglied
Beitritt
09.02.2004
Beiträge
15
Zuletzt bearbeitet:

Er wartet

Nackt liegt sie da, schlafend, das Laken über ihre Hüften gerutscht. Er könnte sie zudecken, es ist kalt an diesem Morgen in Havanna. Er könnte die Kakerlake, die über ihren Oberschenkel krabbelt, verscheuchen. Er sitzt auf einem Stuhl, neben dem Bett in ihrem Hotel. Die Zeit kriecht. Er steckt sich eine Kippe an. Sie, die da liegt, ist nicht schön, gefällt ihm nicht. Wie war ihr Name noch gleich? Er wartet, bis sie aufwacht.

Er betrachtet ihren Mund, regungslos. Erdbeermund. Gestern nannte er ihn so. Das Wort hat er sich schon vorher ausgedacht, bevor er ihn küsste. Bevor er so viele küsste. Erdbeermund. Und ihre Ohren, in die er Schmeicheleien säuselte. Stumpfe Worte. Gewohnt. Das mögliche Ticket in die Freiheit, nur weg von hier. Er wartet, bis sie aufwacht.

Die Minibar summt. Eine Fliege auf ihrer weissen Brust, zum Sprung bereit. Stimmen, Verkehrslärm und Gezeter draussen, die Brandung des Meeres. Rythmen, die Hitze macht die Stadt verrückt. Der gewohnte Alltag in diesen Strassen die er liebt und zugleich hasst. Seine Hände, seine Finger, lang und fein. Ein Ring daran? In einem anderen Land. Fernab von hier. Nur nicht zu Stein erstarren um nachher als Staubkorn in der ewigen Weite des Meeres mit der Brise davonzuwehen. Das immer gleiche Meer. Lethargie. Die Uhr tickt. Er wartet.

Schöne Worthülsen, Küsse, Blicke, vielleicht dieses Mal. Das Ticket in die Fremde, weg von der Heimat. Er wartet. Gesang, Musik, Gelächter, draussen auf den Strassen die er liebt. Die Wärme der Stadt. Die Verrücktheit. Das Summen der Minibar.

Weg von der Heimat.

Er steht auf, deckt sie zu und geht.

 

Hallo Sternenkatz!

Der Text ist relativ sauber geschrieben, bis auf einen Schnitzer der mir aufgefallen ist ("das Lacken über ihre Hüften gerutscht." das Laken). Allerdings fehlt mir daran irgendwas, irgendwie kommt mir die Momentaufnahme ein bisschen leblos und müde vor, ich weiß auch nicht.
Mein erster Gedanke war echt: James Bond lässt grüßen. Ich mein, das passt alles wie der Arsch aufn Eimer, Havanna, immer mal ein anderes Mädchen das er abschleppen kann, kühle Hotelzimmer mit Minibar und so ... Ich hoffe du weißt was ich meine. Das hat mich zuerst ein bisschen abgelenkt und ich überlege gerade, wieso der Text in "Gesellschaft" steht. Offensichtlich ist dein Protagonist verheiratet und flieht im Prinzip vor seiner ähm... Ehe? Frau? Ja wovor eigentlich? Hier bleibt viel zu viel offen, die ganze Bond-Atmosphäre (vielleicht seh auch nur ich das so :D) hat das überdeckt und auch so wird nicht klar, was du eigentlich rüberbringen möchtest, außer dass einer mit seinem Leben nicht klar kommt und irgendwie davor flüchtet. Da fehlt mir was.
Hm und nochwas zum ersten Absatz:

Er könnte sie zudecken, es ist kalt an diesem Morgen in Havanna. Er könnte die Kakerlake, die über ihren Oberschenkel krabbelt, verscheuchen.
Dieses gedoppelte "Er könnte" kommt ziemlich ungünstig. Als Stilmittel wirkt das hier nicht, es liest sich einfach holprig. Überhaupt solltest du nochmal schauen, du verwendest sehr oft "Er" am Satzanfang.

Das klingt jetzt alles sehr negativ, aber an sich fand ich den Text nicht so schlecht, wie das vielleicht klang. Er ist schön, aber besonders ist er nicht.

Liebe Grüße und viel Spaß noch im Forum,
apfelstrudel

 

Hallo Apfelstrudel!
Herzlichen Dank für deinen Kommentar zum meiner Geschichte.

Ich hab noch nie James Bond geguckt :( , doch ich weiss glaube ich was du meinst. So eine Message wollte ich mit meiner Geschichte nicht ansatzweise rüberbringen.
Das Grundgerüst meiner Geschichte wäre ungefähr folgende:
Junger Kubaner in Havanna, seiner Heimatstadt, die er schon seit Geburt an wie seine Westentasche kennt. Kubaner können ja, wie du vielleicht auch weisst, nicht ausreisen. Das heisst, sie müssen sich eine Ausländerin anlachen (wenn sie nicht ausserordentlich musisch begabt oder hochtalentierte Sportler oder Wissenschaftler etc sind), die dann mittels Ehevertrag dafür sorgt, dass sie weg können aus Kuba.

Vielleicht habe ich vom Leser ein bisschen zu viel Hintergrundwissen erwartet. Hätte ein bisschen mehr auf die Details eingehen können, ausformulieren.

Und merci für den Hinweis auf das Lacken. Ist natürlich falsch :)

 

Hi Sternenkatze,

um ehrlich zu sein, hat mich deine Geschichte nicht sonderlich angesprochen. Was zum einen an den Formulierungen liegt. Ich finde sie auf keine Fall schlecht sondern einfach der Situation nicht angemessen. Da ist ein Typ der wartet in aller Seelenruhe darauf, dass die Frau aufwacht. Er hat also Zeit.

Das immer gleiche Meer. Lethargie. Die Uhr tickt. Er wartet.

Schöne Worthülsen, Küsse, Blicke, vielleicht dieses Mal. Das Ticket in die Fremde, weg von der Heimat. Er wartet. Gesang, Musik, Gelächter, draussen auf den Strassen die er liebt. Die Wärme der Stadt. Die Verrücktheit. Das Summen der Minibar.

Solche Formulierungen weckten bei mir aber die Assoziation von Flucht, hier geht es schnell, es bleibt nur Zeit für kurze Eindrücke ...

In deinem Kommetar schreibst du:

Kubaner können ja, wie du vielleicht auch weisst, nicht ausreisen. Das heisst, sie müssen sich eine Ausländerin anlachen (wenn sie nicht ausserordentlich musisch begabt oder hochtalentierte Sportler oder Wissenschaftler etc sind), die dann mittels Ehevertrag dafür sorgt, dass sie weg können aus Kuba.
Er dürfte es also nicht so eilig haben wegzukommen, er wird ja nicht verfolgt, in dem Sinne das ein paar Killer hinter ihm her sind, sondern er will das Land verlassen, weil er es dort nich aushält.

Ohne deine Interpretation, die ich erst danach gelesen habe, fand ich deine Geschichte ziemlich belanglos. Du schreibst zwar zu Beginn, dass das Zimmer in Havanna ist, gehst aber später darauf nicht mehr ein. Ich meine, das ist der Kern deiner Geschichte und erwähnst es nur eingangs ziemlich beiläufig.

Da solltest du auf jeden Fall noch öfters in der Geschichte drauf eingehen. Du musst es ja nicht gleich mit dem Holzhammer auf den Leser einschlagen, aber du solltest zumindest weitere Tipps geben.
z.B "Schon immer wollte er hier raus, da lag seine Chance. Mit ihr könnte er es schaffen. Endlich raus aus Havanna.

Ohne diese Infos liegt da eine Frau, ein Mann, der sie nich liebt, wartet darauf, dass sie aufwacht, haut aber dann doch einfach so ab.

Hat mir so leider nicht gefallen.

lg neukerchemer

 

Hallo sternenkatze,

leider muss ich mich da neukerchemers Meinung anschließen. In der jetzigen Form ist deine Geschichte recht belanglos. Zudem schwer nachvollziehbar. Deine nachträglich dargebrachte Intention ergibt sich nicht aus der Geschichte. Eigentlich finde ich diese jedoch recht gut und hätte in meinen Augen auch verdient, in eine kg EIngang zu finden.
ich würde dasProblem so angehen, dass ich tiefer in die Gedankenwelt des Prots eindringe und zum Leser trage. Mit diesen Fetzen allein, erreichst du den Leser nicht, zudem lässt einem das Schicksal des Kerls auch kalt, da keine berührende Verbindung aufgebaut wird.
Formal solltest du, wie auch neukerchemer schon anmerkte, das Tempo mit den kurzatmigen Sätzen rausnehmen. Das wirkt der eigentlichen Intention in meinen Augen entgegen.

grüßlichst
weltenläufer

 

Hallo Sternenkatze,

stilistisch ist das ganz gut zu lesen und die Intention mit dem Kubaner war für mich ersichtlich. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich gerade selbst in Lateinamerika lebe und als Europäerin mit eben dieser Erwartungshaltung der Einheimischen konfrontiert werde. Die Problematik an sich ist also nicht spezifisch kubanisch, auch in Ländern wie Perú gibt es diesen Traum von einer besseren Welt, die man über das Anbändeln mit der Gringa erreichen kann.
Das wäre dann auch mein Kritikpunkt an dem Text. Die Idee ist interessant, und ich denke schon, dass die von dir beschriebene Situation in Kuba noch brisanter ist als z.B. hier in Perú. Das kommt für mich aber nicht heraus; da könntest du nachlegen. Die anderen Reaktionen scheinen dafür zu sprechen, dass du wirklich zu viel Hintergrundwissen voraussetzt. Eine schöne Momentaufnahme, die für mich aber nicht die Kraft entfaltet, die sie haben könnte, und zu unvermittelt abbricht. Warum unser kubanischer Freund letztlich verschwindet, kommt mir nicht klar und nachvollziehbar genug heraus. Ich denke, dass du es schon beim Charakter einer Momentaufnahme belassen kannst, aber dennoch gehört in diesen Text noch mehr hinein. Die Beziehung deines Protagonisten zu La Habana, das Leben in Kuba mit all seinen Widersprüchen, seine Erwartungen (Freiheit ist ein plattes Wort) ... da ist überall noch Potential. Ich würd mich freuen, wenn du da noch was draus machst.
Grüsse aus Perú,
Malinche

 

Hallo Sternenkatze, mir hat die Geschichte gut gefallen. Ich mag das Bild, das zu zeichnest. Es ist minimal, ein kurzer Einblick nur, aber es hat Atmosphäre und zeigt die Zerrissenheit des Kubanes meiner Meinung nach deutlich. Dass er zum Schluss geht - also bleibt, zumindest bis auf weiteres - ist eine der beiden Möglichkeiten, die er hat. Ich fand daran nichts schwer nachvollziehbar.

Viele Grüße

Richard

 

Liebe Kritiker

Vielen Dank für euer Feedback, das freut doch immer.

Ich hätte die Wahl gehabt und dem Leser alles auf dem Silbertablett präsentieren können. Hab' mich aber dafür entschieden, wirklich eine Momentaufnahme zu zeigen, die ohne Erklärungen irgendwie funktionieren kann. Anscheinend tut sie das nicht, und ich werde mir das auch sicherlich zu Herzen nehmen. Vielleicht kann man so weit gehen und sagen, dass die Thematik nach etwas anderem als einer Momentaufnahme verlangt.

Andererseits – und daraus ergibt sich für mich ein Zwiespalt – müssen Geschichten aus meiner Sicht nicht immer von A nach B ganz klar und deutlich verlaufen, ich masse mir an zu behaupten, dass ganz klar geschilderte Situationen der Geschichte den Drive nehmen. Meiner fehlte die Geschwindigkeit, ich sehe das. Ich mag das Thema und werde daher die Geschichte nochmals neu auflegen.

Viele Grüsse nach Peru und in die anderen Teile der schönen Welt!

Sternenkc

 

Tag
ich widerspreche erst mal den anderen Kritikern in einem Punkt.
Ich finde gerade die kurzen Sätze (oder weniger) unterstützen den kurzatmigen Ausschnitt den Du hier präsentierst.
Und Sie widerspiegeln auch irgendwie, wie wenig Zeit er hat, um sein Ziel zu erreichen.

Das immer gleiche Meer. Lethargie. Die Uhr tickt. Er wartet.

Hier wunderbar.
(zitieren kann man übrigens durch markieren+dem ganz rechten Symbol in der Befehlsleiste der Nachricht)
Aber im Gesamten zündet da für mich nichts, musste die Geschichte auch 3mal lesen samt Kommentaren bevor ich die Intention hatte. Das er am Ende geht scheint mir deran die Ursache.
Er will doch raus. Und tut sich, trotzdem er Sie nicht attraktiv findet, eine Nacht mit Ihr an. Und dann haut er ab??
Ich seine Verzweiflung würde besser rauskommen, wenn Sie aufstünde, Ihm ins Gesicht grinst und abhaut. Oder sowas.

Nur nicht zu Stein erstarren um nachher als Staubkorn in der ewigen Weite des Meeres mit der Brise davonzuwehen
Irgendwie funktioniert der Satz trotz seiner brillianz nicht für mich.
mit Gruß, lendrian

 
Zuletzt bearbeitet:

Ich nochmal. Ich kann hier nicht für die Autorin sprechen, aber für mich ist die Sache glasklar: Der Kubaner liebt seine Stadt, liebt vielleicht ganz Kuba, will es aber verlassen. Zitat: "Der gewohnte Alltag in diesen Strassen die er liebt und zugleich hasst."

So geht es wohl sehr vielen Menschen auf der Welt, die das Pech haben, unter nicht besonders menschenfreundlichen Systemen zu leiden. Dass sie ihre Regierung hassen, nimmt ihnen nicht die Verbundenheit zu ihrer Heimat. So. Dieser junge Mann will per Eheschließung aus Kuba raus. Er versucht das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Und lässt es diesmal dann doch bleiben. So, wie man sich für viele Entscheidungen im Leben stark macht, um dann doch daran zu scheitern. Finde ich jedenfalls völlig nachvollziehbar, klar ausgedrückt und in sehr schöne Wort gefasst.

Viele Grüße

Richard

 

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom