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Erzählung: „Vergangener Sommer - Reinhard und Zea fahren baden“.
Zea: „Ich würde gerne dorthin gehen oder eher fahren, wie bereits gesagt.“ Und sie besprechen alles nochmal gemeinsam.
Sie lassen der Fantasie freien Lauf. Ihre Fantasie. Jene, die negative Gemüts-Rest-Armeen in der Wüste laufen lässt.
Sie reden nicht über Klimatisiertes in Havanna, aber himmlische Strände mögen sie beide gerne, sie hüten gar einen Geheimtipp, sogar (es ist ein Agriturismo, unmöglich, unglaublich und aber herrlich) das gar mit privatem Meer – an der oberen Adria. Ein Wasser, das nicht fischelt, so herrlich sauber.
Man biegt bei Mestre vor Venedig ab.
Dann Flut, Gefühle, Zufälle die man nie – dort – vermuten würde wie den Pizza- Weltmeister.
„Nein, hier gibt es noch nicht“, sagt Zea, „die bereitgestellten Einrichtungen zum Meertauchen-Lernen, die sind auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht. Dort gibt es, anders als hier, keinen Sand, sondern Felsenstrand.“
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Zumindest heute Abend gilt es noch zu warten.
In den kommenden Tagen langsam das Gepäck vorbereiten mit dem Ziel einer vollständigen und fast undenkbaren Auflösung in der Natur in einem Urlaub unter anderen Menschen.
Sie sind auch recht müde und werden schlafen.
Ihr Wunschstrand ist groß, bestimmt träumen sie heute Sandhaufen – und gewiss auch nette Witze, wie diese auch immer klingen mögen. Welch eine seltsame, aber willkommene Abwechslung!
Bestimmte Dinge entwickeln sich.
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Sie leben im Ländlichen mit gesunder Luft, etwas höher auf einem Berghang, der sich hoch oben zur Grenze nach Italien zieht. Die Tätigkeiten gilt es, wie sie sagen, „unten“, zwölf Kilometer sind es bis dorthin, in der Stadt, zu erledigen. Sie finden es angemessen und sogar attraktiv, ihrem Leben wie in einem Roman nachzugehen. Da „unten“ holen sie Eier und Butter. Besorgungen machen, mehr nicht.
Es ist nichts, was verletzt. Keine Abneigungsgefühle, keine Unsicherheiten dominieren. Freunde haben sie (noch) keine. Frei sind sie und unabhängig sozusagen.
Mit etwas Restangst über diese Freiheit des Denkens.
Das Kofferpacken eine rasche Tätigkeit, reibungslos und schnell. Ihre Sehnsucht ein Trieb.
Was man in der Hektik vergisst, kann man ja auch vor Ort kaufen. Die Fünf Stunden Anreise laufen Problem - und Staulos.
Ihr Pyjama. Der Reinhard trägt sowas nicht, sie, Zea schon, denn sie friert leicht – eine Frage des Blutdrucks – überall und immer, selbst bei 30° Grad, die das Wetter in diesem Ort gerade hat.
Verdaut sind die unruhige Nacht und das Abendessen von gestern. Würzige Muscheln und ein kühler Grigiolino, Produktion der Inhaber des Restaurants. Sie gehen nach der Morgentoilette hinunter zum Frühstück, das bestückt ist mit
zahlreichen genuinen Köstlichkeiten des Hauses. Die Speise-Terrasse befindet sich unter einer Laube, überspannt von einer Weinrebe.
Die weißen Trauben gedeihen bereits prächtig. Zea und Reinhard sind keine Veganer, auf jeden Fall aber Vegetarier. Das Angebot von Leckereien aus Körnergebäck und ähnlichem – etwa die Erbsen-Mandeln-Bällchen oder die frisch auszupressenden Zitrusfrüchte – ist prächtig. Eine Induktions-Herdplatte steht auf der Ablage, das Ei brät jeder Gast nach Belieben selbst. Beim ersten Besuch wirkt es etwas komisch, ja geradezu lustig, wenn jeder sein Frühstück zubereitet.
In ihrer Beziehung ist Reinhard der Koch – welcher Familienname auch immer sein eigentlicher ist, er ist mediterraner.
Sie unterhalten sich an diesem ersten Tag bis zum späteren Vormittag im Saal. Leeren beim Plaudern eine große Kanne Fair-Trade-Filterkaffee, dessen Bohnen, der Umwelt wegen, per Segelschiff den Weg in diese Gegend schafften. Und beide haben – bedingt durch Höhenunterschied und anderem Klima – leichte Kopfschmerzen. Zea stöhnt beim Reden kurz auf, dass sie Ihr Büro unsortiert verließ. Aber es wäre geradezu eine Schande gewesen, eine Nacht „dort noch“ zu verbringen, um am Tag danach abzureisen.
Zea und Reinhard sind angekommen, passend angezogen, ja auch das leichte Schuhwerk. Zeas Haar ist lässig gesteckt und sie richten die Sommertasche ein. Nichts scheint zu stören. Ein kleiner Aufzug ist im Haus, dessen Türen sich mechanisch öffnen, daraus steigt eine Gestalt, die sich so bewegt und
umschaut, als würde sie offensichtlich denken, sie sei eine Schönheitskönigin … Reinhard hasst solches Gebaren.
„Ich muss Sie bitten, zum Abendessen heute pünktlich zu kommen, da wir heute ja Spezielles aus der Region kochen und anbieten – das wegen der Aromen frisch gekocht verspeist werden sollte.
Dann spricht der Hausherr weiter: „Ah, sehen sie den Regisseur da drüben beim Frühstück, erkennen sie ihn nicht?
„Heute schnappen wir uns als erstes den Hügel“, sagt Reinhard, „Ich habe gute Hoffnung, dass das Wetter uns klare Sicht gewährt, auf diese einmalige Umgebung.“
„Ob wir weiterhin, dem Trend des Abverkaufes des Flures zum Trotz, diese Einmaligkeit wohl schaffen gut zu pflegen? Wille und Bewusstsein sind größer denn je. Der Regen, der Regen ist es, der uns immer mehr fehlt.“
Nach dem Smalltalk mit dem Hausherrn steigen Zea und Reinhard mit einem angedeuteten Winken in den geliehenen roten Wagen, der auf dem Eingangsareal steht. Ein Wagen, gespickt mit ein paar kleinen Dellen.
Reinhard wirkt euphorisch und küsst Zea.
„So fein! Jetzt sind wir allein“, sagt Zea. „Lass uns mal schnell da vorne rüberfahren, dort zum alten Tempel. Fühle mich so glücklich.“
Reinhard lacht. Kein starkes Lachen, nein, das nicht, aber eines mit einem wärmenden Feuer. Ein Gefühl des Angenommenseins, tiefe Zufriedenheit.
Freude spürbar bei beiden, auch wenn sie für einen Augenblick schweigen – und vorbeiziehende Landschaft restlos genießen. Und der Humor antwortet
belächelnd ihren Alltag. Zeas tägliches Tippen. Reinhards Arbeit oder vielmehr die Gunst der Gönner, der es untertänig nachzurennen gilt.
Reinhard blinkt.
Ihr Erholungszustand, weit weg von all ihren Gedanken, nein, eher einem mit ausgeschalteten Gedanken, hilft ungemein, Sorgen, Stress und Beunruhigungen in den kommenden Tagen leiser werden zu lassen. Loszuwerden ist zu viel gesagt.
Sie lächeln.
Reinhard versucht sich in einem Anflug von Seligkeit für seine manchmal scharfe Zunge entschuldigen. Zea fasst Reinhard am Arm. „Lass uns hier nur mehr Wunderbares sagen“, sagte sie.
„In Ordnung, lass uns damit beginnen!“ Reinhard setzt ein kokettierendes, dümmlich-beschämtes Lächeln auf. Sein innerer Zustand war, bevor sie in ihren Urlaub starteten, aus verschiedenen Gründen beherrscht von Angst, die darin bestand, als ginge ständig eine Warnung umher, dass die Erde niedergeschlagen wird. Jetzt sagt er dazu bloß: „Oh Zea, ich war so stressgeladen!“ Er hält zur Verstärkung seiner Botschaft bei einem kurzen Stopp seine Hände ans Lenkrad geklammert, den Kopf zum Boden gesenkt, bewusst theatralisch.
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„Es ist die Fähigkeit zu Wahrnehmung der Gerüche und der zigfachen verschiedenen guten Geschmäcker von Mutter Natur, die uns Menschen heiligt, nicht was wir sehen – und haben wollen.“ Man kennt es im Allgemeinen, was im halbwachen Zustand, im Kopf so daherkommt. Bei Zea ist es dieser Satz, während sie hinter ihren Lidern, die Augen nur einen spaltbreit geöffnet, zu Reinhard schaut, der unter dem mächtigen Baum, der sie von der Sonne schützte, bereits wach dasitzt, beobachtend, in Gewahr seiend, in sich gekehrt, still, um Zeas Dämmerschlaf nicht zu stören. Ja, sie roch so betörend gut, nach tausend wilden Kautern, Gräsern und Blüten – und nach Luft, nach dieser Brise aus salzigen Windstößen –, von der Frühnachmittags Sonne gegarten Umgebung. Sie sind überrascht, die Farben diese Farbtonalität zu sehen, dass Braun und Ocker der Erde, das Grau des Vulkangesteins, das Erdgrün der Flechtengewächse, die Nischen und Winkeln in den trockenen Grenzmauern.
Verglichen mit dem Ort, von dem sie herkamen, kommt es ihnen, die unwirklich empfundenen Schönheit um sich, vor, als rage ein Trompe-l’oeil-Gemälde bis hoch zur Decke des Himmels. Schöne, anmutige Nischen ihres Selbst, versenkte, gestreckte, in diesen – beruhigenden – erdfarbenen Tönen.
„Etwas pauschal selbstverständlichkeitselegant, meinst du? Womöglich noch ein Wendeltreppchen irgendwo? Und ein Balkon?“
Ja, ihr gemeinsames Inneres ist ein seltsames Häuschen. Aber Zea und Reinhard haben es geschafft. Reinhard ist soweit, mit dem Leben und seinen Tätigkeiten, Aufgaben, Gedanken jetzt gut zurechtzukommen.
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Wo beginnt eigentlich Störung, wo beginnt Wohlbefinden?
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Wie bei Meistern der Kunst, trifft ihr Leben somit mittlerweile das richtige Grün, um damit neues Gras, das über große neue Weiden wächst, zu malen, um einen Baum gekonnt zu abstrahieren – um beides zu einem lieblichen Hügel an einem Fantasieort mit trittgerechten Steinstufen werden zu lassen. Dieser Ort glänzt schön, als wäre er gut klassifiziert und abgestuft von einem Gärtner gemalt worden. Mit diesen hellen Farben und imaginären Terrassen, die da bis zum Himmel empor zu sehen und in Gegenwärtigkeit gebracht sind. Sie erleben ausgelassenes Glück. Sie befinden sic hauch sich nun auf einer anderen Seite. Auf der, wo man Werte zu spüren bekommt. Aus diesen ersten Fleckchen Grün werden sie folglich die Gärtner ihrer neuen Lebensbilder werden.
Ihre Lebensführung gleicht noch einem Schachspiel. Beide sind aber keine Reiter, haben kein Pferd zum Springen und müssen, fürwahr ohne Hilfe, die Sprünge schaffen, um das Haar der Königin, die als Fortuna dasteht, zu berühren. Reinhard ist noch gar nicht aufgefallen, dass diese blondes Haar trägt. Wie die Haare Zeas, wie sie ihn im Augenblick ansieht.
Weil Reinhards Blick fast immer nur bis zum nächsten Nachbarhaus gereicht hatte.
Noch haben sie Angst, dass sie, die Königin-Fortuna, sich schnell wieder zu einer Plastikpuppe verwandeln könnte. Auf einem richtig festen Weg stehen sie nämlich noch nicht.
Aber nach den vielen vergangenen dunklen Tagen schmeckt dieser laue, entspannt-seichte weiche Nachmittag – jetzt und heute – wie feinste Schokolade.
Diese Bildfantasien tragen sie bis zum sonnendurchfluteten Strand, stehend auf einem Damm, wo drüben, am Ende des gestauten Wassers, große Turbinen sich erspähen lassen. Imposant, werden sie, mitsamt ihrer ganzen Gemütssachen, von einem nicht zu beschreibenden Glühen eines Sonnenuntergangs überrascht, ein Sonnenuntergang, der sich magisch an die Iris seiner Augen anheftet. Zea und Reinhard sehen sich an, und in ihren Blicken zueinander gerichtet, fragen sie sich still, ob sie womöglich Angst davor haben, wieder von Ereigniswirbeln erfasst zu werden, in deren Zentrum diesmal sie, weil sie, vielleicht noch etwas beziehungsunreif, über diese imaginären Steinstufen stolpern könnten.
Sie reiben sich den leichten Schweiß von der Stirn, lautlos, mit der festen Absicht, gegen die leise erhobenen Zweifel und Befürchtungen anzukämpfen.
Ein Herz und eine Seele, sie sehen kurz alles „von oben.“
Klang das jetzt etwas kitschig?
Liebe ist „kitschig“….
Und gut, also sind Reinhard und Zea voller Erwartung – wie sie aus der Ferne, zum Ort, wo sich ihre Unterbringung befindet, schauen. Sie sind zufrieden. Man kennt diese Gesichter, diese Gleichzeitigkeit. Sein Mund will leise etwas flüstern, etwas sagen. Ihre Haare mit dieser Farbe und geföhnt für ein „Oh ja!“ Und wieder dieses Gefühl, als würden sie jetzt alles wissen.
Im Auto, auf der Straße zurück zu ihrer Unterkunft, wenden sie sich um und lassen alles Schütteln und Fischen, an diesem Fleck Erde hinter sich zurück.
An diesem frühen Abend kommt ein leichter und warmer Nebel auf. Die eigenartige Helligkeit in den Fenstern des Hotels ist auf ein dunstiges leuchtendes Gelb ausgerichtet. Alles was man sieht, sind Stücke und Spuren, im Nebel verblasst. Reinhard fragt sich, wie Zeas Lippen wohl gerade schmecken, da sie hier gegen die Unzucht der Eitelkeit nicht kämpfen. Er will sie in seinen Armen halten. Worte und Gesten sind so vorhersehbar, dass ein Mensch in der Lage sein muss, Bewegungen vorherzusagen, einfach auf seine innere Stimme hörend. Zea und Reinhard wollen ihre Aufmerksamkeit wieder umlenken. Sie hat seine Aufmerksamkeit, gleich lassen sie ihre Körper fallen.
Als beide mit dem Bewusstsein wieder mitten im Zimmer ankommen, wird die Einrichtung des an Gästen halb vollen Gebäude um etliche kleine Lichter reicher. Reinhard blickt auf seine Uhr. Er lächelt auf, es ist wieder passiert, es ist ihnen die Zeit verloren gegangen. Jetzt stehen sie da, in einem Zug eingestiegen, der sie in ein neues Zimmer fährt, das nicht dieses Hotelzimmer sein würde. Sie sind an eine neue Türschwelle katapultiert worden, die auf der Rückseite einer ihnen noch völlig unbekannten Wohnung platziert ist. Von der, wenn sie durch den leicht geöffneten Türspalt blickt, sie hohe Decken sehen kann, große Erker, Nischen, noble Sitzeinrichtung, Bodenbeläge vom Feinsten, und Wände als Halt fürs Sein.
Sie können ihren Blick nicht mehr abwenden. Ihnen ist klar, dass sie Geld und Bekanntheitsgrad sehr wohl interessant finden sollten – und Orthodoxes (Denken) Platz machen soll, für extrem kreatives Empfinden und Tun. Es ist nur wichtig in diesen Tagen, sich selbst im Auge zu behalten. Wie man vernehmen kann, wissen Zea und Reinhard nicht einzuordnen, was ihnen widerfährt. Es ist so heftig. Und es ist wie auf diesem Hügel vorhin, mit einem völlig neu-unbekannten Vogel, eine Möwe eben, oder ein Reiher vor Augen, der sogleich fliegen will. Nicht hinab fliegen soll der Vogel, nicht wieder nach unten, um von den tieferen, niederen Geisteswirbelstürmen in alten Wogen herum geblasen zu werden.
Ein mächtiger Luftschub soll diesen Vogel nach oben schieben, nach dort oben, wo er keinem Wirbel von altem Wasser standzuhalten hat, und rein ins Zentrum von Spielplätzen, auf denen mit neuen Regeln gespielt wird.
Stimmen dringen durch die Zimmerwand und durch die Tür das Geräusch von Rollen auf dem Gang. Die anderen Gäste warten im Hof aufs Abendessen.
Als sie den Speisesaal betreten, spüren sie das süße Verlangen nach dem Abendessen mit regionalen Produkten. Na ja, man sagt dazu mediterran. Zea, sehr hübsch im gewählten Kleid, setzt sich auf den Stuhl, rechts von Reinhard am gedeckten viereckigen Tisch. Reinhard, der meinte in seinem lässigen Casual-Sakko schlüpfen zu wollen, fummelt nervös am Knoten der Krawatte, die er mit schneller Geste um seinen Kopf herum letztendlich auszieht.
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Reinhard und Zea hatten beschlossen, alten Angewohnheiten den Rücken zu kehren. Geblendet, mitten in all den Dämpfen der Autos im Verkehr zuhause, hatten sie nicht verstanden, dass der Geruch von Halluzinationen, beziehungsweise Irrlichtern, nicht der gleiche ist wie aufsteigender Zimtdampf. Und als sie diese Berauschung in diesem Augenblick erleben, wird ein neuer sinnlicher Traum geboren.
Reinhard lässt, mit geschlossenen Augen der leisen Musik aus den kleinen Boxen in der Laube nachgehend, seine Finger in der Luft zeichnen und setzt sein Luftbild, mit wieder offenem Blick, auf Zeas Haut fort. Ganz gleich, ob mit offenen oder geschlossenen Augen, fühlt er (so ging es auch Zea), dass er auf eine sanft angenehme Weise, gerade die Kontrolle über schier alles verloren hatte. Sie fühlen sich alles andere als unbeweglich – mussten nichts, auch nicht vor sich selbst, rechtfertigen. Keine seltsame Resonanz suchen, keinen Profit suchen. Keine Dinge, die sich im Kopf wirr bewegen.
Zea und Reinhard wollen gründlich in diese Lebensstimmung hineinwachsen; mit geschlossenen Augen träumerisch, niemals aufhören, gemeinsam zu wachsen. Nie wieder zwangsläufig stagnieren. Nie mehr mit geschlossenen Augen rückwärtsgehen.
Aber mit viel Neugierde vorwärts, wie von Kugeln aus blitzartigen Einfällen getroffen.
Sie merken, dass sie plötzlich Teil des Meeres sind. Wohl wissend, dass sie im Gefühl, in diesem Meer der Emotionen und steigenden Gefühlen, noch wie zwei Tropfen Wasser sind, die in der Größe eines Ozeans ihresgleichen suchen.
Hinter dem Gästehaus auf dem großen Grundstück befindet sich so etwas wie ein „Lusthäuschen“, das anno dazumal zum Herrenhaus gehört hatte und das man durch ein Portal, mit Durchgang zu einem Hinterhof mit Garten, erreicht. Dieses kleine quadratische Gebäude verfügt über ein Brösel-Kohle-Heizsystem und hatte vor langer Zeit einen Kinderhort beherbergt. Man könnte es mieten –aber wie zuhause würden sich Zea und Reinhard dort doch nicht fühlen.
Reinhard hatte in seiner Hier-ganz-woanders-Urlaubseuphorie die Phantasie gehegt, Kissen und Bett mitzunehmen; außerdem einen Tisch für die Ess- und Trinkecke; eine größere Pressholzplatte, die, auf klappbare Böcke gestellt, als flacher Zeichentisch geeignet wäre, um auf kleineren und größeren Formaten aquarellierend, lasierend, in dieser eigenen Stimmung zu malen. Er hat ein Malrezept, das Blumen genauso wie Pralinen, Eiscreme und ebenso in Magazinen Gesehenes, Gefühle, abstrakt rezipiert, abstrahiert interpretiert, zu Bildern werden lässt. Wo auch immer, wie auch immer. Und Zea hätte ihr geliebtes Yoga praktiziert, hätte studiert und, das was sie am liebsten macht, gelesen, gelesen, gelesen. Und das Leben hätten sie gefeiert.
Zea lächelt, hebt den Kopf von der Speisekarte, und fragt den Wirt, der nah an ihrem Tisch steht: „Was ist der Sinn des Namens dieses Anwesens?“
Das Gästehaus, in dem Zea und Reinhard verweilen, vor allem das Herrenhaus, versteckt hinter den riesigen uralten Bäumen, das viele Hektar große Grundstück (am Meer, in dem sonst touristisch aufgesaugten Umfeld, im ganzen Golf bis hinunter nach Venedig) ist ein Schmuckstück des angesammelten großen Reichtums der in der Region und darüber hinaus renommierten Sippe der Geschäftsleute. Es liegt in der Ebene einer Wein-Getreide-und-Obstbaumgegend. Es wurde zeitgemäß umstrukturiert – und für die Wohlfühlatmosphäre großzügig ausgebaut. Okay, sie sind besonders schön, die Böden.
„Ja, ich finde immer noch, dass es hier schön ist. Wie eine Kunstaustellung“, meinte der Wirt und Hausherr.
Er setzt eine entspannte, auch verschmitzte Miene auf. Ein Strahlen, das sich in Reinhards und Zeas Gesicht spiegelt. Nickende Zustimmungen für den nach alter Kunst gekeltertem hauseigenem Weißwein, den Tropfen genießend, dem Mann zuhörend, der mit leiser Stimme weiterspricht. Über sein Geschäft und darüber, wie er sich vieles vorstellt. Reinhard und Zea sind nicht die Protagonisten der Geschichte: Die Neffen, die verstorbene Schwester der Frau, ihre Brüder, die den Rest des Anwesens bewirten und führen – und der einzige Sohn im Alter von drei Jahren.
Unterhaltsames wie Film und Strand erreicht Zea und Reinhard – die Autogeräusche der Leute, die anreisen, ruiniert die Stimmung etwas, den Blutdruck können sie gut ruhen lassen.
Wie neue Wahrnehmungen Menschen verändern können! Der Verstand Zeas und Reinhards ist – jedenfalls an diesem Abend – auf Autopilot gesetzt. Dieses lockere Reden, ein Beispiel für den im Moment bizarren Geist.
Der Teufel, von dem sie geflohen, ja, der Teufel ist schlimm, aber er spiegelt sich in keinen Bildern. Auf den ersten Blick mag dies so aussehen, als würde er nur für ein abstraktes Gemälde nützlich sein können. Fehler.
Als der Mann Richtung Küche zu geht, meint Zea: „Natürlich hängt es jetzt von unserer Geschicklichkeit ab ...“ – Es riecht nach Fleisch. Zea und Reinhard sind strenge Vegetarier. Geruch vom Nebentisch, man klappert mit den Löffeln. Die Frau am Tisch fischt das Haar, wie sie es sieht, dass von ihrem Kopf in den Teller gefallen ist, aus der Suppe heraus. So tun, als hätte sie – oh Gott! –ihren Arm essen müssen, wie er da im heißen Sud ungesehen geschwommen wäre.
„Ich hoffe, sie finden Gelassenheit hier“, sagt der Kellner, der zwar die ausgewählten Speisen aufnimmt und serviert, aber auch gewissermaßen heimlich, ohne sich damit zu prusten, der Chef war. Besser gesagt, ist er der Gefährte der Tochter der Großgrundbesitzer-Familie, die diesen Teil des Besitzes erbte, um auf diesem Grundstück diese Aufenthalts-Perle zu erschaffen.
„Es ist immer wieder schön mit anzusehen, wenn stark verliebte Menschen hier eintreffen“, sagt er mit mediterraner Gestik und diesem etwas pathetischem Sing-Sang in der Stimme.
Er ist in Fahrt und meint (vielleicht hat er vorher etwas am Wein genippt), ihnen vortragen zu müssen, dass es – eigentlich – keine Liebe gibt und dass es sich um eine Erfindung – italienisch gedacht – des Petrarca, einem italienischer Dichter des Renaissance-Humanismus, handelt. „Die Explosion starker Emotionen ist etwas Verstecktes hinter schönen Worten.“
„Das … habe ich nie gedacht“, will Reinhard kontern, aber es bleibt beim Wollen. In dem Moment nicht wichtig.
Die vegane Kürbissuppe, als Gruß der Hauses, steht in der kleinen flachrunden Schale aus Porzellan dampfend vor Zea und Reinhard – und da die Gläser zwei-Finger-breit ausgeschenkt sind, stoßen sie, schmunzelnd und verliebt sich zulächelnd an – und beginnen zu essen.
„Mein Schatz“, sagt Zea, alles andere als die folgende Frage im ernsten Ton formulierend, „warst Du wirklich geneigt zu denken, dass dieser Unsinn, echt sei?“
„Er meinte mit ,l’amore‘ wahrscheinlich Eros und Sex“, antwortet Reinhard, „Sex aber in der Liebe bedeutet eins, oder?“ Er lacht.
„Ja“, sagt Zea leise, gönnt sich wollüstig einen Schluck Wein. „Sollen wir fragen, ob sie ein Stück Hummer vielleicht in der Küche zum Zubereiten haben?“ Hummer? Wie, einfach so? Spontan? – Sie lachen beide laut auf.
Diese Tage, die einfach nur Vibrationen sind.
Reinhard hebt, die Stimmung, die Atmosphäre im Areal genießend, ruhig und lässig seinen angewinkelten linken Arm hinter seinen Kopf, um mit den Fingern sein Haar zu kraulen. Er hievt den Unterarm, vom Ellenbogen aus in geringer langsamer Bewegung, nach oben, um in den von Sternen besäten dunklen Himmel prosaisch tief inspiriert zu blicken, zugleich vom Wein beseelt.
Im Urzustand des Seins war unter den einfachen Lebe-Wesen alles Tun ein blindes Ertasten und Fressen, was in unmittelbarer Nachbarschaft sich zufällig befand. Dann trat, weil „das Universum" sich selbst sehen wollte, die Evolution, das Projekt Sehen ein. Grundsätzlich ging bei den Geschöpfen das Vorhaben gut aus; sie konnten besser finden, wo und was bessere Nahrung war, die sie zum Leben und Überleben benötigten. Einzig und alleine beim Menschen ging das Projekt daneben, denn in dem ersten Augenblick, da dieses Geschöpf begann zu sehen, wollte es wie aus Blitz und Donner urplötzlich explodierender Gier, eine unerbittliche und durch nichts zu sättigen, alles haben, wollte mehr, wollte alles besitzen, was es sah – auch, meinetwegen, den einen besonderen Apfel von dem in anderem Besitz sich befindenden Apfelbaum. Die Ursünde ist hier somit erklärt: Das durch Sehen Besitz ergreifen wollen. Die Sünde war die Gier, die Besitznahme – die Besitzgeilheit.
„Auch ich, siehst du, möchte all das hier, was ich sehe, besitzen und haben …“
Gespannt (irgendwie meldet sich ein Herzklopfen, etwas Herzrasen bekommt Reinhard immer beim Alkohol trinken), was Zea, in ihren Augen eine ausgelassen-gütiger Skepsis, kaum merklich zusammenzuckend, die ihm zuhört, dazu sagen wird.
Sie wartet ein paar Sekunden, während er versucht, die Flasche wieder zu verschließen. Der Versuch bleibt erfolglos.
„Es ist schon in Ordnung“, sagt Zea mit sinnlich weiblicher Intelligenz, in diesem Moment angereichert mit Ironie.
Und ihre Augen und die seinen blicken offen, in der Iris die Spiegelung der Laubenlaterne über ihnen. Im Gastgarten, verbunden in einem Blick, der sie überraschend trifft für wenige Sekunden traf. Ihr Blick schnellt hinauf in die unendlichen Weite, in längst vergangene Zeit.
Reinhard nimmt mit beiden Händen Zeas rechte Hand, die auf ihrem Schoß die Stoffserviette haltend ruht. Zeas Hände sind im Freien immer etwas kalt, so fein die Haut, samtig und glatt. Zea ist eine penible „Eincremerin“. Er führt ihre Hand hinauf, um mit ihren Fingern seine Stirn zu berühren – um in dieses Händchen (man muss es sehen, wie zart Zeas Hände sind) seinen Kopf hineinzulegen, als möge er dadurch seine Empfindungen, emporkommenden Gefühle, ja all seine Emotionen, hineinschütten und sein ganzes Wesen in diese weiche feinwarme Handmulde deponieren.
Zeas freie fährt mit den Fingerspitzen in sein Haar, während er wieder leicht seinen Kopf senkt um mit einem stillen Lächeln in den Mundwinkeln in Zeas helle Augen zu blicken. „Glaubst du, sie zwingen uns noch lange, dieser peruanischen Musik zuzuhören?“, fragt sie nach einem Moment des Zögerns. Zea streicht mit der Kuppe seines Zeigefingers zart einen Kreis in ihr Dekolleté. „Mir kommt es gerade so vor, als wäre ich mit Dir ganz weit weggelaufen…“
Beflügelt vom Wein, liegt etwas Pathos in der Luft.
Zea schaut in eine andere Richtung. Reinhard folgt ihrem Blick, nimmt den Kastanienbaum hinter dem Haus im Dämmerlicht des dunklen Gartens wahr. Auch ein Feigenbaum ist auszumachen. Diese Beobachtung holt ihn aus dem Meer intensiver Gefühlen zurück in die Gegenwart. Es kommt ihm für einen Augenblick so vor ,als würde er – dank Zeas Liebe, dank ihrer gemeinsamen Empfindung – als Flamme sehr hell leuchten.
Comme il faut, sie stoßen wieder an. Das Bussi? Das folgt auf dezente Weise.
„Morgen, Reinhard, morgen“, sagt Zea, „basteln wir Papierschiffe, die wie wir zum Strand bringen, dann dem Wasser übergeben, um sie an die andere Küste drüben zu schicken. Bei klarem Wetter sieht man die ganze bewegte Silhouette Istriens Küste.“
Es ist dieses nun im Finsteren liegende unsichtbare Meer, dessen Wellen auf-und absteigen, um ihrer beiden Seelen zu waschen, das sich rauschend, Vorfreude auslösend, meldet. Morgen früh im Meer versinken. Bei diesem Ausflug bleibt dieses Gewässer rätselhaft; ein Gewässer, das ihre Kühnheit und ihren Einfallsreichtum in Besitz nimmt, damit sie es zu überqueren wagen, um auf der anderen Seite mit einer neuen Visitenkarte eine andere Realität zu betreten: Den sechsten Kontinenten eben. „Wenn ich nicht diesen enormen, ehrgeizigen Druck hätte, einen besseren Platz nur für uns finden zu wollen …“, sagt Reinhard nachdenklich.
Vages, mundgerechtes lockeres Konversieren. Assimilieren. Für den Moment vergessen. Die zermürbende nicht anerkannte Arbeit, Wut, Gier, auch Schmerzen, hier vergessen; vergessen, was Zeas und Reinhards Fähigkeit, die Welt als unbedrohlich wahrzunehmen, vermindert – die finanziellen Warteschlangen, die Kühe „dort zuhause“ mit den blöden dauerbimmelnden Glöckchen am Halse, den Arbeitsplatz … vergessen. Vergessen müssen, weil sie sonst, wenn sie morgen den Strand dieses Meeres aufsuchen, die Gedanken an Arbeit die Stimmung ruinieren, den Blutdruck durcheinander bringen und sie nicht zur seelischen Ruhe kommen lassen würde. In diesem Woanders, ist das Denken klarer, weil das Wahrnehmen im einem anderen Tageslicht – und die Emotionen – anders erscheinen.
„Aber ist es nur in der veränderten, vielleicht stilleren, Natur möglich?“, fragt Zea, „dass die neuen Räume und Schwellen ein besseres Gleichgewicht darstellen?“.
Das Abendessen geht weiter, das feinsinnige, sinnliche Fühlen und der mehr oder weniger verbale Austausch setzen sich fort. Es geht, für Zea und Reinhard weiter bis der Gastgarten fast menschenleer ist. Nur wenige Lichter brennen, weil es weit nach Neun Uhr ist und am Schalter hinter dem Tresen der Bar, werden die Lampen Tisch für Tisch ausgeschaltet. Einen Moment erweckt es in Reinhard und Zea den Eindruck, als würden sie ihnen die Sätze, die sie sich am Tisch noch zu sagen haben, einfach weggezogen. Mit einem nervösen Blick durch die Laube legt Reinhard seine Hände an den Tischrand.
„Zea“, sagt er, „ich weiß nicht, wie es Dir geht, ich jedenfalls bleibe in voller Erwartung. Und solange ich weit in die Ferne schauen kann, bin ich, weil ich hier das Gefühl habe, mit Dir gehen und weiter gehen zu können, zufrieden.“ „Wie schön Dein Gesicht!“
Seine Stimme wird leiser und ihre Haare lösen sich allmählich aus ihrer aufgesteckte Frisur. Es herrscht weiterhin ein angenehmes Gefühl im Raume – und sie lassen den Garten hinter sich, ziehen sich in ihr Zimmer zurück. Aus dem weit entfernten Hafen ihrer Gefühlslandschaft scheint ein leichter und warmer Nebel herüber zu schweben.
Beide sind sehr müde – und ihre Nacht wird magisch, eine Nacht, weit weg von zuhause, in einem ungewohnten Klima.
Am nächsten Morgen, nachdem sich beide geräkelt und den Guten-Morgen-Kuss im Bett gegeben haben (nein, Sex gab es in dieser Nacht keinen), stehen sie kämpfend vor dem Spiegel im Badezimmer. Kämpfend gegen die Unzucht der Eitelkeit, machen sich Zea und Reinhard– weil die es Zeit gebietet – zurecht für das Frühstück.
Auf dem Tisch steht der Korb mit Brotscheiben bereit. Bei solch einem Frühstücken in fremden Herbergen sind Worte und Gesten wieder leicht vorhersehbar. Da gibt es kaum etwas zu erzählen. Es muss ein geübter Mensch sein, der in der Lage ist, solche Bewegungen, in müder Verfassung am frühen Morgen vorzutragen. Man hört meistens auf seine Stimme. Und Reinhard erkennt die Sprache Zeas, in dem er, gerade heute, ihre Bewegungen am Buffet beobachtet.
Er musste seine Aufmerksamkeit umlenken. Er fand Zea so jung und die vom Leben geschickte schönste Herausforderung. Zea, die nicht möchte, dass Reinhard sie so idealisierend anhimmelte, bringt zwei Tassen Morgenkaffee zum Tisch. Er springt im gleichen Moment auf, weil die Elektroplatte frei wird, um Spiegeleier zu braten. Die Die-Möchtegern-Miss, der sie beim ersten Eintreffen beim Aufzug über den Weg gelaufen sind, wendet leise klagend mit leichter Aufregung an ihren Begleiter, vielleicht ihr Gefährte: „Ich bin unglücklich, fühl mich so krank.“ Er kontert leise: „Du weißt, was es ist – es ist deine wiederkehrende Verachtung des Lebens!“ Das Gespräch führte sie beim Drapieren des Schinkens und des Käses und einer Handvoll Cherrytomaten auf ihrem Teller.
Unabhängigkeit. Zea hat Reinhards Aufmerksamkeit.
Nachdem gefrühstückt und die Schwimmroben eingepackt sind, nehmen Reinhard und Zea mitsamt ein paar anderen Gästen den Bus zum Naturschutzgebiet, um den sich dort befindenden Strand zu besuchen. Der Pendelbusfahrer spricht aus seinem mediterranem Gemüt eine Litanei ins Mikrofon: „Es ist heute teurer, als es sein sollte. Schauen sie sich die Herausforderungen an, vor denen wir heutzutage stehen.“ Er gestikuliert melodramatisch am Lenkrad, das machen hier fast alle. „Die wachsende Belastung. Der Druck. Die Situation am Arbeitsmarkt. Zunahmen von psychischen Erkrankungen. Übermäßiger Konsum. Schlafmangel, Umweltstress. Eines ist sicher: Wenn die Gesellschaft so weitermacht … – “
Das Paradies nicht immer dort, wo es für andere ist.
Der Fahrer erhöht das Tempo an – und fragt, schnell das Thema wechselnd, ob man wohl wisse, wie schnell man sein soll, um einer Flut zu entkommen.
Der kleine Pendelbus parkt mitten auf dem Park-und-Wendeplatz, wo – hinter den Talflächen ist die Düne zu sehen – der Strand ist und das Meer liegt. Gerade herrscht Ebbe.
Gebüsche. Düne. Strand. Die Gegend soweit das Auge reicht fast menschenleer.
Keine Strandliegen, auch keine Barkeeper. Und es ist kurz nach Zehn. Ein Zeitungsladen ist etwa zwanzig Minuten Fußmarsch weit entfernt. Es passiert wieder: Die Zeit wird schnell vergehen.
Möwen kreischen über dem Dünenwald. Andere Vogelstimmen. Meertauben, die kleine Äste aussuchen um – es ist Brutzeit – Nester zu bauen. Hantieren geschickt mit ihrem Schnabel, heben einen kleinen Ast hoch und werfen ihn mit flinker Kopfbewegung fort, nehmen wieder einen auf, werfen ihn wieder fort, und das einige Male, bis sie meinen, den richtigen gefunden zu haben. Als Zea und Reinhard verwundert diesem Naturschauspiel zuschauen, glauben sie, als wolle das Vogelwesen etwas vorzeigen, etwas sagen.
Düfte. Kaum ein anderes Land bringt Harzgerüche aus der Natur so duftend hervor. Man muss nur die Dornen fürchten. Welch eine Gewalt, die in dieser Mischung aus Urwald und untergeordnetem Geist allen Seins schläft. Dieses Mal sind Zea und Reinhard im Osten dieser Gegend gelandet Sie machen es sich bequem. Jemand reitet mit einem Pferd einige Meter entfernt am Wasser entlang – zugegeben, ein eher kitschiges Bild.
„Schau hierher!", ruft Zea, als sie auf einen Fischrücken zeigt, der kurz und geschwind aus dem Wasser springt – er hat wohl ein Insekt in der Luft vorbeischwirren und zum Schnappen vernommen – und schon verschwunden ist. Den Mond, der auch gestern am Abend geschienen hat, sehen sie auch noch, weißblass, im Blau dieses Himmels. Ein Haus (klar, ein Ferienhaus) mit zwei Kaminen erblicken sie am Rand der Düne. In diesem besonderen Licht.
„Dein Gesicht, Reinhard“, meint Zea, „hat gestern ein bisschen Röte abbekommen. Nimm die Creme!“ Sie sagt es mit dem Ausdruck von etwas ernster, halb lächelnder, halb ironischer Kompetenz.
„So wie Du willst, Liebes!“ sagt er, aber unternimmt dergleichen nicht, er steht nur wachträumerisch da, während Zea die Stranddecke ausrollt und die Handtücher bereitlegt. „Warte, Zea. Warte, ich helfe dir“.
Kann man mitten im Sehen träumen?
„Ich bin jetzt hier, warum kann mich Vergangenes verärgern?", sagt er auf einmal. Reinhard legt sich hin zu Zea, den Blick zum Horizont gerichtet, den Ellbogen und Unterarm aufgestützt,
„Ja, aber Reinhard, warum ist es Wut?“
Weil er die Antwort vergessen zu haben scheint, streicht er zärtlich zwei Stränge aus Zeas gewellten blonden Haaren aus ihrem Gesicht. „Es ist so fein zu denken, dass jetzt alles zuverlässig und gut wird.“
Sie lächelt. Zea weigert sich, auf das vorher Gesagte einzugehen.
Sie hat schon lange von Reinhard die Erlaubnis bekommen so zu tun, wann immer sie glaubt, der Augenblick will es so, dass alles gut sei.
„Ach Zea! Du hast so eine von innen kommende Ausstrahlung und bist so schön anzusehen! Du hättest ein gefragtes Modell werden können.“
Beide folgen der Stimmung des Moments und der Hoffnung. Stille Zweisamkeit.
Zea rüttelt sich wach. „Von Schönheit zu sprechen als Zustand, finde ich, aber du weißt es, recht lächerlich. Zumindest in meinem Fall.“
Zea derartige Komplimente zu machen ist vergeblich. Sie rutscht ab in Selbstreflexion: „Ich will nicht nutzlos sein, ich will, dass meine Wirkung Sinn ergibt. Es ist unbedeutend, auch wenn ich mich freue, dass es für dich so ist, du Lügner, dass ich gut aussehe.“
Zea. Durch und durch eine sehr gute Person – überall finde ich Beweise dafür. „Ich bin glücklich mit Dir.“ Mehr kommt spontan aus Reinhard nicht heraus. „Gut, dass wir keine Uhr mithaben.“ Sie wissen, in welchen Intervallen der Shuttle-Bus kommt. Und wenn der Bus am Parkplatz ist, schaut der Fahrer hinüber zu Strand, sich vergewissernd, keinen Gast zu vergessen.
„Die Gewohnheiten des Denkens kommen einfach“, sagt Zea „auch die Beschwerden des Lebens.“ Bemüht das Thema zu wechseln, fügt sie hinzu: „Es ist gut, sich von diesen Beschwerde-Armeen, einige davon sind sehr aggressiv, zu befreien. Auch für die Gesundheit.“ Zea ist eine Yogini, schon erwähnt? Aber keine, die auf extreme Weise praktiziert. Interesse daran hat sie schon seit längerer Zeit. Wenn sie auf ihrer Matte mit den Korken und Klötzen ihre Übungen macht, die flauschigen Haare im Nacken zusammengebunden und die Augen mit der blauen Iris zur aufsteigenden Sonne konzentriert gerichtet sind, schaut Reinhard ihr – immer wieder – gerne zu. Nein, er hat es noch nicht geschafft, dabei einzusteigen, obwohl es ihm sehr gut täte. „Reinhard, es geht auch um das Erwerben des sexuellen Körpers“, bemerkt sie. Oder hat sie gesagt „Erfahren“?
„Selbstwertgefühl und Regeln, Beziehungen besser herzustellen. Erfahrungen der Ablehnung, Erfahrungen des Leidens, Wunden, Enttäuschungen. Es hilft all das loszuwerden.“ Sie hält kurz inne. „Zwischendurch die alltägliche Realität. Ja, auch eine einfache sanfte Lösung gegen das – sehr oft lästige – Altbekannte, das Eingefahrene“
Zea und Reinhard haben ihre Seelenschubladen geleert und nicht erst an diesem Ort gemerkt, dass die längste Zeit im Leben für sie schlechte Ernte war. Ein gefüllter Lebens-Papiercontainer. Beide fühlen sich einerseits feierlich, andererseits (noch) argwöhnisch. Es gibt aber – für beide – keinen Grund, sich schuldig zu fühlen.
Die Tür zur Zukunft, merken sie in diesem Augenblick, hielten sie sich weit offen. Eine Zukunft in einem schönen, freilich hellen, schlicht eleganten Wohnzimmer, in dem leise gute Musik spielt.
Es ist nutzlos, dem nicht zuzustimmen. Diese Tür wird bewegt von der Liebe. So oder so.
Zea schaut in sich gekehrt dem Beach Break der Wellen zu – das Meer, ganz sanft, sie lächelt dabei.
Mit diesem glücklichen Moment einer Glückliches-Paar-Vertrautheit schaut Reinhard sie an und er sieht verstohlen tief in Zea hinein. Dann zieht er, wieder in sich gekehrt, in bejahendem Gefühl seine Schultern in schneller Bewegung hoch. Als wolle er mit dieser Geste „Es kommt eh alles gut“ sagen. Denkt an Papierschiffchen, die eine Nachricht über Wasser den Göttern überbringen.
Die Anmeldung bei der Tauchschule geriet, von all den anderen Eindrücken überschwemmt, in Vergessenheit.
Es war ein scharfes Gespür für Intuition im Äther. Sie erkennen, dass die Tage des hektischen Tuns gezählt sind, dass Neues in Zeiten des beschleunigten Wandels niemals auf den vergangenen Stress aufgebaut werden kann. Ein neues ‚modernes‘ Schaffen?! Ja.
In der Unendlichkeit dieses Ortes geht das alles auf, sie beide öffnen sich.
Diese Überlegungen im Äther, unterbrochen von einem lustigen Anblick – unten rechts, am Ende des Strandes, am Gebüsch knabbernd, stehen zwei Esel. Zea und Reinhard stehen auf, um sich etwas zu bewegen und die Esel aus der Nähe zu betrachten. Die Esel kümmert das nicht, süffisant und mit dem eselstypischen Wackeln der langen Ohren knabbern sie weiter.
Reinhard und Zea tanken Energie und Kraft. Händehaltend spazieren sie auf zur sanften Brandung, betrachten die angeschwemmten Muscheln, die dort im Sand liegen, neugierig. Sie bewegen sich langsam aufs Meer zu, um endlich in das Wasser einzutauchen. Das Schwimmen im Meer strafft, verstärkt ihre Energien und im lustgeladenen Wirbel durcheinandergebracht. Festgefahren geglaubte Strukturen lösen sich auf. Es ist und tut einfach nur gut.
Lebenschaos, alte Strukturen, neue Nachrichten? Alles wurscht, alles verwandelt – sie schwimmen in Vertrauen und Glauben. Zea und Reinhard probieren das Kraulen, drehen, typisch für diesen Schwimmstil, den Kopf seitlich. Gelang beiden nicht – beide lachten, das Salzwasser ausspuckend, ausgelassen … und so verging der Rest des Strandtages.
Epilog
Ja, der beiden inneres ist ein noch seltsames Häuschen – was kümmert es sie?! Grundlegend war alles bisher – und was jetzt ist – korrekt und es hatte kein großes Opfer gegeben, bis zu diesem Punkt zu gelangen.
Zea und Reinhard sind inzwischen so eingespielt, dass sie als Paar mit dem Leben und seinen Begleiterscheinungen – gemeinsam – zurechtzukommen. Nun bereits seit ein paar Jahren. Aufregung – Schüchternheit – natürliches Lachen – perfekt weiße Zähne – freie Lebenskurse – und ähnliche Dinge hätten, beide noch getrennt, aus weiter Ferne versuchen erraten zu müssen. Eine recht große Mühe – Reinhard weiß noch, dass seine braunen Augen so dunkel sahen, dass er nunmehr beinahe alles schwarzsah, bevor Zea in sein Leben getreten ist. Reinhards Rundumblick wird in diesem Moment seines Lebens wieder Schönes, Lichtes, sexy Konkaves, gewahr, einbrechend Gutes wird erkannt.
Beide haben sie sich für einen gemeinsamen freien Kurs im Leben entschieden – und Zea hat Reinhard dazu gebracht, nicht als ein rebellischer Nörgler in dieser Gegend der alten Noch-Heimat aufzufallen, so dass er von dieser als solcher aufgefasst wird. Zea und Reinhard wissen noch zu genau, wie sie früher andere Kleidung kleidete, spüren noch, wie sie des Öfteren in Panik umher schauten. Sie kennen sehr wohl noch das Beißen und Kratzen der Vergangenheit an ihrem Sein, an dem, wie sie, einzeln für sich, gewesen sind.
Heute werden Zea und Reinhard von dem Wunsch nach Vergnügen gestreichelt. Durch diese Variable spüren sie (wieder muss man sagen) Leidenschaft. Tatsächlich sind Lust und Kraft, als Gläubiger der anstehenden Projekte, auch (wieder) da.
Und es gilt für sie, das Schauen gelernt zu haben, ein Schauen auf die Rückseite, auf die andere Seite, der allerorts bekannten Medaille. Ein Gefühl von Revolution, von neuem Tatendrang, haben beide gefunden. Sie sprechen in einer gemeinsamen Sprache, wie sie es vorher selten taten. Richten sich auf und wickeln in ihrem Geiste das Objekt zusammen, so sorgsam, so sorgfältig, dass es im Willen der beiden als Flamme hell leuchtet. Nehmen eine geistige Aktentasche unter den Arm, welche auf Papier beinhaltet, was von ihnen oder über sie geschrieben und gesammelt worden ist. Öffnen die Beifahrertür, um sie auf dieser Seite ihres Autos am Boden zu platzieren. Automarke nicht wichtig. So kreisen manche Gedanken. Wichtig ist der absolute Wahrheitsgehalt bei der Erinnerung an ihre Vergangenheit. Der zuweilen noch manches Mal schüchterne, aber absolut neugierige Blick in ihren Augen.
Überzeugt, weil er unversehrt wirkt – eigenartig und ja, einzigartig. Sie empfanden sich liebenswert und über ihre Hände schenken sie, wenn sie sich tief in den Augen schauen und zart an den Schläfen streicheln, sich gegenseitig Mitgefühl.
Und Lachen. Lachen zu zweit. Auch sehr laut und ausgelassen.
Kein Gefühl des Blind Dates mehr – nicht mehr blind zu auf blinden Partys – auf Partys für (Gefühls-)Blinde. Weg. Einfach weg, ein Überlebensmechanismus. Nichts dreht sich mehr um emotionale Wunden. Diese ihre Zeit hat die Chance zur Kraft und innerer Erhabenheit, die Leichtlebigkeit vermittelt.
Reinhard hatte großes Glück – und Zea ist, in gerührter Weise gesagt, toll.
Wo beginnt Störung, wie entsteht Wohlbefinden?
Wodurch verschwindet Störung, wann beginnt und bleibt Wohlbefinden?
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Wann (und ob?) Zea und Reinhard „zurück nach Hause(?)“ fahren?
Das ist jetzt echt nicht wichtig.
