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Es lässt nie los...

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17.04.2021
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Es lässt nie los...

Er würde sich bestimmt nicht mehr lange wohlfühlen. Ruby schob mit den Fingern ihrer Linken die Brille zurecht. Sie saß etwas quer auf ihrer Nase und war an den Innengläsern leicht beschlagen. Das war gut, denn so konnte Kemp nicht sehen, dass ein oder zwei Tränen flossen.
Kemp Tyshinski saß am Esstisch und kaute auf seinem Rinderbraten. Er hatte sich gerade darüber ausgelassen, dass das Fleisch zäh und fade schmeckte und dass er, wer weiß wieviel, besser dran wäre, wenn Ruby endlich die Güte besäße, bei gutem Wind das Zeitliche zu segnen.
Ruby schnaubte. Leise, fast unhörbar. Sie drehte ihren Kopf zur Seite. Ihr Blick fiel auf die Doppelläufige, die in der Vitrine hing. Ausstaffiert und glänzend, weil Kemp sie hegte und pflegte, als wäre sie sein Kind.
Ruby ging auf den Glaskasten zu. Als sie das Gewehr anfasste, es aus der Verankerung nahm, war sie nicht Herr über sich selbst. Sie war ein Beobachter. Ruby wusste, dass das Gewehr immer geladen war. Kemp prahlte oft damit, jederzeit jeden abknallen zu können.
Jetzt würde die Waffe zu seinem eigenen Totengräber. Alles, was die «Gute Trudy» heute abknallen würde, wäre ihr eigener Daddy. Kemp. Und den Abzug würde Ruby ziehen. Es wäre wie ein Schrei. Wie das Ausatmen, nachdem sie für Jahre die Luft angehalten hatte.
Ein Knall. Kein Schrei. Nur ein dumpfes Pocheh. Das Klirren einer Gabel, die zu Boden fällt. Ein feuchtes Gurgeln.

Ruby starrte aus dem Fenster. Das Gesicht dieser Person kannte sie nicht. Es kam ihr bekannt vor, fast vertraut. Aber sie war sich sicher, den Fremden in Schwarz noch nie gesehen zu haben. Ein Vertreter vielleicht, womöglich ein Cowboy, der auf der Interstate mit dem Wagen hängen geblieben war.
Nachdem der Mann über die Verandatreppe hochgestiegen war, klopfte es an der Tür.
«Ma´am!»
Ruby ging nicht davon aus, dass es jemand von der Polizei war. Niemand hatte Verdacht geschöpft. Zu keinem Zeitpunkt.
«Ma´am!»
Sie trat einen Schritt vom Fenster weg und wandte sich zur Tür.
«Wer ist da?», krächzte Ruby und zog eine graue Strähne aus dem Gesicht.
«Ich suche etwas zu essen, Ma´am.»
«Die Interstate runter ist ein Motel. Mit einem Diner. Keine fünf Meilen südlich.»
«Ich habe kein Auto. Und ich will kein Diner.»
«Hören Sie, Mister. Ich…ich kann ihnen leider nicht helfen. Bitte gehen sie wieder.»
«Ich suche etwas zu essen, Ma´am.»
Ruby öffnete die Tür. Es war mühsam, sich mit einem Gesichtslosen zu unterhalten.
«Wirklich Mister. Ich habe nichts zu essen zu Hause. Ich…heute…ich war noch nicht einkaufen…verstehen sie?», sagte Ruby. Sie versuchte, sich unauffällig die wenigen Tropfen Schweiß aus dem Gesicht zu wischen.
«Ma´am, ich habe nicht gesagt, dass ich essen möchte.»

Der Fremde in Schwarz setzte sich seinen Hut aufs Haupt. Er nahm ihn von der Kommode, die neben der Eingangstür stand, zurück. Dann verließ er das Haus, ohne sich noch einmal umzusehen. Ohne einen Blick auf Ruby zu werfen. Ruby, die leblos über einem Teller mit gekochtem Fleisch lag. Erstickt an etwas, das wie ein menschlicher Fuß aussah und der noch aus ihrem halb offenen Mund herausragte. Es roch nach Verwesung. Und nach gekochtem totem Fleisch.

Einige Zeit zuvor befand sich Ruby in ihrem Garten. Sie kniete. Und sie bearbeitete mit einer Schaufel den lockeren Boden des Blumenbeets. Sie hob das Grab Kemps aus, denn irgendwo hier hatte sie ihn verscharrt. Nachdem sie ihm mit der Doppelläufigen die Hälfte seines Gesichts weggepustet hatte. Dieselbe Waffe, mit der Ruby jetzt ihrerseits bedroht wurde.
Der Fremde mit dem Gesicht, das sie nicht kannte, das ihr aber so seltsam vertraut war, war zielstrebig auf die Truhe zugegangen, in der Ruby das Gewehr versteckt hatte. Sofort hatte er das Gewehr in seiner Hand auf Ruby gerichtet und darauf bestanden, dass diese ihm das Grab ihres Mannes zeigte.
Der Fremde reagierte überhaupt nicht auf Rubys Beteuerungen, dass dieser sich mit einer Geliebten in den Süden abgesetzt hätte. Er wusste, was Kemp tatsächlich zugestoßen war. Und er bestand darauf, dass Ruby dessen Grab öffnete.

Das wenige Fleisch, das noch an den Knochen haftete, war ledrig und trocken. Und es stank erbärmlich nach Fäulnis. Aber der Fremde zwang Ruby, es vom bleichen Gebein zu lösen. Es zu kochen. Den Fuß musste sie komplett ins siedende Wasser schmeißen. Sie würgte und rülpste, als das stinkende Fleisch langsam den Anschein machte, halbwegs gar zu werden.
Wimmernd und flehend versicherte Ruby, Kemp wäre ein Tyrann gewesen. Sie wäre keine abgefeimte, eiskalte Killerin. Der Fremde starrte durch die Frau hindurch. Setzte sein schiefstes Lächeln auf. Und entsicherte das Gewehr. Er zwang Ruby, das gekochte Fleisch des Toten zu essen. Sie begann zu weinen, stammelte Worte der Entschuldigung, ging auf ihre Knie. Der Fremde zog Luft durch seine Zähne. Er sah Ruby an, als wäre sie eine Fliege auf seinem schwarzen Jackett, die es zu zerquetschen galt.

Nur wenig später hing ihr Kopf blau angelaufen im Teller. Die Augen weit aufgerissen, ein Fuß aus dem Mund ragend. Der Fremde hatte einen Abschiedsgruß hinterlassen. Eine Karte. Sie war leer, abgesehen von einem darauf gekritzelten Namen: Arndt Tyshinski.

 
Monster-WG
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Hola @Manfred_Riegler,

einen schönen Avatar hast Du Dir rausgesucht, passt ausgezeichnet zum Thema.
In Deinem Profil schreibst Du:

Ich möchte mich mit Hilfe einer aktiven Community schriftstellerisch verbessern.
Ja, auch das passt, zumal auch Du andere Texte kommentierst.

Du schreibst aber auch:
Es ist mir auch wichtig, dass meine Kurzgeschichten ein Publikum finden.
Das ist selbstverständlich das Anliegen aller Schreibenden. Nur will es mir nicht in den Kopf, warum Du es mit diesem Text versuchst. Auf mich wirkt er grauenvoll.

Ich gehe davon aus, dass Du als Horror-Autor die Großen dieses Genres studiert bzw. gelesen hast. Hier im Forum fällt mir als Kapazität auf diesem Gebiet spontan Proof ein – von dem wäre einiges zu lernen.
Aber zurück zu meinem bösen Wort ‚grauenvoll‘: Auf mich wirkt dieser Text auf die Schnelle zusammengezimmert. Gerade noch, dass die Personen einen Namen bekommen – da knallt‘s auch schon. Schon klar, dass das Gemecker über den zähen Braten nicht der Grund, jedoch besagter Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte – trotzdem fehlt mir ein nachvollziehbarer Aufbau, besonders das Feine, Unterschwellige, dass in der Luft beziehungsweise zwischen den Zeilen ist /sein sollte.

Horror ist Feinarbeit, ist Kunst. Sonst ist es wertlos. Zwei Zitate aus Deinem Text, die ‚Horror‘ karikieren:

Ruby, die leblos über einem Teller mit gekochtem Fleisch lag. Erstickt an etwas, das wie ein menschlicher Fuß aussah und der noch aus ihrem halb offenen Mund herausragte. Es roch nach Verwesung. Und nach gekochtem totem Fleisch.

Das wenige Fleisch, das noch an den Knochen haftete, war ledrig und trocken. Und es stank erbärmlich nach Fäulnis. Aber der Fremde zwang Ruby, es vom bleichen Gebein zu lösen. Es zu kochen. Den Fuß musste sie komplett ins siedende Wasser schmeißen. Sie würgte und rülpste, als das stinkende Fleisch …

Gitt. Lieber Manfred_Riegler, Horror muss den Leser nicht zum Kotzen bringen, sondern zu wohligem Erschaudern. Da könnte noch etwas Arbeit vor Dir liegen ;) .

Auch sonst bin ich als Leser nicht auf meine Kosten gekommen, mit ein paar Beispielen will ich mich erklären:

Er hatte sich gerade darüber ausgelassen, dass das Fleisch zäh und fade schmeckte und dass er, wer weiß wieviel, besser dran wäre, ...
Das Kursive wirkt unvollständig. Da fehlt was oder?

Ruby schnaubte. Leise, fast unhörbar.
Eine Dame, meinethalben auch ein Frau, ‚schnaubt‘? Das kenn‘ ich eher von Paarhufern. Und ‚fast unhörbar‘ schnauben ist auch nicht das Gelbe vom Ei.

… die Doppelläufige, die in der Vitrine hing. Ausstaffiert und glänzend, …
Wie muss sich der Leser diese ‚ausstaffierte‘ Doppelläufige vorstellen? Womit ausstaffiert?

… war sie nicht Herr über sich selbst.
Völlig in Ordnung – nur wenn eine Frau ‚Herr über sich selbst‘ (oder eben nicht:schiel:) ist, ist das ganz besonders zu Genderzeiten ein schlimmes Ding, haha.

Jetzt würde die Waffe zu seinem eigenen Totengräber.
Auch okay, und Du schreibst ja bewundernswert fehlerfrei! Trotzdem, rein gefühlsmäßig, passt für mich eine Waffe nicht als Totengräber.
(Jemandes)‚Totengräber zu sein‘ wird in anderen Zusammenhängen gebraucht.

Das Gesicht dieser Person kannte sie nicht. Es kam ihr bekannt vor, fast vertraut.
Stolper. Könnte mir vorstellen, was gesagt werden soll(te), doch so erscheint es mir nur widersprüchlich.

Es war mühsam, sich mit einem Gesichtslosen zu unterhalten.
Das kapiere ich nicht. Und das auch nicht:
«Ich suche etwas zu essen, Ma´am.»
«Ma´am, ich habe nicht gesagt, dass ich essen möchte.»
Vielleicht sollte es mir peinlich sein, die Pointe nicht zu verstehen?

… verstehen sie?»

Der Fremde mit dem Gesicht, das sie nicht kannte, das ihr aber so seltsam vertraut war, war zielstrebig auf die Truhe zugegangen, in der Ruby das Gewehr versteckt hatte. Sofort hatte er das Gewehr in seiner Hand
auf Ruby gerichtet
Ruby hätte die Flinte eher zurück in die Vitrine hängen können – warum sie die in der Truhe versteckt, ist mir unklar.

Es gibt Zeitsprünge im Text, das macht das Lesen unruhig – zumindest wie Du es machst.
Aber das ist eine Frage der Übung, der Erfahrung; es geht ausschließlich um einen permanenten Lesefluss ohne Unterbrechungen, die den Leser rauswerfen. Und gute Sachen gibt es auch:

Wie das Ausatmen, nachdem sie für Jahre die Luft angehalten hatte.
Klasse!

Doch am Ende schaut noch mal der Fuß aus dem Mund:

Nur wenig später hing ihr Kopf blau angelaufen im Teller. Die Augen weit aufgerissen, ein Fuß aus dem Mund ragend.
Brrrrrrh. Ein schönes Bild – Horror pur.
Aber Humor ist auch schwierig. Schöne Grüße!

José

 
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Hi,

aus obiger Kritik wirst du sicher mehr ziehen können als aus meiner. Doch möchte ich dir mitteilen, dass auch ich dein Werk als abstoßend empfinde, weniger des Kotzens, als vielmehr des offensichtlichen Nonsens wegen, der weder das Kotzen noch das Gruseln zulässt.

Gut, dass einer den anderen knufft, weil der ihn zuerst geknufft hat, ist eine Tatsache, die schon fast so platt wie ein Einerkuchen daherkommt. Auch, dass es "Opfer" gibt, die niemals recht bekommen. Das nun ausstaffiert mit allerlei "Horror", serviert als aus dem Munde hängender Fuß - nun ja ...

Dein lakonischer Stil besitzt indes seine Wirkung, doch solltest du, wie schon gesagt, exakter formulieren.

dass ein oder zwei Tränen flossen.
Gerade das ein Beispiel dafür, wie es nicht sein sollte. "Ein ODER zwei Tränen?" Dann lieber: ... dass Tränen flossen.

Wie oben bereits bemerkt: der Text rumpelt und ruckelt der Zeitsprünge wegen - Stimmung und Atmosphäre kommen nicht auf, die Bilder zerfließen immer wieder vor meinen Augen, weil sie im Grunde bemüht wirken, mich jedoch nicht packen können. Ich kann da nur mit den Schultern zucken - vielleicht auch, weil ich mir zwar denken kann, was hier abläuft, es aber eben nicht tiefer ausgemalt wird. Und gerade dessen hätte es bedurft, damit ich mich in die Frau einfühlen kann. Aber sitzen da nur zwei: der eine kommandiert, die andere gehorcht und entwickelt Mordphantasien. Schmeckt irgendwie schal ... Aber, ob ja, das erinnert an Loriot "Försterfrau", die ihren Mann feinsäuberlich zersägt und in Geschenkpapier verpackt. Schwarzer Humor ... Wunderbar. Dein Text besitzt auch das nicht.

Wäre der Text nicht so kurz gewesen, hätte ich wohl abgebrochen.

So mein Eindruck in aller Kürze.

VG
KT

 
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Hallo @Manfred_Riegler,

ich kann mich den ersten beiden Kritiken zu deinem Text nur bedingt anschließen. Mir hat das Setting gefallen, ich hatte ein, zugegeben - schwaches - Bild vor Augen, von einem schmierigen Farmhaus, in welchem der Unhold Kemp seine Frau seit Jahren demütigt, so dass sie irgendwann zur Flinte greift und ihn wegpustet. Mit ein wenig mehr Beschreibungen der Szenerie und etwas mehr Charaktertiefe (es sind bis dahin ja bloß zwei Personen) hättest Du hier m.M.n. mehr Atmosphäre erschaffen können.

Der Zeitsprung nach der Ankunft des Bruders (?) hat mich rausgebracht, völlig aus dem Text gerissen, das fand ich sehr schade.

Horror muss den Leser nicht zum Kotzen bringen, sondern zu wohligem Erschaudern.
Diese Aussage würde ich für mich nicht unterschreiben. Manchmal dürfen die Untaten und Gräuel gewisser Charaktere die Leser so sehr ekeln und anwidern, dass sie es nicht fassen können, was sie da gerade gelesen haben. "Nur" wohliges Erschaudern reicht in gewissen Situationen nicht.

Der Fremde hatte einen Abschiedsgruß hinterlassen. Eine Karte. Sie war leer, abgesehen von einem darauf gekritzelten Namen: Arndt Tyshinski.
Diese Aktion hab´ ich allerdings nicht verstanden. Warum hinterlässt jemand seinen Namen an einem Tatort? Das wäre ja für etwaig auftretende Ermittler eine Einladung sondergleichen.

Alles in allem hat mich deine kurze Geschichte gut unterhalten.
Beste Grüße,
Seth

 
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Hallo @Manfred_Riegler ,

willkommen hier in Forum (kann man ja nach dem zweiten Text noch sagen). :)

Ich falle mal mit der Tür ins Haus: Der Text ist unterirdisch, sorry. Ich mag Splatter, recherchiere in Real Gore und lese True Crime (wenn nicht rein sensationalistisch aufgezogen). Das ist also nicht das Problem. Horror muss keineswegs immer nur subtiler Grusel sein.
Schreibanfänger versuchen sich gern im Horror, und manchmal denke ich (das ist jetzt Leseeindruck, und keinesfalls eine unhöfliche Unterstellung), dass es so einfach scheint: Je mehr Blut & Gewalt, desto weniger wird Psychologie und sprachliche / stilistische Finesse benötigt. Weil: Zur Unterhaltung geht alles, Hauptsache, einer traut sich mal richtig. Ich bin sicher, dass diese Idee u.a. dazu geführt hat, dass Horror Fiction nicht als ernstzunehmende Literatur anzusehen sei.

Dagegen behaupte ich mal, dass explizite Szenen (so man die hier als explizit sehen will, sie sind vllt. eher derb-drastisch) umso mehr psychologisches Einfühlungsvermögen, Analyse und Finesse benötigen, je deutlicher und umfangreicher sie sind. Bist du noch bei den ersten Schritten, wäre es vielleicht eine gute Idee, mit weniger komplexen, schwierigen Themen anzufangen - vllt. etwas aus dem gewöhnlicheren Alltag.

Ich kann schwer sagen, was mich am meisten gestört hat, ein irgendwie arbiträrer Plot, flache Charaktere, Phrasen oder einfach die Sprache selbst. Als Kardinalsfehler sehe ich aber, dass du als Autor deine Figuren bloßstellst. Wäre das hier gründlich recherchiert und gut durchdacht, und würdest du alles aus Sicht einer Figur erzählen, würde man eben die Haltung als die der Figur begreifen. So führst du aber als Autor deine Figuren vor, und damit bleibt diese platte, bemüht-flapsige Darstellungsweise eben an dir als Autor hängen.

Einzelne Passagen zu ändern würde bei diesem Text nix helfen, für mich ist es neben dem Editieren die Vorarbeit, die offensichtlich fehlt. Wenn du diese Geschichte - die gegenüber realen Taten wie Geins oder Nilsens wenig Eigenständigkeit zeigt - tatsächlich so erzählen willst, würde ich raten zu:
- andere Perspektive und andere Erzählhaltung
- Recherche
- Plot
- Psychologie = auch die Entwicklung einer Figur, wie sie in Kurzgeschichten teils sogar gefordert ist
- Konflikt im literarischen Sinne (Mord / Grausamkeit allein sind noch kein Konflikt)

Kleinkram, danach könntest du den gesamten Text nochmal editieren (Schreiben ist ja erst der Anfang, das Planen und Editieren scheint mir bei dir noch zu kurz zu kommen):

Es lässt nie los...
Wenn ein Wort abgebrochen wird (Ach du liebe Schei...), schließen die drei Punkte direkt am letzten Buchstaben an; wenn du den Satz abbrichst, kommt ein Leerzeichen vor den drei Punkten. Hat dir in deinem ersten Text schon jemand gesagt. Wenn man sowas nicht korrigiert, macht man halt die selben Fehler immer wieder. Das ist nicht nur unhöflich denen gegenüber, die sich mit deinem Text auseinandersetzten (es wird übrigens erwartet, dass zuallermindest faktische Fehler zeitnah korrigiert werden), sondern verhindert, dass du lernst. Da kann ich dir nur raten, die Chance hier im Forum zu nutzen.

Der Fremde in Schwarz setzte sich seinen Hut aufs Haupt. Er nahm ihn von der Kommode, die neben der Eingangstür stand, zurück.
Haupt = fällt aus dem Register (du nimmst Umgangssprache, Haupt wäre gehobene Sprache, die befinden sich fast an den gegengesetzen Enden der Skala.) Hier so mit einer Sprache des 18. Jahrhunderts zu kommen wirkt wie Ironie, weswegen ich dann die Szene als Witz lese.

"Er nahm ihn von der Kommode ... zurück"? :confused:
Hat er den Hut auf dem Kopf: Falsche Abfolge.
Hat er den Hut erst auf dem Kopf und legt ihn dann doch auf die Kommode zurück: anders ausdrücken.

Es roch nach Verwesung. Und nach gekochtem totem Fleisch.
Verwesung hat einen sehr extremen, eigentümlichen Geruch. Ich denke mal, dass der bei Erwärmung stärker wird, aber nicht, dass es nach gekochtem Fleisch einerseits und nach Verwesung andererseits riecht. (Außerdem: gekochtes Fleisch ist immer auch tot / abgestorben.)
Einige Zeit zuvor befand sich Ruby in ihrem Garten. Sie kniete. Und sie bearbeitete mit einer Schaufel den lockeren Boden des Blumenbeets. Sie hob das Grab Kemps aus, denn irgendwo hier hatte sie ihn verscharrt. Nachdem sie ihm mit der Doppelläufigen die Hälfte seines Gesichts weggepustet hatte. Dieselbe Waffe, mit der Ruby jetzt ihrerseits bedroht wurde.
So als Nacherzählung wirkt das unangemessen lapidar. Ich denke: "Ja, und?" Das weckt so einfach kein Interesse, weil es klingt, als würdest du aufzählen, was sie einkaufen geht.
Auch wieder: Register.
Das Grab Kemps (vgl. das Grab des Kemp) = das Schwert Aragorns, zu schwülstig
Kemps Grab = Alltagssprache, neutral
das Grab vom Kemp = Umgangssprache

Grab ausheben = man gräbt eine Grube, die als Grab dienen soll.
Das beisst sich damit, dass der Typ schon begraben ist. Sie buddelt ihn ja wohl wieder aus.
Abgesehen davon, wenn er "irgendwo hier" verscharrt wurde, ist gar nicht gesagt, dass sie dabei ist, ihn wieder auszugraben, dann gräbt sie halt blind irgendwo und trifft durch Glück auf die Leiche? An vielen Stellen ist unklar, was du überhaupt sagen willst.

als wäre sie eine Fliege (...), die es zu zerquetschen galt.
Ausgenudelte Phrase.
Nur wenig später hing ihr Kopf blau angelaufen im Teller. Die Augen weit aufgerissen, ein Fuß aus dem Mund ragend.
Das mit dem Fuß hast du doch grad ein paar Zeilen vorher schon gesagt.
Generell scheint mir in den letzten Absätzen etwas mit dem Ablauf durcheinandergekommen zu sein.

Zudem: wenn der Fuß im Mund ist und man die Augen sehen kann, hängt sie dann mit dem Hinterkopf im Essen/Teller? :susp:

Die Haut kann sich blau färben, wenn über einen Zeitraum hinweg zu wenig Sauerstoff ins Gewebe kommt. In deinem Szenario - ersticken, das dafür vermutlich viel zu schnell geht - würd ich das mal abchecken (ab davon, dass du es nicht benötigst, wenn sie wie der fette Typ in Se7en positioniert ist - leider ein recht abgenutztes Bild seitdem, übrigens).

Den Fuß musste sie komplett ins siedende Wasser schmeißen.
Durch die Diskrepanz zwischen dem, was gesagt und wie es gesagt wird, entsteht Ironie. Willst du das hier als lustigen Slapstick? Wenn nicht, google mal "Register", und schaue bei deiner Wortwahl, ob das immer passt - sowohl zur Handlung wie auch zueinander.
- komplett / schmeissen -> vollständig / werfen -> Hochprache verlangte einen etwas anderen Satzbau; vllt: Er zwang sie, den abgeschlagenen Fuß im Topf zu sieden (auch nicht toll, aber irgendwie so, mehr über Handlungen mit stärkeren Verben eingebunden).
Sie würgte und rülpste, als das stinkende Fleisch langsam den Anschein machte, halbwegs gar zu werden.
:susp: Wieso rülpst sie denn?

Füllsel-Overkill. Außerdem: Verwestes Fleisch wird nicht gar, weil es nicht mehr roh ist. Verwesung = Zersetzung, also tendenziell eher weich. Irgendwie haut das nicht hin, und darüber kann ich mir hier nix vorstellen, genau so eben:

Stimmung und Atmosphäre kommen nicht auf, die Bilder zerfließen immer wieder vor meinen Augen, weil sie im Grunde bemüht wirken, mich jedoch nicht packen können.

Ich hoffe sehr, du nimmst mir die deutliche Einschätzung nicht krumm. Lies dich mehr um, lies mehr gute Bücher zu den Themen, die du schreiben möchtest (Prosa und Sachtexte) und schaue selbst, was dir bei Geschichten gefällt und was nicht. Korrigiere deine Texte hier.
Man sieht Fehler, Unsicherheiten und Unstimmigkeiten sehr viel leichter bei fremden Texten, und eine intensive Analyse hilft dir letztlich, solche Fehler auch bei deinen eigenen Texten in Zukunft zu vermeiden. Das kann ein langer Weg sein, aber das Frickeln kann ja (bzw. sollte) durchaus Spaß machen.

Nimms bitte als Ansporn, nicht Entmutigung; ich wünsche dir jedenfalls viel Erfolg. :)
Herzlichst,
Katla

 
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19.05.2006
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Servus Manfred Riegler!

Ich denke, der Plot könnte was hergeben, aber die Story bräuchte etwas mehr Fleisch auf den Rippen. Der Zeitsprung zum Bruder erfolgt für meinen Geschmack zu abrupt, die Tötungszene des verhassten Gemahls müsste nicht explizit dargestellt werden, aber doch ein wenig spürbarer. So musste ich mir den richtigen Ablauf erst nach Lektüre zusammenreimen.
Ein wenig habe ich den Eindruck, der Text will primär von ekelhaften Bildern leben und weniger von der Handlung.
Anbei: Verwesungsgeruch ist eher ein Gestank, denn ein Geruch. Widerlich süßlich und unverkennbar, wenn man ihn mal gerochen hat, vergisst man ihn nicht.
Viele kriegen davon Brechreiz und müssen kotzen.
Gekochtes Fleisch ist immer totes Fleisch, das muss nicht erklärt werden.
Und wenn wir schon beim Horror sind: Alles Fleisch, das wir essen, hat die Leichenstarre bereits hinter sich. ;)

LG

 
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29.12.2013
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Hallo @Manfred_Riegler

Ich glaube wir hatten noch nicht das Vergnügen, daher: Herzlich willkommen hier. ;)
Ich hatte ein paar Kommentare von Dir gelesen, wurde neugierig und dachte: ok - dann lies mal was von ihm.

Er würde sich bestimmt nicht mehr lange wohlfühlen.
Der erste Satz hat ja immer eine besondere Rolle. Und den hier fand ich gut.
Ruby schob mit den Fingern ihrer Linken die Brille zurecht.
Ich würde vorschlagen, einen Zeilenumbruch vor diesem Satz einzufügen. Denn: Es ist aus meiner Sicht ein Perspektivwechsel. (Hebt den ersten Satz dann nochmal hervor)
Jetzt würde die Waffe zu seinem eigenen Totengräber.
Nee, der Vergleich hinkt. Später ist ja Ruby der Totengräber, und nicht die Waffe. "Henker" passt eher.
Ruby starrte aus dem Fenster. Das Gesicht dieser Person kannte sie nicht.
Hier war ich raus. Als erstes habe ich nicht kapiert, dass diese Szene viiieeel später kommt. Vielleicht ein paar *** als Absatztrenner einfügen?
Zum zweiten dachte ich, sie sieht sich selbst gespiegelt im Fenster und dachte: mann, ist das "doof" geschrieben.
Der Fremde hatte einen Abschiedsgruß hinterlassen. Eine Karte. Sie war leer, abgesehen von einem darauf gekritzelten Namen: Arndt Tyshinski.
Wozu hinterlässt er seine Karte? Raff ich nicht. Nur damit "die Kamera" auf die Karte zoomen kann? Das ist so sinnlos.

Was mich auch etwas stört: Das Logikloch, woher er das ganze wusste.

Ansonsten: Für Leute die ekligen Horror mögen, ist die Geschichte ganz unterhaltsam (das ist jetzt als Lob gemeint!)

Vielleicht kannst Du mit meinem Leseeindruck etwas anfangen
viele Grüße
pantoholli

 

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