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Falsche Antworten

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15.09.2021
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Falsche Antworten

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Inhalt:

1. Das Erwachen


2. Die Stadt und das Geschäft


3. Der Philosoph aus der Kiste


4. Viele Rätsel, eine Antwort


5. Rätseln macht nicht satt


6. Ein himmlisches Festmahl


7. Es werde Licht


8. Die Wanderung


9. Das Ende der Menschheit


Prolog


Zuerst war die Dunkelheit. Dann die Materie, dann das Licht. Dachte die Materie von sich, das Licht zu sein, bevor es erschien? Hatte sie Recht? Aber egal was mit ihr passiert, das Licht strahlt einmal und es strahlt weiter und weiter…

Es gibt so viele Fragen, die uns diese Welt stellt. Ob wir Leben oder nicht ergibt sich aus unseren Antworten.

Die Menschheit steht am Abgrund. Trotz des Restrisikos, einem Schaden an den Erinnerungen, lassen sich immer mehr Menschen auf das Versprechen von einer besseren Welt ein. In der Hoffnung, dass sie gesund wieder aufwachen, begeben sie sich in eine Form des kryostatischen Langzeitschlafes.

Viele, nie gezählte Jahre später…


1. Das Erwachen

Es ist dunkel um mich. Ich schrecke hoch und stoße mit dem Kopf direkt gegen eine Glasscheibe. Das Einzige, was in meinem Kopf herrscht, ist Verwirrung. Langsam wird es heller um mich. Ich versuche meinen Kopf zu drehen und schaue mich um. Ich stelle fest, dass ich von einer Art milchigem Glaszylinder umgeben bin. „Was zum…?“, versuche ich zu sagen und mich in meiner Situation zurechtzufinden. Kein Laut dringt über meine Lippen. Mein Hals kratzt fürchterlich. Ich hämmere gegen die Scheibe. Einen Mechanismus zum Öffnen scheint es von innen nicht zu geben. Panik steigt in mir auf. Ich höre wie mein Herz zunehmend schlägt. Es fühlt sich an, als würde der Sauerstoff aus der Luft entweichen und ich atme schneller. Ich einem Ausbruch der Panik schlage ich auf das Glas ein. Ein Sprung entsteht. Dann zerschlage ich es. Ich finde mich in einem fast leeren Raum wieder. Ein Licht blendet mich. An der Decke hängen zwei Neonröhren. „Wo? ….. Was? ….. Und WIE?“, dringt es durch meinen Kopf. Ich schaue mich um. In der Mitte des Raums steht ein langer, weißer Tisch. Außerdem erkenne ich ein umgestürztes Regal, liegende Stühle und Blätter, welche verstreut über dem Boden liegen. In einer Ecke des Raums stehen mehrere Kanister. Unsicher gehe ich auf einen zu. Er enthält eine bläuliche Flüssigkeit. Schnell nehme ich einige Schlucke. Es schmeckt scheußlich, aber ertragbar. In meinem Kopf herrscht immer noch Leere. Alles was ich wahrnehme sind die sich immer wieder wiederholenden Fragen „Wo? ….. Was? ….. Wie? … Warum?“. Schlagartig kommt eine fünfte Frage dazu: „Wer?“. Wieder steigt Panik in mir auf.
-
Ich spüre einen lauen Wind im Gesicht. Ich öffne die Augen und sehe, dass ich auf einer satten, grünen Wiese sitze. Eine Biene umschwirrt meinen Kopf. Ich drehe meinen Kopf. Alles, was ich sehe, sind blauer Himmel und die Wiese. In der Ferne sieht man einen Wald und dahinter große, mit Schnee bedeckte Berge.
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Bevor ich begreife was ich da gerade wahrgenommen habe oder wessen Erinnerung das waren, fällt das Licht aus. Eine weibliche, mechanische Stimme ertönt: „Roter Alarm. Bitte bleiben Sie ruhig. Es liegt eine Störung am Energienetzwerk vor. Bewahren sie Ruhe und nutzen Sie die gekennzeichneten Notausgänge.“. Im selben Moment fallen mir leuchtende Pfeile auf dem Boden auf, welche auf eine leuchtende Tür am Ende des Raums deuten. Immer noch leicht betäubt humple ich auf die Tür zu. Dahinter liegt eine Treppe. Das Licht beginnt zu flackern. Adrenalin durchschießt mich. Das Leben kommt zurück in meinen Körper. Mir wird heiß. Ich beginne zu rennen und renne die Treppe hoch und öffne oben angekommen eine dicke Metalltür.

Die Wiesen sind mehr gelb als grün.

Nicht golden wie die Ährenfelder,

nur leuchtend gelb stehn sie dahin.


2. Die Stadt und das Geschäft

Es ist kühl. Ich finde mich in einer Art Schlucht wieder. Nach einigen Momenten komme ich mit meiner Situation zurecht. Die Schlucht besteht aus Hochhäusern, deren oberes Ende man kaum sehen kann. Es ist dunkel, aber man kann über den Häusern ein bläulich graues Schimmern erkennen, welches von natürlichem Licht zeugt. Alles wirkt irgendwie seltsam ungewohnt. Da fällt es mir auf: Es sind keine und wirklich KEINE Farben auf den Häusern oder Straßen zu erkennen. Alles sieht grau aus. So wirken die Häuser, als wären sie nicht real und nur eine Begrenzung der Sicht, welche man sich einbildet und die den Hintergrund verdeckt. Ich höre nichts, alles ist stumm. Um zu testen, ob mein Gehör noch funktioniert, stampfe ich kurz auf. Ich höre es. Für wenige Sekunden vernehme ich das Echo meines Stampfens. In einiger Entfernung sehe ich große Kreuzungen zwischen den Häuserschluchten. Ich stehe am Rand einer Kreuzung. Die Straßen haben eine Breite von etwa 20 Metern. Die Luft ist schwer und staubig. Auf der Straße liegen Trümmerteile. Es wäre vermutlich eine zutreffende Beschreibung, zu sagen, dass unter den Trümmern ab und zu noch eine Straße zu erkennen ist. „Wenn die Häuser ab einer gewissen Höhe zerstört wurden, wie hoch müssen sie dann einmal gewesen sein?“, frage ich mich. Ohne wirklich etwas zu denken oder zu empfinden, gehe ich ein paar Schritte. Einmal auf dem Weg, laufe ich um mehrere Kreuzungen und Ecken. Ab und zu ist es notwendig, über zwei bis drei Meter hohe Trümmerhaufen zu klettern, was aber kein großes Problem ist. Etwa alle zwei bis drei Kreuzungen sieht man eine Straße, die vollkommen verschüttet ist. Auf eine Höhe, die etwa 40 bis 50 Meter erreicht, sieht man nur Trümmer, Betonteile oder ganze, zerborstene Stockwerke zusammengestürzter Häuser. Als ich mich nach einiger Zeit umdrehe, merke ich, dass ich keine Ahnung mehr habe, wo ich bin. Eigentlich wollte ich noch einmal zum Bunker zurück, aber ich weiß nicht mehr, wo er steht. Für einen Moment entsteht in meinem Kopf nur ein großes Fragezeichen. Antworten sind alles, wonach ich verlange. „Was ist hier passiert? Wo bin ich? Welches Jahr haben wir? Wer bin ich?“, geht es mir durch den Kopf. Wie auf einer Art Autopilot–Modus laufe ich los. „Verdammt, ich brauche einfach Antworten. Egal auf welche Frage.“ Ohne einen Plan, wohin oder warum, gehe ich auf ein Gebäude zu, das eine etwas hellere Fassade trägt. Im Erdgeschoss sehe ich Schaufenster. Keine Scheibe ist mehr intakt. Die Scherben liegen schon drei Meter vor den Gebäuden verteilt. Ich bleibe stehen und untersuche die Gebäude aus der Nähe. Über einem zerstörten Schaufenster hängt ein blaues Schild. Im Gegensatz zum Himmel hebt sich dieses helle, leuchtende Blau stark von allen anderen Häusern ab. „Zumindest bin ich nicht farbenblind!“, denke ich. Sofort verspüre ich Hoffnung und Entschlossenheit. Ich klettere vorbei an einer verschlossenen Tür, durchs Schaufenster, ins Gebäude. Innen ist es sehr dunkel. Nach einigen Momenten gewöhnen sich meine Augen an die Finsternis und ich erkenne einen verwüsteten Innenraum. In der Hoffnung, tiefer oder höher ins Gebäude vorzudringen, durchsuche ich das Geschäft nach einem weiteren Raum. Nach einigem Klettern über umgekippte Regale und vorbei an Müllhaufen mit zerknitterten Pappverpackungen stoße ich auf eine unscheinbare Tür.

Hinter der Tür ist ein weiterer, aber kleinerer Raum. In der Mitte steht ein weißer Tisch. Noch immer bin ich außer dem Schild an der Eingangstür auf keine Farbe gestoßen. Über allen Gegenständen ist eine dünne, graue Staubschicht. Auf dem Tisch liegen viele Haufen mit Kabeln und Platinen. Es sieht so aus, als hätte hier jemand an Elektronik gearbeitet. Zwei Bürostühle stehen neben dem Tisch. Ich setze mich auf einen und ruhe mich etwas aus. Erst jetzt fällt mir auf, wie erschöpft ich bin. Ich muss einige Stunden unterwegs gewesen sein. Ich schaue mich ein wenig genauer um und nehme immer mehr Details war. An der Wand steht ein Automat, der Trinken verspricht. Ich trete einmal kräftig dagegen, es fällt eine unbedruckte, silberne Dose heraus. Ich nehme einige Schlucke. Es schmeckt nach Chemie. Meinen Durst stillt es trotzdem. Ich setze mich wieder und betrachte den Tisch. In die Oberfläche hat jemand Sätze eingeritzt. „Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.“, „Die Natur macht nichts vergeblich“., „Einen Fehler durch eine Lüge zu verdecken, ist, wie ein Fleck durch ein Loch zu ersetzen.“, „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ und vieles mehr steht dort.


Grün ist so eine schöne Farbe,

Das Spektrum reicht von Gelb zu Blau.

Die Welt wäre wohl nur Grün geblieben,

Schaukelt in Natur`s Wiegen,

Gäbs den Menschen nicht mit grauem Bau.


3. Der Philosoph aus der Kiste

Ganz selbstverständlich fange ich an, über das Gelesene nachzudenken. Obwohl die Sätze keine Antworten geben, beruhigen sie mich irgendwie. Sie schaffen Klarheit. Obwohl keine Frage beantwortet wurde, wurden sie spezifischer und verständlicher für mich. Mein Durst nach Wissen wird immer größer und ich beginne, mich noch einmal im Raum umzuschauen. An einer Wand steht ein Regal, das große Kisten beinhaltet. Ich fange an, sie zu durchsuchen. In den ersten Beiden liegt nur unscheinbarer Schrott. In der dritten Kiste liegen Unmengen verstaubter Bücher. Sofies Welt, Eine kurze Geschichte der Menschheit, Discours de la méthode und 1984 sind die Namen einiger. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich die Bücher durchblättern soll, um auf Antworten zu stoßen. Dann kann ich mich für keins der Bücher entscheiden. „Welches liefert die Antwort, die ich brauche? Ich kann sie nicht alle lesen.“, geht es mir durch den Kopf. Ich hole die vierte Kiste aus dem Regal. In ihr liegt nur ein metallener Kasten. Er passt gut in die Hand und hat eine Quaderform, deren Ecken abgerundet sind. Ich sehe nur einen Knopf. Ich nehme den Kasten in die Hand und drücke den Knopf. Einige kurze Pieptöne sind zu hören. Ich zucke zusammen. Dann noch ein langes Piepen und nichts mehr. Ich halte den Kasten noch einige Zeit in der Hand, in der Hoffnung, dass sich noch etwas tut. Ich hörte immerhin gerade den ersten, nicht von mir verursachten, Ton. Noch fühle ich mich etwas unsicher, beschließe aber schließlich, weiter nach Antworten zu suchen. Mit Interesse für die nächsten Kisten werfe ich den Kasten hinter mich. Es gibt ein lautes Scheppern. Ein Piepen ertönt. Plötzlich ist der Raum in ein bläuliches Licht getaucht. Ich drehe mich ruckartig um und sehe den Kasten am Boden liegen. Aus seiner großen, flachen Oberfläche leuchtet eine Art Hologramm. Unsicher komme ich wieder näher und hebe den Kasten auf. Zu sehen ist ein etwa einen halben Meter hoher Bürostuhl, der in die staubige Luft des Raumes projiziert wird. Aus dem Rand des Bildes kommt plötzlich ein Mann ins Hologramm und setzt sich auf den Stuhl. Der Stuhl wird kleiner und passt sich dem verfügbaren Platz im Hologramm an. Es scheint eine Maximalgröße von etwa einem halben Meter zu haben. Etwas verdutzt betrachte ich den Mann auf dem Stuhl eine Weile. Er scheint etwas älter zu sein, trägt einen weißen, zerknitterten Kittel und hat zerzaustes Haar. Ich schätze ich ihn auf etwa 50 Jahre. Auf seiner Nase sitzt eine schiefe Brille. Er trägt einen Bart, der sowohl helle wie auch dunkle Stellen aufweist. Einige Sekunden kratzt sich der Mann am Kinn und am Kopf. Er schaut sich im Raum um und murmelt vor sich hin. „So, so. Hat es also doch geklappt? Nein! Nein! Nein… Das kann einfach nicht sein. Was mache ich hier und warum ist alles so groß?“, höre ich ihn sagen. Er macht einen recht orientierungslosen Eindruck. Nach einigen Momenten falle ich ihm auf. Er reist seine Augen auf und mustert mich für wenige Sekunden. „Wer bist du? Oder viel wichtiger: Was bist du?“, murmelt er. „Ich weiß es nicht.“, antworte ich. „Nicht schlimm, war eher rhetorisch gemeint.“, sagt er und schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Kurz wirkt er noch orientierungslos, dann entschlossen und seltsam klar. Er setzt ein allwissendes und zugleich freundliches Lächeln auf. Der Mann steht auf und beginnt in einem kleinen Kreis zu laufen. „Also, was glaubst du denn, wer oder was du bist?“, fragt er. „Ich kann mich nicht mehr erinnern. Wie gesagt: Ich weiß es nicht. Ich wachte hier auf und wusste nichts mehr. Kannst du mir vielleicht helfen? Wer bin ich? Wo bin ich? Und was ist hier passiert?“, frage ich zurück. Endlich gibt es jemanden oder etwas, was einer Antwort ähnlich kommen könnte. Hoffnung kommt wieder in mir auf. „Das dürfte eigentlich gar nicht möglich sein. Ich hoffte so sehr das es Außerirdische sein würden, die mich finden.“, kommt es wenig sagend zurück. „Außerirdische? Bist du verrückt? Und wer oder was bist du überhaupt?“, frage ich verwirrt. „Vielleicht doch keine so große Hilfe“, denke ich mir. „Ok. Zu einem gewissen Grad kann ich deine Verwirrung verstehen. Ich würde eher dazu tendieren, mich nicht als verrückt zu bezeichnen. Allerhöchstens ein wenig wahnsinnig. Zu meiner Person: Mein Name tut nichts zur Sache. Und ich würde mich mit der Person gleichsetzen, die mich schuf.“, fängt er geduldig an zu reden. In mir kommt das Gefühl auf, er würde mit einem schon oft gehaltenen Vortrag beginnen. Die anfängliche Verwirrung scheint vollständig verflogen zu sein. „Und wer war das? Und warum?“, frage ich wieder. „Der Intelligente, junge, gutaussehende und voraussichtige Mann, der mich schuf, war ein Professor der Philosophie. Wie bereits erwähnt präferiere ich hier, von mir selbst zu sprechen. Ich lebte also vor mich hin und philosophierte ein wenig. Die Welt ging unter und ich kam auf den Gedanken, dass irgendetwas erhalten bleiben muss. Etwas muss die Geschichte erzählen.“, trägt er vor. Zu dem leichten Lächeln schleicht sich ein Grinsen auf sein Gesicht. „Welche Geschichte“, hake ich nach. „Die Geschichte, nach der du mich vorhin fragtest. Die Geschichte nach dem, was hier geschehen ist, wer du bist, wann du bist und auch wo. So schuf ich in Weisheit und Voraussicht, was du jetzt siehst. Mich. Es ist ein interaktives Hologramm, das den Finder über die Geschichte der Geschichten aufklären soll. Du stellst dir doch viele Fragen, oder?“, beendet er vorerst seine Ausführung und lässt eine Pause. „Ja, das tue ich“, antworte ich. Der Mann reist seine Augen auf und beginnt wieder: „Gut. Das ist das Wichtigste. Deine Fragen kommen von dir. Ich gebe die Antworten. Es geht immer nur um Fragen und Antworten. Verstehst du das?“. „Nicht wirklich. Und was war das vorhin mit Außerirdischen?“, frage ich wieder etwas verwirrt. „Dazu musst du verstehen, dass alles, was diesen Schaden bzw. den aktuellen Zustand dieser Welt verursachte, von dieser Welt stammte. Egal, wie die Menschen früher über die Zerstörung des Planeten debattierten, im Endeffekt hat sich der Planet selbst zerstört. Ich würde hier sogar so weit gehen und von einer, seit Entstehung des Planeten, einprogrammierten Selbstzerstörung reden. Du bist ein Mensch oder nicht? Du musst auch wissen, dass ich mich schuf, um egal, wer diesen Ort jemals besucht, eine Antwort auf die Fragen zu selbigen zu liefern. Ich glaubte nie sonderlich an Außerirdische. Da ich aber mit der vollständigen Vernichtung der Menschheit rechnete, dachte ich, das Aliens als nächste Besucher der Erde nicht unwahrscheinlich wären.“, erläutert er fachlich ohne eine Wimper zu verziehen. Ich habe zwar nur die Hälfte verstanden, aber immerhin eine Antwort bekommen. Ich weiß, wer ich bin. Ich bin ein Mensch und wenn alle anderen tot sind, bin ich sogar der Mensch. „Ok, ich bin also ein Mensch. Aber wo sind wir und wann ist jetzt?“, stelle ich weitere Fragen. „Wir sind, oder nicht? Und wir sind hier. Wenn dir das nicht reicht, dann beruhigt es dich vielleicht, dass wir auf der Erde sind. Das hier ist eine beliebige Großstadt. Such dir eine aus. Es macht nicht den Unterschied. Und Wann? Einfach. Es ist jetzt und wer weiß schon, wann das ist. Damit jemand die Zeit ansagen kann, muss sie erst einmal jemand messen. Die vergangenen Jahre sind ungezählt. Aliens hätten mich das nicht fragen müssen. Sie haben ihre Zeit“, erläutert er. „Vielleicht ist er wirklich wahnsinnig.“, denke ich. „Und was ist hier passiert. Was ist den Menschen und allem zugestoßen?“, stelle ich wieder eine Frage. „Gut, dass du fragst. Hier hört das Probeprogramm auf. Ab jetzt kosten dich Antworten. Sie kosten dich Überlegungen, die Ausführung von Aufgaben und eventuell erhältst du schlussendlich, was du wolltest. Die Antwort auf die Frage nach dem Was?“, fängt er wieder an. „Geh nach draußen. Ich werde dir beantworten, was du wissen willst. Die Antwort zu erhalten ist nicht unmöglich. Nur etwas unbequem.“ Ohne weiter nachzufragen nehme ich den metallischen Kasten und verlasse das Gebäude. Der Professor setzt sich auf seinen Holografischen Stuhl und nimmt die Denkerpose ein.


Grün ist nur ein Kompromiss.

Der Baum auf dem Berg – So wiss,

Ist einzig nur ein Mittelweg.

Aus Himmels Blau

Und Wiesen Gelb,

Aus Morgentau

Und Halme Welk.


4. Viele Rätsel, eine Antwort

Ich stehe wieder vor dem Gebäude und schaue in die graue Häuserschlucht. Es ist helllichter Tag. Ein kühler Wind zieht zwischen den Gebäuden hindurch. An manchen Stellen wirbelt er den grauen Staub auf, der über allem liegt. An einer Stelle verwirbelt sich der Wind und für wenige Sekunden bildet sich ein kleiner, grauer Wirbelsturm von etwa drei Metern Höhe. „Also, was muss ich tun, um an Antworten zu gelangen? Ich kann nicht viel anbieten. Ich weiß ja nicht einmal, wer ich genau bin.“, frage ich den Philosophen. „Du kannst vielleicht nicht viel anbieten, aber du kannst tun, was ich sage und Schlüsse ziehen. Das ist, was ich von dir will. Und wenn du besser damit zurechtkommst: Deine Erinnerungen sind weg. Betrachte dich als die Menschheit. Nur eben als ein Stück davon. Schaue nicht auf deine Vergangenheit und rätsele nicht, wer du warst. Dieser Mensch, deine Vergangenheit, hätte sich genauso wenig an seine Zukunft erinnern können, wie du dich jetzt an ihn. Er war ein anderer Mensch und starb mit allen anderen.“, antwortet er wieder. Ein etwas trauriger Ausdruck huscht über sein Gesicht. Ich lasse mir alles Gesagte durch den Kopf gehen und glaube langsam zu verstehen. „Du willst mir die Frage nach dem „Was ist hier passiert?“ erklären und damit der gesamten Menschheit?“, frage ich noch einmal zum Verständnis. „Du hast es erfasst. Die Menschheit wird die Rätsel lösen und schlussendlich werde ich ihr verraten, was sie gerne wissen möchte. Kommen wir jetzt zu den Rätseln. Es werden drei Rätsel gestellt. Du wirst sie lösen und jedes Mal näher an die Antwort kommen welche du suchst.“, sagt er und macht eine kurze Pause.


Ich könnt mich in dem Baum verlieren,

Als Betracht ich gleich das ganze Bild.

Er zieht den Himmel zu den Wiesen.

Steht er da, trotzt Mensch und Wild.

Als könnt er mit Vielfalt agieren.


5. Rätseln macht nicht satt

„Das erste Rätsel ist ein leichtes. Sobald es beginnt, werde ich verschwinden und du wirst statt mir eine holografische Karte der Stadt sehen. Es wird immer ein roter Punkt angezeigt. Du musst zu diesem Punkt gehen und ein Trümmerteil aufheben. Dann wird dir der nächste Punkt gezeigt. Du wirst selbst sehen, wenn das Rätsel beendet ist.“, erläutert der Philosoph. „Und dadurch bekomme ich Antworten? Naja, ich mach’s…“, erwidere ich zweifelnd. „Naja, was kann da schon schiefgehen? Ich habe gesucht und vielleicht gefunden, was ich will. Viel zu verlieren habe ich nicht.“, denke ich mir. Ich schaue auf den Kasten und eine Karte mit den Maßen von etwa 30 mal 30 cm erscheint. Ich bemerke, dass alle Straßen kastenartig aufgebaut sind. „Wie ein Schachbrett.“, denke ich wieder. Einige Straßen und Biegungen entfernt, sehe ich einen roten Punkt. Ich überlege mir den besten Weg und beginne zu laufen.

Ich weiß nicht wie lang ich brauchte, aber es kann nicht mehr als ein oder zwei Stunden vergangen sein, seit ich aufbrach. Ich habe mittlerweile sechs etwa faustgroße Betonbrocken gefunden. Aus einem ragt ein Stück verrostete Armierung. Den gesamten Weg über sah ich weder ein Zeichen von Leben, noch eine Pflanze oder etwas Farbiges. Ich sehe nur grau und einen blassblauen Himmel. Mir geht einiges durch den Kopf. „Was muss hier für eine Zivilisation gelebt haben. So fortschrittlich. Aber die Menschen sind weg. Laut dem Philosophen sind sie alle tot. Doch wie? Einige müssen doch überlebt haben.“, und vieles mehr frage ich mich. Die Steine wiegen einiges und nach und nach merke ich, wie meine Beine träge werden. Ich überlege, wie ich überhaupt noch mehr Steine tragen soll. Meine Hände sind schon lange voll und es ist recht kompliziert, keinen Stein fallen zu lassen. Die Suche scheint aber nicht enden zu wollen. „So wie meine Suche nach Antworten.“, denke ich vor mich hin. Ich stolpere über einige Steinbrocken und stürze fast. Kurz vor dem Fall kann ich mich noch mit den Händen abfangen. Die Steine fallen jedoch und ich überlege, welche der am Boden liegenden Stein die von mir gesammelten waren. Verzweifelt setze ich mich kurz auf den Boden und verschnaufe ein wenig. In diesem Moment höre ich ein Grummeln. Kurz schrecke ich auf, da ich keine fremden Geräusche gewohnt war. Dann grummelt es noch einmal. Ich merke, wie das Geräusch aus meinem Bauch kommt und spüre einen immer größer werdenden Hunger. Ich muss ihn während der Suche vollständig ausgeblendet haben. „Hallo, jemand zu Hause?“, rufe ich und klopfe gegen den Kasten. „Ja, aber du hast das Rätsel noch nicht gelöst. Solange bleib ich hier drin und trinke virtuellen Kaffee.“, kommt es zurück. Ich könnte schwören, ein Schmunzeln in seiner Stimme vernommen zu haben. „Du hast mir noch nicht einmal ein richtiges Rätsel gestellt. Das ist nur eine sinnlose Aufgabe. Außerdem habe ich Hunger. Gibt es hier denn nirgendwo etwas zu essen? Ich verhungere gleich.“, antworte ich genervt. „Was soll ich denn noch tun? Steine gesammelt habe ich schon, doch das Einzige, was es mir gebracht hat, ist Hunger.“, rufe ich noch einmal etwas lauter. „Herzlichen Glückwunsch. Du hast das erste Rätsel gelöst. Hat zwar etwas gedauert, aber es war auch etwas zeitaufwendiger.“, kommt es wieder aus dem Kasten. Im selben Moment taucht der Professor wieder auf. „Was habe ich? Ich habe doch nur Hunger?“, antworte ich etwas verdutzt. „Eine der Antworten auf deine Frage nach dem, was hier geschehen ist, ist Hunger. Es ist natürlich nur ein Teil, aber ein wichtiger.“, kommt es zurück. „Hier ist Hunger geschehen? Aber wie soll das gehen. Es können doch nicht alle Wesen in dieser Stadt verhungert sein?“, frage ich wieder. „Nein, da hast du recht. Wie gesagt: Es ist nur eine Teilantwort. Außerdem ist diese Stadt nur ein Bruchteil der Welt. Ich kann dir versichern, dass die gesamte Welt untergegangen ist. Nicht jeder Ort durch denselben Grund, aber Hunger war fundamental. Der Gedanke an Hunger bringt selbst satte Menschen zum Schwitzen. Nicht, weil sie Angst davor haben, selbst zu hungern, sondern weil sie Angst vor den Menschen haben, die hungern müssen und dessen Essen die Satten soeben gegessen haben.“, sagt der Philosoph. „Also ich habe auf jeden Fall Angst davor, nichts zu essen zu bekommen.“, sage ich und muss grinsen. „Sehr gut. Du scheinst gut mit der Situation klar zu kommen. Vielleicht ist der Mensch dieser Zeit ein würdigerer.“, antwortet der Philosoph, obwohl der letzte Teil eher an in selbst gerichtet schien.


Solang` er auf der Erde lebt,

Es irrt der Mensch, solang` er strebt.

- Johann Wolfgang von Goethe – Faust -


6. Ein himmlisches Festmahl

„Das ist ja alles schön und gut, aber wie soll ich dein Rätsel lösen, ohne dabei zu verhungern? Zumindest habe ich das Gefühl, seit 1000 Jahren nichts gegessen zu haben.“, frage ich etwas sarkastisch. „Ja, etwas zu Essen wird sich vermutlich auftreiben lassen. Und damit herzlich Willkommen zum zweiten großen Rätsel.“, ruft der Philosoph fröhlich. „Jetzt? Soll ich nicht vielleicht erst einmal etwas zu essen suchen? Oder gehört das zum Rätsel?“, frage ich wieder. „Du hast es erfasst. Das nächste Rätsel beschafft der Menschheit, also dir, Essen. Natürlich musst du nicht alles alleine machen. Ich werde dich anleiten und du bekommst schlussendlich sowohl etwas zu essen, wie auch einen Teil der großen Antwort.“, antwortet er wieder fachlich. „Dachte ich`s mir doch. Aber Hauptsache es gibt Essen.“ „Was muss ich tun?“, frage ich, bevor mein Magen laut grummelt. „Komm mit. Also folge der Karte. Alles weitere erkläre ich dann.“, kommt es aus dem Kasten, bevor der Philosoph verschwindet und die Karte wieder erscheint. Nach einiger Zeit des Laufens komme ich um eine Ecke und aus dem Kasten kommt ein leises, mechanisches “Sie haben ihr Ziel erreicht.“, und ein kurzes Lachen. Verwundert schaue ich auf dem Kasten und beschließe, dass das ein Witz gewesen sein muss, den ich aufgrund meines verlorenen Wissens nicht verstehe. Der Philosoph erscheint wieder. Er trägt eine Gießkanne und einen etwas übergroßen Hut. „Dann wollen wir dir mal dein Essen anbauen.“, sagt der Philosoph fröhlich. „Anbauen? Wie lange soll das denn dauern? Ich kann doch keine Wochen auf mein Essen warten.“, erwidere ich entsetzt. „Dafür gibt es Technik. Man muss dem Menschen lassen, dass er vor seinem Aussterben noch viel in dieser Richtung erfunden hat. Lass uns erstmal in das Gebäude gehen.“, kommt es vom Philosophen, der sein Outfit ausgezogen hat und wieder normal aussieht. Für einen Moment frage ich mich, welches Gebäude er wohl mein.t Aber dann schaue ich entlang der Straße und sehe, dass sich zwischen den Hochhäusern eine beeindruckend große, freie Fläche befindet. Auf der Fläche steht ein längliches, gut erhaltenes, altes Gebäude. An einem Ende sieht man einen hohen Turm. „Was das wohl einmal war?“, frage ich mich, während ich mich auf dem Weg zu diesem Gemäuer mache. Angekommen, öffne ich zwei große Holztüren und trete ein. Während ich der grauen, verstaubten Außenwelt den Rücken zukehre und in das Gebäude eintrete, fühle ich mich, als wäre ich in einer anderen Welt. Eine kalte und modrige Luft schlägt mir entgegen. Staub hängt in der Luft und ich habe das Gefühl, alle meine Gedanken würden zum Stillstand kommen. Ich schaue mich um und bin von Farben umgeben. Der Boden scheint in allen nur möglichen Farbnuancen zu leuchten. Als ich den Rest des Raumes betrachte, stelle ich fest, dass in den Wänden große und hohe Fenster eingelassen sind, welche aus buntem Glas zu sein scheinen. Das Licht, das auf der rechten Seite einfällt, scheint die Farbe mitzunehmen und so die Luft zum Leuchten zu bringen. Der Raum ist lang und sehr hoch. Die Decke scheint eine Ewigkeit von Boden entfernt zu sein und die Fenster reichen fast bis zur Decke. Der Boden ist aus großen Steinen gefliest. Am anderen Ende des Raumes sehe ich eine Erhöhung, auf der ein großer, steinerner Tisch steht. Rechts und links sehe ich bis zum Tisch lange Reihen voll hölzerner Bänke. Für einen Moment der Klarheit habe ich das Gefühl, eine Orgel spielen zu hören. Dann weiß ich wieder weder, was eine Orgel ist, noch wie sie klingen könnte. „Was war das für ein Ort? Es ist himmlisch.“, frage ich den Philosophen. Er scheint selbst etwas abgelenkt zu sein und für einen Moment war ich der Meinung, Trauer auf seinem Gesicht zu erkennen. Dann antwortet er mir: „Ich gebe und gab dir drei Rätsel, doch hier sollst du drei Antworten bekommen. Das hier war einst ein Gerichtssaal. Hier wurde über Menschen gerichtet und geurteilt. Ob auch Recht gesprochen wurde, kann niemand genau sagen, aber es wurden Urteile gefällt und Schicksale bestimmt. Die Menschen kamen hier her, wenn sie nach Ordnung und Gerechtigkeit suchten. Die zweite Antwort ist, dass dies hier eine Schule war. Ob Alt oder Jung, hier saßen die Menschen und wollten lernen. Sie versuchten gegenseitig, von ihren Weisheiten zu profitieren. Sie waren dir nicht unähnlich. Alle wollten Antworten und ich bin mir sicher, dass sie auch viele fanden. Als letzte Antwort gebe ich dir folgende. Dies war eine Kirche. Im Namen einer kleinen Gruppe von Menschen wurden hier erdachte Geschichten verbreitet, Menschen misshandelt und ihnen Geld abgenommen. Das geschah, ohne das es jemanden störte, da alle vor dem großen, fiktiven Anführer dieser Gemeinde Angst hatten.“ „Aber das sind drei Antworten. Welche davon stimmt nun?“, frage ich den Philosophen. „Alle stimmen. Alle…“, antwortet er. „Auch die falschen?“, frage ich zurück. „Ganz besonders die falschen. Geh zum Steinernen Tisch da vorn. Man nannte ihn Altar.“, entgegnet der Philosoph. Er wirkt etwas verträumt. „Hier war ich schon sehr lange nicht mehr“, murmelt er. Am Altar angekommen, sagt der Philosoph: „Zerschlage die große Fliese hinter dem Altar. Ich habe hier vor langer Zeit dein Essen deponiert.“ Obwohl ich mich wundere, wann er die Kachel entfernt haben muss, nehme ich einen großen, auf dem Boden liegenden Stein und zerschlage die Fliese. Erst entstehen kleinere Risse, dann größere und schlussendlich bricht die Fliese. Darunter kommt ein Hohlraum zum Vorschein. In ihm ist eine Truhe von etwa einem halben Meter Größe. „Öffne sie!“, fordert mich der Philosoph auf. In der Truhe ist eine kleinere Box, gefüllt mit Erde, zwei Tüten und eine Dose. „Nimm die Box mit der Erde. Dann füge einen Samen aus der kleinen Tüte hinzu. Anschließend öffnest du die Dose und kippst den Inhalt der zweiten Tüte hinzu. Schüttle die Dose kurz und gieße deren Inhalt an die Erde. Ein einfaches Rezept für einen vollen Magen.“, sagt der Philosoph. Ich tue, wie er es erklärt hat und stehe nach etwa einer Minute vor einem Topf voll mit feuchter Erde. „Warte und du wirst dein Essen bekommen.“, erläutert der Philosoph noch kurz, bevor er sich abschaltet. Als ich mich von dem Holo-Projektor abwende, bemerke ich, dass es mittlerweile schon fast dunkel geworden ist. Ich schätze, dass ich noch eine halbe Stunde neben dem Topf stand und ihn fragend und rätselnd anblickte, bevor ich mich mittig auf den Altar legte und die Augen schloss.

Ich wache auf und es herrscht wieder ein wundervolles Farbenspiel, welches alle Wände des Raumes schmückt, als wären diese bemalt worden. Für einige Momente herrscht wieder ausschließlich Verwirrung in meinem Kopf. Dann realisiere ich, wo ich bin und vernehme auch direkt das Knurren meines Magens. Ich blicke auf das Loch im Boden, in dem mittlerweile eine Pflanze etwa einen Meter hochgewachsen war. Sie ist von einem so unglaublich intensiven Grün, dass ich beim ersten Blick darauf erst einmal blinzeln muss. Ich muss wohl ziemlich staunend aussehen, denn hinter der Pflanze aktiviert sich der Philosoph, welcher im Schneidersitz auf dem Boden sitzt und grinst. „Da, dein Essen. Ich wünsche guten Appetit. Esse, aber denke daran: Dies ist vielleicht die letzte noch lebende Pflanze auf der Erde. Vielleicht kann sie leben und sich vermehren. Sie könnte die Welt wieder grün färben.“, führt der Philosoph aus. Ich sehe, dass die Blätter der Pflanze sehr groß und saftig aussehen. Ich nehme vorsichtig eines der Blätter, entferne es von Stiel und beiße hinein. Es ist geschmacklos, aber ich habe einen solchen Hunger, dass ich alle weiteren Blätter abreiße und verschlinge. Während ich eine Sättigung und eine zerpflückte Pflanze wahrnehme, sehe ich, dass mich der Philosoph enttäuscht anschaut. „Es hat funktioniert und du hast das zweite Rätsel gelöst. Du wolltest wissen, was hier passierte? Menschen, die sich nahmen und nicht an später dachten, passierten hier. Siehst du diesen Stiel? Diese Pflanze und damit sowohl alle zukünftigen Pflanzen, wie auch dein Essen für die nächsten Tage, ist tot. Hättest du ein Blatt stehen gelassen, würde sie wahrscheinlich weiterleben. Ich verüble es dir nicht, denn du bist der Mensch und der Mensch ist, was er nun mal ist.“, endet der Philosoph. Er klingt ziemlich gelassen. Ich fühle mich schlecht. Nur leider etwas spät. Mir wird klar, dass weder ich noch der Philosoph weitere Essen besitzen. Ich nehme den metallischen Kasten und verlasse langsam das Gebäude. Bevor ich die schwere Tür schließe, blicke ich noch einmal kurz zurück und sehe einen toten, kurzen, zerpflückten Stängel in mitten der Farben. Es ist, als hätte ich einen Teil der Zerstörung der grauen Außenwelt in dieses Paradies gebracht. Ich kann hier nicht bleiben.

Das W i e verstehe ich, aber nicht das W a r u m.

- George Orwell – 1984 -


7. Es werde Licht

Ich renne über die Straßen und ich merke, wie mein Kopf immer freier wird. „Ich brauche die Antworten des Philosophen. Aber er soll sie mir sagen, ohne dass ich etwas zerstören muss. Verdammt sei er und verdammt sei die Menschheit.“ Es ist etwas wärmer draußen und ich fühle die Welt, während ich laufe. Nach der Kirche wirkt alles noch grauer als vorher. Ich habe das Gefühl, hinter die Fassaden der Hochhäuser blicken zu können und ihre Natur zu erspüren. Wenn ein Tier stirbt, verlässt ihn sein Geist, seine Seele. Es bleibt nur ein Körper zurück. Eine geistlose Hülle. Der Mensch ist gestorben und zurück bleibt sein Körper. Die Welt ist die Leiche eines grausamen, aber auch fantastischen Wesens. Ich kann nur hoffen, dass, sobald ich sterbe, die Menschheit als ein Geist endlich in eine Form des Jenseits kommen kann und ihren Frieden findet.

Nach einem langen Weg habe ich das Gefühl, umzukippen, sollte ich weiterlaufen. Ich muss wohl einige Zeit unterwegs gewesen sein. Erschöpft überlege ich einige Momente meine nächsten Schritte. Dann hole ich den metallischen Kasten hervor und drücke auf den Knopf. Das Piepen ertönt wieder und es erscheint ein freundlich blickender Philosoph. „Ich habe nachgedacht. Ich werde deine Rätsel fortsetzen.“, sage ich. „Das freut mich. Es ist ja auch nur noch ein weiteres Rätsel übrig. Dann gehen wir es an. Nur als kleine Warnung. Es könnte dich erschrecken, aber es wird nicht gefährlich. Und du musst auch nicht noch einmal etwas nachmachen, was Zerstörung brachte.“, kommt es vom Philosophen zurück. „Okay, das ist in Ordnung. Lass uns beginnen.“, antworte ich. „Gut. Gleich wird die Karte wiedererscheinen. Du musst zu dem eingezeichneten Gebäude gehen. Du wirst nicht ohne Weiteres hineingelangen, deswegen schließe mein System mit dem der Tür zusammen und ich öffne sie.“, erläutert er. Ich sehe die Karte und laufe los. Glücklicherweise bin ich schon während meiner kleinen Tour in die richtige Richtung gelaufen. Trotzdem werde ich wohl den ganzen Tag unterwegs sein.

Als ich das unscheinbare Gebäude erreiche, ist es bereits dämmrig. Ich sehe eine dicke Metalltür im Eingangsbereich. „Zutritt nur für befugtes Personal“, steht da. Ich halte den Kasten an eine Art Schloss. Es summt und die Tür öffnet sich. Ich trete ein und es ist dunkel. Nach einigen Sekunden aktiviert sich ein schwaches rotes Licht. Ich sehe verschiedene Türen und einen langen Gang. „Gehe bis zum Ende des Ganges und dann dort die Treppe hinunter.“, erklärt der Philosoph. Ich tue, wie er sagte und stehe am Ende wieder einer verschlossenen Tür gegenüber. „Was ist das hier?“, frage ich. „Das war die Steuerzentrale für den Fusionsreaktor der Stadt. Du wirst ihn aktivieren und final sehen, was hier passierte.“, antwortet er. Die Tür summt wieder und ich trete ein. In der Mitte des Raumes steht eine Schaltkonsole. „Lege mich auf die Konsole und ich schließe das System kurz.“, kommt es vom Philosophen. Ich lege ihn auf den Tisch und warte. Nach kurzer Zeit knallt es und Rauch steigt von dem Kasten auf. Auf dem Display der Konsole erscheint ein Fenster. „Bestätigung für die Reaktivierung des Reaktors eingeben. Warnung, es ist nicht mehr genug Treibstoff für eine sichere Nutzung übrig.“, steht dort. Ich drücke auf das darunter angezeigte „Bestätigen“ und warte. Es ertönt ein Piepen. „Jetzt musst du dich beeilen, nach draußen zu kommen.“, ruft der Philosoph. Ich schnappe mir den Kasten und renne. Die Sonne muss mittlerweile untergegangen sein. Als ich die dunkle Straße erreiche, ist alles ruhig. Ich schaue mich nach dem versprochenen Ereignis um, sehe aber nichts. Ich blicke in den Himmel und sehe vereinzelt Sterne. Auf einmal scheint der Himmel zu explodieren. Für einen Moment glaube ich, nur noch Farben sehen zu können. Dann folgt der Schall. Als würde die Welt der Vergangenheit mit mir sprechen, kommt ein Lärm aus dem Himmel, den ich nicht für möglich gehalten hätte. Man muss wohl eher sagen, dass mich die vergangene Menschheit anschreit. Ich gehe in die Knie. Nach einigen Momenten schaffe ich es, den Lärm zu filtern und zu verarbeiten. Ich richte mich wieder auf und schaue in den Himmel. Er ist vollständig überzogen von Werbeanzeigen. Ich sehe eine lächelnde Frau, die für ein Dosengetränk wirbt. Sie muss etwa 100 Meter groß sein. Auf einer anderen Werbung beschwert sich ein älterer Mann gerade über die „Zustände“ im Land. Er scheint auf irgendeine Weise für sich werben zu wollen. Seinem Blicken nach zu urteilen, würde er Missgunst oder Konkurrenten schlicht nicht akzeptieren. Für einige Momente versuche ich noch andere Werbungen zu erfassen. Es kommen immer mehr hinzu, bis jede der ersten Werbungen von mindestens drei weiteren überzogen ist. Der Lärm wird unerträglich. Dann wird der Himmel schlagartig hell. Es ist, als wäre es Tag. Das neue Licht kommt aus der Richtung rechts von mir. Ich drehe mich um und sehe eine gewaltige Explosion hinter den Häusern. Während die Explosion dunkler wird, fallen nach und nach alle Werbebilder aus. Der Lärm verstummt. Für einen Moment herrscht wieder Frieden. Dann ertönt ein Knall, der von der Explosion stammen musste. Als auch dieser Ton verstummte, war es so leise, dass ich wieder anfange, an meinem Gehör zu zweifeln. Gerade noch wurde rund um mich geschrien, jetzt hört man absolut nichts mehr. Ich taumle über die Straße und setze mich auf ein mehrere Meter großes Trümmerteil. Nach wenigen Sekunden aktiviert sich der Philosoph wieder. „Das mein Lieber, war Die Menschheit vor dir. Nichts war hier so wie jetzt. Wir sind beim letzten Grund für das „Warum“ angekommen. DAS hat die Menschheit genauso ausgelöscht wie der Hunger oder die Habgier.“, sagt er ruhig. „Ich verstehe schon. Das kann niemand überleben. War die Explosion der Reaktor?“, frage ich nach. „Ja, er wurde überlastet. Ich werde dir nun die Antwort geben, die du suchst. Schalte mich wieder ein, wenn du bereit bist. Nimm dir Zeit und schlafe erst einmal.“, antwortet er ruhig. Ich gehe los und suche mir einen Ort zum Schlafen.


Auf Fortunas Herrscherthron

sass ich hoch erhaben,

bunt vom Blumenkranz gekrönt

blühender Erfolge.

Doch wie schön ich auch geblüht,

glücklich und gesegnet,

nunmehr bin ich tief gestürzt,

ledig jeden Glanzes.


8. Die Wanderung

Ich laufe. Es ist sonnig und relativ warm. Die Temperatur schwankt hier sehr stark. In den letzten Wochen bin ich sehr viel gelaufen. Soweit ich ging, es sah überall gleich aus. Farblos, zerstört, tot. Ich merke, wie ich diese Welt langsam als das annehme, was sie ist. Meine Welt. Ich habe viel über die Erzählungen des Philosophen nachgedacht. Ich war noch einige Tage nach dem Erlebnis mit dem Reaktor leicht verängstigt. Ich verstehe, wie der Philosoph auf seine Antworten kommt. Ich weiß nur noch nicht, was er mir sagen will. Was ist hier konkret geschehen? Wo sind alle Menschen? Ich habe viele Tage nach Antworten gesucht. Dann habe ich lange nachgedacht, wieso ich das Hologramm nicht wieder aktiviert habe. Vermutlich habe ich das Gefühl, erst einmal selbst suchen zu müssen, um meine Antworten zu bekommen. Vielleicht habe ich auch Angst vor dem, was es mir sagen wird. Ich suchte jeden Tag wieder nach Lebensmitteln. Ich fand nicht immer welche. Irgendwann habe ich angefangen, die Kirche zu suchen. Als ob sie vom Erdboden verschluckt worden wäre, fand ich sie nie. Dort muss sich die Menschheit befinden. Ich weiß es. Irgendetwas was einer Antwort ähnlich kommt, stammt oder befindet sich dort. Der Philosoph hat oft mit mir geredet. Er sagte ja viel über mich als Menschen und die alte Menschheit. Aber kann ich eine Spezies sein? Ein einziges Bild dieser Rasse? Nur weil ich mit jeder Veränderung den Durchschnitt der Menschheit verändere? Ist der Mensch nur ein Durchschnitt? Ich weiß es nicht… Aber ich muss es wissen! Ich sehe zwischen den Häusern vor mir Licht. Nach etwa 15 Minuten Laufen komme ich an der Quelle an. Es ist ein gigantischer Platz. Sein Durchmesser misst mindestens einen Kilometer. In seiner Mitte steht die Statue eines Menschen, der nach dem Himmel greift. Sie überragt alle Häuser. Als wäre nie etwas gewesen, glänzt die Statue unbeschädigt. „Ich habe die Teilantworten erhalten, aber es fehlt mir der Schlüssel, um sie zu verbinden. Wie ein Katalysator.“, denke ich und betrachte das Hologramm.

„Was ist er, der Mensch?" Ich mache eine kurze Pause. "Und was bin ICH?“, rufe ich laut aus.

Er erhebt sich aus dem Leben.

In seinen Augen nur?

Alles soll unter ihm erbeben.

Doch der See bleibt glatt,

Der Mensch bleibt stur.


9. Das Ende der Menschheit

Ich aktiviere das Hologramm. Der Philosoph sitzt auf einem Stuhl. Nach einigen Sekunden blickt er auf. „Es ist Zeit vergangen. Ich brauche die Antwort. Was ist hier passiert?“, frage ich und mache bei dem letzten Satz eine ausschweifende Geste über den Platz. „Ist es soweit? Na dann wollen wir mal.“, beginnt der Philosoph während er sich aufrichtet und mich anblickt. Sein Blick schweift kurz über den Platz. Ich glaube, seine Augen zucken zu sehen. „Was ist hier passiert? Das hast du mich gefragt. Du, die Menschheit, fragte mich das…“, sagt er und macht eine kurze Pause. „Das ist geschehen. Der Mensch.“, sagt er und deutet auf die Statue. „Diese Welt war unschuldig und unbewohnt. Dann kam der Mensch. Jetzt ist sie tot. Der Mensch ist hier geschehen. Und das nicht mit bösen Absichten. Ich habe dir mit meinen Rätseln oder Experimenten gezeigt, dass der Mensch an sich lebt und nicht plant. Das er konsumiert, bis er sich selbst verdaut. Das er sich aushungert, damit er essen kann. Die Welt, in der wir leben, stellt uns ständig Fragen. Von Descartes stammt der bekannte Spruch: „Ich denke, also bin ich.“. Descartes nahm diesen Spruch, um sich selbst zu beweisen, dass überhaupt etwas existiert. Meiner Meinung nach gibt es allerdings zwei Dinge, die zwingend existieren müssen. Wenn er denkt, dann muss er sein. Es muss allerdings auch noch das fragen existieren. Wie sollte man sich etwas ohne Fragen fragen? Und die Welt fragte die Menschheit. Sie sprach in gewisser Weise mit ihr. Doch der Mensch antwortete falsch. So wie du. Das waren seine Antworten an die Welt. Und so hat die Welt entschieden, dass der Mensch durch die Prüfung gefallen ist. Er traf Entscheidungen, die ihn erst zum Mensch machen. Allerdings war das auch sein Untergang. Schau dir diesen Mann an. Das ist hier passiert.“, führt er aus. Er blickt wieder in Richtung der Statue. Obwohl er die gesamte Zeit ruhig blieb, glaube ich eine gewisse Wut in seinen Augen zu sehen. „Die Menschheit hat die Welt vernichtet? Was soll denn das für eine Antwort sein. Ja sie stimmt, aber wie genau?“, frage ich. „Verstehst du nicht? Es ist egal was geschah. Es war die falsche Antwort. DU hast mich getötet. Ich habe mich getötet. Wir sind tot und die Welt ist tot. Wir sind nur noch das Echo einer falschen Antwort. Es endete so. Durch den Menschen muss es immer so enden.“, antwortet der Philosoph und blickt mich gerade an. Ich sehe, wie eine einzelne, kleine Träne seine Wange hinunterläuft. „Nein. NEIN. Das war nicht die Menschheit. Vielleicht der Mensch, aber nicht die Menschheit. Einzelne Menschen haben das getan. Das haben sie doch immer. Es gibt das Gute im Menschen! Es gibt gute Menschen!“, rufe ich zurück. Ich werde wütend. „Nach allem was du sahst, was du selbst erlebt hast, willst du das immer noch glauben? Der Mensch ist nicht gut. Er ist nicht schlecht. Er hatte nur nicht recht.“, antwortet er fachlich. „Du bist ein verzweifelter Mann, der versucht, jemanden für sein Schicksal verantwortlich zu machen! Die Menschheit ist ein Durchschnitt. Wenn es in jedem den Egoismus und die Eigenliebe gibt, dann gibt es auch den absoluten Gegenpool. Das Mitleid, die Freundschaft. Als ich in der Kirche war, spürte ich etwas. Liebe, Frieden und Ruhe umströmten mich. Das waren nicht meine Gefühle. Sie müssen sich als alles andere weggerissen wurde, an diesem Gebäude festgekrallt haben. Es war kein Gott, den ich hier spürte. Es war der Geist der Menschheit, der sich mit aller Kraft hielt. Es war nur ein Fetzen. Du kannst die Menschheit nicht anklagen. Sie ist nicht schuldig. Klage Einzelne an. Wahrscheinlich hast du mit den einzelnen Punkten recht, die die Menschheit vernichteten. Aber es war nicht die Menschheit!“, rufe ich. Ich werde richtig wütend. „Ich habe nie gelogen. Ich war auch ein Mensch. Ich habe diese Erkenntnisse als Mensch erschlossen. Es stimmt, so wie es ist“, kommt es zurück. Ich nehme den Kasten und schleudere ihn mit aller Kraft zu Boden. Er zerspringt und das Hologramm erlischt. Ich wende mich ab. „Irren ist menschlich.“, flüstere ich an mich selbst gewandt.

Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war. Stunden, Minuten? Ich blicke auf die Statue. Nach kurzem Überlegen gehe ich auf sie zu. Schon der Sockel ist gigantisch. Am unteren Ende angekommen, sehe ich einen kleinen Riss. Ich komme näher und sehe zwei grüne, gezackte Blätter. Dazwischen befindet sich auf einem Stiel eine Runde, gelbe Blüte. „Es ist wunderschön.“, murmle ich. Eine große Entschlossenheit steigt in mir auf.

„Vielleicht ist das eine tote Welt. Aber es ist immer noch meine!“, rufe ich hinaus.

Ich lache…


Epilog

Ich wache auf. Erschrocken blicke ich mich um. Ich liege in meinem Bett. Die Fenster sind zugezogen. „Das war ein verdammt langer Traum!“, denke ich verwirrt. Ich greife zu einem Glas, welches auf meinem Nachttisch steht und trinke ein paar Schlucke. Es schmeckt nach Plastik. Es schmeckt nach einem langsamen Tod. Immer noch benommen gehe ich auf ein Fenster zu. Ich reiße die Jalousie auf. Beruhigt stelle ich fest, dass die Welt normal ist. Sie brennt. Aber das schon seit Jahren… Ich lege mich wieder schlafen.

 
Quellenangaben
Johann Wolfgang von Goethe - Faust 1 - 1808;
George Orwell - 1984 - 1949;
O Fortuna ~ Carmina Burana - Carl Orff - 1935

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