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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Farbeimer

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24.06.2020
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Farbeimer

In den Ecken wurde es dunkler. Aus den Ritzen und Rissen im Gestein quollen die Schatten, die sich ans morgendliche Licht herantasteten und dieses immer weiter zurücktrieben. Bald war schon jede Ecke in Dunkelheit getaucht, gleich darauf waren es die Wände, die Decke, selbst die Fenster.
Ich verlies das Zimmer, solange der Fußboden noch frei war, und schloss die Tür hinter mir. Doch was kann eine geschlossene Tür schon gegen pure Dunkelheit ausrichten? Die Schatten zwängten sich durch den Türspalt hindurch, während ich, langsam ein wenig alarmiert, die Treppen hinunterlief und mich…

„Der Mann ist wieder da.“
„Welcher Mann?“
„Der Mann, der dir ins Bein geschossen hat.“
„Mir wurde ins Bein geschossen?“
„Ja. Du blutest wie ein gestochenes Schwein.“
„Tatsache. Das sieht nicht gesund aus.“
„Nein.“
„Und das hat ein Mann getan, sagst du?“
„Ja. Er steht draußen am Springbrunnen und raucht.“
„Warum, in aller Welt, hat er mich denn angeschossen?“
„Keine Ahnung. Ist einfach reingekommen, Knarre entladen, wieder gegangen.“
„Hat sich also gegen eine Weihnachtskarte dieses Jahr entschieden.“
„Sieht so aus.“

Ruth lehnt sich an die Wand und nimmt einen tiefen Zug aus ihrem Flachmann. Das Sniper-Gewehr liegt neben ihr in Greifweite, während ihr Säbel quer über ihre Schenkel gebettet ist. Schweiß glänzt in der Abendsonne auf ihrem Gesicht, die kurzen Haare stehen in alle Richtungen ab.
Der Boden unter mir ist rot gefärbt. Nein, Purpur. Scharlach? Nun, das ist nicht wirklich wichtig, es ist in jedem Fall Blut. Und das ist offensichtlich schlecht. Und daran ändert die genaue Farbe des mich verlassenden Lebenssaftes auch nichts. Ich sollte vielleicht etwas gegen diese ganze Sache unternehmen, aber ich fühle mich aus irgendeinem Grund äußerst schwach.
Irgendwo knallt es. Ruth streckt den Hals und späht durch das Fenster, das sich genau neben ihrem Kopf befindet. Eine Fliege schwebt, träge und laut, auf ihr Gesicht zu und setzt sich auf ihre Nase. Sie wedelt das Vieh mit der Hand weg und spuckt aus.

„Sag mal, du hättest nicht zufällig irgendetwas, womit ich meinem Blutverlust etwas vorbeugen könnte, oder?“
„Wie wär´s mit deinem Shirt?“
„Das trag ich doch.“
„Dann zieh´s aus.“
„Na gut.“
„Beinschuss-Typ ist übrigens in den Springbrunnen gefallen.“
„Futter für die Tentakel. Hätte schlimmer sein können.“
„Sieht so aus. Die reißen ihn in Stücke.“
„Würd ich auch machen, wollte ich ihn essen.“
„Was?“

Irgendwo heult ein Köter. Erst ein kurzes Bellen, dann ein lang gezogenes Winseln. Es knallt wieder. Mein Shirt saugt sich mit Blut voll. Fester anziehen. Mein Bein ist ganz taub. Wieder so ein Köter. Und wieder knallt es. Das Blut hört langsam auf, zu fließen. Ob das jetzt daran liegt, dass mein improvisierter Verband tatsächlich funktioniert, oder dass ich einfach kein Blut mehr zu verlieren habe, das kann ich nicht sagen. Wo ist der Boden nun schon nicht rot? Nirgendwo. Selbst Ruth steht auf, weil sie sonst drinsitzt. Die Kraft hab ich nicht.
Eigentlich bin ich ja nichts weiter als ein ökologisch wiederverwertbarer Farbeimer. Ich lache.

„Hör auf zu lachen.“
„Wir sind nichts als Farbeimer. Nichts als Farbeimer.“
„Hör auf mit deinen Farbeimern. Der Springbrunnen ist nicht mehr da.“
„Ach ja? Wo ist er hin?“
„Die Schatten haben ihn verschluckt.“
„Die Schatten?“
„Die Schatten.“
„Oh je.“
„Kannste laut sagen.“

Unter der Tür wuselt die Dunkelheit. Streckt ihre langen Finger voraus, immer weiter, immer weiter, sie färbt mein rotes Blut schwarz. Irgendwo heult ein Köter, während die Schatten den Raum einnehmen. Und es knallt.
Ruth setzt sich langsam wieder hin und schaut mich an. Ich schaue zurück. Starre in ihre Augen, ihre tiefen, blauen Augen, und sie starrt zurück, in meine langweilig braunen. ‚Wir sind alle nichts als Farbeimer‘, sagen meine Augen, und ihre Augen verstehen.
Schatten kriechen über ihre Beine, klettern ihren Oberkörper hinauf, erreichen ihren Hals, so, wie sie es wohl auch bei mir tun. Sie hat keine Angst, ist nur ein wenig enttäuscht. Ich nicke ihr zu. Sie nickt zurück. Die Schatten bedecken ihr Gesicht und greifen in ihre Augenhöhlen.
Ich kann nichts mehr sehen. Alles ist dunkel.
 
Wortkrieger-Team
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16.03.2015
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3.027
Hallo @Maskerade

und willkommen hier.
Einen dritten Text posten, wo du bei den beiden anderen noch nichtmal die Kommentare beantwortest hast und dich auch sonst nicht beteiligst ... hm, so gewinnst du hier keinen Blumentopf.
Das hier ist ein Mitmachforum, keine Ablage.

Gruß, GoMusic
 
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16.07.2020
Beiträge
12
Hallo @Maskerade ,

ich habe gerade deine Kurzgeschichte gelesen und bin irgendwie verwirrt... Ich vermute jetzt mal, dass sich da irgendwie eine versteckte Botschaft in der Kurzgeschichte befindet... Ich komme aber leider selbst nicht so ganz darauf, was die Kurzgeschichte mir sagen soll... Also ich dachte erst so, dass die Kurzgeschichte auf übertrieben komische Weise darstellen soll, dass die Menschen keine Götter sind, also dass etwas Mächtigeres über sie herrscht, aber wie gesagt...Da bin ich mir nicht sicher... Ich finde deine Kurzgeschichte irgendwie halt ein bisschen abgedreht... Die Reaktion auf die Schusswunde war für mich eben ein bisschen zu unheftig... Aber vielleicht gehört das halt eben so... Vielleicht kannst du mir ja auf die Sprünge helfen auch bei der Botschaft der Geschichte...? :)

Liebe Grüße chouette
 

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