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Früchte der Liebe
Etwas liegt bleiern auf Roberts Brustkorb. Die Luft wird ihm knapp und er versucht, den Angreifer von sich herunter zu schieben. Dieser tritt ihn in die Nieren, zieht ihn an den Haaren. Schließlich durchbricht ein gellender Schrei sein Trommelfell.
„Papa!“
Seine Frau Claudia liegt neben ihm und gibt vor, sich in einem Koma zu befinden. Ein stummer Kampf beginnt, eine Art mentales Armdrücken. Wer gibt zuerst nach? Wer schafft es, das Geschrei am längsten auszuhalten und sich schlafend zu stellen? Wer ist heute der arme Tropf, der aufstehen muss, um sich um die Kinder zu kümmern?
Es ist Robert, wie sich bald herausstellt. Wie ein Boxer im Ring erhebt er sich, nur um taumelnd gleich wieder umzukippen. Seine Augen sind wie mit Leim zugeklebt und lassen sich nur zu Schlitzen öffnen. Claudias Nachthemd ist hochgerutscht, ihr Hintern ist ihm entblößt entgegen gestreckt. Das Gefühl, dass er bei diesem Anblick empfindet, ist blanker Neid. Neid auf ihren Schlaf, auf die kostbare extra Stunde, die ihr jetzt, wo sich der Kampf entschieden hat, vergönnt sein wird. Es ist Samstagmorgen, fünf Uhr einundzwanzig.
Sein Sohn Jonas rennt johlend vor ihm die Treppe hinunter. Im Zimmer von Roberts neunzehn Monate alter Tochter riecht es wie im Raubtierkäfig, eine volle Windel liegt achtlos auf dem Fußboden.
„Mellie?“, ruft Robert kraftlos. Wie ist sie aus dem Bett gekommen? Eine Tröpfelspur weist ihm den Weg. Wie ein sekretabsonderndes Insekt hat sie sich ins Badezimmer vorgearbeitet und rollt dort mit der Konzentration eines Herzchirurgen das Klopapier von der Rolle.
Robert greift sich das protestierende Kind und versucht, ihren kräftigen, strampelnden Körper in eine neue Höschenwindel zu zwingen.
Unten im Wohnzimmer toben quackernde Cartoonfiguren über den Bildschirm. Ihre keifenden, hohen Stimmen bohren sich wie Stecknadeln in Roberts Großhirn. Er weiß, dass es völlig unangebracht ist, einen Dreijährigen solch stumpfsinnigen Schrott sehen zu lassen, aber da er zu jeglicher Alternative zu müde ist, bleibt der Fernseher an.
Wie jeder andere Mensch hat Robert die ganze Woche lang gearbeitet. Wie jeder andere Mensch ist er verkatert, da er gestern mit den Kumpels einen trinken war, ein verzweifelter Ausflug in seine verlorene Jugend.
Draußen regnet es in Strömen. Sein Sohn besteht darauf, seine Milch selbst in den Becher zu gießen und schüttet alles daneben. Robert versucht, seine Tochter zu füttern, die wie ein reizbarer Monarch im Hochstuhl sitzt und jegliche Nahrung ablehnt. Im Fernsehen ist jetzt ein unerträglich gutgelaunter junger Mann erschienen, mit Gitarre und Harlekinsmütze. Der Mann versetzt Jonas in eine Art Trance, ruft aber schrille Protestschreie von Mellie hervor. Robert kann es ihr nicht verdenken. Er sucht ein anderes Programm, jetzt allerdings fängt sein Sohn an zu toben. Beide Kinder weinen. Seine Frau ist wie ein Geist aufgetaucht, ihre Haare ein wirres, zerlegenes Vogelnest. Robert säubert den Hochstuhl, auf dem eine Kruste getrockneter Milch und altes Essen wie ein Ekzem kleben. Er und seine Frau verständigen sich, wie eine militärische Spezialeinheit. Knapp und kurz bellen sie sich Befehle zu, ohne sich dabei anzublicken.
„Mellie braucht eine Windel!“
„Jonas hat Hunger!“
Irgendwann, im Laufe des Tages wird einer von ihnen beiden die Nerven verlieren und herumbrüllen. Der andere wird sich nicht die Mühe machen, darauf einzugehen, zu oft kommt es vor.
Ist es nicht endlich Zeit für einen Mittagsschlaf? Robert schaut auf die Uhr. Es ist sieben Uhr zehn. Seine Frau Claudia hat ein Gummibuch auf dem Schoß und macht Tiergeräusche, ein Hauch von Wahnsinn breitet sich aus. Seine Tochter schiebt das Buch weg.
Auf dem Tisch liegt ein offener IKEA Katalog. Robert erhascht einen Blick auf saubere, weißblonde Kinder, die in müllfreien Zimmern ihren kreativen Spielen nachgehen, während ihre gutaussehenden Eltern den Tisch geschmackvoll decken.
Mellie schaufelt Bücher aus dem Regal, effizient wie ein Bauer, der die Ernte einbringt.
Es regnet immer noch. Sie beschließen, irgendwohin zu fahren. Alles ist noch geschlossen. Im Auto breitet sich ein Geruch nach saurer Milch aus. Die Kinder reiben sich hysterisch die Augen, schlafen aber nicht ein. Im Spiegel erblickt Robert seine blutunterlaufenen Augen. Er hat sich weder gekämmt, noch rasiert, noch die Zähne geputzt. Claudias Gesicht ist fleckig und gestresst.
Jonas trampelt gegen den Sitz. Sie werden einen Abstecher auf den Wochenmarkt machen, der hat wenigstens schon auf. Als sie ankommen, schlafen beide Kinder tief und fest. Ein Rotzkristall glitzert unter Mellies Nasenloch. Robert und Claudia sind zu müde, um wach zu bleiben und zu angespannt, um einzuschlafen. So sitzen sie, in einer Art Halbleben gefangen und dämmern im Auto vor sich hin. Versuchen, den Nebel der Tage und die Anarchie der Nächte zu verarbeiten. Es ist neun Uhr vierzehn.
Ihr Auto steht vor dem „Theatercafe“. Da haben sie sich vor zehn Jahren kennengelernt.

