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Gänseblümchen

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24.06.2001
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Gänseblümchen

Er stand vor diesem Geschäft. Schöne Sachen gab es dort zu kaufen. Eine gut gekleidete Frau ging in das Geschäft ohne ihn nocheinmal empört anzusehen. Er ging weiter, Lebensmittel wollte er kaufen. Er erreichte den Supermarkt in dem alles günstiger ist als in den anderen. Warum eigentlich? Er ist doch viel bunter. Den Namen konnte er nicht lesen. Er kaufte ein paar Sachen ein, Reis, Brot, Wasser, Obst. Dort hinten sind ein paar Hemden und eine Hose, die sehen aber nicht so schön aus wie die im Geschäft vorhin. Dennoch findet er ein Hemd das ihm gefällt. Er nimmt es mit zur Kasse und stellt sich an. Ein älteres Paar drängte ihn zur Seite und begann die Artikel auf das Band zu legen. Ohne einen Kommentar zu sagen ordnete er sich hinter das Paar und begann nun seine Artikel, darunter auch das Hemd, auf das Band zu legen. Ohne Worte kassierte die Verkäuferin und Er verließ das Geschäft. Er lief zur U-Bahn, so wie man es ihm gezeigt hatte. Ein Obdachloser stand auf der Treppe und spuckte das Bier aus dem Mund als Er ihn passierte. Er hasste U-Bahn fahren. Die Leute schauen ihn immer so komisch an. Er fuhr bis zur Endstation. Er hatte es von dort nicht mehr weit bis zu seiner Unterkunft. Er teilte sie sich mit fünf anderen Personen. Einige von denen mochte er jedoch nicht leiden. Sie hatten komisches Zeug unter dem Bett und wenn sie es nicht selbst brauchten dann gingen sie hinaus in die Stadt und gaben es anderen. Dafür bekamen sie Scheine. Er kaufte sich jedoch nie Sachen mit diesen Scheinen. Es mussten schlechte Scheine sein. Er erreichte die Unterkunft. Vor ihr standen ein paar junge Leute mit kurzen Haaren und sagten irgendwas zu ihm. Er beschleunigte seinen Schritt und war froh als er seine Unterkunft betrat. Er lehrte den Inhalt der bunten Tüte aus und zog sein neu gekauftes Hemd an. Es klopfte an der Tür und die Mutter der Nachbarfamilie dieser Unterkunft benötigte seine Hilfe. Ihrer Tochter ginge es schlecht. Er half ihr. Er, der Medizin studierte konnte erstmals in der Unterkunft helfen. Er wollte eigentlich nie in diese Unterkunft, aber nun konnte er helfen. Seine Eltern schickten ihn damals hierher. Es war schon eine merkwürdige Reise hierher gewesen. Einmal mussten sie sogar des nachts ein Stück durch den Wald laufen. Ein paar Leute in Anzügen kamen hergelaufen und nahmen sie mit. Er sass zusammen mit den Mitreisenden und seinem "Reiseleiter" in einem Büro. Einige der Mitreisenden sah er nie wieder. Er musste in diese Unterkunft bis man wusste was mit ihm geschah. Man sagte ihm das er vorerst in dieser Unterkunft bleiben durfte. Ob seine Eltern wohl enttäuscht wären wenn er zurückkommen würde? Nachdem er etwas gegessen hatte legte er sich zu Bett und träumte von daheim. Er weinte und sah in seinen Träumen seine kleine Schwester die er über alles liebte. Das Mädchem dem er vorhin geholfen hat sah auch so ähnlich aus wie seine Schwester. Eine Scheibe klirrte und sein Zimmer stand in Flammen. Er weckte die anderen und gemeinsam flüchteten Sie auf den Gang. Er klopfte an die Tür der Nachbarfamilie. Auch hier war das Springen einer Scheibe zu vernehmen. Rauch trat unter der Tür hervor. Er öffnete gewaltsam die Tür zur Nachbarsfamilie und sah die verzweifelten Eltern wie sie versuchten ihr Kind zu retten. Niemand konnte es mehr retten. Er fiel um. Als er aufwachte fand er sich in einem Raum wieder. Luxeriös war es hier eingerichtet in diesem Raum. Neben ihm lag ein Mann. Er schaute ihn auch so komisch an wie die Menschen auf der Strasse. Ein kleines Mädchen kam hinein und küsste den Mann der neben ihm lag. Das Mädchen ging dann anschliesend zu ihm, gab ihm ein gepflücktes Gänseblümchen und sagte: "Hallo ich heisse Jessica und wer bist du?" Der Mann der naben ihm lag schaute nun nicht mehr so komisch wie vorhin. Der Mann lächelte nun.
Er konnte die Träne nicht unterdrücken.....

 
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24.06.2001
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Gratulation! Dir ist eine unglaublich mitreissende Kurzgeschichte gelungen, die ich nicht wage ausschließlich mit "Fremdenhass"zu interpretieren, weil ihr dies wohl nicht gerecht werden würde. Sie ist sehr vielschichtig gestaltet. Der ausgereifte und dem Thema angemessene Stil führt den Leser auf das versöhnliche Ende zu und lässt doch einiges offen und der Phantasie somit freien Lauf. Diese Kurzgeschichte veranschaulicht, wie fremd sich Ausländer in einem Land fühlen können, wenn sie nicht integriert und geachtet werden, sondern Gewalttaten und Aggressionen Einzelner nahezu schutzlos ausgeliefert sind. Geradezu belehrend ist das Handeln des Protagonisten, welcher andere Menschen vor dem sicheren Tod zu retten versucht, ohne auf sein eigenes Leben zu achten. An den Reaktionen vieler beteiligter Personen lässt sich erkennen, wie abweisend auch unser Land gegenüber Ausländern ist und wie wenig unternommen wird, um sie wirksam zu schützen.
Eine bewundernswerte Geschichte, die dem Leser darüber hinaus einiges an Lesefreude bietet.
Mach weiter so!!!

- Toby -

 
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Wernerhans

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Diese Geschichte trägt in sich eine ungeheuere Spannung. Das liegt an den lakonischen Sätzen, an der Kürze des Erzählens, mit dem alltägliche Situationen beschrieben werden, das Einkaufen, das Zurückkehren zur "Unterkunft" usw. Die Kürze der Sätze und die absolute Verweigerung, etwas über die Hauptperson, über das "er", auszusagen, geben der Geschichte ihre unvergleichliche Spannung. Es ist wie ein Rätsel. Der Leser fragt sich, wer dieser "Er" ist und welcher Art die Unterkunft ist, in der er haust. Bei der Schilderung der Probleme, welche bei der Emigration entstehen, hat der Leser langsam eine Ahnung, dass es sich um einen Fremden, einen Aussiedler, handeln muss. Aber die eigentliche Dramatik des Geschehens wird erst deutlich in der kontrastiven Gegenüberstellung von ärztlicher Hilfeleistung und dem Brandanschlag. Das tote Kind seinerseits ist wiederum ein tragisches Gegenbild zu dem Mädchen Jessica, welches am Ende der Geschichte in wunderschöner Symbolik dem Mann ein Gänseblümchen anbietet. Ich bewundere an der Geschichte die linerare Folgerichtigkeit der Ereignisse, die dramatische Wucht der Geschehnisse, welche sich in kürzesten Sätzen darbieten. Den Autor, den ich unter dem Namen "Domm" kenne, möchte ich bitten, in seiner Art weiterzuerzählen.Vielleicht ist es gut, wenn man dem Leser vorenthält, was die handelnden Personen wirklich empfinden. Vielleicht ist das eine produktive Art des Schreibens, welche den Leser zum produktiven Lesen anstachelt.

Hans Werner

 
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30.06.2001
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Eine, ich würde mal sagen, wertvolle Botschaft geht von dieser Geschichte aus. Ich mag normalerweise keine Happy Ends, aber eigentlich hat sie ja auch kein Happy End, solche Geschichten passieren, und das immer wieder.
Was die Geschichte aber definitiv hat, das ist Hoffnung. Davon kann man nie genug verteilen.
Es ist eine wirklich gute Geschichte, auch interessant und gut lesbar geschrieben. Zwischendurch stockt sie für meinen Geschmack ein klein wenig, aber ich hatte trotzdem große Freude beim lesen.


Peace 'n Harmony

 

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