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Ganz anders als Holden Caulfield

MRG

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Anmerkungen zum Text
Hab versucht J.D. Salingers Stil zu kopieren, um zu gucken, wie sich das anfühlt.

Ganz anders als Holden Caulfield

Wenn ihr was von mir hören wollt, dann bestimmt, warum ich immer so verschlossen und abweisend bin. Solltet ihr jetzt denken, dass ich anfange zu fluchen oder von der Schule geflogen bin, dann habt ihr euch getäuscht. Bin zwar ein Riesenfan von Holden, aber ich bin ganz anders. Manchmal wäre ich gerne so mutig wie er. Ich traue mich nicht, einfach mal nachts abzuhauen und alleine in einem Hotel zu schlafen, wo Perverse sind. Nee, das kann ich nicht. Ich kann auch keine Mädchen aufziehen oder mir lustige Sprüche ausdenken. Bin wirklich ganz anders als er.

Ganz genau kann ich euch nicht sagen, warum ich so verschlossen bin. Ich kann mich an den Tag erinnern, als meine Schwester das erste Mal meinte, ich sei so abweisend. Es war ein kühler Tag und wir waren bei uns im Garten. Ihr müsst wissen, wir haben einen Garten mitten in der Stadt. Eigentlich darf ich das gar nicht erzählen, wenn meine Eltern das erfahren, dann krieg ich Ärger. Die mögen nicht, wenn ich angebe. Jedenfalls war es bei uns im Garten, meine Schwester wollte mit mir Karten spielen. Aber ich hatte keine Lust. Habe meinen Laptop rausgeholt, mein Terminal geöffnet und Befehle eingetippt. Und da hat sie dann so ein komisches Geräusch gemacht, aber geguckt habe ich immer noch nicht. Dann hat sie meinen Laptop einfach zugeklappt. „Du bist immer so abweisend!“, hat sie gesagt und ich glaube, sie war wütend. Mir tat das schon leid, aber ich wusste so gar nicht, was ich da machen soll. Ihr müsst wissen, ich bin nicht so der Emotionale und ich verstehe nie, was andere von mir erwarten. Am liebsten will ich einfach nur meine Ruhe und programmieren oder lesen. Diese ganze Gefühlssache, die liegt mir einfach nicht. Und ich will auch nicht weiter drüber nachdenken, denn dann fühl ich mich komisch. Denke dann immer, dass ich anders bin. Bei dem Gefühl mache ich dann immer meinen Laptop auf und fange an zu programmieren. Am liebsten schreibe ich richtig komplizierte Programme, die keiner von meinen Freunden kapiert. Um genau zu sein, die wissen gar nicht, dass ich programmiere, weil ich das nie gesagt hab. Besonders viele Freunde hab ich auch nicht, bin eher der Typ Einzelgänger. Gebt mir ein komplexes Problem zum Programmieren und ich bin der glücklichste Mensch überhaupt. Das ist wie ein Puzzle für mich, die ich als Kind manchmal gelöst hab. Erst ergibt gar nichts einen Sinn und dann kommen die bunten Buchstaben und die Klammern. Das ist wie Fliegen nur irgendwie besser. Aber diese ganze Gefühlssache, nee, das ist nichts für mich. Hab natürlich schon drüber nachgedacht, woran das liegen könnte. Ich kann's nicht sagen. Hab da allerdings ein paar Theorien.

Ich hab immer für alles Theorien in meinem Kopf, die bilden sich einfach so. Wollt ihr die hören? Einmal hab ich gedacht, dass in meinem Kopf kein Gehirn ist, sondern eine kleine Maschine. Das ging so weit, dass ich mir einen Magneten an den Kopf gehalten hab, um zu gucken, ob was passiert. War aber nicht so, komplette Fehlanzeige.
Die zweite Theorie war, dass ich ein Außerirdischer bin. Habe mir dann vorgestellt, wie mich meine Eltern adoptiert haben von einem anderen Planeten und es einfach vergessen haben zu erzählen. Jetzt weiß ich, dass das Unsinn ist. Aber man muss alle Möglichkeiten durchgehen. Hab nämlich ein Buch gelesen, da ging es um Außerirdische, und da wusste ich, dass das nicht sein kann. Denn ich sehe ja genau so aus wie die anderen und habe auch keine grüne Haut oder so. Und mein Kopf hat auf den Magneten wirklich überhaupt nicht reagiert. Das hätte mich vielleicht überzeugt.

Meine neueste Theorie ist, dass die anderen einfach anders sind, und ich der einzig Normale. Ehrlich gesagt langweilen mich die anderen echt total. Immer wollen sie mit einem Lederstück einen Bereich treffen, der von zwei Pfosten und einem Netz abgegrenzt ist. Und dann feiern die sich, wenn sie treffen. Das kann ich überhaupt nicht kapieren, wer freut sich denn über so was? Etwas Langweiligeres gibt es doch gar nicht, da ist es doch klar, dass ich verschlossen bin. Lieber löse ich Probleme und mathematische Gleichungen oder so. Das hört sich an, als wäre ich ein ganz furchtbarer Streber und leider stimmt das auch irgendwie. Bin wirklich das komplette Gegenteil von Holden. Holden Caulfield. Als ich seine Geschichte gelesen hab, da hatte ich zum ersten Mal Gänsehaut. So was passiert mir nie, ich bin wie gesagt nicht so gut mit dem Fühlen. Aber Holden, der war klasse. Ich hab das Buch Weihnachten geschenkt bekommen und an zwei Tagen durchgelesen. Danach gab's dann Riesenärger - hab alle Kellerfenster bei uns zerschlagen. Ich wollte halt wissen, wie sich das anfühlt. Da kann man nix machen. Falls es euch interessiert: Hab keinen bleibenden Schaden davongetragen, ich kann meine Hand immer noch zur Faust ballen. Und naja, so ist das eben. Wenn mir eine neue Theorie einfällt, dann lass ich's euch wissen.
 
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MRG

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12.03.2020
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Guten Abend @AWM und @zigga,

vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Bin momentan im Unistress. Aber wollte euch kurz wissen lassen, dass ich mich gefreut habe. Sobald ich wieder etwas Luft habe, werde ich ausführlich antworten.


Beste Grüße
MRG
 
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Lieber @MRG ,

ich war Ewigkeiten nicht mehr hier im Forum unterwegs und entsprechend ungelenk im kritisieren.
Trotzdem wollte ich dir einen kurzen Eindruck dalassen:
Ich mag deinen Erzähler jetzt schon gern und hab die Geschichte gerne gelesen.
Allerdings ist sie (finde ich) noch keine Geschichte. Es ist eher der Anfang eines Romans für mich. Denn die Idee deiner Figur ist wirklich schön und ich denke, sie echt die Chance, eine liebenswürdige, auch tiefergründige, auch humorvolle, auch philosophische (und was weiß ich, was es noch alles gibt:-) Erzählung zu werden.

Solltet ihr jetzt denkt,
Weil ich immer so stolz bin, wenn ich auch mal einen Fehler finde: Ha. Da ist einer! :-)

Ich kann auch keine Mädchen aufziehen oder mir lustige Sprüche ausdenken.
Gefällt mir nicht so gut. Klingt irgendwie altbacken, oder? Vielleicht einfach: Ich kann auch nicht mit Mädchen.
Jetzt weiß ich, dass das Unsinn ist. Aber man muss alle Möglichkeiten durchgehen.
Mag ich.
Das hört sich an, als wäre ich ein ganz furchtbarer Streber und leider stimmt das auch irgendwie.
Ich mag ihn sehr gern.
So was passiert mir nie, ich bin wie gesagt nicht so gut mit dem Fühlen. Aber Holden, der war klasse.
Ich mag ihn sehr, sehr gern.

Liebe Grüße vom Lotterlieschen
 

MRG

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12.03.2020
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Guten Abend @AWM,

so jetzt komme ich zum Antworten. Habe mich über deinen Kommentar gefreut und finde ihn wertvoll. Ich habe deine Vorschläge weitestgehend eingebaut, weil mich das überzeugt hat. Ich habe jetzt das Gefühl, dass der Text noch etwas geschmeidiger ist und weniger Dopplungen drin sind. Danke! Allerdings möchte ich noch einmal auf zwei Punkte eingehen:

Das hört sich an, als programmiere er ein komplexes Problem.
Ich habe den Punkt nicht so richtig verstanden. Mir ging es darum, dass er es liebt komplexe Probleme zu lösen und dafür den Code zu schreiben. Ich habe die Stelle etwas erweitert, bin mir aber noch nicht ganz sicher, ob es deinen Punkt trifft.

Mir persönlich ist dieses Fußballunverständnis a la "22 erwachsene Männer laufen einem Ball hinterher" ein wenig zu klischeehaft.
Ja, das stimmt. Fußball ist natürlich der Klassiker, allerdings finde ich es an der Stelle schon passend. Fußball ist ja gerade in dem Alter ziemlich präsent (zumindest war das bei uns damals so) und wir waren damals wirklich komplett geschlossen als Klasse in einem Fußballverein. Deshalb hat mir das Beispiel gut gefallen.

Vielen Dank für deinen Kommentar, der meinen Text besser gemacht hat. Hab über deine Geschichte "Roundworm" in letzter Zeit übrigens noch häufiger nachgedacht. Ist mir irgendwie im Gedächtnis geblieben. Falls du da noch eine Geschichte zu in petto hast, gerne posten.

Ich wünsche dir einen erfolgreichen Start in die neue Woche und noch einen schönen Restsonntag.

Beste Grüße
MRG

Guten Abend @zigga,

vielen Dank für deinen Kommentar.

Ein Garten in der Stadt, kommt mir sehr durchschnittlich bürgerlich an, aber jetzt nicht superreich

Nur, wenn wir sehen, wie jemand handelt, spricht, reagiert, bekommt man als Leser ein Bild davon, wie jemand ist. Dein Erzähler behauptet hier: "Ich bin nicht der Emotionale", aber ich kriege kein Bild davon.

Eins von beiden kannst du streichen!
Erledigt.

Habe das verbessert und auch den anderen Vorschlag zum Streichen eingebaut.
Dann bleibt von der Anfangsaussage nicht mehr viel übrig und ich frage mich als Leser, warum er das überhaupt gesagt hat
Ich hatte mir das so vorgestellt, dass diese Stelle seine Andersartigkeit zeigen soll und seine vertrackte Situation. Er steckt voller Konflikte und kann anderen gegenüber seine Bedürfnisse nicht gut zum Ausdruck bringen. Allerdings finde ich deinen Punkt ziemlich plausibel, da muss ich noch mal überlegen, wie ich das am besten umbauen kann. Mir ist schon wichtig, dass man diese Verzweiflung merkt.

Wie sieht das aus, wenn er Programmiert? Was programmiert er? Wie sehen Probleme aus? Wieso braucht er ein Problem, um zu programmieren?
Ja, das stimmt. Ich habe das etwas erweitert. Hoffentlich wird das etwas klarer.

Man merkt, dass da etwas ist, dass du etwas erzählen möchtest. Und das ist viel wert. Ich fand die Referenz zu Caulfield auch schön, auch, dass dein Prot so eine Art Eureka-Moment beim Lesen vom Fänger hatte.
Das habe ich gerne gelesen.

Richtig rausfinden, ob ein Erzähler Wahres über sich sagt, kann man als Leser meiner Ansicht nach fast nur, wenn man seine Handlungen beobachten kann; wenn bspw. jemand über sich sagt, er sei mutig, und dann liest man eine Szene, in der er auf eine befahrene Straße rennt, um einen Igel dort zu retten.
Das finde ich einen richtig guten Punkt, der mich zum Nachdenken bringt. Ich kann mich erinnern etwas ähnliches in dem Buch "Story" von Robert McKee gelesen zu haben. Das ist mir hier noch mal deutlicher geworden und ich werde das für meine weiteren Texte berücksichtigen.

Ich bin gespannt, was noch von dir kommt!
Liest sich für mich ausgesprochen ermutigend, danke! Habe deinen Kommentar genossen und das Gefühl, etwas Neues gelernt zu haben. Das habe ich besonders gerne.

Wünsche dir noch einen schönen Sonntag und einen guten Start in die Woche.

Beste Grüße
MRG



Guten Abend @Lotterlieschen,

habe mich über deinen Kommentar gefreut, danke.

ich war Ewigkeiten nicht mehr hier im Forum unterwegs und entsprechend ungelenk im kritisieren.
Trotzdem wollte ich dir einen kurzen Eindruck dalassen:
Wie schön, dass du dir die Zeit genommen hast. :-)

Ich mag deinen Erzähler jetzt schon gern und hab die Geschichte gerne gelesen.
Das lese ich gerne.

Es ist eher der Anfang eines Romans für mich. Denn die Idee deiner Figur ist wirklich schön und ich denke, sie echt die Chance, eine liebenswürdige, auch tiefergründige, auch humorvolle, auch philosophische (und was weiß ich, was es noch alles gibt:-) Erzählung zu werden.
Ich habe den Text als Experiment gesehen und da freue ich mich auf jeden Fall, dass du den Prota magst. Meine Befürchtung ist jedoch, dass ich zu sehr die Struktur von J.D. Salinger kopiere, denn er ist ja in einer ähnlichen Art in seinen Roman eingestiegen (natürlich viel, viel besser als ich das jemals könnte). Ich weiß nicht, ob da genug eigenes dabei ist.

Weil ich immer so stolz bin, wenn ich auch mal einen Fehler finde: Ha. Da ist einer! :-)
Danke, ist verbessert! :-) Sehr aufmerksam.

Klingt irgendwie altbacken, oder? Vielleicht einfach: Ich kann auch nicht mit Mädchen.
Muss zugeben, dass ich da versucht habe J.D. Salinger zu kopieren und irgendwie hört sich das in meinem Kopf gut an.

Ich mag ihn sehr gern.
Freut mich zu lesen. Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, um zu kommentieren. Ich weiß das zu schätzen.

Wünsche dir noch einen schönen Restsonntag und auch einen guten Start in die Woche.


Beste Grüße
MRG
 

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