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03.09.2024
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Willi starb an einem Sonntag im August. Einen Tag nach dem Konzert in Hamburg. Die Medien waren voll mit Berichten und Nachrufen. Ein tragischer Unfall ohne Verdacht auf Fremdeinwirkung. Eigenverschulden aus Unkenntnis und Missachtung von Verbotsschildern. Ich wurde namentlich nicht erwähnt. Ich war nur der Drummer.

Der Schlagzeuger ist meist der Vollpfosten einer Band. Ich weiß, wovon ich rede. Ich sitze hinter meinen Tom-Toms und Hi-Hats, während die anderen vorne die Sau rauslassen und angehimmelt werden. Gerieten sie aus dem Takt, war ich schuld. Paul, der Gitarrist ejakulierte bei jedem Einsatz, der Bassist spielte die coole Sau und dann war da noch unser Sänger Willi. Der reine Psycho. Wenn der seine Verrenkungen machte und sich in den Schritt fasste, als wäre er Michael Jackson, fragte ich mich, was bei dem schiefgelaufen ist in der Kindheit. Vor allem durfte niemand Willi zu ihm sagen, dann rastete er aus. Sein Künstlername war Charlie Melmo. Willi war ein Name aus einem anderen Leben, entsorgt wie ein Irrtum der Evolution. Ich nannte ihn trotzdem so, hin und wieder. Dafür hasste er mich und ich musste zahlen. Bei den Auftritten bekam ich nur ein kurzes Solo. Keine In-A-Gadda-Da-Vida-Nummer über zehn Minuten, es durfte höchstens eine dauern. Willi bestand darauf. Dann waren alle froh, dass es vorbei war und die Jungs vorne hampelten wieder ihre Show ab.

Das mit dem Strom kam später. An das erste Mal erinnere ich mich genau. Wir waren auf der „Verdacht-Tour“, so hieß unsere Tournee, die Werbeagentur des Labels hatte sie so vermarktet wegen des gleichnamigen Hits.

Ich habe den leisen Verdacht
Du hast all das für mich gemacht
Und ich weiß, dass du weißt
Es wird heiß heut Nacht

Gott im Himmel, der Rest war noch schlimmer. Einfache Nummer in C, F und B-Dur, immerhin griffige Beats. Beim letzten Vers fasste sich Willi auf der Bühne zwischen die Beine und leckte seine fetten Lippen. Richtig üble Nummer. Außer Willi und dem Label gab niemand einen Pfifferling drauf. Aber das Ding wurde ein Hit, keine Ahnung, warum. Die Konzerte waren ausverkauft, auch in Berlin, wo wir in einem Hotel in Wilmersdorf übernachteten. Nach der Show waren die Kollegen in irgendwelchen Clubs unterwegs, trafen Freunde, Willi war auf Frauenjagd, genauso wie Paul, der Gitarrist. Ich machte einen Spaziergang in der Hotelumgebung um den Prager Platz. Ein lauer Sommerabend, aber die Gegend dort war tot um diese Zeit. Ich legte mich schlafen.

Nachts weckte mich ein Geräusch. Ein leichtes Zischen oder Fiepen übereinander gelagerter Töne, wie ein Rauschen im Kurzwellenkanal. Das Handy zeigte zwei Uhr an. Als ich das Licht anschaltete, war es weg. Ich öffnete das Fenster. Draußen war alles still. Auch im Flur ließ sich kein Laut vernehmen. Ich legte mich zurück ins Bett und drehte das Licht aus. Nach kurzer Zeit ging es wieder los. Leise, zaghaft, ein kleines Zischen, wie eine Frage, gefolgt von einem Rauschen in verschiedenen Frequenzen, als käme eine Antwort.
So fing es an und so war es dann jede Nacht. Ich schlief nicht mehr, hatte panische Angst vor dem Moment, in dem ich den Lichtschalter betätigte. Ich habe mit keinem darüber gesprochen. Sollte ich etwa sagen: „Hey Jungs, jetzt mal eine gute Nachricht: Ich kann den Strom hören.“ Die hätten mich aus der Band geworfen. Niemand kann den Strom hören, schon klar. Niemand, außer mir. Ich wusste, wo er fließt in den Wänden. Von der Steckdose neben dem Bett waagerecht über der Fußleiste, an der Tür senkrecht hoch zum Lichtschalter, von da weiter zur Deckenleuchte. Ich hörte ihn in seinen Leitungen. Ich schaltete das Licht nicht mehr aus, es half nichts. Nach wenigen Minuten kehrte das Wispern zurück. Ich nahm Schlaftabletten, probierte es mit jeder Menge Alkohol, ja, Drogen auch. Es änderte nichts, an Schlaf war nicht zu denken. Ich war verrückt geworden.
Vor dem Konzert in Hamburg hielt ich es nicht mehr aus und erzählte es den Jungs.
„Geh zum Arzt!“, riet mir Willi. „Oder nimm das hier! Hilft gegen alles.“
Er hielt eine kleine Pille hoch.
„Psychiater“, schlug Paul vor, klopfte auf seine Fender-Gitarre, die er nie aus der Hand legte und tippte an seine Stirn. „Zur Not könnte mein Bruder einspringen, der hat gerade mit Schlagzeug-Unterricht angefangen.“
Paul verletzte gern andere Leute, am allerliebsten mich.
„Nimm endlich Ohrenstöpsel“, sagte der Bassist. „Das Schlagzeug pustet dir die Ohren weg. Jeder Drummer hat die. Du hast eine Art Tinnitus.“
Willi drückte mir die Pille in die Hand. „Nimm die, heute Abend ist Showtime! Dein Solo fällt flach, den Rest schaffst du, ich kann nicht alles allein machen!“

Ich hielt durch, das Konzert in Hamburg war grandios. Der Adrenalinpegel, wenn einem Tausende Fans zujubeln, ist unbeschreiblich. Ich war der Taktgeber, die Stütze, das verdammte Korsett der Band. Ich bin nicht nur ein guter Drummer, ich bin der Beste. Ein Gott der Becken, der Magier der Sticks. Zurück im Hotel in der Nähe des Schanzenviertels fiel die Euphorie ab, vielleicht ließ die Droge nach. Ich fragte Willi. Der hatte noch eine. Ich verschwand in meinem Zimmer.
In der Nacht klopfte es an der Tür. Ich öffnete und ein Mädchen drängte sich herein. Sie sah mir kurz ins Gesicht, dann wanderte ihr Blick auf den Boden. Sie sah sehr jung aus.
„Wer bist du denn?“
„Jane“, flüsterte sie.
„Und wie heißt du wirklich?“
„Hanna“, sagte sie.
„Wie alt bist du?“
„Achtzehn.“
Es klang trotzig.
„Musst du morgen nicht zur Schule?“
„Morgen ist Sonntag“, sagte sie.
„Du wolltest nicht zu mir, oder?“
„Schon“, sagte sie. „Ich dachte nur, der Sänger wäre auch hier.“
Ich nickte, dann polterte es kurz und Willi stürmte ins Zimmer. Er hatte ein Faible für gutes Timing. Sein Blick nahm mich gar nicht wahr, er musterte das Mädchen von oben bis unten.
„Wen haben wir denn da?“
„Jane“, hauchte Hanna.
„So, so“, sagte Willi. „Ich bin Charlie Melmo.“
„Ich weiß“, sagte Hanna.
„Wolltest du zu mir?“, fragte Willi. Er warf mir einen spöttischen Blick zu.
Hanna nickte und blickte wieder zu Boden.
„Du entschuldigst uns doch, oder?“, fragte er mich.
Er nahm ihre Hand und verschwand mit dem Mädchen. Ich starrte ihnen nach, schloss die Tür und legte mich aufs Bett. Betätigte den Lichtschalter. Licht aus. Dunkel. Es dauerte nicht lang. Ein winziges Zischen. Ein Knacken, ein Rauschen, das lauter wurde, anschwoll zu einer Symphonie. Ich lag da und lauschte. Der Strom sprach zu mir. Ich hörte zu.

Die Abreise am nächsten Morgen gestaltete sich schwierig, der Tourbus war ausgefallen. Getriebeschaden. Das Gemecker war groß, es wurde ein Transporter organisiert für Teile des Equipments, wir nahmen die Bahn. Irgendwo in Niedersachsen war Schluss. Der Zug fuhr nicht weiter, aus technischen Gründen, hieß es. Wir mussten aussteigen und warteten auf die Anschlussverbindung. Willi pöbelte den Tourleiter an, Paul streichelte seine Fender, wie um sich selbst zu beruhigen, der Bassist saß gelangweilt auf einer Bank. Das Kamerateam holte sich Kaffee vom Bahnhofskiosk. Ein paar Reisende standen am Bahnsteig und beobachteten uns. Vermutlich hatten sie uns erkannt.
Die norddeutsche Tiefebene kann etwas deprimierend Banales haben, aber manchmal gibt es bunte Punkte in der Tristesse. Auf einem Nachbargleis stand ein alter Güterwaggon unter einer Oberleitung, zerschlissen, mit Graffiti vollgesprüht, die Fenster teilweise eingeschlagen. Wie aus einem Film. Ich sah auf den Waggon und hörte den Strom zum ersten Mal im Freien. Er hatte nichts Zischendes, kein Rauschen, es klang wie ein Grollen. Die anderen nahmen es nicht wahr, sie mussten alle taub sein. Ein Brodeln, wild und roh. Ich stand am Gleis und lauschte.
Willi machte dem Tourleiter immer noch Vorwürfe. Der wies darauf hin, dass er weder was für defekte Getriebe, noch für das Funktionieren der Deutschen Bahn konnte. Ich ging zu den beiden und legte Willi die Hand auf die Schulter. Er schlug sie weg.
„Was?“
Ich setzte ein beleidigtes Gesicht auf.
„Charlie, wir können es doch nicht ändern, der nächste Zug ist unterwegs. Lass uns die Zeit für was Kreatives nutzen! Siehst du den Waggon da drüben?“
Er sah auf den heruntergekommenen Schrotthaufen.
„Und?“
„Das Kamerateam ist da. Stell dir vor, du auf dem kaputten Zug. Graffiti, zersplitterte Scheiben, dein Ledermantel, die Westernstiefel, Siegerpose, dein Haar weht im Wind. Als nächstes Plattencover nicht zu toppen, würde ich sagen.“
Willi sah aus, als würde er mich schlagen wollen. Sein Blick schwenkte auf das Wrack, auf die verrosteten Räder, die vergilbte Farbe des Stahls, das marode Bahnhofsdach im Hintergrund. Er begriff das Bild, sah sich dort oben stehen mit wehendem Mantel. Er nahm meinen Kopf und küsste mich, nein, nicht auf die Stirn, sondern auf den Mund. Mit seinen fetten Lippen. Das war nicht schön, der Rest schon, es war wie in einem Roadmovie. Ich beobachtete, wie sie über die Gleise gingen und Willi hinaufhalfen. Wie sich das Kamerateam positionierte. Er oben in gebückter Haltung, sich langsam aufrichtete, während der Strom in der Oberleitung fauchte.
„Charlie!“, rief ich ihm zu. „Nimm die Arme hoch, Siegerpose!“
Willi schwankte etwas, fing sich dort oben und lächelte. Lächelte uns allen zu an diesem wunderschönen Sommertag, an dem nicht eine Wolke den blauen Himmel verschmutzte. Eine sanfte Brise ließ seine Haare wehen und er blickte hinunter auf uns, die sich versammelt hatten, um ihn zu fotografieren. Ihm huldigten, dem Star von DPM, der Pop Maschine, die seit Wochen die Nummer Eins der Charts war und deren „Verdacht“-Tour alle Rekorde brach. Er öffnete den Ledermantel, und stellte einen Fuß nach vorn. Der Kameramann schoss die ersten Fotos.
„Die Arme!“, rief ich.
Willi stand auf dem Waggon, sah zu mir und zeigte auf mich. Warf mir eine Kusshand zu. Er war so weit oben. Dann hob er triumphierend die Arme, die Kamera klickte. Es war nah genug. Der Lichtbogen bildete sich. Ich hörte, wie der Strom das Gefängnis der Stahlseile mit einem Fauchen verließ, die anderen sahen nur die Funken. Den Geruch nach verbranntem Fleisch werde ich nie vergessen.
Paul stand auf dem Gleis, nicht weit entfernt, er hatte seine Fender fallen lassen. Der Arsch ließ seine Gitarre sonst nie los, nun blickte er fassungslos auf die Szene. Dann sah er ungläubig zu mir. Ich starrte zurück. In der Trasse oben röhrte der Strom.

Das Management sagte die Tour ab, ohne Sänger ging es nicht. Allen war unklar, wie es weitergehen sollte. Oder ob überhaupt. Aber wir waren immer noch in den Charts, das Label hatte eine Best-of-Scheibe rausgebracht. Außerdem war Willi zum Zeitpunkt seines Todes 27 Jahre alt, das erhob ihn zur Legende. Nach drei Monaten hatten wir einen neuen Sänger und gingen wieder auf Tour. Die „Für-Charlie“-Tour. Sie wurde ein Mega-Erfolg.
„Wir sollten ein längeres Schlagzeug-Solo einbauen!“, sagte ich.
Paul nickte, der Bassist auch. Der neue Sänger hatte nichts dagegen.
„Deine Riffs übertönen manchmal den Gesang, achte da mal drauf!“, wies ich Paul an.
„Mach´ ich“, sagte er.
Das Konzert in der Festhalle Frankfurt war ausverkauft und grandios. Der Adrenalinpegel, wenn einem Tausende Fans zujubeln, ist unbeschreiblich. Ich war der Taktgeber, die Stütze, das verdammte Korsett der Band. Ich bin nicht nur ein guter Drummer, ich bin der Beste. Ein Gott der Becken, der Magier der Sticks. Danach feierten wir unseren Erfolg in der Hotelbar, ich ging spät aufs Zimmer.
In der Nacht klopfte es an meiner Tür. Ich öffnete und ein Mädchen drängte sich herein. Sie sah mir kurz ins Gesicht, dann wanderte ihr Blick auf den Boden. Sie sah sehr jung aus.
„Wer bist du denn?“
„Rose“, flüsterte sie.
„Und wie heißt du wirklich?“
„Lisa“, sagte sie.
„Wie alt bist du?“
„Achtzehn.“
Es klang trotzig.
„Musst du morgen nicht zur Schule?“
„Morgen ist Sonntag“, sagte sie.
„Wolltest du zu mir?“
Sie nickte.
„Mach die Tür zu!“, sagte ich.

 

Hallo @Jaylow ,

ich finde deine Geschichte sehr gelungen!

Durchgehend gut geschrieben und eine passende Sprache für diese Handlung. Außerdem eine interessante Idee mit dem Strom, der dem Schlagzeuger aus der Bedeutungslosigkeit hilft.

Ich würde dir nur dringend den Tipp geben, den ersten Absatz zu entsorgen. Es ist schon fast eine Zusammenfassung des Endes, die Geschichte wäre meiner Meinung nach viel spannender, wenn du beginnst mit "Der Schlagzeuger ist meist der Vollpfosten einer Band."
(evtl. muss es "meistens" statt "meist" heißen"?) Wäre auch insgesamt ein guter erster Satz, direkt bezogen auf die Hauptperson.

Der Schlagzeuger ist meist der Vollpfosten einer Band. Ich weiß, wovon ich rede. Ich sitze hinter meinen Tom-Toms und Hi-Hats, während die anderen vorne die Sau rauslassen und angehimmelt werden. Gerieten sie aus dem Takt, war ich schuld. Paul, der Gitarrist ejakulierte bei jedem Einsatz, der Bassist spielte die coole Sau und dann war da noch unser Sänger Willi. Der reine Psycho. Wenn der seine Verrenkungen machte und sich in den Schritt fasste, als wäre er Michael Jackson, fragte ich mich, was bei dem schiefgelaufen ist in der Kindheit.
Vielleicht etwas too much?

„Wer bist du denn?“
„Jane“, flüsterte sie.
„Und wie heißt du wirklich?“
„Hanna“, sagte sie.
„Wie alt bist du?“
„Achtzehn.“
Es klang trotzig.
„Musst du morgen nicht zur Schule?“
„Morgen ist Sonntag“, sagte sie.
„Du wolltest nicht zu mir, oder?“
„Schon“, sagte sie. „Ich dachte nur, der Sänger wäre auch hier.“
Ich nickte, dann polterte es kurz und Willi stürmte ins Zimmer. Er hatte ein Faible für gutes Timing. Sein Blick nahm mich gar nicht wahr, er musterte das Mädchen von oben bis unten.
„Wen haben wir denn da?“
„Jane“, hauchte Hanna.
„So, so“, sagte Willi. „Ich bin Charlie Melmo.“
„Ich weiß“, sagte Hanna.
Coole Stelle!
Das abschließende "sagte Hanna" könnte entfallen.

Am Ende folgt fast der gleiche Dialog, würde ich ein wenig abändern. Nur als Vorschlag:

(...)
„Rose“, flüstert sie.
„Und wie heißt du wirklich?“
„Lisa.“
„Wie alt bist du?“
„Neunzehn.“ Es klang überzeugt.
„Musst du morgen nicht zur Schule?“
„Bin schon fertig“, antwortet sie.
„Wolltest du zu mir?“
Sie nickt.
„Mach die Tür zu!“, sage ich.


Abschließend noch der Vorschlag, die Geschichte nicht in der Vergangenheitsform zu erzählen, sondern in der Gegenwart. Dadurch hätten meiner Meinung nach die Leser noch mehr das Gefühl, die Handlung mitzuerleben (siehe vorheriges Dialog-Beispiel).

Danke für die unterhaltsame Geschichte und viele Grüße,
Calmer

 

Hi @Jaylow ,

der gefällt mir ausgesprochen gut, darf ich dir sagen. Da passt (fast) alles.
Besonders hervorheben darf ich den Ton des Erzählers. Der ist rau, glaubwürdig und über die gesamte Länge stabil.
Die Story ist verrückt genug, um spannend zu sein.
Die Entwicklung des Prota ist nachvollziehbar.

Den ersten Absatz würde ich nicht streichen, muss nicht sein. Man weiß zwar, dass Willi stirbt, aber nichts über die wahre Ursache. Man könnte ihn streichen, weil der zweite Absatz ebenfalls ein starker Einstieg wäre. Aber ich würd ihn drin lassen.

Etwas gibt es, was ich anmerkten kann:

Die Spiegelung ist zu perfekt und wirkt daher 'gebaut' auf mich:

Sie sah sehr jung aus.
„Wer bist du denn?“
„Jane“, flüsterte sie.
„Und wie heißt du wirklich?“
„Hanna“, sagte sie.
„Wie alt bist du?“
„Achtzehn.“
Es klang trotzig.
„Musst du morgen nicht zur Schule?“
„Morgen ist Sonntag“, sagte sie.
+
Sie sah sehr jung aus.
„Wer bist du denn?“
„Rose“, flüsterte sie.
„Und wie heißt du wirklich?“
„Lisa“, sagte sie.
„Wie alt bist du?“
„Achtzehn.“
Es klang trotzig.
„Musst du morgen nicht zur Schule?“
„Morgen ist Sonntag“, sagte sie.
Das ist mir etwas zu glatt. Alles wörtlich (außer des Namens), das ist 'Konstruktion'. Vielleicht Geschmackssache. Ich würde die Spiegelszene am Ende minimal ändern, allerdings so, dass man sie wiedererkennt, und vielleicht sogar noch mal das Strom-Motiv einbauen (den könnte er noch mal hören, bevor er sie ins Zimmer bittet).
Ansonsten ist das Ende aber stark.

Cooler Text, liest sich fein!
:thumbsup:

Gruß
Flic

 

Hallo @Jaylow

Flotter Text, guter Schreibstil, ohne Hänger oder Stolperer. Hat mir gefallen! Die Story ist 'simpel' und gut verständlich, ich habe es so gelesen, dass der Strom zu dem Schlagzeuger gesprochen, ihm den Mord am Sänger nahegelegt hat. Meiner Meinung gibt es aber auch eine Schwäche die der Text hat: Diese Umkehr oder Spiegelung am Ende, da schliesse ich mich direkt @FlicFlac an. Das liest sich zu mechanisch für mich. Also das ist das gleiche Setting, dieselbe Dynamik, die gleiche (Dialog-)Struktur. Das knirscht noch.

Nach dem Mord am Sänger entsteht eine moralische oder psychologische Leerstelle. Also der Erzähler plant diesen Tod ja aktiv, führt ihn herbei und profitiert am Ende davon. Ich finde das ganz interessant, dass der Schlagzeuger/Erzähler praktisch keine Reaktion zeigt. Aber irgendwie kriege ich es nicht ganz mit seinen vorherigen Gemütszuständen zusammen: Zuerst Angst, Kontrollverlust, Schlaflosigkeit -- danach Kälte und Kontrolle. Lässt ihn das wirklich so kalt? Er wirkt beinahe, als hätte ihn der Tod des Sängers erlöst.

Ich war nur der Drummer.

Der Schlagzeuger ist meist der Vollpfosten einer Band.

Drummer und Schlagzeuger. Vielleicht wolltest Du eine Wortwiederholung vermeiden, aber ich würde das konsistent halten. Da es eine deutsche Band mit deutschen Texten ist, würde ich 'Schlagzeuger' wählen. Wenn der Erzähler von einem der Charaktere als 'Drummer' angesprochen wird, finde ich das durchaus stimmig, aber der Erzähler sollte konsequent bei Schlagzeuger bleiben, finde ich.

Wir waren auf der „Verdacht-Tour“, so hieß unsere Tournee, die Werbeagentur des Labels hatte sie so vermarktet wegen des gleichnamigen Hits.
Das dürfte klar sein und kann weg (v.a. auch wegen Tour -> Tournee = ist dasselbe).

Das Handy zeigte zwei Uhr an. Als ich das Licht anschaltete, war es weg.
Das Geräusch war weg, schon klar. Im ersten Moment habe ich es aber so gelesen, dass das Handy weg war.

„Hey Jungs, jetzt mal eine gute Nachricht: Ich kann den Strom hören.“ Die hätten mich aus der Band geworfen.
Echt jetzt? Ist das überspitzt vom Erzähler? Vielleicht hätten sie gesagt: Nimm weniger Drogen? So wie die anderen Mitglieder der Band vom Erzähler beschrieben werden, haben die ja auch ihre Macken und sind bisschen schräg und seltsam drauf, von daher hat mich das ein wenig überrascht ... Sie reagieren dann nicht so drastisch, raten ihm aber zu Arzt und Psychiater. Ich finde die Reaktion(en) irgendwie nicht ganz stimmig, also die Figurenlogik erscheint mir nicht wirklich konsequent. Die Bandmitglieder reagieren relativ entspannt (im Vergleich zur Befürchtung des Erzählers), vielleicht müsste der Schlagzeuger von Anfang an etwas paranoider wirken, dann passt das besser.

Ich nickte, dann polterte es kurz und Willi stürmte ins Zimmer. Er hatte ein Faible für gutes Timing. Sein Blick nahm mich gar nicht wahr, er musterte das Mädchen von oben bis unten.
Hier bin ich ein wenig hin- und hergerissen. Einerseits gefällt mir die Doppeldeutigkeit des unterstrichenen Satzes (es könnte sich auch auf die Musik beziehen), andererseits lese ich den Satz als erklärend und er wäre eigentlich nicht nötig, weil sich das ja aus der Situation ergibt.

Der Zug fuhr nicht weiter, aus technischen Gründen, hieß es.
Kleiner Seitenhieb auf die DB? :lol: Realitätsnah! (da lob ich mir die SBB :D)

Auf einem Nachbargleis stand ein alter Güterwaggon unter einer Oberleitung, zerschlissen, mit Graffiti vollgesprüht, die Fenster teilweise eingeschlagen. Wie aus einem Film.
Bin kein Experte für Gütterwaggons, aber hier stolperte ich. Ein zerschlissener Waggon? Das ergibt für mich kein Bild. So ein Waggon ist doch aus Eisen, würde ich sagen, 'zerschlissen' passt da nicht, ausser da sind Stoffplanen o.ä., dann würde ich das aber auch erwähnen. Haben Güterwaggons Fenster? Auch da kriege ich ein leicht schiefes Bild. 'Wie aus einem Film' ist zudem erklärend, das würde ich ersatzlos streichen.

Willi stand auf dem Waggon, sah zu mir und zeigte auf mich. Warf mir eine Kusshand zu. Er war so weit oben. Dann hob er triumphierend die Arme, die Kamera klickte. Es war nah genug. Der Lichtbogen bildete sich. Ich hörte, wie der Strom das Gefängnis der Stahlseile mit einem Fauchen verließ, die anderen sahen nur die Funken. Den Geruch nach verbranntem Fleisch werde ich nie vergessen.
Ergibt sich von selbst, aus dem Kontext. Ich würde den Satz streichen (oder mit dem nachfolgenden kombinieren), weil er die Szene ausbremst.

Das Management sagte die Tour ab, ohne Sänger ging es nicht.
Naheliegend und erklärend.

Außerdem war Willi zum Zeitpunkt seines Todes 27 Jahre alt, das erhob ihn zur Legende.
Club 27, klar. Die Band tourt durch Deutschland, nicht weltweit. Reicht das für den (internationalen) Legendenstatus? Aber vielleicht ist es augenzwinkernd, zynisch, ironisch gemeint. Ist mir nur aufgefallen, sehe jetzt nicht unbedingt Handlungsbedarf.

Habe deinen Text gerne gelesen. Vielleicht kannst Du mit der ein oder anderen Anmerkung etwas anfangen.

Beste Grüsse,
d-m

 

Hi Jaylow!

Wunderbare Geschichte, an der ich nicht lange herumdoktern möchte. Wenn etwas passt, dann passt es. Wenigstens gilt das für mich.
Ein paar Sachen habe ich trotzdem herausgestellt:

Ich wurde namentlich nicht erwähnt. Ich war nur der Drummer.
Geht natürlich auch so, aber das zweite Ich könntest du mittels Komma entsorgen.
... erwähnt, war ja nur der Drummer.

Wenn der seine Verrenkungen machte und sich in den Schritt fasste, als wäre er Michael Jackson, fragte ich mich, was bei dem schiefgelaufen ist in der Kindheit.
war
Würde vorschlagen: ... was bei dem in der Kindheit schiefgelaufen war.
Ich wusste, wo er fließt in den Wänden.
floss
Würde die Wände vorziehen. .. wo er in den Wänden floss.

Ein winziges Zischen. Ein Knacken, ein Rauschen, das lauter wurde, anschwoll zu einer Symphonie.
Diese substantivierten Verben sind halt so eine (Geschmack) Sache.

Es war nah genug. Der Lichtbogen bildete sich.
Welcher? Ich fände besser: Ein Lichtbogen bildete sich.

Außerdem war Willi zum Zeitpunkt seines Todes 27 Jahre alt, das erhob ihn zur Legende. Nach drei Monaten hatten wir einen neuen Sänger und gingen wieder auf Tour.
Unbedingt mittels Absatz trennen.

Hab deinen Text mit Vergnügen gelesen.
LG, Manuela :)

 

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