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Gefesselt von der Dunkelheit

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09.09.2021
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Gefesselt von der Dunkelheit

Es ist schon fast Mitternacht als ich grade das Büro verlasse. Ich schließe ab und schalte die Alarmanlage scharf. Draußen halte ich für einen Moment inne. Die klare Luft steigt mir in die Nase und lässt mich die Arbeit kurz vergessen. Ich spüre eine schwache Briese auf meiner Haut und lasse all meine Anspannung los. Es ist eine wunderschöne Spätsommernacht. Mit einem guten Gefühl steige ich auf mein Rad und mache mich voller Elan zügig auf den Weg. Ich schalte meine Fahrradlampe an, fahre los und biege auf die Straße, auf der die Laternen schon ausgeschaltet sind. Nach wenigen Metern komme ich an eine Kreuzung, an der ich grade aus weiterfahre, bis ich kurz drauf in einen Feldweg biege. Außer dem schwachen Lichtkegel meiner Fahrradlampe ist nichts als Dunkelheit zu sehen. So fahre ich vor mich hin und merke, dass mein Kopf von dem langen Tag ganz wirr ist. Es fällt mir schwer einen klaren Gedanken zu fassen, also lasse ich sie einfach schweifen.

Mit der Zeit werden meine Gedanken wieder klarer und ich denke über die Arbeit nach, darüber was ich heute geschafft habe und vor allem was doch wieder liegen geblieben ist. Über das was zuhause auf mich wartet, weil vor lauter Arbeit keine Zeit mehr bleibt.

Die Dunkelheit wirkt wie ein Nebel oder eine schwarze Masse.

Meine Gedanken schweifen weiter zu diesem Sommer, er ist fast vorbei und war wunderschön. Ich überlege was man alles hätte machen können, Eis essen, schwimmen, feiern, Freunde treffen, lange Lagerfeuernächte und vieles mehr. Vielleicht hätte man sogar jemanden nettes kennen lernen können.

Die Dunkelheit scheint sich mir zu nähern.

Jemanden mit dem man sich gegenseitig unterstützen, abends gemeinsam einschlafen und morgens gemeinsam aufwachen kann. Nicht mehr allein schlafen, zusammen Kochen und gemeinsam den Sommer erleben. Jemanden den man einfach in den Arm nehmen kann, wenn es einem schlecht geht und umgekehrt natürlich auch.

Die Dunkelheit hüllt mich beinah ein.

So gehen meine Gedanken zu meinen Freunden. Ich habe sowieso nicht viele, doch die die ich habe, bei denen habe ich mich auch den ganzen Sommer nicht gemeldet. Was die wohl alles erlebt haben? Wie es ihnen geht? Ich sollte mich mal wieder melden.

Plötzlich merke ich, dass die Dunkelheit mich erreicht hat. Sie legt sich über mich. Eine drückende Last überkommt mich. Es wird immer anstrengender in die Pedale zu treten, doch ich fahre unbeirrt weiter.

Und meine Familie! Bei denen habe ich mich auch nicht gemeldet. Habe ich an alle Geburtstage gedacht? Ich versuche mich zu erinnern, doch ich bekomme keine klaren Erinnerungen zusammen. Weder an ein Datum noch ob ich der Person gratuliert habe. Es scheint als würden die Erinnerungen verschwimmen.

Die Dunkelheit dringt in mich ein. Sie fährt durch meinen Körper und füllt mich aus. Mir wird kalt. Ich versuche schneller zu fahren, um mich aufzuwärmen, doch es fällt mir noch schwerer in die Pedale zu treten als zuvor. Ich merke, wie ich immer langsamer werde. Auch der Lichtschein wird immer schwächer.

Meine Mutter, sie hat mich immer so gut unterstützt. Sie steht noch immer hinter mir. Ich habe seit Monaten nicht mehr mit ihr gesprochen. Ein schlechtes Gewissen packt mich und meine Augen füllen sich mit Tränen. Und mein Vater, den ich über alles liebe. Wir haben früher so viel zusammen unternommen. Wie gerne würde ich das nochmal wiederholen. Eine gemeinsame Radtour durch die Berge eine Kneipentour, oder einfach gemeinsam einen Film gucken und sich später über die Aussage und Details des Films streiten. Ein kleines Lächeln huscht über mein Gesicht und es wärmt mir das Herz. Und meine Schwestern, was sie wohl alles angestellt haben diesen Sommer. Ob sie mich auch vermissen? Sie sind wahrscheinlich so beschäftigt, dass sie gar nicht an mich denken.

Die leichte Wärme vergeht und macht wieder der Kälte und Dunkelheit platz. Es ist mittlerweile unbeschreiblich schwer weiterzufahren. Am liebsten würde ich stehen bleiben, Pause machen und einfach mal tief durchatmen wollen. Doch ich weiß nicht was es ist, aber ich weiß genau, dass das ein großer Fehler wäre. Ja die Dunkelheit würde nicht einfach verschwinden das ist mir klar, aber da ist noch mehr. So als wenn es kein Zurück mehr gibt, wenn ich erstmal stehen bleibe. Also fahre ich weiter. Ich fahre einfach, auch wenn ich schon längst zuhause sein sollte.

So viel habe ich verpasst diesen Sommer. Nein nicht nur diesen, das hat schon viel früher angefangen. Dazu kommen diese lästigen Augenringe, die Rückenschmerzen und diese dauernde Müdigkeit. Kaum habe ich das Wort gedacht, ergreift mich eine unendliche Müdigkeit. Der Drang einfach stehen zu bleiben, verstärkt sich. Mein Finger legt sich auf die Bremse, bereit stehen zu bleiben. Doch ich fahre weiter. Mir fehlt die Kraft den Finger wieder weg zu nehmen. Also lasse ich ihn auf der Bremse liegen. Eine starke Angst packt mich plötzlich. Eine Angst stehen zu bleiben, weil dann etwas Schreckliches passieren könnte. Es kostet all meine Kraft, aber ich fahre weiter. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin, wie lange ich schon fahre oder was vor mir liegt. Ich fahre einfach weiter. Klammere mich förmlich an das kleine Licht, das mit mir fährt und immer genau so weit weg ist, dass es nicht zu erreichen ist. Ich versuche dennoch zu diesem Licht zu gelangen.

Die Dunkelheit ist mittlerweile so drückend, dass ich mich nur noch schwer auf dem Rad halten kann. Jede Faser meines Körpers zieht mich nach unten, doch ich fahre weiter. Klammere mich an das Licht, welches mittlerweile zu einem winzigen Punkt in der Ferne geschrumpft ist. Mit aller Kraft trete ich in die Pedale und fahre weiter. Einfach weiter. Mir fällt auf, dass ich in der Zwischenzeit angefangen hab zu weinen. Die Tränen fließen mir übers Gesicht, mein Kopf ist mittlerweile leer und die Dunkelheit hat mich komplett übernommen, bis auf den kleinen Funken in der Ferne. Es fühlt sich an wie ein Ding der Unmöglichkeit, doch ich fahre weiter. Es zerreißt mich förmlich, trotzdem versuche ich immer stärker in die Pedale zu treten, die Dunkelheit hinter mir zu lassen und das Licht zu erreichen.

Ein lauter Knall vertreibt die Dunkelheit mit einem Schlag. Es klingt nach etwas metallischem. Ich höre das Metall knacken, Glas splittern und Plastik brechen. Unter dem ganzen Lärm dringt ein Motorgeräusch an mein Ohr. In der Ferne heult ein Hund. Ein roter Schimmer dringt an meine geschlossenen Augen und ich spüre den warmen Asphalt unter mir. Langsam öffne ich sie und blicke hinauf zu einem wunderschönen klaren Sternenhimmel.

 
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Hallo @Lexuna_1 ,

willkommen hier im Forum!

Die Protagonistin fährt spät abends bzw. in der Nacht mit dem Fahrrad von der Arbeit nach Hause. Die Last der Situation, alles Verpasste verlangsamt sie immer mehr. Für einen kürzeren Text, vielleicht auch als Schreibübung, kann es m.E. schon ein verwendbares Thema sein.

Sprachlich finde ich den Text jedoch nicht gut. Du verwendest z.B. das Wort "Dunkelheit", meinst damit aber wahrscheinlich auch etwas anderes als die Dunkelheit der Nacht. Das wirkt dann nur seltsam, da sie ja tatsächlich nachts unterwegs ist, wenn du z.B. schreibst:
"Plötzlich merke ich, dass die Dunkelheit mich erreicht hat."

Manche Sätze wirken auch unlogisch, wie z.B.:
"Also fahre ich weiter. Ich fahre einfach, auch wenn ich schon längst zuhause sein sollte."
Es ist ja eher umgekehrt: Gerade weil sie noch nicht zuhause ist, sollte sie weiterfahren.

Und teilweise wirken die Rückblicke, was sie alles verpasst hat, eher allgemein und tagebuchartig. Das muss zwar pauschal nicht "schlecht" sein, aber die Hauptperson, ihre Familie und Freunde bringst du so dem Leser kaum näher.

Formal würde ich, wenn du an Textarbeit interessiert bist, die Geschichte noch mal in Ruhe durchgehen und Wörter streichen, die nicht unbedingt notwendig sind. Die Sätze eher kurz gestalten und (da bin ich auch kein Experte) die Zeichensetzung (Kommata) mal prüfen, scheint mir an einigen Stellen nicht korrekt.

Noch ein paar Details aus den ersten Sätzen:

Es ist schon fast Mitternacht als ich grade das Büro verlasse.
Komma nach "Mitternacht", glaube ich ... ; "grade" würde ich streichen ;
Vorschlag, einfacher formuliert:
"Ich verlasse das Büro kurz vor Mitternacht."

Ich spüre eine schwache Briese auf meiner Haut und lasse all meine Anspannung los.
Brise

Es ist eine wunderschöne Spätsommernacht.
Okay, muss ich dann glauben ... aber anstatt es nur zu behaupten, könntest du das ein oder andere erwähnen, wodurch der Leser selbst dein Eindruck bekommt, dass es eine schöne Sommernacht ist.

Mit einem guten Gefühl steige ich auf mein Rad und mache mich voller Elan zügig auf den Weg.
Die markierten Formulierungen würde ich eher vermeiden. Wie bei dem vorherigen Beispiel teilst du dem Leser einfach direkt etwas mit, z.B. dass sie ein gutes Gefühl hat. Da würde ich mich mal, wenn du grundsätzlich am Schreiben interessiert bist, mit dem oft nervigen, aber sinnvollen show, don´t tell beschäftigen.

Ich schalte meine Fahrradlampe an, fahre los und biege auf die Straße, auf der die Laternen schon ausgeschaltet sind.
"in" statt "auf"

Außer dem schwachen Lichtkegel meiner Fahrradlampe ist nichts als Dunkelheit zu sehen.
Vorschlag:
"Nur der schwache Lichtkegel meiner Fahrradlampe erhellt die Straße."

Die Dunkelheit wirkt wie ein Nebel oder eine schwarze Masse.
Na was denn nun? Und wie kann Dunkelheit wie ein Nebel wirken?

Die Dunkelheit scheint sich mir zu nähern.
Welche Dunkelheit meinst du hiermit? Sie ist ja schon die ganze Zeit im Dunkeln unterwegs.

Nicht mehr allein schlafen, zusammen Kochen und gemeinsam den Sommer erleben.
kochen

Jemanden den man einfach in den Arm nehmen kann, wenn es einem schlecht geht und umgekehrt natürlich auch.
Komma nach "Jemanden" ; "einfach" und den Satzabschluss streichen

Soweit ein paar Eindrücke, viele Grüße,
Rob

 
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20.02.2021
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So fahre ich vor mich hin und merke, dass mein Kopf von dem langen Tag ganz wirr ist. Es fällt mir schwer einen klaren Gedanken zu fassen, also lasse ich sie einfach schweifen.

Mit der Zeit werden meine Gedanken wieder klarer und ich denke über die Arbeit nach, darüber was ich heute geschafft habe und vor allem was doch wieder liegen geblieben ist.

Meine Gedanken schweifen weiter zu diesem Sommer, er ist fast vorbei und war wunderschön.

So gehen meine Gedanken zu meinen Freunden.
Ich glaube, so oft brauchst du gar nicht zu beschreiben, wie die Gedanken sich entwickeln. Meiner Meinung nach reicht es, die konkreten Gedanken aufzuzählen und man merkt, ob die Gedanken wirr oder klar sind.

So viel habe ich verpasst diesen Sommer. Nein nicht nur diesen, das hat schon viel früher angefangen. Dazu kommen diese lästigen Augenringe, die Rückenschmerzen und diese dauernde Müdigkeit. Kaum habe ich das Wort gedacht, ergreift mich eine unendliche Müdigkeit. Der Drang einfach stehen zu bleiben, verstärkt sich.
Das war das erste Mal, dass ich etwas aufmerksamer gelesen habe. Vielleicht sollte die Stelle früher vorkommen. Allerdings ohne das "verpasst", sondern eher mit den Augenringen, den Rückenschmerzen und der Müdigkeit. Ich wusste am Anfang nicht, ob es normal ist, dass die Person die Alarmanlage scharf stellt. Ist sie Geschäftsführer?
Eine starke Angst packt mich plötzlich. Eine Angst stehen zu bleiben, weil dann etwas Schreckliches passieren könnte.
Warum?

Das mit der Dunkelheit erwähnst du oft. Ich habe vor kurzem gelesen, dass manche empfehlen, maximal dreimal eine Aktion oder ein Bild zu benutzen. Wenn du es so oft nehmen möchtest, vielleicht mit etwas Variation (z.B. das Nichts, die Leere, Schwärze, eine Emotion). Oder was ganz abgefahrenes, die Dunkelheit ist eine Person, die ihn/ sie verfolgt.

Die ganzen Infos zu den Hobbys, Freunden, Familienmitgliedern könntest du teilweise weglassen. Es wirkte auf auf mich zu allgemein.

 

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