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Gefrierfleischorden

Challenge 3. Platz
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28.12.2009
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Gefrierfleischorden

Mein Großvater steht vor dem Herd und rührt in einem großen Topf, feuchter Dunst zieht durch das angekippte Fenster. Er schöpft mit einer Kelle Schaum ab, und erst jetzt sehe ich den Kopf, der auf dem kochenden Wasser schwimmt. Hier, sagt er und schneidet mit einem seiner Ausbeinmesser ein Stück aus der Backe. Da ist der Rauch von Zigaretten und der Geruch des Fleisches in der kleinen Küche. Ich bin zehn oder elf Jahre alt.
Beste Stück vom Schwein, sagt mein Großvater, mein Opa, es liegt dampfend auf der Messerschneide. Ich entstamme einer Familie von Mehlbauern und Metzgern, der Geschmack von Fleisch ist etwas sehr vertrautes für mich.

Meine Onkel und mein Vater spielen im Wohnzimmer Skat, ich kann hören, wie sie ihre Ansage brüllen, das Klirren von Bierflaschen. Die Frauen saßen auf dem Balkon und tranken Kaffee.
Muss noch Schnauze und Schwarte würfeln, sagt mein Großvater. Kannst mir nachher helfen.
Ich beiße in das Stück Fleisch, es ist weich und voller Saft. Backe ist das beste Stück vom Schwein. Und so oft wird der Opa ja keine Sülze mehr machen, sagt mein Vater, aber das sagt er nur bei uns zuhause, nicht hier, nicht im Haus seiner Eltern. Die Fliesen auf dem Balkon kühl unter meinen Füßen, ich bin barfuß, es sind die letzten Tage der großen Ferien. Danach geht es auf eine andere Schule unten in der Stadt, und ich weiß noch nicht, wie ich das finden soll. Doch jetzt bin ich hier, in diesem großen Haus, ich gehe die Treppe hinunter und stehe im Garten, ein schmales, langes Stück Land, die Beete akkurat voneinander getrennt, der Weg aus Kopfsteinpflastern gelegt. Ich erinnere mich an den strengen Geruch der Erde; mein Großvater bekam seinen Dünger von den umliegenden Höfen geliefert. Da sind die Pflaumenbäume zu meiner Rechten, ihre Äste dünn und knorrig. Niemand weiß genau, wer sie gepflanzt hat oder wie lange sie schon dort stehen, doch sie tragen jeden Sommer Früchte, auch diesen. Aus einem Teil buk meine Großmutter Kuchen, den anderen Teil gaben sie an einen Nachbarn, der in seiner Laube im Westerwald daraus Schnaps brannte. Eine Sache faszinierte mich besonders: ganz am Ende des Gartens, im Schatten einer halbhohen Backsteinmauer, stand der Komposter. Ein aus Dachlatten zusammengenageltes Behältnis, verschlossen mit einer passenden Lage scharfkantigem Hühnerdraht, so dass die Katzen nicht reinscheißen konnten. Wenn man die Hand ausstreckt und ganz nah über Kompost hält, spürt man eine organische Hitze, so dicht und gleichmäßig wie die späte Glut eines Holzfeuers. Ich bin bei jedem Besuch zu diesem Komposter gegangen und habe meine Kinderhände durch das Holzgitter gesteckt, selbst im Winter, als die Erde schon hart gefroren war.

Als ich später ins Haus zurückkehre, beginnt es schon zu dämmern. Ich höre meinen Vater lachen, sie spielen immer noch Skat, es wird Schnaps getrunken. Mein Großvater war draußen auf dem Balkon, ich habe ihn kurz bei den Frauen gesehen, doch jetzt ist wieder im Haus, in dem abgedunkelten Zimmer neben der Küche, in dem ein kleiner Fernseher und sein Schachbrett steht. Er sitzt in seinem großen Massagesessel, den Kopf auf der Rückenlehne, die Augen geschlossen. Er ruht sich aus, denke ich, er hat Schuhe und Socken ausgezogen, warum hat er sich auch die Socken ausgezogen?, ich weiß es nicht. Seine nackten Füße liegen auf einem Schemel, in der Hand hält er ein bauchiges Glas, Hennessy ist seine Marke. Ich bleibe vor der Tür stehen, das letzte Sonnenlicht fällt durch die halb geschlossenen Lamellen der Rollade und erhellt den kargen Raum. Und da, als ich vor ihm stehe, fällt mir etwas an seinen Füßen auf, sie sind unförmig, wie verdreht; ich hatte sie noch nie gesehen und konnte nicht aufhören, sie anzustarren.
Krieg, sagt mein Großvater. Abgefroren.
Ich schäme mich, weil ich so ungeniert seine deformierten Füße angestarrt habe, doch ihm scheint das nichts auszumachen.
Wenn du das überlebt hast, habense dir n Orden umgehangen, Gefrierfleischorden, sagt mein Großvater und nickt. Weißt du, was wir im Krieg gemacht haben? Er nimmt einen Schluck und stellt das Glas auf einen Beistelltisch, dann sagt er: Zuerst haben wir ihnen die Zöpfe abgeschnitten, dann haben wir sie geschlachtet wie Schweine.
Ich stehe immer noch schweigend vor der Tür. Mein Großvater erhebt sich aus dem Sessel und sammelt seine Socken ein, es sind lange, graue Wollsocken. Seine Bewegungen schwerfällig, er stöhnt, ächzt, und als er sich den ersten Socken überstreift, bemerke ich seine zitternden Finger.
Komm, sagt er, seine Stimme leise und brüchig, geh schon mal vor, geh schon mal in die Küche. Er reibt sich mit einer Hand über den Nacken, wischt sie am Unterhemd ab, sein Atem geht flach. Er will nicht, dass ich ihn so sehe, denke ich und gehe in die Küche. Vor dem Herd bleibe ich stehen, spüre die dichte Hitze, ein feuchtwarmer Schwall im Gesicht. Da ist immer noch der Topf, ich höre es darin köcheln. Der Dunst riecht nach Fett, nach Knochenmark, nach gegartem Fleisch und Schweinestall. Da passt etwas nicht zusammen; die Schweine, das Schlachten, das begreife ich, das ergibt sich, eins aus dem anderen, nur das mit den Zöpfen … wir haben ihnen die Zöpfe abgeschnitten. Ich überlege, denke nach, versuche es, aber ich werde es noch ein paar Jahre lang nicht begreifen. Auf einmal steht er neben mir, ich habe ihn nicht kommen gehört. Er hat sich im Badezimmer frisch gemacht, Wassertropfen fallen von seinem Kinn auf den Herd, es zischt, und er sieht mich an und lächelt.
Dann holen wir’n mal raus, sagt er und greift nach der Kelle. Dampf setzt sich von der fest gespannten, braunen Kruste ab, er stellt den Kopf auf ein Schneidebrett neben der Spüle, das glatte Holz wird dunkel von der ablaufenden Brühe.
Wenn's gar ist, geht's ganz einfach, sagt er und macht mit der Klinge einen Schnitt an der Stirn. Die Maske löst sich von selbst, fällt geradezu vom Knochen, darunter schimmert gräuliches Fleisch und weiß glänzendes Fett.

Als wir wieder zuhause sind, erzähle ich meinem Vater davon. Ich warte, bis meine Mutter unten in der Waschküche ist, bis er alleine vor dem Fernseher sitzt und die Sportschau guckt. Zuerst frage ich ihn, ob er weiß, was der Opa im Krieg gemacht hat? Mein Vater antwortet nicht sofort, er hebt kurz das Kinn und schaut auf den Bildschirm; es gibt Eckball.
Ich mein, der war an der Flak, sagt er, deswegen hört der doch so schwer.
Dann erzähle ich es ihm, ich erzähle es Wort für Wort.
Ach was, dein Opa, sagt mein Vater. Also nein, das nennt man Demenz, ja? Das ist dann so, das ist gar nicht richtig wahr. Der weiß manchmal nicht mehr, was er da eigentlich von sich gibt. Ein paar Monate später habe ich es noch einmal versucht. Wir saßen im Wohnzimmer, meine Mutter bereitete in der Küche gerade das Abendessen vor, aber mein Vater schüttelte wieder nur den Kopf und tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn: Ach was! Dann nahm er einen Schluck Bier aus seiner Flasche und fragte mich, was ich eigentlich vom neuen FC-Trainer halte. Ich blickte auf den Grund meines leeren Glases und sagte: Der FC steigt schon nicht ab.

Mein Großvater starb kurz darauf. Er starb weg, wie man hier sagt. Er ging an einem heißen Sommernachmittag aus dem Garten zurück ins Haus, setzte sich zum Ausruhen auf den Sessel und wachte einfach nicht mehr auf. Die Ärzte sagten, es war ein Herzinfarkt. Bei der Trauerrede hieß es: liebevoller Vater von sechs Kindern. Treuer Ehemann. Gläubiger Christ. Dreißig Jahre lang bei Mannstedt in der Fertigung. Immer verlässlich und verantwortungsbewusst. Grüner Daumen. Die besten Erdbeeren der Siedlung. Ein Mann, der seinen Humor nie verloren hat. Ich erinnere mich, dass meine Großmutter bei der Beerdigung keine einzige Träne vergossen hat. Es war ein seltsamer Anblick, über den ich heute noch nachdenke, wie sie da ganz steif neben meinem Vater sitzt, am Ende der ersten Reihe zum Gang hin, und immer wieder auf die Hände in ihrem Schoß blickt.

Der Geschmack von Fleisch ist mir vertraut geblieben. Ich mache die Sülze nicht selbst, ich kaufe sie bei einem Metzger in der Stadt. Sie schmeckt nicht so wie die von meinem Großvater, aber das muss sie auch nicht. Ich schneide sie in dünne Scheiben, beträufele sie mit ein wenig Essig und fein gehackten Zwiebeln. Ich esse sie nicht mehr oft, und wenn, dann lasse ich mir Zeit, kaue langsam und gründlich, trinke dazu ein kühles Bier. Manchmal schließe ich dabei die Augen und versuche so zu tun, als hätte ich noch nie Sülze gegessen, als sei jeder Bissen mein erster.

 

Insgesamt hat mir die Geschichte sehr gut gefallen. Sie hat etwas Archaisches durch das familiäre und naturnahe Setting und das ganze Leitmotiv "Fleisch".

Moin und danke dir für Zeit und Kommentar,

schon mal gut, wenn der Text nicht ganz abkackt, ich habe lange gehadert und dran gearbeitet, ist mehr oder weniger aus deinem favorisierten Genre, auto fiction, oder wie man das nennt. Fleisch finde ich jetzt nicht das Leitmotiv, aber es ist eines der Objekte im Text, die wichtig sind, die symbolischen Gehalt haben.

Der Galizien-Hugenotten-Zusammenhang ist mir zwar nicht ganz klar geworden, aber das Rheinische und Westerwald-Kolorit empfand ich als passend (ist ja fast schon typisch für deine Storys und nun mal für mich als Kölner ein automatischer Pluspunkt).
Ja, ich bin irgendwie zum Regionalschriftsteller verkommen, aber das passt. Das mit Galizien ist kein Zusammenhang, sondern ein Fakt, der aber etwas verdeutlicht, vielleicht auch auf einer sehr persönlichen Ebene: im Grunde hat sich unsere ganze Familie seit 300 Jahren nicht wesentlich verändert, es sind immer noch kleine Handwerker, Arbeiter, unbedeutend. Ich kann meine Familiengeschichte bis ins 17 Jahrhundert nachverfolgen, sogar genau auf ein Dorf eingrenzen, ich bin letztens dagewesen, eine traumähnliche Erfahrung, schreibe ich demnächst drüber. Aber zurück zum Text hier: das ist für mich so etwas wie eine erzählerischer Kreislauf, man kommt immer wieder auf eine Ebene zurück, egal, was man tut.

Mir gefällt auch, wie die Story eine persönliche Erinnerung mit der größeren Landes- bzw. Weltgeschichte verknüpft. Da kommt mir eine Textzeile von Freundeskreis in den Sinn: "Das Große spiegelt sich im Kleinen, das ist Dialektik."
Ja, ich finde, oder eher versuche, genau das zu tun: den großen Konflikt in einen Mikrokosmos zu holen. Deswegen denke ich auch, man kann nicht "über etwas" schreiben, das wird immer zu Propaganda, immer zu einem Versuch, Agenda unterzubringen, weil man etwas exemplarisch erklären will, so wird der Charakter in einem Text oft zu einem Versuchsobjekt. Oft ist es auch so, dass große Umwälzungen an vielen Menschen einfach vorbeigehen: ich habe letztens ein paar alte Säcke in der Kneipe gefragt, wie und ob sich ihr Leben unter verschiedenen Kanzlern oder Parteien signifikant verändert hätte? Die Antwort: Nein! Diese Gleichgültigkeit sollte man dann darstellen im Text, das ist einem doch viel näher.
Allerdings muss man auch sagen, dass der Stoff "(Tot)Schweigende deutsche Nachkriegsfamilie" natürlich ein thematischer Klassiker ist. Vielleicht in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht mehr so, aber ab den 50ern hat das ja die deutsche Kulturlandschaft als Thema dominiert.
Das stimmt sicherlich, aber ich persönlich habe das noch nie gemacht, das ist wirklich das erste Mal. Ich denke auch oft, "was mit Nazis" geht immer, und es sichert einem auch die notwendige Betroffenheit und Seriösität, um Preise zu gewinnen, weil wichtig. Das ist ein speziell deutsches Ding, Nazis, Menschen die von Nazis erzogen wurden, Menschen die von Nazis erzogen worden sind und nun ihrerseits Kinder erziehen - das nimmt kein Ende, das ist für mich auch eine kleine Industrie, die allerdings oft zu einer nfantilen, verharmlosenden Farce verkommt. Und nutzen tut es auch nur wenig, wie man sieht, ein pädagogisches Gewicht scheinen all die gut gemeinten Texte nicht zu haben, sonst würden jüdische Menschen und Einrichtungen nicht rund um die Uhr bewacht werden müssen. Das ist schon ein wenig middcult alles, so eine Selbstversicherung: Das ist sooo schlimm gewesen!, darf nie wieder passieren! Bißchen Gratismut. Das wollte ich vermeiden. Der Text hier ist, sagen wir mal, zu 90% wahr, und deswegen fiel es mir schwer, den zu schreiben, denn es kostet einen etwas, wahrhaftig darüber zu schreiben und es nicht zur Karikatur werden zu lassen, die Schwere korrekt darzustellen, die Tragweite. Ich verstehe, diese Thematik ist oft gemacht worden, nur noch nicht von mir. Damit muss ich eben leben.

Nicht wirklich kritisieren, aber ansprechen möchte ich, dass für mich die Stärke des Textes, eine solche tiefgreifende Familiengeschichte fast ausschließlich anhand eines Szenarios bzw. eines Settings zu erzählen, vielleicht auch irgendwo zur Schwäche wird: Vor allem hier im Forum, wo man ja immer auch der Konstruktionsweise hinterherliest, ist schon recht klar, was du hier machst: Da ist das Schweinefleisch, da ist das Fleisch des Großvaters, da ist das gedachte Fleisch (= Körper) im Kompost, da ist der Titel bzw. der Orden für das Fleisch im Krieg und da ist das Fleisch der Opfer. Schon ziemlich deutlich in der Summe.
Ist ja eine Kurzgeschichte, also wird komprimiert, liegt in der Natur des Genres. Man kann natürlich auch jedem Text seine Konstruktion vorwerfen. Aber auch das ist eines der Wesen von Literatur: die Komposition. Das Fleisch ist auch, meiner eigenen bescheidenen Meinung nach, nicht unbedingt das Hauptmotiv: Fleisch im Kompost, Fleisch der Opfer, das lese ich da nicht raus, den Körper als Archiv schon eher: die bleibende Verletzung. Der Kompost steht für mich eher für einen gewissen Kreislauf, das Werden und Vergehen, auch die Sinnlosigkeit des Erinnerns, denn was bringt sie uns schon? Weisheit? Klarheit? Wenn man ehrlich ist, doch wohl kaum, oder? Der Holocaust wird alle paar Tage relativiert, Krieg findet immer noch statt, Zivilisten werden egal von welcher Seite zusammengeschossen, wir wissen wo das hinführt, wir kennen die Archive, wir nähren uns von der Erinnerung, aber bringen tut es doch nichts, wie man beobachten kann. So gesehen ist das eine eher nihilistische Geschichte, kulturpessismistisch, unversöhnlich.
Meine zweite Anmerkung im Sinne einer Frage an den Text ist: Die Erzählstimme kam mir stellenweise zu reif und lyrisch vor, dafür dass das Erleben eines zehnjährigen (?) Jungen geschildert wird. Ich weiß, dass durchaus so erzählt werden kann und auch erzählt wird, aber es rutscht dann vielleicht mitunter auch in eine offensichtliche Konstruktion ab:
Das ist ja keine akute Erzählposition, der Erzähler erzählt zwar manches im Präsens, aber es ist das, was ich aktive Rekapitulation nenne, der Versuch einer exakten Abbildung, die durch den Sprung in das damalige Jetzt erreicht werden soll. Das inkludiert natürlich das Vergehen von Zeit, das Werden und Bilden von Erfahrung, deswegen darf die schon etwas anders klingen, reifer, gesetzter, oder? Ich weiß auch nicht, was hier eine offensichtliche Konstruktion sein soll; da wiederhole ich mich jetzt: welche Konstruktion wäre denn deiner Meinung nach nicht offensichtlich? Vielleicht wenn ich dir die Geschichte brühwarm und halb besoffen in der Kneipe ins Ohr semmle, ohne wirklichen Zusammenhang und nicht kohärent, dann gäbe es wahrscheinlich tatsächlich keine beabsichtigte Konstruktion, aber Literatur ist doch eben gerade das NICHT, es ist doch eben Komposition, die Selektion von Fakten, die Wiedergabe von Zeit, die Überlagerung und das Verdichten von erzählerischen Archiven. Dieser Text funktioniert (naja, sagen wir, ich hoffe, dass er es tut!) durch eine gewisse Anlage, das Herein und Herausgleiten in die Zeit, das Elliptische, das Ungesagte, das im Hintergrund, im Unbewussten schwärende. Das ist so, ja. Das kreiert für mich erst das vollständige Bild, das ja aber doch auch trotzdem unfertig bleibt, der Erzähler ist ja damit nicht fertig, er vergisst nicht, bleibt aber dem Geschehenen dennoch hilflos, tatenlos gegenüber, er kann nichts mehr ändern, aber auch nicht vergessen, ein Dilemma. Wenn du das mit das Beste aus beiden Welten meintest, ist doch alles bestens, sag ich mal.

Gruss, Jimmy

 

Ich weiß nicht, ob klar wird, worauf ich hinaus will. Im Grunde nur darauf, dass sich – ganz abstrakt ausgedrückt – das Arrangement von bestimmten Elementen in deinem Text in Relation zum "organischen" Ablauf der Ereignisse leicht übergewichtet angefühlt hat. Etwas Artifizielles empfand ich als etwas zu präsent. Besser kann ich es nicht beschreiben und natürlich ist das nur mein persönlicher Eindruck.
Verstehe ich und verstehe es wiederum doch nicht. Welche Elemente sind denn hier nun übergewichtet? Würde mich interessieren. Auch was genau artifiziell sein soll in dem Text, das ist ja so ein Oberbegriff, den ich kaum je fassen kann, weil das ja alles sein kann. Die Erzählstimme, der Sound, die Gegebenheiten, die Zeitsprünge? Etwas Künstliches, was zu präsent ist. Das würde im Grunde dem gesamten Text die Grundlage nehmen, ihn zerstören, und da wüsste ich schon gerne genau, was du damit meinst.

Ich denke und glaube, man kann nichts mehr wirklich neu erschaffen, und es gibt auch nur eine gewisse Anzahl an Erzählstrategien, die sich immer in Varationen wiederholen. Ich operiere natürlich auch damit, dass ich sage, ich erkenne, was der Autor will, mit welchem Wasser er kocht, welche Mittel er benutzt, wie und warum, das kann man an jeden Text anlegen und es gibt kaum Texte, die mich diesbezüglich beeindrucken, ich kann, wenn ich will, auch jede Konstruktion sehen und einen Text oder nahezu jedes Medium daraufhin analysieren. Ist immer ein Totschlagargument, oder?

Der hat automatisch den Bonus, dass keiner genau weiß, wie er das Bild gemalt hat, mit welchen selbst entwickelten Techniken. Dadurch stehen auch andere Profi-Künstler davor und sind auf eine gewisse Weise naiv fasziniert. Sie kommen nicht ganz hinter die Wirkung.
Bedeutet also, dadurch, dass du glaubst, zu wissen, wie der Text oder Texte aufgebaut sind, verliert er also an Wirkung für dich? Dann dürfte man ja eigentlich nichts mehr konsumieren, denn im Grunde weiß man ja immer, wie etwas konstruiert wird.

Ich denke, um die Diskussion mal auf Textebene zu lassen und nicht auf eine Meta-Ebene abgleiten zu lassen, fände ich es eher hilfreich, wenn du konkret am Text bleibst, welche Teile wie und warum künstliches Übergewicht bekommen durch ihr Arrangement? Ich glaube ja, man kann dem Text nichts wegnehmen und auch nichts mehr hinzufügen, ich habe schon sehr auf die Statik geachtet. Mir wird auch nicht klar, wie ein Text so anders aufgezogen werden könnte, das man keine Konstruktion sieht; jeder, der sich ein bißchen mit Literatur beschäftigt, wird doch mit der Zeit Muster und Pattern erkennen, wie die Erzählstimme angelegt ist, wann welche Ereignisse erzählt werden, was ausgelassen wird und warum, ich meine, das ist doch das Handwerk. Wir sehen das natürlich klarer und unbarmherziger, weil wir selber schreiben, ich muss auch immer meinen inneren Lektor ausschalten, wenn ich lese, weil ich oft denke: Ah, und jetzt kommt er wieder zurück zum eigentlicher Pfeiler der Geschichte, der Rest waren nur red herrings, aber das schmälert natürlich jeden Genuss, jede Freude am Text. Auf der anderen Seite ist für mich die rohe Analyse auch hilfreich, weil jeder Autor oder Künstler mit Wasser kocht und nie aus sich selbst heraus schafft, sondern immer im Bezug und in Relation zu anderen Autoren steht. Wenn ich also grundlegend so arbeiten würde, dass man gar keine Konstruktion erkennt, dann müsste ich wahrscheinlich Avantgarde schreibe und mir Neologismen ausdenken, das erkennt dann niemand mehr.

Gruss, Jimmy

 

Der hat automatisch den Bonus, dass keiner genau weiß, wie er das Bild gemalt hat, mit welchen selbst entwickelten Techniken. Dadurch stehen auch andere Profi-Künstler davor und sind auf eine gewisse Weise naiv fasziniert. Sie kommen nicht ganz hinter die Wirkung.
Ich glaube, das ist auch ein falscher Gedanke bzw ein falsches gedankliches Ergebnis. Man empfindet ja die Wirkung, nur weiß man vorgeblich nicht, wie diese, mit welchen Mitteln, erreicht wurde. Mit dem Wissen um das Handwerk würde das wegfallen, dieses erste Erstaunen. Wie bei einem Zauberer, wenn man den Trick einmal kennt ... In der Literatur fast unmöglich, nehme ich an; spätestens mit den ganzen Büchern über Schreibhandwerk etc, hat sich doch jedes Geheimnis erledigt. Ich will mich da nicht rausreden, wenn du glaubst, dass der Text zu offensichtlich konstruiert ist, dann muss ich damit leben. Ich sehe jedoch nicht, wie sich das ändern ließe. Das wäre auch die anschließende Frage: ist es überhaupt möglich, Texte zu schreiben, zu erzählen, ohne dass es offensichtliche Konstruktionen gibt? Sind diese Konstruktionen nicht eigentlich die Essens des Erzählens, also unabdingbare Muster, die sich durch die Jahrtausende, seit Aristoteles quasi, bereits bewiesen haben und deswegen in unserem narrativen Archiv so abgespeichert sind? Dies bitte nicht hier im Thread beantworten, weil ich keinen Bock auf ausufernde Meta-Diskussionen habe, die mit dem Text, der mir irgendwie viel bedeutet, nichts zu tun haben.

Gruss, Jimmy

 

Das ist nämlich schon exemplarisch genau so ein klares Konstruktionselement: Der Text wird, so dumm das ausgesprochen klingt, von der Sülze formal eingerahmt. Braucht er das? Und braucht er den doppeldeutigen Fingerzeig ganz am Ende, dass man sich nicht selbst was vormachen kann?
Das ist konkret, damit kann ich mehr anfangen.

Der Text wird von der Sülze eingerahmt, aber natürlich aus Gründen: das ist ja ein Teil der familiären Dynamik, das Herstellen und Essen von Sülze ist ja ein weitergebendes Element, es überdauert die Generationen und Jahre, es wird in dem Sinne vererbt und steht somit ja aus Bestandssymbol im Text. Ich glaube, wenn man den letzten Absatz komplett streicht, dann fehlt etwas, nämlich die Verankerung in der Gegenwart, etwas, was aus dem Vergangenen im Präsens stehenbleibt, denn der Großvater und seine Taten sind nicht vergessen, sie leben in der Sülze weiter, wenn man das mal metaphorisch sehen will, und die Sülze steht auch für eine gewisse Zeit, für diese Zeit, in der die Vergangenheit des Großvaters beleuchtet wird, also eine düstere Zeit. Trotzdem bleibt dieses Gericht ja als Konsummittel bestehen, es verbindet den Erzähler ambivalent mit dem Geschehen, es wird auch nie ganz klar, ob er die Sülze überhaupt genießen kann, es ist beides, Archiv und Gegenwart, jedenfalls etwas, das Bestand hat. Der Rahmen ist mir wichtig, weil er einen echten Abschluss bietet, die Narration komplettiert. Über den letzten Satz denke ich nach. Ich habe ihn nachgeschoben, zuerst stand da nur, das, wenn man einmal etwas weiß, dass man es dann weiß, Vielleicht die bessere Wahl.

Manchmal weiß ich ehrlich gesagt auch nicht mehr, wie defensiv ich noch formulieren soll, damit klar wird, dass ich einfach nur meine Ideen zu Texten wiedergebe, wie ich sie nun mal habe.
Ich denke, das hat nichts mit defensiv formulieren zu tun, nur mit einer gewissen Ähnlichkeit deiner Gedanken, denn die Durchsichtigkeit der Konstruktion scheint es dir ja angetan zu haben. Ich finde, dass es sich lohnt, darüber nachzudenken, besser fände ich es, wenn du vom Abstrakten dich auf das Konkrete verlegst und anhand Beispiele aus dem Text belegst, was für dich ein Exempel wäre. Hier sagst du, letzter Absatz, letzter Satz, das ist konkret, darauf kann ich antworten. Für den Rest gibt es einen Extra-Thread, denke ich, weil man sich sonst im Kreis dreht. Nicht, dass ich sage, diese Überlegungen sind es nicht wert oder ich will die nicht diskutieren, aber vielleicht sind die unter einer Geschichte nicht unbedingt am besten aufgehoben. Sieh mal, andere Kommentatoren wühlen sich jetzt durch lange Kommentare von uns beiden und erfahren unsere Gedanken zu allgemeinem literarischen Handwerk, aber eher weniger über den Text bzw wie sich diese Gedanken im Text wiederfinden oder implementieren lassen. Das finde ich schade, weil in diesem Thread geht es doch um meine Geschichte, oder nicht?, und die sollten wir für sich sprechen lassen.

Ich hoffe, dass du damit einverstanden bist.

Gruss, Jimmy

 

ich kann das gerne machen, wenn das hilfreich ist.
Das finde ich sehr gut. Konkret am Text, immer am besten.

er ist wie ein aufleuchtendes Schild: Achtung, hier kommt Bedeutung und Schwere! Ab jetzt besser aufmerksamer sein.
Das stimmt. Ich sehe das. Ich glaube, was hier erreicht werden soll, ist der Kurzschluss mit der emotionalen Ebene des Erzählers. Ist immer schwierig, abzuschätzen, ob das eventuell zu viel ist, ob das erwähnt oder lieber im Text "verschwinden" sollte, also diese Ebene der Bedeutung, die ja hier stellvertretend erklärt wird. Streichkandidat.

I see what he is doing: Szenischer Einstieg, dann eine Runde durch Backstory und Sinnlichkeit, jetzt wird das brutale und rohe Fleisch-Motiv vom Anfang aufgegriffen und mit einer größeren Bedeutung versehen. Stimmt, auch der Titel zeigt das ja schon an ... nicht schlecht gemacht, alles stimmig, aber ach, jetzt denke ich ja über den Textaufbau nach, bin aus der Story geflogen!
Ist ja eher eine Analyse. Finde ich gar nicht verkehrt, das in alle Einzelteile zu zerlegen. Man fragt sich eben, ob das ein normaler Leser auch so liest. Wahrscheinlich nicht. Was du hier machst, mache ich ja bei anderen Texten auch, so funktionieren Texte oder Textarbeit im Grunde, man sucht nach Mustern, nach Prämissen, nach dem Handwerk. Das wäre für mich jetzt noch nicht offensichtlich, den jeder Text funktioniert ja irgendwie.
Infolgedessen denke ich mir hier auch: Was ein "Zufall", dass der Opa die Socken das erste Mal gerade dann auszieht, wenn er auch Sülze kocht – zumal das der Text selbst ja ein seltenes Ereignis nennt.
Nein, nicht die Sülze machen ist ein seltenes Ereignis, sondern dass der Opa die nicht mehr so oft machen wird, das steht im Text. Zum Zufall des Socken ausziehens - ja, das stimmt, ich hatte da auch noch einen anderen Satz in einer früheren Version drin, die das näher erläutert, diesen aber rausgenommen, weil ich den zu erklärend finde. Man kann natürlich fragen, warum gerade jetzt der Zufall, ich lasse mir da noch was einfallen, aber im Grunde könnte man diesen Zufall auch als solches kaufen: manchmal ist das eben so, und aus diesen Zufällen entstehen solche Geschichten. Das mit dem Socken bräuchte es auch gar nicht, der Opa könnte einfach so anfangen, davon zu erzählen, es ist aber eben das, was tatsächlich passiert ist, deswegen habe ich darüber gar nicht in diesem Sinne nachgedacht.
Das Manöver der Parallele wiederholt sich hier, so mein Gedanke, dann schon zum dritten Mal: Der Opa schwitzt wegen dem früher, der Erzähler fühlt die Hitze im Jetzt. So langsam bekommt der Brückenbau für meinen Geschmack etwas allzu Offensichtliches – à la: Hab's kapiert!
Das sehe ich, ich habe das allerdings, wie mir jetzt auffällt, gar nicht beabsichtigt. Es stimmt, in der Dichte muss das nicht sein, ich habe da aber auch keinen Motivkurzschluss gesehen.
Hier kommt jetzt etwas Spannendes Neues hinzu: Das Geheimnis um die abgeschnittenen Zöpfe. Vorher hat das höchstens kurz für Irritation gesorgt bei mir, hier wird es relevant. Es wurden also Frauen gedemütigt, vergewaltigt und abgeschlachtet!? Zusätzlich zur "normalen" Schuld der deutschen Soldaten bzw. Nazis kommt hier noch mal eine Ebene dazu. Es wird klar, warum eine Aufarbeitung praktisch undenkbar ist und nur noch Wegdrücken möglich ist. Folglich logisch:
Nein, nicht Frauen, sondern die Zöpfe von Juden wurden abgeschnitten. Ich dachte, das wäre offensichtlich und bedarf keiner zusätzlichen Erklärung, siehste mal!

Hier dann erneut die für mich zu große Deutlichkeit und darum aufscheinende Konstruktion: Der Text interpretiert das Verhalten des Großvaters selbst und schafft die nächste Parallele mit dem Motiv des Fleisches. Die Maske fällt auch noch einmal physisch in der Gegenwart und das Unschöne darunter erhält auch noch einmal konkrete Gestalt – wobei hier eine spannende Ambivalenz ins Spiel kommt, da gräuliches Fleisch und Fett vielleicht nicht gerade appetitlich klingen, aber ja durchaus schmecken und nicht zuletzt auch einfach ein Stück Natur sind. Sind also auch Krieg und Gräueltaten ein Stück Natur?
Habe ich ehrlich gesagt, auch nicht beabsichtigt, spannend, wie man das lesen kann. Ist natürlich auch eher eine Interpretation von dir, jeder liest das ja auf seine Weise. Würde ich so stehen lassen, denn für mich liest sich das eher anders, betont eher das Handwerkliche des Schlachtens und somit des Tötens, aber man kann es sicherlich auch so lesen. Ob das offensichtlich ist, weiß ich nicht, ich empfinde es nicht so, ich empfinde es eher als eine weitere Ebene, die aufgemacht wird. Und ja, ich denke schon, dass Krieg, das Kriegerische und somit alles, was sich darunter summiert wird, auch zum Menschsein dazugehört, ob wir das wollen oder nicht. Die Gleichzeitigkeit, das Synchrone spielen ja in diesem Text nicht umsonst eine Rolle, also Schlachten, das Töten, wie sich das ähnelt, wie schnell man da die tatsächliche Menschlichkeit verlieren kann.
Bis hierhin geht es dann wieder "organisch" weiter, ich komme wieder ins Geschehen, bis an der folgenden Stelle wieder das "Achtung, wichtig!"-Schild aufleuchtet. Der Text spricht aus, was er laut Eigenaussage nicht kann oder will, nämlich die fett markierten Dinge:
Da gebe ich dir Recht. Ich arbeite ja gerade an wirklich kurzen Texten, und da benötigt man manchmal so einen erklärenden Einschub, der den Leser in eine Richtung schieben soll, oft erledigt sich der im weiteren Verlauf, weil der Text dann doch alles erklärt, nur weiß man das vorher ja nicht. Streichkandidat.
Mit dem Vokabular könntest du ja quasi das halbe Alte Testament schreiben.
Ist ein alttestamentarischer Text, in der Tat. Ich denke, es gibt viele Arten und Weisen, wie man darüber schreiben kann, Krieg, Familie etc, es sind wichtige, essentielle Themen, und ich wähle das nicht vorher aus, überlege nicht, wie ich etwas sage bzw schreibe, sondern schreibe einfach, so kommt es aus mir heraus. Ich könnte mir nicht vorstellen, über den Krieg locker flockig oder ironisch zu schreiben, ich sage nicht, man kann oder darf das nicht, ich mache das nun anders.
Hierzu hatte ich ja schon was gesagt. Der letzte Absatz ist klar ein formaler Rahmen, der dem Leser auffallen muss
Sehe ich. Ich werde diesen Abschnitt kürzen, streichen werde ich ihn nicht, weil er für mich eine Funktion erfüllt, die Gegenwart heranholt, die Unausweichlichkeit.
Ich weiß nur für mich mischt sich der Eindruck der letzten und auch der folgenden Passage in die schon thematisierten sehr offensichtlichen Parallelen, sodass sich das Gesamtbild einer Story ergibt, die sehr klar kalkuliert, was sie wie sagt, und die ganz deutlich vieles zusammenführen will. Das gelingt ihr auch sehr gut – keine Frage! – er ist nur eben auch ersichtlich für den geschulten Leser.
Um das Thema der Konstruktion mal auf das konkrete Beispiel zu beziehen: der geschulte Leser sieht immer alles, wenn er will. Ich glaube, die Frage kann nicht sein, ob man eine Konstruktion als solche erkennt, sondern wie gut das Handwerk dahinter ist. Meine These ist, dass sich bestimmte narrative Muster durchgesetzt haben, über Jahrtausende würde ich sagen, die man sozusagen bei jeder Erzählung findet: warum ist das so? Weil eben genau diese wiederkehrende Muster den gewünschten Effekt erzielen werden, das sind ja Erfahrungswerte. Ganz banal die 3 Akt Struktur, Spiegelung der Motivik, Synchronizität und so weiter. Man kann jeden Text demontieren und in seine Einzelteile zerlegen, aber was hat man damit erreicht? So funktioniert eben das Handwerk. Für mich wäre eher die Frage, ob der Text DURCH das Handwerk das erreicht, was er erreichen will: den Leser auf eine emotionale Art berühren zum Beispiel. Dieser technische Aspekt ist für Autoren natürlich interessant, weil man den mit dem eigenen Werkzeugkoffer vergleicht, aber grundsätzlich ist die Betrachtung des unvoreingenommenen Lesers naturgemäß eine andere. Man schreibt ja nicht für andere Autoren, oder? Ich kann verstehen, dass man sein lektorierendes Auge nie ganz schließen kann und man Texte selbstredend anders liest, als wäre man ein unbedarfter Leser, ich jedenfalls möchte mich nicht in dem Dilemma wiederfinden, innovativ sein zu müssen, nur um der Innovation willen.

Gruss, Jimmy

 

Hier dann erneut die für mich zu große Deutlichkeit und darum aufscheinende Konstruktion: Der Text interpretiert das Verhalten des Großvaters selbst und schafft die nächste Parallele mit dem Motiv des Fleisches. Die Maske fällt auch noch einmal physisch in der Gegenwart und das Unschöne darunter erhält auch noch einmal konkrete Gestalt – wobei hier eine spannende Ambivalenz ins Spiel kommt, da gräuliches Fleisch und Fett vielleicht nicht gerade appetitlich klingen, aber ja durchaus schmecken und nicht zuletzt auch einfach ein Stück Natur sind. Sind also auch Krieg und Gräueltaten ein Stück Natur?
Nochmal ich, gestern gründlich darüber nachgedacht. Mir ist folgendes eingefallen: die "Maske", ich sage es deswegen, weil das vielleicht nicht jeder weiß, ist der Begriff für die krustige Haut des Schweinekopfes, also keine sprichwörtliche Maske. So wie es du es aber interpretiert hast, mit dem Fallen der Maske im übertragenen Sinn - ganz ehrlich, wenn ich das bei einem anderen Text lesen würde, würde ich vermutlich sagen: das ist gut gemacht. Ich sage das nicht, weil das mein Text ist oder so, ich habe dieses Bild auch wirklich nicht beabsichtigt, deswegen war ich so überrascht, aber wo ich darüber nachgedacht habe, war so die Erkenntnis: genauso etwas möchte ich gerne lesen. Ich würde das auch nicht offensichtlich nennen oder sonstwas, sondern, sollte es beabsichtigt und intendiert sein, eher passend, mehrschichtig, auf mehreren Ebenen gleichzeitig ansprechend. Das war eine interessante Erfahrung. Nur so als abschließender Gedanke.

 

Hi @jimmysalaryman,

ich habe Deine Geschichte bereits direkt am Samstagabend gelesen und mein erster Eindruck war, dass es ein sehr persönlicher Text ist. Deshalb hat es mich auch nicht sehr gewundert, als ich beim Überfliegen der Kommentare das hier gelesen habe:

die mit dem Text, der mir irgendwie viel bedeutet, nichts zu tun haben.

Ich finde das spürt man! Ich glaube das liegt für mich vor allem daran, dass Du hier so viele detaillierte Eindrücke schilderst, auf die man bei einer rein fiktiven Textkonstruktion vermutlich nicht kommen würde, weil sie gefühlt nicht direkt mit der Geschichte zusammenhängen (müssen). Genau so ist es ja in der Realität auch. Natürlich kann man sein eigenes Leben auf den ersten Blick als vermeintlich logische Geschichte schildern. Als Abfolge eines kausalen Mechanismus. Ein Stück weit brauchen wir dieses Verständnis wahrscheinlich auch um uns und unsere Umwelt begreifbar machen zu können. Aber wenn man genauer hinsieht, entdeckt man meiner Meinung nach sehr oft Ausfransungen, die das oberflächliche Bild verwischen. Da sieht man, welche Eindrücke und Momente man im eigenen Leben vielleicht ausgegraut hat.

Um zu Deiner Geschichte zurückzukehren: Hat mir sehr gut gefallen. Ja, der Gedanke an die bereits von @H. Kopper erwähnte Literatur zu dem Thema der deutschen Vergangenheitsaufarbeitung kam mir auch, allerdings nur kurz, weil den Szenen einfach eine beklemmende und aus klassischer Plot-Perspektive vielleicht "unnötige" Nähe und Authentizität anhaftet.

Hier noch ein paar konkrete Anmerkungen:

Mein Großvater steht vor dem Herd und rührt in einem großen Topf, feuchter Dunst zieht durch das angekippte Fenster.
Klingt zwar besser, aber trifft es ein einfaches "gekippt" nicht eher?

Und so oft macht der Opa ja keine Sülze mehr, sagt mein Vater, aber das sagt er nur bei uns zuhause, nicht hier, nicht im Haus seiner Eltern.
Ja, das klingt für mich einfach sehr authentisch.

Die Fliesen auf dem Balkon kühl unter meinen Füßen, ich bin barfuß, es sind die letzten Tage der großen Ferien.
Du wirst Dir bei der Konstruktion vermutlich etwas gedacht haben, aber ich hätte das vermutlich enger miteinander verknüpft. Beispielsweise "unter meinen nackten Füßen ..."

Doch jetzt bin ich hier, in diesem großen Haus, ich gehe die Treppe hinunter und stehe im Garten, ein schmales, langes Stück Land, die Beete akkurat voneinander getrennt, der Weg aus Kopfsteinpflastern gelegt.
Einerseits gefällt es mir sehr gut, dass Du mit Deinen Kommata ein Stück weit die Treppe sprachlich abbildest. Andererseits habe ich mir hier mit der Rhythmik etwas schwer getan. Nach "Haus" hätte ich einen Punkt gesetzt.

Ich erinnere mich an den strengen Geruch der Erde; mein Großvater bekam seinen Dünger von den umliegenden Höfen geliefert, die Bauern wollten ihm die Parzelle abkaufen, einen ganzen Hektar!, aber er hat immer abgelehnt.
Gefällt mir sehr gut, wie Du in diesem Text mit den Erzählperspektiven spielst. Mal bist du ganz nah am erlebten dran, an anderen Stellen lässt Du die durch die Zeit ermöglichte Reflexionsebene durchscheinen. Macht den Text einerseits dynamischer und auf der anderen Seite authentischer.

Ich bleibe vor der Tür stehen, das letzte Sonnenlicht fällt durch die halb geschlossenen Lamellen der Rollade und erhellt den vollgestellten Raum
Sehr schön aufeinander abgestimmter Klang in diesem Satz!

Ich schweige. Mein Großvater nickt und sagt: Zuerst haben wir ihnen die Zöpfe abgeschnitten, und dann haben wir sie geschlachtet wie Schweine.
Ich dachte bis zu der Auflösung in einem Deiner Kommentare ehrlich gesagt, dass damit die Entmannung der getöteten Feinde - wie in manchen früheren Konflikten - gemeint war.

Mein Vater antwortet nicht sofort, er hebt kurz das Kinn und schaut auf den Bildschirm, bis die laufende Spielszene unterbricht; es gibt Eckball.
Das klingt für mich etwas umständlich formuliert.

Ach was, dein Opa, sagt mein Vater. Also nein, das nennt man Demenz, ja? Das ist dann so, das ist gar nicht richtig wahr. Der weiß manchmal nicht mehr, was er da eigentlich von sich gibt.
Klingt für mich sehr real, vor allem durch das "nicht richtig".

Bei der Trauerrede ein paar Monate danach hieß es: Liebevoller Vater von sechs Kindern. Treuer Ehemann. Gläubiger Christ. Dreißig Jahre lang bei Mannstedt in der Fertigung. Immer verlässlich und verantwortungsbewusst. Grüner Daumen. Die besten Erdbeeren der Siedlung. Ein Mann, der seinen Humor nie verloren hat. Ich erinnere mich, dass meine Großmutter bei der Beerdigung keine einzige Träne vergossen hat. Es war ein seltsamer Anblick, über den ich heute noch nachdenke, wie sie da ganz steif neben meinem Vater saß, am Ende der ersten Reihe zum Gang hin, und immer wieder auf die Hände in ihrem Schoß blickte, als ginge ihr das alles nicht schnell genug, als wäre sie eigentlich lieber woanders.
Das zum Beispiel ist für mich so ein Detail, das dem Text richtig Tiefe verleiht. Weil es für mich aus dem bisher etablierten Plot ausbricht, die Beziehungen zwischen den Großeltern war bisher ja kein Thema. Natürlich kann man es bei der Interpretation in den klassischen Plot integrieren, in dem man denkt, dass die Großmutter eventuell Probleme mit den Kriegserfahrungen ihres Mannes hatte. Gleichzeitig bleibt auch jeder andere, über den Plot hinausgehende Denkansatz möglich. Ich als Leser weiß es nicht, vermutlich genau wie Dein Prota.

Mein Vater starb kurz darauf, ganz plötzlich und unerwartet. Er starb weg, wie man hier sagt. Er ging an einem heißen Sommernachmittag aus dem Garten zurück ins Haus, legte sich zum Ausruhen auf die Couch und wachte einfach nicht mehr auf. Die Ärzte sagten, es war ein Herzinfarkt.
Das trifft durch den lakonischen Tonfall sehr. Besonders da die Beziehung zum Vater innerhalb des Textes primär als Filter zur Vergangenheit des Großvaters gelesen werden kann und einem durch seinen Tod die Möglichkeit mehr erfahren zu können, genommen wird.

Sie schmeckt nicht so wie die von meinem Großvater, aber das muss sie auch nicht.
Finde ich sehr schön, dass Du hier die anfangs geöffnete Klammer durch die erneute Verwendung von "Großvater" anstatt des vorherigen "Opa" schließt.
Ich verstehe schon, weshalb du danach noch weiterschreibst, aber dieser Satz würde für mich schon auch als Ende funktionieren. Da steckt für mich eine gewisse Emanzipation von der eigenen Familie und eventuell ein gefundener Frieden mit der Vergangenheit drinnen.

Danke für's Einstellen der Geschichte!

Liebe Grüße
Takinios

 

Takinios und Kopper, nur kurz: ich überarbeite gerade, da wird sich einiges überschneiden, weil ich den Text nochmal entschlackt habe, ich antworte nachher ausführlich.

Gruss, Jimmy

 

Hallo @jimmysalaryman

Beste Stück vom Schwein, sagt mein Großvater, mein Opa, es liegt dampfend auf der Messerscheide. Ich entstamme einer Familie von Mehlbauern und Metzgern, der Geschmack von Fleisch ist etwas sehr vertrautes für mich.
Ich mag, wie du hier den Hintergrund deiner Figur einordnest. So ähnlich habe ich das auch schon in anderen Texten von dir gelesen. Gefällt mir von der Art und Weise. Ich finde allerdings, dass es sich hier an dieser Stelle fast ein wenig verschwendet liest. So ein klein wenig hingeworfen, wenn du verstehst, was ich meine. Ich denke, dass das an anderer Stelle besser passen könnte. Hier bin ich jedenfalls ein wenig gestolpert. Auch wenn der Bezug zum vorherigen Satz natürlich da ist, wirkt es so für mich noch nicht so ganz organisch. Davon abgesehen müsste Vertrautes groß oder?

Und so oft macht wird der Opa ja keine Sülze mehr machen, sagt mein Vater, aber das sagt er nur bei uns zuhause, nicht hier, nicht im Haus seiner Eltern.
Da stimmt etwas nicht.

Ich erinnere mich an den strengen Geruch der Erde; mein Großvater bekam seinen Dünger von den umliegenden Höfen geliefert, die Bauern wollten ihm die Parzelle abkaufen, einen ganzen Hektar!, aber er hat immer abgelehnt.
Hier habe ich überlegt, ob die Erinnerung so passt. Er erinnert sich an den Geruch. Nachvollziehbar. Aber erinnert er sich auch daran, dass die Bauern die Parzelle abkaufen wollten und dass es um genau einen Hektar ging? Ist ja ziemlich spezifisch und in dem Alter wusste ich wahrscheinlich nicht mal, was genau ein Hektar ist. Oder ist das rückblickend gemeint? Dass er in der Rückschau darüber nachdenkt, dass es hier um einen Hektar geht? Dann bräuchte es für mich hier noch einen subtilen Hinweis, wer da wie gerade denkt. Später, wo er die Fuktion des Komposters beschreibt, ist es ähnlich, aber da funktioniert es für mich wesentlich besser, weil klar ist, dass da das erwachsene Ich des Protagonisten spricht.
Vielleicht bin ich hier aber auch zu picky, mag sein.

Er will nicht, dass ich ihn so sehe, denke ich und gehe in die Küche.
Auch hier bin ich wieder am Nachdenken. Kommt diese Einschätzung in der Rückschau? Denn dafür wirkt es für mich sehr detailliert. Oder ist das eine Einschätzung, die er schon damals, als elf oder zwölfjähriger hatte?

Ich überlege, denke nach, versuche es, aber ich werde es noch ein paar Jahre lang nicht begreifen.
Hier zum Beispiel zeigst du diese Differenz des Verstehens dann direkt auf. Hier funktioniert es für mich. Davor bin ich mir nicht sicher, ob es da nicht noch etwas bräuchte.

Ich mein, der war an der Flak, sagt er, deswegen hört der doch so schwer.
Dann erzähle ich es ihm, ich erzähle es Wort für Wort.
Ach was, dein Opa, sagt mein Vater. Also nein, das nennt man Demenz, ja? Das ist dann so, das ist gar nicht richtig wahr. Der weiß manchmal nicht mehr, was er da eigentlich von sich gibt.
Mir fehlen hier die Gedanken des Jungen. Vor allem nachdem er es dem Vater erzählt und diese ausweichende und unbefriedigende Antwort bekommt. Damit ist das Thema für ihn ja noch nicht erledigt. Er wird weiter darüber nachdenken. Du blendest dann aber weg und leitest direkt zu der Beerdigung über. Das geht mir an dieser Stelle zu schnell. Die Verunsicherung, die ausgelöst wurde, die würde ich gerne noch erleben. Das ist ja eine echte Erschütterung für den Jungen, sonst würde er es später ja auch nicht mehr so zum Thema machen. Ich fände es spannend, das in dem Text wiederzufinden. Nicht komplett ausgewalzt und erklärend, aber zumindest angedeutet. Andererseits wirst du dir schon konkrete Gedanken gemacht haben und einen Grund haben, warum du es hier so nicht mehr stattfinden lässt.
Generell muss ich sagen, dass ich dann nicht ganz nachempfinden kann, warum du den Text dann gegen Ende so ein wenig ins Leere laufen lässt. Du überlässt es dem Leser, wie die Schlüsse, die der Junge sowie der erwachsene Protagonist aus dieser ganzen Geschichte zieht, aussehen. Das kann man so machen. Mir persönlich fehlt am Ende aber dann doch etwas. Ich bekomme die letzten Sätze, die die Fleischthematik aufgreifen, nicht so ganz mit allem zusammen. Die starke Erschütterung, die ich an der Stelle mit den Zöpfen empfunden habe, scheint gegen Ende quasi keine Rolle mehr zu spielen. Das finde ich schade, denn ich denke, dieser Part hätte irgendwie noch mehr Anteil verdient. Ich muss den Text aber auch noch mal lesen. Es kann sein, dass es dann für mich anders wirkt.

Insgesamt hat mir dein Text wirklich gut gefallen! Das Atmosphärische hast du sowieso drauf, da erzähle ich dir nichts Neues. Was mir aber auch aufgefallen ist, wie gut es funktioniert, dass dein Protagonist den Leser (gerade zu Beginn) durch die Szene zieht. Die Kühle der Fliesen, der Geruch, die Wärme des Komposters usw. Ich habe das Gefühl, diese Empfindungen wirklich nahe an mir zu haben als Leser. Finde ich stark gemacht!
Genauso stark fand ich, dass der Text ruhig und atmosphärisch dahinplätschert (überhaupt nicht negativ gemeint) und dann die Stelle mit den Zöpfen kommt. Ähnlich wie dein Protagonist bin ich hier erst mal ins Stocken gekommen. Habe ich mich verlesen? Nein, das steht da tatsächlich. Dann die Erkenntnis, was vermutlich gemeint ist. Der Effekt, der auf deine Figur wirkt, überträgt sich auf mich – finde ich wirklich gut gemacht.

Noch eine kleine Nachfrage zum Titel: Warum Gefrierfleischorden? Klar, kommt im Text vor, greift aber für mich nicht den Kern auf. Darüber hinaus finde ich, dass der Titel weder so recht zur Atmosphäre des gesamten Textes noch zur Kernthematik passen mag (mal abgesehen von diesem Fleischbezug). Aber ist dann vielleicht auch wieder nur Geschmackssache.

Jedenfalls sehr gerne gelesen!
Viele Grüße
Habentus

 

Ich glaube das liegt für mich vor allem daran, dass Du hier so viele detaillierte Eindrücke schilderst, auf die man bei einer rein fiktiven Textkonstruktion vermutlich nicht kommen würde, weil sie gefühlt nicht direkt mit der Geschichte zusammenhängen (müssen). Genau so ist es ja in der Realität auch.
So, erstmal danke dir fürs Lesen und Kommentieren, ich habe deinen Challengetext auch schon gelesen und kommentiere alsbald.

Ich habe den Text noch einmal zusammengekürzt, weil da ein paar Sachen drin waren, die plötzlich irgendwie nicht mehr gepasst haben, oder die den Fokus verlagert haben. Das finde ich immer spannend zu sehen, wie das bei jedem Text anders läuft, wie der sich immer mehr schält und den Kern preisgibt. Das ist Ballast, den man erst bemerkt, wenn man ein paar Runden Feedback hatte und sich das daraus entwickeln kann, das sind ja Fragestellungen im und am Text.

Um zu Deiner Geschichte zurückzukehren: Hat mir sehr gut gefallen. Ja, der Gedanke an die bereits von @H. Kopper erwähnte Literatur zu dem Thema der deutschen Vergangenheitsaufarbeitung kam mir auch, allerdings nur kurz, weil den Szenen einfach eine beklemmende und aus klassischer Plot-Perspektive vielleicht "unnötige" Nähe und Authentizität anhaftet.
Es ist das erste Mal (und auch das einzige Mal, denke ich) dass ich über diese Zeit geschrieben habe. Ich habe selbst meine Schwierigkeiten mit diesem Thema bzw wie das verhandelt wird, vieles ist schon gemacht worden, aber mir erscheinen viele Versuche in dieser Richtung einfach zu anbiedernd, weil das natürlich bedeutungsschwer ist und man damit Preise gewinnt; das ist gefühlt so, also ich habe dieses Gefühl, es sei so, wenn es um die großen, vermeintlich wichtigen Themen geht, ist was mit Nazis immer gut. Das nimmt dem Ganzen halt auch die Schärfe und die immense Wichtigkeit, wenn es nur noch solche Texte oder Filme gibt, das wirkt dann sehr kalkuliert. Hier wollte ich ja dieses große Thema auf einen Mikrokosmos runterbrechen, das ist immer die Frage, ob das gelingen kann.

Das trifft durch den lakonischen Tonfall sehr. Besonders da die Beziehung zum Vater innerhalb des Textes primär als Filter zur Vergangenheit des Großvaters gelesen werden kann und einem durch seinen Tod die Möglichkeit mehr erfahren zu können, genommen wird.
Ich sage zu diesem spezifischen Satzkommentar mal exemplarisch etwas, da sich der Text mittlerweile etwas verändert hat und ich die meisten deiner Vorschläge einpflege bzw das noch tun werde. Ja, hier ist die Linie unterbrochen, selbst Geheimnisse würden jetzt Geheimnisse bleiben, es gibt keine Basis für einen Austausch, diese "Wahrheit" ist jetzt im wahrsten Sinne des Wortes abgestorben, begraben, unerreichbar. Was bleibt sind die Fragen, das hat ja nun eine Endgültigkeit bekommen.
Finde ich sehr schön, dass Du hier die anfangs geöffnete Klammer durch die erneute Verwendung von "Großvater" anstatt des vorherigen "Opa" schließt.
Ich verstehe schon, weshalb du danach noch weiterschreibst, aber dieser Satz würde für mich schon auch als Ende funktionieren. Da steckt für mich eine gewisse Emanzipation von der eigenen Familie und eventuell ein gefundener Frieden mit der Vergangenheit drinnen.
Ich überlege auch noch. Ich habe den allerletzten Satz noch rausgenommen, mir ist wichtig, dass die Figur mit dem Essen der Sülze nicht nur immer wieder diese Erinnerung herausbeschwört, sondern sich auch die Frage stellt, ob man diese nicht ausradieren könne? Das Vertraute, somit die Wahrheiten, das Gewissen, das Wissen einfach einnullen könnte? Was wäre, wenn er das nie erfahren hätte? Ich bin mir aber nicht sicher. Vielleicht ist das zuviel offenes Ende, keine Ahnung. Ich überlege.
Natürlich kann man es bei der Interpretation in den klassischen Plot integrieren, in dem man denkt, dass die Großmutter eventuell Probleme mit den Kriegserfahrungen ihres Mannes hatte.
Ich hatte das in einer ersten, früheren Version drin, auch den Querverweis auf den eigenen Vater, wie das Verhältnis dort war, aber ich habe mich dann gefragt, um was es hier eigentlich genau gehen soll? Was ist wirklich wichtig? Was ist durch eine vage Andeutung erdenkbar, was ist mitnehmbar, was liegt zwischen den Zeilen? Das sind ja Entscheidungen, die man machen muss: ich wollte den Text auch 500 Wörter beschränken, ging nicht. Jetzt war die Frage, weiter ausbauen, wenn ja, wohin? Oder komprimieren, aber dadurch eventuell auf einige Anschlüsse wenn nicht verzichten, die aber dann bis aufs Nötigste verknappen. Was ist dann das Nötigste? Finden wir gerade heraus, würde ich sagen, haha.
Danke für's Einstellen der Geschichte!
Danke dir nochmal fürs Lesen und Kommentieren, sehr guter Kommentar, wie immer.

Gruss, Jimmy

 

Hallo @jimmysalaryman , ich glaube, Du hast nochmal nachgeschraubt, die Zeitformen haben sich denke ich geändert. Ich "mochte" die Geschichte bereits nach dem ersten Lesen. Nein, sie ist nicht schön vom Inhalt her und der Hintergrund, das Demontieren des Großvaters ist es auch nicht. Aber sie ist so wahr, so dicht dran, eben weil es auf einer so kleinen Ebene spielt. und ja, auch ich gehöre der Generation Kriegsgroßväter an und habe vieles sehr spät verstanden (und drücke mich vor einigem Wissen noch heute)

Gefrierfleischorden
Toller Titel, auffällig, bedeutungsgeladen. Ich kannte ihn als Eisbeinorden, hatte es aber völlig vergessen.

Er schöpft mit einer Kelle Schaum ab, und erst jetzt sehe ich den Kopf, der auf dem kochenden Wasser schwimmt.
ich plädiere für ein "im", so sehe ich die ganze Zeit den Kopf auf dem Wasser hin- und herschaukeln - gruselig.

Da ist der Rauch von Zigaretten und der Geruch des Fleisches in der kleinen Küche. Ich bin zehn oder elf Jahre alt.
Schön! Das hast Du immer gut im Griff, alle Sinne einbeziehen.

Meine Onkel spielen mit meinem Vater Skat im Wohnzimmer, ich kann hören, wie sie ihre Ansage brüllen, das Klirren von Bierflaschen.
Muss noch Schnauze und Schwarte würfeln,
Für mein Sprachempfinden sind die meine hier wirklich sehr dominant. Aber am Ende wieder Geschmackssachen. Lächeln musste ich über die das Würfeln. Ich bin wohl etwas im "Spielfieber" durch meine Geschichte, Du lässt sie vorher Kartenspielen - ich war sofort beim Würfelspiel. Passt aber natürlich so.

Und so oft wird der Opa ja keine Sülze mehr machen, sagt mein Vater, aber das sagt er nur bei uns zuhause, nicht hier, nicht im Haus seiner Eltern.
Ja, über sowas spricht man nicht. Der Tod wird verdrängt. Gut beobachtet und gezeigt.

Ich erinnere mich an den strengen Geruch der Erde; mein Großvater bekam seinen Dünger von den umliegenden Höfen geliefert, die Bauern wollten ihm die Parzelle abkaufen, einen ganzen Hektar!, aber er hat immer abgelehnt.
Falls Du noch Eindampfpotential suchst, dieses wäre meiner Meinung nach verzichtbar.

Da sind Pflaumenbäume zu meiner Rechten, die Äste dick und knorrig.
Du darfst es gerne ignorieren, aber dick und knorrig sind Apfelbäume. Pflaumen wachsen eher spillerig und mit dünnen Ästen.
(Aber ich verrate dich nicht :D)

Da sind Pflaumenbäume zu meiner Rechten, die Äste dick und knorrig. Niemand weiß genau, wer sie gepflanzt hat oder wie lange sie schon dort stehen, doch sie tragen jeden Sommer Früchte, auch diesen. Aus einem Teil buk meine Großmutter Kuchen, den anderen Teil gaben sie an einen Nachbarn, der in seiner Laube im Westerwald daraus Schnaps brannte.
Das wiederum würde ich erhalten, für mich ist es eine Darstellung der Verbindung zur Scholle, der Familienbesitz und die bodenständige Verbindung zur Natur,

stand der Komposter.
Wieder was dazugelernt. Hier heißt es einfach der Kompost, oder Komposthaufen.

selbst im Winter, als die Erde schon hart gefroren war.
Könnte man eventuell konkretisieren, die Eiskruste außen, dicht darunter die warme, weiche Erde, der Frost geht ja nicht tief rein.

Mein Großvater sitzt in dem abgedunkelten Zimmer neben der Küche, in dem auch das Bügelbrett und die Heißmangel stehen.
Ich frage mich die ganze Zeit, was er in dieser Abstellkammer macht, warum ist er ausgerechnet dorthin für seine kurze Pause gegangen. Mir würde ein ganz kurzer Hinweis gefallen.

Ich bleibe vor der Tür stehen, das letzte Sonnenlicht fällt durch die halb geschlossenen Lamellen der Rollade und erhellt den vollgestellten Raum. Und da, als ich vor ihm stehe, fällt mir etwas an seinen Füße auf, sie sind ganz unförmig, wie verdreht; ich hatte sie noch nie zuvor gesehen und konnte nicht aufhören, sie anzustarren.
Das kaufe ich, warum sollte er sie schon einmal bewusst gesehen haben? Die beiden fetten Wörter würde ich mal auf Entbehrlichkeit prüfen.

Zuerst haben wir ihnen die Zöpfe abgeschnitten, dann haben wir sie geschlachtet wie Schweine.
In einem Deiner Antworten habe ich gelesen, das Du hier von jiddischen Zöpfen sprichst. Wenn das wichtig ist, würde ich es irgendwie verdeutlichen, so ohne Hinweis sind es auch für mich Frauenzöpfe. Generell ändert es nichts an dem Satz, die Gänsehaut und auch das allmähliche Begreifen ist das selbe.

Da passt etwas nicht zusammen; die Schweine, das Schlachten, das begreife ich, das ergibt sich, eins aus dem anderen, nur das mit den Zöpfen … wir haben ihnen die Zöpfe abgeschnitten.
Ja, da hat man als Kind keine Chance! Ich konnte meinen liebevollen, geigespielenden Opa, der mit mir so geduldig zeichnete, auch nicht mit dem geflüsterten Nazi meiner Eltern unter einen Hut bringen.

Ich überlege, denke nach, versuche es, aber ich werde es noch ein paar Jahre lang nicht begreifen.
jetzt, hier so rauszitiert, brauche ich den Satz nicht. Aber der Eindringlichkeit wegen, würde ich ihn behalten wollen.

Klinge einen Schnitt an der Stirn. Die Maske löst sich von selbst, fällt geradezu vom Knochen, darunter schimmert gräuliches Fleisch und weiß glänzendes Fett.
Mit den wenigen Sätzen im Vorkapitel, hast Du jetzt das schneiden, die Klinge und das Fleisch mit völlig anderer Bedeutung aufgeladen, beladen, belastet. Finde ich aus Autorensicht sehr gut gemacht.

Ach was, dein Opa, sagt mein Vater. Also nein, das nennt man Demenz, ja? Das ist dann so, das ist gar nicht richtig wahr. Der weiß manchmal nicht mehr, was er da eigentlich von sich gibt.
Verdrängung 2.0

Es war ein seltsamer Anblick, über den ich heute noch nachdenke, wie sie da ganz steif neben meinem Vater saß, am Ende der ersten Reihe zum Gang hin, und immer wieder auf die Hände in ihrem Schoß blickte, als ginge ihr das alles nicht schnell genug, als wäre sie eigentlich lieber woanders.
Soll hier Vergangenheit als Zeitform? Warum?

Jahre später, als ich es dann begriffen hatte, habe ich es noch einmal versucht. Wir saßen im Wohnzimmer, meine Mutter bereitete in der Küche das Abendessen vor, aber mein Vater schüttelte nur den Kopf und tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn: Ach was!
Auch hier - warum Präteritum?

Ich esse sie nicht mehr oft, und wenn, dann lasse ich mir Zeit, kaue langsam und gründlich, trinke dazu ein kühles Bier. Manchmal schließe ich dabei die Augen und versuche so zu tun, als hätte ich noch nie Sülze gegessen, als sei jeder Bissen mein erster.
Ich finde den Schluss gut, er geht mir nach. Ich sehe ihn jedes mal die Erinnerung auspacken, jedes mal irgendwo wünschen, die Erinnerung nicht zu haben. Wir hängen ja an unseren heilen Bildern, für ein Heilen dieser Risse gab und gib es keine Zeit mehr.
Alles habe ich vielleicht noch nicht verstanden, aber ich finde es gut, das Du dich an diesen sehr persönlichen Text gewagt hast.
Viele Grüße
witch

 

Hallo @jimmysalaryman

Es ist ja schon viel gesagt worden zu deiner Geschichte, darum will ich mich kurz halten. Kurz, das ist das Stichwort. Das Kürzen hat der Geschichte meiner Meinung nach insgesamt gut getan. Nur schade, dass ausgerechnet der Abschnitt über den erzwungenen Fronturlaub dem Streichkonzert zum Opfer gefallen ist. Wie der Vater davon erzählt, hätte gut zum Thema Verdrängung gepasst, natürlich ohne Kommentar des Erzählers.

Aber insgesamt ist beim Kürzen durchaus noch Luft nach oben vorhanden. Den Abschnitt über die Komposterde finde ich zu ausführlich. Die Details hätten besser in eine Gartenzeitschrift gepasst. Ich kann ja verstehen, dass dem Erzähler die Erinnerungen daran wichtig sind, aber sind sie das auch für die Geschichte? Ein zweiter Streichkandidat ist in meinen Augen der Tod des Vaters. Warum ist der für die Geschichte bedeutsam?

Noch ein paar Kleinigkeiten:

Er schöpft mit einer Kelle Schaum ab[,] und erst jetzt sehe ich den Kopf, der auf dem kochenden Wasser schwimmt.
Komma zu viel. Das kommt noch ein paar Mal im Text vor.
der Geschmack von Fleisch ist etwas sehr vertrautes für mich.
Vertrautes. Das müsste, glaube ich, groß geschrieben werden
Ich kaue langsam und gründlich, Backe ist das beste Stück vom Schwein.
Das wissen wir ja schon.
Die Fliesen auf dem Balkon kühl unter meinen Füßen, ich bin barfuß, es sind die letzten Tage der großen Ferien.
Hier würde ich ein „sind“ spendieren wegen des Leseflusses. Gut, danach kommt wieder ein „sind“. Hast du es deswegen weggelassen? Kann man sicher anders lösen.
Eine Sache faszinierte mich besonders: ganz am Ende des Gartens, im Schatten einer halbhohen Backsteinmauer, stand der Komposter.
Ca. 130 Wörter für den Kompost verbraten. Das sind fast 10 Prozent des Textumfangs.
Und da, als ich vor ihm stehe, fällt mir etwas an seinen Füße auf,
An seinen Füßen
Ich erinnere mich, dass meine Großmutter bei der Beerdigung keine einzige Träne vergossen hat.
Das will überhaupt nichts besagen. Jeder trauert anders.
immer wieder auf die Hände in ihrem Schoß blickt, als ginge ihr das alles nicht schnell genug, als wäre sie eigentlich lieber woanders.
Das würde ich als Leser lieber selbst denken, statt es vorgekaut zu bekommen.
Jahre später, als ich es dann begriffen hatte, habe ich es noch einmal versucht.
Was genau hat er versucht? Er hat es doch schon begriffen, also wozu noch einmal das Thema ansprechen?

Grüße
Sturek

 

Ich denke, dass das an anderer Stelle besser passen könnte.
Moin Habentus und danke auch dir für Zeit und Kommentar,

ich weiß nicht. Für mich klingt das da irgendwie richtig. Man könnte sich fragen, warum man das überhaupt erwähnt, aber ich denke, Literatur muss nicht immer einem strengen Sinn oder einer Form folgen, es darf auch ruhig klar sein, dass das soeben Gelesene fiktiv ist, und zur Fiktion gehören solche Konstruktionen. Mir würde auch kein anderer Platz einfallen, um das für den Leser gewinnbringend zu verändern. Ich überlege.

Aber erinnert er sich auch daran, dass die Bauern die Parzelle abkaufen wollten und dass es um genau einen Hektar ging?
Ja, das kann man so oder so sehen. Ich denke aber, ähnlich wie bei der Komposterszene, die Sturek schon angemerkt hat, stehen ein paar Passagen durch die Kürzungen jetzt eher etwas unnütz herum, da schaue ich, was ich machen kann. Die Erzählsituation würde das sicherlich hergeben, denke ich, denn er erzählt ja nur Quasi-Präsens, das würde alles, was danach passiert, inkludieren. Könnte man kennzeichnen, ich denke aber, das sind Streichkandidaten.
Denn dafür wirkt es für mich sehr detailliert. Oder ist das eine Einschätzung, die er schon damals, als elf oder zwölfjähriger hatte?
Im Grunde ist das. Finde ich jetzt als Zwölfjähriger nicht sonderlich schwierig oder unmöglich, so einen Gedanken zu haben.
Mir fehlen hier die Gedanken des Jungen. Vor allem nachdem er es dem Vater erzählt und diese ausweichende und unbefriedigende Antwort bekommt. Damit ist das Thema für ihn ja noch nicht erledigt. Er wird weiter darüber nachdenken. Du blendest dann aber weg und leitest direkt zu der Beerdigung über. Das geht mir an dieser Stelle zu schnell. Die Verunsicherung, die ausgelöst wurde, die würde ich gerne noch erleben.
Ich weiß nicht. Die nächsze Szene ist, dass er nicht lockerlässt, noch einmal nachfragt, wieder auf eine Mauer des Schweigens trifft, und diese Leerstelle würde ich gerne lassen. Was soll er auch denken? Ich hatte vorher ein paar gedachte Fragen da drin, aber das wirkte mir zu konstruiert. Den harten Cut finde ich eigentlich gut, vielleicht mache ich aus Jahren auch Monate, damit es näher dran wirkt.
Generell muss ich sagen, dass ich dann nicht ganz nachempfinden kann, warum du den Text dann gegen Ende so ein wenig ins Leere laufen lässt. Du überlässt es dem Leser, wie die Schlüsse, die der Junge sowie der erwachsene Protagonist aus dieser ganzen Geschichte zieht, aussehen. Das kann man so machen. Mir persönlich fehlt am Ende aber dann doch etwas. Ich bekomme die letzten Sätze, die die Fleischthematik aufgreifen, nicht so ganz mit allem zusammen.
Ich finde nicht, dass der ins Leere läuft, der zeigt vielleicht so etwas wie Leere. Hatte da auch ein paar Sätze mit Scham etc drin, aber das muss im Grunde der Text beweisen, es war dann zu erklärend, apologetisch, und das wollte ich eben nicht. Die Sülze bleibt ja, das ist eine generationenübergreifende Symbolik, der Rest ist so, wie er ist, man muss damit leben. Es trifft einen selbst keine Schuld, keine Verantwortung, man kann nichts mehr ändern. Das, finde ich, ist aber nichts, was der Text erwähnen sollte, sondern was als Fazit oder Gefühl im Leser schwingen sollte.
Noch eine kleine Nachfrage zum Titel: Warum Gefrierfleischorden?
Ich finde den Titel gut, ich hatte auch keinen anderen im Kopf. Ich finde, das fasst doch den Zusammenhang, dieses Diskurs gut zusammen, oder? Ich weiß nicht, was würdest du denn vorschlagen? Ich habe über keinen anderen Titel nachgedacht, muss ich sagen, weil der als Erstes stand, und danach habe ich mich erst hingesetzt, und geschrieben.
Jedenfalls sehr gerne gelesen!
Danke dir!

Gruss, Jimmy

 

Hallo Jimmy,

mir kommt es so vor, als ob du in dieser Geschichte ganz besonders atmosphärisch schreibst, die Sinne intensiv ansprichst. Der Beginn hat fast etwas einlullendes, von Geborgenheit und Vertrautheit, von Ritualen und Kindheit. Aber der Junge steht an der Schwelle zur neuen Schule, auch zum nächsten Entwicklungsschritt und da hinein fällt die verstörende Bemerkung des Opas. Ich sehe bei dem Opa eben auch so etwas, was sich in Auflösung befindet, so eine Altersschwäche, deshalb sagt er das plötzlich, das hat ja fast etwas von einem Schuldbekenntnis, das den Jungen überfordert und neugierig macht.

Mein Großvater steht vor dem Herd und rührt in einem großen Topf, feuchter Dunst zieht durch das angekippte Fenster. Er schöpft mit einer Kelle Schaum ab, und erst jetzt sehe ich den Kopf, der auf dem kochenden Wasser schwimmt.
Nachdem ich den zweiten Satz gelesen habe, ersetze ich innerlich den großen Topf durch einen riesigen Topf. Ein ganzer Schweinekopf! Auch erschreckend, weist schon auf das Kommende.
Ich entstamme einer Familie von Mehlbauern und Metzgern, der Geschmack von Fleisch ist etwas sehr vertrautes für mich.
Den Ausdruck "Mehlbauer" kannte ich gar nicht, ich kenne nur Getreidebauer, aber das ist vielleicht ein lokaler Ausdruck?
Meine Onkel und mein Vater spielen im Wohnzimmer Skat, ich kann hören, wie sie ihre Ansage brüllen, das Klirren von Bierflaschen.
Und so oft wird der Opa ja keine Sülze mehr machen, sagt mein Vater, aber das sagt er nur bei uns zuhause, nicht hier, nicht im Haus seiner Eltern. Die Fliesen auf dem Balkon kühl unter meinen Füßen, ich bin barfuß, es sind die letzten Tage der großen Ferien.
Ja, ich finde, du sprichst so sehr die Sinne an, dass man da sehr drin ist im Körper dieses Jungen, zugleich hat das so etwas traumhaftes, es sind Erinnerungen.
ganz am Ende des Gartens, im Schatten einer halbhohen Backsteinmauer, stand der Komposter. Ein aus Dachlatten zusammengenageltes Behältnis, verschlossen mit einer passenden Lage scharfkantigem Hühnerdraht, so dass die Katzen nicht reinscheißen konnten. Wenn man die Hand ausstreckt und ganz nah über Kompost hält, spürt man eine organische Hitze, so dicht und gleichmäßig wie die späte Glut eines Holzfeuers.
Ich kann die Faszination von dem Kompost absolut nachvollziehen, das ist wie Zauberei und ich muss da auch immer wieder gucken gehen. Auch das Gewimmel von Würmern, wenn das noch so rottet und wie sich die Erde bildet. In dieser Geschichte um Leben und Tod eben auch ein starkes Bild.
Er sitzt in seinem großen Ledersessel und ruht sich aus, er hat Schuhe und Socken ausgezogen, warum hat er sich auch die Socken ausgezogen?, ich weiß es nicht.
Hier ist für mich die Stelle, wo du den Erzähler am stärksten als jemanden, der sich erinnert, verortest, fast wie in Trance.
Und da, als ich vor ihm stehe, fällt mir etwas an seinen Füße auf, sie sind unförmig, wie verdreht; ich hatte sie noch nie gesehen und konnte nicht aufhören, sie anzustarren.
ist das Absicht, dass du hier die Zeit wechselst? "Ich habe sie noch nie gesehen und kann nicht aufhören, sie anzustarren." würde ich denken
Ich muss an einen Großonkel denken, dem seit dem Krieg vier Finger fehlten und der uns immer zur Begrüßung seinen Daumen hinhielt.
Wenn du das überlebt hast, habense dir n Orden umgehangen, Gefrierfleischorden. Mein Großvater nickt. Weißt du, was wir im Krieg gemacht haben? Zuerst haben wir ihnen die Zöpfe abgeschnitten, dann haben wir sie geschlachtet wie Schweine.
Okay und hier gebe ich zu, habe ich auch gerätselt und bei Zöpfen erst an Frauen gedacht, das später mit dem Verhalten der Oma bei der Beerdigung zusammengebracht, aber es passte irgendwie nicht. Dass es Juden waren, macht natürlich Sinn. Die Wortwahl des Opas ist erschreckend, weil es eigentlich noch einmal entwürdigend ist. Da hat keine Auseinandersetzung stattgefunden, das bricht so aus ihm raus.
Komm, sagt er, seine Stimme leise und brüchig, geh schon mal vor, geh schon mal in die Küche. Er reibt sich mit einer Hand über den Nacken, wischt sie am Unterhemd ab, sein Atem geht flach. Er will nicht, dass ich ihn so sehe, denke ich und gehe in die Küche.
Aber das Geständnis macht auch was mit dem Opa, er bröckelt irgendwie.
Da passt etwas nicht zusammen; die Schweine, das Schlachten, das begreife ich, das ergibt sich, eins aus dem anderen, nur das mit den Zöpfen … wir haben ihnen die Zöpfe abgeschnitten. Ich überlege, denke nach, versuche es, aber ich werde es noch ein paar Jahre lang nicht begreifen.
Und das finde ich auch sehr treffend, da gibt es etwas Beunruhigendes, was man aber erst Jahre später versteht. Das finde ich toll gemacht, das ist etwas, wo ich gut andocken kann.
Zuerst frage ich ihn, ob er weiß, was der Opa im Krieg gemacht hat? Mein Vater antwortet nicht sofort, er hebt kurz das Kinn und schaut auf den Bildschirm; es gibt Eckball.
Ich mein, der war an der Flak, sagt er, deswegen hört der doch so schwer.
Und hier haben wir den Vater, der vermutlich rund um das Kriegsende geboren wurde, das Tabu war noch sehr stark. Es schimmert eine unterkühlte Beziehung zwischen Vater und Großvater durch.
Ich erinnere mich, dass meine Großmutter bei der Beerdigung keine einzige Träne vergossen hat. Es war ein seltsamer Anblick, über den ich heute noch nachdenke, wie sie da ganz steif neben meinem Vater sitzt, am Ende der ersten Reihe zum Gang hin, und immer wieder auf die Hände in ihrem Schoß blickt.
Ja, vielleicht wäre da vorher ein klitzekleiner Hinweis gut, in welche Richtung man da denken könnte. Die Oma taucht hier zum allerersten Mal auf. Könnte sein, dass das Verhältnis zum Ehemann nach dem Krieg schwierig wurde, seine Taten und seine Erfahrungen hatten ihn sicherlich verändert. (Meine leibliche Oma ist damals gegangen, weil sie es nicht ausgehalten hat.)
Aber von der reinen Beschreibung, ohne die Interpretation des Jungen, könnte ihr Verhalten verschiedene Gründe haben. Aber auch realistisch, dass gewisse Gehimnisse in der Familie bleiben.
aber mein Vater schüttelte wieder nur den Kopf und tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn: Ach was! Dann nahm er einen Schluck Bier aus seiner Flasche und fragte mich, was ich eigentlich vom neuen FC-Trainer halte.
Finde ich extrem typisch für diese Generation.
Ich kaue langsam und gründlich, Backe ist das beste Stück vom Schwein.
Ich esse sie nicht mehr oft, und wenn, dann lasse ich mir Zeit, kaue langsam und gründlich, trinke dazu ein kühles Bier.
Das ist mir fast ein bisschen zu parallel. Ich verstehe das so, als ob er versucht, diese Zeit wieder heraufzubeschwören, bevor er "aus dem Paradies vertrieben wurde". Und es ist auch so, als ob da seitdem noch manches dazugekommen ist, das finde ich gut. Aber ich würde die Formulierung vielleicht doch etwas variieren.
Manchmal schließe ich dabei die Augen und versuche so zu tun, als hätte ich noch nie Sülze gegessen, als sei jeder Bissen mein erster.
Ja, da schwingt für mich so eine Sehnsucht mit und auch die Fähigkeit sich das Schöne, dass es da gab zu erhalten.

Ich finde dieses Thema 2. Weltkrieg, die Rolle der Groß - inzwischen ja Urgroßväter und seine Folgen in den Generationen danach immer noch wenig in den Köpfen, wenn es um die eigene Familie geht, das geht bei vielen über ein "Opa war bei der Flak" nicht hinaus. Und noch einmal ganz besonders, wenn es darum geht, was das für das eigene Leben bedeutet. Insofern auch ein wichtiger Text, der, zumindest bei mir, allerhand anklingen ließ.

Liebe Grüße von Chutney

 

Ich weiß nicht. Die nächsze Szene ist, dass er nicht lockerlässt, noch einmal nachfragt, wieder auf eine Mauer des Schweigens trifft, und diese Leerstelle würde ich gerne lassen. Was soll er auch denken? Ich hatte vorher ein paar gedachte Fragen da drin, aber das wirkte mir zu konstruiert. Den harten Cut finde ich eigentlich gut, vielleicht mache ich aus Jahren auch Monate, damit es näher dran wirkt.
Vielleicht noch ganz kurz hierzu. Verstehe ich. Ich meinte auch nicht, da jetzt die Gedankenwelt des Jungen komplett auszuerzählen. Auch den Cut finde ich nicht das Problem. Was mir fehlt, ist die Verunsicherung/ Erschütterung. Das ließe sich ja vielleicht auch anders zeigen als durch bloße Fragen, die sich der Junge stellt oder durch Gedanken, die ihm kommen. Andererseits hast du natürlich recht, dass es das nicht zwingend bräuchte. Die Verunsicherung ist ja so oder so (nicht zuletzt dadurch, dass sie sich auf den Leser überträgt) vorhanden. Ich merke, dass ich mir selbst unsicher bin.

Ich finde nicht, dass der ins Leere läuft,
Ja, das tut es so auch nicht. Das war eine zu harte Formulierung meinerseits. Aber es mildert die Geschehnisse ja wieder ein Stück weit ab. Dazu hast du aber in deinem Kommentar auch schon etwas gesagt, warum du es so lösen wolltest, wenn du schreibst:
Es trifft einen selbst keine Schuld, keine Verantwortung, man kann nichts mehr ändern. Das, finde ich, ist aber nichts, was der Text erwähnen sollte, sondern was als Fazit oder Gefühl im Leser schwingen sollte.

Ich finde den Titel gut, ich hatte auch keinen anderen im Kopf. Ich finde, das fasst doch den Zusammenhang, dieses Diskurs gut zusammen, oder? Ich weiß nicht, was würdest du denn vorschlagen?
Habe in den Kommentaren gelesen, dass da wohl tatsächlich ein stehender Begriff ist? Das war mir so nicht bewusst und das verändert es dann auch wieder für mich. Mein erster Gedanke war, dass diese Verunsicherung da noch mehr Platz hätte finden müssen. Aber der richtige Titel ist ja sowieso immer so eine Sache. Schwierig, subjektiv und vielleicht am Ende auch gar nicht so wichtig im Vergleich zum restlichen Text.

Viele Grüße und ein schönes Wochenende!
Habentus

 

und ja, auch ich gehöre der Generation Kriegsgroßväter an und habe vieles sehr spät verstanden (und drücke mich vor einigem Wissen noch heute)
Moin und danke dir für deine Zeit und deinen Kommentar,


ich habe da recherchiert, wo meine Opas waren im Krieg etc, aber das sagt nichts über Kriegsverbrechen. Die Szene ist tatsächlich so passiert, nicht genau so, aber der Rahmen war ähnlich, und das hat mich nachhaltig schockiert. Nur habe ich nie ein super Verhältnis zu meinen Großeltern gehabt, zu beiden nicht, trotzdem braucht man eine gewisse Distanz, um es kühl zu erzählen. Das darf meiner Meinung nach nicht zu dramatisch werden, ich verliere da auch manchmal den Überblick und das Gespür, ich habe das Gefühl, je älter ich werde, desto sentimentaler werde ich!

Toller Titel, auffällig, bedeutungsgeladen. Ich kannte ihn als Eisbeinorden, hatte es aber völlig vergessen.
Eisbeinorden kannte ich nun nicht, interessant. Es ist spannend, denn bald wird das, bis auf ein paar Ausnahmen, die sich dafür interessieren, niemand mehr wissen. Als ich 1994 in die Lehre kam, gab es noch jede Menge Menschen, die den Krieg erlebt hatten, da habe ich wirkliche viele ernsthafte, auch krasse Gespräche gehabt, wie das gewesen ist in Russland und so weiter, ein Mann, 85 Jahre alt damals, brachte seine 6x6 Fotosammlung von der Front mit; er sagte, zuhause will diese Geschichten keiner mehr hören, aber vergessen könne er auch nicht. Das ist eigentlich der pure Wahnsinn gewesen.
Falls Du noch Eindampfpotential suchst, dieses wäre meiner Meinung nach verzichtbar.
Ja, das überschneidet sich mit Stureks Kommentar, da habe ich nochmal gekürzt, unter anderem auch diese Passage.
Ich frage mich die ganze Zeit, was er in dieser Abstellkammer macht, warum ist er ausgerechnet dorthin für seine kurze Pause gegangen. Mir würde ein ganz kurzer Hinweis gefallen.
Ich habe es jetzt so gelöst, dass er sich auf seinem Sessel ausruht. Vielleicht mache ich da noch einen Massagesessel draus, das klingt vielleicht plausibler.

Du darfst es gerne ignorieren, aber dick und knorrig sind Apfelbäume. Pflaumen wachsen eher spillerig und mit dünnen Ästen.
Spillerig kannte ich nicht, wird ins Repertoire aufgenommen und sofort geändert, da spricht die Expertin!
In einem Deiner Antworten habe ich gelesen, das Du hier von jiddischen Zöpfen sprichst. Wenn das wichtig ist, würde ich es irgendwie verdeutlichen, so ohne Hinweis sind es auch für mich Frauenzöpfe. Generell ändert es nichts an dem Satz, die Gänsehaut und auch das allmähliche Begreifen ist das selbe.
Ich weiß, dass es verfänglich ist, ich glaube, die Originalaussage war auch eher: Weißt du, was wir mit den Juden gemacht haben?, aber ich wollte das nicht so offensichtlich im Text haben, das wirkte mir zu ausgestellt.
Mit den wenigen Sätzen im Vorkapitel, hast Du jetzt das schneiden, die Klinge und das Fleisch mit völlig anderer Bedeutung aufgeladen, beladen, belastet. Finde ich aus Autorensicht sehr gut gemacht.
Ja, so sehe ich das auch. Man kann das Konstruktion nennen, was es auch ist, aber das gehört für mich zum Handwerk: es kommt irgendwie auch auf die Qualität an, wie man das löst. Ich wäre nicht auf die "Maske" bzw das Lösen der Maske as Symbol gekommen, erst Kopper hat das angemerkt. Ich habe mal gelesen, das 80% aller Autoren ihren Symbolismus nicht beabsichtigen, ich war also einer der 80%!
Ich finde den Schluss gut, er geht mir nach. Ich sehe ihn jedes mal die Erinnerung auspacken, jedes mal irgendwo wünschen, die Erinnerung nicht zu haben. Wir hängen ja an unseren heilen Bildern, für ein Heilen dieser Risse gab und gib es keine Zeit mehr.
Ja, ich denke, es geht nicht um Schuld oder so, sondern eher um Verantwortung, aber auch um einen gewissen Gleichmut: ich kann ja nichts dran ändern, auch wenn ich wollte. Ich muss anerkennen, mein Großvater war ein Nazi und Kriegsverbrecher, wie viele andere Männer und liebe Opis wahrscheinlich auch. Das ist ja ein Diskurs, der mit einer Menge anderem Wissen zusammenhängt, wie kam es dazu?, wie und warum, wer war anfällig?, kann das wieder passieren? Heute unfassbar wichtig. Es gibt von Göbbels eine bekannte Rede, wo er den Deutschen genaustens erklärt, was die Nazis vorhaben, und am Ende der Rede sagt er: Und dazu werden wir euch erziehen! Das klingt mir bis heute in den Ohren nach. Ich meide Menschenmassen, weil in Sekundenschnelle aus jeder netten Glühweinrunde ein rasender Mob werden kann. Ich meide Menschen, die mich erziehen oder erleuchten wollen, die mir ihre Wahrheit als die einzige präsentieren wollen, weil mir sofort Göbbels im Ohr aufklingt. Das sind persönliche Strategien, die natürlich aus der Beschäftigung ganz konkret mit dem Wissen um meinen Großvater stammen. Das entscheidet aber jeder für sich.
Alles habe ich vielleicht noch nicht verstanden, aber ich finde es gut, das Du dich an diesen sehr persönlichen Text gewagt hast.
Danke dir! Ich revanchiere mich, dauert nur etwas, bitte Verständnis, der Dezember ist so killervoll mit Terminen, vor allem Arbeit, dass ich nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht. I try my best!

Gruss, Jimmy

 
Zuletzt bearbeitet:

Salü Jimmy

Die Challenge Zeit fordert ihren Tribut. Schwierig, möglichst vielen Teilnehmern was von meinem Leseeindruck da zu lassen. Real life und so, aber wem erzähl ich das.

Ich mag deinen Stil, weiste ja. Diese Verknappung, das auf den Punkt erzählen, lese immer wieder gerne in deine Texte rein.

Beste Stück vom Schwein, sagt mein Großvater, mein Opa, es liegt dampfend auf der Messerscheide.
Nicht eher Messerschneide? Beim anderen steckt man doch das Messer zum Schutz hinein.
Mir dem ersten Abschnitt tauche ich gleich in jimmys Welt, der Junge im Refugium seines Opas, stolz dabei zu sein, vielleicht mit etwas ambivalenten Gefühlen, aber doch in gewisser Weise ehrfürchtig.
Und Schweinebäckchen – best meat ever!

Und so oft wird der Opa ja keine Sülze mehr machen, sagt mein Vater, aber das sagt er nur bei uns zuhause, nicht hier, nicht im Haus seiner Eltern
Hier stockte ich kurz: kann ein Zehnähriger solche Sätze formulieren? Möglich, dass das früher schon mal bei anderer Gelegenheit angesprochen worden ist. Doch dann stellte ich mir vor, wie ein Erwachsener mir gegenüber von seiner Kindheit erzählt, und da vermischt sich eben Erfahrung mit Erinnerung und dann passt das wieder, obwohl du hier die Gegenwartsform als Erzählstil wählst.

Eine Sache faszinierte mich besonders: ganz am Ende des Gartens, im Schatten einer halbhohen Backsteinmauer, stand der Komposter.
Ich weiss nicht, wieso, aber hier bekam ich beim Lesen Gänsehaut. Keine Ahnung, ob in meiner Vergangenheit mal was mit einem Komposter ... :D

Wenn man die Hand ausstreckt und ganz nah über Kompost hält, spürt man eine organische Hitze, so dicht und gleichmäßig wie die späte Glut eines Holzfeuers.
Das ist halt schon faszinierend. Gerade für ein Kind. Man wirft den Abfall weg, aber das ist nicht das Ende, das ist Nahrung für irgendwelche Käferli, die ihn zersetzen und es entsteht Wärme, im Winter dampft es sogar manchmal. Das bleibt eine starke Erinnerung. Fein beobachtet, nachvollziehbar. Mag ich.

Er sitzt in seinem großen Ledersessel und ruht sich aus, er hat Schuhe und Socken ausgezogen, warum hat er sich auch die Socken ausgezogen?, ich weiß es nicht.
Ich auch nicht. Ein Kniff des Autors, damit Enkel seine abgefrorenen Zehen sehen kann? :p
Könnten auch den Wollstoff unnatürlich aufbauschen. Ist jetzt aber kein show killer.

Spannender ist, warum er nicht kurz bei den Skatbrüdern, oder den Frauen aufm Balkon vorbei schaut. Weil das Verhältnis in den Jahren unter Null abgekühlt ist, auf Gefrierfleischtemperatur.

Mein Großvater nickt. Weißt du, was wir im Krieg gemacht haben? Zuerst haben wir ihnen die Zöpfe abgeschnitten, dann haben wir sie geschlachtet wie Schweine
Bamm! So emotionslos faden grad heraus, das ist schon starker Tobak, zumal der Junge bis anhin grosse Stücke auf seinen Opa hielt.
Das mit den Zöpfen (=Juden) hab ich leider zu spät geschnallt, da war ich verwirrt wie der Junge. Nach dieser Wende sind mir auch noch so saftige Bäckchen verleidet. Ab hier hatte ich einen säuerlichen Geschmack im Mund, jeder Schnitt mit dem Messer, das fallen der Maske, die Assoziation war so stark – würg.

Komm, sagt er, seine Stimme leise und brüchig, geh schon mal vor, geh schon mal in die Küche.
Der Alte möchte ja, dass er geht, deshalb wirkt das einleitende 'Komm' komisch.
'Geh schon, sagte er, ..., geh schon mal vor in die Küche.'

Ach was, dein Opa, sagt mein Vater. Also nein, das nennt man Demenz, ja? Das ist dann so, das ist gar nicht richtig wahr. Der weiß manchmal nicht mehr, was er da eigentlich von sich gibt.
Demenz ist da so ne willkommene Diagnose, kaschiert Verleugnung. Opa doch nicht.

Bei der Trauerrede hieß es: Liebevoller Vater von sechs Kindern.
Spannend, dieser Zeitenwechsel. Die Vergangenheit wird im Präsens erzählt, die nähere Gegenwart aber im Präteritum.

Ein paar Monate später habe ich es noch einmal versucht. Wir saßen im Wohnzimmer, meine Mutter bereitete in der Küche gerade das Abendessen vor,
Ja, das waren aber auch verwirrende Eindrücke für einen Jugendlichen. Der über den Klee lobenden Abdankungsrede steht im verwirrenden Kontrast die regungslose (Nicht-)Reaktion seiner Grossmutter, seiner Eltern gegenüber. Das würde mich da als Enkel/Sohn auch stark interessieren, warum das so ist.

Grammatik: Eigentlich Friedels Metier, aber müsste der erste Satz nicht auch in der Vergangenheit stehen?
Ein paar Monate später hatte ich es noch einmal versucht.

Der Geschmack von Fleisch ist mir vertraut geblieben.
Und die Erinnerung an diese intimen Momente mit Opa.

Manchmal schließe ich dabei die Augen und versuche so zu tun, als hätte ich noch nie Sülze gegessen, als sei jeder Bissen mein erster.
Spannend auch, dass die Erinnerung an den Grossvater scheinbar den grösseren Stellenwert hat, als den zu seinen Eltern. Aber vielleicht lese ich das auch fälschlicherweise aus der Schlussszene heraus, da diese das Augenmerk drauf legt.

Lieber Jimmy, ich hab's gern gelesen, na ja, du weisst, wie ich gern in diesem Zusammenhang meine. Ernstes Thema, dass du hier wieder angefasst hast. Wir erinnern uns mit dem Älterwerden lieber an die schönen Dinge, gell? Doch sollten die Gräultaten nicht zu stark verblassen, um weiterhin die Lehren daraus zu ziehen. Schnell ist es passiert, und die Geschichte wiederholt sich.

Liebe Grüsse, dot

 

Hallo @jimmysalaryman,

habe deinen Text immer wieder mal gelesen, durch die Kürzungen hat er gewonnen.
Ein Absatz, die 'Gartenszene' ist mir noch zu viel Beiwerk.

Danach geht es auf eine andere Schule unten in der Stadt, und ich weiß noch nicht, wie ich das finden soll.
Nach diesem Satz habe ich einen Absatz vermisst.

Ich entstamme einer Familie von Mehlbauern und Metzgern
Ist 'Mehlbauer' ein regionaler Begriff? Mir ist nur 'Getreidebauer' geläufig.

der Geschmack von Fleisch ist etwas sehr vertrautes für mich.
Vertrautes

Meine Onkel und mein Vater spielen im Wohnzimmer Skat, ich kann hören, wie sie ihre Ansage brüllen, das Klirren von Bierflaschen. Die Frauen saßen auf dem Balkon und tranken Kaffee.
Die Frauen saßen auf dem Balkon und tranken Kaffee. Warum hier die Änderung der Zeit?

Eine ansprechende, etwas schwermütige Geschichte. Ein einfaches Leben, mit Skat, der Konzentration auf das Wesentliche des Alltags – eigentlich kann man doch zufrieden sein (der Fußballverein wird schon nicht absteigen).

Trotzdem spürt man, dass da im Verborgenem noch etwas lauert. Und letztlich beiläufig kommt das Unausgesprochene ans Licht, bis es wieder heruntergespielt wird:

Ach was, dein Opa, sagt mein Vater. Also nein, das nennt man Demenz, ja? Das ist dann so, das ist gar nicht richtig wahr. Der weiß manchmal nicht mehr, was er da eigentlich von sich gibt.

aber mein Vater schüttelte wieder nur den Kopf und tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn: Ach was! Dann nahm er einen Schluck Bier

Weiß nicht, wer das gesagt hat: Wenn man aus der Vergangenheit nichts lernt, braucht man sich nicht über die Zukunft zu wundern.

Besonders aussagekräftig ist das Metzger-Motiv (welches angenehm sachlich präsentiert wird):

Beste Stück vom Schwein, sagt mein Großvater, mein Opa, es liegt dampfend auf der Messerschneide.
welches dann in diesem grausame Gedankengang kulminiert:
Da passt etwas nicht zusammen; die Schweine, das Schlachten, das begreife ich, das ergibt sich, eins aus dem anderen, nur das mit den Zöpfen … wir haben ihnen die Zöpfe abgeschnitten.

Am Schluss noch einmal das Motiv, wieder Alltag, aber auch ein 'Loslassen':

Der Geschmack von Fleisch ist mir vertraut geblieben. Ich mache die Sülze nicht selbst, ich kaufe sie bei einem Metzger in der Stadt. Sie schmeckt nicht so wie die von meinem Großvater, aber das muss sie auch nicht.

Normalerweise bin ich kein großer Freund von detailierten Beschreibungen, aber wenn es gut gemacht ist, ist es halt gut :)

LG,

Woltochinon

 

Kurz, das ist das Stichwort. Das Kürzen hat der Geschichte meiner Meinung nach insgesamt gut getan. Nur schade, dass ausgerechnet der Abschnitt über den erzwungenen Fronturlaub dem Streichkonzert zum Opfer gefallen ist. Wie der Vater davon erzählt, hätte gut zum Thema Verdrängung gepasst, natürlich ohne Kommentar des Erzählers.
Moin Sturek,

ich gebe dir insgesamt Recht, die Gartenszene passte besser in ein Format wie "Landleben" oder so, habe ich reduziert, ganz rausschmeißen will ich sie nicht, da ich das Symbolische m Komposter mag, und der Text ja mit dem Bild der werdenden Erde einst endete, jetzt aber eben nicht mehr, da franst das dann aus und steht da wie doof im Text rum. Da hast du unumwunden Recht. Die andere Szene mit dem Fronturlaub habe ich aus anderen Gründen gleich mitgetilgt: entweder gibt es einen Dialog über den Krieg, oder es wird geschwiegen. Da macht man sonst diese Tür auf: Warum nur über den Fronturlaub und nicht über den Rest? Das ist schwierig zu erklären, wie ich finde, und auch unglaubwürdig. Dann wird lieber durchgeschwiegen!

Ein zweiter Streichkandidat ist in meinen Augen der Tod des Vaters. Warum ist der für die Geschichte bedeutsam?
Verstehe ich. Der ist für mich wichtig, weil damit die endgültige und vielleicht einzige Informationsquelle gekappt ist. Man könnte annehmen, der Vater weiß doch noch etwas, aber er sagt es nur nicht, es bestünde die Möglichkeit, diese Quelle anzuzapfen. Das hat sich erstmal erledigt. Ich sage nun nicht; die ganze Familie weiß nicht, er könnte auch zum Onkel oder zur Großmutter gehen, aber würden die ihm mehr sagen? Ich finde, das kann man sich auch selbst erschließen. Außerdem sind das ja Fiktionen mit einem Kern Realität, man könnte auch einfach sagen: Warum nicht? Muss es für alles einen Grund geben? Darf nicht auch etwas Restgeheimnis da sein?
Was genau hat er versucht? Er hat es doch schon begriffen, also wozu noch einmal das Thema ansprechen?
Die restlichen Ideen habe ich mal umgesetzt, weil richtig. Aber hier sage ich ja klar, nein, natürlich fragt er nach. Nicht: Habe ich das richtig begriffen? Sondern: Weißt du, ob das der Wahrheit entspricht? Würdest du nicht wissen wollen, ob dein Großvater ein Kriegsverbrecher gewesen ist? Kann ich mir nicht vorstellen. Der Vater wäre doch immer die erste Anlaufstelle.
Das will überhaupt nichts besagen. Jeder trauert anders.
Ja, bei uns wurde immer viel geweint, wir haben slawisches Blut, deswegen ist dieses Nicht-Weinen bedeutsam.

Danke die für deine Zeit und deinen Kommentar, Sturek.

Gruss, Jimmy

 

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