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Gefrierfleischorden

Challenge 3. Platz
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28.12.2009
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Gefrierfleischorden

Mein Großvater steht vor dem Herd und rührt in einem großen Topf, feuchter Dunst zieht durch das angekippte Fenster. Er schöpft mit einer Kelle Schaum ab, und erst jetzt sehe ich den Kopf, der auf dem kochenden Wasser schwimmt. Hier, sagt er und schneidet mit einem seiner Ausbeinmesser ein Stück aus der Backe. Da ist der Rauch von Zigaretten und der Geruch des Fleisches in der kleinen Küche. Ich bin zehn oder elf Jahre alt.
Beste Stück vom Schwein, sagt mein Großvater, mein Opa, es liegt dampfend auf der Messerschneide. Ich entstamme einer Familie von Mehlbauern und Metzgern, der Geschmack von Fleisch ist etwas sehr vertrautes für mich.

Meine Onkel und mein Vater spielen im Wohnzimmer Skat, ich kann hören, wie sie ihre Ansage brüllen, das Klirren von Bierflaschen. Die Frauen saßen auf dem Balkon und tranken Kaffee.
Muss noch Schnauze und Schwarte würfeln, sagt mein Großvater. Kannst mir nachher helfen.
Ich beiße in das Stück Fleisch, es ist weich und voller Saft. Backe ist das beste Stück vom Schwein. Und so oft wird der Opa ja keine Sülze mehr machen, sagt mein Vater, aber das sagt er nur bei uns zuhause, nicht hier, nicht im Haus seiner Eltern. Die Fliesen auf dem Balkon kühl unter meinen Füßen, ich bin barfuß, es sind die letzten Tage der großen Ferien. Danach geht es auf eine andere Schule unten in der Stadt, und ich weiß noch nicht, wie ich das finden soll. Doch jetzt bin ich hier, in diesem großen Haus, ich gehe die Treppe hinunter und stehe im Garten, ein schmales, langes Stück Land, die Beete akkurat voneinander getrennt, der Weg aus Kopfsteinpflastern gelegt. Ich erinnere mich an den strengen Geruch der Erde; mein Großvater bekam seinen Dünger von den umliegenden Höfen geliefert. Da sind die Pflaumenbäume zu meiner Rechten, ihre Äste dünn und knorrig. Niemand weiß genau, wer sie gepflanzt hat oder wie lange sie schon dort stehen, doch sie tragen jeden Sommer Früchte, auch diesen. Aus einem Teil buk meine Großmutter Kuchen, den anderen Teil gaben sie an einen Nachbarn, der in seiner Laube im Westerwald daraus Schnaps brannte. Eine Sache faszinierte mich besonders: ganz am Ende des Gartens, im Schatten einer halbhohen Backsteinmauer, stand der Komposter. Ein aus Dachlatten zusammengenageltes Behältnis, verschlossen mit einer passenden Lage scharfkantigem Hühnerdraht, so dass die Katzen nicht reinscheißen konnten. Wenn man die Hand ausstreckt und ganz nah über Kompost hält, spürt man eine organische Hitze, so dicht und gleichmäßig wie die späte Glut eines Holzfeuers. Ich bin bei jedem Besuch zu diesem Komposter gegangen und habe meine Kinderhände durch das Holzgitter gesteckt, selbst im Winter, als die Erde schon hart gefroren war.

Als ich später ins Haus zurückkehre, beginnt es schon zu dämmern. Ich höre meinen Vater lachen, sie spielen immer noch Skat, es wird Schnaps getrunken. Mein Großvater war draußen auf dem Balkon, ich habe ihn kurz bei den Frauen gesehen, doch jetzt ist wieder im Haus, in dem abgedunkelten Zimmer neben der Küche, in dem ein kleiner Fernseher und sein Schachbrett steht. Er sitzt in seinem großen Massagesessel, den Kopf auf der Rückenlehne, die Augen geschlossen. Er ruht sich aus, denke ich, er hat Schuhe und Socken ausgezogen, warum hat er sich auch die Socken ausgezogen?, ich weiß es nicht. Seine nackten Füße liegen auf einem Schemel, in der Hand hält er ein bauchiges Glas, Hennessy ist seine Marke. Ich bleibe vor der Tür stehen, das letzte Sonnenlicht fällt durch die halb geschlossenen Lamellen der Rollade und erhellt den kargen Raum. Und da, als ich vor ihm stehe, fällt mir etwas an seinen Füßen auf, sie sind unförmig, wie verdreht; ich hatte sie noch nie gesehen und konnte nicht aufhören, sie anzustarren.
Krieg, sagt mein Großvater. Abgefroren.
Ich schäme mich, weil ich so ungeniert seine deformierten Füße angestarrt habe, doch ihm scheint das nichts auszumachen.
Wenn du das überlebt hast, habense dir n Orden umgehangen, Gefrierfleischorden, sagt mein Großvater und nickt. Weißt du, was wir im Krieg gemacht haben? Er nimmt einen Schluck und stellt das Glas auf einen Beistelltisch, dann sagt er: Zuerst haben wir ihnen die Zöpfe abgeschnitten, dann haben wir sie geschlachtet wie Schweine.
Ich stehe immer noch schweigend vor der Tür. Mein Großvater erhebt sich aus dem Sessel und sammelt seine Socken ein, es sind lange, graue Wollsocken. Seine Bewegungen schwerfällig, er stöhnt, ächzt, und als er sich den ersten Socken überstreift, bemerke ich seine zitternden Finger.
Komm, sagt er, seine Stimme leise und brüchig, geh schon mal vor, geh schon mal in die Küche. Er reibt sich mit einer Hand über den Nacken, wischt sie am Unterhemd ab, sein Atem geht flach. Er will nicht, dass ich ihn so sehe, denke ich und gehe in die Küche. Vor dem Herd bleibe ich stehen, spüre die dichte Hitze, ein feuchtwarmer Schwall im Gesicht. Da ist immer noch der Topf, ich höre es darin köcheln. Der Dunst riecht nach Fett, nach Knochenmark, nach gegartem Fleisch und Schweinestall. Da passt etwas nicht zusammen; die Schweine, das Schlachten, das begreife ich, das ergibt sich, eins aus dem anderen, nur das mit den Zöpfen … wir haben ihnen die Zöpfe abgeschnitten. Ich überlege, denke nach, versuche es, aber ich werde es noch ein paar Jahre lang nicht begreifen. Auf einmal steht er neben mir, ich habe ihn nicht kommen gehört. Er hat sich im Badezimmer frisch gemacht, Wassertropfen fallen von seinem Kinn auf den Herd, es zischt, und er sieht mich an und lächelt.
Dann holen wir’n mal raus, sagt er und greift nach der Kelle. Dampf setzt sich von der fest gespannten, braunen Kruste ab, er stellt den Kopf auf ein Schneidebrett neben der Spüle, das glatte Holz wird dunkel von der ablaufenden Brühe.
Wenn's gar ist, geht's ganz einfach, sagt er und macht mit der Klinge einen Schnitt an der Stirn. Die Maske löst sich von selbst, fällt geradezu vom Knochen, darunter schimmert gräuliches Fleisch und weiß glänzendes Fett.

Als wir wieder zuhause sind, erzähle ich meinem Vater davon. Ich warte, bis meine Mutter unten in der Waschküche ist, bis er alleine vor dem Fernseher sitzt und die Sportschau guckt. Zuerst frage ich ihn, ob er weiß, was der Opa im Krieg gemacht hat? Mein Vater antwortet nicht sofort, er hebt kurz das Kinn und schaut auf den Bildschirm; es gibt Eckball.
Ich mein, der war an der Flak, sagt er, deswegen hört der doch so schwer.
Dann erzähle ich es ihm, ich erzähle es Wort für Wort.
Ach was, dein Opa, sagt mein Vater. Also nein, das nennt man Demenz, ja? Das ist dann so, das ist gar nicht richtig wahr. Der weiß manchmal nicht mehr, was er da eigentlich von sich gibt. Ein paar Monate später habe ich es noch einmal versucht. Wir saßen im Wohnzimmer, meine Mutter bereitete in der Küche gerade das Abendessen vor, aber mein Vater schüttelte wieder nur den Kopf und tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn: Ach was! Dann nahm er einen Schluck Bier aus seiner Flasche und fragte mich, was ich eigentlich vom neuen FC-Trainer halte. Ich blickte auf den Grund meines leeren Glases und sagte: Der FC steigt schon nicht ab.

Mein Großvater starb kurz darauf. Er starb weg, wie man hier sagt. Er ging an einem heißen Sommernachmittag aus dem Garten zurück ins Haus, setzte sich zum Ausruhen auf den Sessel und wachte einfach nicht mehr auf. Die Ärzte sagten, es war ein Herzinfarkt. Bei der Trauerrede hieß es: liebevoller Vater von sechs Kindern. Treuer Ehemann. Gläubiger Christ. Dreißig Jahre lang bei Mannstedt in der Fertigung. Immer verlässlich und verantwortungsbewusst. Grüner Daumen. Die besten Erdbeeren der Siedlung. Ein Mann, der seinen Humor nie verloren hat. Ich erinnere mich, dass meine Großmutter bei der Beerdigung keine einzige Träne vergossen hat. Es war ein seltsamer Anblick, über den ich heute noch nachdenke, wie sie da ganz steif neben meinem Vater sitzt, am Ende der ersten Reihe zum Gang hin, und immer wieder auf die Hände in ihrem Schoß blickt.

Der Geschmack von Fleisch ist mir vertraut geblieben. Ich mache die Sülze nicht selbst, ich kaufe sie bei einem Metzger in der Stadt. Sie schmeckt nicht so wie die von meinem Großvater, aber das muss sie auch nicht. Ich schneide sie in dünne Scheiben, beträufele sie mit ein wenig Essig und fein gehackten Zwiebeln. Ich esse sie nicht mehr oft, und wenn, dann lasse ich mir Zeit, kaue langsam und gründlich, trinke dazu ein kühles Bier. Manchmal schließe ich dabei die Augen und versuche so zu tun, als hätte ich noch nie Sülze gegessen, als sei jeder Bissen mein erster.

 
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mir kommt es so vor, als ob du in dieser Geschichte ganz besonders atmosphärisch schreibst, die Sinne intensiv ansprichst. Der Beginn hat fast etwas einlullendes, von Geborgenheit und Vertrautheit, von Ritualen und Kindheit. Aber der Junge steht an der Schwelle zur neuen Schule, auch zum nächsten Entwicklungsschritt und da hinein fällt die verstörende Bemerkung des Opas. Ich sehe bei dem Opa eben auch so etwas, was sich in Auflösung befindet, so eine Altersschwäche, deshalb sagt er das plötzlich, das hat ja fast etwas von einem Schuldbekenntnis, das den Jungen überfordert und neugierig macht.
Moin Chutney,

das beschreibt meine Methode perfekt! Ist so ein wenig wie beim Fußball, italienische Mannschaften lullen ein auch immer ein und schießen dann ein Kacktor! :D Bei denen habe ich mir das abgeguckt. Nein, ich finde ja, ein Text braucht Textur, jede Geschichte sollte auch schmecken und riechen, mir ist das wichtig, auch bei anderen Texten. Nicht immer, aber wenn es das Sujet erfordert. Es ist für mich auch ein Kompliment, wenn das bemerkt wird, ich wünsche mir eine satte Textur für meine Texte. Deswegen freut mich das!

Das ist ja eine Geschichte, die mit den Zeiten spielt, dadurch soll auch ein wenig diese verzerrende Erinnern betont werden, für mich ist das so ein Limbo aus Erinnerung, Traum und Realität, das vermengt sich zu diesem Bild, ein ständiges Springen innerhalb dieser Zustände, ein wenig wie das fast klare Träumen morgens nach dem Aufwachen, wenn man kurz wieder einnickt.

Ich kann die Faszination von dem Kompost absolut nachvollziehen, das ist wie Zauberei und ich muss da auch immer wieder gucken gehen. Auch das Gewimmel von Würmern, wenn das noch so rottet und wie sich die Erde bildet. In dieser Geschichte um Leben und Tod eben auch ein starkes Bild.
Ich antworte mal auf die einzelnen selektieren Sentenzen, weil sich einiges mittlerweile wieder verändert hat und ich da nicht mehr nachkomme, wie wo und warum. Der Komposter muss in irgendeiner Art drinnebleiben, für mich ist das auch ein starkes Bild. Ich will auch nicht immer ein Text lesen, der so dermaßen nüchtern ist, dass er nicht über sich selbst hinausweist, der nur das ist, was er ist. Das kann man machen, ich mache das ja auch oft, einmal durch die Raymond Carver Machine drehen, aber der Komposter steht als Symbol für Werden und Vergehen, aus Altem wird Neues, Zersetzung, Gedeihen. Das muss auch sonst nichts erfüllen, das darf ruhig ein mysteriöses Objekt im Text bleiben.

Okay und hier gebe ich zu, habe ich auch gerätselt und bei Zöpfen erst an Frauen gedacht, das später mit dem Verhalten der Oma bei der Beerdigung zusammengebracht, aber es passte irgendwie nicht. Dass es Juden waren, macht natürlich Sinn. Die Wortwahl des Opas ist erschreckend, weil es eigentlich noch einmal entwürdigend ist. Da hat keine Auseinandersetzung stattgefunden, das bricht so aus ihm raus.
Ich will das nicht zusätzlich erklären, weil das ja das Nachdenken im weiteren Textverlauf impliziert; mir ist das auch nicht erklärt worden. Es sollte auch kein Gesinnungstext werden, das ist mir erst später aufgefallen, wie man einen solchen Text vor dem Nahostkonflikt auch lesen könnte; ich habe da eine sehr dezidierte Meinung zu, die ich aber für mich behalte. So etwas gehört nicht in ein Literaturforum. (Wir sind ja nicht der PEN Berlin, glücklicherweise!). Im Grunde kann man es so oder so lesen, der Effekt ist ein Schock, das Schockierende steht im Vordergrund, das Durchbrechen des Schweigens, eine radikale Einsicht, ganz plötzlich serviert.

Ja, vielleicht wäre da vorher ein klitzekleiner Hinweis gut, in welche Richtung man da denken könnte. Die Oma taucht hier zum allerersten Mal auf. Könnte sein, dass das Verhältnis zum Ehemann nach dem Krieg schwierig wurde, seine Taten und seine Erfahrungen hatten ihn sicherlich verändert. (Meine leibliche Oma ist damals gegangen, weil sie es nicht ausgehalten hat.)

Ich sehe das. Ich muss sagen, da habe ich lange nicht drüber nachgedacht. Die Rolle der Frauen sind immer so eine Sache, ich sehe das ein. Ich muss gestehen, die Oma auch erst nachträglich eingefügt zu haben, "die Frauen" insgesamt. Klingt ein wenig wie Zierrat, das muss ich gestehen, wo ich das jetzt selbst lese und schreibe, ist mir fast peinlich. Ich überlege, ob ich noch eine Szene einfüge, wo ich eventuell einen Dialog mit der Mutter oder der Oma darstelle, es darf sich nur nicht so forciert anfühlen. Aber ja, unumwunden, das ist ein sehr oder eher männlicher Text, das ist wohl richtig so.

Ich finde dieses Thema 2. Weltkrieg, die Rolle der Groß - inzwischen ja Urgroßväter und seine Folgen in den Generationen danach immer noch wenig in den Köpfen, wenn es um die eigene Familie geht, das geht bei vielen über ein "Opa war bei der Flak" nicht hinaus. Und noch einmal ganz besonders, wenn es darum geht, was das für das eigene Leben bedeutet. Insofern auch ein wichtiger Text, der, zumindest bei mir, allerhand anklingen ließ.

Das finde ich auch. Ich habe nachgeforscht, und es ist einfach so, das ist jetzt persönlich, mich hat das alles nicht überrascht oder sonstwas. Man kann sich das auch nicht erklären, wie man dazu kommt, das ist im Grunde Wahnsinn, Irrsinn, ein immenser Abgrund. Die Lehre für mich: Menschen tun so etwas. Da bin ich ausgesprochener Kulturpessimist, der Mensch ist eine Spezies des Soll-Zustands, nicht des Ist. Gelernt haben wir als Gesellschaft offensichtlich nur sehr wenig, und ich glaube, uns stehen kaum bessere Zeiten bevor.

Chutney, danke dir für deine Zeit und deinen sehr guten Kommentar, den Rest pflege ich bei weiteren Überarbeitungen nach und nach ein!

Gruss, Jimmy

 

Lieber @jimmysalaryman ,

ich mag das, dass man deine Geschichte in einem Zug runterlesen kann, sich nirgendwo ausgebremst fühlen muss, weil alles in einem Fluss, in einem Guss ist. So auch hier. Man kommt schnell in die von dir geschildete Szene hinein, spürt die Atmosphäre und schaut deinen Protagonisten zu.
Ich habe deine Geschichte gern gelesen, auch, weil sie mich an meine Großeltern erinnerte, mein Opa auch so ein Mann war, der stets sein Taschenmesser zum Auslösen von Fleisch verwendete, wenn ich mal zu Besuch und zum Mittag dort blieb und meine Großmutter erschaffte wunderbar schmeckende Tellersülzen aus dem abgekochten Schweinekopf, die unvergleichlich besser schmeckten als jede gekaufte Sülze. Aber das weißt du ja selbst.

Der Vorgang, den du beschreibst, ist mir also überhaupt nicht fremd, habe es selbst einmal erfolgreich gewagt, so eine Sülze nachzukochen.
Ich hätte mir gewünscht, dass du den Kochvorgang bis zu seiner Vollendung durch die gesamte Geschichte laufen lässt, so quasi als roter Faden und Zusammenhalt, aber zum Ende hin driftest du weiter, was nicht stört, denn gut lesbar ist alles, was du schreibst, aber es nimmt dem Plot noch mehr seine innere Struktur.
Zum Beispiel ist mir der Tod des Vaters ein Thema, das etwas rausreißt aus dem ganzen Gefüge um den Großvater und ich fragte mich, welcher Tod hier denn das Schwergewicht bekommen sollte? Mein Vorschlag wäre, den Tod des Vaters rauszunehmen, um dem Opa dadurch mehr Raum zu geben.
Überhaupt mäandert mir deine Geschichte etwas zu sehr hin und her, sie bleibt zwar vom Erzählstil hier in einem ruhigen Fluss, aber ich liebe nun mal gute Plots und bin natürlich während des Lesens immer auf der Suche danach.

Bevor ich mich mit weiteren Anmerkungen anhand der Zitate weiterhangele noch kurz der Hinweis, dass ich aus Zeitgründen keine der Kritiken, die du bereits erhalten hast, gelesen habe.

sehr vertrautes für mich.
Ich würde "Vertrautes" schreiben.
. Die Frauen saßen auf dem Balkon und tranken Kaffee.
Ich habe mich gefragt, ob du hier bewusst in der Vergangenheit schreibst, sonst ist es ja stets die Gegenwart, in der das alles spielt.
fällt mir etwas an seinen Füßen auf, sie sind unförmig, wie verdreht; ich hatte sie noch nie gesehen und konnte nicht aufhören, sie anzustarren.
Krieg, sagt mein Großvater. Abgefroren.
Ich schäme mich, weil ich so ungeniert seine deformierten Füße angestarrt habe, doch ihm scheint das nichts auszumachen.
Wenn du das überlebt hast, habense dir n Orden umgehangen, Gefrierfleischorden, sagt mein Großvater und nickt. Weißt du, was wir im Krieg gemacht haben? Er nimmt einen Schluck und stellt das Glas auf einen Beistelltisch, dann sagt er: Zuerst haben wir ihnen die Zöpfe abgeschnitten, dann haben wir sie geschlachtet wie Schweine.
Hier nimmt die Geschichte etwas Fahrt auf, finde ich. Weil man sich zusammen mit dem Jungen fragt, was da passiert ist. Einerseits, was dem Großvater Schreckliches mit seinen Füssen passiert ist, andererseits was er mit dem Abschlachten der Schweine, denen zuvor die Zöpfe abgeschnitten wurden, gemeint hat. Eigentlich weiß man ja, was er gemeint hat und doch möchte man möglichst mehr darüber wissen. Hier baust du Spannung auf, während davor kaum etwas passiert und ich den roten Faden, ausser dem Sülzeherstellen, nicht so recht finden konnte.

Ach und an dieser Stelle wollte ich noch kurz bemerken, dass der von dir gewählte Titel zwar absolut passend zur Geschichte ist, aber ich finde ihn widerlich. Ich hätte ihn nicht gewählt, weil er einfach nur abtörnende Dinge anstößt. Sicherlich ist er hochinteressant und besitzt ein Alleinstellungsmerkmal, aber mir wäre es das nicht wert. Das ist aber reine Geschmackssache, nichts, was ich insoweit dann kritisiere.

Der Dunst riecht nach Fett, nach Knochenmark, nach gegartem Fleisch und Schweinestall.
Gut beschrieben. Ich hatte auch noch diesen typischen Lorbeerblattgeruch in der Nase damals. Ohne Lorbeer wurde bei Oma kein Schweinekopf gekocht.
Da passt etwas nicht zusammen; die Schweine, das Schlachten, das begreife ich, das ergibt sich, eins aus dem anderen, nur das mit den Zöpfen … wir haben ihnen die Zöpfe abgeschnitten.
Ist dieser Junge, dessen damalige Gedanken du beschreibst, 10-11 Jahre alt oder älter? Würde man in diesem Alter nicht schlichter denken? Ich meine, wenn ich versuche, mich in kindliche Gedanken zu versetzen, dass mich das mit den Zöpfen sofort interessieren würde. Wer hatte Zöpfe? Vielleicht würde ich kindliche Vermutungen anstellen? Und mehr kindklich bohren.
Zuerst frage ich ihn, ob er weiß, was der Opa im Krieg gemacht hat?
Diese Frage finde ich zu erwachsen.
Ach was, dein Opa, sagt mein Vater. Also nein, das nennt man Demenz, ja? Das ist dann so, das ist gar nicht richtig wahr. Der weiß manchmal nicht mehr, was er da eigentlich von sich gibt.
Super Antwort, man spürt förmlich, wie der Vater versucht, abzuwiegeln.
Bei der Trauerrede hieß es: Liebevoller Vater von sechs Kindern.
Der ansonsten fehlerfreie Text, Respekt dafür, könnte an dieser Stelle noch geändert werden, denn mein System meint, dass "Liebevoller" klein geschrieben werden müsste, weil kein vollständiger Satz nach dem Doppelpunkt folgt.
. Mein Vater starb kurz darauf, ganz plötzlich und unerwartet. Er starb weg, wie man hier sagt. Er ging an einem heißen Sommernachmittag aus dem Garten zurück ins Haus, legte sich zum Ausruhen auf die Couch und wachte einfach nicht mehr auf. Die Ärzte sagten, es war ein Herzinfarkt.
Ich finde diesen Absatz so tragisch, dass ich erwarte, dass dann der Vater viel mehr Gewicht bekommt in dieser Geschichte. Es ist aber gar nicht SEINE Geschichte, sondern die des Großvaters. Und weil es so ist, wird der Tod ein wenig bedeutungsloser als er es sollte. Ich würde es tatsächlich komplett weglassen, es wird der Tragik des einfach Wegsterbens überhaupt nicht gerecht. Das war doch sicherlich ein Drama.
Sie schmeckt nicht so wie die von meinem Großvater, aber das muss sie auch nicht.
Stimmt, aber wieso muss sie das nicht. Wäre eine Idee, diesen Grund nachzureichen.
Manchmal schließe ich dabei die Augen und versuche so zu tun, als hätte ich noch nie Sülze gegessen, als sei jeder Bissen mein erster.
Auch hier weiß ich nicht so genau, was für eine Idee dahintersteckt. Was soll das bei mir auslösen, welche Gedanken?
und versuche so zu tun, als hätte ich noch nie Sülze gegessen, als sei jeder Bissen mein erster.
Hier sagt mir mein Rechtschreibsystem, dass hinter "versuche" ein Komma stehen soll.
Eine Sache faszinierte mich besonders: ganz am Ende des Gartens, im Schatten einer halbhohen Backsteinmauer, stand der Komposter.
Nach einem Doppelpunkt wird der folgende Satz groß geschrieben, wenn es ein ganzer Satz ist. Das ist hier der Fall. Also "Ganz" am Ende ...


Lieben Gruß

lakita

 

Hallo @jimmysalaryman,

ich kann es mir nicht erklären, aber eine der besten Geschichten ist mir durchgerutscht. Ein paar Gedanken dazu:

Mein Großvater steht vor dem Herd und rührt in einem großen Topf, feuchter Dunst zieht durch das angekippte Fenster. Er schöpft mit einer Kelle Schaum ab, und erst jetzt sehe ich den Kopf, der auf dem kochenden Wasser schwimmt.
Schöner Einstieg, bildlich, atomsphärisch gelungene Einstimmung.
Skat, ich kann hören, wie sie ihre Ansage brüllen, das Klirren von Bierflaschen. Die Frauen saßen auf dem Balkon und tranken Kaffee.
Muss noch Schnauze und Schwarte würfeln, sagt mein Großvater. Kannst mir nachher helfen.
Das Switchen zwischen den Zeiten hat mich manchmal zum Stolpern gebracht.

geschlossenen Lamellen der Rollade
Rolllade mit drei l sieht komisch aus, ist aber wohl gefordert
Bei der Trauerrede hieß es: Liebevoller Vater von sechs Kindern. Treuer Ehemann. Gläubiger Christ.
An sich ist das sehr stark, vielleicht wäre es personifiziert noch emotionaler, wenn z.B. ein Pastor das sagt
Zuerst haben wir ihnen die Zöpfe abgeschnitten, dann haben wir sie geschlachtet wie Schweine.
Ein Satz wie eine Bombe.

Um es kurz zu machen: Die Geschichte hat mir sehr gefallen, ich finde deinen Stil großartig, mit Ausnahme der Verwendung von Präsenz/Präteritum gehört es zu den besten Geschichten, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Vielleicht bin ich an der story wegen des Titels vorbeigerauscht, der mich abgeschreckt hat. Aber auch der passt sehr gut!

Schöne Adventszeit wünscht

Jaylow

 

Ich hätte mir gewünscht, dass du den Kochvorgang bis zu seiner Vollendung durch die gesamte Geschichte laufen lässt, so quasi als roter Faden und Zusammenhalt, aber zum Ende hin driftest du weiter, was nicht stört, denn gut lesbar ist alles, was du schreibst, aber es nimmt dem Plot noch mehr seine innere Struktur.

Moin Lakita, sorry, dass es so lange dauert, aber ich komme zu nichts, Ende des Jahres machen wir das Fachgeschäft auch samstags auf, und ich arbeite dann quasi die ganze Woche durch, da komm ich zu nix.

Ja, wäre eine Idee, das Sülze machen als plot device zu nehmen, aber ich finde, es ist ja auch ein wenig so, denn es endet mit dem Geschmack der Sülze, die reine physische Tätigkeit, da würde ich wahrscheinlich nicht alles unter kriegen. Denke ich mal drüber nach.

Zum Beispiel ist mir der Tod des Vaters ein Thema, das etwas rausreißt aus dem ganzen Gefüge um den Großvater und ich fragte mich, welcher Tod hier denn das Schwergewicht bekommen sollte? Mein Vorschlag wäre, den Tod des Vaters rauszunehmen, um dem Opa dadurch mehr Raum zu geben.
Ja, verstehe ich. Für mich ist das ein Endpunkt, ein Symbol, dass man in dieser Richtung nichts weiter erwarten kann und sollte, das Schweigen wird nicht durchbrochen und mit dem Tod endet auch diese Brücke. Eigentlich könnte er aber auch dann die Onkel und Tanten fragen, das ist an sich also ein schwaches Argument, sehe ich gerade. Überlege ich.
Überhaupt mäandert mir deine Geschichte etwas zu sehr hin und her, sie bleibt zwar vom Erzählstil hier in einem ruhigen Fluss, aber ich liebe nun mal gute Plots und bin natürlich während des Lesens immer auf der Suche danach.
Verstehe ich nicht. Was hat das Mäandern mit dem Plot zu tun? Das ist doch eine Art Offenbarungsgeschichte, die Erzählung einer Erinnerung, die er sich selbst während des Erinnerns rekapituliert, daher sind diese einzelnen Bruchstücke schon wichtig, in meinen Augen. Vielleicht kannst du ja mal ausführen, was du genau meinst, bezüglich der Geschichte, dass du da den Plot suchst.
Ist dieser Junge, dessen damalige Gedanken du beschreibst, 10-11 Jahre alt oder älter? Würde man in diesem Alter nicht schlichter denken? Ich meine, wenn ich versuche, mich in kindliche Gedanken zu versetzen, dass mich das mit den Zöpfen sofort interessieren würde. Wer hatte Zöpfe? Vielleicht würde ich kindliche Vermutungen anstellen? Und mehr kindklich bohren.
Der ist ja nicht 10 oder 11, sondern das erzählende Ich ist älter. Das ist eine aktive Rekapitulation, ich erzähle dir eine Begebenheit aus der Vergangenheit, aber ich tue es so, als sei ich gerade dabei. Das ist eine interessante Mischform, das ist auf der einen Seite unzuverlässig ist, an was kann man sich tatsächlich erinnern?, man kann auch Leerstellen ausfüllen, ich weiß es nicht mehr?, und der Erzähler ist in dieser Stegreif-Situation, wo man auch mit den Zeiten hin und herrückt, sie vor dem inneren Augen sozusagen korrigiert. Also muss das nicht in kindlichert Sprache oder in kindlichen Gedanken verfasst sein.
Hier baust du Spannung auf, während davor kaum etwas passiert und ich den roten Faden, ausser dem Sülzeherstellen, nicht so recht finden konnte.
Naja, der Text nimmt sich Zeit und bereitet diese Spitze ja vor; man fällt doch nicht mit der Tür ins Haus, oder? Der Text ist doch als flash fiction konzipiert, da komprimiert man die Dinge eben auf das Wesentlichste, das entwickelt sich ja auch beim Redigieren, da kürzt und presst man zusehendes den Text dichter und dichter. Einen roten Faden scheint es mir hier, wie in vielen meiner Texte, eigentlich nicht zu geben, denn das ist eine Erinnerung, die ja einer gewissen inneren Logik nicht so ganz gehorcht, wie ich finde.
Auch hier weiß ich nicht so genau, was für eine Idee dahintersteckt. Was soll das bei mir auslösen, welche Gedanken?
Das ist so etwas wie der jungfräuliche Biss. Wenn er Sülze isst, denkt er unweigerlich an die vorher beschriebenen, belasteten Szenen, und er kennt ja auch den Geschmack der Sülze, die er mit seinem Großvater verbindet. Ich denke, der Wunsch etwas unbelastet zum ersten Mal zu schmecken, ist ein Wunsch nach Reinheit, um es mal so auszudrücken.
Es ist aber gar nicht SEINE Geschichte, sondern die des Großvaters. Und weil es so ist, wird der Tod ein wenig bedeutungsloser als er es sollte. I
Ja, ich sehe das auch. Ich überlege mir da etwas.

Danke dir für Zeit und Kommentar, liebe lakita!

Gruss, Jimmy

 

Lieber @jimmysalaryman ,

ich kann gut verstehen, dass bei dir in dieser Jahreszeit der Bär steppt. Hatte auch noch gar nicht mit deiner Erwiderung gerechnet. Aber nun steht sie da und ich kann mir dazu schon mal ein paar Gedanken machen.

Sicherlich wirst du verstehen, dass meine Erwiderung, die ich dir gerne gebe, noch etwas Zeit benötigt, denn ich stecke eigentlich gar nicht so arg in Weihnachtsvorbereitungen, sondern im Moment hat einer unserer Kater gesundheitliche Probleme. Das hat absoluten Vorrang. Ich melde mich also auf jeden Fall noch irgendwann. Das wollte ich kurz mitteilen.

Lieben Gruß
lakita

 

Ich mag deinen Stil, weiste ja. Diese Verknappung, das auf den Punkt erzählen, lese immer wieder gerne in deine Texte rein.

Mensch, dot, da habe ich dich fast vergessen! Sorry ey, mit meinem Kopf kannst du heute morgen Fußball spielen.

Verknappung, ja. Ich bin ja immer dafür zu haben, die Frage ist ja immer, wie man wo verknappt, damit es nicht unlesbar und kryptisch wird.

Mir dem ersten Abschnitt tauche ich gleich in jimmys Welt, der Junge im Refugium seines Opas, stolz dabei zu sein, vielleicht mit etwas ambivalenten Gefühlen, aber doch in gewisser Weise ehrfürchtig.
Und Schweinebäckchen – best meat ever!
Ja! Danke dir. Für mich ein Kompliment. Manchmal frage ich mich, ob mir das nicht selbst am Wichtigsten ist, einen Text mit tatsächlicher Textur, mit einem gewissen Feeling. Plot wird mir irgendwie immer unwichtiger, klar, muss da was passieren, aber eben nicht sonderlich viel. Wie glaubwürdig das ist, ist mir eher wichtig.
Das ist halt schon faszinierend. Gerade für ein Kind. Man wirft den Abfall weg, aber das ist nicht das Ende, das ist Nahrung für irgendwelche Käferli, die ihn zersetzen und es entsteht Wärme, im Winter dampft es sogar manchmal. Das bleibt eine starke Erinnerung. Fein beobachtet, nachvollziehbar. Mag ich.
Finde ich auch. Wir haben ja zwei, und die dampfen tatsächlich, das ist schon sehr krass, das zum ersten Mal zu bemerken, dass da was passiert.
Ich auch nicht. Ein Kniff des Autors, damit Enkel seine abgefrorenen Zehen sehen kann? :p
Könnten auch den Wollstoff unnatürlich aufbauschen. Ist jetzt aber kein show killer.
Ja, das ist wohl ein Kniff. Habe es mittlerweile nochmals anders gedreht, mal schauen, ich finde es so unauffälliger.
Bamm! So emotionslos faden grad heraus, das ist schon starker Tobak, zumal der Junge bis anhin grosse Stücke auf seinen Opa hielt.
Das mit den Zöpfen (=Juden) hab ich leider zu spät geschnallt, da war ich verwirrt wie der Junge. Nach dieser Wende sind mir auch noch so saftige Bäckchen verleidet. Ab hier hatte ich einen säuerlichen Geschmack im Mund, jeder Schnitt mit dem Messer, das fallen der Maske, die Assoziation war so stark – würg.
Ja, ich denke, so soll es auch wirken, bzw hat es auf mich so gewirkt, es ist natürlich im ersten Moment nicht durchschauber, begreifbar, verstehbar, man spürt jedoch, dass da etwas Fundamentales sich entblättert hat. Das Zusammenschneiden mit dem Fleisch und der Sülze ist ja eine bewußte Entscheidung, die Gleichheit der Tätigkeiten, die Grausamkeit, die wir nur unter einem anderen Kontext vollkommen anders lesen.
Ja, das waren aber auch verwirrende Eindrücke für einen Jugendlichen. Der über den Klee lobenden Abdankungsrede steht im verwirrenden Kontrast die regungslose (Nicht-)Reaktion seiner Grossmutter, seiner Eltern gegenüber. Das würde mich da als Enkel/Sohn auch stark interessieren, warum das so ist.
Das ist natürlich auch eine Leerstelle, man könnte da noch ausbauen, die Frage ist aber ja, wo legt man den Fokus hin? Ich habe jetzt den Tod des Vaters rausgenommen, weil es ja stimmt, das nimmt dem Text Wucht und auch Dramatik, und auch die Schärfe; ich denke ja, auf der typischen Länge einer Flash Fiction gelten auch etwas andere Regeln als bei einer "normalen" Kurzgeschichte, da muss man sich einfach etwas reduzieren im Ausmaß.
Spannend auch, dass die Erinnerung an den Grossvater scheinbar den grösseren Stellenwert hat, als den zu seinen Eltern. Aber vielleicht lese ich das auch fälschlicherweise aus der Schlussszene heraus, da diese das Augenmerk drauf legt.
Ja, jetzt wo der Vater ganz raus ist, liest man das vielleicht nochmals ganz anders, ich finde es so, in der aktuellen Variante, eigentlich besser, es wirkt näher, das Essen der Sülze, der jungfräuliche Biß, kommt klarer raus, wirkt präziser, hat mehr Deutlichkeit, wie ich finde.

Lieber Jimmy, ich hab's gern gelesen, na ja, du weisst, wie ich gern in diesem Zusammenhang meine. Ernstes Thema, dass du hier wieder angefasst hast. Wir erinnern uns mit dem Älterwerden lieber an die schönen Dinge, gell? Doch sollten die Gräultaten nicht zu stark verblassen, um weiterhin die Lehren daraus zu ziehen. Schnell ist es passiert, und die Geschichte wiederholt sich.
Ja, vielen Dank, dot, gern liest man so was nicht, aber ich hoffe, man liest es dennoch gerne, weil es hoffentlich gut gemacht ist! Danke dir für deine Zeit und deinen Kommentar.

Gruss, Jimmy

 

habe deinen Text immer wieder mal gelesen, durch die Kürzungen hat er gewonnen.
Ein Absatz, die 'Gartenszene' ist mir noch zu viel Beiwerk.
Moin Wolto,

ist ja gekürzt, ganz trennen mag ich mich nicht, das hat zuviel Symbolgehalt, wie ich finde.

Ist 'Mehlbauer' ein regionaler Begriff? Mir ist nur 'Getreidebauer' geläufig.
Ja, hier schon.
Die Frauen saßen auf dem Balkon und tranken Kaffee. Warum hier die Änderung der Zeit?
Das ist Absicht, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so wirkt: Er erzählt sich das, rekapituliert das, und im Mündlichen macht man das oft unbewußt, dass man eine bekräftigende Aussage in einer andere, der korrekten Zeit wiedergibt, wie so ein Mantra.
Eine ansprechende, etwas schwermütige Geschichte. Ein einfaches Leben, mit Skat, der Konzentration auf das Wesentliche des Alltags – eigentlich kann man doch zufrieden sein (der Fußballverein wird schon nicht absteigen). Trotzdem spürt man, dass da im Verborgenem noch etwas lauert. Und letztlich beiläufig kommt das Unausgesprochene ans Licht, bis es wieder heruntergespielt wird:
Ja, danke dir. Ich weiß nicht, schwermütig? Wie definierst du das? Ich finde, die ist vielleicht etwas nostalgisch, wobei das ja kontrastiert mit der Gegenwart. Ich denke, ich weiß aber, was du meinst.
Besonders aussagekräftig ist das Metzger-Motiv (welches angenehm sachlich präsentiert wird):
Danke dir! Ich bemühe mich.
Normalerweise bin ich kein großer Freund von detailierten Beschreibungen, aber wenn es gut gemacht ist, ist es halt gut
Ich denke, manche Dinge müssen und sollten auch exakt beschrieben werden. In der präzisen Beschreibung, oder aus dieser heraus, entsteht für mich auch eine eigene Poetik, Poesie sogar, wenn man dann es hinbekommt, dass die reine Deskription über sich selbst hinausweist und eine solitäre Gültigkeit zugesprochen bekommt, Wahrhaftigkeit, Klarheit.

Danke dir für deine Zeit und deinen Kommentar!

Gruss, Jimmy

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @jimmysalaryman ,

endlich hab ich den Kopf frei und kann den Text mit Genuß lesen, was ich schon vom ersten Reinschauen nach Einstellen erwartet hab. Es gibt Texte, die mag ich nicht mit Hektik lesen.

Mein Großvater steht vor dem Herd und rührt in einem großen Topf, feuchter Dunst zieht durch das angekippte Fenster.
Kein Gedöns zum Einstieg, passt sehr gut, mit einem Satz den Text verortet. Gefällt mir enorm gut, wie du alles so ruhig erzählst und doch hat man den Eindruck von einem Vortex, und als der auftaucht (auch an der passenden Stelle), ist es dieses Fiese, Leise, kein dramatischer Knall mit Trommelwirbel.
Klasse, total angemessen, alles klingt (wie Hanniball mal sagte) so 'nebenbeiig', aber es ist das Nebenbeiige der Figuren, nicht des Autors, auch passend zum Grundthema, echt schön gemacht.

Ach ja: vom Klang her fände ich schöner: zieht durchs Fenster. Soweit ich weiß, ist das immer noch Standard.

Beste Stück vom Schwein, sagt mein Großvater, mein Opa, es liegt dampfend auf der Messerschneide. Ich entstamme einer Familie von Mehlbauern und Metzgern, der Geschmack von Fleisch ist etwas sehr vertrautes für mich.
Sagt er 'beste' wegen einem leichten Dialekt, oder fehlt ein -s?
Tolle Szene, ich kann mich da durchaus wiederfinden, weil meine Großmutter (ich wuchs mit ihr und meiner Mutter im Haushalt auf) auch unglaublich gut kochte, und es ein nicht immer gewährtes Privileg war, vom rohen Kuchenteig oder aus dem Topf kosten zu dürfen.
Schön, dass diese Szene etwas Vertrauliches zeigt, aber nicht zu eng, nicht zu nostalgisch. Ich finde das Bild mit dem dampfenden Fleisch auf dem Messer so schön, da finde ich den zweiten Satz eher ablenkend. Es ist offensichtlich, dass der Junge Fleisch kennt und es mag, allein durch die Beschreibungen. Kommt mir als Erklärung unnötig nachgeschoben vor.

Meine Onkel
-e zu viel.
Die Frauen saßen auf dem Balkon und tranken Kaffee.
Ich hab aus Zeitgründen keinen der anderen Komms oder deine Antworten gelesen, letztere les ich gleich, also: Stand der Text mal in der Vergangenheitsform? Davon sind recht unvermittelt ein paar im Text. Dies hier und anderes muss aber eindeutig gleichzeitig mit all dem anderen Geschehen stattfinden.
Ich finds nicht groß störend, weil ich von mündlichen Erzählungen durchaus kenne, dass man spontan wechselt, wollts aber mal anmerken.

Da sind die Pflaumenbäume zu meiner Rechten, ihre Äste dünn und knorrig. Niemand weiß genau, wer sie gepflanzt hat oder wie lange sie schon dort stehen, doch sie tragen jeden Sommer Früchte, auch diesen.
Fettes würde ich kicken, weil imO der Satzrhythmus nach 'Früchte' abgeschlossen ist. Zudem ist es logisch, weil 'jeder' den aktuellen Sommer einschließt.

Eine Sache faszinierte mich besonders: ganz am Ende des Gartens, im Schatten einer halbhohen Backsteinmauer, stand der Komposter.
Ganz muss groß, weil nach dem Doppelpunkt ein vollständiger Satz folgt.

spürt man eine organische Hitze, so dicht und gleichmäßig wie die späte Glut eines Holzfeuers.
Das finde ich eine so derart schöne Beobachtung. War im Kopf beim Lesen erst dabei, das zu korrigieren - hey, Feuer ist unregelmäßig heiß - und dann sofort gesehen: Ah, Glut, klar! Hab es sehr gern, wenn man in solchen kleinen Beschreibungen genau hinschauen muss, das richtig nachfühlen kann.

Da sind die Pflaumenbäume zu meiner Rechten, ihre Äste dünn und knorrig. Niemand weiß genau, wer sie gepflanzt hat oder wie lange sie schon dort stehen, doch sie tragen jeden Sommer Früchte, auch diesen. Aus einem Teil buk meine Großmutter Kuchen, den anderen Teil gaben sie an einen Nachbarn, der in seiner Laube im Westerwald daraus Schnaps brannte. Eine Sache faszinierte mich besonders: ganz am Ende des Gartens, im Schatten einer halbhohen Backsteinmauer, stand der Komposter.
Hab das noch mal im Ganzen rauszitiert, weil es mir irre gut gefällt - Dinge, die da sind, bei denen man nicht fragt (fragen kann) seit wann, woher, von wem, und das alles aber so selbstverständlich geworden ist. Auch schön, hier ein weiteres soziales Netz zu sehen, also nicht dieses vielleicht typische: Alte Männer saufen und werden laut, und das ist so oft mit akuter Gewalt verbunden: Hier wird klar, dass es alles Leute sind, die sich umeinander sorgen und mit anderen auskommen. Auf ganz nicht-süßliche Art, nicht, ohne Konflikte zu negieren oder auszuschließen. Und jetzt noch mehr Konflikte unterzubringen (z.B. stärkere Spannungen zw. Vater und Großvater oder beider zu den Frauen), würde alles komplett aus dem Gleichgewicht bringen.

Und da, als ich vor ihm stehe, fällt mir etwas an seinen Füßen auf, sie sind unförmig, wie verdreht; ich hatte sie noch nie gesehen und konnte nicht aufhören, sie anzustarren.
Krieg, sagt mein Großvater. Abgefroren.
Großes Kino, das wirkt ganz enorm lebensecht. Auch, dass das Kind erstmal ganz spontan reagiert, mit dieser Mischung aus Faszination und Abgestosseinsein und dann gleichzeitig der Gedanke: Das sollte ich vielleicht nicht denken, aber konkret verboten hat es ihm ja eigentlich keiner, weil sowas nie vorkam. Für mich enorm gut solche winzigen ambivalenten Kindheitsmomente eingefangen, die später schnell vergessen sind.

Ich mein, der war an der Flak, sagt er, deswegen hört der doch so schwer.
Dann erzähle ich es ihm, ich erzähle es Wort für Wort.
Ach was, dein Opa, sagt mein Vater. Also nein, das nennt man Demenz, ja? Das ist dann so, das ist gar nicht richtig wahr. Der weiß manchmal nicht mehr, was er da eigentlich von sich gibt.
Das finde ich extrem gut gemacht, eigentlich wie bei einer Geistergeschichte, bei der man am Ende nicht weiß, ob überhaupt etwas Paranormales passierte: Ich gehe schon stark davon aus, dass der Großvater die Wahrheit sagt und der Vater / die Familie das nie hören wollte und negiert. Aber andererseits lässt du die Möglichkeit offen, dass es auch so sein könnte, wie der Vater sagt.
Und dann ist es auch ein psychologisches Drama, weil (wenn ich weiterhin annehme, Opa redet von der Realität), weil dieses Verschweigen in die neue Generation weitergetragen wird, und der Junge steht noch vor dem Problem, dass entweder der Großvater oder der Vater lügt und das ist fies.

Sehr toll, weil das alles augenscheinlich leichtfüßig daherkommt, man aber durch diese ganzen sinnlichen Eindrücke dabei ist, die Geschichte extrem langsam zu lesen und dann eben auch diese Passage mit der nötigen Langsamkeit aufnimmt. (Klingt das konfus? Vielleicht weißt du, was ich meine.)

liebevoller Vater von sechs Kindern.
Der erste Buchstabe auch kursiv.
Ja, hier folgt kein vollständiger Satz, daher eigentlich klein, aber weil es das Zitat / Teilzitat ist, das selbst nicht ganz direkt zum Satz davor gehört, würde ich das Liebevoller großschreiben.

Tolles Ende, nicht zu forciert aufs Heute gewechselt, keine augenscheinlich gewichtigen neuen Erkenntnisse (im Sinne von: Ich fand später durch XY heraus, was der Wahrheit entsprach), sondern eine ruhige Szene, die keinen harten Bruch darstellt, die das Vergangene weiterwirken lässt. Alles erzählt über das Essen, implizit aber geht es um anderes. Finde sehr gut, dass du hier nichts erzwingst, als Autor quasi die Füße stillhälst, keine Parabel aufziehst, keine Theatergeste als Ende. Feine Sache!

Meine oben erwähnte Großmutter konnte alles gut kochen und backen, und ich hab selten was gefunden, das dem nahekommt (dann freue ich mich immer irre). Sie hat Leber mit diesen perfekt angebräunten, glasigen, halbweich/halbknusprigen süßen Zwiebeln gemacht, ohne Soße, nur mit Salz & Pfeffer und Kartoffelmus. Die Leber war samtweich und buttrig und das habe ich nie wieder irgendwo so gegessen und recht bald - nach der dritten oder vierten bitteren Schuhsohle in sonst guten Restaurants - aufgegeben zu suchen. Da docke ich also ganz extrem an den Text an.

Das Maskenrezept (hab ich nie live gesehen / gegessen, sozusagen) hab ich bei einer meiner ersten Geschichten als Humor-Horror benutzt, damals fand ich das recht eklig. Wie du es beschreibst, krieg ich voll Appetit!

Vielen Dank für den Text, tolles Thema, toll gelöst. Und unglaublich, wie kurz der Text faktisch ist, kommt mir jetzt schon im Nachklang viel länger vor.
Ich würde an deiner Stelle bis auf die kleinen angemerkten Korrekturen kein weiteres Wort mehr ändern. Auf gar keinem Fall sogar.

Dir schöne Festtage mit allem Guten, das dazugehört,
Liebe Grüße,
Katla

 

Lieber @jimmysalaryman ,

ich hoffe, dass dich der berufliche Stress alsbald loslässt und du die Weihnachtsfeiertage entspannt genießen kannst. Meist benötigt man ja doch immer ein wenig mehr Zeit, um richtig runterkommen zu können.
Im Grunde genommen könnte man ununterbrochen über das Konsum- und überhaupt Verhalten unserer Gesellschaft den Kopf schütteln. Kurz vor jeglichen Feiertagen, aber besonders vor dem Weihnachtsfest drehen wir alle nochmal auf und durch und tun so, als ob die Feiertage einen Monat lang anhalten und es in der Zeit keine Einkaufsmöglichkeiten etc. gibt. Davon ist dann deine Branche genauso heftig betroffen wie meine, weil Kunden und Mandanten erwarten, dass alle ihre Belange auf der Stelle erledigt werden und zwar noch vor Weihnachten. Als gäbe es kein Morgen. Verrückt einfach.
Aber nun zu deinen Bemerkungen zu meinem Feedback:

Mein Großvater steht vor dem Herd und rührt in einem großen Topf,
Ich zeige dir auf, an welchen Stellen mir das sozusagen Mäandern besonders aufgefallen ist. Du beginnst atmosphärisch dicht mit dem Kochen des Schweinskopfes, also der Sülzenherstellung.
Danach geht es auf eine andere Schule unten in der Stadt, und ich weiß noch nicht, wie ich das finden soll.
Dann wird dieser Moment eingeflochten. Neuer Aspekt und betrifft deine Erzählfigur.
ich gehe die Treppe hinunter und stehe im Garten,
Der Garten ist auch ein neues Thema. Du könntest auch im Haus bleiben.
Aus einem Teil buk meine Großmutter Kuchen, den anderen Teil gaben sie an einen Nachbarn, der in seiner Laube im Westerwald daraus Schnaps brannte.
Die Großmutter kommt mit in die Szenerie, ohne dass sie weiter an Bedeutung bekommt. Am Ende nimmst du sie noch mit hinzu bei der Beerdigung, aber ansonsten ist sie unwichtig.
Wenn man die Hand ausstreckt und ganz nah über Kompost hält, spürt man eine organische Hitze,
Schönes Thema mit dem Kompost und übrigens mit interessanter Symbolkraft, aber neuer Aspekt oder neuer Faden.
fällt mir etwas an seinen Füßen auf, sie sind unförmig, wie verdreht;
Die Füsse kommen jetzt ins Spiel, die alle vorangegangenen Themenfäden beiseite drücken.
Wenn du das überlebt hast, habense dir n Orden umgehangen, Gefrierfleischorden,
Sie bleiben kurz Thema, um dann
Zuerst haben wir ihnen die Zöpfe abgeschnitten, dann haben wir sie geschlachtet wie Schweine.
zu dem vermutlich Kern der Geschichte vorzudringen, den(m) Kriegsverbrechen.
Ich überlege, denke nach, versuche es, aber ich werde es noch ein paar Jahre lang nicht begreifen.
Bei diesem Thema bleibst du.
Als wir wieder zuhause sind, erzähle ich meinem Vater davon.
Nimmst den Faden auf und
, aber mein Vater schüttelte wieder nur den Kopf und tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn:
behältst ihn bei bis
Mein Großvater starb kurz darauf. Er starb weg, wie man hier sagt.
zum Tod des Opas. Hier bist du also aus meiner Sicht konsequent. Mit dem Ende des Großvaters endet auch die Suche nach weiteren Informationen über sein Verhalten im Krieg.
Ich erinnere mich, dass meine Großmutter bei der Beerdigung keine einzige Träne vergossen hat.
Hier wird etwas Neues mitgeteilt, ohne es aufzulösen oder deutlich intensiver in das Thema des Opas zu integrieren. Das wirkt insoweit unfertig für mich.
Ja, verstehe ich. Für mich ist das ein Endpunkt, ein Symbol, dass man in dieser Richtung nichts weiter erwarten kann und sollte, das Schweigen wird nicht durchbrochen und mit dem Tod endet auch diese Brücke. Eigentlich könnte er aber auch dann die Onkel und Tanten fragen, das ist an sich also ein schwaches Argument, sehe ich gerade. Überlege ich.
Das hast du geändert. Freut mich.
Verstehe ich nicht. Was hat das Mäandern mit dem Plot zu tun? Das ist doch eine Art Offenbarungsgeschichte, die Erzählung einer Erinnerung, die er sich selbst während des Erinnerns rekapituliert, daher sind diese einzelnen Bruchstücke schon wichtig, in meinen Augen. Vielleicht kannst du ja mal ausführen, was du genau meinst, bezüglich der Geschichte, dass du da den Plot suchst.
Nachdem ich deine Erwiderung durchgelesen hatte, ist mir klar geworden, von welchen Voraussetzungen du ausgehst und wieso wir da nicht miteinander d'accord gehen können.

Wenn dein Text eine Biografie sein soll, dann hätte ich dir all die Vorhalte gar nicht gemacht, weil dann sämtliche Aspekte deiner Beschreibungen Sinn gemacht hätten. Sie wären einerseits dazu da, das Drumherum um die Person des Opas und vor allen Dingen des Erzählers zu schildern, um dem Leser mehr Informationen zur damaligen Zeit zu geben und auch einzelne Aspekte gezielter zu beleuchten und das mal hierhin und mal dahin driften wäre nachvollziehbarer gewesen, eben, weil es sich um die Sprengsel von Erinnerungen handelt, eben weil wir Geschehenes spotlightartig abspeichern und nicht in Form einer runden vollendeten Geschichte. Ich hätte keinen Plot gesucht, um es kurz zu sagen.

So aber deutest du an, dass du, ob fiktiv oder nicht, ist egal, eine Art Biografie schreiben wolltest und ich werde somit auf die Frage zurückgeworfen, ob das dann, auch in seiner Vermischung mit den Attributen einer Geschichte noch eine klassische Geschichte ist oder nicht. Bei deiner Gratwanderung stürzt du dann für meine Begriff zu oft in den Bereich der Biografie ab, umgekehrt wäre ein Absturz in den Bereich der Geschichte wünschenswerter.

Der ist ja nicht 10 oder 11, sondern das erzählende Ich ist älter. Das ist eine aktive Rekapitulation, ich erzähle dir eine Begebenheit aus der Vergangenheit, aber ich tue es so, als sei ich gerade dabei. Das ist eine interessante Mischform, das ist auf der einen Seite unzuverlässig ist, an was kann man sich tatsächlich erinnern?, man kann auch Leerstellen ausfüllen, ich weiß es nicht mehr?, und der Erzähler ist in dieser Stegreif-Situation, wo man auch mit den Zeiten hin und herrückt, sie vor dem inneren Augen sozusagen korrigiert. Also muss das nicht in kindlichert Sprache oder in kindlichen Gedanken verfasst sein.
Deine Erklärung, weshalb das "Kind" so erwachsen denkt, ist für mich jetzt eindeutig klarer geworden. Ich frage mich, ob ich nur zu kurz geblickt habe und somit eigene Ursache dafür bin, dass ich das so nicht von Anfang an erkennen konnte oder ob es noch eines wenigstens kleineren Hinweises des Autoren bedurft hätte, um auf den richtigen Weg zu gelangen. Ich habe das noch nicht zuende gedacht.
Einen roten Faden scheint es mir hier, wie in vielen meiner Texte, eigentlich nicht zu geben, denn das ist eine Erinnerung, die ja einer gewissen inneren Logik nicht so ganz gehorcht, wie ich finde.
Hier sprichst du meine Sorge mit der Gratwanderung zwischen Biografie und Geschichte auch nochmals an. So interpretiere ich dich. Was ich weiter oben dazu geschrieben habe, könnte also auch an dieser Stelle stehen.
Das ist so etwas wie der jungfräuliche Biss. Wenn er Sülze isst, denkt er unweigerlich an die vorher beschriebenen, belasteten Szenen, und er kennt ja auch den Geschmack der Sülze, die er mit seinem Großvater verbindet. Ich denke, der Wunsch etwas unbelastet zum ersten Mal zu schmecken, ist ein Wunsch nach Reinheit, um es mal so auszudrücken.
Danke für die Erläuterung. Ja, nun kann ich den Gedankengang auch in deinem Text erkennen. Dieses Anhängsel mit den Empfindungen des Erzählers beim Essen einer Sülze hätte auch wegbleiben können, weil ich finde, es ist alles gesagt und mit dem Tod des Opas zuende.
Ja, ich sehe das auch. Ich überlege mir da etwas.
Hast du schon.

Lieben Gruß und hab frohe Weihnachten!

lakita

 

Um es kurz zu machen: Die Geschichte hat mir sehr gefallen, ich finde deinen Stil großartig, mit Ausnahme der Verwendung von Präsenz/Präteritum gehört es zu den besten Geschichten, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Vielleicht bin ich an der story wegen des Titels vorbeigerauscht, der mich abgeschreckt hat. Aber auch der passt sehr gut!

Ja, Mann, danke dir! Das geht runter wie Öl, klar. Ich habe mir Mühe gegeben, sagen wir es so, und ja auch während der Challenge noch fleißig dran gebastelt. Mit den Zeiten muss ich nochmal gucken, ich bin mir da selbst nicht so ganz sicher. Muss ich mal sacken lassen, gehe dann drüber in cold blood.

Danke für deine Zeit und deinen Kommentar!

Gruss, Jimmy

 

endlich hab ich den Kopf frei und kann den Text mit Genuß lesen, was ich schon vom ersten Reinschauen nach Einstellen erwartet hab. Es gibt Texte, die mag ich nicht mit Hektik lesen.

Moin!, hab deinen auch zum Schluss gelesen, war ja auch ein Monster, hab ich mir ausgedruckt.
Kein Gedöns zum Einstieg, passt sehr gut, mit einem Satz den Text verortet. Gefällt mir enorm gut, wie du alles so ruhig erzählst und doch hat man den Eindruck von einem Vortex, und als der auftaucht (auch an der passenden Stelle), ist es dieses Fiese, Leise, kein dramatischer Knall mit Trommelwirbel.
Klasse, total angemessen, alles klingt (wie Hanniball mal sagte) so 'nebenbeiig', aber es ist das Nebenbeiige der Figuren, nicht des Autors, auch passend zum Grundthema, echt schön gemacht.

Bin da immer noch unschlüssig, das hängt auch, denk ich, stark vom Text ab, wie man in den einstiegen will. Erste Sätze sind ja schon wichtig, aber nur Knaller verraten manchmal auch einfach zu viel. Ich glaube, die Anlage hier ist, dass sich der Text langsam entblättert. Ich arbeite an so ein paar kurzen Texten, da ist das anders, da erklärt sich alles im Grunde im ersten Satz und von da aus wird weitererzählt, wie es dazu kam oder was sich dadurch, durch diese gesetzte Tatsache, diesen Fakt, verändert hat.
Schön, dass diese Szene etwas Vertrauliches zeigt, aber nicht zu eng, nicht zu nostalgisch. Ich finde das Bild mit dem dampfenden Fleisch auf dem Messer so schön, da finde ich den zweiten Satz eher ablenkend. Es ist offensichtlich, dass der Junge Fleisch kennt und es mag, allein durch die Beschreibungen. Kommt mir als Erklärung unnötig nachgeschoben vor.
Ich schreibe das mal exemplarisch raus, weil ich den Text noch weiter bearbeite, brauche nur noch etwas, dann arbeite ich das alles ein. Ist momentan nicht die nötige Ruhe da, um solche Entscheidungen zu treffen.
Dies hier und anderes muss aber eindeutig gleichzeitig mit all dem anderen Geschehen stattfinden.
Ich finds nicht groß störend, weil ich von mündlichen Erzählungen durchaus kenne, dass man spontan wechselt, wollts aber mal anmerken.
So war es gedacht, dass man wie bei einer mündlichen Erzählung hin und herspringt. Mache ich mir Gedanken.
Hab das noch mal im Ganzen rauszitiert, weil es mir irre gut gefällt - Dinge, die da sind, bei denen man nicht fragt (fragen kann) seit wann, woher, von wem, und das alles aber so selbstverständlich geworden ist. Auch schön, hier ein weiteres soziales Netz zu sehen, also nicht dieses vielleicht typische: Alte Männer saufen und werden laut, und das ist so oft mit akuter Gewalt verbunden: Hier wird klar, dass es alles Leute sind, die sich umeinander sorgen und mit anderen auskommen. Auf ganz nicht-süßliche Art, nicht, ohne Konflikte zu negieren oder auszuschließen. Und jetzt noch mehr Konflikte unterzubringen (z.B. stärkere Spannungen zw. Vater und Großvater oder beider zu den Frauen), würde alles komplett aus dem Gleichgewicht bringen.
Man muss sich auch entscheiden, was man erzählen will: an den Rändern der Narrative dürfen solche Spannungen auftauchen, aber die sollten nicht weiter ins Zentrum gerückt werden, ist immer eine haarige Entscheidung. Habe den Texte schon auch ausgedünnt, da würde ich ungerne noch etwas an der Statik verändern, ich hoffe, das hält sich alles im Gleichgewicht.
Das finde ich extrem gut gemacht, eigentlich wie bei einer Geistergeschichte, bei der man am Ende nicht weiß, ob überhaupt etwas Paranormales passierte: Ich gehe schon stark davon aus, dass der Großvater die Wahrheit sagt und der Vater / die Familie das nie hören wollte und negiert. Aber andererseits lässt du die Möglichkeit offen, dass es auch so sein könnte, wie der Vater sagt.
Und dann ist es auch ein psychologisches Drama, weil (wenn ich weiterhin annehme, Opa redet von der Realität), weil dieses Verschweigen in die neue Generation weitergetragen wird, und der Junge steht noch vor dem Problem, dass entweder der Großvater oder der Vater lügt und das ist fies.
Genau, einer von beiden muss lügen oder wenigstens etwas verschweigen. Das mit der Geistergeschichte ist gut, denn ich denke, viele der Männer, die aus dem Krieg zurückgekehrt sind, denen kommt oder kam das wahrscheinlich genau so vor, als hätten nicht sie das getan, sondern wer anders, als seien sie besessen gewesen. Man hört das auch raus, wenn Veteranen erzählen, das wird oft so erzählt, als seien sie selbst gar nicht anwesend gewesen, wie so eine zweite Realitätsebene, entfremdet vom Selbst.
Alles erzählt über das Essen, implizit aber geht es um anderes. Finde sehr gut, dass du hier nichts erzwingst, als Autor quasi die Füße stillhälst, keine Parabel aufziehst, keine Theatergeste als Ende. Feine Sache!
Ich finde das eine gute Lösung, wenn man das Profane vorschiebt und die erste Klaviatur spielen lässt, ich finde das Uneindeutige wertvoller, weil es beide herausfordert, Autor und Leser, es ist nicht sofort ein Nenner erkennbar, man muss etwas suchen, den Text etwas wirken lassen.
Vielen Dank für den Text, tolles Thema, toll gelöst. Und unglaublich, wie kurz der Text faktisch ist, kommt mir jetzt schon im Nachklang viel länger vor.
Hahaha, ja, diese superkomprimierten Texte, da gibt es manche, die wirken wie ein Kurzroman, ich finde, das ist auch eine Auszeichnung, ein Kompliment, für mich persönlich ist das ein Qualitätsmerkmal, danke dir.

Ich muss mal bißchen abwarten, dann überarbeite ich den Text noch einmal und melde mich zu einzelnen Punkten zurück, dauert nur bißchen.

Danke dir sehr für Zeit und Kommentar, liebe katla!

Gruss, Jimmy

 
Zuletzt bearbeitet:

Bin da immer noch unschlüssig, das hängt auch, denk ich, stark vom Text ab, wie man in den einstiegen will. Erste Sätze sind ja schon wichtig, aber nur Knaller verraten manchmal auch einfach zu viel. Ich glaube, die Anlage hier ist, dass sich der Text langsam entblättert.
Moin moin, Jimmy,

auf jeden Fall! Meinte auch, dass es grad bei diesem Text speziell extrem gut funktioniert - es war nicht als Allgemeinaussage gedacht (ich beginne ja selbst fast alle Fiktionen mit Mini-Prologen). Letztlich kann ja alles funktionieren, wenn es gut gemacht ist, und zum Text passt.

Ich muss mal bißchen abwarten, dann überarbeite ich den Text noch einmal und melde mich zu einzelnen Punkten zurück, dauert nur bißchen.
Keine Eile und bitte mach nicht zu viel dran. :shy:

Alles Liebe, dir ein entspanntes Wochenende (und vielen herzlichen Dank fürs Monster-Lesen, hehe),
Katla

 

Wenn dein Text eine Biografie sein soll, dann hätte ich dir all die Vorhalte gar nicht gemacht, weil dann sämtliche Aspekte deiner Beschreibungen Sinn gemacht hätten. Sie wären einerseits dazu da, das Drumherum um die Person des Opas und vor allen Dingen des Erzählers zu schildern, um dem Leser mehr Informationen zur damaligen Zeit zu geben und auch einzelne Aspekte gezielter zu beleuchten und das mal hierhin und mal dahin driften wäre nachvollziehbarer gewesen, eben, weil es sich um die Sprengsel von Erinnerungen handelt, eben weil wir Geschehenes spotlightartig abspeichern und nicht in Form einer runden vollendeten Geschichte. Ich hätte keinen Plot gesucht, um es kurz zu sagen.

Moin,

nee, ich wollte keine Biografie schreiben, sondern eine Kurzgeschichte. Ich verstehe auch, um ehrlich zu sein, deine Sichtweise nicht: die Aspekte der Atmosphäre machen in einer Kurzgeschichte keinen Sinn? Wenn ja, warum nicht? Ist denn eine Kurzgeschichte nur eine Struktur aus Plot? Dann könnte das ja alles in einem Absatz erzählen, das würde sich doch eher lesen wie eine Bedienungsanleitung, ohne jede Leidenschaft, ohne eigenen Geschmack, fade. Plot ist auch so etwas, das muss ich sagen, das interessiert mich ja eigentlich nie. Ich schaue nicht nach Plot, sondern nach Charakterentwicklung. Plot kann von mir aus auf einen Bierdeckel passen. Sind vielleicht auch einfach andere Ansichten über Literatur, und damit auch andere Erwartungshaltungen.

Danke dir für deine Rückmeldung! ich habe das Gefühl, irgendjemanden vergessen zu haben, ich blättere nochmal genau nach!

Gruss, Jimmy

 

Hallo Jimmysalariman,
stimmig, meine ich, auch nach den vielen Kritiken und Änderungen. Wer ist der Erzähler? Das kenne ich auch selbst von meinen Geschichten, es ist nicht der 10-Jährige, es ist nicht der Erwachsene in einer Rückschau, es ist eine gemischte Identität von Kind und Heranwachsendem und Erwachsenem, immer im Fluss hin und her, je nachdem, worum es geht und wie weit es verarbeitet ist. Wobei die erwachsene Perspektive nicht bedeutet: alles überwunden, sie kann auch dafür stehen, dass der Erzähler hier etwas eingemauert hat.
Die Verdrängung wird vorgelebt, sie wird erzwungen, alles Verdrängte poppt wieder hoch, bei den Kindern, den Enkelkindern - man kennt das aus Familienaufstellungen, dass da immer wieder die Traumata der Großeltern hervorscheinen, als prägend erkannt und aufgelöst werden, wenn es gut geht.
Ein schöner Beitrag zu dieser Arbeit, die uns alle angeht, und wenn wir genug aus der Aufarbeitung der Vergangenheit gelernt haben, können wir uns auch der Gegenwart zuwenden, in der auch täglich traumatisiert und verdrängt wird.
Liebe Grüße Set

 

Hallo @jimmysalaryman

Das Thema hat mich direkt angesprochen. Hatte selbst einen Grossvater, der für die Nazis im Krieg war. Allerdings gezwungenermassen, war ein Gegner des Regimes. Hat in Italien gekämpft, wäre beinahe nach Stalingrad abgeordnet worden, konnte das aber aufgrund eines Vorwands verhindern. Aber auch die Briten und Amis mochte er nie, sass damals bis 1948 noch in Kriegsgefangenschaft in Ägypten. Hat nie gross was erzählt, bis seine Frau gestorben ist und es auch mit ihm zu Ende ging. Plötzlich ist das alles aus ihm rausgeplatzt. Wage mich jedoch nicht an die Materie ran. Jedenfalls: Was mir sehr gut gefällt, ist diese doch als recht heimelig beschriebene, warme Atmosphäre die dem harten Titel (und auch dem Kern der Geschichte) Gefrierfleischorden gegenübergestellt wird. Das passt für mich sehr gut. Auch das mit dem Zöpfeabschneiden ist ein markantes, hartes Detail. Finde ich gut gewählt. Der Text wirkt wie aus einem Guss, finde ich gut gemacht.

Ein paar magere Kleinigkeiten (kann eventuell sein, gewisse Dinge wurden bereits erwähnt, ich habe die Kommentare nicht gelesen), alles subjektiv:

Hier, sagt er und schneidet mit einem seiner Ausbeinmesser ein Stück aus der Backe.
Das würde ich aus folgenden zwei Gründen streichen: Es macht den Satz ohne mMn flüssiger und zweitens würde ich das nicht betonen, weil ich denke, dass klar ist, dass es sich um eines seiner Ausbeinmesser handelt, wem sollte das sonst gehören?

Meine Onkel und mein Vater spielen im Wohnzimmer Skat, ich kann hören, wie sie ihre Ansage brüllen, das Klirren von Bierflaschen. Die Frauen saßen auf dem Balkon und tranken Kaffee. Muss noch Schnauze und Schwarte würfeln, sagt mein Großvater. Kannst mir nachher helfen. Ich beiße in das Stück Fleisch, es ist weich und voller Saft.
Hier habe ich nicht geblickt, wieso Du die Zeitform wechselst. Es ist nur dieser Satz, der Rest steht im Präsens. Klar, ist retrospektiv erzählt, vielleicht springt man da eher (gedanklich) hin und her, ich würde da dennoch eine Zeitform durchziehen, entweder alles Vergangenheit oder alles direkt im Präsens.

Ich erinnere mich an den strengen Geruch der Erde; mein Großvater bekam seinen Dünger von den umliegenden Höfen geliefert.
'geliefert', ich weiss nicht, kann ja sein, dass die Bauern ihm den Dünger bringen, aber dennoch halte ich das nicht für direkt relevant, wie das vonstatten gegangen ist. Ausserdem klingt das Wort so formell in diesem Zusammenhang und passt nicht recht in die Story.

Eine Sache faszinierte mich besonders: ganz am Ende des Gartens, im Schatten einer halbhohen Backsteinmauer, stand der Komposter.
Ich glaube, nach dem Doppelpunkt müsste das 'Ganz' grossgeschrieben werden, da es ein vollständiger Satz ist.

Als ich später ins Haus zurückkehre, beginnt es schon zu dämmern. Ich höre meinen Vater lachen, sie spielen immer noch Skat, es wird Schnaps getrunken. Mein Großvater war draußen auf dem Balkon, ich habe ihn kurz bei den Frauen gesehen, doch jetzt ist [er] wieder im Haus, in dem abgedunkelten Zimmer neben der Küche, in dem ein kleiner Fernseher und sein Schachbrett steht.
Da fehlt ein Wort (rot markiert). Ausserdem bin ich hier wieder ein wenig gestolpert, weil der zweite Satz erneut in der Vergangenheitsform geschrieben ist, der Rest aber im Präsens (die darauffolgenden Sätze ebenso). Vielleicht verstehe ich einfach etwas nicht?

Ich bleibe vor der Tür stehen, das letzte Sonnenlicht fällt durch die halb geschlossenen Lamellen der Rollade und erhellt den kargen Raum.
Würde ich auch streichen, es bläht den Satz nur auf.

Ich schäme mich, weil ich so ungeniert seine deformierten Füße angestarrt habe, doch ihm scheint das nichts auszumachen.
Er will nicht, dass ich ihn so sehe, denke ich und gehe in die Küche.
Erst scheint es ihm nichts auszumachen und dann denkt der Erzähler, dass sein Opa nicht möchte, dass er ihn so sieht? Eventuell könnte man im ersten Satz doch ihm scheint das nichts auszumachen einfach streichen. Andererseits könnte es natürlich auch sein, ich steh hier auf dem Schlauch und check was nicht. Der zweite zitierte Satz bezieht sich ja eher auf das mühevolle Erheben und das Zittern des Grossvaters, andererseits dürfte der Erzähler schon vorher mitbekommen haben, dass das halt bei alten Leuten üblich ist. Dennoch habe ich die beiden Teile während des Lesens direkt miteinander verknüpft und es deshalb als widersprüchlich wahrgenommen.

liebevoller Vater von sechs Kindern
Erster Buchstabe auch schrägstellen und mMn grossschreiben: Liebevoller Vater ...

Ansonsten gerne gelesen und Glückwunsch zum 3. Platz!

Beste Grüsse,
d-m

 

Wer ist der Erzähler? Das kenne ich auch selbst von meinen Geschichten, es ist nicht der 10-Jährige, es ist nicht der Erwachsene in einer Rückschau, es ist eine gemischte Identität von Kind und Heranwachsendem und Erwachsenem, immer im Fluss hin und her, je nachdem, worum es geht und wie weit es verarbeitet ist.

Moin, und sorry, dass es so lange gedauert hat, mein Jahr beginnt wie das alte aufgehört hat, mit derber Lohnarbeit.

Ja, zum Erzähler: das Changierende zwischen den Zeiten ist ja hier ein handwerkliches Element, ich mag das gerne anwenden, weil es eben auch eine gewisse Intensität beschreibt, man wechselt zwischen dem Gestern und Heute, da steckt auch das Wiedererinnern drin, was ja eher etwas Aktives ist, das läuft wie ein Film ab vor dem inneren Auge und wird einem wieder präsent, deswegen sicherlich auch der unwillkürliche zeitliche Unterschied.

Die Verdrängung wird vorgelebt, sie wird erzwungen, alles Verdrängte poppt wieder hoch, bei den Kindern, den Enkelkindern - man kennt das aus Familienaufstellungen, dass da immer wieder die Traumata der Großeltern hervorscheinen, als prägend erkannt und aufgelöst werden, wenn es gut geht.
Ich muss sagen, ich bin kein Freund von dieser späten Scham und diesem ganzen Getue und Gewese: denn ich bin nicht schuldig und trage keine Verantwortung. Das ist für mich irgendwie abgekoppelt, auch diese Diskussion, ob heutige Einwohner der USA die Nachkommen weißer Siedler oder "Kolonisten" sind, meine Güte - klar sind sie das, und es wurden grausame Verbrechen begangen, aber keiner, der in den letzten hundert Jahren geboren wurde, ist dafür verantwortlich. Man ist dafür verantwortlich, was in seiner eigenen Macht steht, was heute passiert, im eigenen Umfeld. Für mich sind das also Altlasten, die mich persönlich nicht betreffen; ich gehöre allerdings auch nicht zu den anmaßenden Menschen, die vollkommen überzeugt davon sind, dass sie während der NS-Zeit auf jeden Fall Widerstand geleistet hätten oder sonstwas. Jeder Mensch ist prinzipiell anfällig für solche Strömungen in den richtigen/falschen Moment, das macht es ja so gefährlich.
Ein schöner Beitrag zu dieser Arbeit, die uns alle angeht, und wenn wir genug aus der Aufarbeitung der Vergangenheit gelernt haben, können wir uns auch der Gegenwart zuwenden, in der auch täglich traumatisiert und verdrängt wird.
Danke dir sehr für Zeit und Kommentar!

wird alsbald fortgesetzt!

Gruss, Jimmy

 

Hallo @jimmysalaryman,

kennst ja mittlerweile meine Meinung über Deine Geschichten - dicht wie immer, jedes Wort direkt am Puls, das Zoomen vom Erfassen der gesamten Situation bis zur Wollsocke oder dem Tropfen am Kinn - was soll ich noch schreiben - ich liebe Deinen Stil, Deine Schreibe.
Beste Grüße - Detlev

 

Glückwunsch zur verdienten Empfehlung,

jimmy,

aber einige wenige Anmerkungen hab ich dann doch (noch), wie gleich hier

Mein Großvater steht vor dem Herd und rührt in einem großen Topf, feuchter Dunst zieht durch das angekippte Fenster.
Ja, ich weiß,
es gibt auch kommunikativen Dunst, aber ist der des Kochvorganges nicht immer „feucht“?, - selbst die Aussprache manchen Sprechers?

Beste Stück vom Schwein, sagt mein Großvater, mein Opa, es liegt dampfend auf der Messerschneide.
Fürchtet der Erzähler, jemand – außer Gevatter ... - könne ihm „seinen“ Opa nehmen oder überhaupt streitig machen - oder dass jemand nicht weiß, was der Kosename bedeutet?

Meine Onkel und mein Vater spielen im Wohnzimmer Skat, ich kann hören, wie sie ihre Ansage brüllen, das Klirren von Bierflaschen.
Ist „können“ da nicht eher entbehrlich in dem Duo kann „brüllen hören“? Oder sind die alten Herren ansonsten – auch im Spiel – ruhiger ...

Die Frauen saßen auf dem Balkon und tranken Kaffee.Muss noch Schnauze und Schwarte würfeln, sagt mein Großvater.
Warum der Gezeiten-Wechsel?,

fragt

Friedel

 

@deserted-monkey @Detlev @Friedrichard

erstmal sorry für die späte Antwort! Ich habe im real life gerade den Kalender dermaßen voll, da habe ich kaum Zeit gehabt. Ich fasse meine Antwort mal zusammen, weil sich einiges überschneidet und schon so viel zum Text gesagt wurde. Ich muss das erstmal sacken lassen.

Prinzipiell zu dem Text, dem Thema. Ich habe immer gesagt, und der Meinung bin ich auch heute noch, das ganze NS-Thema ist so eine Art Wettbewerbsthema, es sorgt immer für Aufmerksamkeit, es erscheint immer direkt tief und aufgeladen. Dazu kommt, dass man diese Thematik noch transponiert in eine andere Generation, also wer ist die Generation, die von den Alt-Nazis erzogen worden sind, welche Auswirkungen gibt es da? Man fasst das ganze Thema also intergenerational und auch kulturübergreifend. Vieles von den Filmen und Büchern erscheint mir aber eher wie eine Fingerübung, eine Versuchsansordnung, nicht wie eine echte Erzählung, die ein Thema hat, sondern wie ein Diskurs; das ist auch wichtig, wie man aktuell sehen kann, aber es war bis jetzt kein Thema, was ich literarisch bearbeiten wollte. Mit dem Text hier habe ich jetzt eine Form gefunden, die auf einer Mikroebene funktioniert, wo es um Charaktere geht und nicht so sehr um den thematischen Vordergrund, das empfinde ich immer als verfänglich. Wenn man in den Literaturbetrieb schaut, sind natürlich immer alle Großväter im Widerstand gewesen, was auch sonst!

Ich lass den Text noch etwas stehen, überarbeite den dann und melde mich alsbald, wenn wieder etwas Luft ist!

Euch danke ich für Zeit und Kommentar!

Gruss, Jimmy

 

Hey @jimmysalaryman

long time no see. Toller Text. Hat mir wahnsinnig gefallen. So roh und geerdet. Richtig, richtig gerne gelesen.

vertrautes

Vertrautes – groß

Da sind die Pflaumenbäume zu meiner Rechten, ihre Äste dünn und knorrig. Niemand weiß genau, wer sie gepflanzt hat oder wie lange sie schon dort stehen, doch sie tragen jeden Sommer Früchte, auch diesen. Aus einem Teil buk meine Großmutter Kuchen, den anderen Teil gaben sie an einen Nachbarn, der in seiner Laube im Westerwald daraus Schnaps brannte.

Das ist soo ... erdig. Ich hab jedes Bild im Kopf und den Geschmack auf den Lippen.

Wenn man die Hand ausstreckt und ganz nah über Kompost hält, spürt man eine organische Hitze, so dicht und gleichmäßig wie die späte Glut eines Holzfeuers.

auch richtig toll

auf dem Balkon, ich habe ihn kurz bei den Frauen gesehen, doch jetzt ist er wieder im Haus,

hier fehlt ein "er"

Zuerst haben wir ihnen die Zöpfe abgeschnitten, dann haben wir sie geschlachtet wie Schweine.

Das ist krass. Und das kann richtig Wirkung entfalten, weil du vorher so minitiös beschreibst, wie die den Schweinekopf kochen und das Fleisch zubereiten. Das hat sich super intense gelesen.

liebevoller

das "l" ist nicht kursiv gesetzt in deiner Version

Die besten Erdbeeren der Siedlung.

da musste ich unfreiwillig schmunzeln 😅

Ich erinnere mich, dass meine Großmutter bei der Beerdigung keine einzige Träne vergossen hat.

Und das schafft nochmal ganz viel Raum.

Ein bisschen frage ich mich am Ende, was es mit dem Geheimnis auf sich hat, das der Text nicht lüftet. Zumal er mit der tränenlosen Beerdigung noch eins aufmacht. Er deutet beides so weit an, dass ich mir die Härte, für die es steht, mitdenke. Vielleicht reicht das. Auch wenn ein Twist zu den Zöpfen natürlich nochmal gekickt hätte, denke ich. Aber Twists waren vielleicht ausverkauft, sag dus mir :D

Mein Fazit: Ein toller, empfehlenswerter Text, den ich sehr gerne gelesen habe.

Viele Grüße
Carlo

 

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