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Gegenüber
Der Vorhang bewegte sich fast unmerklich hinter den geschlossenen Fenstern gegenüber, wie ein Nebelstreif, den ein Windhauch über einer Moorlandschaft ein Stück mit sich trägt. Ein erschrockenes Durchzucken in der Magengegend. War da auch ein Schatten hinter der Scheibe? Rasch löschte sie das Licht der Schreibtischlampe, nachdem die Finger zerstreut über ein paar Blätter geflattert waren. Ein leichtes Unsichtbarwerden. Die einzige Lichtquelle versiegte, soweit war es gekommen.
Schlechtes Gewissen ist etwas Nagendes, beinahe eine subtile, kleine Form von Angst. Seit Wochen hatten ihre Augen kaum über Buchrücken und Blätterränder hinausgeblickt, jetzt ließ das nagende Gefühl sie aufhorchen. Das Licht begann erneut, seinen gelblichen Schimmer über den Tisch auszubreiten. Sie stand auf, ein paar geschriebene Zeilen schwebten unbeachtet zu Boden. Ihre Aufmerksamkeit galt nur noch denen, die sich in altmodisch-schnörkeliger Schrift auf einfachem Karopapier ausgebreitet hatten:
Liebe Nachbarin, Sie kennen mich möglicherweise flüchtig, ich wohne in der Wohnung im dritten Stock gegenüber der Ihrigen. Ich sehe, Sie haben keine Vorhänge und besitze selbst so viele. Schauen sie doch vorbei oder rufen sie an (…), ich würde sie ihnen gerne überlassen, natürlich ohne Bezahlung.
Darunter ein unzählige Male geschriebener Name. Das Datum darüber mahnend und längst verflossen. Arbeit rechtfertigte sie sich vor sich selbst Lernen. Bis über beide Ohren. Das schlechte Gewissen sandte Bilder von verschwendeten Nachmittagen voller Farben, von lauten Klängen und bunten tanzenden Menschen, von verspäteter Rückkehr aus blaugrünen Traumwelten.
Sie holte eine Flasche Wein aus der Küche, band hastig ein rotes Band um den Hals und kräuselt es mit einem scharfen Messer. Höchste Zeit.
Unhöflich, die späte Reaktion. riefen die bunten Nachmittage. Ich mag Vorhänge nicht. säuselten die Buchrücken und Blätterstapel. Und dann war da noch ein Gefühl, das einer leisen Rührung gleichkam. Zwischen den karierten Buchstaben verbarg sich eine offene Freundlichkeit, Fürsorge. Vielleicht auch Langeweile. Wer weiß, vielleicht Einsamkeit.
Ein Stockwerk abwärts und nicht einmal dreißig Schritte bis zum Rückgebäude. Das hätte schon früher sein sollen. Die Dame kannte sie nur als Schatten im Fensterrahmen, sie kannte das graugewellte Haar, die kirschfarbene Sofadecke, die wie eine Zunge von Zeit zu Zeit über den Rahmen hängt und dann und wann ein Winken. Auch später war sie nicht sicher, ob ihre Unruhe durch das Unbekannte des Jetzt entstanden war oder durch das Unerwartete, das ihr noch begegnen würde.
Drei Stockwerke höher zerriss das Klingeln die Stille. Ihr war als hörte sie einen winzigen Laut, mehr ein sachtes Beben oder Rauschen. Der schmale Finger tauchte wieder zu dem kleinen Knopf rechts der Tür, hielt aber noch einen Moment inne. Wartete sie lange genug, würde sie nicht mehr sicher sein, ob sie überhaupt geklingelt hatte. Ein zweiter Riss in der Stille.
Kalter grauer Steinboden, rostfarbene Wände, die Kälte auszuatmen schienen. Sie hatte die Dame doch eben noch hinter dem Vorhang ausgemacht… hatte sie überhaupt? Sie schluckte, die kalte Weinflasche in der Hand.
Zögerlich rief sie etwas, aber die Worte prallten an der lackierten Tür zurück und versicherten ihr, dass der Vorhang sie getäuscht hatte. Langsam drehte sie sich um, hörte noch kurz die Stille und stieg die Treppe wieder hinab.
Wie die letzten vergingen auch die folgenden Tage, als säße sie in einem Karussell. Belastung und Beschwingtheit wechselten sich so rasant ab, dass ihr schwindelte. Die Abende rochen nach Grillkohle, Gitarre, Heu und Sommer, die Tage nach raschelndem Papier, Kopfschmerztabletten und Kaffee. Das Auf und Ab glich einem wogenden Meer, in dem vieles in Vergessenheit versank.
Der rot unterstrichene Tag hatte sich lange mit mühseligen Schritten vorangeschleppt, jetzt sprang er wie eine Gazelle auf sie zu und plötzlich umfing er sie.
Sie schob die Essenz der schier Ewigkeiten dauernden Mühen andächtig in den trügerisch-unscheinbaren Briefkasten, atmete befreit durch und machte sich beschwingt auf den Weg zurück. Der Rest des Sommers lag vor ihr wie ein üppiges Buffet, ungetrübt, farbenfroh, lachend. Sie grüßte den griechischen faltigen Obsthändler, der ihr oft Erdbeeren zusteckte und strebte freudig auf den grauen Wohnkomplex zu.
Plötzlich wurde das Federn der Schritte gebremst. Die Wände wechselten die Farbe. Blau, grau, blau, grau…
Die Finger suchten nach dem Schlüssel in der Tasche, die Augen tasteten über den Krankenwagen an der Straße.
Der russische Hausmeister gestikulierte wild auf einen schreibenden Arzt ein, seine Ratlosigkeit bekam durch den Mangel an Sprache etwas Wildes. Zwei Männer kamen aus dem Rückgebäude. Zwischen ihnen eine schmale Trage, die unter einem farblosen Sichtschutz verschwand.
Dritter Stock. Niemand weiß ob sie das sagte oder fragte. Ein unzählige Male geschriebener Name drang russisch gefärbt an ihr Ohr.
Die Beine waren unsagbar schwer, als sie die grauen Stufen hinaufstieg.
Die hellen Finger, die sonst wie Tauben über den Schreibtisch geflattert waren, sammelten nun schwermütig die darauf liegenden Blätter ein, formatierten sie zu einem sauberen Rechteck und warfen es in den Papierkorb, in dem eine schmerzliche, leere Flasche, halb gekippt wie ein sinkendes Schiff, lag.
Vom grünen Glas hob sich deutlich das rotglänzende Ringelband ab.
