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Grau und Grün

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Grau und Grün

Für viele sind Friedhöfe gruselig und das Gefühl von Trauer und Ernsthaftigkeit kommt im Gesicht zum Vorschein, für Tristan aber nicht. Für ihn steht sein Arbeitsplatz als Metapher für einen Neuanfang, besser gesagt, für das wahre Leben, das nach dem Tod folgt, denn er glaubt fest daran. So fest, dass dieser Glaube seine einzige Motivation für das irdische Leben ist.

Der Himmel nimmt der Großstadt die Farben weg und der Regen wirkt schon fast säurig. Es scheint, dass die Natur aufs Neue gequält wird und nach Sterbehilfe bittet mit einer faltigen, ausgetrockneten und toten Miene im Gesicht. Während er die Gräber behutsam und fast schon perfektionistisch sauber macht und alle Töpfe und Engelsfiguren so hinstellt, wie sie immer stehen, denkt er an seine Kindheit. Das tut er fast immer. Ein Kopf, der sich vollkommen der Nostalgie hingibt und fast schon erdrückt wird, wie eine Würgeschlange, die sich um den Hals des Opfers wickelt und das Leben entzieht. Als Kind hat man Sorgen, die sich später als oberflächlich und primitiv erweisen, was Tristan erst jetzt merkt. "Das tun wir alle", sagt er sich und schwelgt in Erinnerung. Wie er frei und nüchtern durch das Leben ging. Wie die Luft in seiner Heimat roch und welches Gefühl ihn erfüllte, als er im Wohnzimmer mit einem kleinen Gummiball spielte. Manchmal überkommt ihm ein gewisser Geruch oder eine Erinnerung im Alltag, die ihn an alte Zeiten erinnern lässt. Er selbst weiß nicht, ob er fast schon am Wahnsinn grenzt oder einfach nur von der Sehnsucht verschlungen wurde, ohne es zu bemerken. Tristan hat nie Glück im Leben, sowohl in der Vergangenheit, als auch in der Gegenwart. Je älter er wird, desto intelligenter, gutmütiger und herzlicher wird er auch. Schließlich ist ihm der Kapitalismus nicht wichtig und er wurde Grabpfleger, um bedürftigen und gebrochenen Menschen eine Last zu entnehmen und den Toten die Ehre zu erweisen. Ob die Verstorbenen gute oder schlechte Menschen waren interessiert Tristan nicht. Er weiß, dass Gott ihm zusieht und stolz auf ihn ist. Er tut das nicht, damit er plötzlich mit Glück überflutet wird, er tut das, weil er daran glaubt. Er glaubt daran, dass Menschen auf der Welt sind, um sich gegenseitig zu helfen und nicht um sich gegenseitiges Leid anzutun oder von Mitmenschen zu plündern. Tristan ist auch nicht perfekt und hat viele Sünden begangen aber er versucht sich zu bessern, sowohl für sich selbst, als auch für die Menschheit im Gesamten.

Als Tristan mit der Arbeit fertig ist und sein Geist wieder aus der Vergangenheit in seinen gegenwärtigen Körper zurückgekehrt ist, macht er sich auf den Weg nach Hause. Tristan liebt den Lärm und die Hektik der Großstadt, weshalb sich seine 1-Zimmer-Wohnung direkt an der Hauptstraße befindet. Als Tristan seinen Briefkasten öffnet, um sich der Sorge zu entfliehen, dass neue Briefe angekommen sind, die meistens schlechte Nachrichten bringen, trifft er auf seine Nachbarin Miss Gris, die mit ihrem Pudel immer um dieselbe Uhrzeit spazieren geht. "Guten Abend Miss Gris", sagt Tristan und versucht sein künstliches und zwanghaftes Lächeln aufrechtzuerhalten, "Abend", erwidert sie mit ihrem mürrischem und stets strengem Gesichtsausdruck. Sie war die typische alte unzufriedene Frau, die mittlerweile nur noch ihren Pudel hat, weil ihr Mann gestorben ist - oder vielleicht auch nur den Tod vorgetäuscht hat und abgehauen ist. Das ist eher Tristans Theorie. Den abartigen Gestank im Hausflur, der eine Mischung von Urin und Schweiß widergibt, riechen die Hausbewohner mittlerweile nicht mehr. Das tut nur noch der Pudel. Beim Betreten des Fahrstuhls kann man von Glück sprechen, wenn dieser nicht steckenbleibt. Heute ist ein guter Tag, einer von den Wenigen und als Tristan im 7. Stock ankommt, öffnet er seine Wohnungstür. Die Wohnung ist klein aber dafür simpel eingerichtet und gepflegt, worauf Tristan viel Wert legt. Die Sonne hat sich für den heutigen Tag verabschiedet, weswegen Tristan erst mal das Licht im ganzen Haus anschaltet und sich für die Dusche vorbereitet. Er duscht immer heiß, ob Winter oder Sommer spielt keine Rolle. Mit dem heißen Wasser, das über seinen Körper fließt, versucht er seiner Einsamkeit zu entfliehen und ein Gefühl von Geborgenheit künstlich zu erzeugen. Als würde seine Mutter ihn umarmen, als er noch ein kleiner Junge war und Angst vor der bösen Hexe in seinem Zimmer hatte, die immer nachts rauskam und ihn verfluchte. Er fühlt sich beschützt und beruhigt, sein Herz schlägt langsamer und Tristan entspannt sich. Seine Angewohnheit beim Duschen immer an die schöne Vergangenheit zu denken, als er noch jung war, holt ihn auch jetzt wieder ein. Tristan hatte viele Freunde und wurde von vielen gemocht. Er ist ein einfacher und schlauer Mensch, der weiß, wie er mit wem reden muss. Er hat ein Gespür für sowas. "Warum haben wir uns auseinandergelebt?", "Wieso ändern sich Menschen so schnell?", "Habe ich etwas falsch gemacht?" - sind die Gedanken, die Tristan beim Duschen immer plagen. Er führt meistens Selbstgespräche und erzählt und diskutiert mit sich selbst über die Vergangenheit. Es tut ihm gut das alles zu sich selbst zu sagen, da er seine Gedanken und seine Sorgen nur sich selbst erzählen kann. Nachdem er in seinen Gedanken vertieft war, merkt er, dass er schon 15 Minuten regungslos in der Dusche steht und seine Haut anfängt wehzutun, weil das Wasser viel zu heiß ist. Er kann sich nicht mal im Spiegel angucken, da das ganze Badezimmer beschlagen ist. "Heute muss ich nicht mehr für jemanden gut aussehen.", denkt er sich und geht in die Küche. Zwei Brötchen von gestern, Ketchup, Wurst und Käse drauf und ein alter Mafia-Film aus den 80ern, der im Fernseher läuft. "Genau das was ich jetzt brauche.", wispert Tristan.

Als der Film fertig war, fühlt sich Tristan befreit. Als hätte er jemandem seine Sorgen ausgesprochen und ihm wäre ein Stein vom Herzen gefallen. Er genießt die fiktive Welt, die ihm im Film gezeigt wird und die Einfachheit der Charakteristik der Protagonisten und wünscht sich manchmal, dass er sich in der realen Welt genauso lebendig fühlen könnte. Aber das wird nie passieren und Tristan weiß das. Er findet sich mit dem deprimierendem Gedanken ab, der ihn jeden Tag und jede Nacht verfolgt und geht auf seinen kleinen Balkon. Ein paar LED-Lichter in der Ferne symbolisieren Tristan, dass er nicht der Einzige ist, der zu dieser späten Stunde noch die Augen offenhält. Er zündet sich eine Zigarette an. Das tut er immer. Trotz der Lichter und des fernen Lärms plagen ihn seine Gedanken, wie ein Parasit, der sich vom Wirt ernähren muss, um am Leben zu bleiben. Jede Nacht verfüttert er seine Seele an die Gefühlslosigkeit, die ihn schon immer verfolgte. Tristan weiß genau, dass er seine Einsamkeit besiegen muss, um Frieden zu finden, jedoch kann er es nicht, egal wie sehr er es möchte. In einem Teufelskreis voller Herzensleid gefangen, legt er sich in sein Bett und weiß, dass er morgen einen weiteren Teil seiner Seele verliert, bis nichts mehr davon übrig bleibt.

 
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07.05.2021
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Hallo @ArthurRu
Deine Geschichte fällt mir sehr gut. Die Message ist angekommen, die du erzählen möchtest. Mit dem Titel und der Einleitung hast du Spannung aufgebaut. Ich habe den Text gerne gelesen. Gut gefällt mir, dass er leicht zu verstehen ist.
Liebe Grüße
Amy

 
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20.04.2021
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Hallo @ArthurRu
Deine Geschichte fällt mir sehr gut. Die Message ist angekommen, die du erzählen möchtest. Mit dem Titel und der Einleitung hast du Spannung aufgebaut. Ich habe den Text gerne gelesen. Gut gefällt mir, dass er leicht zu verstehen ist.
Liebe Grüße
Amy
Hallo Amy,
das freut mich zu hören. Es ist meine erste Kurzgeschichte, die ich geschrieben habe und mich spontan gewagt, das Ganze mal zu posten, um Kritik zu erhalten und mich stetig zu verbessern. Ich freue mich über dein positives Feedback.
Mit freundlichen Grüßen
Arthur

 
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17.04.2007
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Hallo @ArthurRu

und willkommen im Forum!

Hier geht es um Tristan, der gedanklich in der Vergangenheit lebt, während die Zeit in der Gegenwart voranschreitet, doch das bemerkt er nicht oder will es nicht bemerken.

Ich finde, manche der Formulierungen treffen nicht das, was sie wohl ausdrücken sollen.

Der Himmel nimmt der Großstadt die Farben weg
"Wegnehmen" klingt, als wäre der Himmel hinterher bunt, aber der nächste Halbsatz spricht vom Regen, also kann das nicht sein. Außerdem klingt "wegnehmen" für mich zu simpel in diesem Zusammenhang. Vielleicht gibt es einen besseren Weg, das zu sagen. "Der Himmel ließ die Farben der Großstadt verschwinden." Oder: "Unter dem Aufziehen der Regenwolken lösten sich die Farben der Großstadt auf."

und der Regen wirkt schon fast säurig
Ich weiß nicht, was das heißt. Schmeckt der Regen sauer? Hat er eine ungewöhnliche Farbe? Nebenbei bemerkt habe ich "säurig" noch nie gehört.

und welches Gefühl ihn erfüllte, als er im Wohnzimmer mit einem kleinen Gummiball spielte.
Kann man genauer sagen, was er fühlte? Freude über die Bewegung, fand er sie lustig, war er aufgeregt und ein wenig ängstlich, weil der Gummiball etwas kaputt machen könnte und er dann Ärger bekommt?

Ich finde einige Formulierungen ungewöhnlich. Z. B. statt "bittet nach Sterbehilfe" würde ich "bittet um Sterbehilfe" schreiben. Oder kommst du aus einer Region, wo man das so sagt?

wie eine Würgeschlange, die sich um den Hals des Opfers wickelt und das Leben entzieht.
Das "Leben entziehen" würde eher zu einem Tier passen, das sein Opfer aussaugt, aber die Würgeschlange drückt. Ich fände sowas wie "presste ihm das Leben raus" treffender.

Schließlich ist ihm der Kapitalismus nicht wichtig
Ihm ist Geld nicht wichtig. Ich sehe nicht, warum das auf eine abstrakte, politische Ebene gehoben wird.

Als Tristan seinen Briefkasten öffnet, um sich der Sorge zu entfliehen
Er flieht nicht, sondern er stellt sich. Er "entledigt" sich absichtlich seiner Sorge oder etwas in der Richtung.

Ich hoffe, das hilft dir weiter.

Viele Grüße
Jellyfish

 

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