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Grimms Wörter und DWB

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Grimms Wörter und DWB

Günter Grass, Grimms Wörter
und
Das Deutsche Wörterbuch,​
„der interessanteste Roman und das allerwichtigste Buch in deutscher Sprache",
Marcel Reich-Ranicki
„Heimat ist da, wo wir Witze verstehen“,
Bruce Chatwin
„Aus einem Land kann man auswandern, aus der Muttersprache nicht“,
Schalom Ben-Chorin
„Auf den Flügeln der Einbildungskraft verlässt der Mensch die engen Schranken der Gegenwart“,
Friedrich Schiller​

Nein, Grass’ drittes autobiografisches Werk nach dem „Häuten der Zwiebel“ (2006) und der „Box“ (2008) beginnt nicht mit der märchenhaften Eingangsformel, die von Kindern gleich einer Zauberformel geliebt wird, „[e]s waren einmal zwei Brüder“, sondern mit dem A und O unseres Alphabets „[v]on A wie Anfang bis Z wie Zettelkram. Wörter von altersher, die abgetan sind oder abseits im Angstrad laufen, und andere, die vorlaut noch immer bei Atem sind: ausgewiesen, abgeschoben nach anderswo hin“, bevor es trotz des Tones wenig märchenhaft losgeht „[e]s waren einmal zwei Brüder, die Jacob und Wilhelm hießen, für unzertrennlich und landesweit als berühmt galten, weshalb sie ihres Nachnamens wegen die Brüder Grimm … genannt wurden. Selbst nach heutigem Sprachgebrauch, der sich gern mit Anleihen brüstet, sind sie als Grimm Brothers Redensart, und sei's nur vom Hörensagen als Märchenonkel, die uns von Allerleirauh und Aschenbrödel erzählen“[*G, S. 9], und uns direkt in die politischen Verhältnisse des Vormärz führt.

Sieben von 41 Professoren der Universität Göttingen hatten am 18. November 1837 die Stimme gegen die Aufhebung der vergleichsweise liberalen hannoverschen Verfassung erhoben. Sie verweigerten den Amtseid auf den neuen Monarchen Ernst August II. - einem entfernter Verwandten des gleichnamigen, dem Boulevard verpflichteten Welfenabkömmlings und Prügelprinzen unserer Tage -, ein handfest-absolutistischer Herrscher, der fünfte Sohn Georg III. von Großbritannien und Irland. Die aufbegehrenden Professoren wurden abgesetzt, einige, unter ihnen Jacob Grimm, gar des Landes verwiesen, weshalb das erste Kapitel bei Grass auch „m Asyl“ benannt ist.

Als Opfer herrschaftlicher Willkür und ihres Festhaltens an einer freiheitlichen Gesinnung wurden die sieben Professoren als Göttinger Sieben nicht nur in deutschen Landen gefeiert und bis heute gerühmt. Und waren doch alles andere als demokratisch im heutigen Sinne! Die Brüder Grimm etwa „hielten von Verfassungen generell nicht allzu viel. Wilhelm hege «keine zärtlichkeit» für das Staatsgrundgesetz, «es wird wol, wenn man es näher betrachtet, so sein wie alle moderne gesetzgebung»“; die Grimms störten sich weniger an der großen Zahl der Kollegen, die den Eid leisteten, um ihrer Arbeit weiterhin nachgehen zu können, als vor allem daran, dass per Staatsstreich eine im wechselseitigen Einverständnis mit Volksvertretern entstandene Verfassung weggewischt wurde, und „Jacob betonte, «es ist vor allem königlich, wort zu halten».“[*M, S. 384] Und im Ernst: wer hätte je gehört, dass derzeit die grundgesetzlich festgelegte Verpflichtung des Eigentums jemals konsequent eingefordert wurde?

Auf den Flügeln seiner Fantasie gelingt Grass, zwischen den Verhältnissen vor 180 Jahren und heute zu vermitteln, die Biografie der Brüder Grimm mit der eigenen zu verbinden und Zwiesprache mit den Brüdern zu halten (gegen Ende des Buches bringt er’s auf den Begriff des sprachlichen „Oralverkehr"
Und als er inmitten des Erzählflusses noch einmal auf die Verfassungstreue der sieben Professoren zu sprechen kommt, kommt ihm sein erst mit dem „Häuten der Zwiebel“ eingestandene und von der Kritik vorgehaltene Eid in den Sinn: „Es geschah auf einer winterstarren Waldlichtung. Siebzehn zählte ich, als wir, ins Karree gestellt, unter frostklarem Nachthimmel auf Führer, Volk und Vaterland sowie auf den Reichsführer der Waffen-SS vereidigt wurden. Satz für Satz sprachen wir nach: »Ich gelobe...« Feierlich war uns, war mir zumute. Nach dem Schwur wurde gesungen: »Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu ...« / Dazu kam es nicht. Das Kriegsende befreite mich von dem beschworenen blinden Gehorsam, ohne daß ich sogleich sehend wurde und begriff, welches Ausmaß an Verbrechen ein Eid, gesprochen in einer Frostnacht, bemänteln kann. Nie wieder würde ich einen Eid leisten.“[*G, S. 73]

Freilich ist das Buch mehr als eine Verknüpfung von Biografien und Zeitläuften, es ist – wie der Untertitel verrät – „[e]ine Liebeserklärung“ an die deutsche Sprache als eigentlicher Heimat des Günter Grass, indem er die Entstehungsgeschichte des Deutschen Wörterbuches (DWB) erzählt, das eben in diesem 1837-er Jahr der Göttinger Sieben durch Jacob und Wilhelm Grimm begründet und begonnen wird, wie es den Brüdern seit einigen Jahren die Verleger der Weidmannschen Buchhandlung in Leipzig vorschlagen. Gerne wird es auch nach seinen Geburtshelfern das Grimm’sche Wörterbuch genannt. Die Grimms wollten mit ihrem Werk ein Hausbuch für „leser jedes standes und alters“, ein „wörterbuch zum hausbedarf “ schaffen. [zitiert nach *X, S. 5]

Der erste Band liegt 1854 vor, der zwote folgt 1860. Das Wörterbuch ist von Anfang an umstritten und bleibt es bis heute, wie man sich ja auch an jedem anderen großen Werk reibt.

Die Arbeit wird nach dem Tode der Brüder (Wilhelm 1859, Jacob 1863) fortgesetzt von Forschergruppen und –generationen, zunächst im privatwirtschaftlich-verlegerischen, seit 1908 unter Federführung der Preußischen Akademie der Wissenschaften im öffentlich-akademischen Interesse. Nach dem Zweiten Weltkrieg sehen sogar beide deutschen Staaten – hie Ostberlin, dorten Göttingen - durch die Deutsche Akademie der Wissenschaften wie Deutscher Forschungsgemeinschaft darin eine verbindende Aufgabe, die 1961 ihr vorläufiges Ende in 16 Bänden – unterteilt in 32 Teilbände – und seit 1971 einem Band mit dem Quellenverzeichnis findet. Es ist sicherlich eines der bedeutendsten lexikographischen Leistungen aller Zeiten einer an Rekorden wahrlich nicht armen Zeit.

Aber es gibt kein Ende: die Sprache entwickelt sich, fließt, bereichert sich, ufert aus. Solang sie gebraucht und verwendet wird, lebt sie, wächst der Wortschatz - mag auch der Wortschatz des einzelnen Muttersprachlers verarmen und verkümmern. So wird bereits 1957 – nicht nur durch Sprachentwicklung, sondern auch wegen der unterschiedlichen Stile der Bearbeiter und sich wandelnder wissenschaftlicher Paradigmen - die Überarbeitung der vorhandenen Artikel vorbereitet. Denn wer wüsste nicht besser als die schreibende Zunft, dass kein Ende abzusehn ist? Dabei geht’s in dem gigantischen Werk keineswegs bierernst zu. In der Heimat der schreibenden Zunft, unterm Stichwort „Sprache“, wird gar mit dem Druckfehlerteufel gescherzt, „wenn dafür einmal sparch erscheint, so liegt offenbar ein druckfehler vor: Ptolemeum Philadelphum der die propheten in grekische sparch erstlich gebracht hatt“ [*W].

Die Sprache, welche auch immer, ist endlich, wie alles Lebendige. Nach dem Tod des Bruders wird der ältere, Wilhelm, eine öffentliche wie zeitlose Rede am Geburtstag Friedrich des Großen am 26. Januar 1860 übers Alter halten, zu der Grass sich mit uns unters Publikum mischt und wir vermeinen, unterm Gewimmel des Publikums Vorläufer der Grimmbrüder zu erkennen – vorneweg die ketzerischen Wulfila und Luther, sodann die bemühten, aber von den Grimms wenig anerkannten Schottelius und Adelung wie auch der gigantische Herder. Der mit der Allongeperücke könnte Leibniz sein, der immer schon ein deutsches Wörterbuch anmahnte, und der da, beim heute noch übermächtigen Hegel, ist Fichte.
Der Vortrag wirkt auf uns wie ein Requiem, Grass nennt es „Abgesang“, denn unsre Zustände werden hinfällig, was ich schon an den Änderungen im 63. Lebensjahr verspüre – auch ich brauch keine elf Sekunden mehr auf hundert Metern und auf längerem Wege zwickt ab Kilometer 20 das linke Knie. „Es ging um das Alter an sich und um ihn. Eigentlich war dieses Stichwort, als im ersten Band des Wörterbuchs das A behandelt wurde, bereits abgeschöpft worden. Von alt und dem Alt, der Mittelstimme in der Musik, geht es über das Altentheil, das mit einem Platen-Zitat belegte »altersschwach« und die nach Goethe »alterthümelnde, christelnde kunst« zu den altklugen Kindern. Vom Altweibergewäsch und altehrwürdigen Göttern, auf die sich wiederum Goethe beruft, steht zu lesen. So reichlich mit Wörtern gerüstet und des eigenen Alters bewußt, schrieb Jacob seine Rede […, die der] sechsundsiebzigjährige Greis vom Katheder weg mit zwar […] immer noch heller, doch im Verlauf längerer Sätze brüchig werdender Stimme vorträgt, gilt mir, meint mich, trifft zu, stellt in Frage und lehrt, meine nunmehr ab achtzig zählenden Jahre als möglichen Zugewinn zu nutzen: letzte Ernte steht auf dem Halm. /Also ist für mich, den Hinterbänkler, bestimmt, was Jacob, der vorne den Pultdeckel kaum überragt, dem Psalm nachspricht: »unser leben währt siebenzig jahre, wenn es hoch kommt so sinds achzig jahr, und wenns köstlich gewesen ist, so ists mühe und arbeit gewesen.« / Oder wie er gleich darauf nach althergebrachter Berechnung das Menschenalter mißt: »ein zaun währt drei jahre, ein hund erreicht drei zaunes alter, ein ros drei hundes alter, ein mann drei rosses alter«, was unterm Strich zur Summe gerechnet, meinen bis heute gezählten Jahren entspricht, wenngleich ich, wenn mein nicht ergrauen wollendes Haar in Vergleich kommt, kaum mit den schlohweiß schultertief fallenden Locken des stehend vortragenden Redners mithalten kann. / Doch wie ihn vereinzelt mich, sobald ich von Gesellschaft umgeben bin, zunehmende Schwerhörigkeit. Vergleichsweise ebenbürtig ertauben wir. So bleibt uns manches Gerede erspart. Wie von einer Käseglocke behütet, hören wir nur noch auf uns, tun aber dennoch so, als seien wir auf dem laufenden und geben richtige Antwort auf falsch gestellte Fragen. Wir genießen die uns zuwachsende Stille, sind Selbstunterhalter, ahnen jedoch, was beiläufig tickt und tickt. Auch stimme ich Jacob Grimm zu, sobald er nach diesem und jenem Abschweif, in dem das Stichwort Qual nach einem tiefschürfenden Artikel verlangt, vom A aufs Z kommt // indem ihm »alter gleichviel mit zeit bedeutet«, weshalb wir die Abschnitte der Zeit Zeitalter nennen.“ Und nach einer kurzen Zusammenfassung der Lebensläufe die Selbsterkenntnis sich breit „machte mir einen Namen, ergriff als Sozialdemokrat Partei, glaubte als Bürger den Sozialstaat gefestigt zu sehen und erlebe gegenwärtig, wie Korruption zunimmt, während Grundrechte schwinden, indem Freiheit zur Worthülse wird, sobald Reiche unverschämt reicher, Arme klaglos ärmer werden, so daß ich gegen Ende meiner Zeitweil mit Jacob Grimm erkenne: »je näher wir dem rande des grabes treten, desto ferner weichen von uns sollten scheu und bedenken, die wir früher hatten, die erkannte wahrheit, da wo es an uns kommt, auch kühn zu bekennen.« […] In bedächtigen Sätzen wägt Jacob Vor- und Nachteile des Alters. Gemessen an allen benennbaren Behinderungen, ist ihm das allmähliche Ertauben ein nur geringer Schaden, weil »überflüssige rede, unnützes geschwätz nicht mehr unterbricht«. Im Vergleich zum Erblinden wiegt ihm die Schwerhörigkeit weniger, weil »die seit erfindung der drukkerei bald allgemein durchgedrungene verbreitung des lesens« durch Blindheit verlorenginge. / Annähernd heiter zählt er auf, was alles seit Cicero an Beiwörtern dem Greis anhängt: mürrisch ist er, grämlich, eigensinnig, ableibig. Er gilt als Knicker, Erbsenzähler, als betrübte Hausunke. Beweisführend zitiert er Hans Sachs: »verzehren die zeit einsam wie ein unk.« / Dieses Tier, gelbbäuchig, anderenorts rotbäuchig, hängt mir an. Sah ich doch allzu oft, weil ich hinsah und mich nicht beschwichtigen ließ, was als Übel bereits seinen Vorschein hatte. So in einem meiner Bücher, das unter dem Titel »Unkenrufe« von einer deutsch-polnischen Friedhofsgesellschaft und deren Scheitern berichtet, aber der Fahrradrikscha Zukunft verspricht. /Und weiteres Scheitern machte mich vorlaut. Nahm doch, was Jacob Grimm auch von sich wußte, mit dem Alter das Unken zu. Oder sind es vermehrte Anlässe, die den warnenden Ruf abnötigen? Sind meine Warnrufe, die gelegentlich laut werden, weil sich die Demokratie in Zerfall bringt, nur störendes Geunke? Und was soll die Gewißheit widerlegen, daß uns, die wir als einzige Gattung fähig zur Selbstvernichtung sind, die Ratten überleben werden? Aber vielleicht stirbt der sich deutsch nennende Teil des Menschengeschlechts, wie mir bereits vor Jahrzehnten in dem Büchlein »Kopfgeburten« schwante, schon vorher aus. Und ist // es nicht so, daß Alfred Döblins, meines Lehrers Vision der Enteisung Grönlands in »Berge, Meere und Giganten« vom Klimawandel bestätigt wird? / Jetzt - und ich höre ihn inmitten der greisen Akademiemitglieder und Gasthörer aus entlegenen Zeiten - spricht er über das gehässigste Laster des Alters, den Geiz. Nein, er spricht nicht, vielmehr wird Jacob, wozu Schwerhörige neigen, laut, zu laut, so daß einige der ihm nahesitzenden Zuhörer, so der nachweislich unsterbliche Herder, aber auch der entfernter anwesende Leibniz, dergestalt erschrecken, daß aus ihren Perücken Staub aufwölkt. / Lautstark zitiert er Cato und stellt danach fest: »in allen lustspielen sind die geizigen immer greise.« Er verdonnert regelrecht Leute, »die kostbare ringe an ihrem finger behalten wollen und gold, ja papiergeld in den sarg bergen, sei es um diese habe mitzunehmen oder wenigstens sie verhaszten erben zu entziehen«. […] Doch auf angemessene Entlohnung aller durch Arbeit entstandenen Produkte, seien es Bücher oder Zeichnungen und Skulpturen, war ich ähnlich wie Wilhelm Grimm bedacht, der in Geldsachen seinen Bruder vertrat und - was man dem Märchensammler kaum zutrauen wollte – zäh um Prozente und urheberrechtliche Ansprüche handelte. Er hat die Kinder- und Hausmärchen gegen Raubdruck verteidigt. [... Jakob Grimm ]„ spricht über die Altersfreude am Spaziergang und sagt dem Mann in der Mitte seiner Lebenszeit nach, daß er selten Muße findet ins Freie zu gehen, »denn hundert pläne und geschäfte halten ihn in der stadt zurück. für den greis hingegen wird jeder spaziergang zum lustwandel.« / Gleich darauf mäßigt er die ihm geläufige Sprachkritik an Fremdwörtern, die unzulänglich eingemeindet wurden, indem er für »spazieren« eine Ausnahme gelten läßt und zur Wortfindung »lustwandel« sagt: »diese verdeutschung könnte steif aussehen, diesmal hat sie den nagel auf den kopf getroffen.« Und gleich nach kurzer Redewendung ist er bei // seiner seit Jahren und noch zuletzt gepflegten Gewohnheit, sich auf entlegenen Pfaden zu bewegen, »selbst unter verdoppeltem schritt«, wobei ihm gute Einfälle zugeflogen, ihm unterwegs liebe Bekannte begegnet seien: »wie freute mich innig im thiergarten auf meinen bruder zu stoszen, nickend und schweigend giengen wir nebeneinander vorüber, das kann nun nicht mehr geschehen.« […] Immerhin spricht aus ihm jetzt, da sein akademisches Publikum zu ermüden beginnt und auch die Gäste aus Vorzeiten sich des Gähnens kaum erwehren können, gesammelte Erfahrung, wenn er dem Alter die besondere Eignung nachsagt, Begonnenes zum Abschluß zu bringen: »ein philolog durfte wagen zuletzt an ein wörterbuch die hand zu legen, dessen fernliegendes, fast zurückweichendes endeziel in der engen frist des ihm noch übrigen lebens, wo die regentropfen schon dichter fallen, leicht nicht mehr zu erreichen steht.« / Er ahnte es. Er war sich gewiß, daß sein baldiges Ende mitgemeint war, sobald er zum Ausklang seiner Rede den Tod des Greises anrief. Vom »verglimmen« und von der »abendröthe am himmel« sprach er und setzte dem Leben einen Schlußpunkt: »nach ihr folgt düstere dämmerung und dann bricht nacht ein.« / Kein verklärendes Wort mochte er sich abgewinnen. Der Tod war ihm ein Einsilber zwischen vielen, die dem Buchstaben T unterzuordnen waren: Tat, Teig, Tier, Topf und Tür. Nur einige derbe Redensarten des Volkes nannte er treffend: »sein letztes brod ist ihm gebacken, sein letztes kleid geschnitten.«“ [*G, S. 256 - 264]
Hierauf drängt sich uns der Tod auf!
„Nein, Freund Jacob, nicht an den allgemeinen, an meinen Tod denke ich, an den vorzuahnenden Punkt nach all den kurzen und langen Sätzen. In früherer Zeit war es der Tod von Freunden, der mir naheging, ohne daß ich meinte, er könne auch mich so plötzlich oder peinigend verzögernd auslöschen. Ich sah // mich durch ihn beleidigt, wenn er jemanden wegraffte, der mir lieb war. Indem ich zufällig noch lebte, empfand ich Leben als Geschenk, verdient oder unverdient. Der Millionen zählende Tod systematisch Ermordeter, der gegenwärtig in fernen Ländern alltägliche Hungertod, dessen Zahl gleichfalls Jahr für Jahr in die Millionen geht, der in Statistiken gelistete Massentod erfüllt mich mit Scham, empört mich, bleibt aber dennoch entrückt, während mir das langsame Sterben meiner Mutter nicht aufhören will, als sei ihr Tod erst gestern eingetreten.
Jetzt aber steht er mir bevor. Nach ihm wird nichts sein. Vielleicht ist es altersbedingt mein gestörter, sich mehr und mehr verweigernder Schlaf, der ihn mir nahebringt. Ich treffe, weil im allgemeinen Chaos, wie darin geübt, auf Ordnung bedacht, Vorkehrungen, ziehe Bilanz, räume auf. Gewiß, noch bleibt Neugierde auf den kommenden Frühling, die Spargel-, die Erdbeerenzeit. Die geplante August-Bebel-Stiftung will auf den Weg gebracht, das wahrscheinlich letzte Buch für den Druck fertig werden, auch lasse ich ungern von meiner Frau, den Töchtern, Söhnen, den Enkeln, dem konfusen Zeitgeschehen, meinem Vergnügen, dem Achterbahnfahren und den Fußballergebnissen am Wochenende. Doch da mir, umringt von mehr und mehr Ungewißheiten, einzig der Tod gewiß ist, will ich ihn, wie Jacob es tat, als ungeladenen, aber unumgänglichen Gast empfangen und allenfalls mit der Bitte belästigen: mach es kurz und schmerzlos.
Noch fremdelt er, wird aber vertrauter mit jeder schlafarmen Nacht. Ich weiß: auf ihn ist Verlaß.“ [ebd., S. 265 f.]

Ein – mutmaßlich - letztes Mal erweist Günter Grass sich mit seiner Wortgewalt und –gestaltung, Wortdrechseler und -schöpfer als Lesevergnügen, selbst wenn vermutlich vor allem jüngere Leute es als wenig überzeugend empfinden mögen, ersetzt ihnen doch scheinbar die globale Suchmaschine und weltweit wirrtuelle Enzyklopädien Allgemeinwissen und Grammatik, verkommen Nachrichten zum Infotainement wie Historie und Politik, ohne dass sie PR/Marketing/Werbung, kurz: zwischen gesellschaftlichem blauen Dunst und der Realität unterscheiden können. Ich fürchte fast, gar nicht unterscheiden wollen. Kommt da nicht rechtzeitig die Nachricht, dass das Wörterbuch digitalisiert werde? Und plötzlich wird der Grundgedanke von einem Hausbuch für jeden realisiert, erweisen sich die Grimmbrüder wie Günter Grass und eigentlich wie jeder, der was auf sich hält, als Weltbürger im Sinne Schillers [*S], denn die Volltextdigitalisierung des DWB liefert auch ein wunderschönes Beispiel, dass Globalisierung gelingen kann: Die Eingabe erfolgte in Nanjing in der Provinz Jiangsu (Rotchina), wofür vor allem praktische und nicht nur finanzielle Gründe sprachen: „Muttersprachler lesen ‚verstehend’ und korrigieren dabei das, was sie als ‚falsche’, d. h. von der normierten Standardsprache abweichende Schreibung wahrnehmen“, was „für eine zeichengetreue Wiedergabe der vielen historischen Belege im DWB“ nicht erwünscht ist. Die Datentypisten schrieben nur das ab, was sie sahen, sind sie doch „von ihrer eigenen Schrift her gewohnt […], auf jedes noch so geringe Detail zu achten, weil es eine bedeutungsunterscheidende Funktion haben kann. Sie registrieren daher kleinste Abweichungen im Druckbild eines Buchstabens sehr genau. Das betrifft vor allem die zahlreichen Sonderzeichen in den Etymologieteilen des DWB mit allen möglichen Akzenten über und unter den Buchstaben und die Wörter in griechischer Schrift, aber auch durchbrochene, verschmierte oder verstümmelte Buchstaben. Die Eingabe erfolgte also äußerst zeichensensibel, und es wurde jedes Diakritikum, das einem uttersprachlichen Erfasser unter Umständen aufgrund des schlechten Drucks oder des gemeinsamen Auftretens mit anderen Akzenten entgangen wäre, miterfaßt.“ [*X, S. 9] Aber die Mitarbeiter des digitalen Wörterbuches wissen um die Halbwertzeit digitaler Medien, dass selbst der Projektleiter dem Tagesspiegel verrät, „[d]ie beste Datensicherung für das digitale Wörterbuch wäre ein Ausdruck auf Papier.“ [*T]
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*
G
Günter Grass: Grimms Wörter, Göttingen 2010, ca. 370 Seiten
[gleichzeitig im gleichen Verlag wieder aufgelegt ist Jacob Grimms „Rede über das Alter/Rede auf Wilhelm Grimm“, ca. 100 Seiten]
M
Steffen Martus: Die Brüder Grimm. Eine Biographie, Berlin 2009, ca. 610 Seiten
S
„Ich schreibe als Weltbürger, der keinem Fürsten dient“, schreibt Schiller in der Ankündigung zur (Rheinischen) Thalia, von der nur ein Heft erschien. Zitat in Friedrich Schiller: Sämtliche Werke in 5 Bänden, Bd. V: Philosophische Schriften/Vermischte Schriften, München 1968/1975, S. 828
T
Astrid Herbold: Digitalisierung: Grimms Wörterbuch nur noch im Internet, im Tagesspiegel vom 29.11.2012
W
Deutsches Wörterbuch (DWB) von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854-1961. Quellenverzeichnis Leipzig 1971. Online-Version, zitiert wird hier Bd. 16, Sp. 2718, im Wörterbucharchiv der Universität Trier
In 67.000 und mehr Druckspalten bei ca. 350.000 Stichwörtern aus mehr als 25.000 Quellen seit dem 8. Jahrhundert wird in alphabetischer Reihenfolge die neuhochdeutsche Schriftsprache bis zur Gegenwart dargestellt. Die Artikel geben Aufschluss über Etymologie, Formenbestand und über Dialekte und Soziolekte.
X
Hans-Werner Bartz, Thomas Burch, Ruth Christmann, Kurt Gärtner, Vera Hildenbrandt, Thomas Schares, Klaudia Wegge: Abschlußbericht. Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm auf CD-ROM und im Internet, Trier 2004
 
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Hallo Friedel,
da steht Deine Rezension da, von mir seit Tagen umrundet, ich scheuend die Arbeit, den Wörtersee zu durchschwimmen, Teile daraus lesend, wieder abschweifend, mich aber dann endlich, bei schönstem Sonnenschein in dunklen Kämmerlein der Anforderung zu stellen, einen kurzen Kommentar zu geben.
Was für ein Wörtersee von Grimm, Grass und Friedel; mit ruhigen Zügen schwimme ich dahin, als ich den Mut gefunden hatte, die Strecke in Angriff zu nehmen.
Richtig schreibst Du:

Ein – mutmaßlich - letztes Mal erweist Günter Grass sich mit seiner Wortgewalt und –gestaltung, Wortdrechseler und -schöpfer als Lesevergnügen, selbst wenn vermutlich vor allem jüngere Leute es als wenig überzeugend empfinden mögen, ersetzt ihnen doch scheinbar die globale Suchmaschine und weltweit wirrtuelle Enzyklopädien Allgemeinwissen und Grammatik, verkommen Nachrichten zum Infotainement wie Historie und Politik, ohne dass sie PR/Marketing/Werbung, kurz: zwischen gesellschaftlichem blauen Dunst und der Realität unterscheiden können. Ich fürchte fast, gar nicht unterscheiden wollen.

Das entnehme ich Deinen Anmerkungen und Zitaten, dass Sprache, die deutsche Sprache in diesem Fall, mit einem Ringen um Wahrhaftigkeit gegen die Lüge verknüpft ist, in Göttingen, in der SS und heute.
So zeigt Grass, früher stilistisch klarer, wie mit Arbeit an und mit der Sprache kritisches Bewusstsein geschärft wird, um gegen den blauen Dunst der sprachlichen Wolkenkuckucksheime zu Felde ziehen. Dort aber, fürchte ich, wird sie mit Wattebauschen empfangen und einwattiert und zu einer Bettdecke der Marke korrekte Sprache - korrektes Denken - korrektes Handeln verarbeitet.
Ausufernd ist das Grimmsche Wörterbuch, ausufernd die Sprache von Grass, ausufernd Deine Rezension, die nicht kurz und knapp in Fünzehnwörtersätzen dem Leser beibringt, ob er das Buch lesen soll oder nicht, sondern ihn teilhaben lässt an den Ruderpartien großer Geister auf dem Wörtersee.
Natürlich sind es alte Männer, die hier zu Wort kommen, alte Menschen eben, die Zeit haben, über das Alter nachzudenken, auch ein wenig zu klagen, und sich Zeit nehmen, das Zeitalter zu zeigen: im Wörterbuch, im dem sich ja viele Zeitalter versammeln, und in dem Buch von Grass, das bis heute zusammenfassen will, was sprachlich zusammengehört.
Deine Rezension kann man als Liebeserklärung an die (deutsche) Sprache, Literatur und an das Denken lesen. Sie ist eine Ermutigung, sich in diesen Wörtersee zu stürzen und sich vom „content manager“ beim Haushofmeister oder besser bei der Haushofmeisterin zu erholen. Nur ist auf eine Gefahr hinzuweisen, die auf den Leser lauert: Die Kompatibilität von einem weiten großen Wörtersee zu einem kleinen Wörterteich ist nicht immer gegeben. Je mehr Wörter, desto komplexer die Sprache und das Denken, je weniger ...
Je nun, was hilft's.
Immer wieder erfrischt ein Ausflug in wortreiche Erzählungen von Jean Paul, Grimmelshausen, Keller, Proust, Mann und Grass, wozu Deine Rezension ermutigt.
„Dem Blöden fährt bei jedem sinnvollen Wort der Schrecken in die Glieder“ (Heraklit). Ob das etwas mit dem Thema Deiner Rezension zu tun hat?
Ja!
Herzlichst
Wilhelm
 
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Hallo Wilhelm,

schön, dass sich mal wieder jemand traut, eine Rezension zu besprechen, die Dir vielleicht lang vorkommt, aber in Wirklichkeit recht bescheiden gegen andere Kritiken ausnimmt (Stichwort: Keller, dessen Gesamtwerk sich schön in eine Besprechung des Grünen Heinrich verpacken lässt). Da hätte der Aufhänger (Grass) im Werk der Grimms ertrinken können - was nun gerade nicht von mir gewollt war.
Das entnehme ich Deinen Anmerkungen und Zitaten, dass Sprache, die deutsche Sprache in diesem Fall, mit einem Ringen um Wahrhaftigkeit gegen die Lüge verknüpft ist, in Göttingen, in der SS und heute,
wobei wir nicht vergessen dürfen, dass fiktive und erlogene Geschichten auch der Wahrheitsfindung dienen.

Es ist richtig, früher war Grass klarer und ich komm immer wieder gerne darauf zurück, dass ich zB die Rättin mühselig anging und sie schließlich für zehn Jahre ins Regal stellte (oder dann sogar in den Bettkasten steckte), bis in der Zeit ein Schelmenstück eines mutigen Restaurators vorfand, der in einem norddeutschen Dom das Deckengemälde minimal veränderte, indem er eine Gruppe von Wickingern mit einem Puter versah - was die Nazis in ihrer Blödigkeit als Beweis ansahen, dass die Nordmänner Amerika entdeckt hätten - und genau der Restaurator taucht in der Rättin auf mitsamt dieses Schelmenstücks - und schwuppdiwupp wurde die Rättin zu Ende gelesen.

... wird sie mit Wattebauschen empfangen und einwattiert und zu einer Bettdecke der Marke korrekte Sprache - korrektes Denken - korrektes Handeln verarbeitet
Es ist wirklich eine Krux mit pc. Gottseidank werden Verlautbarungen des Kanzleramtes nicht Verlautbarungen eines imaginären Kanzlerinnenamtes. Was wäre durch ein Matriarchat (das nicht das der Irokesen wäre) gewonnen, was man nicht im Patriarchat schon gekannt hat?

„Dem Blöden fährt bei jedem sinnvollen Wort der Schrecken in die Glieder“ (Heraklit). Ob das etwas mit dem Thema Deiner Rezension zu tun hat?
So isset, wie man hier so sacht, mit der Einschränkung durch Adornos Wort, dass man erst dumm gemacht und dann gehalten wird.

Dank Dir fürs Lesen und -
rezensieren

Friedel
 
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Mit Günter Grass starb heute im Alter von 87 Jahren ein Widersprecher und einer unserer größten Erzähler, zugleich Bildhauer, Grafiker und Maler, der auch gerne kochte und ganz gerne gut aß.

Grimms Wörter ist und bleibt somit sein letztes, zu Lebzeiten veröffentlichtes größeres Werk.
 
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„Nu war schon jewäsen
Nu hat sech jenuch jehabt.
Nu is futsch un vorbai.
Nu riehrt sech nuscht nech.
Nu will kain Furz nech.
Nu mecht kain Ärger mähr
un baldich bässer
un nuscht necht ibrich
un ieberall Endlichkait sain.“

Keine bange, das ist nicht von mir und auch kein Ruhrlatein (obwohl auffällig viel Ähnlichkeiten zum Ruhr(s)pöttischen, aber auch Starckdeutschen aufscheinen). Es findet sich in


„Vonne Endlichkait“ des Günter Grass und erscheint morgen, am 28. August 2015, Goethes Geburtstag, wie von Grass und seinem Verleger geplant.
 
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Hüye, da ist ja am Text eine Streichorgie automatisch ausgelöst worden!

Schau'n wir mal, ob wir die wegkriegen ...

Bis auf einen Wurmfortsatz am Ende isset und bleibts auch hoffentlich strichfrei ...
 
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