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Halte still, mein Kind

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15.12.2020
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Anmerkungen zum Text

Mit der Formatierung hat es teilweise auch nach mehreren Versuchen nicht ganz so geklappt wie ich wollte, vielleicht liegt das an der Textlänge. Ich hoffe, das stört nicht zu sehr.

Halte still, mein Kind

I – Der Jäger

Der Keim kommender, verstörender Vorfälle begann an einem warmen Sonntagnachmittag im Herbst zu sprießen.
In einem kleinen Park am Stadtrand, den er schon so oft passiert hatte, ohne ihm durch seine Linse Beachtung zu schenken, vernahm er zwischen siebzehn Uhr dreißig und achtzehn Uhr zum ersten Mal den Impuls, die Kinder auf der silbernen Rutsche abzulichten.
Alles andere verstummte und verschwamm. Jedes störende Geräusch, jeder heimliche Zeuge.

Es geschah selten, dass seine Subjekte, die Farben und Formen ihrer Umgebung, und das natürliche, sie umspielende Licht, dermaßen perfekt harmonierten, dass ihr Einklang seine Hände wie von selbst machen ließ, ohne dass er denken, oder gar ein zweites Mal hinsehen musste. Heute, das verstand er schnell, war endlich wieder solch ein Tag. Allein das Fokussieren der frühabendlichen Sonnenreflektionen auf dem grell glänzenden Edelstahl genügte, um die Kinder als dunkle Silhouetten erscheinen zu lassen, und die vollen Bäume im Hintergrund als lauerndes Gebirge, das jederzeit als Lawine über den Kleinen zusammenbrechen könnte.

Peter lebte für diese harten Kontraste. Vor allem sie waren es, für die er mit Kamera um den Hals und zusätzlichen Objektiven im Gepäck immer wieder stundenlang rastlos durch die Stadt streifte, am liebsten bei Nacht und in der Morgen- oder Abenddämmerung. Durch den Sucher seines ‚Lichtgewehrs‘, wie er seine Kamera im Stillen nannte, den einen perfekten Punkt zu jagen, der aus dem richtigen Winkel, mit den richtigen Kameraeinstellungen, als einsam leuchtender Lichtfleck aus vollkommener Finsternis hervorzustechen vermochte – dafür fror er im Winter und schwitze er im Sommer, verzichtete er auf Schlaf und soziale Events, und gefährdete er neben seiner Beziehung immer wieder auch seine Stelle als Grundschullehrer.
Durch die langjährige Erfahrung mit Eltern und Kollegen wusste er nur zu gut, dass es vor allem für ihn riskant war, aus der Ferne wildfremde Kinder zu betrachten; geschweige denn hunderte Bilder von ihnen auf diversen Festplatten zu besitzen. Mit sich selbst war er im reinen, denn er schoss Kinder nicht öfter als Erwachsene, oder alles weitere, was als Puzzleteil seiner größeren Gesamtkompositionen dienen konnte – doch er verstand die misstrauischen Blicke, die in seine Richtung blitzten, wann immer sein suchendes Visier sich auch nur in der Nähe spielender Kinder befand. Das Heranpirschen an jeden fahlen Funken Licht, das Einfangen hilflos flüchtiger Silhouetten, das Sezieren eines frischen Gesichts, das heimliche Dirigieren jener sich nur für ihn formierenden Großstadt-Choreografien, unternahm er dementsprechend stets als Hochseilakt zwischen impulsiver Gier und höchster Vorsicht.
Die Rutsche im Park, zum Beispiel, fotografierte er nach ihrer Entdeckung niemals bei Nacht. Womöglich hätte er es ein- oder zweimal gewagt, doch die Belichtung, fand er schnell heraus, war dort trotz der Laternen nur in den frühen Abendstunden ideal. Vor allem diese Stunden waren es, in denen salzig-süßes Blut seine angespannten Lippen benetzte.

Peter verabschiedete sich an jenem warmen Sonntagnachmittag mit hektischer Zuneigung von seiner Freundin Gabriela, die wie jedes Wochenende zur Nachtschicht ins Krankenhaus musste. Zwei ungeduldig grobe Küsse verpackte er mit dem Versprechen, für ihr Abendessen, das sein Frühstück sein würde, Lasagna alla Bolognese zu kochen. Neben dem Fotografieren war das Zubereiten aufwendiger Gerichte sein liebster Zeitvertreib, wann immer Gabriela bei der Arbeit war. Schlafen konnte er während ihrer Vollzeitschicht nie länger als zwei bis drei Stunden; oftmals versuchte er gar nicht erst, auch nur ein Auge zuzudrücken. Nach ihrem Zusammenzug vor zwei Jahren hatten sie monatelang gelebt, wie zwei flüchtig Bekannte in ständigem Transit, bis ein Streit zu dem Entschluss geführt hatte, ihre Schlaf- und Essrhythmen aneinander anzupassen, auch wenn diese nur mit Gabrielas Arbeitszeiten korrelierten. Peter holte den Schlaf seitdem ebenso wie sie tagsüber nach – im Gegensatz zu ihr jedoch mühsam Biss für Biss, Minute für Minute: im Bus auf dem Weg zur Arbeit; versteckt in leeren Klassenräumen in den Pausen zwischen den Unterrichtsstunden; im Unterricht selbst während der Stillarbeit, geschützt von den aufgeschlagenen Seiten übergroßer Bücher; auf der Couch neben seiner nach Beachtung kitzelnden Freundin während des gemeinsamen Fernsehens nach dem Mittagessen.

Es war kurz nach siebzehn Uhr, als Peter an jenem schönen Sonntagnachmittag der Sonne entgegenlächelte und mit Zuversicht das Haus verließ. Das Ragout für die Lasagne war bereits am Köcheln. Die Bäume und all ihre verlorenen Sprösslinge leuchteten in warmen Farben, doch der Himmel gähnte in einem eintönig melancholischen Blau, also packte er für seinen Streifzug zusätzlich zur Kamera mit Kit-Objektiv nur seine alte 55-210mm Linse. Es war das erste ‚Geschoss‘, wie er seine Objektive im Stillen nannte, welches er sich damals ergänzend geleistet hatte, nachdem sein Hobby langsam, aber sicher zur neuen Leidenschaft geworden war. Schon lange war es nicht mehr sein bestes, denn er besaß längst ein ganzes Arsenal – doch sein nostalgischer Wert war unbestreitbar: Zu gerne ließ er sich von den staubgefüllten Furchen unter seinen Fingerkuppen daran erinnern, wie er mit ein paar gefühlvollen Drehungen des Fokus-Rings die ersten porigen Gesichter von der gegenüberliegenden Straßenseite gefischt hatte, die ersten erloschenen Zigaretten neu entfacht, die ersten lachenden Blicke in Grimassen verwischt, die ersten leuchtenden Augen aus ihren eingesunkenen Höhlen gelöffelt. In der Folge waren seine Objektiv-Käufe immer teurer geworden, doch die Qualität seiner Bilder hatte davon kaum profitiert. Vielmehr war er zu der Einsicht gekommen, dass es am Ende allein die natürlichen Harmonien waren, die darüber entschieden, ob ein Schuss ein Volltreffer war, oder doch nur ein Streifschuss. Seine Aufgabe bestand schlicht und einfach darin, zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit dem Finger auf dem Abzug bereit zu stehen, und die Magie vor seinen Augen geschehen zu lassen.

Normalerweise trug Peter aus Platzgründen seine verschiedenen Objektive in einem Rucksack mit sich. Nur sein altes Zoomgeschoss trug er aus Tradition stets in einer Hülle am Gürtel – dies war nach einer Weile unbequem, doch für blitzschnelle Reaktionen während der Jagd ungemein praktisch. Diesmal mit leerem Rucksack unterwegs, um das Zoom-Objektiv, falls es nicht gefragt war, von seinem Gürtel abzulegen, durchstreifte Peter mit wie immer wachen Augen ihren Vorort. Er registrierte geächtete Bekannte auf dem Heimweg von ihren sinnlosen Beschäftigungen: einen benachbarten, protzigen Polizisten, den er besonders wenig ausstehen konnte; Eltern ehemaliger Schüler auf dem Weg zum Fußballplatz am Waldrand, der Spielstätte ihrer zukünftigen Stars; streunende Katzen in ihrem fünften oder sechsten Leben; nach Nahrung suchende Vögel mit Rissen in den Flügeln. All dies war für ihn nicht von größerem Interesse. Seine Jagd begann gewöhnlich erst am Rand der Innenstadt, wo die Umgebung ständig im Wandel war, und das Leben der Menschen stets im Limbo zwischen vermeintlicher Ordnung und pulsierendem Chaos schwebte.

Einmal mehr erreichte er den Park, den er durch sein Dasein als Brücke zwischen Vorort und der Innenstadt bisher immer nur als Transitstation wahrgenommen hatte; als hübsch dekorierten Nicht-Ort, in dem es viel zu viel Platz gab, und viel zu wenig Dreck, um mit Licht und Schatten, Fluchtlinien und Schärfeschichten das übliche Versteckspiel in Gang zu setzen. Obwohl er wusste, dass er hier nichts finden würde, ließ sich Peter zu einem Blick durch den Sucher hinreißen.

„Ist das denn eine spezielle Kamera?“

Der beißende Duft zu viel billigen Parfums. Patschuli und Jasmin?

Weiterhin mit Blick durch sein Objektiv, wandte sich Peter zur Seite. Eine ältere Frau mit jungen Augen hatte sich dermaßen dicht vor ihn gestellt, dass er selbst mit dem Kit-Objektiv jede einzelne ihrer Furchen abfahren konnte, jeden roten Fleck auf ihren Backen überdecken und neu entstehen lassen.

„Früher habe ich auch gern fotografiert“, sprach die Dame weiter, „auf Jamaica habe ich echt ein paar tolle, tolle Bilder gemacht, aber…es kamen mit der Zeit beim Fotografieren immer mehr Leute in den Weg, das ist ja ein beliebter Urlaubsort. Heutzutage weiß man ja wirklich nicht, wo solche Bilder überall landen könnten.“

Peter senkte seine Kamera und lächelte.

„Sie haben recht. Man muss vorsichtig sein.“

Erneut begann die alte Dame, von Jamaica zu erzählen. Peter nahm eine Detailaufnahme von ihrer linken Gesichtshälfte, dann ging er wortlos weiter. Ihr panischer, finaler Blick in Richtung seines Lichtgewehrs ließ ihn schmunzeln; ebenso wie die Gewissheit, dass sie ihn wegen seines Bildes von ihr nicht konfrontieren würde, so sehr sie der Gedanke auch verstörte, dass er damit nun machen könnte, was er wollte, ohne dass sie jemals davon wissen würde.

Frau Jamaica auch ein paar Minuten später, am inneren Rand des Parks, noch immer in den Vororten seiner Gedanken, wehten ihm Kinderstimmen entgegen. Sie schienen fern, doch er wusste, dass sie von dem Hügel kamen, der in wenigen, schnellen Schritten zu erreichen war. Durch seine fleischlichen Augen wohl kaum eines Blickes würdig, ließ ihn ein innerer Befehl sein Zoom-Geschoss zücken. Gefühlvoll schraubte er das Kit-Objektiv vom Körper seiner Kamera, legte das Zoom-Geschoss an und ließ es langsam entlang des Bajonetts gleiten, bis Stifte und Kontakte andocken konnten und ein leises Klicken das eingeführte Objektiv sicher verriegelt hatte. Mit einem leichten Kribbeln im Bauch sah er durch den Sucher. Alles, was er inmitten der Kinderköpfe und der sie umgebenden Spielstätte auf dem Hügel beachten konnte, war ein abscheulicher, schwarzer Fleck.
Fluchend entfernte er das Zoom-Objektiv. Obwohl er wusste, dass alles andere als eine genauere Untersuchung in der Ruhe der heimischen vier Wände zwecklos war, versuchte er gehetzt, hier und jetzt die Quelle des Flecks im Objektiv auszumachen. Ein paar verlorene Sonnenbündel durchkreuzten sein vergebliches Vorhaben, indem sie ihm für einen Augenblick die Sicht raubten – dann lenkten sie seinen Blick zurück in Richtung des Spielplatzes auf dem kleinen Hügel. Es war dieser Moment, in dem er zwischen den Büschen zum ersten Mal das Schimmern auf der silbernen Rutsche wahrnahm.
Peter sah sich um, dann pirschte er sich langsam, aber sicher, Stück für Stück näher an den Spielplatz heran. Gefesselt vom Baden des Lichts im silbernen Pool des Edelstahls, bemerkte er erst, als er den Hügel erklommen, und den Spielplatz bereits betreten hatte, dass er das vorübergehend nutzlose Zoom-Objektiv noch immer in der Hand hielt. Die Realisation, wie achtlos er die Schwelle der Kinderwelt überschritten hatte, ließ ihn aus den Augenwinkeln nach argwöhnischen Eltern spähen. Zu seiner Erleichterung waren alle Parkbänke, sonst Posten stetiger Überwachung, leer. Trotz der Nähe der unberechenbaren Innenstadt, und diversen Klatsch-Gerüchten der letzten Monate, dass ein unscheinbarer Bürger als Pädophiler entlarvt worden war, hatten diese Eltern ihre Kinder sorglos den Impulsen fremder Männer wie ihm ausgeliefert. Peter begrüßte diese Entscheidung, denn trotz aller Gefahr war er der Meinung, dass man Kinder nicht zu sehr behüten durfte, um sie auf die Tücken der echten Welt vorzubereiten; und endlich einmal ohne bohrende Blicke im Nacken Bilder machen zu dürfen, milderte zwar ein wenig den Nervenkitzel, doch erhöhte die Chancen auf saubere Schüsse bedeutend.
Die Augen nur auf die ein paar Meter entfernte Rutsche und die kleinen Gestalten darauf fixiert, öffnete Peter langsam seinen Gürtel. Ohne seinen Rucksack abzusetzen, entfernte er die Hülle seines Zoomobjektivs von seiner Hose, ließ das Geschoss hineingleiten, und verstaute beides hinter seinem Rücken. Trotz seiner Nähe nahmen die Kinder keine Notiz von ihm. Ein letztes Mal überprüfte er die Lichteinstellungen, dann setzte er zum Schuss an.
Alles andere verstummte und verschwamm.
Jedes störende Geräusch, jeder heimliche Zeuge.
Einmal mehr gab es nur ihn, seine hilflosen Subjekte, ihre gemeinsame Umgebung, und das gütige Licht.
Peter schoss.
Einmal, zweimal, dreimal.
So oft, bis er jede einzelne Bewegung der regen Silhouetten eingefangen und zum Stillstand gebracht hatte.
Erst, als er schon dabei war, den Spielplatz wieder zu verlassen, wehte ihm neben dem Duft bevorstehenden Regens eine neuerliche Welle aus Paschuli und Jasmin hinterher, von der er gehofft hatte, sie in Zukunft meiden zu können.


II – Die Mutter

Der Keim kommender, verstörender Vorfälle, war nach Petras Überzeugung spätestens an einem warmen Montagmorgen im Frühling vor über dreißig Jahren gesät worden – wenn nicht gar schon vor ihrer aller Lebzeiten.

Weder war sie gläubig noch mit Verschwörungstheorien zu verführen. Doch seit in ihrem fünften Schuljahr ihr damaliger Lieblingslehrer an jenem warmen Montagmorgen im Frühling mitten im Satz von zwei Polizisten abgeschnitten worden war, und als Hauptverdächtiger am Mord seiner schwangeren Freundin aus der Klasse abgeführt, glaubte Petra nur noch an das Böse im Menschen, nicht mehr an das Gute, nicht an irgendetwas unentschiedenes dazwischen. Die Schuld des Lehrers, Herr Maibe, war nie bewiesen worden, doch sein Selbstmord in der Untersuchungshaft hatte den Fall geschlossen. In den dreißig Jahren seit jenem Vorschlaghammer von Montagmorgen, den Petra noch immer wöchentlich in ihrem Kopf durchlebte, war sie stets mit verspanntem Hals und weit aufgerissenen Augen durch die Welt gegangen; immer mit einem Kneipchen in der Tasche unterwegs, ganz gleich ob in der Stadt bei Nacht oder beim Besuch ihrer Eltern auf dem Land am hellsten Tage; niemals auch nur einen Atemzug in vollständiger Ruhe; nicht abends auf der Couch neben ihrem liebevollen Ehemann; nicht einmal in der ersten Nacht, die ihre erstgeborene Tochter ohne Strampeln oder Schreie seelenruhig geschlafen hatte.
Erst nach der Geburt des dritten Kindes und dem Schritt zurück in die Arbeitswelt war sie zumindest nach außen hin entspannter geworden. Die Idee eines Kindermädchens hatte sie lange kategorisch abgelehnt, doch die fast erwachsene Tochter ihrer besten Freundin war schließlich doch ‚gut‘ genug für sie gewesen, um an den zwei Wochentagen, die Petra nicht von zu Hause arbeiten konnte, ihre jüngste Zuchtblume zu hüten.
Die Gerüchte über einen Kinderschänder in der Nachbarschaft hatten Petra härter getroffen als alle anderen. Jegliche Beschwichtigungsversuche ihres Mannes und sogar ihrer älteren beiden Kinder, waren nichts als endlose Regenschwalle auf einen einsamen Felsen an der Brandung, der die Wellen an seinen Wurzeln schon so lange aushält, dass er gegenüber den Ergüssen von oben längst taub ist.
Nach all den Jahren der Paranoia war Petra im vergangenen Spätsommer an einem Punkt in ihrem Leben angelangt, an dem sie kurz davorgestanden hatte, endlich wieder frei atmen zu können. Doch kaum hatte sie ihre Luftwege wieder einen Spalt weit geöffnet, waren ihre größten Ängste durch ein paar wenige Funken zündelnden Geflüsters zu grauen Atemwolken materialisiert worden, die sie fortan überall und nirgends sah und inhalierte, und die sich nach und nach zur unnahbaren Silhouette des frei herumlaufenden Täters zusammensetzen.
Sie war es gewohnt, jedes Männergesicht als Maske zu sehen, unter der dunkle Geheimnisse brodelten. Mit den Gerüchten aber schienen sich die Masken plötzlich abzuschälen: Nun erkannte sie jeden untreuen Ehemann an seinem Blick; jeden Vater, der seine Kinder schlug; jeden kleinen Jungen, der seine Schwester manipulierte; jeden jugendlichen Stecher, der unschuldige Mädchen verführte, nur um sie am nächsten Montag in der Schule vor allen Mitschülern zu peinigen. Sie durchschaute, was sie alle taten, doch sie wusste, dass sie machtlos war. Weder hatte sie Beweise noch das Recht, in dem Leben Fremder herumzustochern, solange nicht wirklich ein Verbrechen in der Luft lag. Dessen Gestank würde sie auch blind aus Kilometern Entfernung riechen, da war sie sich ganz sicher. Sie bat also ihre Chefin darum, ausschließlich von zu Hause arbeiten zu dürfen, um möglichst wenigen Menschen zu begegnen, die sie in ihrem Zustand womöglich zu schnell und vehement verurteilen würde. Ihre Arbeit als Redakteurin konnte sie schließlich von jedem beliebigen Bildschirm aus verrichten. Ihre Chefin war anfangs dagegen, doch mit dem Ausbruch der Pandemie bekam Petra wohl als einzige Angestellte ihren größten Wunsch erfüllt.

In Folge jüngster Lockerungen der Pandemie-Maßnahmen konnte man zwar viele öffentliche Orte wieder aufsuchen, Petra aber blieb im Haus, und wachte dort, so viele Stunden am Tag, wie ihre Familie es erduldete, über Kinder und Hund, deren Sicherheit, und ihren eigenen, vorgetäuschten Seelenfrieden. Verschwommene Bilder bevorstehender Taten schlichen sich dennoch auch im Wachzustand unter ihre Netzhaut. Es quälte sie, nicht selbst dort draußen zu sein, um mit ihrem Kneipchen die nächste Schandtat zu verhindern, doch sie konnte nicht alle Kinder retten, nur über die eigenen besaß sie auch nur den Hauch von Kontrolle – also tröstete sie sich damit ab, die Kleine zu füttern, dem Mittleren bei den Hausaufgaben zu helfen und die Große mit ihrem Freund machen zu lassen, was sie wollte, solange sie abends zu Hause blieben und Ella tagsüber stets auf ihrem Handy erreichbar war.

Früh an einem schönen Sonntagabend kam überraschend Petras Mutter zu Besuch. Sie war ein wenig außer Atem, doch wann war sie das nicht? Seit Beginn der Pandemie hatten sie einander kaum gesehen, obwohl sie nur eine halbe Stunde Fußweg voneinander entfernt lebten. Petra wollte ihrer Mutter unter keinen Umständen das Virus übertragen, falls es trotz ihres Einsiedlerlebens über ihre Kinder oder ihren Mann doch auf sie übergekrochen war. Ohnehin war ihre Beziehung mit ihrer Mutter nicht die beste. Petra hatte ihr seit ihrem Auszug von zu Hause immer vorgeworfen, sie und ihren Bruder zu oft und zu lange alleine gelassen zu haben; sei es, um auf Jamaica mit der Kamera in der Hand schönen Männern hinterherzujagen, oder um sich nebenan gemeinsam mit Freundinnen einmal mehr über ihrer aller gescheiterten Eheversuche zu erbrechen. Ihre Mutter hatte sie schon immer als ‚zu empfindlich‘ abgestempelt; und auch jetzt, als sie zum ersten Mal seit langer Zeit ihre Türschwelle übertrat, rollte sie mit den Augen, als Petra ihr mit den Händen gebot, nicht näher als drei Meter an sie heranzutreten.

„Wir sind doch beide geimpft, Mäuschen, was willst du denn noch?“

Petra lachte ungläubig. „Eine Spritze, und du fühlst dich sicher? Weißt du, wie viele trotz Doppelimpfung schon verreckt sind?“

„‘Verreckt‘? Und ich dachte, du bist Autorin.“

„Redakteurin, Mama. Redakteurin. Und verrecken ist, finde ich, ein gutes Wort dafür, was bald mit uns allen passieren wird, wenn wir nicht auf uns und unsere Geliebten aufpassen.“

Ihre Mutter betrachte sie mit Sorge.

„Du bist ja ganz bleich, Kind. Wann warst du denn das letzte Mal draußen?“

„Die ganze Pandemie nicht ein einziges Mal!“, preschte der mittlere Sohn, Luis, ins Wohnzimmer und umarmte grinsend seine Großmutter. Petra hielt die Luft an. Ihre Augen weitere sich. „Luis, sofort lässt du Oma los! Dein letzter Test ist doch schon drei Tage her!“

Luis sah hoch zu seiner Großmutter, diese zuckte mit den Schultern, lächelte und nickte in Richtung Küche. Luis drehte sich zu Petra, streckte ihr die Zunge heraus, und verschwand die Treppe hoch nach oben.

Petras Mutter runzelte die Stirn. „Ich finde natürlich, du übertreibst mit dem Virus-Zeugs, aber das würde ich mir von dem kleinen Scheißer trotzdem nicht gefallen lassen.“

Du willst mir mal wieder sagen, wie ich meine Kinder zu erziehen habe? Du hattest Glück, dass ich nicht misshandelt wurde, während du auf Jamaica herumgevögelt hast.“
Petras Mutter rollte einmal mehr die Augen.

„So redest du schon wieder mit deiner armen, alten Mutter? Dich müsste man erziehen, Mädchen, dich…“

„Dafür ist es leider zu spät – Mama.“

Sie schwiegen für ein paar Sekunden, dann setzte sich Petras Mutter auf den Sessel am anderen Wohnzimmerende und seufzte.

„Ich hätte es besser machen können, klar…aber dich will ich mal sehen, wenn dein ach so toller Ehemann die Fliege macht“ – „Das wird er nicht, Mama, keine Sorge“, unterbrach Petra sie mit breitem Grinsen. Ihre Mutter nickte vor sich hin.

„Hoffen wir‘s, wir wollen‘s es hoffen…“

„Was hat dich eigentlich hergebracht, Mama? Du warst schon wieder ganz schön außer Atem. Sag bloß, du bist her gejoggt?“

Ihre Mutter sah verdutzt auf.

„Was mich hergebracht hat? Muss man jetzt schon einen Grund haben, sein Kind und seine Enkelkinder sehen zu wollen? Diese blöde Pandemie macht euch echt alle gaga.“

Petra lachte. Der plötzliche Wärmeschwall in ihrer Brust ließ sie überlegen, wie lange sie schon nicht mehr ehrlich gelacht hatte.

„Obwohl, Moment – ich glaube, es gab doch irgendetwas, das ich dir erzählen wollte…“

Petras Antennen registrierten sofort, dass dieser Tonfall nichts Gutes verheißen konnte. Unter ihren Schläfen begann es zu Sticheln und zu Stochern, doch sie riss sich zusammen; und ließ sich auch von der grauen Wolke, die sie zwischen den Erinnerungsfetzen und der Zunge ihrer Mutter schweben sah, nicht aus ihrer Haut herauslocken.

„Ah ja, genau, eben im Park“, fuhr ihre Mutter fort, „da war…da war ein merkwürdiger Mann.“

„Ein merkwürdiger Mann?“

„Ja, ein merkwürdiger Mann. Ein Mann mit einer Kamera.“

Petra fuhr hoch.

„W – wer?!“

Ihre Mutter gestikulierte. „Ich – ich weiß nicht, ich habe ihn mit Sicherheit schon oft gesehen, aber du kennst mich: ich vergesse die Namen, und, weißt du, immer mehr auch die Gesichter…der Mann, er war höflich, aber – irgendwas an ihm war…komisch. Also bin ich ihm gefolgt.“

III – Das Lamm


Pauls Lieblingsfach in der Schule war Deutsch, sein Lieblingslehrer Herr Ebian, der sich während der Stillarbeit immer hinter seinen großen Büchern versteckte, um zu schlafen.
Herr Ebian dachte, niemand wusste davon, doch Paul und seine Klassenkameraden hatten es durch Herr Ebians Schnarchen schnell herausgefunden, kurz nachdem Herr Ebian Herr Faust ersetzt hatte, der man wegen Elternbeschwerden von der Schule geschmissen hatte.
Über Herrn Ebian gab es nie Beschwerden, weder von den Eltern noch von den Schülern.
Die Schüler liebten ihn nicht nur wegen seiner Nickerchen im Unterricht, sondern auch, weil er nie übers Wochenende Hausaufgaben gab; und vor allem deshalb, weil die Geschichten, die er aussuchte, immer solche waren, die den Kindern von den Eltern verboten wurden – weshalb sie im Unterricht immer zwei Geschichten parallel lasen, und Herr Ebian mit den Kindern einen Pakt geschlossen hatte, zu Hause nur von der harmloseren zu erzählen.

Paul lag an einem stürmischen Samstagabend im Herbst in seinem Hochbett und las heimlich eine von Herr Ebians ‚verbotenen‘ Geschichten. Die ausgedruckten Seiten ihrer harmloseren Zwillingschwester griffbereit unterm Kopfkissen, lauschte er zwischen den Zeilen abwechselnd dem Unwetter, das auf seine Dachschräge einschlug, und den Schritten seines Vaters im Erdgeschoss, welche am Abend vor einem wichtigen Fußballspiel seiner Mannschaft immer besonders unruhig waren. Paul war Kapitän des Teams – nicht etwa wegen irgendwelcher Führungsqualitäten, wie er selbst wusste, und woran er auch immer wieder von den Blicken der Eltern der anderen Spieler erinnert wurde – sondern weil sein Vater als Coach seinen eigenen Sohn schlicht und einfach besser als einen der anderen Jungs als Sprachrohr auf dem Spielfeld missbrauchen konnte. Trotz dieser wichtigen Vorzeigefunktion gegenüber seinen Mitspielern dachte Paul (zur Enttäuschung seines Vaters, die dieser am liebsten lächelnd mit einem kumpelhaften Schulterklopfer unterdrückte) am Vorabend eines Spiels nie an bevorstehende Taktiken oder die Stärken und Schwächen des nächsten Gegners. Stattdessen wurmte er sich durch dieselben vertrackten Labyrinthe aus rissigem Asphalt, verdächtigen Gesichtern und buntes Neonlicht spiegelnden Regenpfützen, wie die lässig-zynischen Privatdetektive aus Herr Ebians verbotenen Noir-Geschichten.
Auch an diesem Abend einmal mehr in schwarzem Parker und mit wachen Augen unterm Hut auf der Jagd nach Unterweltlern durch zwielichtige Großstadtgassen pfeifend, zuckte Paul zusammen, als das Knarren der Treppenstufen unter seinen Zimmerdielen das Heraufkommen seines Vaters ankündigte.

„Du musst schlafen, Capitano“, kam der Trainer ins Zimmer und schaute ernst auf seinen Sohn herab. „Ich brauche dich topfit, okay? Morgen müssen wir echt mal wieder gewinnen.“

Er gab Paul einen Kuss auf die Stirn; Paul drehte sich schnell weg und versuchte, die Augen fest genug zuzudrücken, um das eingefrorene Aufflackern der glänzenden Augen seiner Mutter zu zersplittern. Seitdem sie vor einem Jahr mit einem jüngeren Mann nach London durchgebrannt war, kaufte Paul ihren Augen kein einziges ‚Schatz‘ oder gar ‚ich liebe dich‘ mehr ab – das allerletzte Mal, dass er ihnen geglaubt hatte, war, als sie gegangen war, um ohne ihn ihr Glück zu finden.

Der Trainer stand noch eine Weile am Bett seines Sohnes, seines Capitanos, seines einzigen verbliebenen Ankers. Er wusste, dass ihm morgen auf dem Platz ein paar Minuten Schlaf fehlen würden, doch genauso wusste er, dass er einmal mehr zumindest für etwas unter einer Stunde die Wut in seinem Bauch vergessen würde, sie aus dem Weg grätschen, sie durch die Luft und zwischen Netz und Metall dreschen, wo sie vorerst nicht Imstande sein würde, sich noch tiefer in seine Eingeweide einzufressen.


Anpfiff.
Zuckende, von der Sonne geblendete Gesichter; sich abwechselnd verkrampfende und streckende Gliedmaßen, deren Schwingungen allein die Schwerkraft in Zaum halten kann. Paul, verbissen wie noch nie auf der Jagd nach dem Gegner. Ein versteckter Tritt vom Verteidiger – eine rückhaltlose Sense von Grätsche zur Revanche. Wild maulende Väter; ihre Frauen, die sie davon abhalten, den Platz zu stürmen. Ein Freistoß. Ein Anlauf, ein Schuss – ein Tor. Kollektiver Jubel. Ein Vater, der seinen Sohn vor Freude hochhebt und gen Himmel hält, bis er merkt, dass er besser auch den anderen Spielern seiner Mannschaft gratulieren sollte, um nicht unfreiwillig seinem Ruf als Nepotist gerecht zu werden.

Gegen siebzehn Uhr an jenem schönen Sonntagnachmittag im Herbst brachen die ersten, frisch geduschten Jungs vom Sportplatz am Waldrand auf in Richtung Spielplatz im Park. Paul, noch im Trikot, ging zu seinem Vater, um zu fragen, ob er mitkönne – sein Vater aber war mitten im Gespräch mit den Eltern von Timmie, der während des Spiels mehrmals einfach so die Gegner getreten hatte. „Warte kurz, wir sind gleich fertig“, speiste der Trainer seinen Sohn ab, ohne sich anzuhören, was dieser überhaupt wollte.

„Wir haben Timmie noch nie so wütend gesehen“, erklärte Timmies Vater dem Trainer, „aber ich muss zugeben: ich glaube, es war vielleicht sogar ganz gut für ihn. In letzter Zeit ist er echt komisch drauf, er –“ – „Er hat uns schon mehrmals von einem merkwürdigen Mann erzählt“, fuhr Timmies Mutter ihrem Mann dazwischen. „Der Mann hat Timmie schon mehrmals beobachtet: In der Nähe der Schule, beim Warten auf dem Bus, auch schon einmal beim Fußballtraining, als ich Timmie etwas zu früh beim Sportplatz abgeliefert habe, weil ich am Abend noch ein Meeting hatte.“

„Wir müssen ihn jeden Morgen zwingen, in die Schule zu gehen“, fügte Timmies Vater hinzu. „Nur das Training und das Spiel am Sonntag wecken ihn aktuell aus seiner Paralyse – du als Coach solltest also ab und zu ein Auge zudrücken, wenn er mal ein bisschen aggressiv ist. Klar, wenn der Schiri im Spiel keine Lust mehr hat, wie heute, ist es das eine – aber solange er niemandem wehtut, gib ihm nicht das Gefühl, dass er seine aufgestaute Energie nicht rauslassen kann. Kannst du uns diesen Gefallen tun, Olli?“

Olli – Timmies Trainer, Pauls Vater, Rebeccas langweiliger Ex-Mann, der sein und ihr aller Leben stets mit seinem lächerlichen kleinen Hobby, dem ‚Ventil für sein Bedürfnis nach der Delegierung seiner eigenen Miniatur-Armee als Kompensation für seinen selbstverschuldeten Minderwertigkeitskomplex‘ vergeudet hatte – nickte. „Klar, Olaf. Ich werde tun, was ich kann.“

Er dachte dabei selbstverständlich weniger an Timmie als an seinen eigenen Sohn, dessen Aggressionslevel beim heutigen Spiel mehrfach dem von Timmie nahegekommen war.

„Wir sind schon in Kontakt mit der Schulleitung“, erklärte Timmies Mutter. „In der nächsten Konferenz steht die Sache ganz oben auf der Tagesordnung, das hat man uns versichert. Und schon vorher wird einzeln mit allen Lehrkräften gesprochen. Vielleicht weiß jemand etwas, hat etwas gesehen oder gehört, vielleicht ist sogar einer der Lehrer“ –

„Dass einer der Lehrer, ehm…involviert ist, davon wollen wir an dieser Stelle natürlich nicht sprechen“, schnitt ihr Ehemann, ein lokaler Politiker, ihr das Wort ab. „Aber die Schule ist ein vulnerabler Ort – die Gerüchte allein hätte man noch ignorieren können, aber dann die Sache mit Timmie…wir haben sogar schon überlegt, ihn untersuchen zu lassen. Ob er – du weißt schon. Es geht uns einfach nicht in den Kopf, wie nur beobachtet zu werden, so etwas auslösen kann. Wir können nicht mehr ausschließen, dass mehr passiert ist. Aber uns lässt er einfach nicht mehr an sich heran.“

Olli spürte, wie ein Anflug von Schwindel in seinen Kopf stieg und langsam begann, sich darin auszubreiten. Er nickte so verständnisvoll er konnte, und schweifte mit den Augen nervös zwischen Olaf und Tina hin- und her, bis sich der fluktuierende Fokus seiner Linsen endlich auf einen fernen Fleck zerpflügten Rasens in der Leere zwischen den beiden fixieren konnte.

„Habt ihr eigentlich…“, begann er, doch er musste abbrechen und zweimal tief durchatmen. Tina öffnete vorsichtig den Mund, um zur Frage nach seinem Befinden anzusetzen, als ein plötzlicher Impuls Olli herumfahren ließ – mit suchendem Auge blickte er zum Ende des Sportplatzes und versuchte zu erkennen, ob eine der wenigen verbliebenen Gestalten vor der Kabine Paul war.

„Wo…wo sind denn alle hin…“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu Olaf und Tina, als habe er vergessen, dass die beiden noch immer vor ihm standen. Dann eilte er in Richtung Kabine.

Ich habe dir gesagt, du sollst warten, Junge.
Wehe, du bist wieder weggelaufen.
Nächstes Training: da kannst du laufen, keine Sorge. Zwei Runden für jede verdammte Minute, die ich dir jetzt schon wieder hinterherjagen muss.

IV – Die Jagd


Auf dem Hügel am Rande des Spielplatzes im Park wollte Peter gerade der neuerlichen Jasmin-Patschuli-Fahne hinterherschnüffeln, als die zweite perfekte Harmonie dieses Nachmittags sich wie von selbst zu komponieren begann: dem fast heimlichen Auftakt der Percussion in der flüchtigen Form kaum bemerkbarer Regenfussel, folgte als Moll-Dreiklang Peters Impuls, ins Tal zu blicken, die Erwiderung des Impulses durch das Erscheinen einer kleinen Silhouette unter einem Baum, und der erste Atemzug eines Regenbogens, der sich über der Baumkrone andeutete. Vom Zoom-Objekt verlassen, bemühte sich Peter, mit den eigenen Augen das Schauspiel in der Ferne zu schärfen. Der feine Sprühregen, illuminiert von den wenigen Sonnenstrahlen, die es schafften, sich zwischen den Wolken hindurchzustehlen, erschien ihm nun wie eine dünne Schicht Filterglas vor der Silhouette, deren ungefilterte Erscheinung die Natur vor ihm, dem Jäger, bewahren wollte. Es war erst dieser Gedanke, welcher auf perfide Weise versuchte, Peters Gemütszustand mit Schuld zu infiltrieren, der ihm den nächsten, entscheidenden Impuls gab, der nur für ihn komponierten Symphonie hinterher zu tanzen, und die ihm hilflos ausgelieferte Beute zu erlegen.

Knapp zwei Kilometer zurück in Richtung ihres kleinen, ruhigen Vororts, rannte Petra, so schnell sie nur konnte. Zu dieser Zeit, wusste sie, waren viele der Kinder und Eltern aus der Nachbarschaft auf dem Sportplatz versammelt, also war es die perfekte Gelegenheit, die verstörende Erzählung ihrer Mutter als Warnung in die Welt zu setzen. Während Petras Beine schwer wurden, ihr Atem sich zu überschlagen begann, und sie sich dafür verfluchte, sich während des Lockdowns viel zu wenig bewegt zu haben, blitze vor ihrem inneren Auge immer wieder jene Szene auf, deren verschwommene Einstellungen in körniger Textur sich aus den Worten ihrer Mutter und den eigenen Erinnerungsfetzen angeordnet hatten: die unbekümmert spielenden Kinder auf den Geräten; das breite Grinsen ihres Mittleren Luis im Alter von fünf oder sechs, erwidert vom schüchternen Lächeln der Nachbarstochter; die Schulter des Fremden ohne Gesicht, der in Wahrheit womöglich ein Bekannter war; seine mit schwarzem Leder vermummte Hand, wie sie zu seinem Gürtel fährt, und dessen Schnalle langsam öffnet.

Seine Beute fest im Blick, stürmte Peter in das Tal.
Die Symphonie aus glänzendem Licht und die Umgebung speisenden Schatten, begleitet vom Rhythmus seiner Schritte im Takt seiner Atemzüge, ließ das Blut in seinen Adern mit Ekstase bis an die Poren seiner Haut überquellen, sodass ein warmes Kribbeln seinen ganzen Körper durchfloss, seine Sinne weiter schärfte, seine Füße beflügelte. In vollem Lauf, ließ sein motorisches Gedächtnis gerade wie von allein seine Finger die richtigen Rädchen an der Kamera streicheln, um seine Beute bestmöglich einzufangen, als sein fleischliches Augenpaar einen Riss registrierte, welcher das artifizielle Auge in seiner Hand gewaltsam seiner einzigen Bestimmung beraubte: als habe sie Peters Kommen längst bemerkt, kehrte die Silhouette ihm den Rücken zu und riss das perfekte Bild mutwillig auseinander, sodass auch etwas in Peter irreparabel riss. Mit rasendem Herzen und einem Pochen unter seinen Schläfen hetzte er der Silhouette hinterher – er musste sie zurückholen, er musste das perfekte Bild wiederherzustellen, solange die Sonne noch in Harmonie mit den Schatten und der Leere für ihn sang; solange der Regenbogen seine bunte Illusion nur für ihn aufrechterhielt, um alle Farben in sich zu bannen und sie allein nach seinem Belieben zu brechen.


Die Kinder.
Wo sind die Kinder?

Petra hielt die Luft an. Der Sportplatz war verwaist.
Allein die Spuren der kleinen Füße auf dem Rasen hatte das Monster von ihnen übriggelassen.

Unsinn. Reiß dich zusammen.

Petra fuhr um sich, schnüffelte. Wonach sie roch, war ihr selbst nicht klar; doch die Ausdünstung ihrer eigenen Angst aus allen Poren ließ sie mit leichtem Brechreiz in der Kehle schnell wieder andere Sinne befragen. Hinter ihr erklangen Schritte.

„Das Spiel ist vorbei, Petra.“

Tina, Mutter von Timmie, einem Freund von Petras Jüngstem, Oliver. Daneben ihr Ehemann Olaf, dem Petra sofort ansah, dass er Tina erst kürzlich einmal mehr betrogen hatte.

„Wo – wo sind denn alle so schnell hin?“, fragte Petra. „Das Spiel ist doch gerade erst fertig geworden!“

Olaf zuckte mit den Schultern. Petra spürte einen Stich in der Brust. Von jetzt auf gleich erhob sie ihre Stimme und raste in Richtung Olaf. „Kapiert ihr eigentlich, was hier momentan abgeht?! Herr Ebian misshandelt unsere Kinder, und ihr zuckt mit den Schultern?!“

Olaf runzelte die Stirn. „Herr Ebian?“ Tina nahm eine Hand vors Gesicht und schaute durch ihre zitternden, knochigen Finger. „Du willst doch nicht…das heißt – es sind wirklich nicht nur Gerüchte? Es könnte wirklich mehr passiert sein, als nur stalken?“

Petra, nun mit lodernden Augen, nickte.

„Aber, er…er wohnt so nah, von mir sind es nicht einmal“ – „Das ist der Punkt, Tina, verdammt, genau das ist der Punkt!“ Petras Stimme überschlug sich. „Ich kann von unserem verdammten Balkon aus fast in seine Küche schauen!“

Erneut roch Petra ihre Angst, und sah vor ihrem inneren Auge das Bild ihrer Haustür aufblitzen, die von einer schwarz vermummten Hand geöffnet wird. Nur ihre alte, gebrechliche Mutter war zu Hause bei den Kindern. Petra selbst hatte ihre Kinder allein gelassen, um die wahre Identität des Kinderschänders zu verbreiten – in aller Eile hatte sie für einen Augenblick vergessen, dass er gerade in diesem Moment genauso gut hinter ihren Kindern her sein könnte, wie hinter Olaf und Tinas. Auf der blanken Leinwand Tinas plötzlich leichenhaften Gesichts, erblickte Petra den blutigen Hinterkopf ihrer Mutter auf dem Boden vor der Haustür – sie wollte schreien, die Bilder zusammen mit ihren Stimmbändern zerreißen, doch der überschnelle Ansatz zum nächsten Atemzug schnürte ihr den Hals zu.

Beruhige dich. Sie sind sicher.
Sie sind sicher.
Lass die Angst nicht gewinnen. Erst musst du die Nachricht verbreiten.
Lass die Angst nicht gewinnen.
Atme.


Nur ein paar hundert Meter entfernt: Kinderrufe.

„Papa, Papa! Hilfe!“

Paul rannte weiter, so schnell er konnte, indem er sich vorstellte, in der letzten Minute eines Spiels dem Ball hinterherzujagen. Im nächsten Wimpernschlag erblickte er tatsächlich den Sportplatz.

Papa ist bestimmt noch da. Papa wird den komischen Mann stoppen. Papa, der komische Mann holt mich ein! Das Spiel war anstrengend genug, ich kann nicht mehr! Papa, meine Beine werden müde!

Der Sportplatz, erhellt von den sterbenden Sonnenstrahlen, rückte näher; dieses weite, vertraute Energiefeld, auf dem er uneinholbar war, unverwundbar.

Papa – warum ist er immer noch so schnell?


Peter stoppte abrupt, stolperte, fing sich, schnappte hastig nach Luft, und hievte seine schweren Beine weiter der Silhouette hinterher.

Treib sie in Richtung Wald. Auf dem Sportplatz wimmelt es von neugierigen Augen, die nur das sehen werden, was sie sehen wollen, ohne zu verstehen.


Tina, Olaf und Petra erreichten mit böser Vorahnung jenen anderen Platz, der mit den kommenden verstörenden Vorfällen ebenso verwoben schien, wie mit den längst geschehenen, die von allen übersehen worden waren. Die Kinder auf den Wippen und Schaukeln, auf den Gerüsten und im Karussell, waren unbeirrt in ihre kleine Welt vertieft, sodass sie einen Eindringling von außerhalb ihrer sicheren Blase womöglich erst bemerkt hätten, wenn es längst zu spät gewesen wäre.

„Petra, dort drüben, schau!“ – Tina zeigte auf die andere Seite des Spielplatzes, von der aus ein Mann in Richtung der spielenden Kinder blickte, ohne sich zu regen. Petra preschte los.

„Hey, Sie da, lassen Sie verdammt noch mal ihre dreckigen Finger von“ – der Mann drehte sich so plötzlich um, das Petra zusammenfuhr. Das von Sorgen zerfahrene Gesicht, das sie erblickte, ließ sie erleichtert seufzen. Es war Pauls Vater, Olli.

„Er…er ist nicht hier.“

Unsicher, ob sie Ollis Murmeln richtig verstanden hatte, kam Petra ihm langsam näher. Nun war es seine Angst, die sie roch, nicht ihre. Seine Angst war keine tollwütige Panik, wie Petra sie auch vor dem heutigen Tag schon so oft empfunden hatte; vielmehr roch Olli nach Resignation, nach der Furcht vor der Schuld der Zukunft, dem ewigen Leugnen der eigenen Fehler, die ihn erst die Frau gekostet hatten, und bald schon das einzige Kind.

„Er ist nicht hier.“

Petra nahm Ollis Hand und sah ihm für ein paar Sekunden beruhigend in die müden Augen.

„Keine Sorge, er ist bestimmt nicht weit weg. Wir werden ihn finden.“

Kaum hatte sie ihren Blick von Ollis gelöst, verpuffte jegliche innere Ruhe, und die Panik floss zurück in ihre Adern.

„Hey, ihr da!“, eilte sie in Richtung der Kinder auf der Wippe, „wo ist Paul? Habt ihr Paul gesehen? War jemand hier, der euch komisch vorkam?“

„Paul ist blöd, er will nie passen, nur selbst schießen!“, beschwerte sich ein kleiner Junge, der noch Fußballerde im Gesicht hatte. Petra ging weiter zur Rutsche, zur Schaukel, zum Karussell.

„Da war ein komischer Mann“, meinte schließlich ein kleines Mädchen, dass ihr bekannt vorkam, ohne dass sie sich an ihren Namen erinnern konnte. „Er hat Bilder gemacht, aber nur ganz kurz, dann ist er ganz schnell weggerannt.“

„Wie sah der Mann aus?“

„Ehm – ich hab nur die schwarzen Klamotten gesehen, weil er war ganz schnell wieder weg, und vor dem Gesicht war die Kamera, alsooo“ – „Danke, Kleine, das hilft uns schon mal weiter.“

Petra kehrte um, sammelte den noch immer starren Olli ein, indem sie ihn am Arm packte und mit sich schleifte, und wandte sich an Olaf, ungeachtet der Tatsache, dass dieser mit Tina in ein heikles Gespräch vertieft schien, während Timmie, den Petra zuvor gar nicht bemerkt hatte, mit gesenktem Blick neben ihnen stand und mit dem Fuß lustlos in den Holzschnitzeln auf dem Boden herumstocherte.

„Wenn du ein Kind misshandeln würdest, wo würdest du es tun?“

Olaf schnaubte empört auf. „Was zum – was denkst du eigentlich, wer du bist, hm? Du spinnst doch! Hast seit Monaten nicht das Haus verlassen, und denkst, du könntest jetzt wie eine Spinnerin herumrennen, und alle mit deinem Wahnsinn anstecken!“

Petras Augen zuckten manisch. Ein Grinsen verzog ihre Lippen zur Grimasse. „Ich bin also die Verrückte, klar, klar...“, murmelte sie leise vor sich hin. Olaf begann erneut, über sie herzuziehen, doch seine Worte rückten für Petra schnell in die unhörbare Ferne. Stattdessen wandten sich ihre Sinne Tina zu, die mit traurigem, abwesendem Blick Timmie zusah, als bekomme sie vom Streit ihres Mannes direkt neben ihr rein gar nichts mit.

Welche Frau ignoriert solch ein Verhalten ihres Mannes? Welcher Mann versucht zu verhindern, dass ein Kinderschänder verfolgt wird, nur damit er seine Ruhe hat? Welcher Mann mit eigenem Kind sieht einfach zu, und wartet, dass das nächste Kind nicht mehr spricht, nicht mehr isst? Welcher Mann – „Im Wald.“

Petras Kopf schnellte zur Seite. Olli, scheinbar aus seiner Trance erwacht, wartete mit bohrendem Blick auf ihre Antwort. „Wenn“ – er zögerte, atmete tief durch, versuchte es erneut. „Wenn ich ein Kind misshandeln würde, würde ich in den Wald gehen.“

Petra nickte, packte Olli erneut am Arm und eilte mit ihm los. Olaf, der sich noch immer über Petra beschwerte, spürte plötzlich einen Tritt auf den Fuß.

„Hey, was soll das – hat die Spinnerin dich jetzt auch angesteckt?!“ Tinas Augen funkelten. Sie nickte, wandte sich von ihrem Ziegenbock von Mann ab und folgte mit entschlossenen Schritten Olli und Petra. Olaf, kurz verblüfft von seiner Tina, deren Blick er soeben nicht wiedererkannt hatte, brauchte noch einen Moment, dann nahm er seinen Sohn an die Hand und schloss sich widerwillig der Jagd nach Herrn Ebian an, wohlwissend, dass es abgesehen von den Erzählungen zweier verrückter alter Frauen keinerlei Beweise dafür gab, dass wirklich irgendjemand misshandelt worden war – auch nicht Timmie, den vielleicht jemand beobachtet hatte, aber mehr als das war nicht passiert, zumindest nicht seinem Timmie, da war er sich plötzlich ganz sicher.


Kurz vor dem Wald, in dessen Richtung Peter seine Beute erfolgreich getrieben hatte, war er dieser nun so nah, dass ein verirrter, fahler Lichtstrahl, der sich durch die dichter werdenden Bäume stahl, ihn mit einem Mal erkennen ließ, wen er seit Minuten wie ein Wahnsinniger jagte – es war Paul Kleinmann, einer seiner besten Schüler. Paul Kleinmann, den er erst vor ein paar Wochen gegenüber seinem Vater im Elterngespräch so hoch gelobt hatte…von einem Kälteschauer überwältigt, musste Peter innehalten.

Was tust du hier?

Er ließ Paul davonrennen.

Du benimmst dich nicht normal. Du benimmst dich wie ein

Ausgehend von einer plötzlichen Veränderung im Geruch der Luft, sah Peter auf, und musste feststellen, dass es nicht mehr regnete. Ohnehin längst weit entfernt vom Regenbogen, vom Baum, von jeglichen Puzzleteilen des einzigen Motivs, das heute einen Schnappschuss wert gewesen wäre, machte er sich mit einem merkwürdigen Gemisch im Bauch – einer köchelnden Brühe aus Enttäuschung und der leisen Vorahnung, heute etwas Folgenschweres in Gang gesetzt zu haben – auf den Heimweg. Erst, als er schon wieder den Park passierte, erinnerte er sich, dass er beim Soffritto für das Ragout den Sellerie vergessen hatte. Fluchend kehrte er um und eilte in Richtung Innenstadt.


Petra, Olli, ein paar Meter dahinter Tina, Olaf und Timmie, erreichten mit Einbruch der Dämmerung den Waldrand. Auf dem nassen Waldboden unter einer alten Kastanie in sich versunken, entdeckte Olli vor den anderen seinen Paul, seinen Starspieler, sein ein und alles.

„Paul, verdammt, was machst du denn für Sachen?!“, rannte er in seine Richtung und ging vor ihm auf die Knie, rüttelte ihn an den Schultern, wartete, hin- und hergerissen zwischen Wut und Erleichterung, mit flehendem Blick darauf, dass sein Sohn zu ihm aufsah. Paul reagierte nicht. Erst als Olli mit beiden Händen sein Gesicht umfasste, hob Paul seinen Blick – doch alles, was Olli in den Augen seines Sohnes finden konnte, war stille Abwesenheit, der Rückzug in sich selbst, vor sich selbst und allen anderen.

Es war der Anblick der Ohnmacht dieses Vaters gegenüber seinem eigenen Sohn, der Petra sofort umkehren ließ. Sie brauchte keine Beweise, um zu wissen, warum Paul nicht sprach; warum er durch seinen Vater hindurchsah, in Richtung eines Ortes, der nicht existierte, an dem er sicher war; an dem das, was ihm angetan worden war, umgekehrt werden konnte. Petra brauchte keine sichtbaren Spuren von Gewalt, um zu wissen, dass der Kinderschänder nicht nur ein Stalker war, und er weiterhin unter ihnen weilte; dass er noch immer zwischen Innenstadt und ihrem beschaulichen Vorort seine Runden drehte, und gierig darauf lauerte, dass gestresste, abgelenkte Eltern ihre Kinder auch nur für einen Atemzug aus den Augen ließen. Mit pochendem Herzen und einem trockenen Ekel in der Kehle eilte sie nach Hause zu ihren beiden kostbaren Jüngsten, diesen hilflosen Kreaturen, die womöglich längst im Visier einer düsteren Gestalt hinter dem viel zu offenbarenden Küchenfenster zappelten.

Nachdem er eine Weile Petra hinterhergesehen hatte, versuchte ein zerrütteter Olli aufs Neue, auf seinen nicht wiederzuerkennenden Paul einzureden; irgendetwas aus ihm herauszubekommen, das seine schlimmsten Ängste beschwichtigen könnt – Paul aber blieb verriegelt. In die Lehre starrend, spürte Olli eine Hand auf seiner Schulter. Gereizt fuhr er herum. Tina erschrak; dennoch ließ sie nicht von ihrem Hilfeversuch ab, und erklärte Olli sanft, dass er nicht allein sei, dass sie alle zusammenhalten müssten, um den Täter zu finden, und ihren Kindern dabei zu helfen, zu heilen, sich wieder jener Welt zu öffnen, die sie hintergangen hatte. Olli wimmelte sie ab. „Was zur Hölle erzählst du da, du Spinnerin?!“, fauchte er sie an, und ignorierte dabei Olaf, der drohend seinen Zeigefinger hob. „Paul ist einfach müde, vom Spiel – stimmt’s, Kumpel?“ Er klopfte Paul auf die Schulter, dieser sah mechanisch zu ihm auf, nickte benommen, und starrte erneut ein tiefes schwarzes Loch in den Waldboden.

Olli grinste gezwungen in Richtung Tina. „Siehst du? Alles wie immer.“

Olaf schüttelte den Kopf, Tina lächelte traurig. „Olli, ich weiß, es ist hart zu akzeptieren, aber bei Timmie war es genauso – erst die Gerüchte, dann Timmies Erzählung, das kann nicht einfach“ – „Kümmere du dich um dein Kind und lass meins verdammt nochmal in Ruhe.“

Olli zerrte Paul nach oben. „Komm, wir gehen.“

Tina und Olaf sahen einander wortlos an; Olaf gereizt, Tina verzweifelt. Gemeinsam blickten sie nach unten zu ihrem Timmie, der in der Zwischenzeit unbemerkt Pauls Platz auf dem Waldboden eingenommen hatte. Zu Tinas Entsetzen sprach Timmie von dort aus seinen ersten Satz des Tages: „Vielleicht hat Paul auch den komischen Mann getroffen.“

Olaf winkte ab. „Unsinn. Den komischen Mann hast du dir eingebildet.“ Er reichte seinem Sohn die Hand, ignorierte den perplexen Blick seiner Frau und meinte in plötzlich fast jovialem Tonfall: „Ich geh noch schnell mal pinkeln, dann geht’s nach Hause und gibt’s heiße Schokolade. Ja?“

Ohne auf eine Antwort zu warten, ließ er Frau und Kind allein. Seit einer halben Stunde mit voller Blase, erleichterte er sich mit geschlossenen Augen zwischen zwei Tannen. Als er seine Augen wieder öffnete, starrten aus etwa drei Meter Entfernung zwei leuchtende Augapfel aus einer schwarzen Maske hervor in seine Richtung. Olaf hielt kurz inne, dann verwies er den maskierten Mann mit einem subtilen Kopfnicken in die Untiefen des Waldes, schüttelte lässig die verbliebenen Tropfen Urin von seinem Glied, und kehrte zurück zu seiner Familie, um in der warmen Obhut ihres Zuhauses diesen missratenen Sonntag versöhnlich ausklingen zu lassen.


V – Hinterlassene Spuren

Der nächste Morgen.


Petra sitzt in der Morgendämmerung allein am gedeckten Frühstückstisch.
Ein weiterer Montag. Nach über dreißig Jahren wird dieser graue Herbsttag dem Montag endlich eine neue Bedeutung geben. Montag wird ab sofort der Tag sein, an dem sie sich daran erinnern kann, wie durch ihre Hilfe eines der vielen Monster dort draußen gefasst und für immer hinter Gitter gesperrt wird.


Ein paar Häuser weiter verabschiedet sich Timmies Vater von Frau und Sohn. Auf dem Weg zur Arbeit stoppt er an einer Müllhalde und lässt eine kleine, desinfizierte Handkamera inmitten der Millionen Einzelteile eines Abfallbergs verschwinden.


In ihrer Wohnung nahe des Sportplatzes, welche Olli nach dem Verrat seiner Frau mit seinem Paul bezogen hat, frühstücken die beiden stumm. Nach dem Spülen versucht der Vater aufs Neue, mit seinem verstörten Sohn zu sprechen. Paul bleibt verriegelt.
Der Trainer rollt einen Ball in Richtung des Fußes seines Starspielers, der Fuß zeigt keine Regung, der Ball prallt ab.


Unwissentlich beobachtet von Petra auf deren Balkon, klingelt Gabriela, die länger als sonst im Krankenhaus bleiben musste, an der Tür ihrer und Peters Wohnung. Peter erwacht aus seinem Halbschlaf, öffnet ihr verträumt. Sie riecht die Lasagne, grinst, küsst ihn liebevoll.

Wir haben wirklich Glück gehabt, einander zu finden. Das sollten wir nicht wegwerfen. Für nichts und niemanden.

„Du bist der beste.“

„Ich gebe mein bestes.“

„Ich weiß.“

Die Polizei fährt vor. Peters Augen füllen sich mit Panik. Gabriela dreht sich um zum blaugelben Auto, wendet sich zurück an ihren Partner, ihren Liebhaber, ihren besten Freund, den Vater ihrer ungeborenen Kinder. Sie schüttelt den Kopf, Peters Lippe erbebt. Er wendet sich von ihr ab und eilt ins Haus.
Überall sucht er seine Kamera.

Sie dürfen sie nicht finden. Die Bilder sind privat.

Während zwei Polizisten aus dem Auto steigen – einer davon der protzige Nachbar, den Peter besonders wenig ausstehen kann – jagt Gabriela Peter hinterher. Was ist los, fragt sie, was ist passiert, was hast du getan, wieso tust du mir das an – Peter hört die Worte, doch versteht sie nicht. Er kann nichts hören, nichts spüren, an nichts denken, außer daran, seine Kamera zu finden, bevor diese Schweine alles zerstören, wofür er und seine Gabriela die letzten Jahre gearbeitet haben.


Als sei gegenüber nichts Außergewöhnliches im Gange: Petra und ihre Familie seelenruhig beim Frühstück. Es ist der erste Tag nach all den Monaten, an dem der Mittlere und die Älteste wieder Präsenzunterricht haben. Petras Mann steht auf, um die beiden zur Schule zu bringen, als Petra niesen muss.

„Corona, Corona!“, schreien die Kinder, ihr Vater weist sie zurecht, dass sie über so etwas keine Witze machen sollten.

Petra schnüffelt, muss erneut niesen. Sie steht auf, geht zu ihrem Mann, schnüffelt an seinem Haar. „Schatz, du riechst – nach Kastanien…“

Ihr Mann runzelt die Stirn. „Kastanien?“

Ein paar Sekunden lang starren sei einander wortlos an. Petra sucht in seinen Augen nach einer Antwort, doch findet nichts, außer einer weiß-braun-schwarzen Mauer. Nur jemand, der etwas zu verbergen hat, errichtet solche Mauern.

„Da fällt mir ein, das Meeting wurde eine halbe Stunde nach vorne geschoben – Luis, Anna, kommt – ich darf nicht zu spät sein.“

Zu spät. Zu spät.

„Ach so, jetzt fällt es mir wieder ein“, wendet ihr Mann sich wieder an Petra, „ich habe beim Spaziergang gestern spontan Kastanien gesammelt – im Ofen mit ein bisschen Honig sind die bestimmt superlecker.“

Er gibt ihr einen Kuss, und spürt, wie dieser nicht erwidert wird.

„Tom – wie lange sind wir jetzt verheiratet?“

„Neunzehn – was meinst du, Petra?“

„Du weist genau, dass ich gegen Kastanien allergisch bin.“

Das Lächeln ihres Mannes weicht langsam von seinen Lippen. Sein Blick verändert sich. Petra sieht die weiß-braun-schwarze Mauer fallen, und erkennt das rohe, nackte Fleisch unter der Maske.


Peter, in Handschellen, wird von den Polizisten ins Auto gepfercht.

Sie haben die Kamera. Warum hast du nicht alle Bilder auf die Festplatte verschoben. Warum nur die, die dir am besten gefallen haben…

Gabriela starrt kopfschüttelnd von der Türschwelle aus in Richtung des blaugelben Autos. Tränen bilden sich auf ihrer Netzhaut, doch weigern sich, zu fließen. Ihr verschwommener Blick schaut durch alles hindurch, irgendwo hin, wo alles still ist, alles körperlos schwebt, ohne morgen, ohne gestern.

Der protzige Polizist am Steuer will gerade losfahren, als er einen Anruf bekommt.

Gabriela beobachtet, ohne zu sehen, wie der Blick des Polizisten von ihrer und Peters Wohnung hin zum Haus mit dem Balkon gegenüber schweift. Sie versucht, sich zu erinnern, wer in diesem Haus wohnt, doch im Ordner „Unser Zuhause“ auf ihrer Festplatte sind alle Daten bereits unwiderruflich gelöscht, auch die der Nachbarn.

Der Polizist auf dem Beifahrersitz betrachtet Peter hin- und hergerissen.

Peter, verwirrt, schaut fragend. Die beiden Polizisten geleiten ihn aus dem Auto zurück zu seiner Wohnungstür.

„Entschuldigen Sie. Sie waren wohl der Falsche.“

Gabriela beginnt starr und still zu weinen. Peter will ihr um den Hals fallen, sie weicht zurück und schiebt ihn durch den Türrahmen hinein in die Sicherheit. Ein verächtlicher Blick in Richtung der Bullenschweine, dann wendet sie sich von ihnen ab. „Kennt ihr die Familie dort drüben?“, hakt einer der Polizisten hastig nach. Gabriela schlägt die Tür zu.


Peter, mit Teller im Schoß zitternd auf der Couch im Wohnzimmer, neben sich seine Kamera. Gabriela geht in die Küche, um die Lasagne zu holen.
Peter beruhigt seinen Atem.

Ich habe nur die Bilder gemacht. Dieselben Bilder wie immer. Gesichter, Lichter, Schatten. Dieselben Bilder wie immer.

Gabriela, mit der dampfenden Lasagne in der Hand starr in seine Richtung blickend, hält auf der Schwelle zum Wohnzimmer inne.

Peter sieht verwundert zu ihr auf. Hast du das gerade laut gesagt?

Während sie zum ersten Mal das rohe, nackte Fleisch unter seine Maske zu erblicken glaubt, registrieren seine Augen mit einem Mal das grelle Morgenlicht, welches durch das große Wohnzimmerfenster nur ihre linke Gesichtshälfte sowie den von der Lasagne-Form aufsteigenden Dampf erhellt.
Peters rechte Hand greift wie von allein nach seiner Kamera, führt sie nach oben, richtet sie auf die nur für ihn zusammengesetzte Komposition aus Licht, Schatten, Dampf und den zarten Zügen seiner Liebhaberin und Muse, seiner besten Freundin und zukünftigen Frau, der Mutter seiner ungeborenen Kinder. Plötzlich von Schwindel befallen, wagt Gabriela wankend den nächsten Schritt hinein ins Wohnzimmer. All ihre Sinne darauf fokussiert, zu verhindern, dass die schwere, heiße Lasagnenform ihr aus den Fingern rutscht, welche langsam taub werden, sieht sie verschwommen durch den Dampf hindurch, wie Peter ruckartig seine freie Hand hebt – mehr zu sich als zu ihr, meint er mit einer Stimme, die sie noch nie gehört hat: „Halte still, mein Kind. Halte still.“

 
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Der Keim kommender, verstörender Vorfälle begann an einem warmen Sonntagnachmittag im Herbst zu sprießen.

Hallo,

warum sollte ich noch weiterlesen, wenn mir eigentlich schon alles im ersten Satz verraten wird?

Peter verabschiedete sich an jenem warmen Sonntagnachmittag mit hektischer Zuneigung von seiner Freundin Gabriela, die wie jedes Wochenende zur Nachtschicht ins Krankenhaus musste.
Hektische Zuneigung - wie darf ich mir das vorstellen? Also, nach mehreren langen Absätzen geht es da irgendwie los mit Action. Da bin ich aber schon fast eingeschlafen.
Es geschah selten, dass seine Subjekte, die Farben und Formen ihrer Umgebung, und das natürliche, sie umspielende Licht, dermaßen perfekt harmonierten, dass ihr Einklang seine Hände wie von selbst machen ließ, ohne dass er denken, oder gar ein zweites Mal hinsehen musste. Heute, das verstand er schnell, war endlich wieder solch ein Tag. Allein das Fokussieren der frühabendlichen Sonnenreflektionen auf dem grell glänzenden Edelstahl genügte, um die Kinder als dunkle Silhouetten erscheinen zu lassen, und die vollen Bäume im Hintergrund als lauerndes Gebirge, das jederzeit als Lawine über den Kleinen zusammenbrechen könnte.
Ja, da liest man richtig, wie du dir Mühe gegeben hast, aber es liest sich einfach narkotisierend. Um einen Charakter irgendwie plastischer hinzukriegen, müsstest du diesen Charakter bei diesen Beschreibungen zeigen, sie lebendig werden lassen, nicht nur einfach behaupten.

Nach gefühlten zehn Absätzen der erste Dialog. Da bin ich schon ausgestiegen. Da ist keinerlei Geheimnis, keinerlei Dynamik, keinerlei Verführung, nur umständliche Beschreibungen.

„Ist das denn eine spezielle Kamera?“
Das wäre mein erster Satz. Alles, was du vorher schreibst, könntest du ab hier in geschickten Dialogen zeigen.

Zu lang, zu viel, und den falschen Einstieg gewählt meiner Meinung nach. Ich hab es auch nicht zuende gelesen, nur überflogen, und im Großen und Ganzen ist es more of the same.

Gruss, Jimmy

 
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Hallo @paulhoban98 ,

gerade der Bereich Krimi/Thriller wird regelmäßig mit Neuerscheinungen bedient, unter anderem von Fließbandautor Sebastian Fitzek.

Du hast in deine Geschichte spürbar Arbeit investiert, aber es ist halt schwierig, mit einem Text aus der fast unendlichen Masse dieses Genres hervorzustechen. mMn gelingt dir das schon mit dem Titel nicht. Es ist nur ein weiterer Standardtitel, der zB in einer Buchhandlung kaum Aufmerksamkeit finden würde. Ich finde ebenfalls den Aufbau für eine Kurzgeschichte zu gemächlich und mit Details versehen, die für eine spannende Krimihandlung nicht notwendig sind.

Da fehlt also mE etwas zu Beginn, das die Leser zum Weiterlesen bringt. Den ersten Satz würde übrigens auch ich weglassen.

Aber das sind ja Punkte an denen du arbeiten könntest, sofern du daran interessiert bist.

Viele Grüße,
Rob

 
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Hallo @Rob F , danke für dein Feedback. Ich glaube ich habe einen Fehler gemacht, die Geschichte als Krimi zu kategorisieren. Fitzek zumindest war nicht meine angedachte Kategorie. Mir geht es in der Geschichte eher um Obsession, Schuld, stumme Mittäterschaft, das Gesamtbild eines kleinen Orts, in dem vieles leicht vertuscht werden kann. Für diese Dinge erschien mir Psychologie wichtiger als Plot, aber ich verstehe, dass womöglich gerade durch die Kategorisierung als Krimi Erwartungen entstanden sind, die dann enttäuscht wurden.

Tatsächlich dachte ich, der erste Satz würde zum Weiterlesen anregen (und dies war auch erstmal die Reaktion derjenigen in meinem privaten Kreis, denen ich die Geschichte zu lesen gegeben habe). Da du und @jimmysalaryman jedoch deutlich anderer Meinung seid, scheint dem nicht zu sein.

Womöglich muss ich mich intensiver mit der Struktur von Kurzgeschichten beschäftigen. Sowohl beim Lesen als auch beim Schreiben habe ich mich lange auf deutlich extensivere Formate fokussiert, das macht sich dann wohl hier negativ bemerkbar.

Aber das sind ja Punkte an denen du arbeiten könntest, sofern du daran interessiert bist.
Ich werde definitiv daran arbeiten. Dass ich nicht daran interessiert sein könnte, entnimmst du wohl meiner Antwort auf @jimmysalaryman s Feedback. Ich muss zugeben: da war ich einfach etwas muffig (und unterwegs, weshalb ich vielleicht überschnell geantwortet habe), da ich trotz einiger konstruktiver Kritikpunkte das Feedback als Ganzes doch als etwas herablassend empfunden habe, gerade weil die Geschichte nicht einmal zu Ende gelesen wurde, und alles einfach mit einer abfälligen Handbewegung abgetan. Wahrscheinlich muss ich mir einfach eine dickere Haut aneignen.

Danke für deine Zeit und schönen Abend dir.
Liebe Grüße,
Paul

 
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Hallo @paulhoban98 ,

nicht nur durch die Kategorisierung, sondern auch durch den Titel und den ersten Satz kann die Geschichte schon einen Eindruck hinterlassen, der dann gar nicht dem entspricht, was du erzählen wolltest. Wie du ja geantwortet hast, man liest dann alles weitere auch in dieser Erwartung.

Noch mal zum ersten Satz: Wahrscheinlich ist es eine Gratwanderung, so etwas kann neugierig machen, weil man wissen will, was im Detail passiert und dazu führt. Oder halt das Gegenteil: Ich bekomme schon direkt zu Beginn gesagt, dass es zu verstörenden Vorfällen kommt und möchte die Details gar nicht mehr wissen. Daher sind je nach Lesegeschmack die Feedbacks hierzu wahrscheinlich sehr unterschiedlich.

Soweit noch als Ergänzung, viele Grüße,
Rob

 
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Hallo Rob,

Ja, das leuchtet mir jetzt durchaus ein (obwohl der Titel für mich dennoch irgendwie weiterhin ganz gut rüberbringt, was ich hier erzählen will).

Zu dem ersten Satz: meinst du ohne den Zusatz "verstörend" wäre dies anders, oder geht es vielmehr um die Ankündigung im Allgemeinen?

Vielen Dank für die Ergänzung.

 
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Zu dem ersten Satz: meinst du ohne den Zusatz "verstörend" wäre dies anders, oder geht es vielmehr um die Ankündigung im Allgemeinen?
Ohne das Wort "verstörende" fände ich es schon deutlich besser, aber ich würde den ersten Satz vollständig weglassen. Was passiert und wann es beginnt wird den Lesern ja im Verlauf der Handlung nach und nach deutlich.

 
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Ich muss zugeben: da war ich einfach etwas muffig (und unterwegs, weshalb ich vielleicht überschnell geantwortet habe), da ich trotz einiger konstruktiver Kritikpunkte das Feedback als Ganzes doch als etwas herablassend empfunden habe, gerade weil die Geschichte nicht einmal zu Ende gelesen wurde, und alles einfach mit einer abfälligen Handbewegung abgetan.
Das ist so nicht ganz richtig. Da waren auch konkrete Fragen bei, aber du hast eben einfach nicht geantwortet, bzw bist emotional geworden. Ich habe dir fast wortwörtlich einen ähnlichen Kommentar und einem deiner älteren Texte geschrieben ... dann schreibst du in deinem Profil, du machst einen MA in Filmwissenschaften und überarbeitest deinen Roman, Kurzgeschichten nur so nebenbei ... da erwarte ich dann einfach etwas mehr, als das, was du hier angeboten hast. Understatement geht anders.

Gruss, Jimmy

 
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Hallo Jimmy.

Ich habe ja erwähnt, dass du auch konstruktiv kritisiert hast. Diese Kritik werde ich auch versuchen, umzusetzen. Nur hier, ebenso wie letztes Mal, geht damit bei dir ein negativer Rundumschlag einher, den ich einfach etwas unnötig finde. Letztes Mal war es, dass ich alles falsch gemacht habe, was man nur falsch machen kann. Dieses Mal war alles genauso narkotisierend wie der Einstieg, obwohl du ja gar nicht zu Ende gelesen hast. Das ist mir einfach etwas übel aufgestoßen. Klar, meine Reaktion war (und ist) vielleicht emotional, und das muss ich in Zukunft ändern. Ganz unberechtigt fand (und finde) ich diese Emotion aber nicht.

Bezüglich des Understatements: meinst du die Beschreibung meines Profils? Ich beschreibe da einfach was ich momentan so mache. Verstehe nicht, wieso ich das hier nicht erwähnen sollte. Dachte, die Beschreibung sei dafür gedacht. Vielleicht habe ich das falsch verstanden.

Dass du mehr von mir erwartet hast, hat vielleicht mehr mit dir selbst zu tun, als mit mir. Ich bin 24 und mir bewusst, dass ich noch am Anfang stehe - senkt das deine Erwartungen? Ich habe deine Geschichten kurz überflogen (wenn ich mehr Zeit habe lese ich sie vielleicht richtig), scheint ein ganz anderer Stil als meiner. Trotzdem scheint es mir nicht nötig, nur weil man ein paar Veröffentlichungen hat, auf andere mit weniger Erfahrung herabzublicken. Dieses von oben Herabblicken, was auch in dieser Antwort von dir wieder bemerkbar ist, weil du dir scheinbar nicht verkneifen kannst, mir Selbstüberschätzung zu attestieren, obwohl du mich gar nicht kennst, relativiert leider ein wenig die konstruktive Kritik.

Ich habe hier in diesem Forum erst ein paar Feedbacks erhalten, und ein paar Austausche verfolgt, aber bei keinem anderen habe ich diesen herablassenden Ton empfunden.

Gruß,
Paul

 
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Ich habe hier in diesem Forum erst ein paar Feedbacks erhalten, und ein paar Austausche verfolgt, aber bei keinem anderen habe ich diesen herablassenden Ton empfunden.
Wo ist der herablassend? Der ist vielleicht etwas kärger ausgefallen und schmiert einem keinen Honig um den Mund. Aber es ist nun mal, wie es ist. Ich werde nie persönlich, sondern bleibe am Text.
Trotzdem scheint es mir nicht nötig, nur weil man ein paar Veröffentlichungen hat, auf andere mit weniger Erfahrung herabzublicken
Wo tue ich das?

 
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Honig um den Mund will ich ja gar nicht.

warum sollte ich noch weiterlesen, wenn mir eigentlich schon alles im ersten Satz verraten wird?
Um zu erfahren was wie passiert. Dir wird nichts Spezifisches gesagt. Auch bei Romeo und Julia weiß man ja a Anfang alles, was passieren wird (ich weiß, anmaßender und anachronstischer Vergleich). Das Feedback mit so einem Satz zu beginnen, suggeriert mir, dass du eigentlich kein Intetesse hast.

Nach gefühlten zehn Absätzen der erste Dialog. Da bin ich schon ausgestiegen
Seit wann braucht eine Kurzgeschichte überhaupt Dialog? Es gibt etliche ohne, bzw. in denen er nicht das A und O ist. Du erwartest etwas bestimmtes, und wenn das nicht kommt, steigst du direkt aus.

dann schreibst du in deinem Profil, du machst einen MA in Filmwissenschaften und überarbeitest deinen Roman, Kurzgeschichten nur so nebenbei ... da erwarte ich dann einfach etwas mehr, als das, was du hier angeboten hast. Understatement geht anders.
Das finde ich schon persönlich. Hast dir sogar die Mühe gemacht, meine Bio zu studieren, nur um deine Enttäuschung rhetorisch unterfüttern zu können.

Mein Punkt ist einfach, dass dein Feedback, im Gegensatz zu anderen, die ich bisher in diesem Forum gelesen habe, suggeriert hast, dass du eigentlich kein Bock hast, es dich eigentlich nicht interessiert. Ist ja an sich ok, wir alle haben begrenze Zeit. Trotzdem finde ich, man kann das dann mal ansprechen. Falls ich dir mit dieser Unterstellung Unrecht tue, tut mir das Leid.

Vielleicht bin ich durch die Uni auch einfach formelleres Feedback gewöhnt. Mag sein, dass formell in dem Fall auch meint, dass die Kritiken oft direkter, härter sein sollten oder sogar müssten.

Ich weiß ja jetzt bei deinem nächsten Feedback, was mich erwartet. Werde dann weniger emotional sein und versuchen, besser anzunehmen und zuzuhören, bevor ich antworte. Versprochen.

 
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Das finde ich schon persönlich.
Das war allerdings aus meinem zweiten Kommentar.

Um zu erfahren was wie passiert.
Dafür müsste aber der Anfang reinsaugen, und das tut er nicht. Es ist auch nur eine Einzelmeinung; du kannst auch sagen, Hör mal zu Depp, ich will das aber so haben und genauso mache ich es auch. In der Liebe und im Krieg ist ja alles erlaubt. Ich würde deinen Text weiterlesen, wenn er nicht so einen lahmen Anfang hätte, ich habe dir begründet, dass es für mich an mangelnder Action liegt und dir sogar mitgeteilt, wo man vielleicht eher anfangen sollte/könnte. Damit kann man schon arbeiten, finde ich. Und natürlich kommentiert jeder unter seinen eigenen Gesichtspunkten, das ist ja vollkommen normal.

 
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15.12.2020
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24

Okay, verstehe. Ich werde damit arbeiten. Wünsche dir einen schönen Abend.

 

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