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Heimsuchung

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10.07.2007
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Heimsuchung

Ich habe mein Zeitgefühl verloren. Ich weiß nicht genau, wie lange es jetzt schon so geht, ich weiß nur, dass ich bald nicht mehr kann. Ich werde den Verstand verlieren, falls das nicht längst passiert ist. Ich habe nie daran geglaubt, dass es so etwas wie ein Leben nach dem Tod gibt. Jetzt weiß ich es besser. Claudia war immer die Klügere von uns beiden, und sie hat mir wieder mal gezeigt, dass ich mich geirrt habe.
Die meisten Leute halten Geschichten, in denen das Band zwischen zwei Liebenden über den Tod hinaus besteht, für romantisch. Aber das ist nicht romantisch. Es ist grauenhaft.

Das erste Mal passierte es am Tag nach der Beerdigung.
Da ging es mir wirklich dreckig. Wir sind weiß Gott kein Traumpaar gewesen, Claudia und ich, aber nachdem es passiert war, da wurde mir klar, dass ich sie geliebt habe. Ich war nie gut darin, es zu zeigen, aber wahrscheinlich war sie sogar der einzige Mensch, den ich je wirklich geliebt habe.
Ich vermisste sie so sehr, dass es schmerzte.
Es war kalt im Haus. Kälter konnte ein Grab auch nicht sein. Und einsam – ich hatte nicht gewusst, dass man sich so gottverdammt einsam fühlen kann.
Seit Tagen war es jetzt schon so, ich begann mich an das Elend zu gewöhnen. Ich hing nur herum, unfähig, das Haus zu verlassen, unfähig, irgendetwas zu unternehmen. Es gab nur noch einen einzigen Gedanken: Du hast einen Fehler gemacht, und nichts in der Welt kann ihn rückgängig machen. Jetzt hast du Claudia für immer verloren. Und es ist allein deine Schuld.
Ich konnte noch nicht einmal weinen.
An Schlaf war ebenfalls nicht zu denken. Doch wenn ich lange genug durch das Haus wanderte und an die alten Zeiten dachte, an unsere guten Zeiten, fiel ich nach und nach in einen Dämmerzustand, in dem ich mich weniger unglücklich fühlte.
Aber als ich dann das Geräusch hörte, war ich mit einem Schlag hellwach.
Die Tür. Natürlich hätte es der Wind sein können, aber ich war sicher, dass sie abgeschlossen gewesen war. Jemand war unten im Haus!
Ich hatte so lange keine Menschenseele mehr gesehen, mit niemandem mehr geredet ... Im Grunde war ich, seit es passiert war, nur damit beschäftigt gewesen, vor mich hin zu leiden und Claudia zu vermissen.
Wer konnte das sein? Ein Freund, sagte ich mir, irgendeiner unserer Freunde, der hier noch mal nach dem Rechten sehen wollte. Aber eigentlich wusste ich es schon besser. Ich hatte die Schritte gehört. Es waren Claudias Schritte. Sie hatte so eine besondere Art zu gehen.

Natürlich begriff ich es nicht. Niemand könnte das begreifen. Ich glaube, insgeheim gehen wir alle davon aus, dass nach dem Tod Schluss ist, selbst die Leute, die sich religiös geben. In Wirklichkeit würde niemand so etwas wahr haben wollen.
Ich verstand nicht, was vorging, und im Moment gab ich mir auch gar keine Mühe, es zu verstehen. Ich wusste nicht, wie das hier möglich war. Ich wusste nur, was es bedeutete.
Es klang seltsam hohl, verzerrt und weit entfernt. Ein Geräusch aus einer anderen Welt. Aber das Klappern ihrer Absätze hätte ich jederzeit erkannt. Sie war zurück!
Ich stürzte aus dem Zimmer. Für einen Augenblick hatte ich wirklich vergessen, was passiert war. Ich war sicher, alles würde wieder sein wie früher, wenn ich die Treppe herunter liefe, und alles würde wieder gut werden, wenn ich sie in die Arme nähme.
Dann begann das Weinen.
Es war leise, aber trotzdem nicht zu überhören. Und es machte mir unmissverständlich klar, dass nichts wieder gut werden würde.
Es klang unwirklich und hohl, genau wie die Schritte davor. Trotzdem war es das schlimmste Geräusch, das ich je gehört habe. Du kannst das nicht hören, dachte ich. Es ist unmöglich. Das muss ein Alptraum sein. Es muss einfach.
Aber ich wusste verdammt genau, dass es kein Alptraum war.
Das Weinen wurde lauter.
Ich wollte die Treppe hinunter, wirklich. Ich wollte nachsehen, ich wollte ihr irgendwie helfen ... Aber ich konnte dieses Geräusch einfach nicht ertragen. Es klang so verzweifelt, so hoffnungslos – so konnte nur ein Mensch klingen, der durch die Hölle ging. Und dieser Mensch war meine Claudia.
Aber ich war derjenige, der das Gefühl hatte, in Flammen zu stehen. Es war meine Schuld. Sie litt meinetwegen. Und meinetwegen war sie hierher zurückgekehrt, in das Haus wo es passiert war.
Anstatt die Treppe hinunter zu gehen, flüchtete ich ins hinterste Zimmer, um dem Weinen zu entkommen. Ich kauerte mich in eine Ecke, als müsste ich mich vor jemandem verstecken. Am liebsten hätte ich meinen Kopf unter eine Decke gesteckt, wie ein kleiner Junge, der sich nachts vor dem Monster unter seinem Bett fürchtet. Aber das hätte auch nichts geholfen. Das Weinen war im ganzen Haus zu hören. Es war überall.
Plötzlich wollte ich nur noch hier raus. Aber ich konnte mich nicht rühren. Um nichts in der Welt hätte ich da runter gekonnt, an dem Weinen vorbei.
Ich weiß nicht, wie lange es dauerte. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor, aber in Wahrheit waren es vielleicht nur ein paar Minuten. Jedenfalls ebbte das Schluchzen irgendwann ab. Die Stille danach war mir noch unheimlicher.
Ich hatte Angst, ohne zu wissen, warum eigentlich. Natürlich war das hier nicht rational zu erklären, und solche Dinge sind immer unheimlich. Natürlich sollte ich Claudia nicht hören können, natürlich sollte so etwas nach allem, was man zu wissen glaubte, nicht passieren. Aber sie würde mir ja schließlich trotz allem nichts tun können. Ich war nicht in Gefahr.
Trotzdem brauchte ich lange, um aus meiner Starre herauszufinden. Ich war gerade so weit, dass ich glaubte, ich könnte es wagen, das Zimmer zu verlassen, da krachte es unten.
Ich zuckte zusammen. Alles in mir strebte in die Ecke zurück ... aus irgendeinem Grund erschien sie mir sicher. Kurz darauf waren noch einmal Claudias Schritte zu hören, hohl und verzerrt wie zuvor. Und dann hörte ich die Tür ins Schloss fallen.
Ich blieb die ganze Nacht in meiner Ecke hocken. Als ich mich schließlich doch die Treppe herunter wagte, dämmerte der Morgen.

Ich sah sofort, warum es gekracht hatte. Das gerahmte Foto von uns beiden, das auf der Kommode gestanden hatte, lag am Boden. Überall glänzten Glassplitter.
Das war Claudia, dachte ich. Sie war wütend.
Mir war eiskalt. Ich wollte es aufheben, das Glas wegräumen. Aber ich konnte nicht.
Sie war wütend, als sie das Bild gesehen hat.
Auf dem Foto lächelten wir beide bescheuert und glücklich. Es war aufgenommen worden, bevor unsere Probleme begonnen hatten. Ich wandte den Blick ab und ließ mich aufs Sofa fallen. Sah in die andere Richtung, weg von dem Bild. Und gefror innerlich.
Dort gab es etwas viel Schlimmeres zu sehen.
Blut. Das Blut war wieder da.
Unsere Freunde hatten sich soviel Mühe gegeben, den Fleck weg zu bekommen. War eine verdammte Sauerei gewesen, aber sie hatten ganze Arbeit geleistet. Das Blut war nicht mehr zu sehen gewesen. Und ich war ziemlich sicher, dass, wenn in diesem Augenblick jemand anders hier gewesen wäre, der es auch nicht gesehen hätte. Ja, ich war vermutlich der einzige, der es sah. Claudias Besuch hatte es irgendwie zurückgebracht.
Ich hatte keine Tränen mehr, schon lange nicht mehr. Aber jetzt fing ich trotzdem an zu schluchzen. Natürlich hatte ich davon gehört, dass Selbstmörder im Jenseits irgendwie bestraft werden. Und natürlich hatte ich es für Schwachsinn gehalten, so wie jeder diesen Jenseitskram für Schwachsinn hält, außer den Leuten, die auch an Horoskope und Erich von Däniken glauben. Aber nachdem ich Claudias Weinen gehört hatte, und nachdem ich das Blut hier vor mir sah, blieb mir nichts anderes übrig, als daran zu glauben.
Das ist ein Alptraum. Ein einziger, verdammt langer Alptraum. Wenn ich aufwache, wird alles wieder okay sein. Es wird alles wieder gut. Das ist alles nie passiert.
Am Anfang hatte ich das wirklich noch geglaubt. Inzwischen half der Gedanke nicht mehr, denn mittlerweile wusste ich, dass ich nie aufwachen würde. Nein, ich hatte es wirklich getan, nein, ich hatte Claudia wirklich gehört, und nein, das Blut war wirklich da. Kein Alptraum. Und kein Erwachen.

Dieser Doktor Meinert, zu dem wir schließlich zusammen hingegangen sind, war ein wirklich netter Kerl. Immer sehr verständnisvoll. Sogar wenn er fragte: Warum nehmen Sie denn Ihre Tabletten nicht?, war er nett und verständnisvoll. Es war nicht seine Schuld, dass die Therapie nicht gut gelaufen ist. Ich habe ihn gemocht. Er wollte wirklich helfen.
Aber ich würde ihm niemals erzählen können, wie ich Claudia weinen gehört hatte. Auch wenn er immer zu uns gesagt hatte: Sie können mit mir über alles reden.
Nur darüber würde ich nicht mit ihm reden können. Ich glaube, bei Geistern endete selbst sein Verständnis. Dagegen würde er mir nicht helfen können, nicht mit allen Tabletten der Welt. Denn das hier war keine Wahnvorstellung. Ich wusste, dass es wirklich passiert war, dass Claudia dort unten wirklich geweint hatte. Und ich wusste, dass es meine Schuld war.
Ich konnte mit niemandem darüber reden. Konnte es keinem von meinen Freunden erzählen. Ich fragte mich, wie sie reagieren würden, wenn ich ihnen erzählen würde, wie Claudia mich besucht hatte. Dass ich von Claudia heimgesucht wurde.
Keiner von denen ist irgendwie religiös. Die würden das nie im Leben glauben.
Und selbst wenn ich religiöse Freunde hätte ... Hätte sich etwas geändert, wenn ich bei denen aufgetaucht wäre?
Hey Leute, wisst ihr was? Selbstmörder werden wirklich bestraft. Ich weiß es, denn ich habe meine Freundin in unserem alten Haus weinen gehört ... und mich dabei vor lauter Angst und Schuldgefühlen in einer gottverdammten Ecke verkrochen. Und das Blut auf dem Boden ist wieder da ... Könnt ihr da nicht irgendwas machen? Einen Exorzismus vielleicht?
Es war sinnlos, darüber nachzudenken. Ich konnte es niemandem erzählen.

Am zweiten Tag nach der Beerdigung passierte es wieder. Sie kam zurück.
Ich versuchte, rational zu denken. Das ist mir noch nie besonders leicht gefallen, aber ich versuchte es wirklich.
Es gab keinen Grund, Angst zu haben. Ich hatte tausend Gründe, traurig und verzweifelt zu sein, aber Angst war jetzt wirklich unnötig.
Ich hätte mir mehr Sorgen machen sollen, als noch nicht alles zu spät war ... Claudias Vater hat geahnt, dass mit uns alles schief gehen würde, glaube ich. Er hat mal zu mir gesagt, wenn ich seiner kleinen Tochter jemals wehtun sollte, würde er mir die Eier abreißen. Das hätte mir Angst machen sollen, damals, bevor es zu spät war.
Aber als ich ihr dann wirklich wehgetan hatte, da hat er natürlich nichts gemacht. Am Tag der Beerdigung hat er genauso dämlich herumgestanden wie alle anderen auch. Er hat nicht mal was zu mir gesagt, zumindest erinnere ich mich nicht daran.
Nein, es gab keinen Grund mehr, Angst zu haben. Das Schlimmste war schon geschehen.
Trotzdem konnte ich nicht runtergehen, als das Weinen wieder anfing. Es war immer Claudia gewesen, an der ich mich festgehalten hatte, wenn etwas Schreckliches passierte. Es war immer sie, die mir über dunkle Zeiten hinweg geholfen hat.
Jetzt konnte mir niemand mehr helfen.
Ich versteckte mich in derselben Ecke, zitternd, nicht in der Lage, irgendeinen vernünftigen Gedanken zu fassen. Ich musste an all die bescheuerten Geistergeschichten denken, die ich als Kind gelesen oder später bei „Akte X“ gesehen hatte. Wie lange dauerte es wohl, bis man von so etwas wahnsinnig wurde?
Wenn ich es doch nur irgendwie wieder gut machen könnte. Wenn ich ihr sagen könnte, wie leid es mir tut.
Ich wäre wirklich gern nach unten gegangen, um mit ihr zu reden. Aber soweit ich weiß, braucht man dafür ein Medium oder so. Außerdem hatte ich eine Scheißangst – ich wusste, dass das dumm war, aber ich kam nicht dagegen an. Ich rührte mich nicht, wie beim ersten Mal, solange, bis unten nichts mehr zu hören war. Dann beeilte ich mich, nach Spuren von ihr zu suchen.
Das Bild und die Glassplitter waren längst weggeräumt, aber das Blut war noch immer da. Da war nichts zu machen. Wie beim beschissenen Gespenst von Canterville, dachte ich. Mit dem Unterschied, dass ich der einzige war, der es sehen konnte.
Geisterblut.

Es geschah seitdem fast jeden Tag.
Ich konnte mich durch nichts ablenken. Nicht lesen, nicht fernsehen, nicht schlafen, nicht essen. Ich wanderte nur noch durch das Haus und wartete, ob Claudia wiederkommen würde. Ob sie wieder weinen würde. Und sie kam wieder.
Wieder und wieder und wieder.
Und sie weinte jedes Mal. Herzzerreißend. Ich fand nie wieder Dinge, die sie kaputt gemacht hatte, nachdem das Bild verschwunden war, aber ich konnte fühlen, dass sie wütend auf mich war, und dass sie litt.
Ich wünschte mir, tot zu sein ... Nein. Ich wusste ja jetzt, dass es etwas danach gab. Ich wünschte mir, nicht mehr zu existieren.
Ich wollte ihr nicht gegenüber treten.
Ich hatte ihr so wehgetan ... Es war nie leicht gewesen, mit mir zusammenzuleben. Ich liebte sie, aber ich war nie ein einfacher Mensch. Selbst als ich Doktor Meinerts Tabletten noch genommen habe. Aber sie hatte immer Verständnis. Für alles, bis auf diese letzte Sache. Das hat sie nicht verkraftet.
Nein, ich wollte ihr nicht gegenübertreten. Als ich eines Tages schließlich doch nach unten ging, trieb mich die pure Verzweiflung.
Ich hatte einige Nächte mit dem Gedanken an dumme Geschichten verbracht, in denen Geister den Kontakt zu Lebenden suchen, weil sie erlöst werden wollen. Weil die Lebenden ihnen helfen sollten, ihren Frieden zu finden.
Ich hatte solche Geschichten immer für Schwachsinn gehalten und keine Ahnung, wie so etwas funktionieren sollte. Aber ich wusste inzwischen, dass Geschichten über die Existenz von Geistern kein Schwachsinn waren. Vielleicht war ja auch an der Sache mit der Erlösung etwas dran? Wenn ich den Mut aufbrächte, dort runter zu gehen, dorthin, wo das Weinen herkam, dann müsste ich es vielleicht nie wieder ertragen.
Die Angst versuchte, mich zu lähmen, wie jedes Mal bisher, aber ich schaffte es. Ich kam die Treppe herunter. Das Weinen war noch immer so schmerzhaft wie an dem Tag, als ich es das erste Mal gehört hatte, aber ich war fest entschlossen.
Claudia saß auf dem Sofa, den Kopf in die Hände gestützt. Obwohl ich genau in ihrem Blickfeld stand, starrte sie durch mich hindurch. Sie war sehr blass, und ihre wunderschönen Haare, die ich so geliebt hatte, hingen ihr wirr und strähnig ins Gesicht. Und irgendwie war sie ... ein wenig verzerrt. Wie wenn ein Fernseher schlechten Empfang hat. Ich kann es nicht besser beschreiben.
Das letzte Mal hatte ich sie bei der Trauerfeier gesehen. Da war ihr Gesicht so starr wie eine Maske gewesen, hatte kaum Ähnlichkeit mit der Frau gehabt, die ich kannte. Jetzt sah sie wieder aus wie sie selbst, aber ihr Gesicht war so unglaublich traurig. Ich hatte noch nie jemanden so verzweifelt gesehen. Mich selbst hatte ich seit Wochen nicht mehr im Spiegel angeschaut.
Jetzt hatte ich keine Angst mehr, ich hatte nur noch den Wunsch, sie irgendwie zu trösten.
Sie schien mich nicht zu sehen. Irgendwie machte es das leichter. Ich ging auf sie zu und legte ihr die Hand auf die Schulter.
Das heißt, ich versuchte es. Meine Finger glitten durch ihren Körper hindurch wie durch Luft.
Trotzdem richtete sie sich in diesem Moment ruckartig auf, und ich zuckte zurück. Sie starrte in meine Richtung, und für einen Augenblick war ich überzeugt, sie würde mich doch wahrnehmen.
„Wie konntest du mir das antun?“, sagte sie. Es war das erste Mal, dass ich sie wieder etwas sagen hörte. Die Worte waren zweifellos an mich gerichtet, aber sie sprach sie zu der Wand hinter mir. Trotzdem war ich maßlos erschrocken.
„Du hattest kein Recht dazu!“, brachte sie hervor. Sie schien gleich wieder in Weinen ausbrechen zu wollen. Ich wich zurück. „Du egoistischer Scheißkerl!“
Jedes Wort tat mir weh. Weil sie Recht hatte. Ich war ein egoistischer Scheißkerl gewesen. Ja sicher, ich war krank. Aber für das, was ich Claudia angetan hatte, gab es einfach keine Entschuldigung. Psychische Probleme können nicht alles rechtfertigen. Wenn ich nur die verdammten Tabletten genommen und mich etwas zusammengerissen hätte ... wenn ich ihr nicht immerzu diese dämlichen Vorwürfe gemacht hätte ... Wenn ich auf den Doktor gehörte hätte, oder überhaupt auf irgendeinen vernünftigen Menschen ...
„Was hast du dir nur dabei gedacht?“, fragte Claudia die Wand. Und dann fing das Weinen wieder an.
Ich floh so schnell, dass ich kaum mitbekam, wie ich wieder nach oben gelangte. Das Weinen von unten hörte ich natürlich trotzdem.

Wir hätten uns trennen sollen, bevor es zu spät war.
Aber das hat Claudia nicht übers Herz gebracht. Sie war immer zu gut für diese Welt.
„Wir brauchen eine Weile Abstand voneinander.“, hat sie gesagt. „Ich brauche Zeit für mich, um nachzudenken.“
Danach ist sie weggefahren. Sie hat mir nicht gesagt, wohin, oder wie ich sie erreichen könnte. Mindestens vier Wochen, hatte sie gesagt.
Dann wurden immer mehr Wochen daraus. Ich war sicher, sie würde mich verlassen und hätte einen anderen. Ich tat mir selbst so unendlich leid. Dass sie vielleicht auch Probleme hatte, dass es überhaupt möglich sein könnte, dass auch noch jemand anderes unglücklich war als ich selbst – diese Idee ist mir nie gekommen. Ja, verdammt, ich war ein egoistischer Scheißkerl.
Irgendwann zwischen der sechsten und der achten Woche ohne Claudia war ich mir sicher, sie würde nie mehr zu mir zurückkommen. Und da kam ich dann auf die großartige Idee, es ihr heimzuzahlen. Es ihr so richtig zu zeigen. Es ihr so zu geben, dass sie für den Rest ihres Lebens dran zu knabbern hätte. Dass sie nie wieder glücklich werden könnte.

Ich glaube, irgendwann in dieser von Alkohol und Selbstmitleid geschwängerten Phase hatte ich auch den Gedanken, wenn es danach wirklich etwas geben sollte, dann könnte ich Claudia als ruheloser, rachsüchtiger Geist besuchen und ihr das Leben zur Hölle machen.
Wenn das keine Ironie ist.
Ich weiß nicht mehr genau, was ich mir an dem Abend wirklich dabei gedacht habe. Ich war zu betrunken, um noch viel nachzudenken. Ganz zu schweigen von den Schlaftabletten, die ich außerdem genommen hatte. Ich glaube, ich hatte irgendwie gehofft, sie würde aus schlechtem Gewissen eine Romeo-und-Julia-Nummer abziehen und mir nachfolgen.
Aber das hat sie natürlich nicht getan. Sie war ja immer klüger als ich.
Sie kommt immer noch fast jeden Tag hierher. Vielleicht hat ihr jemand gesagt, sie könnte es so besser verarbeiten. Vielleicht glaubt sie auch, es auf diese Weise irgendwann verstehen zu können. Sie sitzt immer auf dem Sofa und starrt auf die Stelle, an der ich gelegen habe, nachdem ich mir die Pulsadern geöffnet hatte, um ganz sicher zu gehen. Sie kann das Blut nicht sehen, aber ich bin sicher, dass es ihretwegen wieder da ist.
Dabei weint sie jedes Mal und fragt sich, wie ich ihr das antun konnte.
Und ich, ich höre sie jedes Mal. Gedämpft, wie alle Geräusche aus der Welt der Lebenden, aber trotzdem kann ich es kaum ertragen. Wenn ich es schaffe, in ihre Nähe zu gehen, dann sehe ich sie auch, obwohl sie immer noch irgendwie verzerrt aussieht. Es muss daran liegen, dass wir in unterschiedlichen Dimensionen oder so was existieren. Ich habe keine Ahnung davon, ich habe diese Geschichten ja nie für voll genommen, bevor ich selbst davon betroffen wurde.
Ich weiß nur, es ist furchtbar, sie so zu sehen. Diese Schuldgefühle sind schlimmer als Sterben. Und ich weiß, wovon ich rede.
Ich bin sicher, dass sie nichts von mir weiß. Vielleicht spürt sie, dass irgendwas hier ist. Vielleicht erschrickt sie deshalb so leicht, wenn ich in der Nähe bin. Aber bestimmt hat sie keine Ahnung davon, dass ich das Haus, in dem ich gestorben bin, nie verlassen habe. Es nicht verlassen kann.
Sie hat keine Ahnung, wie es für mich ist, wenn sie hierher kommt. Sie glaubt wahrscheinlich auch nicht daran, dass Selbstmörder im Jenseits bestraft werden.
Ich kann nur hoffen, dass sie mir irgendwann vergibt. Dass sie mich vergisst und nicht mehr hierher kommt. Dann wird die Heimsuchung ein Ende finden.
Und ich vielleicht meinen Frieden.

 

Hallo Perdita!

Das Fazit vorneweg: Mir hat's gut gefallen! Und: Ich hab's nicht kommen sehen. Sehr geschickt angelegt, das Ganze!

Und schon wissen die Leser, die zuerst die Kritiken lesen, worum's geht ...

Ja, wie gesagt: Diese Heimsuchung hat Spaß gemacht.

Ich fand den Erzähler dann und wann ein wenig zu weh- und selbstmitleidig, aber just an der Stelle, an der ich gesagt hätte "Jetzt reicht's, komm mal aus'm Knick", da kam er aus dem Knick. Gerade nochmal gut gegangen. :)

Die Wende am Ende hast Du richtig geschickt eingeleitet und umgesetzt. Gut, es ist nicht die neueste Idee, aber handwerklich hast Du das Legen von falschen Fährten echt drauf - und deswegen fand ich die Geschichte auch so unterhaltsam. Allein dieser Abschnitt stößt mir im Nachhinein etwas auf:
Hey Leute, wisst ihr was? Selbstmörder werden wirklich bestraft. Ich weiß es, denn ich habe meine Freundin in unserem alten Haus weinen gehört ... und mich dabei vor lauter Angst und Schuldgefühlen in einer gottverdammten Ecke verkrochen. Und das Blut auf dem Boden ist wieder da ... Könnt ihr da nicht irgendwas machen? Einen Exorzismus vielleicht?
Da er ja derjenige welche ist (ich formulier's mal schwammig, damit die "Ich les erst mal die Kritiken"-Leser nicht gleich Lunte riechen), ist der Abschnitt ein wenig über's Ziel hinausgeschossen. In seinem Zustand zu den Freunden zu gehen ... Na, ich weiß nicht.
Ansonsten: Gut umgesetzt!


Noch ein paar Anmerkungen:

Der erste Absatz ist mal ein gelungener Einstieg. Fand ich sehr fein!

Aber das ist nicht romantisch. Es ist grauenhaft.
Das läse sich mit einem "es" glaube ich flüssger.

Und einsam – ich hatte nicht gewusst, dass man sich so gottverdammt allein fühlen kann.
An der Stelle hätte ich das "einsam" wiederholt. Reine Geschmackssache, aber ich fänd's intensiver - trotz oder gerade wegen der Wiederholung.

Für einen Augenblick hatte ich in dem Moment wirklich vergessen, was passiert war.
"In dem Moment" würde ich streichen.

Anstatt die die Treppe runter zu gehen ...
Hm, das "runter" klingt mir ein wenig flapsig. "Hinunter" fänd ich passender.

Ich fragte mich, wie sie reagieren würden, wenn ich ihnen erzählen würde, wie Claudia mich besucht hatte.
Auch wenn's grammatikalisch falsch sein mag: Ich schröbe "wenn ich ihnen erzählte".

Wie beim beschissenen Gespenst von Canterville, dachte ich und musste grinsen.
Gelungene Anspielung! Weniger gelungen finde ich aber diesen abrupten Stimmungswandel. Vielleicht sollte er einfach nicht grinsen dabei. Irgendwie fällt er da aus der Rolle.

Ich wünschte mir, tot zu sein ... Nein. Ich wusste ja jetzt, dass es etwas danach gab. Ich wünschte mir, nicht mehr zu existieren.
Ich wollte ihr nicht gegenüber treten.

Wieder: gut eingeleitet, das Ende. Falsche Fährte gelegt, ohne den Leser so richtig zu belügen. Gefällt mir!

Auch das Erwähnen der Beerdigung fand ich geschickt. Mittendrin hatte ich schon den Verdacht, dass er derjenige welche sein könnte, aber da hatte ich noch ihre Beerdigung im Ohr und verwarf den Gedanken gleich wieder.

Es war nicht so, dass ich die Umgebung durch sie hindurch gesehen hätte oder so. Aber irgendwie schien sie weniger real zu sein als ich.
Hier ist noch eine Stelle, die zu weit geht für meinen Geschmack. Das riecht ein bisschen nach Betrug, denn normalerweise ist das mit der Transparenz ja umgekehrt ...


Das war's von mir. Mir hat's gut gefallen. Besonders das Falsche-Fährte-Legen fand ich gut umgesetzt!

Bis denne,
Fisch

 

Hallo Fischstaebchen!

Mir hat's gut gefallen! Und: Ich hab's nicht kommen sehen. Sehr geschickt angelegt, das Ganze!

Vielen Dank! Das erleichtert mich ungemein, dass die Geschichte bei mindestens einem Leser funktioniert. Ich will sie jemandem zum Geburtstag schenken (ja, manche Menschen freuen sich auch über Horrorgeschichten! :)), und ihr seid jetzt sozusagen das Testpublikum.

Und schon wissen die Leser, die zuerst die Kritiken lesen, worum's geht ...

Was, solche Leser gibt es? Pfui, schämt euch! :)

Ich fand den Erzähler dann und wann ein wenig zu weh- und selbstmitleidig,

Ja, das sollte er auch sein. So ist er auch schon ... äh ... immer gewesen :)

Über deine formalen Anmerkungen denke ich noch nach, ich will noch ein paar Tage warten mit dem Überarbeiten, aber vor dem Verschenken gehe ich auf jeden Fall noch mal drüber.

Das riecht ein bisschen nach Betrug, denn normalerweise ist das mit der Transparenz ja umgekehrt ...

Ja, da hatte ich schon überlegt. Mir erschien es erst irgendwie passend, dass er sowohl Geräusche als auch Personen aus der "anderen Existenzebene", ums mal hochtrabend zu formulieren, irgendwie verschwommen wahrnimmt, aber wahrscheinlich lasse ich das mit dem Transparentsein weg. Dass er sie nicht berühren kann und durch sie hindurch greift, reicht eigentlich und entspricht auch der Tradition :)

Grüße von Perdita

 

Hallo Perdita,

gut geschrieben, allerdings für mich kein "Horror", außer man versteht seinen Zustand selbst als Horror. Für mich fällt unter Horror eher Blut, Angst und Gemetzel :lol:

Auf den Leim gegangen bin ich dir leider nicht, anfangs natürlich aber irgendwie hab ich sehr schnell durchgeblickt - ich kann nicht mal sagen warum...

Aber ich wusste verdammt genau, dass es kein Alptraum war.
Da du vorher schon geschrieben hast "Das muss ein Alptraum sein" würde ich hier eher andere Worte wählen, bspw "..., dass ich nicht schlief".

Anstatt die die Treppe runter zu gehen,
Ein "die" weg.

Inzwischen half der Gedanke nicht mehr, denn inzwischen wusste ich
Das zweite "inzwischen" würde ich durch mittlerweile o.ä. ersetzen.

Weil die Lebenden ihnen helfen sollten, die ihren Frieden zu finden.
Auch hier das "die" weg.

Insgesamt gern gelesen.

Grüße
Julia

 
Zuletzt bearbeitet:

Und noch mal Hallo Perdita,

es freut mich natürlich sehr, auch mal wieder was von dir lesen zu können. Und ich freue mich noch mehr darüber, dass du, wenn du schon mal was schreibst, es dann auch gut durchdenkst und versucht, etwas richtig Gutes zu schreiben.
Und lass dir gesagt sein, es ist dir wahrlich gelungen. Die Pointe am Ende habe ich nicht erraten und deine Geschichte schaffte es, mich zu überraschen. Fisch sagte bereits, dass du zwar Andeutungen hinterlassen hast, aber ich bin sehr schlecht darin, Andeutungen herauszulesen und Rätsel zu knacken. Ich stelle lieber Rätsel und ergötze mich daran, wie die Leser einfach nicht auf die Lösung kommen. ;)

ABER (tja, hast wohl gedacht, du kommst ungeschoren davon. Aber nicht mit mir, ich finde immer eine Schwachstelle), mich hat EINE Sache gestört. Und zwar bedarf es dazu einer kurzen Erläuterung:

Ich hatte bis zu einem gewissen Teil der Geschichte keine Ahnung, ob dein Prot. nun eigentlich männlich oder weiblich ist. Es hat mich erstens verwirrt, da du ja selber weiblich bist und zweitens, die Tatsache, dass auch zwei Frauen sehr gute Freunde und ein regelrechtes

Traumpaar
sein können. Und nun habe ich die halbe Geschichte lang gerätselt, ob dein Held nun a Mann oder a Frau ist. Korrigier mich, sollte ich daneben liegen, aber einen Namen hat dein Prot. auch nicht. Gut, er brauch nicht unbedingt einen Namen, aber schöner wäre es schon, wenn irgendwann deine ganzen Phantasiehelden sich manifestieren und vor dir stehen und dich fragen, warum du sie so hast leiden lassen in deinen Geschichten und du noch nicht mal weißt, wie du sie ansprechen sollst. Also ich fände einen Namen schon passend, aber das ist nur meine Ansicht.

Trotzdem, ein sehr starkes Ding, deine Geschichte.
*Daumen-hoch* :thumbsup:

Gruß
Bantam


P.S.: Erinnerte mich irgendwie an einen thailändischen Horrorfilm.

 

Hallo Julia Klee, Hallo Bantam,

vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren.

@Julia Klee:

gut geschrieben, allerdings für mich kein "Horror", außer man versteht seinen Zustand selbst als Horror. Für mich fällt unter Horror eher Blut, Angst und Gemetzel

Ja, ich hab mir schon gedacht, dass es manchem eingefleischten Horrorfan zu ungruselig ist :). Aber: Zumindest Blut und Angst kommen vor! Und das Thema ist ein klassisches Horrorthema. Eine andere Kategorie würde deshalb glaub ich nicht passen.

Auf den Leim gegangen bin ich dir leider nicht, anfangs natürlich aber irgendwie hab ich sehr schnell durchgeblickt - ich kann nicht mal sagen warum...

Das hängt wahrscheinlich davon ab, wieviele ähnliche Geschichten man schon gelesen oder als Film gesehen hat. Das bisher zwei von drei Lesern bis zum Schluss drauf reingefallen sind, ist auf jeden Fall schon mal ein gutes Zeichen für mich.

Danke für die formalen Anmerkungen, die Korrekturen folgen demnächst.

Insgesamt gern gelesen.

Das freut mich sehr :bounce:

@Bantam:

Freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefallen hat und dass du von der Pointe überrascht wurdest.

Ich hatte bis zu einem gewissen Teil der Geschichte keine Ahnung, ob dein Prot. nun eigentlich männlich oder weiblich ist.

Komisch, bei weiblichen Autoren wird scheinbar immer davon ausgegangen, dass der Ich-Erzähler auch weiblich sein muss :confused:. Für mich war natürlich schon bevor ich zu schreiben anfing klar, dass der Prot ein Mann ist, aber die Leser können ja nicht meine Gedanken lesen. Aber ich dachte, spätestens wenn er sagt, dass Claudia und er ein Paar waren, müsste es ganz klar sein, weil lesbische Pärchen in der Literatur doch relativ selten sind, so dass man davon nicht unbedingt ausgeht. Aber ich werde mal darüber meditieren, ob ich es mit irgendeinem Satz am Anfang wirklich eindeutig machen kann.

Korrigier mich, sollte ich daneben liegen, aber einen Namen hat dein Prot. auch nicht.

Doch, bestimmt hat er einen Namen, der wird nur nicht genannt :D
Ich mag es selber eigentlich auch nicht, wenn ein Prot namenlos bleibt. Aber bei Ich-Erzählern ist das immer so eine Sache - die wissen ja selber, wie sie heißen, und wenn sie sich a lá "Mein Name ist Bond. James Bond." an den Leser richten, finde ich das irgendwie ziemlich plump. Wenn man Dialoge hat, kann man dieses Problem elegant umgehen, indem man den Erzähler von einer anderen Figur mit seinem Namen ansprechen lässt - aber in dieser Geschichte gibt es keine Dialoge. Wenn mir noch was tolles einfällt, wie ich ihn von seiner Namenlosigkeit erlösen kann, werde ich das ändern, aber im Moment würde ich es lieber so lassen, als die Geschichte mit "Mein Name ist X" zu beginnen :)

Trotzdem, ein sehr starkes Ding, deine Geschichte.
*Daumen-hoch*

Danke sehr :)

P.S.: Erinnerte mich irgendwie an einen thailändischen Horrorfilm.

Thailändische Horrorfilme kenne ich nicht, aber es gibt bestimmt mehrere solcher Filme. Nachdem mir die Geschichte eingefallen war, war ich ein paar Stunden lang ganz furchtbar stolz, weil mir so was originelles eingefallen ist, und dann erinnerte ich mich daran, dass es einen Film mit Nicole Kidman gibt, "The Others", der im Grunde genommen die gleiche Pointe hat. Hrrmpf! Man kann heute wirklich kaum noch etwas schreiben, was auf einer wirklich absolut neuen Idee basiert.

Grüße von Perdita

 

Um klar zu machen, dass er ein Mann ist könntest du bei der Betrachtung des Fotos vielleicht ein bisschen darauf eingehen, was es zu sehen gibt (außer, dass sie bescheuert lächeln). Bspw ihr zartes, von blonden Löckchen umrahmtes Gesicht und sein markantes mit peinlich genau gestutztem (<- der Prot erhält eine Eigenschaft (Eitelkeit / Pedanterie)) Ziegenbart.

Zumindest Blut und Angst kommen vor!
Hat mich aber leider beides nicht berührt. Das Blut könnte genausogut ein Kaffeefleck sein.

War eine verdammte Sauerei gewesen, aber sie hatten ganze Arbeit geleistet. Das Blut war nicht mehr zu sehen gewesen.
Ne "verdammte Sauerei" ruft beim Leser weniger Assoziationen hervor als bspw Spritzer an der Wand, kleine Rinnsale getrockneten Blutes oder eine rotverschmierte Hand in einer Lache von teils getrocknetem Blut usw.

Grüße
Julia

 

Grundsätzlich gefällt mir die Geschichte gut - flüssig erzählt, mit der richtigen Dosis Wehmut, ohne kitschig zu wirken. Im Gegensatz zu den anderen habe ich das Ende nicht erahnt. Und daran schließt sich mein - leider - riesengroßes Aber an: Nach "Sixth Sense" und "The Others" (wobei es da sicher noch mehr Filme mit ähnlicher Pointe gab) wirkt ein solcher Schluss zwangsläufig wie ein Abklatsch besagter Filme. "Aha, der Autor hat also 'Sixth Sense' gesehen".
Das ist umso problematischer, als deine Geschichte wie auch "Sixth Sense" einzig von der Pointe leben. Weniger problematisch wäre es, wenn die Geschichte zB davon handelte, dass jeder, der eine bestimmte CD anhört, binnen einer gewissen Zeitspanne stirbt. Das wäre dann das "The Ring"-Prinzip, aber wenn die Story ansonsten ihren eigenen Weg geht, wäre das noch zu verschmerzen.
Aber in diesem Fall ist die Pointe das einzig wichtige Element, denn die Geschichte selbst ist nur der Weg der zu ihr führt. Etwa so, als würde man bei einem Witz aus einer Blondine eine Brünette und aus dem VW einen Ford machen - kosmetische Änderungen, die an der Pointe selbst nichts verändern.
Ich hoffe du verstehst, was ich meine.
Wie gesagt: Gut und wirklich flüssig geschrieben. Nur das große "Aber" überschattet die ganze Geschichte.

 

Hallo allerseits,

@Julia Klee:

Um klar zu machen, dass er ein Mann ist könntest du bei der Betrachtung des Fotos vielleicht ein bisschen darauf eingehen, was es zu sehen gibt

Ja, das wäre eine gute Möglichkeit, der Nachteil ist, dass das Foto auch relativ spät erwähnt wird - wenn jemand wie Bantam am Anfang über das Geschlecht des Erzählers rätselt, würde die Eindeutigkeit vielleicht auch wieder als zu spät empfunden werden. Natürlich könnte ich das Foto auch früher schon mal erwähnen... Ach Mensch, da schaffe ich es einmal, eine wirklich kurze Geschichte zu schreiben, und schon zeichnet sich ab, dass die Überarbeitung sie länger macht... :)

Zumindest Blut und Angst kommen vor!
Hat mich aber leider beides nicht berührt.

Ich übe ja noch :shy:. Ich versuche bei der Überarbeitung, eventuell an den passenden Stellen mehr Horror zu erzeugen. Allerdings ist die Grundstimmung der Geschichte schon eher melancholisch als angsteinflößend, das wird sie auch bleiben.

@Rainer:

Auch dir vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren. Freut mich sehr, dass es dir gefallen hat und du das Ende nicht vorausgesehen hast.

Und daran schließt sich mein - leider - riesengroßes Aber an: Nach "Sixth Sense" und "The Others" (wobei es da sicher noch mehr Filme mit ähnlicher Pointe gab) wirkt ein solcher Schluss zwangsläufig wie ein Abklatsch besagter Filme. "Aha, der Autor hat also 'Sixth Sense' gesehen".

Da kann ich dir nicht widersprechen, leider. Wie gesagt, ich habe mich über die Idee viel mehr gefreut, als mir die Filme mit ähnlichem Plot noch nicht eingefallen waren (am Anfang habe ich wirklich nicht bewusst an diese Filme gedacht) :(. Es gibt durchaus einen Unterschied zu den zwei Filmen, die ich kenne: Sowohl in "Sixth Sense" als auch in "The Others" wissen die Protagonisten selbst nicht, was mit ihnen los ist - in meiner Geschichte ist es dem Prot von Anfang an klar - nur der Leser wird in die Irre geführt. Dadurch wird die Geschichte jetzt natürlich auch nicht zu einem Muster an Originalität... aber es ist heute eben wirklich verdammt schwer, etwas völlig neues zu schreiben. Für mich war das Schreiben eine Herausforderung - schaffe ich es, die Geschichte so zu schreiben, dass die Leser zuerst falsche Schlüsse ziehen? Das hat offenbar geklappt, und damit bin ich ehrlich gesagt doch ganz zufrieden. :)

Grüße von Perdita

Grüße von Perdita

 
Zuletzt bearbeitet:

Aloha!

Nun, das ist eine nette und atmosphärisch dichte kleine Erzählung, die sich flüssig lesen lässt und damit auch zunächst auch verhindert, dass ich einen Gedanken daran verschwende, wer denn hier wohl das Zeitliche gesegnet haben könnte. Obwohl es ja durchaus Hinweise gab … Mit anderen Worten: Ich habe es lange nicht vorhergesehen, und das ist gut so. Gut, dass ich die Kommentare ignoriert habe, so war der Genuss um so größer. Natürlich ist die Idee alles andere als neu, aber die Art und Weise Deiner Umsetzung fand ich schon sehr gelungen, der Stil gefällt mir. Der Protagonist ist mir erfreulich gegenwärtig, das angedachte Grauen schlug sich allerdings nicht nieder, auch Mitgefühl oder Abscheu empfand ich nicht.

Erst im zweiten und dritten Durchgang fielen dann die vielen mit ‚Und’ beginnenden Sätze auf, die durch eine dezente Umstellung vermieden werden könnten. Selbst einige der vielen, mit ‚Ich’ startenden Sätze könnten auch noch entschärft werden; ‚hätte’ kommt auch hier und dort gehäuft vor. Auf einige kursiv gesetzte Stellen können wir sich auch verzichten und wenn ich das richtig gelesen habe, sind auch hier und da Sprünge in der Zeit.


Dinge, die mir auffielen:

Ich habe mein Zeitgefühl verloren. Ich weiß nicht genau, wie lange es jetzt schon so geht, ich weiß nur, dass ich bald nicht mehr kann. Ich werde den Verstand verlieren, falls das nicht längst passiert ist. Ich habe nie daran geglaubt, dass es so etwas wie ein Leben nach dem Tod gibt.
-> Widerholung

Ich wollte die Treppe hinunter, wirklich. Ich wollte nachsehen, ich wollte ihr irgendwie helfen...
-> helfen … (Abstand zu den Auslassungszeichen.)

Anstatt die die Treppe runter zu gehen, flüchtete ich ins hinterste Zimmer, um dem Weinen zu entkommen.
-> Anstatt die Treppe (Ein ‚die’ zuviel.)

Das ist ein Alptraum. Ein einziger, verdammt langer Alptraum. … Kein Alptraum.
-> Albtraum x3

Konnte es keinem von meinen Freunden erzählen. Ich fragte mich, wie sie reagieren würden, wenn ich ihnen erzählen würde, …
-> erzählen, fragte mich (Vermeidet einen Beginn mit ‚Ich’.)

Und selbst wenn ich religiöse Freunde hätte ... Hätte sich etwas geändert, …
-> Widerholung

Er hat nicht mal was zu mir gesagt, zumindest erinnere ich mich nicht daran.
Das ist allerdings eine bewusste Irreführung des Lesers, denn dem Geist ist ja bekannt, dass Kommunikation ausgeschlossen ist.

Weil die Lebenden ihnen helfen sollten, die ihren Frieden zu finden.
-> sollten, ihren

„Wie konntest du mir das antun?“ sagte sie.
-> antun?“, sagte (Komma vor Beginn des Beisatzes.)

„Du hattest kein Recht dazu!“ brachte sie hervor.
-> dazu!“, brachte

„Was hast du dir nur dabei gedacht?“ fragte Claudia die Wand.
-> gedacht?“, fragte

„Wir brauchen eine Weile Abstand voneinander.“ hat sie gesagt.
-> voneinander“, hatte

Ich glaube, irgendwann in dieser von Alkohol und Selbstmitleid geschwängerten Phase hatte ich auch den Gedanken, …
-> irgendwann, in … Phase, hatte

Wenn ich es schaffe, in ihre Nähe zu gehen, dann sehe ich sie auch, auch wenn sie blass und irgendwie transparent wirkt.
-> Widerholung

Und ich weiß, wovon ich rede.
Ich bin sicher, dass sie nichts von mir weiß.
-> Widerholung

shade & sweet water
x

 

Hallo!
Ich liebe Thomas Harris. Ehrlich. Ich vergöttere seine Geschichten. Ich bin regelrecht besessen von Hannibal Lecter. Als der Roman "Hannibal" erschien, wollte ich nur eins wissen: Wie geht das Ding zuende? Ich habe gemogelt. Ich lass das Ende zuerst. Das ist schäbig, aber wenigstens war ich beruhigt. Dannach war für mich nur noch wichtig, wie es zu diesem Ende kommt. Das hat meinen Spass mit diesem Buch in keinster Weise getrübt, eher im Gegenteil... Äh... auf was wollte ich eigentlich hinaus:confused:. Ach ja. Manchmal ist das Ende gar nicht das beste an einer Geschichte, sondern ihr Weg dorthin. Ich habe schon sehr früh geahnt, was am Schluss los ist. Das macht aber garnix! Weil alles, was davor kommt sehr gut ist! Mir hat Deine Geschichte wirklich gut gefallen, obwohl ich nicht so sehr auf Geister stehe. Also mich hat das schon getroffen, was Deine Figuren da durchleben. Na ja, und das ER ein Mann ist, habe ich einfach mal so vorausgesetzt.

Gruß
Satyricon

P.S. Entschuldige das viele Geschreibsel vorweg. Ich war gerade so in Erzählstimmung;).

 

Hallo ihr,

@xadhoom:

Vielen Dank für deine Kritik, vor allem für die vielen stilistischen Anmerkungen! Da hast du viele Sachen gefunden, die mir wegen Betriebsblindheit entgangen sind.

Erst im zweiten und dritten Durchgang fielen dann die vielen mit ‚Und’ beginnenden Sätze auf

Wow, du hast die Geschichte sogar mehrmals durchgelesen? *Orden verleih* :)
Ich muss noch darüber nachdenken, ob ich alle Wiederholungen beseitige - manchmal finde ich, dass es vom Rhythmus her besser passt, nochmal das gleiche Wort zu nehmen. Aber meistens passiert so was aus Faulheit :)

@Satyricon:

Auch an dich vielen Dank! Dass die Geschichte auch dann gefällt, wenn man das Ende schon vorausahnt, freut mich natürlich ungemein.

Also mich hat das schon getroffen, was Deine Figuren da durchleben.

Das finde ich gut. Ich fand es beim Schreiben auch sehr traurig :crying:, schön, dass das auch rübergekommen ist.

P.S. Entschuldige das viele Geschreibsel vorweg.

Aber ich bitte dich, du darfst unter meine Geschichten so viel schreiben, wie du willst :D

Grüße von Perdita

 

Am Schluss hat es mich fast aus den Latschen gehauen. ich war wirklich überrascht.

Ich habe zwar die oben genannten Filme gesehen, aber ich bin sowieso ein Plot-Vergesser. Das ist eine gute Sache, denn dann kann man Blade Runner 16 mal anschauen ... okay, irgendwann kennt man es dann auswendig, aber das macht nichts.

für mich stellte sich die Frage nach dem Geschlecht des Protagonisten nicht. Für mich war das gleich ein Mann.

mich hätte wahnsinnig interessiert, was der "Geist" dort unten noch so alles getrieben hat, abgesehen vom Heulen. das war ganz praktisch, denn es hat mich nur noch interessierter weiterlesen lassen. Wenn dann doch nur mehr erzählt wurden wäre. Ist aber nicht weiter wichtig, immerhin geht es in der Geschichte ja um andere Dinge.

Ich habe die Geschichte gern gelesen.

 

Wow, du hast die Geschichte sogar mehrmals durchgelesen? *Orden verleih* :)
Ja, so bin ich ... wie 'ne Mutter ohne Brust. :p

Ich muss noch darüber nachdenken, ob ich alle Wiederholungen beseitige - manchmal finde ich, dass es vom Rhythmus her besser passt, nochmal das gleiche Wort zu nehmen. Aber meistens passiert so was aus Faulheit :)
Haha OK ... auch ein Argument. Wie ein Gemälde ist auch eine Geschichte etwas persönliches und wichtig ist, dass Du selbst damit zufrieden bist - allen kann man nicht gefallen. Völlig richtig ist, dass dies hier und dort stilistisch völlig angemessen sein kann und auch den Charakter einer Geschichte unterstreicht.

LG
x

 

So, ihr Lieben...

@Schrei Bär:

Natürlich auch Dir vielen Dank für's Lesen und Kommentieren und für's gut finden. Schön, dass die Überaschung bei dir funktioniert hat. Und es beruhigt mich auch, dass dir gleich klar war, dass es um einen Mann geht (das scheint doch bei den meisten der Fall zu sein, bisher hat sich ja erst einer beschwert :p)

@xadhoom:

Danke für deine erneute Rückmeldung. Über eine Anmerkung von dir habe ich noch lang nachgedacht:

Zitat:
Zitat von Perdita Beitrag anzeigen
Er hat nicht mal was zu mir gesagt, zumindest erinnere ich mich nicht daran.
Das ist allerdings eine bewusste Irreführung des Lesers, denn dem Geist ist ja bekannt, dass Kommunikation ausgeschlossen ist.

Ja, schon. Der Großteil der Geschichte ist eine bewusste Irreführung des Lesers :D. Was ich meinte, war, dass bei Beerdigungen die Leute doch manchmal noch was zum Verstorbenen sagen, um sich zu verabschieden oder ihm endlich mal das ins Gesicht zu sagen, was sie zu Lebzeiten nie fertig gebracht haben... Hören kann er die Lebenden ja, nur nicht mit ihnen reden. Trotzdem habe ich überlegt, ob ich es rausnehme, denn ich möchte den Leser ja nicht verarschen, zumindest nicht plump :). Aber es ist dann doch geblieben.
Und es gibt immer noch viele Wiederholungen, vor allem viele Sätze, die mit "Ich" beginnen. Das fiel mir beim Schreiben schon auf, aber irgendwie scheint es mir zum Prot zu passen - er ist (bzw. war) ziemlich egozentrisch). Aber in der dritten Fassung fliegen eventuell noch Wiederholungen raus.

@all:

Also, es ist jetzt überarbeitet. Viel habe ich nicht geändert (eure Reaktionen waren ja auch überwiegend positiv :)), aber Tippfehler, fehlende Kommas und so was sind weg und manche eurer Vorschläge habe ich umgesetzt. Aber auch die Vorschläge, die ich nicht umgesetzt habe, fand ich sehr anregend und hilfreich und ich danke euch für die tolle Mitarbeit :).
Ich habe lange überlegt, wie ich beschreibe, wie er die Lebenden sieht. Die Transparenz habe ich rausgenommen, weil das wirklich ein klassisches Merkmal ist, um Geister zu beschreiben, also dem Leser gegenüber unfair wäre. Trotzdem hänge ich an der Vorstellung, dass er sie nicht ganz klar sehen kann. Jetzt steht da "verzerrt". Vielleicht auch nicht optimal. Vielleicht ist das einer dieser Lieblinge, die man töten sollte... Na ja. Jedenfalls ist das jetzt eine leicht veränderte und korrigierte zweite Fassung, und in dieser Form werde ich die Geschichte verschenken, auch wenn ich eventuell noch mal eine Überarbeitung mache (wenn ich Zeit und Lust habe... äh... also sehr vielleicht).

Grüße von Perdita

 

Hallo PErdita,
Mal abgesehen davon, dass die Geschichte an The sixt sense erinnert, find ich die Pointe sehr gut. Allerdings finde ich sie etwas langatmig. Da könntest du viele Stellen mit der Selbstreflexion des Prots streichen.

Die meisten Leute halten Geschichten, in denen das Band zwischen zwei Liebenden über den Tod hinaus besteht, für romantisch. Aber das ist nicht romantisch. Es ist grauenhaft.
- da nimmst du viel Spnnung aus der Geschichte - das Verrät ja alles !! - Nachtrag ok, nicht wirklich alles, aber ziemlich viel
Seit Tagen war es jetzt schon so, ich begann mich an das Elend zu gewöhnen.
Der Absatz beginnt mit .. Das erste Mal passierte es am Tag nach ... Damit wiedersprichst du dem aber
Ich hatte solche Geschichten immer für Schwachsinn gehalten und keine Ahnung, wie so etwas funktionieren sollte. Aber ich wusste inzwischen, dass Geschichten über die Existenz von Geistern kein Schwachsinn waren.
das ist so eine typisch redundante Information, von der es ind er Geschichte zu viele gibt.

L.G.
Bernhard

 

Hallo Bernhard,

auch dir vielen Dank fürs Lesen und (überwiegend) gut finden.

da nimmst du viel Spnnung aus der Geschichte - das Verrät ja alles !!

Bisher hat niemand gesagt, dass man es an dieser Stelle schon merkt. Eigentlich denkt man (außer man hat grade "Sixth Sense" geguckt) bei diesem Satz doch eher in die "falsche" Richtung (zumindest hoffe ich das :)). Im Text stehen eine Menge doppeldeutige Sätze, bei denen man, wenn einem die Pointe bekannt ist oder man sie erraten hat, denkt: "das verrät doch alles" - aber für jemanden, der die Pointe nicht kennt, sieht das eben nicht so aus, weil so jemand immer denkt, die Aussagen würden sich auf Claudia beziehen, nicht auf den Erzähler.

Zitat:
Seit Tagen war es jetzt schon so, ich begann mich an das Elend zu gewöhnen.
Der Absatz beginnt mit .. Das erste Mal passierte es am Tag nach ... Damit wiedersprichst du dem aber

Das bezieht sich aber auf zwei unterschiedliche Dinge: "seit Tagen" fühlt er sich jetzt schon furchtbar und einsam. "Das erste Mal passierte es" bezieht sich darauf, dass Claudia ins Haus zurückkommt und weint - bis dahin hat er sich eben "nur" allein gefühlt. Ist vielleicht ein bisschen verwirrend - aber doch zu verstehen, denke ich.

das ist so eine typisch redundante Information, von der es ind er Geschichte zu viele gibt.

Ja ja, das Kürzen meiner Geschichten ist mir immer extrem schwer gefallen :shy:. Meistens ist die überarbeitete Fassung länger als die ursprüngliche Fassung, obwohl man es ja eigentlich umgekehrt machen soll.
Sicher kann man an einigen Stellen Sachen streichen. Auf der anderen Seite ist der Erzähler ein redseliger Typ und voller Selbstmitleid *g*. Es passt irgendwie zu ihm, Dinge, die er betonen will, zu wiederholen, und da er vorher nie an Geister und Jenseits geglaubt hat, hat die Erkenntnis, dass er sich geirrt hat, halt eine ziemlich große Bedeutung für ihn.
Das soll die teilweise langatmigen oder redundanten Strecken der Geschichte gar nicht entschuldigen. Im Moment hab ich nur grauenhaft viel zu tun ... und außerdem habe ich Ideen für mindestens drei andere Geschichten, die ich furchtbar gern schreiben würde ... daher muss die Überarbeitung von dieser Story hier eine Weile zurückstehen, bis ich mehr Zeit habe

Grüße von Perdita

 

Hallo geronemo,

vielen Dank für deinen Kommentar! Hin und wieder so etwas zu lesen:

finde sie ausgezeichnet geschrieben und aufgebaut.

verschönert mir den Tag :). Deine kritischen Anmerkungen sind aber natürlich auch willkommen.

Als Leser kann ich die Geschichte also nur glauben, wenn ich in irgend einer Weise gläubig bin, dass es was Jenseitiges gibt

Hmm ... Das ist ja eigentlich bei den meisten Horror/Scifi/Fantasy-Geschichten so - man muss als Leser etwas Unglaubliches akzeptieren, um seinen Spaß beim Lesen zu haben. - Aber dafür muss man es auch nur solange glauben, wie man braucht, um die Geschichte zu lesen. :)
Ich glaube zum Beispiel nicht an Monster in den Kanalisationen amerikanischer Kleinstädte - aber trotzdem hatte ich echt Angst um die Protagonisten, als ich Stephen Kings "ES" gelesen habe ... denn während ich das Buch las, habe ich vergessen, dass ich nicht an Monster glaube (natürlich ist Stephen King auch ein wesentlich besserer Schriftsteller als ich, deshalb kaufen ihm die Leute noch ganz andere Dinge ab als einen harmlosen Geist :)).
Also natürlich ist es nicht erforderlich, dass die Leser der Geschichte ernsthaft an Geister glauben - nur solange sie sie lesen, müssen sie mir abkaufen, dass es welche gibt :)

Ich fand es schon immer pervers, dass Selbstmörder von den Pfaffen und Lebensverneinern bekämpft werden

Ich glaube, in letzter Zeit ist die Haltung der Kirche zum Suizid nicht mehr so krass wie früher (dass ein kirchliches Begräbnis verweigert wird etc. kommt glaube ich nicht mehr vor). Dass Selbstmord grundsätzlich abgelehnt wird, kann ich aber gut verstehen - eben weil in der Regel die Angehörigen furchtbar darunter leiden, was ja in der Geschichte letztendlich auch die "Strafe" des Protagonisten herbeiführt - er sieht, was er angerichtet hat, kann aber nichts mehr tun, um es wieder gut zu machen.

Insgesamt erschien mir dein Erzähler erstens zu wenig männlich, zu sensibel und vorsichtig und, insofern er sich umbringt, um bei seiner Geliebten etwa zu bewirken, letztlich auch nicht konsequent egoistisch.

"zu wenig männlich"? - nichts für ungut, aber es gibt durchaus sehr sensible - zum Teil auch wehleidige - männliche Wesen :) Der Erzähler ist eben so ein sensibler Typ - und eine ziemlich labile Persönlichkeit, wahrscheinlich depressiv (darauf deutet die Erwähnung der Tabletten hin, die er irgendwann nicht mehr genommen hat). Ich finde den Gedanken, sich umzubringen, um es seiner Freundin heimzuzahlen, schon ziemlich egoistisch - aber das ist ja auch nicht die einzige Ursache. Er war deprimiert, wütend und nicht bei klarem Verstand. Eigentlich kann er einem ganz schön leid tun ...

Dennoch, so klar und verständlich wie du möchte ich auch erzählen können.

Also das ist von jemandem, der schon wesentlich mehr geschrieben hat als ich, ein echt großes Kompliment. Vielen Dank!

Grüße von Perdita

 

Hi Perdita!

Ich bin zeitlich und auch technisch ein wenig eingeschränkt in letzter Zeit, so dass ich in dem Forum hier weniger als früher unterwegs bin. Schade eigentlich, aber manchmal klappt es.

Ich habe deine Story gelesen, nicht aber die Kommentare dazu. Vielleicht tue ich das später, um dann eventuell festzustellen, dass ich vollkommen daneben liege und alles falsch verstanden habe.

Ich kann dir allerdings meinen Eindruck vermitteln, den ich während des Lesens und danach gewonnen habe.
Wenn ich die Möglichkeit habe (momentan leider sehr selten), drucke ich mir das jeweilige Teil aus und kritzele meine Notizen mitten in den Text hinein. Das habe ich hiermit auch getan.

Erste Notiz, ganz oben:
Die Frage ist doch, wozu ist der erste Abschnitt gut? Ich habe drüber nachgedacht, aber bin zu keiner Antwort gekommen.
Ich bin ein Fan des ersten Satzes, sagte ich das schon? Des ersten Satzes, bzw. des ersten Absatzes. Und als solcher weiß ich, dass er Erklärung und Zusammenfassung sein sollte. Spuren legen für den weiteren Verlauf und möglichst das Ende schon vorwegnehmen. Das alles natürlich möglichst dezent und nicht mit dem Holzhammer.

Ich finde, das alles wird durch den ersten Absatz hier nicht ausgesagt. Meiner Meinung nach ist er nur Staffage, ohne Zweck.

Allerdings war er dazu geeignet, mich an Poe zu erinnern. Hast du auch dessen Erzählungen über verflossene, verstorbene Geliebte im Kopf gehabt? "Ligeia" fällt mir spontan ein (ich komm grad nicht an die Bücher ran)

Ich glaube schon, dass du ihm nacheifern wolltest, dich zumindest ein wenig daran orientieren wolltest.
Kaum jemand kann sich natürlich mit Poe messen. Das weißt du, und du hast ihn nicht plagiiert. Lobenswert. Wenn ich denn richtig liege.


Im zweiten Absatz steht von mir gekritzelt: Du kommst sehr abrupt vom Allgemeinen zum Speziellen. Mir ist es zu abrupt.
Das zieht sich irgendwie durch den gesamten Text. Du walzt allgemeine Sachen aus, Erklärungen, sätzelang. Und plötzlich brichst du und kommst zum Speziellen. Alles ist irgendwie zu lang, jeder Gedanke wird zu sehr ausgeführt, jede Beschreibung ist mindestens um einen Tic zu lang.
Das heißt, dass der Text ermüdend und langweilig wirkt.

Zum Beispiel:

Ich konnte mit niemandem darüber reden. Konnte es keinem von meinen Freunden erzählen.

Doch danach in genau 14 Sätzen führst du aus, wie sie reagieren würden, würdest du ihnen doch davon erzählen. Warum?


Unter dem Abschnitt:

Ich wünschte mir, tot zu sein...

Habe ich geschrieben: Ein wirklich sehr interessanter Gedanke. Was, wenn man dem Leben fliehen will, weiß aber, dass es im Jenseits viel schlimmer wird? Nachdenkenswert, wie gesagt.

Der Schluss erinnert mich ziemlich an den Schluss dieses Filmes: "The Others".
Obwohl ich zugeben muss, dass ich über weite Teile damit nicht gerechnet hatte.

Eigentlich wollte ich schreiben, dass mir der Schluss nicht gefallen hat, weil du mMn. zu Beginn falsche Spuren legst. Aber im Zuge dieser Kritik hier, komme ich zu dem Schluss, dass das Ende mir doch recht gut gefallen hat und ich die ganze Geschichte im milderen Licht sehe.
Es lohnt also immer, noch weiter drüber nachzudenken.

Allerdings:

Er hat mal zu mir gesagt, wenn ich seiner kleinen Tochter jemals wehtun sollte, würde er mir die Eier abreißen.

Das ist vollkommen klischeebeladen und viel zu oft gehört.


Ansonsten, wie gesagt, habe ich es nicht ungern gelesen.

Schöne Grüße von meiner Seite.

 

Hallo Hanniball!

Mensch, die Geschichte ist schon wieder fast ein Jahr alt. Ich muss wirklich unbedingt mal was neues fertigbekommen und hier reinstellen. Aber natürlich danke ich dir sehr, dass du sie noch mal ausgegraben und kommentiert hast, vor allem, da du nicht viel Zeit hast zum Lesen und Kommentieren.

Zu der Kritik im einzelnen:

Die Frage ist doch, wozu ist der erste Abschnitt gut?

Zur Klarstellung: mit dem ersten Abschnitt meinst du die folgenden Sätze?

Ich habe mein Zeitgefühl verloren. Ich weiß nicht genau, wie lange es jetzt schon so geht, ich weiß nur, dass ich bald nicht mehr kann. Ich werde den Verstand verlieren, falls das nicht längst passiert ist. Ich habe nie daran geglaubt, dass es so etwas wie ein Leben nach dem Tod gibt. Jetzt weiß ich es besser. Claudia war immer die Klügere von uns beiden, und sie hat mir wieder mal gezeigt, dass ich mich geirrt habe.
Die meisten Leute halten Geschichten, in denen das Band zwischen zwei Liebenden über den Tod hinaus besteht, für romantisch. Aber das ist nicht romantisch. Es ist grauenhaft.

Tja, wenn ich ehrlich sein soll: Ich habe mir nie Gedanken gemacht, wozu der Abschnitt gut ist. Als ich anfing, die Geschichte zu schreiben, erschien er mir richtig. "Heimsuchung" war eine Geschichte, die ich sehr schnell (erste Fassung innerhalb von ein paar Stunden) geschrieben habe, sie hat sich quasi "von selbst erzählt". Derzeit habe ich mehrere Geschichten in Arbeit, wo ich mir andauernd über den Sinn einzelner Absätze Gedanken mache und manche Stellen immer wieder umschreibe ... das macht deutlich weniger Spaß, und die Geschichten werden ewig nicht fertig. Ich denke an diese Geschichte mit regelrechter Nostalgie zurück, weil das Schreiben so schön leicht ging :)

weiß ich, dass er Erklärung und Zusammenfassung sein sollte. Spuren legen für den weiteren Verlauf und möglichst das Ende schon vorwegnehmen. [...]Ich finde, das alles wird durch den ersten Absatz hier nicht ausgesagt.

Hmm... es ist ja letzten Endes eine Pointengeschichte, die davon lebt, dass der Leser am Anfang etwas "missversteht". Insofern legt der Anfang weniger Spuren als falsche Fährten - obwohl er mit der Erwähnung des Lebens nach dem Tod etc. natürlich in gewisser Weise das Ende vorwegnimmt, allerdings (hoffentlich) ohne dass es der Leser sofort merkt. Ich würde sagen, der erste Absatz ist hauptsächlich dazu da, Stimmung zu erzeugen - und um noch mal anders gelesen zu werden, wenn der Leser dann das Ende kennt :)

Allerdings war er dazu geeignet, mich an Poe zu erinnern.

Das ehrt mich natürlich. Das du an ihn denken musst, liegt vielleicht daran, dass seine Geschichten auch oft mit so einem einleitenden Abschnitt beginnen, wo noch keine richtige Handlung stattfindet (bei ihm sind diese Abschnitte für meinen Geschmack aber manchmal zu lang).
Bewusst habe ich Poes Erzählungen nicht direkt zum Vorbild genommen, aber er ist natürlich sozusagen der "Vater" klassischer Spukgeschichten, in denen Leute von verstorbenen Geliebten heimgesucht werden. Da diese Geschichte quasi eine Umkehrung dieser Klassiker ist, habe ich die natürlich schon im Hinterkopf gehabt. Stärker ähnelt sie aber glaube ich wie gesagt moderneren Werken wie "Sixth Sense" oder "The Others".

Ich glaube schon, dass du ihm nacheifern wolltest, dich zumindest ein wenig daran orientieren wolltest.

Na ja, wie gesagt nicht bewusst. Ich glaube ich habe die meisten von Poes Geschichten gelesen, aber ich bevorzuge eigentlich modernere Geschichten, die in der Regel ein höheres Tempo haben. Wenn es mir allerdings gelungen sein sollte, in dieser Geschichte eine ähnlich melancholische Stimmung zu erzeugen wie Poe in seinen Geschichten, dann würde mich das sehr freuen, denn zu dieser Geschichte passt das sehr gut.

Im zweiten Absatz steht von mir gekritzelt: Du kommst sehr abrupt vom Allgemeinen zum Speziellen. Mir ist es zu abrupt.

Stimmt, es ist wirklich ein abrupter Übergang. Ich fand es grade noch okay. Werde es aber im Hinterkopf behalten, für den Fall, dass ich mich mal zu einer Überarbeitung durchringen kann.

Du walzt allgemeine Sachen aus, Erklärungen, sätzelang. Und plötzlich brichst du und kommst zum Speziellen. Alles ist irgendwie zu lang, jeder Gedanke wird zu sehr ausgeführt, jede Beschreibung ist mindestens um einen Tic zu lang.
Das heißt, dass der Text ermüdend und langweilig wirkt.

Die Geschichte kann sicher ein paar Kürzungen vertragen, das haben auch schon andere Kritiker angemerkt. Im Kürzen bin ich leider gar nicht gut. "Heimsuchung" ist schon eine der kürzesten Geschichten, die ich je geschrieben habe, und wenn ich mich nicht beherrscht hätte, hätte sie leicht noch länger werden können. Kürzung steht aber definitiv auf der Liste für eine mögliche Überarbeitung!

Zitat:
Ich konnte mit niemandem darüber reden. Konnte es keinem von meinen Freunden erzählen.
Doch danach in genau 14 Sätzen führst du aus, wie sie reagieren würden, würdest du ihnen doch davon erzählen. Warum?

1.Nicht ich. Der Ich-Erzähler war's :D
2.Die Spekulation über die Reaktionen der Freunde wäre sicherlich ein Kandidat für eine Kürzung. Aber ich finde, das zeigt auch etwas über den Erzähler. Seine Gedanken drehen sich nämlich immerzu im Kreis. Er sagt ja am Ende dieses Abschnitts selbst nochmal, dass er es keinem erzählen kann. Trotzdem denkt er eben dauernd darüber nach. Er ist es nicht gewöhnt, niemanden zu haben, dem er sich anvertrauen kann, und leidet darunter, also versucht er sich wenigstens vorzustellen, wie das wäre. Obwohl er weiß, dass es nicht geht, was ihm letzten Endes dann auch immer wieder einfällt.

Der Schluss erinnert mich ziemlich an den Schluss dieses Filmes: "The Others".
Obwohl ich zugeben muss, dass ich über weite Teile damit nicht gerechnet hatte.

Ja, es ist "The Others" sehr ähnlich. Ich habe aber wirklich nicht bewusst an den Film gedacht, als mir die Idee kam. Ich schwör's! Heutzutage sind einfach alle guten Ideen schon mindestens einmal dagewesen. Das du lange nicht damit gerechnet hast, freut mich natürlich. Genau das war ja meine Absicht :)

Zitat:
Er hat mal zu mir gesagt, wenn ich seiner kleinen Tochter jemals wehtun sollte, würde er mir die Eier abreißen.

Das ist vollkommen klischeebeladen und viel zu oft gehört.

Natürlich ist das ein Klischee, und wahrscheinlicht wird ein derartiger Satz in Dutzenden von Filmen gesagt. Aber wenn mir das nicht noch mehr Leute ankreiden, würde ich dazu neigen, es so zu lassen. Der Grund: Ich glaube, wenn eine Nebenfigur in einer Geschichte nur sehr wenig charakterisiert wird, darf man auch mal zu einem Klischee greifen. Ich habe Claudias Vater nirgendwo direkt beschrieben, trotzdem kann man sich an der Stelle doch sofort vorstellen, dass das ein ziemlich robuster, aber sehr um seine Tochter besorgter, vielleicht überfürsorglicher Mann ist. Stimmts? Manchmal hilft ein Klischee, wenn man Figuren nicht ausführlich beschreiben, den Lesern aber trotzdem ein Bild vermitteln will.

Puh ... die Antwort ist ja länger geworden als die Kritik - die war aber auch sehr konstruktiv und anregend. Es ist echt interessant, dass fast jeder Kritiker auf andere Aspekte eingeht.

Ansonsten, wie gesagt, habe ich es nicht ungern gelesen.

Das ist schön! :bounce:

Grüße von Perdita

 

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