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"Hey, du"

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Anmerkungen zum Text

Eine kurze Geschichte, die dir hoffentlich etwas Unterhaltung bieten kann.
Viel Spaß beim Lesen!

"Hey, du"

Ich liebte unsere jährlichen Ausflüge in die Berge. Mein guter Freund Robert und ich pflegten diese mittlerweile als eine Art heiliges Ritual und ich war schon Wochen bevor wir uns in meinem alten, klapprigen VW Golf auf den Weg machten, erfüllt von kindischer Vorfreude.
Wir genossen das Privileg, dass Roberts Vater eine gemütliche Einzimmerwohnung in unserem heiligen Ort der Ruhe namens „Straat“ von seinen Eltern geerbt hatte. Er selbst war mittlerweile zu alt und krank, um noch regelmäßig dort hinzufahren, doch wir führten seine Familientradition weiter fort.
Nun waren wir auch dieses Jahr wieder dort, in der Berglandschaft, die ich nur allzu gerne vergleiche mit dem Auenland aus „Herr der Ringe“. Ja, ich denke das beschreibt ganz gut, welch bildschöne Natur einen dort regelrecht vereinnahmt und mich beinahe gänzlich alle lästigen Probleme des verzehrenden Alltags vergessen ließ.

Wir verbrachten unsere Zeit dort hauptsächlich mit Bergsteigen. Abends, oft erschöpft doch zufrieden von den Errungenschaften eines gelungenen Wandertages in den mächtigen Gebirgen, kehrten wir in einem gemütlichen Restaurant ein. Wir spielten Karten, aßen königlich und tranken hier und da auch gerne mal einen über den Durst.
Die Redewendung „hier und da“ traf eigentlich nur auf meinen lieben Freund zu, denn ich war damals schon, mit zarten 23 Jahren, ein gestandener Alkoholiker und trank täglich. So kam es nicht selten vor, dass sich der Abend, mit meinem fortschreitenden Alkoholpegel, in eine regelrechte Zumutung für meinen Freund entwickelte. Ich wurde gesprächiger, während die Qualität meiner Worte mit jedem Schluck rapide abnahm. Wenn der Alkohol schließlich auch die letzten Windungen meines Gehirns für sich beansprucht hatte, verhielt ich mich wie ein verzogener Grobian und belästigte mein gesamtes Umfeld. Dies hatte oft zur Folge, dass wir, unter lauten Verwünschungen des Personals und der Gäste, aus den gemütlichen Etablissements geworfen wurden, mit der ausdrücklichen Bitte, sich hier niemals wieder blicken zu lassen.


Auch der Abend, von dem ich hier nun berichten werde, war einer von diesen. Und obwohl ich mich nach solch exzessiven Saufgelagen normalerweise schon am nächsten Morgen nicht mehr an die gestrigen Ereignisse erinnern konnte, ist mir das Folgende doch zum Großteil im Gedächtnis geblieben.
Nachdem wir in gewohnter Manier aus einem Restaurant geworfen worden waren, befand ich mich in solch trunkener, aufgebrachter Stimmung, dass ich meinen guten Freund dafür verantwortlich machte, obwohl es zweifellos meine Schuld gewesen war.
Mir selbst einen Fehler einzugestehen, wäre mir in dieser Verfassung allerdings nicht im Traum eingefallen. Und als er dann auch noch eine Entschuldigung, für meine ausfallende Art ihm gegenüber, verlangte, drohte das Fass überzulaufen. Zwar konnten wir eine ernsthafte körperliche Auseinandersetzung noch gerade so vermeiden, doch nach einem kleinen Handgemenge und unzähligen Verwünschungen meinerseits, trennten sich unsere Wege.
Ich war so wütend, dass ich einfach zu laufen begann, ohne mir dabei Gedanken zu machen, wohin mich meine Schritte trugen. Als wir aus dem Restaurant geschmissen wurden, hatte ich während eines kurzen Gerangels mit den Kellnern, einem von ihnen noch die Schnapsflasche entrissen, die er einem anderen Gast an den Tisch bringen wollte. Diese trug ich nun bei mir, als wäre sie alles, was ich auf dieser Welt noch besaß.

„Sollen sie mich doch alle hassen und verstoßen“, redete ich vor mich hin, während ich die Flasche betrachtete, als wäre sie ein Mensch „Wir bleiben uns treu.“

Feierlich hob ich sie zum Munde und trank auf meinen Schwur. Eine warme Träne rann mir dabei über die Wange, denn ich war mir selbst in meinem volltrunkenen Zustand der traurigen und schmerzlichen Wahrheit bewusst. Ich war ein armseliger, bemitleidenswerter Trinker und hatte es soeben geschafft hatte, dass sich auch der letzte verbliebene Freund von mir abgewandt hatte.
Das nun aufkeimende Gefühl von Einsamkeit vermochte ich nur noch im Rausch zu ertränken, so hatte ich es schon mein halbes Leben gemacht. Und das tat ich. Ich lief ziellos durch die dunklen, ruhigen Gassen dieses wunderschönen Ortes, der mir nun so finster und erdrückend erschien, und leerte mir den bitteren Schnaps mit großen Schlücken in den nimmersatten Schlund. Dabei sang ich laut vor mich hin, zündete mit einer Zigarette die nächste an, und war mir mittlerweile gar nicht mehr bewusst, wo ich überhaupt war. Auch war mir, seit ich mich von Robert getrennt hatte, keine Menschenseele mehr begegnet.

Scheinbar bin ich wirklich die verlassenste Seele auf dieser gottverfluchten Erde, dachte ich.

Ich lief und ich trank. Immer und immer weiter, bis ich schließlich in eine schummrig beleuchtete Gasse bog und erstarrte.
Durch den dichten Schleier vor meinen Augen schien sich mir plötzlich die Pforte zum Himmel aller einsamen Betrunkenen zu öffnen. Auf dem schmalen, gepflasterten Weg, den ich, wie mir nebenbei auffiel, noch niemals gesehen hatte, obwohl ich dieses Dorf damals in und auswendig zu kennen glaubte, stand im orangefarbenen Licht einer Straßenlaterne eine Frau.
Sie trug lediglich eine verwaschene Jeanshose und eine rote Bluse, nichts auffallend Hübsches. Doch das schlichte Outfit lenkte meine Aufmerksamkeit beinahe voll und ganz auf ihr wunderschönes Gesicht, auf ihre langen blonden Haare, die sie zu einem Zopf nach hinten gebunden hatte. Lässig lehnte sie an der Hauswand, hatte eine Zigarette im Mundwinkel und in einer Hand hielt sie den heiligen Gral; eine Flasche Schnaps. Obwohl ich sie gestochen scharf vor meinen Augen sehen kann, wenn ich an sie denke, vermag ich weder ihre Schönheit, noch das Gefühl, das sie in mir auslöste, richtig zu beschreiben. Sie lehnte einfach dort, mit einer Flasche süßer Versuchung in der Hand und war wunderschön. Mein Herz schmolz dahin, als sie mich ansah, lächelte und, als ob sie mich schon erwartet hätte, mit verzaubernder Stimme sagte: Hey, du“

Mehr brauchte sie nicht zu sagen, denn es war um mich geschehen. Ich lief auf sie zu und wir umarmten uns sofort, als wären wir alte Freunde, dabei waren wir nur zwei einsame Betrunkene, die in einem Fremden fanden, was sie im Moment am Meisten brauchten: einen Trinkgefährten.
Wir setzten uns zusammen unter die Laterne, teilten uns das bittere Gift und waren uns nahe. Mein Gefühl von Einsamkeit war in den Untiefen ihrer lachenden, grünen Augen verschwunden und die Zeit schien für einen Moment still zu stehen.
Wir unterhielten uns über Gott und die ungerechte Welt, über verlorene Freunde, zerbrochene Liebe und über die glorreichen Taten, die wir auf diesem Planeten noch vollbringen würden.
In Gedanken stellten wir uns schon unseren Familien vor und schlenderten durch einen mit Bäumen gesäumten Garten, den wir uns zulegen würden, wenn wir denn erst einmal verheiratet waren.
Wir eroberten die sieben Weltmeere, wie Anne Bonny und Jack Rackham.

Noch nie zuvor in meinem Leben fühlte ich mich so stark zu einem anderen Menschen hingezogen. Ich wollte sie berühren und schmecken, am liebsten wäre ich in sie hineingekrochen, um mit ihrer warmen Seele zu verschmelzen und auf immer eins mit ihr zu sein.
Wir schliefen miteinander auf den warmen Pflastersteinen, in diesem wunderschönen Dorf "Straat".

Das laute Knacken eines brechenden Astes riss mich aus den schwarzen Fängen meines traumlosen Schlafes. Ich brauchte mehrere Minuten, bis ich, wenn auch verschwommen, etwas wahrnehmen konnte. Erst waren da nur die stechenden Kopfschmerzen, die meinen schweren Schädel beinahe zerspringen ließen. Doch dann, langsam aber sicher, schälten sich die Umrisse meines eigenen Körpers, der wie leblos auf der Seite zu liegen schien, aus dem nebligen Dunst vor meinen Augen. Ich war völlig nackt.
Noch konnte ich mich nicht vollends bewegen, doch unter großer Anstrengung schaffte ich es schließlich meine Beine anzuziehen und meinen Oberkörper unter Schmerzen vom Boden weg zu stemmen. Ich kauerte nun auf meinen Knien, mein Brustkorb sackte willenlos nach vorne auf meine Oberschenkel, sodass ich beinahe mit meinem Kopf in den schlammigen Boden klatschte. Minutenlang verweilte ich in dieser Position und konzentrierte mich darauf meine Kräfte zu sammeln, als mir ein durchdringender, metallischer, widerlicher Gestank aus der Erde ins Bewusstsein trat. Dieser Gestank war mir nur allzu bekannt, hatte ich ihn, in meinem verzerrten Dasein als Trinker, doch schon allzu oft vernommen. Es war der Gestank von frisch geronnenem Blut, vermischt mit dem Duft von aufgewühlter Erde.


Mein Herz fing an schneller zu schlagen und pumpte nun endlich genug Blut in mein Gehirn, um es zum arbeiten zu bringen. Dass ich splitterfasernackt auf kaltem Erdboden kauerte, wurde mir erst jetzt wirklich bewusst. Sofort schossen mir in schneller Reihenfolge drei Gedanken durch den Kopf. Wo war ich? Wo war die Frau, mit der ich doch eben noch unter der orangefarbenen Laterne gesessen hatte? Und warum roch es hier nach Blut? Üblicherweise war es meins, dessen Geruch ich am Morgen nach einer durchzechten Nacht in der Nase hatte, doch dieses roch anders. Es war süßlicher und roch irgendwie verdorbener. Und wo zum Teufel war die Frau?
Der Groschen fiel spät, aber er fiel.
Unaufhaltbar knüpften meine Gedanken die schlimmstmögliche, doch logische Verbindung dieser zwei Fragen und ich spürte wie mir das Blut in den Adern gefror.
Um mich herum war es stockfinster, sodass ich, selbst wenn ich meinen Kopf hätte anheben können, nichts als absolute Schwärze wahrgenommen hätte.
Doch das wollte ich auch gar nicht. Ich traute mich nicht mehr aus meiner Körperposition heraus, denn mich graute es vor dem Anblick, der mich erwarten könnte, wenn ich den Kopf hob. Es war, als wäre ich in dieser Haltung festgefroren.
Unter der schützenden Hand der Ungewissheit verweilte ich für Stunden, während es um mich herum immer heller und wärmer wurde. Auf einer entfernten Straße konnte ich bald vereinzelt das Hupen von Autos vernehmen. Die Welt schien erwacht zu sein und alles um mich herum ging seinen gewohnten Gang, doch ich verharrte mit geschlossenen Augen und dem Brustkorb auf meinen Knien über dem Erdreich.
Der Gestank wurde indes immer bestialischer und ich konnte hören, ja förmlich spüren, dass sich etwas vor mir bewegte. Etwas begann geschäftig zu arbeiten, sich zu verändern, zu verformen. Vor meinem inneren Auge sah ich Ratten, die sich auf der Suche nach den besten Stücken durch die Eingeweide eines Menschen fraßen. Durch ihre Eingeweide, ich war mir sicher, doch noch zögerte ich die vernichtende Gewissheit hinaus. Die anfängliche Wärme entwickelte sich zu einer erdrückenden Hitze und der Gestank wurde schier unerträglich, doch ich bewegte mich keinen Zentimeter. Ich war gelähmt, festgefangen in meiner irrwitzigen Hoffnung, nur lange genug hier aushalten zu müssen, um dem zu entgehen, was vor mir lag.

So verharrte ich in dieser Position geschlagene zehn Stunden bis ich von einer Spaziergängerin, nahe eines Wanderwegs, zwischen den Bäumen, entdeckt wurde. Nur der liebe Gott selbst weiß, wie ich hier her gekommen war. Ihr gellender Aufschrei bei meinem Anblick und dessen, was unmittelbar vor mir lag, verfolgt mich noch bis heute.
Selbst bei der Festnahme durch die Polizei, gelang es mir in meiner abwärtsgeneigten Position zu verharren und mich dem grauenhaften Anblick zu entziehen, der später in den Medien als „die vollständige Entmenschlichung eines weiblichen Körpers“ beschrieben wurde.
Vor Gericht zeigte man gestochen scharfe Bilder ihrer übel zugerichteten Leiche und ich konnte hören, wie sich die Menschen im Saal übergaben. Sie schrien und verklagten mich wütend als die Verkörperung von allem Bösen.

Ich selbst habe noch immer nicht das Grauen gesehen, das ich dieser wunderschönen Frau antat, denn der Mensch ist in seinem Selbstschutz und im Verdrängen unübertroffen. Und so bin ich noch heute, zweiundvierzig Jahre später, in meiner abwärtsgeneigten Körperhaltung gefangen.

Doch ich sehe sie jede Nacht. Sie lehnt an meiner Zellenwand in dem Schein einer Laterne, der durch das vergitterte Fenster fällt.
Mit durchdringendem Blick sieht sie mich an und ihre blassen Lippen formen lautlos die Worte: „Hey, du!“

 
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Hi LoneSurvivor,

ich habe ein paar Anmerkungen für dich im Gepäck.

bemerkenswert kleine Einzimmerwohnung
Wie bemerkenswert klein ist denn diese Einzimmerwohnung? Hört sich an, als wäre sie bloß 10 qm groß.

in der kleinen Wohnung
Wiederholung.

nach Jahren der Plackerei, quasi zeitgleich mit dem Erreichen seiner wohlverdienten Rente, der Alzheimer gepackt. Nun verbrachte er seinen Lebensabend, schon mit Mitte 60, in einem Altersheim, während er langsam aber sicher von unbarmherziger Vergesslichkeit eingeholt wurde.
Wir sprachen nicht oft darüber, doch hin und wieder verlor ich einen Gedanken an ihn, wenn Robert und ich in der kleinen Wohnung die Zeit genossen, immerhin hatte er uns noch vor ein par Jahren regelmäßig hier besucht.
Nun waren wir auch dieses Jahr wieder dort,
Das dritte könntest du z.B. durch "diesen Sommer/Winter" ersetzen.
Und: "Alzheimer" sowie "von unbarmherziger Vergesslichkeit": ist das nicht das selbe?

in die wunderschöne Berglandschaft

in der wunderschönen Berglandschaft
Wir wissen es schon.

verzaubert , ja
Da stimmt was nicht.

in eine regelrechte Zumutung für meinen Freund entwickelte. Ich wurde fortschreitend gesprächiger,
Du benutzt im Text oft streichbare Füllwörter.


ein ungehobelter Grobian
Ein Grobian ist per se ungehobelt. (Kleiner Zwerg)

Jeder wirft seine Meinung in den Raum, diese wird dann zeitgleich mit lauter Stimme kundgetan
Verstehe ich nicht.
Man wirft seine Meinung in den Raum und gleichzeitig wird sie mit lauter Stimme kundgetan?

will im Grunde nur noch eines ; Trinken.
eines: trinken.

und... hielt auf der Stelle inne.
und ... hielt

In dieser kleinen Gasse
Eine Gasse ist per se eine sehr kleine Straße.
Was soll dann eine kleine Gasse sein?

in diesem wunderschönen Luftkurort
Könntest du noch mehr beschreiben, warum er wunderschön ist.

Dabei belasse ich es erstmal, habe ich doch gesehen, dass du dich mit Kommentaren der Leser wohl nicht gerne befasst, sie im Rundumschlag mit allgemeinen Worten abbügelst beantwortest.

Viele Grüße,
GoMusic

 
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Hallo @LoneSurvivor

Zuerst mal: Lob für dieses Thema. Ich glaube es passiert gar nicht so selten, dass jemand im Knast sitzt und wegen Alkohol eigentlich gar nicht weiß, (bzw. sich nicht erinnern kann), warum er da eigentlich im Knast ist. Ich habe Kontakte zum blauen Kreuz, und darüber ein paar Leute getroffen, die im Knast waren, weil Alkohol im Spiel war. Insofern wirklich klasse, dass Du Dich diesem Thema widmest.

Ich fange mal mit dem Schluß an:

Ich sehe sie bis heute, jede Nacht, in meiner Zelle an der Wand lehnend, wenn ich schweißgebadet aus meinen allnächtlichen Alpträumen hochschrecke.
Mit durchdringendem Blick sieht sie mich an und ihre blassen Lippen formen lautlos die Worte: „Hey, du!“
denn den Schluß finde ich fast gut ;) Ein Vorschlag: streiche die Erklärung raus, dann wirkt es viel intesiver. Also:
Ich sehe sie bis heute, jede Nacht, in meiner Zelle an der Wand lehnend. Mit durchdringendem Blick sieht sie mich an und ihre blassen Lippen formen lautlos die Worte: „Hey, du!“​

Apropos Erklärungen: Ich verstehe, dass Du gerade bei dem Thema Motive und vor allem fehlende Motive erklären möchtest. Das finde ich auch wichtig. Dennoch finde ich die Erklärungen etwas zu viel (wie im Schluß).

Das geht mit der Einleitung los. Die nimmt ein drittel des Textes ein, bevor die Geschichte beginnt - das ist zu viel. Da könntest Du eine Menge Leser auf dem Weg verlieren, weil eben die Geschichte nicht losgeht.

Dann sehe ich viele kleine Punkte:

Wie das Leben eben manchmal so spielt, hatte ihn nach Jahren der Plackerei, quasi zeitgleich mit dem Erreichen seiner wohlverdienten Rente, der Alzheimer gepackt.

Alzheimer ist eine langsam fortshreitende Erkrankung. Du stellst es aber so dar, als ob er in Rente ging und plötzlich Alzheimer hat - das passt nicht.

doch hin und wieder verlor ich einen Gedanken an ihn,
Das im Zusammenhang mit einem Alzheimer-Erkranktem ist wohl ein SuperGau der unfreiwillig komischen, unpassenden Wortwahl :D

... hielt auf der Stelle inne.
Als ich um eine Ecke bog, ...
Textlich passt die Reihenfolge nicht: Er biegt ja erst um die Ecke und hält dann inne. Im Text steht es genau umgekehrt, was unlogisch ist.

Ein betrunkener Trinker will im Grunde nur noch eines ; Trinken.
Ist das so? Ich finde das zu platt, ist trinken nicht das Symptom? Will er nicht "vergessen" - oder irgendwas anderes? Du erzählst ja aus der Ich-Perspektive eines Säufers: Nutze das. Ich finde die Verallgemeinerungen aus der Ich-Perspektive eher als "ich bin doch normal wie alle anderen - ich kann und will das nicht erzählen". Aber wenn er das nicht erzählen will, warum soll ich das dann lesen? Die Verallgemeinerungen habe ich als Klischees ja selber, das muss mir der Säufer nicht sagen - das ist langweilig. Spannender wäre, wenn ich diesen einen Säufer "verstehen" könnte. Verstehst Du was ich meine?

Mein Fazit:
Wie Go Music auch schrieb, solltest Du den Text kürzen. Steich unnötige Füllwörter und unnötige Erklärungen (z.B. lass den kranken Vater des Freundes raus - wazu ist der in dieser Geschichte gut? der lenkt nur auf ein anderes schweres Thema ab)

Ein Vorschlag:

Das Dorf hatte zurecht den Titel „Luftkurort“ verliehen bekommen, denn die Luft dort war tatsächlich bemerkenswert.
Ich fand die Verbindung von der Luft des Ortes zum Gestank der Tat kommt zu kurz.
vielleicht kannst du das als roten Faden für die geschichte nehmen.

Soweit von mir.
Gruß
pantoholli

 
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Hallo,

erstmal vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt, um euch mit meinem Text zu befassen und eure Kritik zu äußern.
Ich habe den Text daraufhin noch einmal komplett überarbeitet und bin mir relativ sicher dass er ein Stück besser ist.

Auf ein par Sachen will ich kurz eingehen:

Wiederholung.
Dass sich viele Worte wiederholt haben, ist mir ebenfalls nach mehrmaligem lesen aufgefallen, ich habe versucht das zu verbessern. Ich bin meistens sehr ungeduldig beim Schreiben und übersehe so etwas, weil ich den Text immer schnell schnell fertig haben will. Das ist wohl grundsätzlich die falsche Herangehensweise...
Eine Gasse ist per se eine sehr kleine Straße.
Was soll dann eine kleine Gasse sein?
Solche Dinge passieren mir wohl auch öfter. Wenn du das nicht herausgehoben hättest, wäre es mir wohl auch nie aufgefallen, wenn ich ehrlich bin.
Du benutzt im Text oft streichbare Füllwörter.
Das habe ich schon oft gehört. Ich persönlich mag das irgendwie, doch vielleicht habe ich damit etwas übertrieben. Bei der Überarbeitung habe ich versucht eine gute Mischung zu finden.
und ... hielt
Da sehe ich für mich keinen Fehler, das ist wohl Geschmackssache. In der neuen Fassung habe ich dafür ein neues wort benutzt.
Dabei belasse ich es erstmal, habe ich doch gesehen, dass du dich mit Kommentaren der Leser wohl nicht gerne befasst, sie im Rundumschlag mit allgemeinen Worten abbügelst beantwortest.
Ich befasse mich sehr gerne mit Kommentaren und der Kririk anderer, sonst wäre ich nicht auf dieser Plattform. Ich picke mir die Dinge raus, die ich für mich anwenden kann und versuche das meist gleich in die Tat umzusetzen. Allerdings gebe ich zu, dass ich andere Plattformen gewohnt bin, wo sich nicht so umfangreich mit dem Text befasst wird. Mit dem Ausmaß hier muss ich noch etwas warm werden.

Das geht mit der Einleitung los. Die nimmt ein drittel des Textes ein, bevor die Geschichte beginnt - das ist zu viel.

(z.B. lass den kranken Vater des Freundes raus - wazu ist der in dieser Geschichte gut? der lenkt nur auf ein anderes schweres Thema ab)
Naja, ich kann dir nicht viel zu sagen außer: stimmt. In der neuen Fassung habe ich den Vater nur beiläufig erwähnt und schon war gefühlt der halbe Text weg.


Alzheimer ist eine langsam fortshreitende Erkrankung. Du stellst es aber so dar, als ob er in Rente ging und plötzlich Alzheimer hat - das passt nicht.

Das im Zusammenhang mit einem Alzheimer-Erkranktem ist wohl ein SuperGau der unfreiwillig komischen, unpassenden Wortwahl

Textlich passt die Reihenfolge nicht: Er biegt ja erst um die Ecke und hält dann inne. Im Text steht es genau umgekehrt, was unlogisch ist.
Das sind auch alles Dinge die mir sonst einfach nicht aufgefallen wären, womit du aber logischerweise Recht hast. Auch solche Dinge habe ich verbessert.


Vielen Dank für eure Bemühungen und eure Tipps/ Kritik.

Über ein kurzes Feedback über die neue Version freue ich mich sehr.

Liebe Grüße,
LS

 
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Hallo LS,

schön, dass du mit meinen Anmerkungen etwas anfangen konntest. Freut mich.

Einiges habe ich noch:

Nun waren wir auch dieses Jahr wieder dort, in der wunderschönen Berglandschaft, die ich nur allzu gerne vergleiche mit dem Auenland aus „Herr der Ringe“. Ja, ich denke das beschreibt ganz gut, welch bildschöne Natur einen dort regelrecht vereinnahmt und mich beinahe gänzlich alle lästigen Probleme des verzehrenden Alltags vergessen ließ.
Das "wunderschön" kannst du streichen, weiter später sagst du ja, wie "bildschön" es dort ist.

hauptsächlich mit Bergsteigen. Abends, oft erschöpft doch zufrieden von den Errungenschaften eines gelungenen Wandertages in den mächtigen Gebirgen, kehrten wir stets in einem gemütlichen Restaurant ein. Wir spielten Karten, aßen königlich und tranken hier und da
Das ist m.E. zu genau. Da steht mathematisch ausgedrückt quasi "zu 80%", "zu 100%" und "zu 30%". Verstehst du, was ich meine?

Nachdem wir, wie bereits geschildert, in gewohnter Manier aus einem Restaurant geworfen worden waren,
"wie bereits geschildert" kann weg. Kürzungen machen den Text einfacher zu lesen, knackiger, prägnanter. So Wiederholungen oder ausschweifende Erklärungen können langweiligen.

„Sollen sie mich doch alle hassen und verstoßen“, redete ich vor mich hin, während ich die Flasche betrachtete, als wäre sie ein Mensch „wir bleiben uns treu.“
Mensch. "Wir bleiben uns treu."

„Scheinbar bin ich wirklich die verlassenste Seele auf dieser gottverfluchten Erde“, dachte ich.
Gedanken formatiert man i.d.R. nicht wie wörtliche Rede. Würde ich kursiv machen.


und ... hielt
Da sehe ich für mich keinen Fehler, das ist wohl Geschmackssache. In der neuen Fassung habe ich dafür ein neues wort benutzt.

Das war ein Mussverständnis. Ich hatte nicht das "hielt" moniert, sondern den Abstand.
Leerzeichen vor den drei Auslassungspunkten, wenn das Wort komplett ist; ohne Leerzeichen, wenn das Wort vollständig ist.
Also:
und ...
unvollständ...


Auf dem schmalen, gepflasterten Weg, den ich, wie mir nebenbei auffiel, noch niemals gesehen hatte, obwohl ich dieses Dorf damals in und auswendig zu kennen glaubte, stand im orangefarbenen Licht einer Straßenlaterne eine Frau.

Obwohl ich sie gestochen scharf vor meinen Augen sehen kann, wenn ich an sie denke, vermag ich weder ihre Schönheit, noch das Gefühl, das sie in mir auslöste, richtig zu beschreiben.
Ich finde deine Sätze oft viel zu lang. Klingt wie bei alten Texten. Zu viele Kommas, Nebensätze, eingeschobene Hauptsätze verkomplizieren alles nur.
Oft kannst du besser zwei Sätze draus machen.

Sie trug lediglich eine verwaschene Jeanshose und eine rote Bluse, nichts auffallend hübsches.
nichts auffallend Hübsches. (Substantiviertes Adjektiv.)

sagte: „Hey, du“
sagte: Hey, du."

was sie im Moment am Meisten brauchten; einen Trinkgefährten.
am meisten brauchten: einen Trinkgefährten.

Wir schliefen miteinander, in dem orangefarbenen Licht der Laterne, auf den warmen Pflastersteinen, unter dem sternenklaren Nachthimmel in diesem wunderschönen Dorf „Straat“.
Adjektiv-Overkill :-)

sodass ich beinahe mit meinem Kopf in den schlammigen Boden klatschte.
Wo kommt der Schlamm her? Habe ich den Regen beim Lesen verpasst? ;-)

geschlagene 10 Stunden
zehn Stunden
(Empfehlung : in literarischen Texten Zahlen bis 12 ausschreiben.)

selbst weiß,wie ich
weiß, wie

Ihr gellender Aufschrei bei meinem, und dem Anblick dessen, was unmittelbar vor mir lag, verfolgt mich noch bis heute.
Hier hast du mich mit dem komplizierten Satz verloren.
"bei meinem"? Bei meinem was denn? Anblick?

der später in den Medien als; „die vollständige Entmenschlichung eines weiblichen Körpers“, beschrieben wurde.
Semikolon raus, Komma raus

Doch ich selbst habe noch immer nicht das Grauen gesehen, dass ich dieser wunderschönen Frau antat,
, das ich

Hin und wieder sehe ich aus einem Augenwinkel ihre Silhouette in den Schatten meiner Zelle.
Lächelnd flüstert sie dann: „Hey, du“
"Hey, du."

Wünsche dir einen guten Start ins Wochenende.
Liebe Grüße, GoMusic

 
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Hallo nochmal,

In der neuen Fassung habe ich den Vater nur beiläufig erwähnt und schon war gefühlt der halbe Text weg.
Wenn wirklich der halbe Text weg ist, dann bist Du beim ghobenen Level des Kürzens angelangt :D
Ich kann das verstehen, dass einem das Kürzen weh tut ;)
Es geht in die Richtung: Was ist Dir am Text wichtig - Du bist (und bleibst) der Autor.

Du benutzt im Text oft streichbare Füllwörter.
Das habe ich schon oft gehört. Ich persönlich mag das irgendwie, ...
Ein Gedanke dazu: Wenn Du solche Füllwörter zu inflationär verwendest, werden sie unbedeutend. Dann wirkt ein Text geschwätzig - das kann hier sogar passedn sein, wenn mir ein Alkohiker was vorlabert ;) Aber wenn diese Füllwörter und Adjektive sparsamer verwendet werden, dann hat das einzelne Wort mehr Gewicht.
Liegt in Deinem Ermessen, wie Dein Text "wirken" soll. Wir merken dass halt an, weil Leser bei einem geschätzigem Text schneller aufhören, also gar nicht bis zuende lesen.

Ich lief und ich trank. Immer und immer weiter, bis ich schließlich in eine schummrig beleuchtete Gasse bog und ...erstarrte.
Das mit den 3 Punkten und den Leerzeichen hatte goMusik schon erklärt.
Aber hier können sie auch weg. Einfach so - der Satz verliert ohne die drei Punkte nichts an Bedeutung.
Ein weiteres Beispiel:
Durch den dichten Schleier vor meinen Augen schien sich mir plötzlich die Pforte zum Himmel aller einsamen Betrunkenen zu öffnen.
Woher kommt eigentlich der Schleier vor den Augen? Wieso sieht er nicht einfach die Frau? Mit dem Schleier würde er erstmal ein Schema erkennen, dann eine Person und vielleicht ganz am Ende eine Frau. --> kann also weg, der Schleier - macht die Szene klarer ;) So ist der Schleier eher verwirrend - wenn er das nicht gleich klar erkennt, wieso erstarrt er dann plötzlich, usw.

Zum Schluß:

Hin und wieder sehe ich aus einem Augenwinkel ihre Silhouette in den Schatten meiner Zelle.

Lächelnd flüstert sie dann: „Hey, du“


Ich finde, das Sehen und Hören gehört zusammen - also mich stören die Zeilenumbrüche.
Und ich fand die vorige Version (ohne die Erklärung) besser. Mit den "Augenwinkeln" und der "Silhouette in den Schatten" versuchst Du dem Leser zu erklären, dass das nicht Real ist - das versteht der Leser aber auch so. So is der Schluß so verwaschen. Ein klares Bild wirkt einfach mehr -hey, er verzerrt die Realität, in dem er die Beweisfotos nie real wahrnimmt, aber sein Albtraum wird dadurch von Jahr zu Jahr realer - für ihn - das ist Hölle. Aber so: er sieht einen Schatten. Ach Jo - dann sieht er halt nen Schatten - sehe ich auch oft, wenn die Sonne scheint. Ich hoffe Du verstehst, was ich meine.

soweit heute nur kurz.

Gruß
pantoholli

 
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Auf dem schmalen, gepflasterten Weg, den ich, wie mir nebenbei auffiel, noch niemals gesehen hatte, obwohl ich dieses Dorf damals in und auswendig zu kennen glaubte, stand im orangefarbenen Licht einer Straßenlaterne eine Frau.

ch finde deine Sätze oft viel zu lang. Klingt wie bei alten Texten. Zu viele Kommas, Nebensätze, eingeschobene Hauptsätze verkomplizieren alles nur.
Oft kannst du besser zwei Sätze draus machen.
kann ich nachvollziehen. Wenn man es mit Betonung vorgelesen bekommt, klingt es meiner Meinung nach sehr gut und ist nicht so plump. Als Leser, der den Text zum ersten Mal liest, ist es wahrscheinlich verwirrend und anstrengend.


Wir schliefen miteinander, in dem orangefarbenen Licht der Laterne, auf den warmen Pflastersteinen, unter dem sternenklaren Nachthimmel in diesem wunderschönen Dorf „Straat“.

Adjektiv-Overkill :-)
Oh, man...Gut, dass du den Satz markiert hast. Ich glaube der ist ein Paradebeispiel für meine etwas unnötig "darstellende" Art zu schreiben. Ich habe während dem schreiben immer das Gefühl der Text wirkt zu "simpel" ohne lange Sätze mit Füllwörtern, doch anscheinend ist das nicht so. Was pantoholli dazu gesagt hat, hat mich überzeugt.
Ein Gedanke dazu: Wenn Du solche Füllwörter zu inflationär verwendest, werden sie unbedeutend. Dann wirkt ein Text geschwätzig

Durch den dichten Schleier vor meinen Augen schien sich mir plötzlich die Pforte zum Himmel aller einsamen Betrunkenen zu öffnen.

Woher kommt eigentlich der Schleier vor den Augen? Wieso sieht er nicht einfach die Frau?
Der Schleier vor den Augen kommt auch einfach nur von meiner Vorstellung, den Satz damit besser(so von wegen länger= besser) zu machen, er hat eigentlich keine wirkliche Rolle für die Geschichte. Dass dem nicht so ist, habe ich jetzt verstanden anhand eurer Beispiele.
Ich denke, das ist mein hauptsächliches Problem und an dem werde ich arbeiten.

Alle Grammatik und Formfehler verzeihe ich mir mal, denn das war noch nie meine Stärke, ich hab in der Hinsicht nur das stumpfe Basiswissen aus der Schulzeit.
Doch alles, was ihr angekreidet habt, habe ich verbessert.
Vielen Dank dafür!

Nun möchte ich euch nicht weiter mit meinem Text aufhalten und sage abschließend:

Vielen Dank für die Tips/Kritik/Hilfe !!

Ich wünsche ein schönes Wochenende!

LS

 
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08.04.2021
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Hi @LoneSurvivor, ich fand den Erzähler der Geschichte gut. Auch die Einleitung hat mir irgendwie gefallen, auch wenn man sie ja immer kurz halten sollte. Lang war sie ja auch nicht, aber einfach angenehm.
Das Ende war nur etwas plump.
Gerne gelesen. Gruß

drohte das Fass überzulaufen
War das Fass bewusst oder unbewusst? Ist doch eine lustige Analogie zum Trinken.
Zwar konnten wir eine ernsthafte körperliche Auseinandersetzung noch gerade so vermeiden
Wäre er hier beinahe auf einen Rollstuhlfahrer losgegangen?

 

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