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- 19.05.2015
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If you're going to San Francisco
Jill findet Jen vor der Einfahrt zum Parkhaus gleich gegenüber dem Hilton. Ein gefährlicher Ort, weil er keinen duldet, der stinkt und auf der Straße lebt. Die Portiers tragen Zylinder, coloured people. Sie rufen die Cops, wenn sie jemanden sehen, der nicht hergehört. Leute wie Jen und Jill nennen die Livrierten Zombies und hassen sie umso mehr, wenn sie farbig sind. Jen lehnt an einem Mülleimer und streitet sich mit einer Taube um Brotkrümel, die auf dem Asphalt verstreut sind.
„Was ist los?“, fragt Jill.
„Nichts. Ich sitze hier.“
„Du darfst hier nicht sitzen, das weißt du?“
„Vielleicht. Aber ich kann nicht aufstehen.“
„Was hast du genommen?“
„Joe hat mir was geschenkt. Hab ich gebraucht. Ich war hungrig.“
„Ach, du. Los jetzt!“
„Ich kann nicht.“
„Du musst, ich helfe dir und bringe dich nach Hause.“
Also zieht Jill an Jens Schultern, stützt sie. Sie überqueren die Straße, verlassen die O’Farell, bis sie in eine der Seitenstraßen zwei Blocks weiter biegen.
Sie teilen sich das Zelt zu dritt, Joe und Jen und Jill. In den Seitenstraßen reihen sie sich aneinander, die Unterkünfte der Menschen, die keine Heimat mehr haben. It never rains in California. Nur die Nächte sind manchmal kalt, besonders wenn der Wind durch die Straßen fegt. Joe zuckt und windet sich, der ganze Körper, die Glieder verrenken sich in bizarren Posen. Er hat Jen etwas zugesteckt. Seither sind beide weggetreten. Jill flucht, als sie die Plane beiseiteschiebt. Sie rüttelt an den Schultern Jens, die ihre Augen kurz öffnet und sie dann wieder zukneift.
„Was hat der Dreckskerl dir gegeben?“
„Ich weiß nicht.“
Jill streicht Jen über die Stirn. „Du hast Fieber.“
„Ach was, das wird schon. Du weißt doch, eine wie ich, der passiert nichts. Außerdem war ich Krankenschwester, damals, das weißt du doch, Jill.“
„Ja, weiß ich. Trotzdem hast du Fieber.“
„Fieber, was ist schon Fieber. Was macht Joe?“
„Was er immer macht, schlafen und schnarchen, bis er aufwacht und in die Nacht verschwindet.“
„Könnte niemals nachts draußen sein. Wegen der Monster und all dem. Ich möchte mit dir im Meer baden.“
„Wenn du wieder fit bist, Jen. Ich muss gleich noch mal los.“
„Was hast du vor?“
„Was zu essen besorgen, Getränke, was sich so findet.“
„Wohin gehst du?“
„Zu den Piers.“
„Zu den Seehunden?“
„Komm ich bestimmt dran vorbei.“
„Auch an den Strand?“
„Denk schon.“
„Gestern habe ich mit meinen Eltern telefoniert, nur kurz, einer hat mir einen Dollar gegeben, als ich ihm meine Brüste gezeigt habe. Bin dann abgehauen, als er mehr wollte. Und dann dachte ich mir, ich rufe Ma an. Und dann habe ich mich an Marthas Wineyard erinnert, an den Sommer vor 15 Jahren. Da habe ich Muscheln gesammelt. Na ja, jedenfalls habe ich keine von den Muscheln mehr. Also, wenn du an den Strand gehst, kannst du mir eine Muschel mitbringen, bitte. Ich schaff’s selbst gerade nicht. Zu weit für mich.“ Jen kauert sich zusammen, rollt sich ein und hält die Hände vors Gesicht.
Jill nickt ihr zu. „Ich bring dir eine Muschel vom Strand, kein Problem, wollte sowieso auf’s Meer und auf die Brücke schauen.“
Jen antwortet nicht. Früher hat sie getanzt und damit Geld verdient. Jetzt hat sie Pusteln im Gesicht und bewegt sich nur noch mühsam, unkontrollierte Bewegungen, was Crack, Fenty, Oxy mit sich bringen. Die Verwandlung hat eingesetzt. Wie die anderen, die schon lange auf der Straße wohnen. All das macht was mit einem. Joe heißt eigentlich Josephine. Er wird verprügelt, weil er keine Frau sein will, weil er sich frei entschieden hat.
Bevor sie die Mall betritt, zupft sie die Kleider zurecht. Es ist wichtig, sauber zu sein, gewaschen. ein Shirt ohne Flecken zu tragen. Jill hat eine Freundin, die in einem Hotel arbeitet. Eigentlich keine richtige Freundin. Sie kennt sie von früher, von damals, als sie die Wohnung noch hatte, vor dem Chaos, der Trennung von Jack, dem Absturz, dem Rauswurf bei der Cheesecake Factory. Sie mochte den Job in der Küche, gerade weil es hektisch war. Einmal in der Woche wartet sie am Hotel, bis Sally rauskommt und sie in eins der Zimmer schleust, wo sie duscht und die Kleidung wechselt. Die Wäsche aus der Hotel-Laundry riecht nach einer Brise Sommerwind. Heute war sie dort. Sally lächelte sie an, auf ihrer Ebenholzhaut spiegelte sich das Licht. Jede farbige Frau ist schön, jede.
Jill beobachtet zwei Mädchen, die vor dem Schild mit der Aufschrift „Pier 39“ posieren, die Haare zurückwerfen, das Instagram-Lächeln zeigen, um ein perfektes Bild hinzubekommen. Zwischen Shops mit Hüten und T-Shirts, Restaurants, indisch, italienisch, befinden sich Geschäfte, in denen Schmuck aus Gold, Silber, Platin verkauft wird; welche, die Wildwesthüte, Federschmuck und Lederhemden anbieten. Vor dem Burgerking führt eine Holztreppe zu dem Pier, wo die Seehunde auf den Anlegestellen liegen.
Sie schlängelt sich durch die Drehtür und schaut sich um. Bei Familien mit kleinen Kindern ist es am einfachsten zu betteln. Als Vater oder Mutter hat man ein guter Mensch zu sein. In einer Ecke sitzen zwei Paare mit jüngeren Kindern. Der Tisch quillt über, die Münder sind verschmiert. Mixed races, schwarz und weiß vereint. Ein beleibter Mann mit Glatze erzählt etwas, worüber die anderen lachen. Jill nähert sich und bleibt vor ihm stehen.
„Entschuldigung, Sir, darf ich Sie etwas fragen?“
„Ja, klar, was gibt’s denn?“
„Ich brauche etwas zu essen. Können Sie mir und meiner Freundin helfen?“
„Ich sehe keine Freundin.“
„Sie ist schwach, wissen Sie.“
„Wohnt auf der Straße, was?“
„Bitte, wir haben Hunger.“
Der Mann blickt zu den Kindern: „Jungs, was sagt ihr, holen wir der Lady Burger?“ Die Kinder grinsen und halten die Daumen hoch. „Okay, dann geht mal los an die Theke und bestellt was.“
Jill schaut ihnen hinterher, erkennt die Fünf-Dollar-Scheine. Der Junge hat die Haare gegelt und zur Igelfrisur geformt. Nach einer Weile kommen sie zurück. Das Mädchen trägt eine Tüte und der Junge die Pappkrone, die Geburtstagskindern aufgesetzt wird. Sie wartet. Das Kind öffnet den Papierbeutel, nimmt einen der verpackten Burger heraus und schleudert ihn unter einen der freien Tische. „Schnapp dir das Futter“, ruft es und lacht.
Ihre Augen irren für einige Momente zwischen dem Mädchen und den anderen Gästen hin und her. Dann steht sie auf, kriecht unter die Tischplatte und nimmt sich das Päckchen. Sie versteht nicht, was die Eltern zu ihren Kindern sagen, aber der zweite Burger landet hinter einer Eckbank, sodass Jill ihn mit ausgestreckter Hand hervorfischen muss.
„Reicht jetzt, genug gespielt“, ruft der Vater.
Sein Bauch bewegt sich beim Sprechen, als ob Flüssigkeit darin wabere.
„O.k. Pa!“
Sie kniet, die beiden Burger im Schoß. Die Kinder grinsen und tänzeln auf sie zu. Das Mädchen reicht ihr die Tüte, hält Abstand, öffnet die hellblauen Augen weit und zeigt ihr Sommersprossenlächeln. Ein Duft aus Fritten, Weizenbrötchen, Fleisch und Tomate weht ihr entgegen. Durch das Papier dringt Wärme.
Der Junge stellt sich vor sie hin und stülpt ihr die Krone auf den Kopf. „Wenn Du Geburtstag hast, darfst du sie tragen. Dann bist Du eine Königin.“
Jill bewegt sich nicht, richtet sich auf. Königinnen gehen gerade durch das Leben. Sie blickt nicht zurück, steigt die Treppen empor und wieder herab, um die Seehunde zu beobachten, die am Pier auf Anlegestellen liegen, ungewaschen, stinkend. Menschen, viele Kinder beugen sich über die Brüstung, damit sie die Tiere besser betrachten können. Jill steht abseits. Vom Meer her weht Wind. Die Bucht bietet einer Menge von Schiffen Platz. Wie lange dauert die Reise auf dem Pazifik, bis man Hawaii oder Japan und vielleicht sogar Tahiti erreicht? Nach einer Weile verlässt sie den Pier. Die Krone behält sie auf.
„Warum hast du jedes Jahr an Weihnachten Dienst?“
„Habe ich nicht.“
„Hast du doch.“
„Nein!“
„Was war letztes Jahr und vorletztes Jahr?“
„Ich war an Weihnachten immer bei der Familie.“
„Und dann kamen die Anrufe, weil einer krank war.“
„Na ja, da kann man nichts machen. Ich bin Polizist, vergessen?“
„Du verdrehst die Wahrheit.“
„Du weißt doch, dass diese Konferenz stattfindet, Weihnachtsempfang der Tech-Branche.“
„Und?“
„Scheiße, ich kann’s nicht ändern.“
„Keine Fäkalsprache vor Kindern.“
„Entschuldigung.“
„Also wie sieht’s aus, Dan?“
„Am 25. habe ich frei, am 23. und 24. Dienst.“
„Bleibt wieder alles an mir hängen.“
„Komm schon, Liza, tut mir leid.“
„Tut mir leid, tut mir leid, wie oft habe ich das gehört.“
„Du weißt, dass ich dich und Violet über alles liebe.“
„Ach, du, Dan!“
„Ich will die Seehunde sehen, Dad“, ruft die kleine Violet und zupft am Ärmel ihres Vaters.
„Klar, was hältst du von ein paar Burgern? Danach besuchen wir die Seehunde.“
„O ja, gute Idee, Dad!“
Am Eingang des Burgerkings kommt ihnen eine Frau in Minirock und Hoody entgegen und stößt Dan fast um. Sie trägt eine Pappkrone und murmelt leise eine Entschuldigung. Es gelingt ihr gerade so, die Burgertüte nicht fallen zu lassen.
„Schaut mal!“, ruft Violet und geht ihr entgegen.
„Violet! Leute wie die darfst du nicht anfassen.“
„Wieso?“
„Die lebt auf der Straße, sieht man doch gleich.“
„Mm, aber sie trägt eine Krone.“
„Und abgelaufene Schuhe und sie schaut wirr. Erkennst du am Blick. Wer weiß, was Du Dir holst, wenn Du ihr zu nahekommst.“
„Vielleicht ist sie eine verzauberte Königin.“
„Still jetzt, Schätzchen. Wir essen was und gehen zu den Seehunden, gut?“
Jill trägt die Krone, schreitet aufrecht die Highbury auf und ab. Braungebrannte Beine ragen aus dem Mini heraus, eine große, stolze Frau. Sobald sie einen ihrer Gefolgsleute trifft, bleibt sie kurz stehen, flüstert, gestikuliert und erklärt die Performance, die an Heiligabend stattfinden wird. Alle, mit denen sie spricht, leben auf der Straße wie sie, Knochengestalten, schwankend, vom Schicksal verfolgt, Verlorene wie sie selbst, die ihre Hoffnungen mit Oxy und Fenty betäuben; welche, die niemand sieht, vor denen die duftumwehten Bürger die Augen senken, Abschaum, den man ignoriert, der in die Gullys geleert, in den unterirdischen Kanälen vergessen wird.
Die Königin ruft ihre Zombie-Armee zusammen. Sie hat einen Plan: ein Zeichen setzen, das keiner ignorieren kann. Siebenmal geht Jill die Straße auf und ab, bevor sie im Nebel verschwindet, runter zur Bucht, wo die Möwen kreisen, die Seehunde schreien und der Wind pfeift. Im Hintergrund steigt die Stadt in steilen Windungen empor, dazwischen die Häuser aus Licht und Gier, Blasen, die zum Himmel streben. Am Horizont scheint die Brücke zu schweben, ein goldenes Symbol, das Ziel der Königin und ihrer Leute.
Dan verlässt mit seinen Kameraden Chinatown, fährt durch den Tunnel und zwischen den Hochhäusern von Apple, Google, Oracle, Facebook, Tesla und all den anderen den Union Square entlang bis zum Hilton in der O’Farell-Street. Sie parken den Ford Crown Victoria des SFPD direkt vor dem Hotel wie jeden Tag. Der Portier begrüßt sie mit einem Kopfnicken. Er heißt Steve, arbeitet in der Tagschicht und wohnt nicht weit von Dan. Mit 46 Stockwerken ist es zwar bei Weitem nicht das höchste Gebäude der Stadt, aber die Rooftop-Bar bietet einen spektakulären Blick. Wenn das große Erdbeben kommt, werden die Häuser einstürzen, die hohen und die niedrigen. Dan hat gelesen, dass es irgendwann passieren wird. Wann, weiß keiner genau. Leroy holt Kaffee für alle. Er ist der jüngste im Team, keine zwanzig Jahre alt, ein Athlet, hochgewachsen, farbig, ein schöner Mann, der die Narben des Dienstes noch vor sich hat. An der Bar sitzen einige Männer vor ihren ersten IPAs, glotzen auf ihre Handys und die Bildschirme mit den Sportübertragungen, Baseball, Tennis. Der Tag heute war ruhig. Ein Ladendiebstahl in Chinatown, ein Penner, der allzu laut um ein Paar Dollars gebettelt und einen Geschäftsmann am Kragen gepackt hat, dann aber hingefallen ist, weil er zugedröhnt war. Einer der sich nach unten beugt, die Sonne nie zu sehen bekommt. Dan sagte zu Leroy, dass er dem Kerl eins verpassen muss, ihn aber auf gar keinen Fall ohne Gummihandschuhe berühren darf. Man wisse nie, was man sich holt, wenn man einen Zombie anfasst. Für einen Moment hat er an seine Tochter gedacht, an Violet, und in welcher Welt sie aufwächst und dass sie so vieles nicht kennt, fragte sich, was aus ihren glänzenden Augen wird, wenn sie mit dem Elend in Berührung kommt, das er jeden Tag erlebt. Den Kerl in dem feinen Anzug nahm er sich vor und erklärte ihm, dass er die Reinigung des Anzugs wohl selbst bezahlen und die Risiken einer etwaigen Ansteckung tragen müsse. Er rate ihm, einen Arzt aufzusuchen, wenn er sich Sorgen mache. Sie würden die Personalien des Angreifers erfassen, aber bei dem sei nichts zu holen. Dan zuckte die Achseln, als der Mann nach seinem Namen und der Dienststelle fragte.
„Hast du den Kerl gesehen, als ich ihm gesagt habe, dass er die Rechnung für die Reinigung selbst zahlen muss?“
„Weißer alter Mann!“
„Wie wir!“
„Der Typ hätte den auch beißen können, mm?“
Leroy hält sich raus, muss noch lernen, dass es rau zugeht bei den Cops und trotzdem sagt er, während die anderen feixen und sich gegenseitig auf die Schultern klopfen: „Das sind arme Schweine, ganz arme Leute, die tun mir leid.“
„Spar dir dein Mitleid auf, wenn dir einer in die Fresse schlägt, weil ihm deine Hautfarbe nicht passt.“
„Trotzdem. Die haben doch auch mal gelebt, hatten Familie und Freunde.“
„Nein, die sind nichts, gar nichts. Wenn einer von denen verreckt, dann kümmert das keinen, ist gut für alle anderen, einer weniger.“
„Du spinnst!“
„Denk nach, Junge.“
„Und wenn du selbst unter die Räder kommst?“
„Wird nicht passieren!“
Unterdessen trifft eine Gruppe von Geschäftsleuten ein, alle mit demselben Rucksack, fettes Firmenlogo dran, worin sich die Give-Aways, das Motivationspaket für die nächsten 60-Stunden-Wochen befinden. Männer und Frauen klatschen sich ab, tragen dunkle Anzüge, Hemd, krawattenlos, die Frauen Kostüm, schwarz, Nylons, Pagenfrisur. Manche umarmen sich zur Begrüßung. Einige drängen zur Rezeption, um die Zugangskarten für ihre Zimmer zu bekommen. Andere setzen sich und klappen den Laptop auf, um eine Mail zu schreiben, Gedanken, was auch immer zu formulieren.
Langsam löst sich die Nacht auf, aus Grau wird Rosa und die ersten Sonnenstrahlen erleuchten die Bay. Das gekräuselte, schwarze Wasser, nimmt die Farbe des Tages an. Im Hintergrund erheben sich die Türme der Stadt. Die Golden Gate Bridge wölbt sich über die Bucht, die Konturen werden klar sichtbar. Der Wind hat nachgelassen, ein leises Säuseln von Sausalito her, das über das Meer rauscht.
Auf den Fußgängerwegen auf beiden Seiten des High-Ways über die Brücke hat sich eine stille Menge versammelt, eine Armee, angeführt von ihrer Königin.
„Roy, das Ding läuft so: Du schleichst Dich mit den anderen zum Pfeiler, bestreichst Hände, Beine und Rücken mit Kleber, kletterst die Leiter hoch und hängst dich auf. Verstanden?“
„Warum auf den Rücken, das ist scheiße. Dann sehen mich alle.“
„Genau darum geht es.“
„Warum?“
„Die Welt soll euch sehen, klar! Sie müssen wissen, dass ihr keine Zombies seid, die man schubsen und treten kann.“
„Wo ist Karen?“
„Die muss gleich kommen.“
„Soll sich neben mich hängen.“
„Wird sie schon, bin ich sicher.“
„Glaubst du?“
„Absolut.“
„Und vergiss nicht: Dir kann nichts passieren. Die Königin wird da sein und die lässt euch nicht im Stich. Keinen von euch!“
„Ich weiß.“
„Jeder einzelne ist wichtig und du ganz besonders. Jeder liebt dich.“
„Karen auch?“
„Karen auch. Wann hast du zuletzt was eingenommen.“
„Heute nicht.“
„Gut. Es wird alles gut, Roy.“
„Hast du Höhenangst?“
„Nee, wollte schon immer mal Fallschirm springen.“
„Dir geschieht nichts, Roy, verstanden!“
„Außerdem sehe ich dort oben aus wie der verfickte Jesus.“
Die Königin lacht so schallend, dass ihr beinahe die Krone vom Kopf fällt, dann wird sie wieder ernst.
„Cool bleiben, was auch passiert, Roy. Es ist Weihnachten.“
„Ay, Mistress!“
„Dann kann’s losgehen.“
„Ja, klar. Ich habe noch was für dich, Jill. Beug dich mal zu mir herab, bitte.“
Roy zieht einige Blumen, Tulpen, Astern, sogar zwei Rosen sind dabei, aus einer Walgren-Plastiktüte, biegt die Stängel und schmückt die Zacken der Krone.
„Was soll denn das Roy, mm?“, sagt Jill und streicht ihm über die Wange.
„Na ja, ich habe mir gedacht, das ist schön. If you’re going to San Francisco. Du weißt schon.“
„Du bist so was von kitschig.“
„Na und?“
„Kommst du zurecht, Roy?“
„Auf jeden Fall. Und danke, Jill!“
Leitern stehen bereit. Leute helfen den Frauen und Männern, die sich an den Brüstungen ankleben lassen, nach oben, verteilen den Klebstoff, winden Seile um sie, spannen sie so, dass sie fest an den Stahlstreben hängen.
Andere übersteigen die Zäune, die Rad- und Fußwege von der Fahrbahn trennen, und stoppen den Verkehr.
Die Königin ruft Befehle, spricht Mut zu, ragt mit ihrer blumenbekränzten Krone aus der Menge heraus, scheint überall zu sein, wo jemand zögert.
Irgendwann ist das Werk vollbracht. Auf jeder Seite der Brücke sind Frauen und Männer aus der Armee der Unsichtbaren an den Brüstungen befestigt, die Autos stehen, verwirrte Pendler verlassen ihre Fahrzeuge und wundern sich über das, was gerade passiert.
Der Anruf kommt mitten im Gelächter. Dan überhört das Signal beinahe. Anfangs lacht er, dann wird sein Gesicht düsterer.
„Leute, Leute. Hört mir zu. Wir müssen sofort los. Einsatz an der Golden Gate Bridge. Da gibt’s ne Demo oder so was. Sind mit Leitern unterwegs, keine Ahnung, was die vorhaben.“
„Fuck! Warum wir?“
„Weihnachtsempfang der Firmen des Silikon-Valley, Elon Musk und wer weiß, wer noch, wisst ihr doch, die meisten Kräfte sind gebunden, lässt sich nicht ändern. Verstärkung ist angefordert. Wir schaffen das!“
„Na gut, dann los, ausmisten, die Keule schwingen“, sagt einer in der Runde. Alle eilen zur Tür.
Den Cops bietet sich ein bizarrer Anblick, abgerissene Gestalten, krumme Körperhaltung, versehrte Gesichter, gezeichnet von dem, womit sie Wut und Trauer, Not und Furcht betäubt haben. Sie blockieren die Fahrbahn Hand in Hand. Dan reibt sich die Augen, als er entdeckt, dass welche an den Pfeilern der Brücke hängen, als würden sie schweben, festgeklebt, angebunden mit Blick zur Bucht und zum Meer dort oben in der Höhe, windumtost.
Aus der Menge ragt eine Frau mit einer Krone auf dem Kopf heraus. Sie ruft Befehle und bemerkt die Cops. Dan geht auf die merkwürdige Frau zu. Um die Zinken ranken Blumen. Die Blumen sehen schon etwas zerfleddert aus, aber die Blüten leuchten rot und gelb. Etwas hält ihn zurück, ihren Arm zu ergreifen. Ihre langen, nackten Beine wirken bleich. Sie ist größer als er, trägt Sneakers. Grüne Augen blitzen ihn an, als wollte sie fragen, warum er sie und ihre Leute bei der Arbeit störe.
„Was ist das hier? Wozu das alles?“
„Was sehen Sie?“
„Eine gesperrte Fahrbahn und einen illegalen Menschenauflauf.“
„Sie müssen genauer hinschauen, Sir.“
„Okay, ein paar hängen an den Pfeilern. Aber was soll das alles?“
„Sie müssen die Augen aufsperren. Was Sie erleben, ist eine Performance, und ich bin die Königin, kapiert?“
„Ich werde die Straße räumen, kapiert?“
„Es ist Weihnachten und jeder soll uns sehen.“
„Was Sie hier veranstalten, ist widerrechtlich!“
„Es ist Kunst, schon mal von gehört, Officer?“
„Straße blockieren, Menschen gefährden, sich anketten oder besser gesagt, andere zum schweren Eingriff in den Straßenverkehr anstiften. Kunst, klar, das erklärt dann, dass Sie die Freiheiten Ihrer Mitmenschen einschränken, mm?“
„Klingt auswendig gelernt, Officer!“
„Lady, Sie und Ihre Leute blockieren die Straße. Schauen Sie sich doch um: Pendler, die zur Arbeit fahren.“
„Fein, dass sie Arbeit haben.“
„Wir können das ganze friedlich lösen.“
„Ich bin Künstlerin, verstehen Sie das, Officer?“
„Sind Sie die Anführerin oder so was, ich meine wegen der Krone und so.“
„Wir sind viele.“
„Warum das alles?“
„Damit man uns sieht!“
„Lady, bald werden mehr Cops da sein.“
„Gut, lässt sich nicht ändern.“
„Ich werde Sie festnehmen, wenn Sie den Leuten nicht befehlen, nach Hause zu gehen.“
„Nach Hause?“
„Ja.“
„Wir haben kein Zuhause, schon vergessen, Sir?“
„Das muss beendet werden!“
„Wir werden uns wehren. Wir sind viele!“
„Mal sehen, wie es ausgeht, Lady, mal sehen.“
„Es ist Kunst.“
„Genug geredet!“
„Sie halten uns nicht auf, Officer!“
Dan löst die Handschellen von seinem Gurt. Leroy steht neben ihm. Er hat das Gespräch verfolgt und den Knüppel fest gepackt. Im selben Moment peitschen Schüsse über die Straße. Er wendet den Blick von der Königin ab und sucht nach der Ursache des Knallens. Ein Kerl in Jeans und Cowboystiefel, einige Meter entfernt, hält ein Jagdgewehr in der Hand, fuchtelt mit dem Lauf hin und her, schießt unablässig in die Luft und schreit. Laute, Worte, Sätze, die keiner versteht. Leroy und Dan eilen zu ihm, bahnen sich einen Weg zu dem Mann. Die Königin eilt zur Brüstung, zu den Gekreuzigten.
Dan hält für einen winzigen Moment inne. Sein Blick wandert zu den Autofahrern, den Zombies und zu denen, die auf der Brüstung festgeklebt sind. Wie lange würde das gut gehen? Es gibt keinen Plan für eine Lage wie diese. In all den Jahren war nie so etwas passiert. Schließlich bemerkt der Mann mit dem Gewehr die Cops, senkt die Waffe und grinst unschuldig.
Die Königin spürt die Menge, ein wogender Organismus. Journalisten halten ihre Kameras auf sie und ihre Leute und besonders auf die Gekreuzigten. Die Cops drängen die aufgebrachten Autofahrer mühsam zurück. Rufe, Wut, Adrenalin jagen über die Brücke hinweg wie der Wind, der jetzt zugenommen hat, das Salz des Meeres mit sich trägt und die Haut der Menschen bestäubt. Der Anführer der Cops, dieser Dan, der Mann, der am Pier war, als sie sich die Krone geholt hat, dirigiert seine Mannschaft. Seine Augen sind so blau und warm. Er muss ein guter Vater sein, vielleicht sogar ein guter Mensch.
Jill läuft auf ihn zu, stellt sich hinter ihn. Dan dreht sich sofort um, als ob er den Lufthauch spüren würde, der von der Königin ausgeht. „Wir werden abziehen“, sagt sie und blickt ihn an.
„Wird auch Zeit, bevor das hier aus dem Ruder läuft.“
„Alle haben uns gesehen. Das ist das Wichtigste. Jetzt müssen wir uns wieder irgendwie ums Überleben kümmern, Sie wissen schon. Aber egal, Sie lassen uns in Ruhe abziehen, einverstanden? Haben wir einen Deal, Officer?“
Dan schüttelt den Kopf: „Eine Frage noch, Lady.“
„Ja?“
„Sie meinen es ernst, oder?“
„Was?“
„Das mit der Kunst und all dem.“
„Ja!“
„Ich meine nur so: Ich habe es gesehen.“
„Wirklich?“
„Wenn das Licht auf die Brücke fällt, dann scheint sie von innen heraus zu brennen.“
„Sie haben gute Augen, Officer.“
„Ach was, Lady. Manchmal sehe ich was, manchmal bin ich völlig blind. Ja, wir haben einen Deal.“
Die Königin lacht.
Jetzt hat Jill es eilig, ist plötzlich überall, bei den Leuten, die die Straße blockieren, bei denen, die an den Brüstungen auf die Gekreuzigten aufpassen. Die Leitern werden angelegt, der Kleber mit Olivenöl gelöst, die Seile, die zusätzlichen Halt geboten haben, abgestreift.
Währenddessen erklären die Cops den Autofahrern, dass der Spuk bald vorbei, dass es nur noch ein paar Minuten dauere, bis die Straße frei sei. Und dann könne alles seinen normalen Gang gehen, die Pendler könnten zu ihren Arbeitsstellen fahren, die Weihnachtsfeiern besuchen, was auch immer sie in San Francisco vorhatten.
Die Journalisten filmen, was sie vor die Linse bekommen. Die Farbe der Golden Gate Bridge ist in Wahrheit bräunlich und nur in seltenen Momenten, wenn sich eine scharfe Sonne über sie ergießt, reflektiert vom Wasser und den Wellen und den Hoffnungen der Menschen, die in die Stadt hinein- und herauseilen, wenn der Glaube groß ist, entdeckt man einen goldenen Hauch.
Als sich die Truppen der Königin auf der Fahrbahn versammelt haben, sie umringen wie eine antike Armee, die in die Schlacht und aus ihr herausgeführt werden muss, richten sich die Blicke auf Jill, die Königin mit der Pappkrone. Anstatt etwas zu sagen, hebt Jill die Arme, beugt sich nach hinten und zeigt nach oben zum Himmel, hebt sie wieder und wieder, wiegt sich im Takt, als wollte sie tanzen, und ihre Leute folgen dem Vorbild, lachen und schreien, bis die Königin den Weg weist, hin zur Stadt, zu den Türmen und Häusern, den steilen Straßen und Winkeln. Dann kommt Bewegung in die Menge. Auch Karen und Roy ziehen los, von Wind und Nebel begleitet, getrieben, Hand in Hand.
Dan reibt sich die Augen und schüttelt den Kopf. Er fragt sich, ob das, was er erlebt hat, Wirklichkeit oder ein Traum, eine Anomalie, trotz der Bilder, die in den sozialen Medien verbreitet werden und die Menschen in den Häusern, vor ihren Kaminen und geschmückten Weihnachtsbäumen, beim Singen all der Lieder und beim Umarmen ihrer Liebsten, nicht mehr loslassen wird. Was einmal ins Bewusstsein dringt, wird nicht so schnell wieder vergessen.
Jill erreicht ihren Lieblingsstrand. Er liegt im Schatten der Brücke. Der Sand fühlt sich kühl und zerfleddert an. Die Sonne muss sehr hochstehen, damit sie hierhergelangt. Sie sammelt den Müll auf, der angeschwemmt wurde, größtenteils Plastik, Dosen, Metall, das die Form verändert hat, bizarre Figuren mit Zacken und Kanten, die ungleichmäßig verlaufen, Scherben, Bierflaschen ohne Mundstück oder Boden, sodass man vorsichtig sein muss, wohin man tritt. Hier verirrt sich keiner her. Auch zum Schlafen taugt er nicht, zu windig, zu wenig Licht. Dass die Haie möglicherweise an Land kriechen könnten, auf der Suche nach Beute, stört Jill nicht. So etwas passiert, wie vieles im Leben einfach passiert. Sie setzt die Krone ab, gräbt eine Mulde, damit sie sicher verwahrt wird. Daneben legt sie den Beutel mit den Burgern, von dem längst kein so verheißungsvoller Duft mehr ausgeht. Jen werden sie auch kalt schmecken. Außerdem hat sie um eine Muschel gebeten. Deshalb gräbt Jill im Sand, läuft bis zum Saum des Meeres, beobachtet, was von der Gischt angespült wird. Eiskaltes Wasser kühlt ihre Hände. Sie findet schließlich ein Schneckenhaus, geriffelter Kalk auf der Oberfläche. Es wird Jen gefallen, auch wenn es keine richtige Muschel ist.
Jill schaut zur Brücke, denkt an die Gekreuzigten auf den Brückenpfeilern, an die Performance und dass sie eine Königin ist. Weihnachten, Chanukka, das Fest des Lichtes, wird kommen. Die Hoffnung schläft in einem Zelt auf der Straße. Die Brücke sieht fast niemals golden aus, und Menschen neigen dazu, ihrer Einbildungskraft und Königinnen zu folgen.