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Im Himmel gibt es keine Gewitter

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Im Himmel gibt es keine Gewitter

Wie ein Einbrecher pirsche ich mich an das Haus heran. Ich reibe mir die Hände, die noch kalt sind von der Autofahrt. Oder ist es von meiner Aufregung? Nur durch Zufall habe ich das kleine Schild im Wohnzimmerfenster entdeckt, als ich auf dem Weg zu meinen Verwandten am Elternhaus vorbeifuhr. Der Plan hat mich sofort elektrisiert, es bitzelt in meinen Fingern: Du musst das Haus zurückkaufen, es ist dein Heim, dein Nest! Zehn lange Jahre war es schon in fremdem, unwürdigem Besitz. Mein Herz springt, ich sehe mich ein Gerüst errichten und frischen Putz an die Hauswand werfen, wie es damals Vater gemacht hat.

Im kühlen Schatten des leer stehenden Nachbarhauses arbeite ich mich den schmalen Zwischengang hinauf. Unkraut sprießt kniehoch zwischen den Ritzen der Steinplatten. Der Blick auf unseren alten Misthaufen versetzt mir fast einen Schlag: Sie ist von einer dichten Schicht Brennnesseln überwuchert, selbst die Betoneinfassung ist kaum noch zu erkennen. Im Zwischenraum zwischen Gang und Hauswand ranken brusthoch Silberdisteln. Eine Mischung aus Abscheu und Wut ergreift mich. Unter Schweiß und Tränen hatten meine Eltern dieses Haus hergerichtet, wie konnten es diese Barbaren nur so verkommen lassen? Ich überwinde das Reststück des überwucherten Wegs, die Spitzen der Gräser kitzeln unangenehm zwischen meinen Schenkeln. Auf der Terrasse liegen immer noch die gesprenkelten Platten aus Marmorbruch. Am Anbau, der früher mal als Fahrradschuppen diente, erkenne ich die alten Klinkersteine. Der Griff an der verwitterten Holztür kommt mir beim Anfassen fast entgegen. Wenigstens ist sie nicht abgeschlossen. Meine Räder, der Stolz meiner Jugend, sind aus dem Schuppen verschwunden. Dort, wo einmal der Hinterausgang gewesen war, fühle ich das kühle Metall einer Klinke. Die Tür klemmt, ist aber nicht verschlossen. Helles Licht empfängt mich, als ich das Innere des Haus betrete. Die Türen aus Eichenholz haben sie durch ein Billigprodukt aus dem Baumarkt ersetzt. Sie werden als erstes rausfliegen, sobald ich das Haus gekauft habe. Im Hausflur erkenne ich die wuchtigen Stufen aus Kirschholz auf der Treppe zum ersten Stock. Beim Hochsteigen lausche ich ihrem Knarren. Sie verrieten mich, wenn ich als Jugendlicher spät nach Haus kam und am Schlafzimmer der Eltern vorbeischlich. Beim Eintreten in das Wohngeschoss bin ich überrascht, wie hell und geräumig das Esszimmer inzwischen geworden ist. Ich kenne es nur mit schwerem Eichmöbel und lichtschluckenden Gardinen. Ein dunkelgrüner Vorhang trennte es vom angrenzenden Wohnzimmer ab. In einer Nische stand ein beigebrauner Ofen, den man mit Öl beheizte. Ich erinnere mich an ein Foto, das Vater mit seiner Polaroid machte, als ich vielleicht drei Jahre alt war: neben mir der Ofen, hinter mir das Regal mit den dunklen Zinnkrügen, die Mutter täglich abstaubte.

Durch die Balkontür fällt das grelle Licht der Morgensonne herein. Ich studiere den schmalen Zwischenraum hinter der Balkontür und entdecke die Scharniere, an denen früher eine Tür angebracht war. Im Sommer wurde sie ausgehängt und im Winter mit einem Kältefeind verstärkt. Auch der Haken, an dem der alte Staubsauger, ein „Vorwerk Kobold“ hing, ist noch der gleiche. Ich erinnere mich an ein springendes grünes Männchen auf seinem Kopf. „Noch so ein unruhiger Zipfel wie du“, sagte mein Vater einmal.

Ich sehe meinen Vater, einen untersetzten Mann mit Glatze, etwa Mitte vierzig, noch vor mir: Mit aufgestützten Armen liegt er bäuchlings auf dem Boden, seine Arbeitskleider hat er noch nicht abgelegt. Er saugt am Rest seiner Zigarette und spricht beim Ausatmen zum wiederholten Mal mit seinem sonoren Bariton: „Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig.“ Er drückt die Zigarette im Aschenbecher aus, wo sich inzwischen ein kleiner Berg von Kippen auftürmt. Ich selbst kauere am anderen Ende des Zimmers, fürchte mich vor der Dunkelheit und dem, was draußen gerade geschieht.

Mein Vater dreht seinen Kopf ins Zimmer, in dem es völlig dunkel geworden ist. „Willst du’s nicht mit anschauen?“ Er rückt beiseite, um mir Platz zu machen. Erst jetzt sehe ich, dass sich auch der Himmel stark verfinstert hat, als würde über den Wiesen vorzeitig die Nacht hereinbrechen. Nur in der Ferne ist noch ein schwacher Schein vom Abendlicht zu erkennen. Der Fichtenwald hebt sich kaum noch von dem dunkelgrauen Hintergrund ab und verschmilzt mit ihm zu einem schmutzigen Grau.

„Schon wieder hat’s geblitzt“, flüstert Vater. Ich sehe in der Ferne Lichtblitze aufflackern, wild und bedrohlich. Für einen kurzen Augenblick leuchten die Umrisse des Staubsaugers in der schmalen Aussparung auf. Bestimmt sind draußen im Wald jetzt auch Kobolde unterwegs und treiben dort ihr Unwesen. Für einen kurzen Moment glaube ich sogar, ihr schrilles Lachen zu hören. Wieder zuckt es am Himmel, und ich sehe im flackernden Licht den spärlichen Haarkranz des Vaters aufleuchten, wie eine Taschenlampe, die Morsezeichen gibt. Ich versuche, mein Lachen zu unterdrücken, denn der Vater mag es nicht, wenn man sich über seine Glatze lustig macht. „Mein Gott, bist du noch klein“, sagt er und saugt wieder an seiner Zigarette. Diesmal schließt er seine Zählung am Ende mit einem bestätigenden „Aha“ ab. Ich höre ein dumpfes Dröhnen, das den Boden unter mir vibrieren lässt, und drücke mich näher an den Vater heran. In seinem Atem rieche ich die bekannte Mischung aus Tabak und Bier.

„Das war der Donner.“ Er blickt mich geheimnisvoll an. Wieder dröhnt es, erst dumpf anschwellend, dann höre ich einen mächtigen Schlag, der das Glas in der Balkontür erzittern lässt. Doch es ist nicht vorbei: Ich vernehme ein Grollen, ein Ächzen, das sich über den ganzen Himmel spannt und gar nicht mehr aufhören will. Ich versuche, aus den Zügen des Vaters die Bedeutung dessen zu lesen und drücke mich fester an ihn. Er pfeift anerkennend. „Wie schwere Fässer, die auf einem Dachboden rollen.“

Ich muss an die Geräusche denken, die ich auf der Kegelbahn gehört habe: das schwere Knarren der Eisenkugeln auf den Holzplanken; das Poltern, wenn die Kegel abgeräumt werden. Wie von Geisterhand lagen die Kugeln plötzlich wieder neben uns. Nach dem Besuch fragte ich ihn, wo die Menschen gewesen sind, die uns die Kugeln zurückgebracht haben. Das sei eine automatische Kegelbahn, antwortete er lachend, und ich stand auf der Leitung. Ich will Vater von den Geräuschen an der Kegelbahn erzählen, doch der tippt mit seinem Finger auf den gespitzten Mund. „Wenn jetzt einer da draußen auf dem Feld ist …“, deutet er an. Ich überlege, wer jetzt bei einem solchen Wetter unterwegs sein soll. Mir fallen nur Kobolde ein, die jetzt durch die Wälder jagen. Aber Blitz und Donner konnten denen bestimmt nichts anhaben. „… was dann?“, frage ich mit angehaltenem Atem. „Dann ist alles zu spät“, antwortet er ernst.

Mir schießt ein Gedanke durch den Kopf: Mein Onkel, der Landwirt, ist vorhin mit dem Traktor und dem Ladewagen aus dem Dorf hinausgefahren. Ich habe mich noch gewundert, warum er es so eilig hatte. Ich erzähle es dem Vater. „Der wollte noch sein Heu trocken nach Hause bringen“, antwortet er knapp. Ob der Onkel jetzt noch draußen auf dem Feld ist? Wieder zuckt ein Blitz, und Vater beginnt zu zählen. Kaum hat er „dreiundzwanzig“ zu Ende gesprochen, donnert es. Ich halte mir schützend die Ohren zu. Als ich meine Hände wieder löse, höre ich ihn sagen, dass das Gewitter nun direkt auf uns zukommt. „Wenn einer von denen einschlägt, ist rings um die Einschlagstelle alles verkohlt.“ Ich versuche mir das vorzustellen und muss an den Onkel denken. Vielleicht wurde er vom Gewitter auf dem Feld überrascht und hat den Rückweg nicht mehr geschafft. Womöglich geschah es irgendwo da draußen, wo wir jetzt gerade hinschauen. Meine Augen suchen die Wiesen nach dem Onkel ab, doch sie sind viel zu weit entfernt. Warum versucht denn keiner, ihm zu helfen? Vielleicht war er schon lange verkohlt, so dass jede Hilfe zu spät kam. Doch warum blieb Vater nur so ungerührt, mochte er den Onkel etwa nicht leiden? Ich erinnere mich an den letzten Sonntagsspaziergang mit meinen Eltern, als die Kühe auf den Weiden standen. Bestimmt waren die jetzt auch tot, verbrannt und verkohlt. Ich frage Vater mit zitternder Stimme, wo jetzt die Kühe sind. „Sicher im Stall“, antwortet der Vater. „Tiere merken, wenn ein Gewitter kommt und gehen ins Trockene.“ „Und Menschen nicht?“, frage ich und wundere mich über den Onkel, der als Landwirt doch die Gefahr eines Gewitters einschätzen sollte. „Erzähl ich dir, wenn du groß bist“, antwortet der Vater und saugt an seiner Zigarette.

Wieder zuckt ein Blitz, Vater beginnt zu zählen. Diesmal kommt es aber zu keinem, „Aha“, denn im Esszimmer geht plötzlich das Licht an. Ich fühle mich unsanft in die alte Welt zurückgestoßen. Ich drehe mich um und sehe meine Mutter ins Zimmer treten. Unter ihren rechten Arm hat sie einen Wäschekorb geklemmt, der bis zum Rand mit Wäsche gefüllt ist. Oben drauf liegen das Bügeleisen und die braune Decke, die sie immer zum Bügeln benutzt. Erst jetzt scheint sie zu merken, dass noch jemand im Zimmer ist. „Ach, hier seid ihr“, sagt sie überrascht und stellt den schweren Wäschekorb auf den Tisch. Sie breitet die Bügeldecke auf dem Tisch aus und schaltet das Radio ein. Vater dreht sich um und zischt, sie solle das später machen. „Und schalt gefälligst Radio und Licht aus!“

Die Mutter schaltet das Radio aus, doch das Licht hat sie angelassen. Ich beobachte, wie sie beide Arme in ihre Hüften stemmt. Ihre Augen sind zusammengekniffen, wie immer, wenn sie auf jemanden böse ist. „So, so“, sagt sie mit gepresster Stimme. „Der Herr Vater gibt also seinem Sohn die Ehre und möchte nicht gestört werden.“ Ich habe den Impuls, aufzustehen und Mutter zu fragen, ob ich ihr beim Bügeln helfen kann. Doch bevor ich mich aufrichten kann, spüre ich einen Druck auf meinem Rücken.

„Mach mal nicht so‘n Umtrieb!“, herrscht mich Vater an und drückt seine Kippe im Aschenbecher aus. „Entweder bleib hier und gib Ruhe oder geh raus!“ Er. Ich fühle mich zwischen meinem schlechten Gewissen und meiner Schaulust hin und her gerissen. Mit Erleichterung stelle ich fest, dass das Licht im Zimmer plötzlich ausgeht. Vater zählt bis fünfundzwanzig. Wir hören einen Donnerschlag, der alle vorangegangenen in den Schatten stellt und die Fensterscheiben zum Zittern bringt. Es folgt ein dumpfer Nachhall, dann ein Geräusch wie von ächzenden Balken. Spätestens jetzt, denke ich, muss auch das letzte Leben dort draußen erloschen sein.

„Hab ich dir schon von den Marksteinversetzern erzählt?“, fragt Vater. Ich schüttle, noch vom letzten Donner beeindruckt, meinen Kopf. „Die sind nämlich bei diesem Wetter unterwegs“, sagt er. Ich höre, wie die Mutter einen schweren Eichenstuhl unter dem Esszimmertisch vorzieht und sich hinter uns setzt. „Und warum sind die jetzt unterwegs?“ „Damit sie nicht erwischt werden“, antwortet Vater knapp. „Und warum machen die das?“ „Um Unfrieden unter den Menschen zu schaffen.“ Mir geht ein Licht auf: Es waren also die Marksteinversetzer, die Mutter so böse machen.

„Erzähl deinem Sohn mal nicht so ‘nen Scheiß!“, höre ich ihre Stimme von hinten. Vater seufzt leise und guckt weiter nach draußen. Diesmal zählt er bis sechsundzwanzig. „Warum hast du diesmal bis sechsundzwanzig gezählt?“, frage ich. Vater tippt mit dem Zeigefinger auf die gespitzten Lippen.

„Du musst dir schon die Mühe machen, es deinem Sohn zu erklären, sonst kapiert er‘s nicht“, sagt Mutter streng. „Mach du‘s doch, du weißt doch sonst immer alles!“ Mutter räuspert sich und setzt zum Erklären an: „Also zuerst kommt immer der Blitz. Das ist, weil das Licht viel schneller ist als der Schall. Der legt nämlich 340 Meter pro Sekunde zurück, bis er an unserem Ohr angekommen ist. Wenn der Donner nach drei Sekunden auf den Blitz folgt, heißt das, das Gewitter ist noch etwa einen Kilometer von uns entfernt. Weil drei Sekunden etwa einen Kilometer ergeben.“ Ich drehe mich um und schaue sie verständnislos an.

„Wir haben doch gestern das Zählen geübt“, sagt sie, und ich höre einen Vorwurf raus. „Also nochmal: Wenn der Blitz kommt, musst du solange zählen, bis es donnert.“ Ich sehe einen Blitz aufflackern und zähle: „Eins, zwei, drei, ...“ „Nein“, unterbricht sie mich. „Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig musst du zählen. Eins, zwei drei geht viel zu schnell.“ Zum Beweis macht sie es mir vor. „Und willst du auch wissen, wie man feststellt, ob ein Gewitter näher kommt oder ob es sich entfernt?“, fragt sie nach einer Pause. Und gibt sich gleich die Antwort selbst: „Du musst zweimal zählen. Beim ersten Mal, wenn das Gewitter anfängt, beim zweiten Mal, wenn es in vollem Gang ist. Zählst du beim zweiten Mal kürzer als beim ersten, kommt das Gewitter zu dir her …“ Ich zucke zusammen, als es wieder donnert und frage mich, ob das Gewitter nun direkt auf zu uns kommt. Und was dann? Und warum bleiben alle so gelassen?

„Lass mal deine Belehrungen“, sagt mein Vater gereizt und schaut weiter nach draußen. „Und wenn es gleichzeitig blitzt und donnert, ist das Gewitter direkt über dir“, setzt meine Mutter fort.

Da höre ich, wie ein Sturm gegen die Bäume anbrandet. Es surrt in der Luft, Blitze zucken, noch heftiger als zuvor. Neben mir höre ich Vaters Knochen auf dem Holzboden aufschlagen. Sein gedrungener Körper richtet sich plötzlich auf, wie ein drohender Fels steht er da.

„Verdammt noch mal, was hab ich dir gerade gesagt?“ Seine Augen zucken, auf seiner Stirn klafft ein tiefer Spalt. Mutter fährt ebenfalls hoch, ihre Hände sind zu kleinen Fäusten geballt, ihre Augenbrauen steil nach oben gezogen. In ihren Augenschlitzen spiegeln sich wild aufflackernde Blitze. „Wage es nur“, faucht sie.

Wie immer halte ich mir die Ohren zu und presse die Augen zusammen. Vor mir sehe ich die verkohlten Leichen der Bauern und der Kühe auf dem Feld. Für sie war nun alles zu Ende. Und was dann, frage ich mich, wenn alles zu Ende war? Ob es auch im Himmel Gewitter gibt? Bestimmt gibt es im Himmel keine Gewitter. Sonst wäre es nicht der Himmel. Ich denke an meine Tante, die gerade ihren Mann auf dem Feld verloren hat. Was werde ich zu ihrem Trost sagen? Erleichtert fällt mir ein, was ich ihr sagen kann: dass es im Himmel keine Gewitter gibt. Gleich morgen, wenn ich auf ihrem Hof die Milch abhole, werde ich es ihr sagen.

Ich schlage meine Augen auf. Die einfallenden Sonnenstrahlen schmerzen wie winzig kleine Nadelstiche. Aus dem milchigen Lichtbrei setzt sich erst allmählich wieder ein Bild zusammen: das einstöckige Nachbarhaus, die Wiesen und Felder am Dorfrand, ein Stück dahinter die Zacken des Waldes. Früher sah alles viel größer, weiter, erhabener aus. Ich spüre mein Herz stolpern, aber nicht mehr vor Aufregung wie vorhin. Mir ist eng in der Brust, ich öffne das Esszimmerfenster, und kühle Luft strömt in meine Lungenflügel. Ich erinnere mich, wie Vater vor vielen Jahren an dieser Giebelwand ein Gerüst errichtet hat. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er die Stangen mit Stricken vertäute. Der beleibte Mann turnte leichtfüßig auf den Brettern, wippte auffordernd und sagte so etwas wie „bombenfest“. Dann sehe ich mich plötzlich selbst auf dem Gerüst: einen ausgezehrten, alternden Mann. Mit vagen Schritten stolpert er auf den Brettern herum. Was macht, was sucht er da, frage ich mich. Mehr als zehn Jahre sind seine Eltern schon tot. Ich dachte, er hätte all das hinter sich gelassen, als er vor vielen Jahren ausgezogen ist? Wie man sich doch täuschen kann. Ich blicke hinunter den Gang und erkenne im wuchernden Unkraut die Umrisse der Rabatte und des alten Misthaufens. Lass es sprießen, sage ich mir, soll ein anderer das Gerüst bauen. Die Anspannung weicht schlagartig aus meinen Muskeln.

Wenig später sehe ich den erleuchteten Giebel aus dem Rückspiegel verschwinden.

 

MRG

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Hallo @A. Martin,

und herzlich Willkommen bei den Wortkriegern. Ich finde deinen Einstieg durchaus vielversprechend, allerdings hat mich die Formatierung gestört. Mir hätte es besser gefallen, wenn du nicht so viel Absätze zwischen der wörtlichen Rede gemacht hättest. Auf mich hatte das den Eindruck, dass ich mich sehr anstrengen musste und es hat mir den Lesefluss erschwert.

Ansonsten finde ich vor allem deinen Einstieg interessant, du hast mich da gut eingefangen und ich wollte wissen, was da wohl passieren wird. Je länger der Text geht, desto stärker verliert sich meiner Einschätzung nach der Fokus. Du bringst dann viele Themen rein und ich bin als Leser nicht ganz sicher, um was es dir geht. Der Sohn schildert seinem Sohn die Gefahr des Gewitters, der Sohn erlebt zum ersten Mal das Gewitter und dann ist da der Onkel, der noch draußen ist. Das finde ich eine spannende Ausgangslage, aber dann kommt die Mutter und die Marktsteinversetzer und ich habe mich als Leser etwas verloren gefühlt.

Insgesamt finde ich allerdings, dass du schon vieles richtig machst und ich bin gespannt, was sonst noch von dir kommt. Ein guter Tipp, der mir am Anfang sehr weitergeholfen hat, ist vor allem auch andere Texte zu kommentieren und so zu sehen, was funktioniert oder nicht funktioniert.

So, jetzt gehe ich im Detail auf meinen geschilderten Leseeindruck ein:

Er saugt am Rest seiner Zigarette und spricht beim Ausatmen zum wiederholten Mal mit sonorem Bariton: „Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig.“
Ich mochte vor allem, dass du direkt mit einer Szene einsteigst und keine langen Vorerkklärungen hast. Zudem fand ich den Übergang zwischen Erzählung und wörtlicher Rede gelungen, weil du den Fokus auf seinen Tonfall gelegt hast. Finde ich gut gemacht.

Die dunklen Zacken des Fichtenwaldes heben sich kaum noch von dem dunkelgrauen Hintergrund ab und verschmelzen mit ihm zu einem schmutzigen Grau.
Ich mochte auch, dass du die Atmosphäre geschildert hast und ich als Leser so ein Bild vor Augen habe.

Auch der Sohn sieht in der Ferne Lichtblitze aufflackern, wild und bedrohlich. Für einen kurzen Augenblick leuchten die Umrisse des Staubsaugers auf, der in der schmalen Aussparung zwischen dem Balkon und der Esszimmertür hängt.
Mir ist aufgefallen, dass du die Umwelt mit dem Sohn interagieren lässt; fand ich geschickt gemacht, weil es so für mich als Leser greifbarer und erlebbarer wird. Bis hierhin fand ich es wirklich gut.

Doch es ist noch nicht vorbei: Er hört ein Grollen, ein Ächzen, das sich über den ganzen Himmel spannt und gar nicht mehr aufhören will.
Schön, dass du die Sinne ansprichst: In diesem Fall geht es um das Hören. Hat für mich gut funktioniert.

Der Sohn muss an die Geräusche denken, die er schon mal auf der Kegelbahn gehört hat: das schwere Knarren der Eisenkugeln auf den Holzplanken; das Poltern, wenn die Kugeln abgeräumt werden.
Auch das finde ich eine gelungene Stelle, weil du die Erinnerungen des Sohnes mit der Gegenwart verknüpfst und so den Charakter weitereinführst. Davon hätte ich gerne noch mehr gelesen.

Der Sohn überlegt, wer bei jetzt einem solchen Wetter unterwegs sein soll. Ihm fallen nur Kobolde ein, die durch die Wälder jagen.
Für mich war nicht klar, wo die Kobolde herkamen: Hier hätte ich mir ähnlich wie bei dem Gewitter und der Kegelbahn auch eine Erinnerung gewünscht.

Dem Sohn schießt plötzlich ein Gedanke durch den Kopf: Sein Onkel, der Landwirt, ist doch vorhin mit dem Traktor und dem Ladewagen aus dem Dorf hinausgefahren!
Bis hierhin hattest du mich und ich war gespannt, was wohl mit dem Onkel sein wird? Für mich wäre es gut gewesen, wenn das der Fokus der Geschichte gewesen wäre. Ich finde, dass du einiges an Potential und Spannung verschenkst, weil es dann im weiteren Verlauf zu viele Themen gibt und ich den Fokus nicht mehr klar vor Augen habe.

Der Sohn fragt den Vater, wo jetzt die Kühe sind.
Weshalb kommen jetzt die Kühe rein? War mir nicht ganz klar und hat mich eher etwas abgelenkt.

„Nur Rauchen und Saufen - das klappt wunderbar!“
Du führst dann die Mutter zusätzlich ein und das Thema verschiebt sich auf einen Beziehungskonflikt. Ich hätte mir gewünscht, dass du dich für ein Thema entscheidest und das wirklich greifbar und erlebbar machst, so wie du es am Anfang gut hinbekommen hast.

Der Sohn muss an die Bauern und Kühe auf dem Feld denken, die direkt unter dem Gewitter stehen. Dann wäre wohl alles zu Ende.
Mir war nicht ganz klar, was du mit der Geschichte ausdrücken willst. Der Sohn erlebt zum ersten Mal ein Gewitter und wird sich bewusst, wie gewaltig das ist? Mir hat der Konflikt gefehlt. Ich finde, dass du das mit dem Onkel gut eingeführt hast: Wird der Onkel im Gewitter sterben und muss der Sohn diese Erfahrung verarbeiten? Das fand ich einen guten Aufbau für einen Konflikt.


Insgesamt finde ich deinen Einstieg vielversprechend, da sind viele Sachen, die mir gefallen haben und wenn du da weiter drauf aufbaust, kann ich mir vorstellen, dass du richtig gute Geschichten zuwege bringst.


Beste Grüße
MRG

 
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Guten Morgen, MRG,

danke für Deinen wohlwollenden und aufbauenden Kommentar! Auch hat es mich gefreut, dass sich das Warten auf den ersten Kommentar doch noch gelohnt hat. Wie fürs Geschichtenschreiben braucht’s wohl auch hierfür einen langen Atem - zumal als Neuling auf dieser Seite, der sich beim Kommentieren der Geschichten anderer bisher vornehm zurückgehalten hat – aber, versprochen, das hole ich bald nach!

Dass sich die atmosphärische Dichte und der inhaltliche Fokus im Verlauf meiner Geschichte verloren haben, hat mich nachdenklich gestimmt. Eigentlich wollte ich auf den Beziehungskonflikt der beiden Eltern hinaus und deutlich machen, was er im Kind anrichtet: auf der einen Seite die assoziative Emotionswelt des Vaters, die die kindliche Phantasie anregt und zugleich blind ist für seine Folgen; auf der anderen Seite die nüchterne Zahlenwelt der Mutter, die zwar pädagogisch daherkommt, aber das Kind überfordert und seine Phantasien platt macht. Das Potenzial, das ein Gewitter für die Schärfung der Sinne und Gefühle eines heranwachsenden Menschen haben kann, wird zwischen dem Ehekonflikt und der Zahlenlogik der Erwachsenenwelt zerrieben. Übrig bleibt nur die Hoffnung des Kindes, dass es im Himmel kein Gewitter gibt.

Offensichtlich ist es mir nicht gelungen, die Spannung zwischen kindlichem Bedürfnis und den scheiternden Erziehungsversuchen klar herauszuarbeiten. Vielleicht war es auf den wenigen Seiten zu viel gewollt? Und habe ich mich beim Schreiben zu sehr vom Kopf und zu wenig von der Geschichte selbst leiten lassen?

Sorry wegen der Formatierung, die es beim Einstellen des Textes leider zerrissen hat, das habe ich zu spät registriert. Dennoch interessant, was die vielen ungewollten Absätze dann beim Leser ausrichten.

Also noch mal danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast. Für mich ist viel Stoff zum Nachdenken dabei - und hoffentlich auch zum Bessermachen.

Viele Grüße,

A. Martin

 
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Hej @A. Martin , ich habe deinen Text gerne gelesen, ja auch weil er kühl und sachlich geschrieben ist, aber genau deswegen hinterließ er bei mir auch leider keine Spuren. Das war jammerschade, denn das Thema ist ein allzeit aktuelles. Das Dilemma, in dem sich der Bub befindet ist ja immens, du zeigst es an einer Stelle besonders deutlich:

Der Sohn hat den Impuls, der Mutter hinterher zu laufen und sie zu fragen, ob er ihr helfen kann. Doch bevor er sich aufrichten kann, spürt er einen Druck auf seinem Rücken.
Der Vater benutzt seinen Sohn ebenso wie die Mutter, die dem Vater intellektuell überlegen zu sein scheint, jedenfalls lässt sie das heraushängen. :sealed:
Vater liegt vor der geschlossenen Balkontür flach auf dem Boden. Sein Kopf ist auf beiden Armen aufgestützt, seine Arbeitskleider hat er nicht abgelegt. Er saugt am Rest seiner Zigarette und spricht beim Ausatmen zum wiederholten Mal mit sonorem Bariton: „Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig.“ Er drückt die Zigarette im Aschenbecher aus, wo sich inzwischen ein kleiner Berg Kippen auftürmt. „Willst du denn nicht mit rausschauen?“, fragt der Vater und dreht seinen Kopf über die Schulter.
Gleich zu Beginn bereiteten mir die Formulierungen teilweise etwas Kopfzerbrechen. Schon allein, dass du den Vater ohne Artikel vorstellst, impliziert mir eine distanzierte Schreibweise, was sich ja auch bewahrheitet. Es folgen Sohn und Mutter. Und das hat zur Folge, dass du in quasi jedem Satz einen von den Dreien in dieser Weise erwähnst und der Text somit recht ungeschmeidig auf mich wirkt, wiederholend zudem. Egal, welche Dramatik nun folgen würde, ich werde ebenfalls Distanz wahren. Ich kenn’ mich. :D

Im Verlauf merke ich aber, dass es dem Thema und vor allem dem Buben nicht gerecht wird, denn er hat einen schweren Rucksack zu schleppen: die entsetzliche Beziehung der Eltern.
Zudem habe ich eine Weile benötigt, um die Haltung des Vaters auf dem Boden auszumachen. Liegt er nun flach bäuchlings oder rücklings und wie kann man so weit sehen? Das stockt sogleich meinen Lesefluss.

Deine Geschichte hat viel von dem, was ich als Leser schätze. Du zeigst nahezu in jedem Satz mehr als er aussagt. Ich kann zwischen den Zeilen lesen. Mal ganz abgesehen von dem Gewitter im übertragenen Sinn.

Für einen kurzen Augenblick leuchten die Umrisse des Staubsaugers auf, der in der schmalen Aussparung zwischen dem Balkon und der Esszimmertür hängt.
Das deutet auf beengte Wohnverhältnisse und hin und ich denke auch wegen der Arbeitskleidung des Vaters an finanzielle Enge.
Im Atem des Vaters riecht er die bekannte Mischung aus Tabak und Bier.
„Wie schwere Fässer, die auf einem Dachboden rollen“, sagt er.
Der Sohn will dem Vater von den Geräuschen an der Kegelbahn erzählen. Doch der tippt mit seinem Finger auf den gespitzten Mund.
Oben drauf liegen das Bügeleisen und die braune Decke, die sie immer zum Bügeln benutzt. Erst jetzt scheint sie zu bemerken, dass noch jemand im Zimmer ist.
Der Vater trinkt regelmäßig und der Sohn hat das registriert. Ich denke auch, dass er körperlich in einem Gewerbe arbeitet, bei dem es sowohl Alkohol als auch Fässer zu rollen gibt, möglicherweise eine Brauerei, mutmaße ich und habe Spaß dran. ;)
Der Vater ist schon vom ewigen Geplapper der Mutter genervt, ich denke, die nörgelt immerzu an ihm und allem herum. Beide sind unzufrieden, und deswegen will er nicht auch noch den Sohn über alles reden hören.
Beim letzten Absatz denke ich, die Mutter ist so mit ihrem Haushalt beschäftigt, möglicherweise arbeitet sie auch noch dazu und ihre Zeit ist knapp bemessen für die schönen Dinge des Lebens. Zudem schließe ich wegen der braunen Decke auf ein Jahr in den 1960ern. Best guess. Und es macht mit so viel Spaß.

Die Mutter schaltet das Radio nicht gleich aus, das Licht hat sie noch angelassen. Der Sohn beobachtet, wie die kleingewachsene Frau beide Arme in ihre Hüften stemmt. Ihre Augen sind zusammengekniffen, wie immer, wenn die Mutter richtig böse ist. „Soso“, sagt sie mit gepresster Stimme. „Der Herr Vater gibt also seinem Sohn die Ehre und möchte nicht gestört werden.“
Es donnert im Hause und draußen auch. Nur die beobachtende Schreibweise steht im Kontrast und es konnte ein Stilmittel sein, aber mich bremst es total aus, mit den Dreien wirklich mitzufühlen. Dabei liebe ich das so. :shy:
Die phantasievollen Gedanken des Sohnes, die er entwickelt sobald der Vater Anstöße gibt, verursachen somit in mir wenig Aufmerksamkeit, stelle ich fest, nehme sie ebenfalls lediglich zur Kenntnis. Das ist schon okay. Die Erwachsenen bieten genügend Zunder.
„Mach mal nicht so einen Umtrieb!“, herrscht ihn der Vater an. „Entweder bleib hier und gib Ruhe oder geh ganz raus!“ Er drückt die Kippe im Aschenbecher aus und steckt sich eine neue Zigarette an.
Eine tolle Idee! Denn im Grunde richtet sich genau dieser Satz an die Mutter. Sie hat die Atmosphäre und das Beisammensein der beiden mit ihrer Anwesenheit und der zornigen Art und Weise zerstört, wie der Blitz, wenn auf der Wiese einschlägt und alles drumherum verkohlt.
„Hab ich dir eigentlich schon von den Marksteinversetzern erzählt?“, fragt der Vater.
„Die sind nämlich bei diesem Wetter unterwegs“, sagt der Vater und nickt bedeutend.
„Um Unfrieden unter den Menschen zu schaffen“, antwortet der Vater etwas kleinlaut.
An dieser Stelle bin ich dann wohl zu weit gegangen mit meinem Gelese zwischen den Zeilen, denn ich vermutete erneut eine unterschwellige Breitseite gegen die Mutter. Als Störenfried. Aber dann wäre der Vater wohl eher nicht kleinlaut dahergekommen.
Die Mutter wartet seine Antwort auch gar nicht ab: „Unser Dorf liegt oben auf dem Berg, und Gewitter ziehen immer runter zum Fluss. Wasser zieht immer Wasser an.“
Die Monologisierung der Mutter ebbt ab und war für meinen Geschmack auch etwas zu lang im Text dargestellt. Aber nun hab auch ich endlich das Zählprinzip bei Gewitter kapiert. :shy::D
Ich würde noch irgendetwas darin lesen wollen, was sich auf das Wasser bezieht. Vielleicht sind die Eltern ja gar nicht Feuer und Wasser, sondern Wasser und Wasser und egal ob es sich um einen wilden Flusslauf (Mutter) oder einen ruhigen See (Vater) handelt, sie finden immer wieder zueinander. Einfach weil ich eine romantische Haut bin.

Lieber A. Martin, mein Genörgel, was deine distanzierte Schreibweise angeht, hat sich aber nun im Grunde doch nicht ganz so falsch in meinem Hirn angefühlt. Ich frage mich nur, wie es wäre, wenn sie etwas dichter geworden wäre, wenn sie zum Beispiel aus Sicht des Jungen geschrieben worden wäre.

Vielen Dank für diesen Einblick und noch viel Freude hier. Gruß. Kanji

 
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Hallo Kanji,
wow, Du bist ja wirklich nah dran an meinem Text - was im Kontrast zu Deiner Aussage steht, meine "distanzierte Schreibweise" habe bei Dir "leider keine Spuren hinterlassen". Das Thema hat Dich dagegen schon gepackt, gell? Und mit Deinen Vermutungen (60er Jahre, Eltern "Feuer und Wasser" usw.) triffst Du den Nagel auf den Kopf - und mich ins Mark, denn die Erzählung ist, wie Du sicher vermutet hast, nicht ohne autobiografischen Bezug ...
Dem Jungen geht das Geschehen natürlich unter die Haut, und mit meiner sachlich-kühlen Darstellung wollte ich das keineswegs abschwächen, sondern kontrastieren und dadurch verstärken. Doch der Schuss scheint, zumindest bei Dir, nach hinten losgegangen zu sein. Dass Du das Gefühl des Jungen vermisst, nehme ich sehr ernst und denke daher über eine alternative Perspektive (1. Person) nach.
Danke für Deinen ermutigenden Kommentar, Kanji, und viele Grüße, A. Martin

 
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Du hast recht, @A. Martin , ich kam wohl aber darauf zu behaupten, der Text hinterließe keine Spuren, weil ich ihn gleich nach dem Einstellen gelesen habe und fast ärgerlich gewesen bin, das Thema so distanziert geschrieben zu lesen. Mir war schon ziemlich bewusst, wie nah der Autor am Jungen dran war und umso schwerer konnte ich diese Distanz ertragen.

Das Thema hat Dich dagegen schon gepackt, gell?
Das und die gesamte Familie. Und ich bleibe dabei, der Junge sollte im Fokus bleiben. Wenn es nach mir ginge. Es war offenbar unbewusste Provokation, das so zu formulieren, als würde der Text mich kaltlassen. Ich kommentiere mitunter recht impulsiv und vergesse, dass ich ja noch mal drüberlesen könnte. So aber bekommst du einen unverfälschten Leseeindruck.
Entschuldige bitte.

Ich würde mich freuen, dich weiter hier zu lesen.

Freundlicher Gruß. Kanji

 
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Hallo A. Martin (George, bist du es? Wann kommt endlich der letzte Teil raus! ELF11!!^^)

Diese Geschichte wäre, besser inszeniert, wirklich außergewöhnlich; denn es ist ja alles da ... Nur könnten die losen Enden besser miteinander verknüpft werden, sprich: Die Dramaturgie des Ganzen könnte besser sein.

Dass sich die atmosphärische Dichte und der inhaltliche Fokus im Verlauf meiner Geschichte verloren haben, hat mich nachdenklich gestimmt. Eigentlich wollte ich auf den Beziehungskonflikt der beiden Eltern hinaus und deutlich machen, was er im Kind anrichtet: auf der einen Seite die assoziative Emotionswelt des Vaters, die die kindliche Phantasie anregt und zugleich blind ist für seine Folgen; auf der anderen Seite die nüchterne Zahlenwelt der Mutter, die zwar pädagogisch daherkommt, aber das Kind überfordert und seine Phantasien platt macht. Das Potenzial, das ein Gewitter für die Schärfung der Sinne und Gefühle eines heranwachsenden Menschen haben kann, wird zwischen dem Ehekonflikt und der Zahlenlogik der Erwachsenenwelt zerrieben. Übrig bleibt nur die Hoffnung des Kindes, dass es im Himmel kein Gewitter gibt.
Jetzt, wo du's sagst^^. Sehr guter Ansatz. Aber: Wie macht man das konkret?

Mir persönlich ist dieser Konflikt beim Erstlesen überhaupt nicht klar geworden; ist fand den ganzen "mathematisch-belehrenden Teil" im letzten Drittel zu lang, eher störend als "komplettierend".

Ohne mich in Details zu verlieren, hier einmal eine lose Plot-Struktur, die ich mir salaopp aus dem Ärmel schüttle^^:

Vorab: Ich finde es nicht gut, dass der Papa (sprich-)wörtlich schon zu Beginn am Boden liegt. Beide Parteien - Mutter und Vater - sollten zu Beginn gleich stark sein.

So. Ich würde das wie folgt machen:

Das Gewitter ist Sinnbild des Ehestreits, soweit klar. Höher gegriffen, ist es ein Konflikt zwischen Mathematik und Mythos, zwischen Wissenschaft und Religion. Manche sagen, da kann man Kompromisse machen. Aber frei nach Joseph Campbell in "Der Heros in tausend Gestalten":

"Wissenschaft zerstört den Mythos."

(Deshalb sind die Midi-chlorians in Star Wars auch so bitchy.)

Anyway.

Wie soll der Junge erzogen werden? Im Glauben, dass es etwas "Größeres" gibt, als man selbst, außerhalb (Naturreligion), da draußen(!) auf den Feldern - oder innerhalb von sich ... die Liebe Gottes, die man im Herzen fühlt. Oder eben doch nur der Blick auf die "nackte Materie"; YOLO, denn es gibt kein "Danach". Das ist hier die Frage.

Ich würde die beiden Eltern im flackernden Schein des Sturm später wie Naturgewalten aufragen lassen; die sich eben genau diesen Streit liefern; und je heftiger der Sturm wird, der Regen, der gegen die Fenster schlägt, desto stärker die Argumente ... der gegenseitige Schlagabstausch, der immer weiter vom Kind abrückt, bis der Ehestreit letztlich - wie? - eskaliert. Und da sehen beide Parteien, was sie dem Kind damit angetan haben, in dieser Ausnahme-Situation, in der es wohl einfach nur nach Schutz und Geborgenheit gesucht hat, nicht nach Wissen oder tieferer Erkenntnis; beides haben die Eltern auf den Jungen projiziert ... wie einen - äh - ja, nun: grellen Blitz auf die Wangen. ;) Er will nicht erzogen, sondern lieb gehabt werden. Was ist die Botschaft?

So ungefähr.

Grüße!

Der Dante

P.S.:

Die dunklen Zacken des Fichtenwaldes heben sich kaum noch von dem dunkelgrauen Hintergrund ab

Er hört ein Grollen, ein Ächzen, das sich über den ganzen Himmel spannt und gar nicht mehr aufhören will.

Geile Bilder. <3

 
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Hallo Dante,
nein, ich bin nicht George - weder Stefan G. selig noch ein Bekannter von Dir (leider). Aber trotzdem danke für Dein Kompliment zu meinen Gewitter-Bildern und Deine gewinnbringenden Anregungen!
Es ist schon erstaunlich: besuchst Du drei Ärzte, gehst Du mit drei unterschiedlichen Medikamenten heim. Legst Du drei Schriftsteller/-innen deine Geschichte vor, schaut jede/r von ihnen anders drauf. Dem einen ist der Fokus der Geschichte nicht klar genug ausgearbeitet, der andere sieht zu viele Themen drin, die nächste vermisst das Gefühl aus der Innenperspektive usw. ... Ich muss wohl mit etwas mehr Abstand wieder daraufschauen und entscheiden, welche Schuhe ich mir anziehe und welche nicht. Aber echt bereichernd bei Euch!
Viele Grüße,
Andreas

 
Wortkrieger-Globals
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Hey @A. Martin

kurze Info am Rande - ich habe mal den Tag für Kinder entfernt, denn der meint eigentlich Geschichten für Kinder, nicht über Kinder. Und eine Kindergeschichte ist der Text eher nicht.

Und auch von mir ein Herzliches Willkommen!

Die zerschossene Formatierung kannst Du über "Bearbeiten" wieder bereinigen und auch sonst am Text basteln. Und ja, ist immer gut, Kommentare auf sich wirken zu lassen und zu gucken, was einem selbst davon in den Kram passt, wohin man mit dem eigenen Text will. Kommentare sind Vorschläge/Ideen/Anregungen - entscheiden muss man selbst ;).

Dann komme mal an und warte nicht zu lang, Dich mit ins Getümmel der Kommentierenden zu werfen ... Nehmen und Geben ... schon wichtig, sonst würde das Forum nicht funktionieren.

Beste Grüße und viel Freude!
Fliege

 
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Liebe Wortkrieger,
danke für Eure anregenden Kommentare! Ich habe meine Geschichte inzwischen neu konzipiert und versucht, die von Kanji vorgeschlagene Ich-Perspektive durch eine Rahmenerzählung nachvollziehbar zu machen.
Schaut, was dabei herausgekommen ist und gebt mir gerne wieder Futter!
Viel Spaß und viele Grüße, A. Martin

 
Monster-WG
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Hey @A. Martin

Das Motiv der Kindeheitserinnerung, die sich beim Besuch des Elternhauses aufdrängt, gefällt mir gut und in bestimmter Hinsicht hast du das sehr schön und subtil erzählt, da sind viele Ambivalenzen drin, kein Schwarz-Weiss, was die Beziehung des Erzählers zu den Eltern betrifft, aber am Ende doch genügend dunkel, um auf den Kauf des Hauses zu verzichten. In der Thematik und der grundsätzlichen Anlage scheint mir das vielversprechend zu sein. Meine kritischen Anmerkungen beziehen sich auf Dramaturgie, Dringlichkeit, Dichte und Tempo. Am Ende dann noch ein paar kleinere sprachliche Dinge.

Dramaturgie

Vier Jahrzehnte nach meinem Auszug, fast zehn Jahre nach dem Tod meiner Eltern, kaufe ich mein Elternhaus zurück, zurück in die Hand der Familie. Der Einfall bitzelt mir zwischen den Fingern.
„Bemühen Sie sich nicht“, antworte ich, „die Sache hat sich erledigt.“
Der Rahmen, den du um die Binnenerzählung gespannt hast, erscheint mir zu schwach. Das Motiv, der Wunsch des Protagonisten, der die Geschichte einbettet, ihr aber auch ein gewisses Gewicht verleihen sollte, basiert lediglich auf einem Einfall. Das ist ein etwas dünnes Handlungsmotiv. Bezeichnend, dass das Ganze dann am Ende als eine Sache bezeichnet wird, die sich erledigt hat. Das in etwa so dramatisch, wie wenn ich im Supermarkt eine neue Sorte Kaffee entdecke, feststelle, dass sie zu teuer ist und meine gewohnte Packung in den Einkaufswagen lege. Da steht nichts auf dem Spiel. Ich denke, es könnte sich lohnen, den Hauskauf nicht als Einfall zu verkaufen, sondern als Projekt, in das der Erzähler bereits Gedanken und Emotionen investiert hat. Zugleich müsste vielleicht noch deutlicher werden (am besten indirekt und implizit), weshalb es für ihn wichtig ist, das Haus wieder in Besitz der Familie zu bringen. Will er dort wohnen? Seine Kinder? An der einen oder anderen Stelle ärgert er sich über die Verwahrlosung, das könnte man zum Beispiel ebenfalls noch verstärken oder ausbauen. Da würde der Rahmen dann insgeamt eine höhere Fallhöhe abstecken. Nicht, dass der Erzähler am Ende schluchzend auf dem Boden seines ehemaligen Zimmers liegen muss, aber "hat sich erledigt" ist schon etwas gar flau.

Der Rahmen erscheint mir auch einigermassen durchsichtig konstruiert, wobei mir die Gewichtung suboptimal scheint. Die Frau im Fenster erweckt das Interesse des Lesers. Du gibst dir ja auch Mühe, sie zu beschreiben. Am Ende erweist sie sich aber leiglich als Türoffnerin, im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Die hat gar keine Funktion. Krass auch, dass du sie sogar noch Milch kaufen lässt, damit sie die Erinnerungen des Erzählers nicht stören kann. Ich fand das wenig plausibel und irgendwie unhöflich der Figur gegenüber. Unhöflich dann auch die Reaktion am Ende. Die alte dünne Frau geht extra für ihn Milch kaufen und er so: Hat sich erledigt.
Wieso steigt der Erzähler nicht einfach durch ein nicht richtig geschlossenes Fenster ein, eine Hintertür? Er kennt das Haus und vielleicht auch eine Schwachstelle. Auf alle Fälle habe ich recht lange auf eine spannende Interaktion mit der Frau gewartet, bis ich gemerkt habe, das wird nichts mehr mit den beiden.

Auch im Hinblick auf die ausführlichen Beschreibungen des Hauses fand ich das nicht so gut gewichtet. Das nimmt so viel Raum ein, widerspricht sich zum Teil auch (frisch renoviert und einen Absatz später völlig verkommen!), dass meine Aufmerksamkeit doch sehr stark auf dieser Thematik lag - ohne zu wissen, worauf das hinauslaufen sollte, und befürchtend, dass das eine Art Maklertext ist, wo am Ende einer ausführlichen Bestandesaufnahme entschieden wird, ob das Haus gekauft wird.

Insgesamt meine ich, dass der eher umfangreiche, gleichzeitig aber durchsichtige und dramaturgisch schmale Rahmen der Binnengeschichte schadet und ihr die Luft zum Atmen raubt.

Dringlichkeit

Hier beziehe ich mich auf die Binnenhandlung. Vater und Mutter sind meiner Meinung nach genügend skizziert, der Vater auch in seiner Zweigesichtigkeit. (Ich war übrigens überrascht, in den Kommentaren zu lesen, dass da so etwas wie Mythos vs. Logos aufgebaut werden soll. Schliesslich zählt ja auch der Vater, spricht von Volt und erklärt dem Sohn, dass es eine Maschine ist, die die Kugeln auf der Kegelbahn zurückbringt. Auch entspringen die phantastischen, eher mystischen Elemente (Kobolde, der Tod des Onkels) dem Geist des Kindes und nicht des Vaters. Im Gegenteil, er lässt sich da gar nicht darauf ein, bietet rationale Erklärungen. Also, ich konnte da einen Gegensatz zwischen Vater und Mutter nicht so recht herauslesen.)
Was mir fehlt, ist die emotionale und kognitive Reaktion des jungen Erzählers. Wie fühlt es sich an, Spielball zu sein, zwischen den Fronten zu stehen, den Bieratem des Vaters nicht zu mögen und sich doch an ihn drücken zu wollen, der Mutter helfen zu wollen (Weshalb? Aus Angst vor Strafe, aus Pflichtfefühl, aus Zuneigung?). Du hast einen mageren Satz drin:

Ich fühle mich einen Moment im Zwiespalt.
Das war mir ingesamt zu wenig (und vielleicht auch zu direkt). Ich hätte mir mehr Einblicke in den Kopf dieses jungen Menschen gewünscht, um die Dringlichkeit auch wirklich spüren und erfassen zu können. Bezeichnenderweise musste ich am Ende des Textes tatsächlich überlegen, weshalb genau sich denn die Sache erledigt hat - der Text konnte mir dafür kein Gespür vermitteln.

Dichte und Tempo

Zur wiederholten Beschreibung des Zustandes, in dem sich das Haus befindet, habe ich schon etwas gesagt. Das war mir etwas zu umfangreich. Ein paar impressionistisch gesetzte Tupfer :) würden da meiner Meinung nach ausreichen. Dafür dann mehr an den Motiven des Erzählers arbeiten, daran, was es bei ihm auslöst, das Haus zu sehen.

Als problematischer empfand ich das Tempo in der Binnenerzählung. Da wiederholt sich meiner Erachtens zu viel, vor allem die Blitze und das Zählen. Aber auch die Zacken der Bäume wiederholen sich, oder das Drücken an den Körper des Vaters (noch fester). Da würde ich stärker variieren. Jeder Satz soll einen neuen Gedanken ins Spiel bringen, dieses "noch mehr" und "wieder" ermüdet und macht den Text langsamer, als er sein sollte. Zur Illustration:

Wieder zuckt ein Blitz
Wieder zuckt ein Blitz, Vater beginnt wieder zu zählen.
Dann sehe ich wieder einen Blitz aufzucken.
Vater zählt wieder.
bis wieder ein schwacher Blitz über dem Wald aufscheint.

Kleinkram


Wie ein Einbrecher pirsche ich mich von hinten an das Haus heran.
Kann weg. Man pirscht sich selten via Haupteingang an ein Haus heran.
Ich habe das kleine Schild mit den schlichten Lettern eher zufällig im Fenster unseres alten Wohnzimmers entdeckt.
Streichen.
Ich arbeite mich durch die Gräser den schmalen Gang den schmalen Gang hinauf.
Streichen.
Sie ist von einer dichten Schicht von Brennnesseln überwuchert,
Das zweite "von" kann m.E. weg.
Mit Schweiß und Tränen hatten sich meine Eltern dieses Haus hergerichtet
Eher: "Unter"
Ich scanne den schmalen Hausgiebel ab und erkenne über einem Kissen im Fenster des früheren Esszimmers die Umrisse einer Gestalt.
Hier nur ein Beispiel, aber manchmal tendierst du zu etwas übergenauen Beschreibungen. Wer auch wissenschaftlich schreibt, hat da manchmal Mühe, umzustellen. Kenne ich gut.
dünne Stimme
dünnen, weißen Haaren.
dünnen Arme
Adjektiv variieren!
Am liebsten würde ich noch sagen, dass ich in diesem Haus geboren und aufgewachsen bin. Doch ich muss mich gar nicht weiter erklären
Das liest sich für mich nicht ganz stimmig. "Am liebsten" zeigt doch an, dass es innere Gründe gibt, die dazu führen, dass die Handlung nicht ausgeführt wird. "Am liebsten würde ich ihm eine reindrücken, aber ich habe Angst vor seiner Reaktion." Hier ist es ein äusserer Grund. Für mich passender: "Ich will ihr erklären, dass ich in diesem Haus geboren und aufgewachsen bin. Doch ich muss ...."
Unsere Blicke tasten sich vorsichtig ab.
Hm. Zeichne das Bild!
Ihre Augen wirken viel jünger, als es ihr weißes Haar vermuten lässt.
Finde ich an der Grenze. Ich zumindest schaue nie auf die Haare eines Menschen und stelle anschliessend Vermutungen darüber an, wie alt die Augen wirken mögen. Gemeint ist wohl so etwas wie: "Ihre Augen verweisen auf ein jüngeres Alter, als es ein Blick auf ihr weisses Haar vermuten lässt." Wäre aber furchtbar umständlich.
„Leider keine Milch mehr da“, höre ich die Frau aus der Küche. „Ich gehe kurz mal rüber in den Bürgermarkt, ja?“, fragt sie. „Lassen Sie sich Zeit“, antworte ich möglichst laut. Dann höre ich ihre Schritte auf der Treppe und die Haustür ins Schloss fallen.
Wie gesagt: Finde ich sehr seltsam. Weshalb fragt sie nicht zunächst mal, ob er den Kaffee schwarz trinkt? Ist sie ein Geist oder so?
Ich sehe die milchige Scheibe der Morgensonne und darunter die Stelle, wo früher noch eine Zwischentür angebracht war.
Streichen.
In dem ehemaligen Zwischenraum sehe ich den Haken, an dem früher unser Staubsauger hing, ein „Vorwerk Kobold“.
Streichen. Generell: Schau mal noch, wie viele "früher" du im Text hast.
Früher sah alles nur viel größer, viel weiter und erhabener aus.
Streichen.
Ich studiere den Zwischenraum und sehe plötzlich meinen Vater vor.
Da fehlt etwas.
Mit aufgestützten Armen liegt er flach ausgestreckt auf dem Boden
Was jetzt nun?
Mein Vater dreht seinen Kopf ins Zimmer hinein. „Willst du’s nicht mit anschauen?“.
Punkt weg. Und das habe ich nicht kapiert. Er liegt flach auf dem Boden und sieht nach draussen? Reichen die Fenster bis nach unten? So wie das Haus beschrieben wird, erscheint mir das wenig plausibel.
Ich höre ein dumpfes Dröhnen, das den Boden vibrieren lässt, und drücke mich näher an den Vater heran. Im Atem des Vaters rieche ich die bekannte Mischung aus Tabak und Bier.
"In seinem Atem". Allgemein könntest du an einigen Stellen das Personalpronomen verwenden, da sind sehr viele "Vater" drin.
Nach dem Besuch frage ich den Vater, wo die Menschen gewesen sind, uns die Kugeln zurückgebracht haben. „Aber das macht doch eine Maschine“, antwortet der Vater lachend
Dito. Und es fehlt ein "die"
wenn die Kugeln abgeräumt werden
Kegel

Zum Titel:

Himmel kein Gewitter gibt
Intuitiv würde ich hier Plural erwarten. Im Himmel gibt es keine Steine. Und nicht: Im Himmel gibt es keinen Stein. Aber das geht vielleicht nur mir so.

Lieber Gruss
Peeperkorn

 
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Lieber Peeperkorn,
danke Dir vielmals, Deine Manöverkritik hilft mir sehr viel weiter. Einige Deiner Kommentare findest Du bereits in der aktuellen Version.
Viele Grüße, A. Martin

 
Monster-WG
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Hallo @A. Martin,

Im Himmel gibt es keine Gewitter, da steckt einiges drin, eine Sehnsucht nach einem heilen Zustand, einem sorgenfreien Jenseits ohne Streit, vllt. auch für die Eltern, die vorangegangen sind?

Ich reibe mir die Hände, die noch kalt sind von der Autofahrt - oder von meiner Aufregung?
Hier gehört statt dem Minus ein längerer Halbgeviertstrich hin.
wie es damals mein Vater gemacht hat.
könnte weg.
Der Blick auf unsere alte Miste versetzt mir fast einen Schlag
Noch nie gehört, Misthaufen? Kompost?
Ich muss an die Geräusche denken, die ich auf der Kegelbahn gehört habe: das schwere Knarren der Eisenkugeln auf den Holzplanken; das Poltern, wenn die Kegel abgeräumt werden. Wie von Geisterhand lagen sie plötzlich wieder neben uns.
Was, die Kegel? Verwirrend, würde da etwas einfügen: "das Poltern, wenn die Kegel abgeräumt werden. Und das anschließende Rumpeln in den Innereien der Anlage. Wie von Geisterhand lag die Kugel plötzlich wieder neben uns." So was.

Im ersten Absatz beschreibst du den zufälligen Einstieg in Geschichte und Haus durch das Schild der Bausparkasse im Fenster, wobei mir nicht ganz klar wird, was macht er denn da eigentlich? Du schreibst von kalten Fingern, Autofahrt und Morgensonne und ich frage mich, fährt er da regelmäßig daran vorbei oder fährt er von weiter weg extra dahin, um sein Elternhaus anzusehen? Warum, was treibt ihn an? Die Frage nach der Intention beantwortest du nicht. Ich als Leser muss spekulieren.

Im zweiten Absatz beschreibst du schön die Erinnerungen, die mit den Beobachtungen des ist-Zustandes aufploppen. Die Bilder, die du hervorrufst, lassen mich die Wohnsituation damals sehr klar sehen, das ist gut geschrieben und bereitet den Boden für das, was du im Anschluss erzählst. Von der Gewichtung her könnte die Hauserkundung kürzer gefasst sein, oder die übrige Gegenwartserzählung breiter angelegt. Ich tendiere zu zweitem.

Im Folgenden beschwörst du Bilder des Miteinanders zwischen Vater und Sohn herauf, ich finde das sehr gelungen, du bist nah an deinen Protagonisten. Die Kegelbahn, das Zählen zwischen Blitz und Donner, die Sorge um den Onkel, das lebt alles. Dem Vater scheint der Bruder egal zu sein, solange die Kühe im Trockenen sind, der Schlenker zu den Marksteinversetzern, die Mutter, die mit ihm das Zählen übt, das ist plastisch dargestellt und auch wunderlich genug, um mich als Leser nach vorne zu ziehen.
Schön die Analogie zwischen dem Blitz, der draußen im Umkreis alles verkohlt und der Mutter, die in den Raum platzt und den Zauber des Augenblicks zerstört, indem sie vom Bügeln quatscht und das Licht anmacht. Zu dem Unwetter draußen kommt ein Gewitter zwischen den Eltern, da werden Brüche und Verwerfungen angedeutet, geballte Fäuste, beinahe eine körperliche Auseinandersetzung.
Der Ich-Erzähler legt "wie immer" die Hände auf die Ohren und schließt die Augen. Die Wirklichkeit wird ausgesperrt und eine Harmonie heraufbeschworen, die es so nicht mehr gibt, die gestorben ist wie vielleicht auch der Onkel auf dem Feld. Für den Prota gibt es keinen echten Trost, denn die diesseitige Welt ist nicht heilbar. Deshalb der Verweis auf einen jenseitigen Trost, auch für die Tante. Kinderlogik, aus einer großen inneren Not geboren.

Der Ausstieg aus der Geschichte, ich nenne es mal Auftauchen und Flucht, geht mir zu schnell.

Mein Herz stolpert, aber nicht mehr vor Erregung. Ein paar bewusste Augenblicke später sehe ich den erleuchteten Hausgiebel im Rückspiegel verschwinden.
Da wäre ich gerne noch beim Ich-Erzähler geblieben und hätte gesehen, wie es ihm heute damit geht, wie die Vergangenheit ins heute strahlt. Das Nest, wie er es nennt, hat ihn geprägt, hat seinem Leben eine Richtung mitgegeben und lässt ihn Jahre später mit einer großen Ambivalenz zurück. Er will das Haus kaufen und es wieder so herrichten, wie es einmal war und flieht am Ende doch. Er will seine Vergangenheit heilen, vermutlich damit es ihm in der Gegenwart bessergeht, denn irgendwas scheint er dort zu suchen, warum ist er sonst da? Dabei scheint er doch zu spüren, dass das nicht geht, Heilung für Haus und Seele, die Aufgabe ist zu groß, der Ballast zu schwer. Darüber erfahre ich nichts, da duckst du dich als Erzähler mMn zu früh weg.

Peace, l2f

 
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Hallo @linktofink,

danke für Dein wohltuendes Lob und für Deine einfühlsamen Kommentare.

Im Himmel gibt es keine Gewitter, da steckt einiges drin, eine Sehnsucht nach einem heilen Zustand, einem sorgenfreien Jenseits ohne Streit, vllt. auch für die Eltern, die vorangegangen sind?
Da steckt tatsächlich mehr drin, als mir selbst beim Schreiben bewusst war. Dein Kommentar zu den Eltern, die dem Protagonisten vorangegangen sind, hat mir das jedenfalls nochmal bewusst gemacht, danke dafür.
A. Martin schrieb: Der Blick auf unsere alte Miste versetzt mir fast einen Schlag
"Miste" wird tatsächlich nur im Dialekt verwendet, daher habe ich es durch "Misthaufen" ersetzt.

A. Martin schrieb: das Poltern, wenn die Kegel abgeräumt werden. Wie von Geisterhand lagen sie plötzlich wieder neben uns.
... muss natürlich heißen "die Kugeln lagen wieder neben uns".

... ich frage mich, fährt er da regelmäßig daran vorbei oder fährt er von weiter weg extra dahin, um sein Elternhaus anzusehen? Warum, was treibt ihn an? Die Frage nach der Intention beantwortest du nicht. Ich als Leser muss spekulieren.
Danke für den Hiweis: Der Prota fährt an seinem früheren Elternhaus vorbei, weil es auf dem Weg zu seinen Verwandten liegt, die er zu besuchen gedenkt (ist ergänzt).

Der Ausstieg aus der Geschichte, ich nenne es mal Auftauchen und Flucht, geht mir zu schnell. Da wäre ich gerne noch beim Ich-Erzähler geblieben und hätte gesehen, wie es ihm heute damit geht, wie die Vergangenheit ins heute strahlt. (...) Darüber erfahre ich nichts, da duckst du dich als Erzähler mMn zu früh weg.
Tut mir leid, dass ich Dich ratlos zurückgelassen habe. Da habe ich das berechtigte Informationsbedürfnis des Lesers/ der Leserin wohl außer Acht gelassen. Du vermutest richtig, dass ich mich dadurch unbewusst selbst geschützt habe. Ob ich das auflösen kann (und will)? Die Beweggründe auszuführen, warum der Protagnist vom Hauskauf absehen will, fühlt sich jedenfalls nicht gut an.

Danke für Deine wertvollen Impulse, lieber Wortkrieger!
A. Martin

 

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