Was ist neu

Im Skepsisgewitter ohne Schirm

Neues Mitglied
Beitritt
06.08.2021
Beiträge
8
Zuletzt bearbeitet:

Im Skepsisgewitter ohne Schirm

Eine Mischung aus Schweiß, Urin sowie anderen Ausscheidungen, Parfümwolken und ein Hauch von Essensgerüchen: inmitten dieses Duftgewitters sitze ich auf meinem Reisekoffer und warte. Ich warte auf den Moment, der alles verändert, der mir die Möglichkeit gibt, dem ganzen Rauschen um mich herum zu entfliehen. Den Moment, der mir Klarheit schenkt. Es ist ein bisschen, wie die Spannung, welche den Raum und die verbrauchte Luft in Schwingung versetzt, dafür sorgt, dass noch ein letztes Mal alle Konzentration aufgebracht wird; bevor man dann die Zu- oder Absage erhält. Bevor man erfährt, ob man es geschafft hat, ob das erwünschte Ziel endlich greifbar durch den Nebel näher kommt. Der eigenen bösen Vorahnung nicht nachgebend hofft man bis zu Letzt, dass der Traumpfad frei und unberührt bleibt, damit man als erstes den Ausblick am Gipfel des Berges erblicken kann.

Eine krächzende Lautsprecherdurchsage weckt mich aus meinen Tagträumen und führt mich wieder zurück in die Realität. Vor mir steht ein weiß-blauer Rucksack, aus welchem eine Wasserflasche hervorlugt. Es scheint, als würde sie mir leise zuflüstern: Trink mich! Dem Befehl Folge leistend nehme ich die rote Falsche, führe sie zum Mund und trinke ein oder zwei Schlücke, wobei das Wasser fahl und abgestanden schmeckt. Es erinnert mich an das Brunnenwasser in meiner Heimat, in welcher es schon seit jeher eine Mutprobe unter Kindern ist, so viel wie möglich zu trinken. Als ich mich dieser stellte, landete ich für eine Woche mit Durchfall und Magenkrämpfen im Bett; wobei die Reaktionen darauf eher gedämpft blieben. Es war schließlich Tradition. In einer quallvollen Nacht und mit Übelkeit im Körper beschloss ich damals, den frischen Regen aus fremden Welten und Wasser aus anderen Zeiten zu probieren. Wie ich nun merke, hat das wohl nicht wirklich geklappt.

Eine ältere Frau vor mir schaut mich kritisch durch ihre zu klein geratene Hornbrille an. Sie wirkt so normal. Freundlich eben. Ohne böse Absichten. Ihr Herz scheint am rechten Fleck zu sitzen, jedoch wohl nicht groß genug zu sein, um auch mich darin aufzunehmen, denn ihr Blick schneidet scharf in meine Haut. Genervt schüttel ich meinen Kopf. Als wollte sie eine mir selbst nicht bekannte Wahrheit heraus schneiden. Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich es auch, mein Gesicht mit der krummen Nase oder die Art wie ich sitze, der in den Leuten die Skepsis weckt. Einen inneren Urinstinkt, welcher sie vor mir warnt. Die Menschen um mich herum und ich werfen uns Blicke zu. Misstrauen gegen erzwungene Freundlichkeit.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der ich ihren Augen ausgesetzt bin, langweilt mich der Ausdruck. Mein Kopf dreht sich mühsam nach hinten und meine Augen wandern auf eine Anzeigetafel: noch eine gute halbe Stunde. Noch eine halbe Stunde Skepsisgewitter mit prasselndem Regen. Ich bin es gewohnt so nass zu werden. Egal wo ich bin, ob auf der Straße, bei Freunden oder in der Familie; immer prasseln mir die eiskalten Regentropfen voller Unverständnis entgegen. Dort zu sitzen und mich unwohl zu fühlen, das ist also nichts neues. Ich hatte noch nie irgendetwas, um mich davor zu schützen. Noch nie einen Schirm, um den Regen abzuwehren.

Als sich mein Blick wieder nach vorne wendet, entdecke ich eine junge Frau. Sie ist allerdings bestimmt ein paar Jahre älter als ich und hält in einer Hand eine zylindrische Sporttasche. Nach ein paar Minuten stellt sie die Tasche ab und beginnt darin zu graben. Ihre hellblaue Jacke zerknittert dabei ein wenig und ihre Hose berührt am Knie den verdreckten Boden. Aber das alles scheint sie nicht weiter zu stören, und in Gedanken vertieft, bemerkt sie ihr Umfeld überhaupt nicht. Ihre Haare immer wieder aus dem Gesicht wischend fährt sie einfach fort. Die Zeit um sie herum scheint beinahe still zu stehen. Mir fällt auf, dass ich sie die ganze Zeit anstarre. Eine meiner schlechten Angewohnheiten. Mich hastig abwendend, versuche ich möglichst unauffällig zu wirken, wobei mir das wie ein Ding der Unmöglichkeit erscheint.

Etwas später, wahrscheinlich nur einige Sekunden, riskiere ich es erneut. Sie hockt vor ihrer Tasche und greift nach einer Trinkflasche. Diese hatte ihr wahrscheinlich auch zugerufen: Trink mich! Das Gefäß glänzt im Sonnenlicht blau und als das selbe geöffnet wird, prickelt die Luft. Die entweichende Kohlensäure versetzt jedes Molekül in der Nähe in Schwingung. Jene, die von ihr getroffen werden, erwachen in neugeborener Frische. Jedoch sitze ich zu weit entfernt, um auch nur einen Hauch des Erlebnisses zu spüren. Als die Frau aus der Flasche trinkt, fließt ein kleines Rinnsal aus ihrem Mund und tropft auf den Boden, wobei an gleicher Stelle sofort eine Blume erblüht. Ein Windröschen. Leichte Regentropfen fallen auf das Glasdach über uns und schirmen die kleine Blume ab, und so ist es ein Segen, dass sie vom herab fallenden Trinkwasser genährt wird. Mit jedem Tropfen erscheint sie in neuen Farben und während die Welt um uns herum im aschgrauen Beton versinkt, weist uns ihr Leuchten den Weg in die Freiheit.

Meine Gedanken schweifen durch den Raum und darüber hinaus, verbinden sich mit grellen und warmen Farben und vermischen sich mit dem Wasser des Meeres und dem Öl der Bäume. Ein prachtvolles Bild entsteht vor meinem inneren Auge, bei welchem sogar ein Gemälde von Monet eher wie ein nebelverhangener Gebirgshang wirkt; bis ich schließlich an einem Paar irritierter Augen hängen bleibe. Wie vom Blitz getroffen erstarre ich und komme schreckhaft der Realität wieder ein kleines Stückchen näher.

Hektisch wischt die Frau sich das Wasser vom Kinn und starrt mich an. Dabei macht sie einen kleinen Schritt nach vorne und zertritt das Windröschen. Zurück ins nichts. Es soll keiner sehen. Sie schaut mich verwirrt und leicht beschämt an, doch wenigstens nicht kritisierend. Hektisch wende ich mich ab, wobei sich meine Mundwinkel leicht nach oben bewegen und ich ein Grinsen nicht unterdrücken kann. Es ist nicht boshaft gemeint. Jedoch weiß ich nicht, ob das irgendwer verstehen würde. Ich freue mich einfach, etwas wahrgenommen zu haben, das anderen entgangen ist; einen kleinen ganz besonderen Moment eingefangen zu haben, welcher mich und diese Frau verbindet. Doch sie blickt verwirrt weg und ich brauche keine Gedanken lesen zu können, um zu erkennen, dass in ihrem Geist eine verfaulte Ranke gewurzelt hat, die sich nur noch weiter ausbreiten wird, je länger ich hier in ihrer Nähe sitze. Ich würde all das Prickeln verderben und sie nur mit in das Unwetter ziehen.

Um weiteren unangenehmen Blickwechseln aus dem Weg zugehen, erhebe ich mich, schnappe mir meinen Rucksack und fliehe. Schnurrstracks an ihr vorbei. Ich traue mich nicht, sie nochmals anzuschauen. In ausreichender Entfernung bleibe ich stehen, setze mich erneut auf meinen Reisekoffer und warte weiter; warte ohne Sinn und Verstand auf einen anderen Moment.​




Ein Zug fährt langsam in den Hamburger Hauptbahnhof ein, während sich an Gleis 14 ein junger Mann aufrafft und einsteigt; stark darauf bedacht, sich nicht umzusehen. Nur ein paar Meter entfernt, jedoch durch die Menschenmassen abgeschottet, betritt eine junge Frau einen gegenüberliegenden Zug. Dabei fällt ihr ein Regenschirm aus der Sporttasche und landet zwischen Gleis und Schienen im Abgrund. Der Junge fährt zurück in seine Heimat. Zu dem fahl schmeckenden Brunnenwasser, den abgestandenen Träumen und dem Regen, welcher nur noch mehr Einwände und Bedenken bringt; während man das Reiseziel der jungen Frau auf der Anzeigetafel nicht lesen kann. Denn am Hamburger Bahnhof zieht langsam ein undurchdringlicher Nebel auf, der alles und jede und jeden verschluckt.​

 
Neues Mitglied
Beitritt
09.12.2019
Beiträge
825
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Lukas Nue ,

das Innenleben des Protagonisten, während er (oder sie?) am Bahnhof wartet.

Alles sehr detaillreich beschrieben: Woran denkt der Protagonist, wie nimmt er die anderen Menschen wahr. Was sind seine und ihre Ziele. Am Ende verschwindet alles im Nebel, wenn die Menschen sich wieder voneinander entfernen. Wie so oft, ohne sich kennengelernt zu haben, noch nicht mal oberflächlich. Die meisten versinken in ihren eigenen Gedanken und Eindrücken, bleiben für sich.

Die Sätze wirken sehr überlegt, ich habe deine Geschichte gerne gelesen! Auch durch Sätze wie diesen:

"Ich freue mich einfach, etwas wahrgenommen zu haben, das anderen entgangen ist; einen kleinen ganz besonderen Moment eingefangen zu haben, welcher mich und diese Frau verbindet."

Einen Nebensatzbeginn mit "welche/welcher" würde ich eher vermeiden, aber auch das wird Geschmackssache sein.

Interessanter Text, auch schon durch den Titel, da bin ich gespannt auf weiteres von dir!

Viele Grüße,
Rob

 
Monster-WG
Seniors
Beitritt
10.09.2014
Beiträge
1.829
Zuletzt bearbeitet:

Hola @Lukas Nue,

zufällig las ich Deinen Komm an loom. Unverkennbar verstehst Du etwas von der Materie, auch Deine Art zu kritisieren fand ich sympathisch.

Was lag näher, als auch Deine KG zu lesen – tja, und da hab ich gestaunt. Bevor ich jedoch meinen Leseeindruck schildere, wüsste ich gern, ob Du weiterhin im Forum verweilst (wegen des unbeantworteten Komms von Rob F).

Solltest Du enttäuscht sein über nur eine Zuschrift statt stehender Ovationen, dann lass Dir gesagt sein, dass die meisten – mich eingeschlossen – ähnliches erlebt haben. Stelle einen zweiten Text ein und, wichtig!, kommentiere andere Texte. Lukas Nue muss von sich reden machen. Keep on going!

Schöne Grüße!
José

 
Neues Mitglied
Beitritt
06.08.2021
Beiträge
8

Hallo @Rob F

erst einmal vielen Dank für deinen Kommentar. Es freut mich, wenn meine Geschichte dir gefallen hat und du Interesse daran hattest.

Meistens schreibe ich Sätze oder ganze Abschnitte zwei-/dreimal neu und verändert auf, bis sie mir gefallen und das ausdrücken, was ich dem/der Leser*in vermitteln will. Das Problem mit dem Nebensatzbeginn mit "welche/r/s" verstehe ich vollkommen. Das bringt einen manchmal aus dem Lesefluss, nur finde ich es irgendwann langweilig, wenn man alle Relativsätze mit "der/die/das" einleitet. Bei der nächsten Geschichte werde ich das aber bedenken.

Vielen Dank und viele Grüße

 
Neues Mitglied
Beitritt
06.08.2021
Beiträge
8

Hallo @josefelipe

vorweg möchte ich mich bei dir für den Kommentar und die Motivationsrede bedanken.

Ich habe auf jeden Fall vor, in diesem Forum zu verweilen, da ich die Idee wundervoll finde und es sehr erfrischend ist, wenn man uneingeschränkte und konstruktive Kritik bekommt, wie man sie sonst nur sehr selten findet. Das Problem ist einfach, dass ich nicht immer Zeit habe, mich hiermit zu beschäftigen. Es gibt Perioden, da habe ich mehr Zeit und manchmal eher weniger, was allerdings nicht heißt, dass ich das Ganze hier nicht wertschätzen würde.

Was die eher mäßige Aufmerksamkeit angeht, hatte ich mir schon gedacht, dass ich nicht innerhalb einer Woche und mit nur einer veröffentlichten Kurzgeschichte den mega Boom an Kommentaren bekomme. Deshalb freue ich mich aber umso mehr über deinen Kommentar. Ich versuche in nächster Zeit mehr bei anderen zu kommentieren und weitere Geschichten zu veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen.

 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Anfang Bottom